Sachlebinins waren in der Tat eine „höchst anständige Familie“ und der Staatsrat selbst ein geachteter, einflußreicher und tüchtiger Beamter. Doch war auch das, was Pawel Pawlowitsch über die Vermögenslage gesagt hatte, durchaus richtig: Sie lebten gut, starb er aber heute oder morgen, so blieb nichts übrig.
Der Hausherr empfing Weltschaninoff in der freundlichsten und herzlichsten Weise: aus dem früheren Feinde schien ein aufrichtiger Freund geworden zu sein.
„Nun, ich gratuliere, so hat sich alles zum besten gewandt!“ kam er sogleich in einer etwas gönnerhaft gutmütigen Weise auf den Prozeß zu sprechen. „Ich habe selbst auf einen gütlichen Vergleich hingewirkt und Pjotr Karlowitsch“ (Weltschaninoffs Advokat) „ist ja in solchen Sachen eine Kraft, auf die man sich verlassen kann. Sechzigtausend Rubel bekommen Sie ohne alle Scherereien, die sind Ihnen ganz fraglos sicher. So wie die Dinge jetzt liegen. Andernfalls hätte sich der Prozeß noch drei Jahre hinziehen können.“
Weltschaninoff wurde sogleich Madame Sachlebinin vorgestellt, einer korpulenten, ältlichen Dame mit einem ziemlich einfachen, etwas müden Gesicht. Nach und nach erschienen dann auch die Töchter, einzeln oder paarweis. Aber es kamen ihrer doch schon gar zu viele, nicht acht, sondern ganze zehn oder zwölf – Weltschaninoff konnte sie nicht einmal zählen, da es ein fast ununterbrochenes Kommen und Gehen war. Doch befanden sich unter ihnen auch mehrere Freundinnen aus den in der Nachbarschaft liegenden Landhäusern. Das Landhaus, in dem Sachlebinins wohnten, – ein großes hölzernes, in undefinierbarem, doch recht eigentümlichem Stil gebautes Haus mit verschiedenen Anbauten – war von einem großen Garten umgeben; in diesem Garten lagen in ziemlicher Entfernung noch drei oder vier Landhäuser; und da der Garten allen Anwohnern gemeinsam gehörte, so war es selbstverständlich, daß die jungen Mädchen mit den Altersgenossinnen aus den anderen Landhäusern Freundschaft geschlossen hatten.
Es fiel Weltschaninoff nicht schwer, alsbald zu erraten, daß sein Erscheinen niemanden überrascht, daß man ihn vielmehr erwartet hatte und sein Besuch als Freund Pawel Pawlowitschs von diesem womöglich feierlich angemeldet worden war. Sein in solchen Angelegenheiten gut geschulter Scharfblick – Erfahrung lehrt – durchschaute sogar noch mehr als das: der so überaus liebenswürdige Empfang seitens der Eltern, sowie das etwas eigentümliche Verhalten der jungen Damen und nicht zuletzt auch ihre festliche Kleidung (es war allerdings ein Feiertag, aber immerhin –!) – alles das rief in ihm den Verdacht hervor, daß Pawel Pawlowitsch ihm ein Stückchen gespielt und – was sehr möglich war – angedeutet hatte, natürlich ohne irgend etwas Genaueres zu sagen, daß sein Freund Weltschaninoff ein sich langweilender Junggeselle sei, der „zur besten Gesellschaft gehört und vermögend ist“, und daß er sich vielleicht endlich einmal entschließen werde, „seine Freiheit aufzugeben“, zumal er gerade jetzt noch ein Vermögen dazu geerbt hatte. Allem Anscheine nach war die älteste Tochter, Katerina Fedossejewna, – dieselbe, die schon vierundzwanzig Jahre alt sein sollte und die Pawel Pawlowitsch als „reizend“ bezeichnet hatte – sogar ein wenig darauf vorbereitet worden. Wenigstens zeichnete sie sich durch ihre Kleidung wie durch eine ganz besonders sorgfältige, sehr reizvolle und originelle Frisur ihres sehr schönen blonden Haares aus. Die Schwestern aber und die Freundinnen blickten alle so drein, als wüßten auch sie es ganz genau, daß Weltschaninoff „Katjäs wegen“ sich hatte einführen lassen und nur gekommen war, „um sie zu sehen“. Ihre Blicke und einzelne hin und wieder entschlüpfende Bemerkungen schienen ihm die Richtigkeit dieser Annahme noch zu bestätigen.
