Weltschaninoff schlief sehr fest und erwachte erst gegen halb zehn; er richtete sich sogleich auf, blieb aber auf dem Bett sitzen – seine Gedanken fingen an, sich mit dem Tode „jener Frau“ zu beschäftigen.
Der erschütternde Eindruck, den die plötzliche Nachricht von diesem Todesfall im ersten Augenblick auf ihn gemacht, hatte in ihm eine gewisse Gedankenverwirrung und sogar einen unbestimmten Schmerz zurückgelassen. Diese Verwirrung und dieser Schmerz waren anfangs durch Pawel Pawlowitschs Gegenwart von einem anderen seltsamen Gedanken in den Hintergrund gedrängt und gleichsam betäubt worden; jetzt aber, nach dem Erwachen, sah er plötzlich alles, was damals vor neun Jahren gewesen war, von neuem mit erstaunlicher Klarheit vor sich.
Jene Frau, die verstorbene Natalja Wassiljewna, die Gattin dieses Trussozkij, hatte er einst leidenschaftlich geliebt; er war damals ihr Liebhaber gewesen, als er sich in einer Vermögensangelegenheit (gleichfalls ein Prozeß wegen einer Erbschaft) ein ganzes Jahr in T. aufgehalten, obschon die Sache keineswegs seine persönliche Anwesenheit erforderte. Die wirkliche Ursache seines so langen Verweilens in dieser Stadt war eben nichts anderes als jenes Verhältnis gewesen.
Diese Liebe hatte ihn förmlich zum Sklaven Natalja Wassiljewnas gemacht, und er wäre ganz zweifellos zu jeder Torheit, sogar zu fraglosen Dummheiten bereit gewesen, wenn eine Laune dieser Frau eine solche verlangt hätte. Etwas Ähnliches hatte er weder vorher noch nachher erlebt. Als gegen Ende des Jahres die Trennung aus gewissen Gründen notwendig wurde, da wurde auch Weltschaninoffs Verzweiflung – obwohl er nur auf kurze Zeit von ihr scheiden sollte – so groß, daß er Natalja Wassiljewna im Ernst den Vorschlag machte, sie zu entführen, sie ihrem Manne einfach zu rauben, und ins Ausland zu ziehen, um dort ungestört bis an ihr Lebensende sich gegenseitig treu bleiben zu können. Nur der beißende Spott und die unbeugsame Hartnäckigkeit Natalja Wassiljewnas – die übrigens diesem Projekt anfangs durchaus Beifall gezollt hatte, wenn auch wahrscheinlich nur aus Langeweile und zur Belustigung – hatten ihn zu guter Letzt doch noch von dem Plane abbringen und dazu bewegen können, allein die Stadt zu verlassen.
Und was geschah? Noch waren keine zwei Monate nach seiner Abreise vergangen, als er sich schon die Frage vorlegte, die für ihn ewig unbeantwortet bleiben sollte: ob er denn diese Frau auch wirklich geliebt hatte oder ob alles nur ein „Sinnenrausch“ gewesen war? Die Frage brauchte man dabei durchaus nicht leichtsinnigem Vergessen oder einer beginnenden neuen Liebe zuschreiben! Im Gegenteil: in diesen zwei Monaten war er eigentlich gar nicht er selbst gewesen, und wenn er auch in Petersburg sogleich wieder mit offenen Armen in seinem Bekanntenkreise aufgenommen worden und mit Hunderten von Frauen zusammengekommen war, so hatte er sich doch in keine verliebt, kaum eine von ihnen wirklich bemerkt. Übrigens wußte er selbst ganz genau, daß er nur nach T. zurückzukehren gebraucht hätte, um dem knechtenden Zauber dieser Frau trotz aller zweifelnden Fragen sofort von neuem zu unterliegen. Sogar nach fünf Jahren noch war er derselben Meinung; ein Unterschied bestand nur darin, daß er es sich dann bereits mit dem größten Unmut selbst eingestand und an „dieses Frauenzimmer“ nur noch mit Haß zurückdachte. Er schämte sich jenes Jahres in T., er glaubte nicht einmal begreifen zu können, wie eine so „alberne“ Leidenschaft für ihn, Weltschaninoff, überhaupt möglich gewesen war! Alle Erinnerungen an diese Leidenschaft waren für ihn zu einer „wahren Schmach“ geworden, und beim Gedanken an sie errötete er heiß und quälte sich mit Vorwürfen. Freilich, im Verlauf noch einiger weiterer Jahre beruhigte er sich einigermaßen: er gab sich Mühe, alles Vergangene zu vergessen, und es gelang ihm das auch zum Teil. Und nun nach neun Jahren sollte auf einmal die ganze Vergangenheit wieder auferstehen! Die Nachricht vom Tode Natalja Wassiljewnas hatte alles, was bereits tot und vergessen geglaubt war, wieder von neuem belebt!
