Weltschaninoff fieberte fast vor Ungeduld. So sehr drängte es ihn, zu erfahren, was alles „dahintersteckte“.
„Am Morgen war ich ja zunächst wie betäubt, es kam alles viel zu überraschend für mich, ich hatte keine Zeit zum Nachdenken,“ sagte er sich, „jetzt aber muß ich sehen, wie ich mir vor allen Dingen Klarheit verschaffe.“ Und in seiner Ungeduld wollte er dem Kutscher schon befehlen, direkt zu Trussozkij zu fahren, besann sich jedoch sogleich und sagte sich vernünftigerweise: „Nein, es ist doch besser, er kommt zu mir! Ich aber werde versuchen, bis dahin noch meine verdammten Gänge zu erledigen.“
Und so tat er es denn auch: mit Hast und Eifer machte er sich daran, alles zu „erledigen“, was er an diesem Tage vorhatte. Doch fühlte er selbst, daß er sehr zerstreut war und gar nicht recht dazu ausgelegt, sich mit seinen Prozeßsachen zu befassen. Und als er sich, endlich, gegen fünf Uhr wie gewöhnlich ins Restaurant begab, um zu Mittag zu speisen, kam ihm, plötzlich und zum erstenmal, der Gedanke, daß er ja vielleicht wirklich den Verlauf seines Rechtsstreites nur aufhalte, indem er sich persönlich in die Angelegenheiten hineinmischte, Nachforschungen anstellte und seinen Rechtsanwalt nicht in Ruhe ließ, weshalb dieser sich bereits ein paarmal vor ihm hatte verleugnen lassen und ihm auch sonst schon aus dem Wege zu gehen begann. Doch statt sich über diese Beobachtung zu ärgern, lachte er nur vergnügt auf. „Wäre ich gestern darauf gekommen, so hätte es mich doch stark verdrossen!“ sagte er sich mit einem Lächeln. Im übrigen wuchs, trotz dieser scheinbar guten Laune, seine Zerstreutheit und Ungeduld mit jeder Minute. Schließlich versank er in Nachdenken. Nur kam er, obschon er wirklich nachdenken wollte, mit dem Denken nicht recht vom Fleck – es ging ihm gar zu vieles durch den Kopf.
„Ich muß mir diesen Menschen einfangen!“ sagte er sich, als er endlich so weit zur Einsicht gekommen war. „Ich muß ihm zuerst auf den Zahn fühlen und dann sehen, wie ich weiter vorgehen kann. Natürlich muß ich mich von vornherein auf ein Duell gefaßt machen!“
Gegen sieben Uhr kam er nach Haus, doch Pawel Pawlowitsch war noch nicht erschienen. Darüber war er nun höchlichst erstaunt, aber das Erstaunen verwandelte sich alsbald in Ärger, und diesem folgte mißmutige Niedergeschlagenheit. Endlich stiegen auch noch Befürchtungen auf:
„Gott weiß, Gott weiß, womit das noch enden wird!“ murmelte er vor sich hin, wie von Vorahnungen bedrückt, während er bald im Zimmer auf und ab schritt, bald sich auf dem Diwan ausstreckte und immer wieder nach der Uhr sah. Endlich, gegen neun Uhr, erschien Pawel Pawlowitsch. „Wenn dieser Mensch,“ sagte sich Weltschaninoff, „wenn dieser Mensch ein Schlaukopf wäre, so hätte er mich in keiner Weise besser zu Unvorsichtigkeiten meinerseits vorbereiten können, als durch dieses Wartenlassen – so zerstreut bin ich jetzt!“ Und plötzlich wurde er ganz munter, womit sich dann auch seine gute Laune wieder einstellte.
Auf seine scherzhaft lustige Frage, weshalb er denn so spät komme, hatte Pawel Pawlowitsch als Antwort nur ein halb höhnisches Lächeln, worauf er sich nachlässig – nicht so wie beim ersten Besuch – in einen der großen Sessel warf und seinen Hut mit dem Trauerflor auf den nächsten Stuhl schleuderte – gleichfalls mit einer gewissen verärgerten Nachlässigkeit. Weltschaninoff fiel dieses veränderte Gebaren sogleich auf und er merkte es sich.