Katerina Fedossejewna war eine hoch gewachsene, fast üppige Blondine mit einem sympathischen lieben Gesicht, still, sehr wenig temperamentvoll, vielleicht sogar ein wenig phlegmatisch. „Sonderbar, daß eine solche sitzen geblieben ist,“ dachte Weltschaninoff unwillkürlich, indem er sie mit aufrichtigem Wohlgefallen betrachtete, „mag sie auch keine Mitgift bekommen und später einmal, vielleicht schon bald, in ihren Formen sozusagen ausfließen – aber für das, was sie vorläufig ist, gibt es doch so viele Liebhaber ...“ Auch die übrigen Schwestern sahen nicht übel aus und unter den Freundinnen schienen sogar ein paar recht pikante und hübsche Gesichtchen zu sein. Die Sache begann ihn zu interessieren, übrigens war er ja auch mit besonderen Absichten zu ihnen gekommen.
Nadeschda Fedossejewna, die sechste Tochter, die noch die Schule besuchende „Erwählte“ Pawel Pawlowitschs, ließ auf sich warten. Weltschaninoff sah mit wachsender Ungeduld ihrem Erscheinen entgegen, worüber er sich selbst wunderte und sich sogar heimlich auslachte. Endlich erschien sie – nicht ohne mit ihrem Erscheinen einen gewissen Eindruck zu machen – am Arme einer älteren, sehr lebhaften Freundin. Diese Freundin, Marja Nikititschna mit Namen – eine mittelgroße Erscheinung, brünett, mit einem komischen Gesicht, wurde, wie es sich sogleich herausstellen sollte, von Pawel Pawlowitsch ganz besonders gefürchtet. Sie lebte als Hauslehrerin der Kinder einer bekannten Familie in einem der Nachbarhäuser und wurde, da sie bereits dreiundzwanzig Jahre zählte, auch nichts weniger als dumm und sehr lustig war, von den jungen Mädchen nahezu verehrt und von der ganzen Familie wie eine Verwandte behandelt. Ersichtlich war sie auch Nadjä[10] in diesem Augenblick eine unentbehrliche Stütze. Weltschaninoff bemerkte sogleich, daß alle Mädchen sich gegen Pawel Pawlowitsch verschworen haben mußten, die Freundinnen nicht ausgenommen, und schon wenige Augenblicke nach Nadjäs Erscheinen war er überzeugt, daß sie, die Hauptperson, ihn einfach haßte. Gleichzeitig stellte er fest, daß Pawel Pawlowitsch nichts davon bemerkte oder wenigstens nicht bemerken wollte. Nadjä war zweifellos die hübscheste von allen Schwestern: eine kleine Brünette mit dem Mienenspiel eines echten Wildfangs und der Dreistigkeit einer geborenen Nihilistin, ein spitzbübisches Teufelchen mit blitzenden Augen, einem reizenden Lächeln – das übrigens auch recht boshaft und spöttisch sein konnte – einem entzückenden Mund und noch entzückenderen Zähnchen, ein schlankes, strammes Figürchen, mit den ersten eigenen Denkversuchen im sprechenden Ausdruck des Gesichtchens, das aber dabei doch noch ganz kindlich wirkte. Ihre fünfzehn Jahre verrieten sich in jedem Schritt, in jedem Wort. Später stellte es sich heraus, daß Pawel Pawlowitsch sie zum erstenmal tatsächlich mit dem Büchertäschchen gesehen hatte.