Während er so auf seinem Lager saß und die Erinnerungen sich nach eigener Willkür durch seine Gedanken drängten, fühlte und erkannte er bewußt nur das eine: daß ihn ihr Tod, trotz des ersten erschütternden Eindrucks, den diese Nachricht auf ihn gemacht, im Grunde doch ganz ruhig, fast gleichgültig ließ.
„Sollte es mir wirklich nicht einmal leid um sie sein?“ fragte er sich.
Er empfand jetzt weder Haß noch Liebe für sie, und so konnte er vorurteilsloser und gerechter über sie urteilen. Seiner Meinung nach – und dieser Meinung glaubte er nach neunjähriger Trennung „schon von jeher“ gewesen zu sein – gehörte Natalja Wassiljewna zu den allergewöhnlichsten „Provinzdamen“ der „guten“ kleinstädtischen Gesellschaft. Nur wurde er dann doch wieder bedenklich und fragte sich: „Hol’s der Teufel, vielleicht war sie auch wirklich nichts anderes, und nur meine Phantasie hat aus ihr weiß Gott was geschaffen?!“ Eigentlich hatte er ja immer schon vermutet, daß jene Meinung vielleicht doch auf einem kleinen Irrtum beruhte, und diese Empfindung glaubte er auch jetzt zu haben. Überdies widersprachen dem auch die ihm bekannten Tatsachen. Bagontoff zum Beispiel! Dieser Bagontoff war nämlich gleichfalls ihr Liebhaber gewesen, und zwar ganze fünf Jahre lang, und hatte sich offenbar ebenso „im Zauberbann“ befunden wie Weltschaninoff. Bagontoff war Petersburger, gehörte zur besten Gesellschaft, und da er „einer der leersten Tröpfe“ war – das war das Urteil Weltschaninoffs über ihn – so hätte er folglich nur in Petersburg Karriere machen können. Er aber hatte Petersburg geopfert, d. h. auf seinen größten Vorteil verzichtet, und ganze fünf Jahre in T. gesessen, also fünf Jahre einfach verloren, und das einzig um dieser Frau willen! Wer wußte es: vielleicht war auch er nur deshalb nach Petersburg zurückgekehrt, weil sie auch ihn „wie einen alten abgetragenen Pantoffel fortgeworfen“ hatte. So mußte denn doch etwas Besonderes in ihr gesteckt haben – zum mindesten die Gabe, Männer anzuziehen, zu unterjochen und zu beherrschen!
