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Sämtliche Werke 21 cover

Sämtliche Werke 21

Chapter 31: IX. Das Gespenst.
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About This Book

Two novellas present a pair of intense moral and psychological dramas. The first follows a young man in a continental gambling resort whose obsession with roulette entangles his hopes, debts, and a fraught attachment to a capricious woman, exposing social vanity and the logic of addiction. The second traces the unsettling reunion of two men connected by a woman's past, unfolding as a study of jealousy, dependence, and the corrosive effects of secrets and possessiveness. Both pieces combine vivid social detail with acute psychological observation and a moral focus on pride, compulsion, and ruin.

IX.
Das Gespenst.

Pawel Pawlowitsch hatte es sich äußerst bequem gemacht. Er saß im Lehnstuhl, rauchte Zigaretten und hatte sich gerade das vierte und letzte Glas aus der Flasche eingeschenkt. Die Teekanne und das nur halbvolle Teeglas standen neben ihm auf dem Tisch. Sein gerötetes Gesicht leuchtete vor Gutmütigkeit. Er hatte sogar seinen Frack abgelegt und saß ganz sommerlich in Hemdsärmeln.

„Verzeihen Sie, teuerster Freund!“ rief er aus, als er Weltschaninoff erblickte, und er sprang sogleich auf, um den Frack wieder anzuziehen. „Ich zog ihn aus zwecks größtmöglichster Genußfähigkeit – wollte die Situation hier ganz auskosten –“

Weltschaninoff trat drohend auf ihn zu. „Sind Sie ganz betrunken? Oder kann man mit Ihnen noch reden?“

Pawel Pawlowitsch schien etwas bange zu werden.

„Nein, noch nicht ganz ... Ich gedachte des Entschlafenen ... aber noch nicht ganz ...“

„Werden Sie mich verstehen?“

„Zu dem Zweck bin ich ja hergekommen, um Sie zu verstehen.“

„Schön, dann beginne ich ohne weiteres damit, daß ich Ihnen sage, was Sie sind: – eine nichtswürdige Canaille sind Sie!“ schrie ihn Weltschaninoff mit zornbebender Stimme an.

„Wenn Sie damit schon beginnen, womit werden Sie dann enden?“ versetzte Pawel Pawlowitsch, der doch recht eingeschüchtert aussah, mit dem leisen Versuch zu protestieren. Weltschaninoff aber schrie weiter, ohne auf ihn zu hören:

„Ihre Tochter liegt im Sterben, sie ist krank, – haben Sie sie bereits verlassen oder wollen Sie sie erst noch verlassen?“

„Stirbt sie wirklich schon?“

„Sie ist krank, schwer krank, sehr gefährlich krank!“

„Vielleicht nur so Anfälle ...“

„Reden Sie keinen Unsinn! Sie ist ü–ber–aus gefährlich krank! Allein schon deshalb hätten Sie hinfahren müssen, um ...“

„Um meinen Dank auszusprechen, ich verstehe, um für die freundliche Aufnahme meinen Dank auszusprechen. Ich verstehe sehr wohl. Alexei Iwanowitsch, bester, teuerster!“ flehte er ihn plötzlich an und ergriff mit beiden Händen Weltschaninoffs Hand, um ihn dann fast unter Tränen und in trunkener Gerührtheit, wie um Verzeihung bittend, zu beschwören: „Alexei Iwanowitsch, schreien Sie nicht, schreien Sie nicht, Alexei Iwanowitsch! Wenn ich sterbe, wenn ich jetzt gleich, betrunken wie ich bin, in die Newa falle und ertrinke – dann könnte ich’s doch auch nicht tun, also was will denn das besagen? Zu Herrn Pogorjelzeff werden wir ja immer noch zeitig genug kommen ...“

Weltschaninoff horchte auf und nahm sich ein wenig zusammen.