Die Überreichung des Geschenks mißlang vollkommen und machte sogar einen sehr unangenehmen Eindruck. Pawel Pawlowitsch trat sogleich, kaum daß er seine „Braut“ erblickt hatte, auf sie zu und überreichte ihr mit einem verlegenen Lächeln das Etui als Ausdruck seines „Dankes für das Vergnügen, das ihm die von Nadeschda Fedossejewna während seines letzten Besuches gesungene Romanze bereitet ...“ Er kam aus dem Konzept, stockte, wußte sich nicht zurechtzufinden, stand wie ein Verlorener vor ihr und wollte ihr das Etui mit dem Armband förmlich in die Hand drücken. Nadeschda Fedossejewna errötete vor Zorn und Scham, versteckte schnell beide Hände hinter dem Rücken und wandte sich brüsk an die Mama, die gleichfalls etwas peinlich berührt schien, und sagte schnippisch:
„Nimm es entgegen und bedank dich,“ sagte der Vater mit ruhiger Strenge, doch war auch er offenbar nicht sehr erbaut von dieser Überraschung. „Überflüssig, mein Lieber, überflüssig!“ brummte er in leise zurechtweisendem Tone.
Nadjä nahm, da ihr nichts anderes übrig blieb, mit niedergeschlagenen Augen das Etui in Empfang und machte einen Knix, wie ihn kleine Mädchen zu machen pflegen. Eine der Schwestern trat darauf zu ihr, um das Geschenk zu betrachten, doch Nadjä reichte ihr sogleich das Etui, ohne es vorher zu öffnen, womit sie natürlich zeigen wollte, daß sie die Schmucksache überhaupt nicht zu sehen wünsche. Das Armband wurde herausgenommen und ging von Hand zu Hand, doch alle betrachteten es stumm, einige sogar mit kaum merklichem Spottlächeln. Nur die Mama äußerte halblaut, daß es „sehr nett“ sei. Pawel Pawlowitsch wäre am liebsten in die Erde versunken.
Da rettete Weltschaninoff die Situation.
Lebhaft und mit seiner ganzen Routine knüpfte er sogleich ein Gespräch an, benutzte den ersten besten Gedanken, der ihm kam, und es vergingen keine fünf Minuten, da hatte er bereits die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gefesselt. Die Kunst, in Gesellschaft zu plaudern, beherrschte er meisterhaft, – das heißt die Kunst, vollkommen harmlos zu scheinen und zu tun, als halte er seine Zuhörer für genau so harmlos und offenherzig, wie er es selbst ist. Mit fabelhafter Naturtreue gelang es ihm auch, wenn es nötig war, den glücklichsten und heitersten Menschen darzustellen. Nicht minder geschickt verstand er z. B. eine scharfsinnige, interessante Bemerkung, eine witzige Anspielung oder eine humorvolle Anekdote so nebenbei mit ins Gespräch einzuflechten, als habe sich das ganz von selbst ergeben, als bemerke er es überhaupt nicht, oder als sei alles Geistvolle ganz selbstverständlich – während in Wirklichkeit sowohl die Bemerkung wie die Anspielung und die betreffende Anekdote vielleicht schon viel früher einmal von ihm ersonnen und auswendig gelernt und wohl schon manches liebe Mal angebracht worden waren. Doch diesmal kam seiner Kunst noch die Natur selbst zu Hilfe: er fühlte sich zu einer geistvollen Unterhaltung so aufgelegt, wie noch nie; es war da irgend etwas, das ihn einfach mit sich selbst fortriß; und die Überzeugung, daß in wenigen Minuten alle diese Augen nur auf ihn gerichtet sein, alle Anwesenden nur ihm allein zuhören, nur mit ihm allein sprechen und nur über seine Witze lachen würden, gab ihm die Sicherheit der Siegesgewißheit und inspirierte ihn in einer Weise, daß er förmlich sich selbst übertraf. Und in der Tat, bald hörte man leises Lachen und schon ließen sich auch andere ins Gespräch hineinziehen – denn das verstand er vorzüglich, andere gleichfalls zum Reden zu bringen – und schon begannen drei oder vier zu gleicher Zeit zu sprechen, so lebhaft war man geworden. Sogar das gelangweilte, müde Gesicht der Madame Sachlebinin erhellte sich vor Freude, und mit Katerina Fedossejewna war dasselbe der Fall: sie hörte ihm mit dem lebhaftesten Interesse zu und schien überhaupt nur noch für ihn Augen und Ohren zu haben.