Ruhig und ohne viel Worte zu machen, auch ohne die Erregung, in der er bei ihm am Vormittag gesprochen, erzählte Weltschaninoff, ganz als wolle er nur „Bericht erstatten“, wie er Lisa hingebracht und wie nett man sie aufgenommen hatte, wie gut ihr der Aufenthalt dort bekommen und wie sie ausleben werde. Ganz allmählich ging er dann – wie wenn er Lisa schon vergessen – auf Pogorjelzeffs über. D. h. er erzählte, was für reizende Menschen sie seien, wie lange er schon mit ihnen verkehre, was für ein guter und einflußreicher Mensch Pogorjelzeff sei usw., usw. Pawel Pawlowitsch hörte sichtlich zerstreut zu und begnügte sich damit, ihn hin und wieder mit einem Blick unter der Stirn hervor flüchtig zu streifen, während ein bestimmtes spitzbübisches Lächeln um seinen Mund spielte.
„Ein lebhafter Mensch sind Sie, das muß man sagen,“ brummte er schließlich in eigentümlichem Tone, und in seinem Lächeln lag dabei eine ganz besondere Gemeinheit.
„Sie scheinen ja heute recht boshaft zu sein,“ bemerkte Weltschaninoff ärgerlich.
„Weshalb sollte ich denn auch nicht boshaft sein, wenn alle anderen es sind?“ fragte Pawel Pawlowitsch schnell, ganz als springe er mit seiner Frage plötzlich hinter einer Ecke hervor – und als habe er nur auf diese gewartet, um aus dem Versteck hervorzuspringen.
„Ganz wie Sie wollen,“ entgegnete Weltschaninoff lächelnd. „Ich dachte schon, es sei Ihnen vielleicht was passiert.“
„Und es ist mir auch was passiert!“ versetzte jener, als wolle er damit prahlen, daß ihm etwas „passiert“ war.
„Was denn, wenn man fragen darf?“
Pawel Pawlowitsch zögerte ein wenig mit der Antwort.
„Ja, sehen Sie, unser Stepan Michailowitsch hat mir da wieder einen Streich gespielt ... Bagontoff, der eleganteste junge Mann der besten Petersburger Gesellschaft –“
„Sind Sie wieder abgewiesen worden?“
„Nein, gerade diesmal wurde ich eben nicht abgewiesen, ich wurde zum erstenmal vorgelassen und habe mir Bagontoffs Gesichtszüge ganz genau betrachten können ... freilich diesmal bereits diejenigen des Toten ...“
„Wa–as? Bagontoff ist tot?“ wunderte sich Weltschaninoff über alle Maßen, obschon, wie man meinen sollte, eigentlich kein natürlicher Grund zu einer solchen Verwunderung vorlag.
„Er und kein anderer! Unser teuerster Freund ist tot, er, der uns sechs Jahre lang treu gewesen ist! Schon gestern, fast um die Mittagszeit, ist er gestorben, und ich habe es nicht einmal gewußt! vielleicht bin ich gar zu derselben Zeit dort gewesen und habe mich nach seiner Gesundheit erkundigt! Morgen ist die Beerdigung, er liegt schon im Sarge. Der Sarg ist mit dunkelrotem Samt beschlagen, mit goldenen Quasten und Fransen. An einem Nervenfieber ist er gestorben. Ja, man ließ mich vor und ich sah ihn mir an, betrachtete die Züge, wie gesagt. Ich erklärte den Leuten, daß ich sein aufrichtiger Freund gewesen sei, deshalb ließ man mich, wie gesagt, vor. Was hat er mir da nun für einen Streich gespielt, dieser mein aufrichtiger, sechs Jahre lang treuer Freund, sagen Sie bloß! Ich bin ja doch vielleicht einzig seinetwegen hierher nach Petersburg gekommen! ...“
„Aber weshalb ärgern Sie sich denn über ihn?“ fiel ihm Weltschaninoff lachend ins Wort. „Er ist doch nicht absichtlich gestorben!“
„Ja aber – ich rede doch auch nur mit Bedauern! Er war doch mein teuerster Freund! – er hat doch das für mich bedeutet:“
Und Pawel Pawlowitsch hob plötzlich und ganz unvermutet beide Fäuste mit emporstehenden Zeigefingern an seine Schläfen, so daß die Finger wie Hörner über seinem kahlen Schädel standen, und dazu kicherte er leise und anhaltend. Und so, mit den Hörnern am Kopf und widerlich lachend, saß er wohl eine halbe Minute lang und blickte mit der boshaftesten, tückischsten Frechheit im Blick unbeweglich Weltschaninoff in die Augen. Dieser erstarrte förmlich, als sehe er ein Gespenst. Doch seine Starrheit dauerte nur einen Moment: im nächsten Augenblick erschien bereits ein spöttisches und geradezu beleidigend ruhiges Lächeln langsam, beleidigend langsam auf seinen Lippen.