Zwar hatte sie, sollte man meinen, eigentlich nicht einmal die Mittel, um einen Mann zu fesseln oder auch nur anzuziehen: „Sie war ja nicht einmal hübsch, vielleicht sogar eher häßlich!“ Zudem war sie, als Weltschaninoff sie kennen gelernt hatte, bereits achtundzwanzig Jahre alt gewesen. Ihr Gesicht konnte sich bisweilen allerdings angenehm und eigentümlich beleben, aber ihre Augen entbehrten selbst dann eines sympathischen Ausdrucks: es lag immer eine ganz überflüssige Härte in ihrem Blick. Sie war sehr mager. Mit ihrer geistigen Bildung aber war es ziemlich schwach bestellt, nur Verstand besaß sie ganz fraglos, und sogar einen sehr scharfen, durchdringenden, wenn auch leider einen ganz einseitig entwickelten Verstand. Ihre Manieren waren die einer „Provinzdame“, die zur besten Gesellschaft ihrer Stadt gehört. In der Tat besaß sie viel Takt. Sie hatte auch guten Geschmack, doch äußerte sich dieser fast nur in ihrem Verständnis, sich zu kleiden. Von ihren Charaktereigenschaften fielen namentlich ihre Entschlossenheit und ihre Herrschsucht auf – eine halbe Versöhnung mit ihr war ganz unmöglich: „entweder alles oder nichts“ – auf Kompromisse hätte sie sich nie eingelassen. In schwierigen Angelegenheiten bewies sie geradezu erstaunliche Festigkeit und Hartnäckigkeit. Sie konnte auch großmütig sein, war aber dann gleichzeitig fast immer maßlos ungerecht. Ein Streit mit dieser Dame war einfach hoffnungslos: in solchen Fällen hatten Beweise à la zwei mal zwei ist vier nicht die geringste Bedeutung für sie. Niemals hätte sie sich ihr Unrecht eingestanden oder sich in irgendeiner Beziehung für schuldig erklärt. Ihre fortwährenden unzähligen Treubrüche beunruhigten ihr Gewissen nicht im geringsten. Sie glaubte, ähnlich wie die Gottesmutter unserer Geißlersekte, mit der Weltschaninoff sie in Gedanken verglich, daß alles, was sie tat, das einzig Richtige sei und genau so geschehen müsse. Ihrem Liebhaber war sie treu, jedoch nur so lange bis – sie seiner überdrüssig wurde. Sie liebte es, ihn zu quälen, doch liebte sie es ebenso, ihn zu belohnen. Sie war leidenschaftlich, grausam und sinnlich. Sie haßte die Ausschweifung, verurteilte sie mit unglaublicher Strenge und – war selbst ausschweifend. Doch nichts in der Welt hätte sie davon wirklich zu überzeugen vermocht, daß sie ausschweifend war.
„Ihre Naivität sich selbst gegenüber, ihre Unwissenheit in diesen Beziehungen ist sicher echt,“ hatte Weltschaninoff schon damals in T. von ihr gedacht (während er, nebenbei bemerkt, an ihrer Ausschweifung nur allzu schuldig war). „Sie ist eine von jenen Frauen,“ sagte er sich, „die gleichsam nur dazu geboren werden, um untreue Frauen zu sein. Niemals werden sie sich als Mädchen verführen lassen: ihrem Naturgesetz gemäß müssen sie vorher unbedingt geheiratet haben. Ihr Gatte ist dann ihr erster Liebhaber, aber bedingungslos erst nach der Trauung. Und kein Mädchen findet so leicht und schnell einen Mann wie gerade dieser Typ. Daß es zum ersten Liebhaber kommt – daran ist in der Regel der Gatte selbst schuld. Und alles, was diese Frauen dann vollführen, geschieht in der aufrichtigen Überzeugung, daß sie nicht das geringste Unrecht begehen, daß sie ein solches weder ihrem Gatten noch sonst jemandem zufügen: sie halten sich für durchaus anständig und ehrenwert und natürlich für vollkommen unschuldig.“
Weltschaninoff war überzeugt, daß es tatsächlich einen solchen Frauentyp gebe, war aber auch nicht minder überzeugt, daß es demselben entsprechende Männer gab, deren einzige Bestimmung nur darin bestand, das richtige Gegenstück zu diesen Frauen zu sein. Das Wesen dieser Männer bestand seiner Ansicht nach darin, daß sie ihr Leben lang nichts als Gatte, Gatte und immer nur Gatte waren, nur Gatten, ewige Gatten, und nichts weiter.