Nadjä beobachtete ihn unausgesetzt mit prüfenden Blicken etwas unter der Stirn hervor – sie war augenscheinlich gegen ihn eingenommen. Das trieb ihn nur noch mehr an, den ganzen Zauber seiner Liebenswürdigkeit ins Treffen zu führen. Der „boshaften“ Marja Nikititschna gelang es aber doch, eine ihm ziemlich peinliche Stichelei anzubringen: sie behauptete plötzlich – was sie sich selbst ausgedacht hatte – daß Pawel Pawlowitsch bei seinem Besuch tags zuvor von ihm als von seinem ehemaligen Spielkameraden und Jugendfreund gesprochen habe, wodurch sie zu verstehen gab, daß sie ihn für ebenso alt halte, wie Pawel Pawlowitsch, der doch um ganze sieben Jahre älter war, als Weltschaninoff. Doch auch der boshaften Marja Nikititschna gefiel er schließlich. Pawel Pawlowitsch war einfach wie vor den Kopf gestoßen. Obschon er wußte, welch ein glänzender Gesellschafter sein „Freund“ sein konnte, und sich anfangs aufrichtig über seinen Erfolg gefreut hatte – er lachte zunächst über jedes gelungene Wort oder kicherte beifällig und mischte sich sogar selbst ins Gespräch – so verstummte er doch allmählich, schien gleichsam nachdenklich zu werden, und zu guter Letzt sprach sogar eine gewisse offenkundige Verstimmtheit aus seinem verbissenen Gesicht.
„Nun, Sie sind ja ein Gast, um dessen Unterhaltung man sich nicht erst zu bemühen braucht,“ meinte schließlich der alte Sachlebinin heiter, indessen er sich vom Stuhl erhob, um sich in sein Arbeitszimmer zu begeben. Dort harrte seiner eine ganze Menge Schriftstücke, die er, obschon es ein Feiertag war, alle noch durchsehen wollte. „Und stellen Sie sich vor, ich hielt Sie für den schlimmsten Hypochonder unter allen unseren Junggesellen. Da sieht man wieder, wie man sich mitunter täuschen kann!“
Im Saal stand ein Flügel; Weltschaninoff fragte, wer sich von den Damen mit Musik beschäftige, und plötzlich wandte er sich an Nadjä:
„Sie singen, nicht wahr?“
„Wer hat Ihnen das gesagt?“ fragte Nadjä schnippisch.
