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Sämtliche Werke 21 cover

Sämtliche Werke 21

Chapter 32: X. Auf dem Friedhof.
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About This Book

Two novellas present a pair of intense moral and psychological dramas. The first follows a young man in a continental gambling resort whose obsession with roulette entangles his hopes, debts, and a fraught attachment to a capricious woman, exposing social vanity and the logic of addiction. The second traces the unsettling reunion of two men connected by a woman's past, unfolding as a study of jealousy, dependence, and the corrosive effects of secrets and possessiveness. Both pieces combine vivid social detail with acute psychological observation and a moral focus on pride, compulsion, and ruin.

X.
Auf dem Friedhof.

Die Befürchtungen des Arztes gingen in Erfüllung: Lisas Zustand verschlimmerte sich ganz plötzlich und wurde so ernst, wie es Klawdia Petrowna und Weltschaninoff noch tags zuvor gar nicht für möglich gehalten hätten. Als Weltschaninoff am Vormittage kam, war die Kleine zwar noch nicht bewußtlos, doch hatte das Fieber bereits eine beängstigende Höhe erreicht. Weltschaninoff versicherte später, sie habe ihm zugelächelt und das heiße Händchen entgegengestreckt, doch ob sie es wirklich getan oder ob es ihm nur so geschienen hatte, das ließ sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls war er selbst fest davon überzeugt, und diese Überzeugung war ihm ein Trost. Am Abend verlor Lisa das Bewußtsein und in diesem Zustand blieb sie während der ganzen Krankheit. Am zehnten Tage nach ihrer Ankunft auf der Datsche starb sie.

Das waren kummervolle, qualvolle Tage für Weltschaninoff. Den größten Teil dieser schweren Zeit verbrachte er bei Pogorjelzeffs, die sich wirklich ernste Sorgen um ihn machten. In den letzten Tagen saß er oft stundenlang ganz allein irgendwo in einem Winkel und beschäftigte sich mit nichts, dachte auch offenbar an nichts. Klawdia Petrowna trat dann oft zu ihm, um ihn etwas zu zerstreuen, doch er antwortete kaum und die Störung war ihm sichtlich unangenehm. Klawdia Petrowna hätte es nie für möglich gehalten, daß ihm so etwas in dieser Weise nahegehen würde. Nur die Kinder konnten ihn wohl etwas ablenken und zerstreuen und bisweilen sogar zum Lachen bringen – doch in jeder Stunde erhob er sich einmal leise und schlich auf den Fußspitzen an das Bett der kleinen Kranken, um sie zu betrachten. Bisweilen schien es ihm, als erkenne sie ihn – aber wer konnte das mit Bestimmtheit sagen? Hoffnung auf ihre Genesung hatte er nicht und konnte sie auch nicht haben – wußten doch alle, wie es um sie stand; aber von dem Zimmer, in dem sie lag, vermochte er sich nicht zu trennen und so saß er gewöhnlich im Zimmer nebenan.

Mehrmals geschah es übrigens, daß er ganz plötzlich aus seiner Versunkenheit aufsah und eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte: er nahm sogleich einen Wagen und fuhr nach Petersburg zu den besten Ärzten, die er alle zu einem Konsilium berief. Das zweite fand noch am Tage vor dem Tode der Kleinen statt. Drei oder vier Tage vorher hatte Klawdia Petrowna zu Weltschaninoff von der Notwendigkeit gesprochen, Herrn Trussozkij endlich aufzusuchen: denn „sollte das Schlimmste geschehen, so kann man sie ja nicht einmal beerdigen, wenn man nicht wenigstens den Taufschein hat“! Herr Pogorjelzeff hatte schon gesagt, er werde ihn einfach durch die Polizei suchen lassen. So schrieb denn Weltschaninoff einen kurzen Zettel und brachte ihn selbst zu Marja Ssyssojewna, die ihn Pawel Pawlowitsch, der natürlich nicht zu Hause war, einhändigen sollte, sobald er kam.

