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Sämtliche Werke 21 cover

Sämtliche Werke 21

Chapter 30: VIII. Lisas Krankheit.
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About This Book

Two novellas present a pair of intense moral and psychological dramas. The first follows a young man in a continental gambling resort whose obsession with roulette entangles his hopes, debts, and a fraught attachment to a capricious woman, exposing social vanity and the logic of addiction. The second traces the unsettling reunion of two men connected by a woman's past, unfolding as a study of jealousy, dependence, and the corrosive effects of secrets and possessiveness. Both pieces combine vivid social detail with acute psychological observation and a moral focus on pride, compulsion, and ruin.

VIII.
Lisas Krankheit.

Am nächsten Morgen wartete Weltschaninoff in eigentümlicher Stimmung auf Pawel Pawlowitsch, der ihm noch ausdrücklich versprochen hatte, rechtzeitig bei ihm vorzusprechen, um sich mit ihm zu Pogorjelzeffs zu begeben. Weltschaninoff ging im Zimmer auf und ab, trank dazwischen schluckweise seinen Kaffee, rauchte und gestand sich jeden Augenblick, daß er einem Menschen gleiche, der am Morgen erwacht ist und nun immerwährend daran denken muß, daß er am Abend vorher eine Ohrfeige erhalten hat.

„Hm! ... er begreift nur zu gut, um was es sich dabei handelt, und wird sich durch Lisa an mir rächen!“ dachte er fast angstvoll.

Der ganze rührende Eindruck, den das bleiche traurige Kind auf ihn gemacht hatte, erwachte wieder in ihm und sein Herz begann schneller zu schlagen bei dem Gedanken, daß er heute noch, schon bald, schon nach zwei Stunden seine Lisa wiedersehen werde.

„Ach, wozu da viel Worte verlieren!“ meinte er plötzlich und schlug sich energisch die Sorgen aus dem Kopf. „Jetzt ist das mein Lebensinhalt, mein Ziel! Was sind dagegen all die Ohrfeigen und Erinnerungen, was gehen die mich an! ... Wozu habe ich bisher überhaupt gelebt? Was war mein ganzes Leben? Unordnung und Trübsal ... jetzt aber – wird alles anders werden, alles ganz anders!“

Trotz seiner gehobenen Stimmung kamen aber doch immer wieder trübe, bange Gedanken, die ihm Sorgen machten.

„Er will mich mit Lisa quälen – das ist klar! Er wird mich noch krank machen! Und Lisa gleichfalls. Ja, das ist es, auf diese Weise will er mir dann alles heimzahlen. Hm! ... jedenfalls darf ich ihm solche Ausfälle wie gestern abend nicht wieder erlauben,“ sagte er sich plötzlich und errötete bei dem Gedanken an den Abend, „und ... aber was ist denn das, er kommt ja noch immer nicht und die Uhr geht schon auf zwölf!“

Er wartete und wartete – wartete bis halb eins, und seine Stimmung wurde immer gedrückter. Pawel Pawlowitsch erschien nicht. Schließlich sagte er sich – dieser Gedanke hatte sich übrigens schon ein paarmal in ihm zu regen begonnen, – daß er gewiß absichtlich nicht kommen werde, und zwar einzig deshalb nicht, um ihn, ganz wie gestern, nochmals „zum Narren“ zu halten. Das aber brachte ihn dann endgültig auf.

„Er weiß, daß ich von ihm abhängig bin! Aber was wird jetzt mit Lisa geschehen? Wie kann ich ohne ihn hinfahren?“

Um ein Uhr hielt er das Warten nicht mehr aus und fuhr zu Pawel Pawlowitsch. Dort erfuhr er, daß dieser überhaupt nicht in seiner Wohnung geschlafen habe und erst um neun Uhr morgens auf ein Viertelstündchen nach Haus gekommen sei – um dann wieder fortzugehen, ohne zu sagen, wohin. Weltschaninoff stand vor des Abwesenden Zimmer, während die Stubenmagd ihm das alles erzählte, und bewegte ganz gedankenlos die Klinke der verschlossenen Tür, drückte, zog und rüttelte an ihr – alles ganz mechanisch. Plötzlich kam er aus seiner Gedankenversunkenheit zu sich, unterdrückte einen Fluch, ließ die Klinke fahren und bat, ihn zu Marja Ssyssojewna zu führen. Doch diese hatte ihn schon gehört und kam ihm selbst entgegen.