„Sie sind betrunken, ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen,“ versetzte er streng. „Ich bin jederzeit bereit, mich mit Ihnen auszusprechen, es wäre mir sogar lieber, wenn es schneller geschehe ... Ich fuhr auch in dieser Absicht ... Doch vor allen Dingen lassen Sie es sich gesagt sein, daß ich jetzt Maßregeln ergreifen werde: Sie werden hier bei mir übernachten! Und morgen früh setze ich Sie in den Wagen und fahre mit Ihnen hin. Glauben Sie nicht, daß ich Sie entwischen lasse!“ – Seine Selbstbeherrschung ließ wieder nach. „Ich werde Sie binden, zum Knoten werde ich Sie binden und mit dieser Faust hinschleppen! ... Wird Ihnen dieser Diwan bequem genug sein?“ brach er kurz ab, den Atem anhaltend, und eine kurze Handbewegung wies auf den breiten, weichen Diwan, der dem anderen, auf dem er selbst zu schlafen pflegte, an der entgegengesetzten Wand gegenüberstand.

„Aber ich bitte Sie, ich kann ja gleichviel wo ...“

„Nein, nicht gleichviel wo, sondern auf diesem Diwan! ... Nehmen Sie, – hier haben Sie eine Decke, ein Kissen, Bettücher ...“ Weltschaninoff nahm alles Nötige aus seinem Schrank und warf es Pawel Pawlowitsch zu, der gehorsam die Hand ausstreckte und eines nach dem anderen in Empfang nahm. „Machen Sie sich sofort Ihr Nachtlager zurecht! Nun, wird’s bald? So–fort, sage ich Ihnen!“

Pawel Pawlowitsch stand ganz bepackt und wie in ratloser Unentschlossenheit mitten im Zimmer, ein breites, betrunkenes Lächeln auf dem betrunkenen Gesicht; als Weltschaninoff ihn jedoch zum zweitenmal wahrhaft unheilverkündend anschrie, da fuhr er zusammen und stürzte in größter Hast zum Diwan, um Hals über Kopf dem Befehl nachzukommen: er schob den Tisch zur Seite und bemühte sich, vor Anstrengung fast ächzend, als käme er mit dem Atem zu kurz, die schwierige Prozedur auszuführen und die Bettücher auszubreiten. Weltschaninoff trat zu ihm, um ihm zu helfen: der Gehorsam und der Schreck seines Gastes gefielen ihm – er war zum Teil ganz zufrieden mit der Wirkung seiner Wut.

„Trinken Sie Ihr Glas aus und legen Sie sich dann hin!“ kommandierte er wieder: er fühlte es ganz deutlich, daß er jetzt überhaupt nicht anders zu reden vermochte, als in Befehlen. „Haben Sie selbst nach dem Wein geschickt?“

„Ich selbst ... Ich wußte, daß Sie, Alexei Iwanowitsch, jetzt nicht mehr nach ihm schicken würden.“

„Das ist gut, daß Sie es wußten, nur sollen Sie jetzt noch mehr wissen. Ich erkläre Ihnen hiermit noch einmal, daß ich weiß, was ich zu tun habe: Ihre Faxen werde ich nicht mehr dulden, Ihre betrunkenen Küsse verbitte ich mir ein für allemal!“

„Ich begreife doch selbst, Alexei Iwanowitsch, daß das überhaupt nur einmal möglich war,“ meinte Pawel Pawlowitsch mit einem halben Lächeln.

Weltschaninoff, der im Zimmer auf und ab schritt, blieb plötzlich mit einer gewissen Feierlichkeit vor ihm stehen.

„Pawel Pawlowitsch, sprechen Sie sich einmal offen aus! Sie sind schlau, ich gebe es zu, aber ich versichere Ihnen, daß Sie sich auf einem falschen Wege befinden! Reden Sie offen, handeln Sie offen, seien Sie ehrlich – und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen auf alles Rede stehen werde, auf alles!“

Pawel Pawlowitsch lächelte wieder sein langes zweideutiges Lächeln, das allein schon genügte, um Weltschaninoff aus der Haut zu bringen.

„Warten Sie!“ schrie er ihn wieder an. „Sparen Sie sich die Mühe, sich zu verstellen, ich durchschaue Sie ja doch! Ich sage Ihnen nochmals: ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich bereit bin, Ihnen jede Frage zu beantworten, hören Sie, jede! – und Ihnen soll jede nur mögliche Genugtuung gewährt werden, verstehen Sie, jede! – jede sogar unmögliche, wenn Sie wollen! O, was würde ich darum geben, wenn Sie mich richtig verstanden! ...“

„Wenn Sie nun einmal so gut sind,“ näherte sich ihm vorsichtig Pawel Pawlowitsch, „so, sehen Sie, interessiert mich das sehr, was Sie gestern vom Raubtier-Typ sagten ...“

Weltschaninoff wandte sich brüsk von ihm ab und nahm nervös wieder seinen Gang durch das Zimmer auf, nur weit schneller und wie von innerer Unruhe getrieben.