„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte er nachlässig und in etwas gedehntem Tone.
„Das hat Hörner zu bedeuten!“ versetzte Pawel Pawlowitsch kurz und entfernte zugleich wieder die Hände von der Stirn.
„Das heißt ... Ihre Hörner?“
„Jawohl, meine eigenen, wohlerworbenen!“ Und Pawel Pawlowitsch verzog sein Gesicht zu einer halben Grimasse, die unglaublich gemein aussah.
Beide schwiegen.
„Sie sind ein mutiger Mensch!“ bemerkte endlich Weltschaninoff.
„Weil ich Ihnen meine Hörner gezeigt habe? Wissen Sie was, Alexei Iwanowitsch, es wäre besser, Sie bewirteten mich mit irgend etwas! Habe ich Sie doch in T. ein ganzes Jahr lang bewirtet, jeden Herrgottstag ... Schicken Sie mal nach einer Flasche, meine Kehle ist wie ausgetrocknet.“
„Mit Vergnügen. Sie hätten es sogleich sagen sollen. – Was wünschen Sie?“
„Was ‚Sie‘! Sagen Sie doch ‚wir‘! Wir werden doch zusammen trinken, oder etwa nicht?“ rief Pawel Pawlowitsch herausfordernd, während er zugleich doch mit einer gewissen und ganz eigentümlichen Unruhe dem anderen in die Augen sah.
„Champagner?“
„Was denn sonst? Beim Branntwein sind wir noch nicht angelangt ...“
Weltschaninoff erhob sich, ohne sich zu beeilen, klingelte und gab der Mawra, seiner zeitweiligen Aufwärterin, einige Anweisungen.
„Trinken wir zur Feier unseres frohen Wiedersehens nach neunjähriger Trennung!“ grinste ganz überflüssigerweise Pawel Pawlowitsch – der vermeintliche Scherz mißglückte ihm aber sehr. „Jetzt sind Sie, nur Sie allein mir noch als aufrichtiger Freund verblieben! Einen Stepan Michailowitsch Bagontoff gibt’s nicht mehr! Das ist ja, wie der Dichter sagt:
Patroklos, der große, ist tot.
Statt seiner lebt nur noch Thersites,
Der mehr als verächtliche ...“
Bei dem Namen Thersites stieß er sich mit dem Finger vor die eigene Brust.
„Wenn das Schwein sich doch schneller aussprechen würde, diese Anspielungen sind mir in den Tod verhaßt!“ dachte Weltschaninoff bei sich. Der Ärger kochte in ihm und schon lange konnte er sich nur noch mit Mühe beherrschen.