Marja Ssyssojewna war ein gutmütiges Frauenzimmer, „ein Weib mit vernünftigen Anschauungen“, wie sich Weltschaninoff zu Klawdia Petrowna über sie äußerte. Sie fragte zuerst, wie er denn das „Mädchen hingebracht“ habe, begann dann aber sogleich und ganz unaufgefordert von Pawel Pawlowitsch zu erzählen. Nach ihren Worten hätte sie ihn „schon längst vor die Tür gesetzt“, wenn nicht das Mädchen bei ihm gewesen wäre. „Ist er doch auch aus dem Gasthof deshalb hinausgejagt worden, weil er es dort gar zu unanständig getrieben hat. Nu, ist es denn nicht eine wahre Schande, wenn er nachts ein liederliches Frauenzimmer mitbringt, während das Kindchen doch schon was begreifen kann! Und dabei schreit er noch: ‚Sieh, das hier wird deine Mutter sein, wenn ich es will!‘ Und was glauben Sie, er trieb es doch so, daß selbst diese Person, was sie da auch ist, ihm ins Gesicht spie. Und der Kleinen schreit er zu: ‚Du bist nicht meine Tochter, bild’ du dir nur das nicht ein! Ein ... bist du!‘“

Weltschaninoff fuhr zusammen bei diesem gemeinen Wort.

„Nicht möglich!“ stieß er ganz entsetzt hervor.

„Ich habe es selbst gehört. Er war ja wohl betrunken, als er das sagte, also nicht bei klarem Bewußtsein, aber immerhin ist das doch nichts für Kinderchen: wenn auch das Mädchen noch klein ist, begreifen tut es doch schon was, und es behält doch solche Wörter und denkt darüber nach und macht sich seine eigenen Gedanken! Und immer weinte das Mädchen, ganz krank hatte er es gemacht. Und vor ein paar Tagen noch, da war hier im Hause ein Verbrechen geschehen: ein Kommissar, oder was da die Leute sagten, hatte im Gasthof am Abend ein Zimmer genommen und gegen Morgen sich dann erhängt. Er soll fremdes Geld durchgebracht haben, heißt es. Nu, alles lief natürlich hin! Pawel Pawlowitsch war wieder nicht zu Hause und das Kindchen hatte er ohne Aufsicht zurückgelassen. Da sehe ich: auch das Mädchen steht dort unter all den Leuten im Korridor und guckt auch auf den Erhängten – so, wissen Sie, mit solchen Augen! Ich brachte sie schnell von dort fort, hierher zu mir. Aber was glauben Sie wohl, sie zitterte wie’n Espenblatt, ganz blau war sie im Gesicht, und kaum hatte ich sie wieder hier, da fiel sie auch schon hin und lag in Krämpfen. Ich hatte zu tun, daß sie wieder zu sich kam! Gott weiß, was das nu war – Fallsucht oder Kinderkrämpfchen oder was – aber seit der Zeit fing sie an zu kränkeln. Als er es dann erfuhr, am Abend, nachdem er zurückgekommen, da begann er von neuem, sie zu kneifen – denn er schlug sie ja nicht, er kniff gewöhnlich nur, – darauf soff er sich natürlich wieder voll, am selben Abend noch, kam wieder zurück, na, und da ging’s dann los mit dem Bangemachen: ‚Ich werde mich ebenso aufknüpfen, deinetwegen werde ich mich aufhängen,‘ sagte er, ‚an dieser selben Schnur‘ – dort, die vom Rouleau, sagt’ er, an dieser Schnur werde er sich aushängen. Und er machte sogar die Schlinge fertig, alles vor ihren Augen! Und die zittert sowieso schon, daß Gott erbarm’, und weiß nicht, wo sie sich lassen soll – schreit und weint und klammert sich mit ihren Ärmchen an ihn und jammert nur noch: ‚Ich werde nicht, ich werde nicht!‘ Daß Gott erbarm’!“

Weltschaninoff hatte sich zwar auf manches Seltsame gefaßt gemacht, diese Mitteilungen aber machten ihn so betroffen, daß er seinen Ohren nicht trauen wollte. Marja Ssyssojewna erzählte ihm noch vieles andere. Einmal zum Beispiel hätte sich Lisa „um ein Haar“ aus dem Fenster gestürzt, wenn sie, Marja Ssyssojewna, nicht dazwischen gekommen wäre.

Fast wie ein Betrunkener verließ er ihr Zimmer: „Ich werde ihn totschlagen, mit einem Knüppel totschlagen, wie einen Hund!“ fuhr es ihm durch den Kopf und lange noch wiederholte er in Gedanken diese Worte, als könnten sie ihn beruhigen.