Endlich, an einem wundervollen Sommerabend, als gerade die Sonne unterging, starb Lisa, und nun erst kam Weltschaninoff zu sich, und es war, als erwache er aus einem Traum. Und als dann die kleine Leiche in einem weißen Kleidchen auf einem Tisch im Saal aufgebahrt war und mit Blumen geschmückt wurde, trat er plötzlich mit funkelnden Augen auf Klawdia Petrowna zu und erklärte ihr, daß er sogleich „den Mörder“ herbeischaffen werde. Und ohne auf die Bitten und Beschwörungen, doch bis morgen damit zu warten, zu achten, begab er sich sogleich nach der Stadt.

Er wußte, wo er Pawel Pawlowitsch finden konnte; war er doch nicht bloß der Ärzte wegen nach Petersburg gefahren. Es hatte ihn in diesen Tagen mehr als einmal plötzlich die Überzeugung gepackt, daß nur der Vater an Lisas Bett zu treten brauchte, und sie, sobald sie nur seine Stimme hörte, wieder zu sich kommen würde; dann war er aufgesprungen und in die Stadt gefahren und hatte ihn wie ein Verzweifelter gesucht.

Pawel Pawlowitsch wohnte nach wie vor in den zwei möblierten Zimmern, doch dort nach ihm zu fragen, war vergeblich: „Er hat wieder drei Nächte nicht hier verbracht,“ berichtete Marja Ssyssojewna, „und läßt er sich mal tagsüber hier blicken, dann kommt er besoffen an und nach einer Stunde geht er wieder. Ganz heruntergekommen ist der Mensch!“

Ein Kellner des Gasthofes aber hatte Weltschaninoff gesagt, daß Pawel Pawlowitsch früher sehr oft gewisse Mädchen in einem Hause am Wosnessenskij Prospekt besucht habe. Diese Mädchen hatte Weltschaninoff alsbald aufgesucht. Natürlich entsannen sie sich sogleich des Herrn, der um den Hut einen Trauerflor trug und der stets so freigebig gewesen war, doch nichtsdestoweniger begannen sie alsbald einmütig über ihn zu schimpfen – natürlich nur deshalb, weil er jetzt nicht mehr zu ihnen kam. Die eine von ihnen, Katjä mit Namen, beteuerte sogleich, daß sie ihn jederzeit finden könne, da er die Maschka Prostakowa jetzt überhaupt nicht mehr verlasse, denn Geld habe er so viel wie Sand am Meer, diese Maschka aber heiße gar nicht Prostakowa, sondern eigentlich Prochwostowa, und wenn sie, Katjä, nur wolle, so könnte sie sie jeden Tag nach Sibirien verschicken lassen, sie brauche nur ein Wort zu sagen! Trotzdem war es aber der Katjä an jenem Tage doch nicht gelungen, ihn zu finden, doch hatte sie hoch und heilig versprochen, ihn das nächstemal unbedingt zur Stelle zu schaffen. Auf ihre Hilfe rechnete nun Weltschaninoff.

Es war bereits zehn Uhr abends, als er sie zu sprechen verlangte (nachdem er, wie es sich gehörte, für ihre Abwesenheit gezahlt) und sich mit ihr auf die Suche begab. Er wußte selbst noch nicht, was er mit Pawel Pawlowitsch beginnen werde: ob er ihn totschlagen oder ob er ihm einfach nur mitteilen wollte, daß Lisa gestorben war und daß er die zur Bestattung notwendigen Dokumente hergeben mußte. Doch auch diesmal ließ er sich nicht finden: Maschka Prochwostowa erklärte, daß sie ihn seit drei Tagen nicht gesehen und daß das letztemal ihm ein Kassenbeamter mit einer Holzbank „den Schädel eingeschlagen“ habe. Kurz, man suchte ihn überall vergeblich. Erst gegen zwei Uhr nachts, als Weltschaninoff aus einem gewissen Hause, in dem er Pawel Pawlowitsch „bestimmt finden“ sollte und doch nicht gefunden hatte, heraustrat, stieß er plötzlich ganz unerwartet auf ihn: Pawel Pawlowitsch wurde von zwei Frauenzimmern gerade zu diesem Hause geschleppt – er war vollständig betrunken. Die eine der beiden „Damen“ hatte ihn unter den Arm gefaßt und stützte ihn nach Kräften; ihnen folgte irgendein Mensch, ein großer, starker Bursche, der wütend auf Pawel Pawlowitsch schimpfte und ihn mit fürchterlichen Drohungen einzuschüchtern suchte. Unter anderem hörte man ihn gerade noch schreien, daß Pawel Pawlowitsch ihn „ausgenutzt“ und sein Leben „vergiftet“ habe. Offenbar handelte es sich für ihn um Geld. Die Damen schienen aber große Angst zu haben und sich sehr zu beeilen, um schneller ins Haus zu gelangen. Kaum hatte Pawel Pawlowitsch Weltschaninoff erblickt, da warf er sich ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und schrie, als stecke ihm das Messer schon in der Kehle:

„Bruder! Retter! Hilf, beschütze mich!“

Der Kerl, der folgte, glotzte Weltschaninoff ganz verblüfft an und – zog sich ohne weiteres zurück: Er mußte es offenbar für vorteilhafter halten, der ziemlich athletischen Gestalt des Unbekannten das Feld zu räumen, als es auf einen Kampf mit ihm ankommen zu lassen. Pawel Pawlowitsch fühlte sich als Sieger, drohte zum Zeichen des Triumphes mit der Faust hinter ihm her und gröhlte. Da packte ihn Weltschaninoff an den Schultern – ohne selbst zu wissen, wozu und weshalb – und plötzlich kam es wie ein Krampf über ihn und er schüttelte den Besoffenen, daß dessen Zähne klapperten. Pawel Pawlowitschs Gegröhl war im Augenblick verstummt und er starrte nur mit stumpfsinnigem Schrecken seinen neuen Henker an. Weltschaninoff wußte offenbar zunächst nicht, was er mit ihm weiter tun sollte – doch plötzlich drückte er ihn mit aller Kraft so zu Boden, daß der Betrunkene unversehens auf dem Prellstein am Trottoir saß.

„Lisa ist tot!“ stieß er hervor.

Pawel Pawlowitsch hatte noch keinen Blick von ihm abgewandt, er starrte ihn, auf dem Prellstein sitzend und von einer der „Damen“ gestützt, immer noch verständnislos an. Endlich begriff er und – sonderbar! – sein ganzes Gesicht schien sich plötzlich zu verändern und sah alt und verfallen aus.

„Tot ...“ flüsterte er eigentümlich vor sich hin. Lächelte er nun wieder sein scheußliches langes Lächeln oder war es etwas anderes, das sein Gesicht verzog – Weltschaninoff konnte es nicht unterscheiden. Doch im nächsten Augenblick hob Pawel Pawlowitsch mühsam seine zitternde rechte Hand, um sich zu bekreuzen, aber er vollendete das Kreuz nicht, schlaff sank ihm der Arm herab. Nach einer Weile erhob er sich wankend vom Prellstein, tastete nach seiner „Dame“ und ging, sich schwer auf sie stützend, wankenden Schrittes davon, wie in Gedanken versunken. Es war, als habe er Weltschaninoff völlig vergessen. Doch sollte er nicht weit kommen. Weltschaninoff riß ihn an der Schulter zurück.

„Begreifst du denn nicht, du Lump, daß man sie ohne dich nicht einmal begraben kann!“ schrie er wutbebend.

Jener wandte den Kopf nach ihm um.

„Den Artil–lerie ... Leutnant ... Sie wissen doch?“ brachte er mit schwerer Zunge unklar hervor.

„Was? ... Was sagst du?“ keuchte Weltschaninoff, in dem sich alle Sehnen zum Zerreißen spannten.

„Da hast du den Vater! Such ihn dir ... zum Begraben ...“

„Du lügst!“ brüllte Weltschaninoff, als habe er vor Wut alle Macht über sich verloren, „aus Rache lügst du ... ich wußte es, daß du das für mich in Bereitschaft hieltest!“

Und außer sich vor Wut holte er aus, um Pawel Pawlowitsch den Schädel einzuschlagen. Noch ein Moment – und die Knochen hätten unter der Wucht seiner athletischen Faust geknirscht: wohl mit einem einzigen Hieb hätte er ihn totgeschlagen! Die beiden Frauenzimmer schrien auf und stoben zur Seite, doch Pawel Pawlowitsch zuckte mit keiner Wimper. Nur Haß – ein Haß, der in seiner Grenzenlosigkeit nahezu tierisch war – entstellte sein ganzes Gesicht.