„Ich verstehe Sie nicht,“ begann er ärgerlich, „wenn Sie Stepan Michailowitsch (er nannte ihn jetzt nicht mehr einfach Bagontoff!) so überzeugtermaßen beschuldigen, so kann es Ihnen, dächte ich, nur zur Freude gereichen, daß Ihr Beleidiger gestorben ist. Weshalb also ärgern Sie sich noch?“
„Wieso zur Freude? Zu welch einer Freude denn?“
„Ich urteile nach Ihren Gefühlen.“
„Hehe, dann täuschen Sie sich sehr. Was meine Gefühle betrifft, so kann ich mit den Worten eines Weisen sagen: ‚Ein toter Feind ist gut, aber ein lebender ist besser!‘ Hehe!“
„Ja aber Sie haben doch den lebenden fünf Jahre lang jeden Tag zu betrachten Gelegenheit gehabt, – also Zeit genug, denke ich, um sich an ihm sattzusehen,“ bemerkte Weltschaninoff boshaft und unverschämt.
„Ja habe ich denn ... habe ich denn damals was gewußt?“ fuhr Pawel Pawlowitsch plötzlich auf, und es war wieder ganz so, als springe er plötzlich hinter einer Ecke hervor, sogar mit einer gewissen Freude darüber, daß man endlich die Frage gestellt, die er lange erwartet hatte. „Für wen halten Sie mich denn, Alexei Iwanowitsch?“
Und in seinem Blick blitzte plötzlich ein ganz neuer, noch nie gesehener Ausdruck auf, der sein bis dahin nur boshaftes und zu gemeinen Grimassen sich verzerrendes Gesicht gleichsam vollständig umgestaltete.
„Ja, haben Sie denn wirklich nichts gewußt!“ entfuhr es Weltschaninoff mit der größten und unverfälschtesten Bestürztheit.
„Wie, glauben Sie denn, ich hätte es gewußt? Wirklich gewußt?! O, ihr – unsere Vertreter Jupiters! Ihr stellt ja einen Menschen nicht höher als einen Hund und beurteilt jeden anderen nur nach der eigenen erbärmlichen Natur. Da haben Sie’s! Schlucken Sie es nur, das Kompliment!“ Und jähzornig schlug er mit der Faust auf den Tisch, erschrak aber im Moment selbst über seinen Faustschlag – und aus seinem Blick sprach sofort wieder Ängstlichkeit.
Weltschaninoff nahm eine strammere Haltung an.
„Hören Sie, Pawel Pawlowitsch, es kann mir doch entschieden ganz gleichgültig sein, das werden Sie mir wohl zugeben, ob Sie da was gewußt haben oder nicht. Wenn Sie nichts gewußt haben, so gereicht Ihnen das jedenfalls mehr zur Ehre, obschon ... übrigens, ich verstehe nicht, weshalb Sie gerade mich zu Ihrem Beichtvater erwählt haben? ...“
„Ich rede nicht von Ihnen ... ärgern Sie sich nicht ... nicht von Ihnen ...“ lenkte Pawel Pawlowitsch, den Blick zu Boden gesenkt, wieder ein.
Mawra erschien mit dem Champagner.
„Ah, da kommt die Flasche!“ rief Pawel Pawlowitsch, sichtlich erfreut über die Unterbrechung gerade im richtigen Augenblick. „Und die Gläser, Matuschka, die Gläser! Großartig! Weiter werden wir von Ihnen nichts verlangen, liebes Wesen. Und auch schon entkorkt? Sie sind ja eine Perle, liebes Kind! Nun, schon gut, Sie können gehen!“
Und mit neuem Mut blickte er Weltschaninoff wieder frech in die Augen.
„Aber gestehen Sie doch nur, hehe,“ begann er plötzlich, „daß Sie für alles das kolossales Interesse übrig haben und es Ihnen durchaus nicht so ‚entschieden ganz gleichgültig‘ ist, wie Sie sich soeben zu äußern beliebten, sondern daß Sie sogar aufrichtig betrübt wären, wenn ich im Augenblick aufstände und fortginge, ohne Ihnen was zu erklären!“
„Versichere Sie, es fiele mir nicht ein, betrübt zu sein.“
„Ei, wie du lügst!“ schien das Lächeln Pawel Pawlowitschs zu sagen.
„Nun, denn – trinken wir!“ Und er schenkte den Champagner ein. „Lassen Sie uns einen Toast ausbringen: trinken wir auf das Wohl des in Gott entschlafenen Freundes Stepan Michailowitsch!“
Er hob den Kelch und leerte ihn auf einen Zug.