Er nahm einen Wagen und fuhr zu Pogorjelzeffs. Doch noch war er aus der Stadt nicht hinausgefahren, als der Wagen plötzlich an einer Straßenkreuzung bei einer Kanalbrücke, über die sich ein langer Leichenzug bewegte, halten mußte. An beiden Enden der Brücke wurde der Verkehr dadurch aufgehalten und die Zahl der wartenden Gefährte wuchs mit jedem Augenblick. Fußgänger blieben schaulustig stehen und drängten sich näher. Es war ein vornehmes Begräbnis und die Reihe der nachfolgenden Equipagen daher sehr lang. Und plötzlich war es Weltschaninoff, als habe er in einem der Kutschenfenster das Gesicht Pawel Pawlowitschs erblickt. Einen Moment hielt er es für eine Täuschung, und er hätte seinen Augen auch wohl nicht getraut, – wenn nicht Pawel Pawlowitsch selbst seinen Kopf zum Fenster hinausgesteckt und ihm lächelnd zugenickt hätte. Offenbar war er riesig froh darüber, daß er Weltschaninoff erblickt und erkannt hatte, ja, er winkte ihm zum Gruß sogar mit der Hand. Weltschaninoff sprang aus dem Wagen und drängte sich trotz der Menge, der Schutzleute und ungeachtet dessen, daß Pawel Pawlowitschs Equipage bereits auf die Brücke fuhr, an den Wagenschlag heran. Pawel Pawlowitsch saß allein in seiner Kutsche.

„Was fällt Ihnen ein!“ schrie Weltschaninoff, „weshalb sind Sie nicht gekommen? Wie kommen Sie hierher?“

„Ich erweise dem Toten die letzte Ehre – schreien Sie nicht, schreien Sie nicht – ich muß meine Schuld tilgen!“ erwiderte Pawel Pawlowitsch kichernd und mit vergnügtem Zwinkern. „Ich geleite die irdischen Überreste meines aufrichtigen Freundes Stepan Michailowitsch!“

„Blödsinn! Betrunken sind Sie, verrückt!“ schrie Weltschaninoff, der im ersten Augenblick etwas gestutzt hatte. „Sie steigen sofort aus und setzen sich in meinen Wagen, sofort!“

„Ich kann nicht, meine Pflicht ...“

„Ich ziehe Sie am Kragen heraus und schleppe Sie hin!“ schrie Weltschaninoff.

„Aber ich werde schreien, ich werde schreien!“ kicherte mit derselben Vergnügtheit Pawel Pawlowitsch, ganz als scherze man nur mit ihm, zog sich jedoch in den fernsten Winkel der Kutsche zurück ...

„Achtung! Heda! Aufgepaßt!“ rief der Schutzmann.

In der Tat hatte, als der Wagen von der Brücke herabfuhr, eine fremde Kutsche die Reihe des Leichenzuges durchbrochen, was eine große Verwirrung und ein noch gefährlicheres Gedränge hervorrief. Weltschaninoff war gezwungen, zur Seite zu springen, und andere Kutschen und die Volksmenge drängten ihn noch weiter fort. Vor Ärger spie er aus und kehrte zu seinem Wagen zurück.

„Gleichviel, in diesem Zustande hätte man ihn doch nicht hinbringen können!“ suchte er sich zu beruhigen, aber er wurde trotzdem eine gewisse erregende Verwunderung nicht los.

Als er Klawdia Petrowna die Mitteilungen Marja Ssyssojewnas wiedergegeben und von der Begegnung unterwegs erzählt hatte, wurde sie sehr nachdenklich.

„Ich muß gestehen, daß ich für Sie fürchte,“ sagte sie, „Sie müssen jede Beziehung zu ihm abbrechen, je früher, um so besser.“

„Ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ rief Weltschaninoff heftig. „Das fehlte noch, daß ich den zu fürchten beginne! Und wie soll ich denn die Beziehungen zu ihm abbrechen – Sie vergessen Lisa! Denken Sie doch an Lisa!“

Und nun hörte er erst, daß Lisa ernstlich erkrankt sei. Seit dem Abend war das Fieber bedeutend gestiegen und man erwartete mit Ungeduld einen hervorragenden Arzt aus der Stadt, nach dem man schon in aller Frühe geschickt hatte. Diese Nachrichten gaben Weltschaninoff natürlich noch den Rest! Klawdia Petrowna führte ihn zur Kranken.