„Nein, Alexei Iwanowitsch, seien Sie nicht böse, denn das ist für mich von großem Interesse und ich bin gerade deshalb hergekommen, um mich zu vergewissern ... Meine Zunge ist jetzt etwas steif, doch Sie müssen es mir schon verzeihen. Ich habe ja von diesen ‚Raubtieren‘ und vom ‚zahmen‘ Typus selbst was in einer Zeitschrift gelesen, in irgendeiner Kritik, das fiel mir heute morgen wieder ein ... nur habe ich vergessen, was es war, oder aufrichtig gesagt, ich habe es auch damals nicht verstanden. Ich wollte nämlich gerade nur eines feststellen: der verstorbene Stepan Michailowitsch Bagontoff – war der nun einer von den wilden oder zahmen? Was meinen Sie?“

Weltschaninoff schwieg immer noch und setzte seinen Gang fort.

„Zum Raubtier-Typ gehört derjenige Mensch,“ sagte er, plötzlich stehen bleibend und in maßloser Wut, „der Bagontoff eher vergiftet hätte, wenn er mit ihm ‚Champagner trank und zur Feier des angenehmen Wiedersehens anstieß,‘ wie Sie ihn gestern mit mir tranken, der aber seinem Sarge nicht auf den Friedhof folgt, wie Sie ihm heute gefolgt sind – unter weiß der Teufel was für geheimen und gemeinen Verstellungen und Absichten, die nur Sie selbst, aber keinen anderen, beschmutzen! Nur Sie selbst!“

„Das stimmt, daß er nicht gefahren wäre,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch, „nur verstehe ich noch nicht, wie Sie denn so auf mich ...“

„Das ist nicht derjenige Mensch,“ fuhr Weltschaninoff zornbebend fort, ohne auf ihn zu hören, „nicht derjenige, der sich Gott weiß was alles zusammenreimt, Recht und Unrecht mathematisch berechnet und die ihm angetane Beleidigung wie eine Schulaufgabe auswendig hersagen kann, so gut hat er sie erlernt, und der sich dann mit ihr herumschleppt, sich verstellt und entstellt und den Leuten auf dem Halse sitzt – und – seine ganze Zeit nur darauf verschwendet! Ist es wahr, daß Sie sich haben erhängen wollen? Ist das wahr?“

„In der Betrunkenheit vielleicht – vielleicht irgend mal was geschwatzt – ich entsinne mich nicht mehr. Für unsereins, Alexei Iwanowitsch, schickt sich das nicht, Gift hineinzumischen. Ganz abgesehen davon, daß man ein gut angeschriebener Beamter ist, besitzt man doch auch ein Kapital, und vielleicht will man sogar nochmals heiraten.“

„Ja und außerdem würde man für das Gift zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Sibirien verschickt werden.“