„Auf ein solches Wohl werde ich nicht trinken.“ Weltschaninoff stellte sein Glas wieder hin.
„Warum denn nicht? Es ist doch ein nettes Toastchen.“
„Sagen Sie: als Sie hierher kamen, waren Sie da noch nicht betrunken?“
„Ich hatte ein wenig getrunken. Was ist denn?“
„Nichts Besonderes. Es schien mir nur, daß Sie gestern und namentlich heute morgen um die verstorbene Natalja Wassiljewna aufrichtig trauerten.“
„Aber wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich nicht auch jetzt aufrichtig um sie trauere?“ fuhr sogleich wieder Pawel Pawlowitsch auf, ganz als habe er innerlich eine Sprungfeder, an der ihn jemand gezupft habe.
„Das wollte ich damit nicht gesagt haben ... Aber Sie werden doch zugeben, daß Sie in bezug auf Stepan Michailowitsch in einem Irrtum befangen sein können, das aber – will viel besagen.“
„Wie gern Sie doch selbst erfahren würden, wie ich hinter das Geheimnis Stepan Michailowitschs gekommen bin!“
Weltschaninoff wurde rot.
„Ich wiederhole Ihnen, daß es mir entschieden ganz gleichgültig ist.“
„Oder sollte ich ihn nicht sogleich vor die Tür setzen, ihn einfach hinauswerfen samt seiner Flasche?“ fuhr es ihm durch den Kopf und er errötete noch mehr.
„Tut nichts!“ sagte da, wie um ihn zu ermuntern, Pawel Pawlowitsch und schenkte sich wieder ein.
„Ich werde Ihnen sogleich erklären, wie ich ‚alles‘ erfahren habe, und damit Ihren glühenden Wunsch erfüllen ... denn Sie sind wirklich ein glühender Mensch, Alexei Iwanowitsch, ein furchtbar heißblütiger Mensch! Hehe! Geben Sie mir nur ein Zigarettchen, denn seit dem März ...“
„Hier sind Zigaretten.“
„Ich bin nämlich ganz auf Abwege geraten seit dem März, Alexei Iwanowitsch, und das ist, wie gesagt, eine sehr eigentümliche Krankheit. In der Regel stirbt der Kranke, ohne es vorher auch nur zu ahnen, daß es mit ihm zu Ende geht. Ich sagte Ihnen ja: noch fünf Stunden vor dem Tode erklärte die selige Natalja Wassiljewna, daß sie in zwei Wochen zu ihrer Tante fahren werde, deren Gut vierzig Werst von der Stadt entfernt liegt. Außerdem wird Ihnen wohl nicht unbekannt sein, daß viele Damen, vielleicht aber auch Herren, die Angewohnheit oder die Manie haben, allen möglichen alten Plunder von ihrer Liebeskorrespondenz aufzubewahren ... Am vernünftigsten wäre es doch, so etwas in den Ofen zu werfen, nicht wahr? Aber nein, jedes Papierfetzchen wird von ihnen in Kästchen und Schiebfächern aufbewahrt, ja oft sind sie sogar numeriert nach Jahr und Datum und nach den Absendern sortiert. Wozu das alles, ob es ihnen nun einen Trost gewährt oder was sonst – das weiß ich nicht; aber wahrscheinlich, na, so zur angenehmen Erinnerung. Da nun Natalja Wassiljewna noch fünf Stunden, wie gesagt, vor ihrem Ende die Tante zu besuchen beabsichtigte, dachte sie natürlich nicht an den Tod, nicht einmal in der letzten Stunde, und erwartete immer noch mit Ungeduld den Doktor Koch. So kam es denn, daß sie starb, ihre kleine Schatulle aber – ein Kästchen aus Ebenholz mit kunstvoller Einlegearbeit in Perlmutter und Silber – die blieb in ihrem Schreibtisch. So’n nettes kleines Kästchen mit einem Schlüsselchen davor, ein Familienerbstück, von der Großmutter hatte sie es. Nun, und aus diesem Kästchen kamen dann all die Geheimnisse an den Tag, das heißt nämlich – alles, ohne jede Ausnahme, Tag