„Ein solcher Mensch wird geboren und wächst heran, um dann zu heiraten, und, sobald er geheiratet hat, zu einem Ergänzungsstück seiner Frau zu werden – auch dann, wenn er sogar einen eigenen und sehr ausgesprochenen Charakter besitzt. Die Haupteigenschaft dieses Gatten, oder ihr sicherstes Merkmal, wie man will, ist – die bewußte Kopfzier. Den Hörnern entgehen: das könnte er ebensowenig, wie der Mond seine Phasen verändern könnte; doch er selbst wird nicht nur nichts davon wissen, sondern das Wissen ist einfach, wie nach einem Naturgesetz, für ihn von vornherein ausgeschlossen.“ Von der Existenz dieser beiden Typen war Weltschaninoff fest überzeugt, und der vollendete Repräsentant des einen derselben war für ihn – Pawel Pawlowitsch Trussozkij. Freilich nicht dieser Pawel Pawlowitsch, der um drei Uhr nachts hier bei ihm gesessen hatte, denn das war ein ganz anderer, als der, mit dem er in T. bekannt gewesen war. Weltschaninoff fand, daß er sich ganz unglaublich verändert hatte, doch war das schließlich nur natürlich, ja anders hätte es wohl überhaupt nicht sein können: Herr Trussozkij konnte das, was er gewesen war, nur bei Lebzeiten seiner Frau sein, jetzt aber war er gewissermaßen nur ein Teil eines Ganzen, dem man plötzlich eine völlig ungewohnte, ihm gar nicht zustehende Freiheit gegeben hatte, weshalb er denn so als „Bruchstück“ ganz eigentümlich und absonderlich wirkte, fast wie etwas noch nie Dagewesenes.
Was aber jenen früheren Pawel Pawlowitsch betraf, den Weltschaninoff in T. gekannt hatte, so entsann er sich seiner noch sehr gut:
„Natürlich war er in T. nichts als der Gatte seiner Frau!“ Wenn er außerdem zum Beispiel noch Beamter war, so war er es doch nur deshalb, weil auch der Dienst sozusagen zu seinen Gattenpflichten gehörte: er arbeitete nur für seine Frau und ihre gesellschaftliche Stellung in T., und wenn er auch von sich aus ein äußerst eifriger Beamter sein mochte, so konnte das an der Sache doch nichts ändern. Er war damals fünfunddreißig Jahre alt und besaß ein gewisses Kapital, sogar ein ziemlich bedeutendes. Im Dienst zeichnete er sich nicht gerade durch besondere Fähigkeiten aus, dafür aber auch nicht durch besondere Unfähigkeit. Er verkehrte mit allen, die zur Gesellschaft gehörten, und stand sich selbst mit den Angesehensten im Gouvernement ganz vortrefflich. Natalja Wassiljewna wurde in T. durchaus geachtet; sie schätzte das übrigens nicht sonderlich, da sie es als Selbstverständlichkeit betrachtete. Bei den Empfängen im eigenen Hause wußte sie tadellos zu repräsentieren, und Pawel Pawlowitsch war von ihr so gut geschult, daß er sogar die höchsten Potentaten des Gouvernements taktvoll und doch ungezwungen zu empfangen verstand. Vielleicht – so schien es Weltschaninoff – besaß er sogar Verstand, doch da Natalja Wassiljewna es nicht gern sah, daß ihr Mann viel sprach, so ließ sich der Umfang seines Verstandes eben nicht genau feststellen. Vielleicht hatte er auch eine ganze Menge guter Eigenschaften, und schlechte vielleicht in derselben Anzahl. Aber den guten Eigenschaften war gleichsam ein Futteral übergezogen und die