„Kennst du,“ fragte er mit bedeutend festerer Stimme, fast als wäre er ganz nüchtern, „kennst du unsere russische ...?“ (Und er nannte das scheußliche russische Schimpfwort für eine Dirne.) „Dann pack dich zu ihr!“

Und mit aller Gewalt riß er sich von Weltschaninoff los, dessen Linke sich um seinen Arm gekrallt hatte, wankte, taumelte zwei Schritte weiter und drohte zu fallen. Die Damen griffen ihn noch rechtzeitig auf und eilten, kreischend und schreiend, so schnell sie nur konnten, mit ihm davon, indem sie ihn fast nachschleifend weiterzogen.

Weltschaninoff folgte ihnen nicht.

Am nächsten Tage um ein Uhr mittags erschien bei Pogorjelzeffs ein höchst anständig aussehender Herr in tadelloser Beamtenuniform und überreichte Klawdia Petrowna höflichst ein an sie adressiertes Paket von Pawel Pawlowitsch Trussozkij. In diesem Paket befand sich außer einem Brief und den zur Bestattung notwendigen Dokumenten noch ein Kuvert mit dreihundert Rubeln. Pawel Pawlowitsch schrieb ziemlich kurz, doch äußerst verbindlich und jedenfalls sehr taktvoll. Er dankte „Ihrer Exzellenz“ für die liebevolle Aufnahme, die sie der kleinen Waise erwiesen, für die Pflege und alles das andere, was allein Gott durch seinen Segen entgelten könne. Darauf erwähnte er – übrigens war dieser Satz ziemlich unklar gehalten –, daß er infolge ernsten Unwohlseins verhindert sei, persönlich zum Begräbnis seiner geliebten entschlafenen Tochter zu erscheinen und daß er deshalb, im Vertrauen auf die „unvergleichliche Güte Ihrer Exzellenz“, diese herzlich bitte, alle Obliegenheiten zu übernehmen. Die dreihundert Rubel seien für die Ausgaben der Bestattung und überhaupt für die Unkosten, die ihre Krankheit verursacht habe, bestimmt. Sollte von dieser Summe noch etwas übrigbleiben, so bitte er ergebenst und gehorsamst, dieses Geld zu Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen zu verwenden. Der Herr in der Beamtenuniform wußte nichts weiter hinzuzufügen; aus seinen Worten ging sogar hervor, daß er nur auf die dringende Bitte Pawel Pawlowitschs eingewilligt habe, dieses Paket Ihrer Exzellenz persönlich zu überbringen. Der Geheimrat fühlte sich fast beleidigt durch die „Unkosten, die ihre Krankheit verursacht habe“ und schlug daher vor, das Geld außer den fünfzig Rubeln für das Begräbnis – da man es dem Vater doch nicht verwehren konnte, sein Kind aus eigenen Mitteln zu bestatten – an Herrn Trussozkij sogleich zurückzusenden. Klawdia Petrowna entschied jedoch, ihm nicht das Geld, sondern ihm lieber die Quittung des Geistlichen der Friedhofskirche zuzustellen und für die zweihundertundfünfzig Rubel – was er aus der Quittung ersehen werde – Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen lesen zu lassen. Und so geschah es auch. Die Quittung wurde später Weltschaninoff eingehändigt, der sie durch die Post an Pawel Pawlowitschs Adresse sandte.