für Tag und Jahr für Jahr, während des ganzen zwanzigjährigen Ehelebens. Da aber Stepan Michailowitsch eine ausgesprochene Neigung zur Literatur besessen, einmal sogar eine Novelle von höchst leidenschaftlichem Kolorit an eine Zeitschrift gesandt hat, nun, so ist es erklärlich, wenn ich sage, daß die Zahl seiner Schriftstücke in der Schatulle nahe an Hundert reichte – allerdings hatte er sie im Laufe von ganzen fünf Jahren geschrieben. Einige Nummern waren noch mit eigenhändigen Randbemerkungen von Natalja Wassiljewna versehen. Eine angenehme Entdeckung das, für den Gatten, was meinen Sie?“
Weltschaninoff überlegte im Augenblick und erinnerte sich genau, daß er niemals weder einen Brief noch einen Zettel heimlich an Natalja Wassiljewna geschrieben hatte. Aus Petersburg freilich hatte er zwei Briefe geschrieben, doch waren die an sie beide gerichtet gewesen, wie es vorher zwischen ihm und ihr verabredet worden war. Auf den letzten Brief Natalja Wassiljewnas, in dem sie ihm den Abschied erteilte, hatte er überhaupt nichts mehr geantwortet.
Als Pawel Pawlowitsch seine Erzählung beendet hatte, schwieg er eine ganze Weile und beobachtete den anderen nur mit einem aufdringlichen, spöttisch provozierenden Lächeln.
„Warum antworten Sie mir denn nichts auf meine kleine Frage?“ sagte er endlich.
„Auf welch eine kleine Frage?“
„Nun doch: bezüglich der angenehmen Gefühle des Gatten, der die Schatulle öffnet.“
„Oh, was geht das mich an!“ Weltschaninoff machte erbost eine gereizte Handbewegung, stand auf und begann im Zimmer hin- und herzugehen.
„Ich könnte wetten, daß Sie jetzt denken: ‚Bist doch ein Schwein, wenn du selbst auf deine Hörner weist!‘ hehe! Nichts ist leichter als ... Sie anzuekeln.“
„Es fällt mir nicht ein, das zu denken, was Sie mir da unterschieben wollen. Im Gegenteil, ich sage mir, daß der Tod Ihres Beleidigers Sie gar zu sehr geärgert hat, und außerdem haben Sie mehr als nötig getrunken. Doch sehe ich in alledem nichts Außergewöhnliches. Ich begreife auch sehr gut, wozu Sie des lebenden Bagontoff bedürfen und bin gern bereit, Ihren Ärger zu achten, aber ...“
„Und wozu würde ich wohl des lebenden Bagontoff bedürfen, Ihrer Meinung nach?“
„Das ist Ihre Sache.“
„Ich wette, daß Sie dabei an ein Duell denken!“
„Zum Teufel!“ Weltschaninoffs Selbstbeherrschung begann merklich nachzulassen. „Ich dachte eben, daß Sie, wie jeder anständige Mensch ... in ähnlichen Fällen sich nicht zu albernem Geschwätz erniedrigen würden, zu dummen Verstellungen, zu lächerlichen Klagen und gemeinen Anspielungen, mit denen ein jeder nur sich selbst noch mehr beschmutzt, sondern daß Sie offen und ehrlich handeln wollten – eben wie ein anständiger Mensch!“
„Hehe, aber vielleicht bin ich gar kein anständiger Mensch?“
„Das ist wiederum Ihre Sache ... Doch übrigens, zu welcher Teufelei hätten Sie denn sonst des lebenden Beleidigers bedurft?“
„Na, so ... wenn auch nur, um den lieben Hausfreund mal zu betrachten. Wir würden dann eben ein Fläschchen nehmen und es gemütlich austrinken.“
„Er hätte mit Ihnen doch nicht getrunken!“
„Warum nicht? Noblesse oblige! Trinken doch auch Sie mit mir; inwiefern sollte er besser sein als Sie?“
„Ich habe mit Ihnen nicht getrunken.“
„Weshalb denn plötzlich dieser Stolz?“
Weltschaninoff lachte nervös und gereizt auf.