„Ich habe sie gestern aufmerksam beobachtet,“ sagte sie zu ihm, bevor sie ins Krankenzimmer traten. „Sie ist ein stolzes und düsteres Kind; sie schämt sich, daß sie bei uns ist und daß der Vater sie verlassen hat. Es ist das, meiner Meinung nach, die ganze Ursache ihrer Krankheit.“

„Wieso verlassen? Weshalb glauben Sie, daß er sie verlassen habe?“

„Nun schon – ich meine die Tatsache, daß er sie so ohne weiteres in ein fremdes Haus hat bringen lassen und noch dazu von einem Menschen ... der doch fast fremd ist – oder wenigstens ...“

„Aber ich habe sie ihm doch selbst fortgenommen, einfach mit Gewalt fortgenommen! Ich finde nicht, daß ...“

„Ach, mein Gott, aber Lisa, das Kind, findet es! Und von ihm – nun, von ihm glaube ich, daß er überhaupt nicht kommen wird.“

Lisa war durchaus nicht erstaunt, als sie Weltschaninoff ohne den Vater erblickte. Sie lächelte nur traurig und wandte ihr fieberglühendes Gesichtchen zur Wand. Auf die fast schüchternen Trostversuche Weltschaninoffs und auf seine eifrigen Versicherungen, daß er morgen unter allen Umständen den Vater zu ihr bringen werde, antwortete sie nichts. Als er sie endlich verließ und die Tür des Krankenzimmers hinter sich schloß, brach er plötzlich in Tränen aus.

Der Arzt kam erst gegen Abend. Nachdem er die Kleine untersucht hatte, äußerte er sich zum Schrecken aller dahin, daß da wohl überhaupt nichts mehr zu machen sei. Als man ihm sagte, daß die Kleine erst am Abend vorher erkrankt sei, wollte er es zunächst gar nicht glauben.

„Alles hängt jetzt nur davon ab,“ meinte er schließlich, „wie sie diese Nacht überstehen wird.“ Darauf traf er noch seine Anordnungen und verabschiedete sich, mit dem Versprechen, am nächsten Morgen möglichst früh wiederzukommen. Weltschaninoff wollte unbedingt zur Nacht bei ihnen bleiben, doch Klawdia Petrowna bat ihn, noch einmal den Versuch zu machen, „diesen Unmenschen“ dazu zu bewegen, zu seiner kranken Tochter zu kommen.

„Noch einmal?“ stöhnte Weltschaninoff. „Ja!! Ich werde ihn binden, ich werde ihn knebeln, und wenn ich ihn auch auf meinen Armen herschleppen müßte –!“

Der Gedanke, Pawel Pawlowitsch „zu binden und zu knebeln“ und mit Gewalt zu Pogorjelzeffs zu bringen, bemächtigte sich seiner in dem Maße, daß er vor Ungeduld, es buchstäblich so auszuführen, ganz nervös wurde.

„In nichts, in nichts fühle ich mich jetzt noch ihm gegenüber schuldig!“ sagte er beim Abschied zu Klawdia Iwanowna. „Ich leugne alles, was ich da gestern an Sentimentalitäten gesagt habe,“ fügte er im größten Unwillen über sich selbst hinzu.

Lisa lag mit geschlossenen Augen im Bettchen und schien zu schlafen. Es war möglich, daß eine Besserung eintrat. Als Weltschaninoff sich behutsam zu ihr niederbeugte, um zum Abschied wenigstens die Spitzen ihrer blonden Haare zu küssen, schlug sie plötzlich die Augen auf, als habe sie nur auf ihn gewartet, und flüsterte:

„Bringen Sie mich fort!“

Es war eine stille, traurige Bitte, ohne jede Spur von dem früheren Eigensinn und Trotz, doch gleichzeitig klang aus ihr eine unendliche Hoffnungslosigkeit, als wisse sie selbst, daß man ihre Bitte unter keiner Bedingung erfüllen werde. Und kaum begann Weltschaninoff, dem die Verzweiflung die Kehle zuschnürte, alles zu erklären, mit dem trostlosen Versuch, sie davon zu überzeugen, daß es jetzt wirklich nicht möglich sei, da schloß sie ganz still wieder die Augen und sagte kein Wort weiter, als höre sie nichts und als habe sie nichts gewollt.

Als Weltschaninoff in die Stadt zurückgekehrt war, ließ er sich sogleich zum Gasthof in der Nähe der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte fahren. Es war bereits zehn Uhr. Pawel Pawlowitsch war aber noch nicht zurückgekehrt. Weltschaninoff wartete auf ihn eine halbe Stunde, die er damit zubrachte, daß er in krankhafter Ungeduld im Korridor auf- und abging. Marja Ssyssojewna versicherte ihm zu guter Letzt, daß Pawel Pawlowitsch erst am Morgen, frühestens bei Tagesanbruch, zurückkehren werde.

„Nun gut, dann werde auch ich bei Tagesanbruch wieder hier sein!“ entschied Weltschaninoff und begab sich in größter Erregung nach Hause.

Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, noch bevor er seine Wohnung betreten hatte, von Mawra erfuhr, daß der „gestrige Gast“ bereits seit zehn Uhr auf ihn warte.

„Auch Tee hat der Herr oben getrunken und auch nach Wein hat er geschickt, nach demselben, den ich gestern brachte. Einen Fünfrubelschein gab er mir.“