„Pawel Pawlowitsch sagte es doch vorhin.“
„Das ist nicht wahr! Ich singe gar nicht! Oder wenn ich singe, dann tue ich es nur so zum Ulk. Ich habe überhaupt keine Stimme.“
„Auch ich habe keine Stimme und doch singe ich.“
„Ja? Werden Sie uns etwas vorsingen? Nun, dann werde auch ich singen!“ rief Nadjä mit aufblitzenden Augen, „aber nicht jetzt, später, nach dem Essen! – Ich kann Musik nicht ausstehen,“ fuhr sie fort, „dieses ewige Geklimper langweilt mich furchtbar. Bei uns wird doch vom Morgen bis zum Abend gespielt und gesungen – Katjä allein übt ja schon den ganzen Tag.“
Weltschaninoff griff sofort die Bemerkung auf und es stellte sich heraus, daß von allen in der Tat nur Katerina Fedossejewna sich ernstlich mit Musik beschäftigte. Da wandte er sich sogleich mit der Bitte an sie, doch etwas vorzuspielen. Ersichtlich berührte es alle sehr angenehm, daß er sich an Katjä gewandt hatte, und maman errötete sogar vor Freude. Katerina Fedossejewna erhob sich lächelnd und trat an den Flügel: und mit einemmal – es kam ihr selbst ganz unerwartet – errötete sie gleichfalls, und plötzlich schämte sie sich entsetzlich, daß sie, die schon so groß und schon vierundzwanzig Jahre alt und schon so üppig war, wie ein kleines Mädchen erröten konnte, – und alles das las man in ihrem Gesicht, während sie sich hinsetzte, um die Bitte des Gastes zu erfüllen. Sie spielte irgend etwas von Haydn und spielte es tadellos, wenn auch ohne besonderen Ausdruck. Offenbar: sie schämte sich. Nachdem sie es beendet hatte, begann Weltschaninoff animiert, nicht ihr Spiel, sondern Haydn und namentlich jene kleine Komposition von ihm, die sie gespielt hatte, beifällig zu beurteilen, und das war ihr augenscheinlich so angenehm und sie hörte so dankbar und glücklich das Lob an, das nicht ihr, sondern Haydn galt, daß Weltschaninoff sie unwillkürlich aufmerksamer und fast sogar zärtlich betrachtete: „Ei, du bist ja reizend!“ sprach sein Blick – und plötzlich errieten alle diesen Blick, und auch Katerina Fedossejewna erriet ihn.
„Sie haben da einen herrlichen Garten,“ wandte er sich wieder an alle, nach einem Blick durch die Glastür der Veranda, „ich möchte einen Vorschlag machen: gehen wir jetzt alle etwas spazieren.“
„Ja, ja, gehen wir, gehen wir!“ erscholl von allen Seiten fröhlicher Beifall, als hätte er den größten Herzenswunsch aller Anwesenden ausgesprochen.
Im Garten blieb man dann bis zum Mittagessen, das nach der Petersburger Sitte wie gewöhnlich um fünf Uhr serviert wurde. Madame Sachlebinin, die nicht gut ohne ein Nachmittagsschläfchen auskam, konnte sich doch nicht enthalten, mit den übrigen hinauszugehen, blieb aber dann „zur Erholung“ auf der Veranda sitzen, wo sie alsbald einschlummerte. Im Garten wurden die Beziehungen zwischen Weltschaninoff und den jungen Mädchen noch freundschaftlicher. Er bemerkte alsbald, daß aus den Nachbarvillen drei Jünglinge sich zu ihnen gesellt hatten. Einer von ihnen war Student, ein anderer erst Gymnasiast. Sie suchten jeder sogleich die entsprechende, junge Dame auf, um derentwillen sie offenbar nur gekommen waren. Der dritte „junge Mann“ – ein zwanzigjähriger Jüngling mit struppigem Haar und finsterem Gesicht, das eine große blaue Brille noch mehr verfinsterte – begann schnell und ärgerlich mit Marja Nikititschna und Nadjä über irgend etwas zu tuscheln. Er musterte auch Weltschaninoff mit strengem Blick und schien es offenbar für seine Pflicht zu halten, ihn mit der größten Verachtung zu behandeln. Einige der Mädchen schlugen vor, schneller „mit dem Spiele“ zu beginnen. Auf Weltschaninoffs Frage, was denn gespielt werden solle und welche Spiele sie gewöhnlich bevorzugten, wurde ihm die vielstimmige Antwort zuteil, daß sie gewöhnlich „alle Spiele“ spielten, am Abend aber komme meist ein Sprichwörterspiel an die Reihe – und sie erklärten ihm dasselbe ausführlich folgendermaßen: Alle setzen sich und einer oder eine muß fortgehen und sich die Ohren zuhalten; die Sitzenden wählen dann irgendein Sprichwort, z. B. „Eile mit Weile“, und nachdem dann der, welcher fortgegangen, wieder zurückgerufen ist, muß jeder oder jede der Reihe nach einen Satz sagen: die erste einen, in dem unbedingt das Wort „Eile“ vorkommen muß, die zweite einen Satz mit dem Wort „mit“, und so weiter. Jener aber „müsse unbedingt die richtigen Wörter herausmerken und das Sprichwort erraten“.