„Pfui Teufel! Sie sind ja entschieden ein Raubtier-Typ! Und ich dachte, Sie seien nur ein – ewiger Gatte, und nichts weiter!“
„Wie das – ewiger Gatte, was bedeutet das?“ griff Pawel Pawlowitsch die Ohren spitzend sogleich das Wort auf.
„So – ich meine, meine so einen besonderen Typ Ehemänner ... es ist eine zu lange Geschichte, um sie zu erzählen. Packen Sie sich jetzt lieber, es ist Zeit für Sie ... außerdem: Sie werden langweilig und fallen für die Dauer auf die Nerven.“
„Und was bedeutet Raubtier-Typ? Sie sagten soeben ...“
„Wenn ich sagte, daß Sie ein Raubtier-Typ seien, na, so tat ich es, um mich über Sie lustig zu machen.“
„Aber was ist das für ein Raubtier-Typ? Erklären Sie es mir, Alexei Iwanowitsch, ich bitte Sie, um Gottes willen, um Christi willen!“
„Nun ... ach, nun, genug!“ ärgerte sich plötzlich Weltschaninoff ganz furchtbar. „Es ist Zeit für Sie, machen Sie, daß Sie fortkommen! Genug!“
„Nein, es ist noch nicht genug!“ Pawel Pawlowitsch erhob sich schnell. „Und selbst wenn ich Sie langweile, auch dann ist es noch nicht genug: denn vorher müssen wir beide noch anstoßen und zusammen trinken! Also trinken wir, dann gehe ich, aber jetzt ist es noch nicht genug!“
„Pawel Pawlowitsch, können Sie sich heute zum Teufel scheren oder nicht?“
„Ich kann und werde mich zum Teufel scheren, doch vorher werden wir noch trinken. Sie sagten, daß Sie gerade mit mir nicht trinken wollten; nun, ich aber will es, daß Sie gerade mit mir trinken!“
Er schnitt jetzt nicht mehr Gesichter, er lächelte und kicherte auch nicht mehr. Alles an ihm hatte sich plötzlich wieder vollkommen verwandelt und war so entgegengesetzt der ganzen Erscheinung und dem ganzen Tone jenes Pawel Pawlowitsch, der noch vor ein paar Augenblicken dort gestanden hatte, daß Weltschaninoff ihn ganz befremdet ansah und wirklich stutzig wurde.
„Ei, trinken wir, Alexei Iwanowitsch, Sie weigern sich nicht!“ fuhr Pawel Pawlowitsch in diesem an ihm ganz neuen Tone fort – und plötzlich packte er Weltschaninoff am Handgelenk und sah ihn eigentümlich an.
Offenbar handelte es sich für ihn hier nicht allein um das Trinken.
„Ja, nun, meinetwegen ...“ brummte Weltschaninoff. „Wo sind denn ... Aber da ist ja nur noch ein Bodensatz ...“
„Es reicht noch genau für zwei Gläser ... allerdings Bodensatz, aber wir werden trinken und anstoßen! Hier, bitte, nehmen Sie gefälligst Ihr Glas.“
Sie stießen an und tranken.
„Nun, und jetzt, und jetzt ... Ach!“
Pawel Pawlowitsch faßte sich plötzlich mit der Hand an die Stirn und verblieb mehrere Sekunden lang in dieser Stellung. Weltschaninoff glaubte schon, er werde im nächsten Augenblick ... werde sogleich das letzte noch unausgesprochene Wort aussprechen. Doch siehe da: Pawel Pawlowitsch sprach es nicht aus – er sah Weltschaninoff nur an, und dann verzog sich sein Mund lautlos wieder zu jenem breiten, verschmitzten, gleichsam zuzwinkernden Lächeln, das so maßlos arglistig war und so widerlich sein konnte.
„Was wollen Sie von mir, Sie besoffener Kerl! Sie wollen mich wohl zum Narren haben?“ schrie ihn Weltschaninoff plötzlich zornbebend an.