Nach der Beerdigung kehrte Weltschaninoff in die Stadt zurück. Ganze zwei Wochen trieb er sich ziel- und zwecklos umher, schlenderte ganz allein durch die Straßen, stieß in seiner Gedankenversunkenheit mit anderen Menschen zusammen, entschuldigte sich nicht einmal und sah keinen an. Bisweilen wiederum lag er tagelang auf seinem Diwan ausgestreckt, ohne auch nur an das Nächstliegende zu denken. Pogorjelzeffs ließen ihn mehrmals zu sich bitten, und er versprach auch bald hinzufahren, vergaß es aber schon im nächsten Augenblick. Klawdia Petrowna kam sogar persönlich zu ihm gefahren, traf ihn jedoch nicht zu Haus. Dasselbe Ergebnis hatten auch zwei Besuche seines Rechtsanwalts, der ihm eine sehr erfreuliche Mitteilung zu machen hatte: der Rechtsstreit war von ihm nämlich so geschickt geleitet worden, daß die Gegner jetzt zu einem gütlichen Vergleich bereit waren, wenn man sie mit einem unbedeutenden Bruchteil der von ihnen bestrittenen Erbschaft abfand. Dazu bedurfte es nur noch der Einwilligung Weltschaninoffs. Als der Rechtsanwalt diesen dann endlich zu Hause antraf, war er nicht wenig erstaunt über den müden Gleichmut, mit dem ihn sein vor kurzem noch so ungeduldiger Klient anhörte.

Die Julihitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Tage waren unerträglich heiß. Doch Weltschaninoff achtete nicht darauf, ihm war alles gleichgültig. Er fühlte nur einen Schmerz in der Seele, den er immerwährend wie einen qualvoll bewußten Gedanken empfand. Am wehesten tat ihm, daß Lisa gestorben war, ohne ihn besser kennen gelernt zu haben und ohne zu wissen, wie sehr er sie liebte! Jenes Lebensziel, das er plötzlich in so strahlendem und kraftvollem Licht vor sich gesehen, war plötzlich wieder verschwunden in drückender Dunkelheit. Jenes Ziel hatte eigentlich nur darin bestanden – seine Gedanken beschäftigten sich jetzt fast ausschließlich damit –, daß er Lisa erzogen und daß sie an jedem Tage, zu jeder Stunde seine sorgende Liebe gefühlt hätte. „Ein höheres Ziel gibt es nicht, ein höheres hat kein Mensch und kann auch kein Mensch haben!“ sagte er sich überzeugt, und es erfaßte ihn eine düstere Begeisterung. „Oder wenn die Menschen auch andere Ziele haben sollten, so kann doch keines heiliger sein!“ Und diese Liebe zu seinem Kinde, so dachte er es sich jetzt, hätte alles wieder gut gemacht, vor allem sein ganzes früheres lasterhaftes und unnützes Leben; statt eines müßigen, schlechten und abgelebten Menschen, wie er es war, hätte er ein reines und wundervolles Wesen für die Welt und das Leben erzogen und – „um dieses Kindes willen wäre mir alles verziehen worden und hätte ich mir auch selbst verziehen!“

Alle diese Gedanken waren für ihn untrennbar verbunden mit der ewig klaren und ewig auf ihm lastenden Erinnerung an das tote Kind. Er vergegenwärtigte sich immer wieder ihr bleiches Gesichtchen, erinnerte sich jedes Ausdruckes, jeder ihrer Bewegungen; er glaubte, sie wieder vor sich zu sehen, wie sie im Sarge unter Blumen und wie sie während der Krankheit bewußtlos gelegen: heißglühend mit offenen, unbeweglichen, fieberglänzenden Augen. Da fiel es ihm ein, daß er, als sie noch auf dem Tisch aufgebahrt lag, plötzlich bemerkt hatte, daß ein Fingerchen an einer Stelle blauschwarz geworden war; das hatte ihn damals so betroffen gemacht und dieser arme kleine Finger hatte ihm so leid getan, daß ihm plötzlich zum erstenmal der Gedanke gekommen war, Pawel Pawlowitsch unverzüglich aufzusuchen und totzuschlagen; bis dahin aber war er wie betäubt gewesen. Gleichviel, was die Ursache der Krankheit des Kindes gewesen sein mochte – gekränkter Stolz oder die Qualen, mit denen sie der eigene Vater folterte, dessen Liebe sich so plötzlich in Haß verwandelt hatte, der ihr schändliche Schimpfwörter sagte und über ihre Angst höhnisch lachte, bis er zu guter Letzt zuließ, daß sie von einem fremden Menschen fortgebracht wurde – die Schuld an ihrem Tode trug jedenfalls Pawel Pawlowitsch ganz allein. Darüber war sich Weltschaninoff von vornherein vollkommen klar, und immer wieder kehrten seine Gedanken dazu zurück, wie Pawel Pawlowitsch sie gequält hatte, und seine Phantasie gab sich mit tausend Schrecknissen ab. „Wissen Sie auch, was Lisa mir war?“ hörte er plötzlich wieder die Frage des Betrunkenen und er fühlte, daß diese eigentümliche Frage nicht wie alles andere Verstellung war, sondern aus der tiefsten Tiefe seines Inneren kam und von einst unendlicher Liebe sprach. „Ja aber wie konnte dieses Scheusal dann so grausam zu diesem Kinde sein, das er doch zweifellos geliebt hat, wie ist so etwas überhaupt möglich?“ Doch jedesmal, wenn er wieder bei dieser Frage angelangt war, erschrak er und dachte sogleich an etwas anderes, als wolle er weiterem Nachdenken über dieses Problem schnell aus dem Wege gehen. Es lag für ihn in dieser Frage etwas geradezu Unheimliches, etwas Unerträgliches, etwas, das ihn davon abhielt, nach einer Antwort zu suchen.