„Das muß ja sehr amüsant sein,“ meinte Weltschaninoff.
„Ach nein, gar nicht, es ist furchtbar langweilig!“ antworteten zwei oder drei Stimmen zugleich.
„Oh, aber zuweilen spielen wir auch Theater!“ wandte sich plötzlich Nadjä ihm zu. „Sehen Sie dort den großen Baum mit dem Buschwerk ringsherum: dort, hinter dem Baum, sind die Kulissen – es sind ja keine, aber wir sagen so – dort sitzen dann die Schauspieler, gleichviel was sie da sind, König oder Königin, oder die Prinzessin, oder der Held und Liebhaber – wie es ein jeder selbst will. Und jeder tritt dann auf, wenn er Lust hat und redet, was ihm einfällt. Nun und so kommt denn dabei irgend etwas heraus.“
„Das muß ja allerliebst sein!“ meinte wiederum Weltschaninoff in lobender Anerkennung der Leistungen.
„Ach nein, schrecklich langweilig! Zuerst ist es ganz lustig, aber zum Schluß wird es immer blödsinnig, denn niemand versteht irgendwie abzuschließen. Ja, mit Ihnen, da wäre es was anderes, wenn Sie mitspielen wollten. Wir glaubten doch, daß Sie ein Freund von Pawel Pawlowitsch seien, aber da stellt es sich jetzt heraus, daß er einfach nur geprahlt hat. Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind ... und das – aus einem besonderen Grunde ...“
Sie sah ihn sehr ernst und bedeutsam an und kehrte wieder zu ihrer Marja Nikititschna zurück.
„Das Sprichwörterspiel werden wir am Abend spielen,“ tuschelte plötzlich vertrauensvoll und mitteilsam eine der kleinen Freundinnen Weltschaninoff zu, – eine, die er bis dahin noch kaum beachtet und mit der er noch kein Wort gesprochen hatte, „und wenn wir dann alle Pawel Pawlowitsch auslachen, müssen Sie mitlachen, ja?“
„Ach, wie gut das ist, daß Sie gekommen sind, sonst ist es bei uns immer so langweilig!“ teilte ihm freundschaftlich eine andere Kleine mit, die er überhaupt noch nicht bemerkt hatte, und die plötzlich Gott weiß woher aufgetaucht war – eine kleine Rothaarige mit Sommersprossen und einem vom Laufen höchst komisch geröteten Gesicht.
Pawel Pawlowitschs Unruhe wurde immer größer. Weltschaninoff dagegen schloß inzwischen Freundschaft mit Nadjä, die ihn längst nicht mehr mißtrauisch betrachtete, vielmehr jede Absicht, ihn genauer zu prüfen, vergessen zu haben schien, und vorläufig nur lachte und lief und herumhüpfte und zweimal plötzlich sogar seine Hand ergriff. Sie war unsagbar glücklich, Pawel Pawlowitsch jedoch schenkte sie nicht die geringste Beachtung, als existiere er überhaupt nicht. Bald hatte Weltschaninoff sich überzeugt, daß eine regelrechte Verschwörung gegen Pawel Pawlowitsch geplant war. Nadjä und die halbe Schar der Mädchen führte Weltschaninoff nach der einen Seite des Gartens, während gleichzeitig die andere halbe Schar Pawel Pawlowitsch unter verschiedenen Vorwänden nach der entgegengesetzten Seite zu entführen suchte, was jedoch nicht gelang. Pawel Pawlowitsch riß sich nämlich plötzlich los und eilte schnurstracks zu Weltschaninoff und Nadjä, die beide ordentlich erschraken, als sein kahler, unruhig aufhorchender Schädel zwischen ihnen auftauchte. Zu guter Letzt scheute er sich gar nicht mehr, offen seine Eifersucht zu zeigen, – die Naivität seines Gebarens war bisweilen mehr als erstaunlich. Weltschaninoff konnte nicht umhin, Katerina Fedossejewna nochmals mit besonderem Interesse zu betrachten: sie war sich jetzt natürlich schon klar darüber, daß er durchaus nicht um ihretwillen gekommen war und sich bereits gar zu lebhaft für Nadjä interessierte, doch der Ausdruck ihres Gesichts blieb ebenso lieb und gut, wie er vorher gewesen war. Sie schien allein schon deshalb glücklich zu sein, weil sie gleichfalls bei ihnen sein und mit anhören konnte, was der neue Gast sprach; leider verstand es die Ärmste nur gar nicht, sich auch selbst geschickt am Gespräch zu beteiligen.