schlechten schienen fast gänzlich und schon im Keime erstickt zu sein. Weltschaninoff entsann sich z. B., daß Herr Trussozkij mitunter eine gewisse Neigung bekundet hatte, sich über den lieben Nächsten lustig zu machen, doch das wurde ihm streng verboten. Auch schien er ganz gern zu erzählen, aber auch das wurde überwacht: nur kürzere unbedeutendere Geschichtchen durfte er zum besten geben. Ja, er war sogar nicht abgeneigt, im Freundeskreise ein Gläschen über den Durst zu trinken: doch diese Neigung wurde entschieden ausgerottet. Das Bemerkenswerteste bei alledem war aber, daß niemand von ihm hätte sagen können, er sei ein Pantoffelheld. Natalja Wassiljewna schien im Gegenteil ganz die gehorsame Frau ihres Mannes zu sein, und offenbar war das sogar ihre eigene Meinung. Vielleicht war Pawel Pawlowitsch sinnlos in seine Frau verliebt; doch feststellen konnte das niemand, und wahrscheinlich war das gleichfalls auf eine Maßregel Natalja Wassiljewnas zurückzuführen. Mehr als einmal hatte sich Weltschaninoff während seines Aufenthalts in T. gefragt, ob dieser Mann nicht doch einen Verdacht gegen ihn geschöpft habe und seine Beziehungen zu ihr ahne. Mehr als einmal hatte er auch Natalja Wassiljewna sehr ernst danach gefragt, doch immer nur die eine mit einem gewissen Ärger gegebene Antwort erhalten, daß ihr Mann nichts wisse und niemals etwas erfahren könne, und daß es ihn auch „nichts angehe“, denn das sei „gar nicht seine Sache“. Übrigens noch ein charakteristischer Zug: über Pawel Pawlowitsch machte sie sich nie lustig und überhaupt fand sie nichts Lächerliches an ihm, fand ihn weder schlecht noch häßlich, ja sie wäre sogar mit aller Entschiedenheit für ihn eingetreten, wenn jemand gewagt hätte, es ihm gegenüber an der nötigen Achtung fehlen zu lassen. Da sie keine Kinder hatte, so mußte sie naturgemäß immer mehr zum Gesellschaftsmenschen werden. Doch ihr eigenes Heim trat für sie deshalb durchaus nicht in den Hintergrund. Die gesellschaftlichen Vergnügungen beherrschten sie nie ausschließlich: sie beschäftigte sich vielmehr auch sehr gern in der Wirtschaft und mit mancherlei kleinen Handarbeiten.
Pawel Pawlowitsch hatte ihn an ihre Leseabende erinnert. Ja, sie hatten viele Abende so zu dreien verbracht: Weltschaninoff und Pawel Pawlowitsch hatten abwechselnd vorgelesen – zu Weltschaninoffs Verwunderung hatte sich jener sogar als vorzüglicher Vorleser entpuppt – und Natalja Wassiljewna hatte dann gewöhnlich ihre Stickerei zur Hand genommen und ruhig gleichmütig zugehört. Man las Romane von Dickens oder irgend etwas aus russischen Zeitschriften, mitunter aber auch „etwas Ernstes“. Natalja Wassiljewna hatte für Weltschaninoffs Bildung und Belesenheit die größte Hochachtung, doch verlor sie darüber nie ein Wort, behandelte es eben wie eine Tatsache, über die weiter kein Wort zu verlieren nötig war. Im allgemeinen verhielt sie sich zu Büchern und zu jeder Gelehrsamkeit äußerst gleichmütig, wie zu etwas ganz Nebensächlichem, das ja immerhin und unter anderem auch nützlich sein mochte. Pawel Pawlowitsch dagegen konnte sich bisweilen für beides förmlich begeistern.