„Nun ja, sehen Sie, und dann auch noch diese Unannehmlichkeit, obschon die Gerichte heutzutage für alles mildernde Umstände gelten lassen. Doch ich will Ihnen, Alexei Iwanowitsch, eine höchst spaßige Geschichte erzählen, vorhin im Wagen fiel sie mir wieder ein – ich wollte sie Ihnen, das nahm ich mir gleich vor, unbedingt mitteilen. Sie sprachen soeben von ... von: ‚den Leuten auf dem Halse sitzen‘. Sie erinnern sich vielleicht noch Ssemjon Petrowitsch Liwzoffs, – er hat uns zu Ihrer Zeit in T. besucht. Nun, sein jüngerer Bruder, der gleichfalls für einen Petersburger Kavalier galt, war nach W. zum Dienst beim Gouverneur abkommandiert und zeichnete sich dito durch verschiedene Eigenschaften glänzend aus. Einmal geriet nun dieser junge Mann mit dem Obersten Golubenko in Streit: es war in einer Gesellschaft und in Anwesenheit von Damen, unter denen sich auch die Dame seines Herzens befand. Er fühlte sich beleidigt, steckte aber die Beleidigung ruhig ein und ließ niemanden etwas merken. Golubenko aber machte ihm inzwischen die Dame seines Herzens abspenstig und hielt um ihre Hand an. Und was glauben Sie wohl, was dieser Liwzoff darauf tut? – Er wird Golubenkos bester Freund, als wäre nie das Geringste zwischen ihnen vorgefallen, und drängt sich ihm noch als Hochzeitsmarschall[9] auf! Richtig, in der Kirche stand er neben ihm, und als man aus der Kirche zurückgekehrt war und die Gratulationscour begann, trat er auf ihn zu, sprach seinen Glückwunsch aus und küßte ihn, und im selben Augenblick, wie er dort war und stand, im Frack und geschniegelt und gestriegelt und inmitten der ganzen glänzenden Gesellschaft – auch der Gouverneur war zugegen – sticht er dem Golubenko plötzlich einen Dolch in den Leib, daß dieser wie vom Blitz getroffen taumelt und hinfällt! Sein eigener Hochzeitsmarschall! Unerhört doch! Aber das ist alles noch nichts! Die Hauptsache kommt erst: Kaum hatte er jenen niedergestochen, da ringt er schon die Hände und schreit und jammert wie verzweifelt: ‚Was hab ich getan! Ach, was hab ich getan!‘ Und er weint und zittert am ganzen Körper, und wirft sich schluchzend allen an den Hals, sogar den Damen, und jammert immer weiter: ‚Ach, was hab ich getan, was hab ich jetzt getan!‘ – Hehehe! Zum Totlachen. Nur, daß einem der arme Golubenko leid tun kann – übrigens ist er wieder gesund geworden.“

„Ich verstehe nicht, zu welchem Zweck Sie mir das erzählt haben,“ sagte Weltschaninoff, dessen Gesicht sich verfinstert hatte, in abweisendem Tone.

„Nun, weil er doch immerhin mit dem Dolch gestochen hat,“ grinste Pawel Pawlowitsch. „Man sieht doch, daß er ganz gewiß nicht zu jenem Typ gehört. Ein Lappen war er, ein Rotzbengel, wenn er vor lauter Angst jeden Anstand vergessen und sich in Gegenwart des Gouverneurs den Damen an den Hals werfen konnte – aber er hat doch gestochen, hat’s doch fertig gebracht! Nur das war es, was ich meinte.“

„Packen Sie sich zum Teufel!“ schrie plötzlich Weltschaninoff mit einer Stimme, die ganz fremd und heiser klang – fast als hätte ihn jemand gewürgt. „Scheren Sie sich zum Henker mit Ihrem Schmutz, Sie gemeiner Mensch! – Läßt sich einfallen, mich schrecken zu wollen! – Sie Kinderquälgeist, Sie gemeines Subjekt! Sie Schuft, Sie Schuft, Sie Schuft!“ schrie er, bebend, atemlos vor Wut, und kaum noch seiner Sinne mächtig.

Pawel Pawlowitsch fuhr zusammen und alle Sehnen schienen sich in ihm zu spannen: selbst die letzte Spur vom Rausch war im Nu verflogen – seine Lippen bebten.

„Wie, – mich nennen Sie einen Schuft, Alexei Iwanowitsch, Siemich?“

Doch Weltschaninoff war bereits zu sich gekommen.

„Ich bin bereit, mich zu entschuldigen,“ sagte er nach kurzem, finsterem Schweigen, „aber nur in dem Fall, wenn Sie selbst, und zwar sogleich offen und ehrlich vorgehen wollen.“

„Ich würde mich an Ihrer Stelle in jedem Fall entschuldigen, Alexei Iwanowitsch.“

„Nun gut,“ willigte Weltschaninoff nach kurzem Schweigen ein, „ich bitte Sie um Entschuldigung. Aber Sie werden doch selbst einsehen, Pawel Pawlowitsch, daß ich mich nach alledem Ihnen gegenüber in nichts mehr verpflichtet zu halten brauche, hören Sie, in nichts mehr, – ich spreche von allem, und nicht nur von diesem einen Zwischenfall soeben.“

„Schon gut, darauf kommt es nicht an!“ meinte Pawel Pawlowitsch mit kaum merklichem Lächeln, wobei er übrigens zu Boden sah.