Eines Tages hatte er, fast ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, seinen ziellosen Weg durch die Straßen der Stadt immer weiter fortgesetzt, bis er zu dem Friedhof gelangt war, auf dem man Lisa begraben hatte. Er fand bald ihr kleines Grab. Es war das erstemal, daß er nach der Bestattung auf den Friedhof kam: er hatte immer gefürchtet, daß die Qual gar zu groß werden könnte, und so hatte er es nicht gewagt, ihr Grab aufzusuchen. Doch seltsam, kaum war er niedergekniet und hatte die Stirn auf den weichen Rasen des kleinen, noch hohen Hügels gesenkt, da war es ihm, als würde ihm leichter zumute. Der Abend war still und klar, die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten. Ringsum auf den Hügeln und Plätzen wuchs üppiges, weiches Gras; an einem Hagebuttenstrauch in der Nähe summte eine Biene. Die Blumen und Kränze auf Lisas kleinem Grabe waren verwelkt und die Blüten zur Hälfte entblättert. Weltschaninoff sah und schaute, und zum erstenmal nach langer Zeit stieg wieder ein Hoffnungsgefühl in ihm auf und erfrischte ihm Herz und Sinne.

„Wie frei! ... wie wundervoll leicht!“ dachte er unter der Empfindung der tiefen, reglosen Friedhofsstille, und er schaute hinauf zum klaren, stillen Himmel.

Und wie ein Strom eines reinen, ruhigen Vertrauens, wie ein Glaube an irgend etwas, kam es über ihn.

„Das hat mir Lisa gesandt, sie spricht zu mir,“ sagte er sich.

Es dämmerte bereits, als er den Friedhof verließ, um nach Hause zurückzukehren. Nicht allzu weit vom Friedhofstor befand sich in einem niedrigen hölzernen Häuschen an der Straße so etwas wie eine Schenke oder ein Bierlokal. Durch die offenen Fenster sah man die Leute an den Tischen sitzen. Plötzlich schien es Weltschaninoff, als sei einer von ihnen – derjenige, welcher am offenen Fenster saß – Pawel Pawlowitsch, der ihn bereits erkannt hatte und neugierig mit den Blicken verfolgte. Er ging weiter, ohne seinen Schritt zu verändern, doch bald hörte er, daß jemand ihm schnell folgte. Es war in der Tat Pawel Pawlowitsch. Offenbar hatte ihn der versöhnliche Ausdruck im Gesicht Weltschaninoffs ermutigt. Als er ihn erreicht hatte, hielt er mit ihm gleichen Schritt, schien zwar noch etwas zaghaft zu sein, und lächelte nur – doch war es nicht mehr sein betrunkenes widerliches Lächeln, wie er überhaupt nicht betrunken zu sein schien.

„Guten Tag,“ sagte er.

„Guten Tag,“ antwortete Weltschaninoff.