„Schreien Sie nicht, schreien Sie nicht, wozu dies Geschrei?“ suchte ihn Pawel Pawlowitsch schnell zu beschwichtigen. „Ich halte Sie nicht zum Narren, wirklich nicht! Wissen Sie auch, was Sie mir jetzt geworden sind – Sie! – sehen Sie!“
Und schon hatte er seine Hand erfaßt und geküßt – Weltschaninoff war kaum zur Besinnung gekommen.
„Sehen Sie, das sind Sie mir jetzt! So – und jetzt packe ich mich zu allen Teufeln!“
„Warten Sie, warten Sie!“ hielt ihn Weltschaninoff noch zurück. „Ich vergaß ganz, Ihnen zu sagen ...“
Pawel Pawlowitsch trat von der Tür wieder ein paar Schritte ins Zimmer.
„Sehen Sie,“ begann Weltschaninoff schnell und geschäftig, indem er jedoch unwillkürlich errötete und sich fast ganz von ihm abwandte, „Sie müssen morgen unbedingt zu Porgojelzeffs fahren ... um ihnen Ihre Aufwartung zu machen und Ihren Dank auszusprechen. Sie müssen unbedingt ...“
„O, unbedingt, unbedingt, wie denn sonst, das ist doch selbstverständlich!“ pflichtete Pawel Pawlowitsch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit bei, und er machte eine Handbewegung, die ungefähr sagen sollte, daß es ganz überflüssig sei, ihn noch daran zu erinnern.
„Und außerdem werden Sie auch von Lisa sehnsüchtig erwartet. Ich versprach ...“
„Lisa ...!“ Pawel Pawlowitsch kehrte nochmals von der Tür zurück. „Lisa? Wissen Sie auch, was Lisa mir war, war und ist? War und ist!“ stieß er plötzlich wie außer sich hervor. „Doch ... He! Davon später, alles später ... Jetzt genügt mir das nicht mehr, daß Sie mit mir getrunken haben, Alexei Iwanowitsch, ich bedarf jetzt einer anderen Genugtuung ...“
Er legte seinen Hut auf den Stuhl und sah ihn wie vorhin mit verhaltenem Atem an.
„Küssen Sie mich, Alexei Iwanowitsch,“ sagte er plötzlich.
„Betrunken sind Sie!“ rief Weltschaninoff, unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.
„Ich bin betrunken, aber küssen Sie mich trotzdem, Alexei Iwanowitsch. Nun, küssen Sie mich! Habe ich Ihnen doch soeben noch die Hand geküßt!“
Weltschaninoff schwieg eine Weile, und wußte nicht, was er sagen, noch denken sollte. Doch plötzlich beugte er sich zu Pawel Pawlowitsch herab, der ihm fast nur bis an die Schulter reichte, und küßte ihn auf den Mund, von dem ein starker Weinduft ausging. Übrigens war er selbst nicht ganz sicher, ob er die Lippen wirklich berührt hatte.
„Nun, jetzt aber, jetzt ...“ rief in betrunkener Ekstase Pawel Pawlowitsch und in seinen stieren Augen blitzte es auf, „jetzt hören Sie! Ich fragte mich damals: ‚Sollte auch er? ... Wenn auch er,‘ dachte ich, ‚wenn auch er, wem kann man dann überhaupt noch trauen!‘“
Und Pawel Pawlowitsch brach plötzlich in Tränen aus.
„Begreifen Sie nun, was für ein Freund Sie mir damit geblieben sind?! ...“
Und damit griff er nach seinem Hut und lief aus dem Zimmer.
Weltschaninoff stand wieder minutenlang auf einem Fleck mitten im Zimmer, ganz wie nach dem ersten Besuch Pawel Pawlowitschs.
„Eh, ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ sagte er sich endlich ärgerlich.
„Entschieden nichts weiter!“ bekräftigte er nochmals energisch, nachdem er sich bereits entkleidet hatte, während er sich auf seinem Schlafdiwan ausstreckte.