„Nun, dann – um so besser! ... Trinken Sie Ihren Wein aus und legen Sie sich hin, ich werde Sie trotzdem nicht fortlassen ...“

„Ja was ... der Wein ...“ Pawel Pawlowitsch schien ein wenig verwirrt zu sein, trat aber doch an den Tisch und nahm das Glas mit dem längst eingegossenen Champagner.

Vielleicht hatte er vorher schon viel getrunken und es zitterte deshalb seine Hand, als er das Glas hob: er verschüttete einen Teil des Weines auf den Boden, auf seine Weste und sein Vorhemd, trank aber doch den Rest bis auf den letzten Tropfen aus, ganz als könne er ihn nicht unausgetrunken lassen: und nachdem er dann das leere Glas höflich wieder auf den Tisch gesetzt hatte, ging er gehorsam zum Diwan und begann sich auszukleiden.

„Oder wär’s nicht besser ... nicht hier zu übernachten?“ fragte er plötzlich aus irgendeinem Grunde, indem er den einen Stiefel, den er bereits ausgezogen hatte, unschlüssig in den Händen hielt.

„Nein, das wäre nicht besser!“ versetzte ärgerlich Weltschaninoff, der unermüdlich auf- und abging, ohne ihn anzusehen.

Pawel Pawlowitsch entkleidete sich vollends und legte sich hin. Eine Viertelstunde später ging auch Weltschaninoff zu Bett und löschte das Licht aus.

Ihn überkam ein unruhiger Halbschlummer. Es war ihm, als sei etwas Neues irgendwoher aufgetaucht, das die Sache noch mehr verwickelte, und das beunruhigte ihn; doch gleichzeitig fühlte er und war er sich dessen bewußt, daß er sich dieser Unruhe schämte. Allmählich schlummerte er jedoch ein und lag in einem leichten, wenn auch unruhigen Schlaf. Plötzlich weckte ihn ein Geräusch. Er schlug sogleich die Augen auf und sah hinüber zum anderen Diwan. Es war ganz dunkel im Zimmer – die dunklen Stoffgardinen waren zugezogen – doch schien es ihm, daß Pawel Pawlowitsch nicht lag, sondern sich aufgerichtet hatte und saß.

„Was ist?“ rief Weltschaninoff.

„Ein Schatten ...“ flüsterte nach kurzem Zögern Pawel Pawlowitsch kaum hörbar.

„Was – was für ein Schatten?“

„Dort ... in jenem Zimmer, in der Tür ... es war mir so, als hätte ich dort einen Schatten gesehen.“

„Was für einen Schatten, wovon denn?“

„Von Natalja Wassiljewna.“

Weltschaninoff setzte die Füße auf den Teppich, stand auf und ging selbst zur Tür, um durch den kleinen Korridor in jenes Zimmer zu sehen, dessen Tür immer offen stand. Die Fenster hatten keine dunklen Vorhänge, nur die weißen Rouleaux waren herabgelassen, weshalb es dort bedeutend heller war.

„In diesem Zimmer ist nichts, Sie sind einfach betrunken; legen Sie sich hin!“ sagte Weltschaninoff, kehrte ins Bett zurück und wickelte sich in seine Decke.

Pawel Pawlowitsch sagte kein Wort und legte sich gleichfalls hin.

„Haben Sie früher auch schon solche Schatten gesehen?“ fragte plötzlich Weltschaninoff, nachdem bereits ganze zehn Minuten vergangen waren.

„Einmal war es so wie ... als hätte ich so was gesehen,“ antwortete wieder nach einigem Zögern Pawel Pawlowitsch mit schwacher Stimme.

Darauf trat von neuem Schweigen ein.

Weltschaninoff hätte es nicht bestimmt zu sagen vermocht, ob er wirklich eingeschlafen war oder wieder nur so im Halbschlummer gelegen hatte. Es mochte über eine Stunde vergangen sein – und plötzlich drehte er sich wieder um: war es ein Geräusch, das ihn geweckt hatte, oder was sonst – er wußte es nicht, aber es schien ihm plötzlich, als ob in der vollkommenen Dunkelheit etwas vor ihm stehe, etwas Weißes, noch nicht ganz an seinem Bett, aber doch schon mitten im Zimmer. Er fuhr auf, blieb sitzen und blickte lange Zeit regungslos in das Dunkel, dorthin, wo er meinte, daß etwas sei.