Weltschaninoffs Verhältnis zu dieser Frau brach ganz plötzlich ab, und zwar gerade in dem Augenblicke, als seine Leidenschaft zum größten Rausch geworden war und fast an Wahnsinn grenzte. Er wurde ganz einfach an die Luft gesetzt, ohne aber selbst auch nur zu ahnen, daß man ihn wie einen „alten abgetragenen Pantoffel“ fortwarf. Etwa anderthalb Monate vor seiner Abreise war ein blutjunger Artillerie-Offizier in T. eingetroffen, der gerade erst die Kadettenschule verlassen hatte, und bald war auch er bei Trussozkij ständiger Gast. Die Leseabende wurden zu vieren statt zu dreien fortgesetzt. Natalja Wassiljewna empfing den jungen Leutnant mit Wohlwollen, behandelte ihn aber noch ganz als Knaben. So schöpfte Weltschaninoff nicht den geringsten Verdacht, selbst dann nicht, als Natalja Wassiljewna ihm plötzlich erklärte, daß sie sich trennen müßten. Unter den hundert Gründen, die sie zum Beweise der Notwendigkeit seiner sofortigen Abreise anführte, war der Hauptgrund der, daß sie, wie sie ihm mitteilte, in anderen Umständen zu sein glaube: deshalb müsse er unbedingt und unverzüglich die Stadt auf mindestens drei bis vier Monate verlassen, damit in ihrem Manne später nicht irgendwelche Zweifel auftauchen könnten, falls einmal „doch irgendeine Verleumdung“ ihm zu Ohren kommen sollte. Das Argument war nun freilich ziemlich an den Haaren herbeigezogen und Weltschaninoff wollte anfangs natürlich nichts von einer Trennung hören; als ihm das aber nichts half, flehte er sie an, mit ihm nach Paris oder Amerika zu fliehen, bis er dann zu guter Letzt doch ganz allein nach Petersburg fuhr, allerdings „nur auf zwei Monate, höchstens auf drei!“ Nur unter dieser Bedingung war er zur Abreise zu bewegen gewesen – anderenfalls hätte er sie für keinen Preis verlassen – wenn sie auch tausend Gründe angeführt hätte! Es waren aber kaum zwei Monate vergangen, da erhielt er von Natalja Wassiljewna einen Brief mit der Bitte, nie mehr zurückzukehren, da sie bereits einen anderen liebe. Über ihren Zustand schrieb sie, daß sie sich in ihrer Annahme getäuscht habe. Diese Mitteilung war für ihn überflüssig, denn nun entsann er sich des jungen Leutnants und damit hatte er die Erklärung für alles gefunden. Die Sache war nun wirklich zu Ende. Nach mehreren Jahren hatte er dann einmal zufällig gehört, daß dieser Bagontoff sich ganze fünf Jahre in T. aufgehalten habe. Diese erstaunlich lange Dauer der Liebschaft Natalja Wassiljewnas mit dem jungen Offizier erklärte er sich unter anderen auch damit, daß sie inzwischen stark gealtert und infolgedessen anhänglicher geworden sein müsse.
Wohl eine ganze Stunde lang saß Weltschaninoff so auf seinem Bett. Endlich besann er sich und klingelte. Mawra brachte ihm den Kaffee. Er trank ihn schnell aus, kleidete sich an und begab sich gegen elf Uhr nach der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, um den Gasthof, der in ihrer nächsten Nähe liegen sollte, aufzusuchen. Was nun diesen Gasthof betraf, so hatte er sich über ihn schon besondere Gedanken gemacht, – natürlich erst jetzt, am Morgen. Übrigens war es ihm etwas peinlich, daß er Pawel Pawlowitsch in dieser Weise behandelt hatte. Das mußte er nun wohl wieder gut machen!
Die ganze eigentümliche Episode an der Tür erklärte er sich mit dem offenbar nicht nüchternen Zustande Pawel Pawlowitschs und – nun, es ließen sich wohl auch noch andere Gründe finden ... Aber genau genommen war er sich selbst nicht ganz klar darüber, weshalb er jetzt zu ihm ging und damit neue Beziehungen zu dem ehemaligen Gatten anknüpfte, nachdem doch alles so natürlich und ganz von selbst ein Ende gefunden hatte. Es zog ihn aber irgend etwas hin. Es war da irgendein Eindruck, den er während dieses nächtlichen Besuchs empfangen und den er nun nicht loswerden konnte, vielleicht ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein ... infolge dieses Eindrucks also zog es ihn hin.