„Sind Sie es, Pawel Pawlowitsch?“ fragte er mit schwacher Stimme.

Und diese Stimme, die plötzlich in der Stille und Dunkelheit erklang, kam ihm selbst fremd vor.

Es erfolgte keine Antwort, doch ein Zweifel daran, daß dort wirklich jemand stand, war für ihn ganz ausgeschlossen.

„Sind Sie es ... Pawel Pawlowitsch?“ wiederholte er lauter, sogar so laut, daß Pawel Pawlowitsch, selbst wenn er auf seinem Diwan ganz fest geschlafen hätte, davon sicherlich aufgewacht wäre und geantwortet haben würde.

Doch wieder blieb alles still – keine Antwort ... dafür schien es ihm aber, daß diese weiße, kaum erkennbare Gestalt sich ihm etwas genähert hatte. Und nun geschah etwas Seltsames: es war ihm, als werde plötzlich irgend etwas in ihm aufgerissen, und so schrie er zitternd, rasend vor Wut, mit einer Stimme, die ihn zu ersticken drohte, fast nach jedem Wort atemlos stockend:

„Wenn Sie ... betrunkener Narr ... nur wagen, zu denken, daß Sie ... mich erschrecken können, so drehe ich mich zur Wand, zieh’ die Decke über und dreh’ mich die ganze Nacht kein einziges Mal nach Ihnen um ... um dir zu beweisen, Lump, wie wenig ich dich fürchte ... und wenn Sie auch bis zum Morgen hier stehen ... Narr Sie ... ich spucke auf Sie! ...“

Und er spie wütend nach der Richtung des vermeintlichen Pawel Pawlowitsch, warf sich hin, drehte sich zur Wand, wickelte sich in die Decke und blieb wie ein Scheintoter regungslos liegen. Totenstille trat ein. Näherte sich nun das Weiße oder stand es noch auf derselben Stelle – er wußte es nicht, doch sein Herz pochte ... pochte ... pochte ... Es vergingen wenigstens ganze fünf Minuten, und plötzlich, keine zwei Schritt von ihm, ertönte die schwache, fast klägliche Stimme Pawel Pawlowitschs:

„Ich, Alexei Iwanowitsch, ich stand nur auf, um ...“ (er nannte einen notwendigen Gegenstand) „zu suchen, ich fand aber dort nichts bei mir ... da wollte ich leise unter Ihrem Bett nachsehen.“

„Weshalb taten Sie denn das Maul nicht auf ... als ich Sie anschrie?“ fragte Weltschaninoff nach kurzem Schweigen mit eigentümlicher Stimme.

„Ich erschrak ... Sie schrien so – plötzlich ... da erschrak ich ...“

„Dort, in der Ecke, links von der Tür, im Nachtschränkchen, zünden Sie das Licht an ...“

„Ich kann ja auch ohne Licht ...“ meinte Pawel Pawlowitsch ganz bescheiden, zur bezeichneten Zimmerecke tappend. „Verzeihen Sie mir, Alexei Iwanowitsch, daß ich Sie so beunruhigt habe ... ich habe doch wohl etwas zu viel getrunken ...“

Weltschaninoff antwortete ihm darauf nichts mehr. Er blieb regungslos so liegen wie er lag und drehte sich während der ganzen Nacht kein einziges Mal auf die andere Seite. Wollte er nun damit seine Verachtung bezeugen oder einfach nur sein Wort halten – das mag dahingestellt sein; er wußte selbst nicht, was in ihm vorging. Seine nervöse Erregung ging in einen seltsamen Traumzustand über und lange konnte er nicht einschlafen.

Am nächsten Morgen erwachte er – als habe ihn jemand gestoßen – gegen zehn Uhr, sprang sogleich auf und setzte sich aufs Bett – doch Pawel Pawlowitsch war verschwunden: nur der leere, unaufgeräumte Diwan stand dort an der Wand, er selbst aber mußte sich wohl schon bei Tagesanbruch aus dem Staube gemacht haben.

„Das konnte ich mir ja denken!“ rief Weltschaninoff aus und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.