„Wie reizend Ihre Schwester Katerina Fedossejewna ist!“ sagte er leise zu Nadjä.
„Katjä? Ja kann es denn überhaupt eine bessere Seele geben? Sie ist doch unser Engel, ich bin einfach in sie verliebt!“ entgegnete die Kleine ganz begeistert.
Um fünf Uhr ging man zu Tisch. Auch das Mittagessen zeichnete sich in einer Weise aus, die verriet, daß es zu Ehren des Gastes mit besonderer Sorgfalt zubereitet worden war. Zwei oder drei der Speisen waren zweifellos Zugaben, die die staatsrätliche Küche nicht jeden Tag herstellte, und eine von ihnen war sogar so eigenartig, daß es wohl jedem Uneingeweihten schwer gefallen wäre, der Speise einen Namen zu geben. Außer dem üblichen Tischwein gab es noch – offenbar gleichfalls zu Ehren des Gastes – Tokaier, und zum Schluß wurde sogar Champagner gereicht. Der alte Herr Sachlebinin fühlte sich durch die verschiedenen Gläschen in die leutseligste Stimmung versetzt und war bereit, über alles, was Weltschaninoff sagte, zu lachen. Das endete damit, daß Pawel Pawlowitsch sich von seinem Ehrgeiz verleiten ließ, gleichfalls etwas Witziges zu sagen: und plötzlich erscholl an jenem Ende des Tisches, wo er neben Madame Sachlebinin saß, lautes Gelächter der jungen Mädchen.
„Papa, Papa! Pawel Pawlowitsch hat auch einen Witz gemacht!“ riefen zwei wie aus einem Munde. „Er sagt, wir seien ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse ...‘“
„Ah, also auch er macht Witze! Nun, was für einen Witz hat er denn gemacht?“ erkundigte sich erwartungsvoll der Staatsrat, sich huldvoll jenem Tischende zuwendend, und er lächelte bereits im voraus über den Witz, den er nun zu hören bekommen würde.
„Aber das war es doch, er sagt, wir seien ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse‘.“
„J–ja? Nun und?“
Der alte Herr begriff den „Witz“ noch immer nicht und lächelte in der Erwartung noch freundlicher.
„Ach, Papa, wie Sie aber auch sind! Nun, ‚Fräulein‘ und dann ‚freuen‘ – ‚Fräu‘ klingt wie ‚freu‘, also ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse‘.“
„A–a–ah!“ machte der Alte etwas verblüfft. „Hm! Nun, das nächstemal wird er einen besseren Witz machen!“
„Pawel Pawlowitsch, man kann sich doch nicht durch alle Vorzüge auszeichnen!“ neckte ihn Marja Nikititschna. „Ach, mein Gott, eine Gräte ist ihm in den Hals geraten, er erstickt!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken und sprang im Nu vom Stuhl auf.
Das rief eine allgemeine Verwirrung hervor – doch weiter wollte ja Marja Nikititschna nichts damit bezwecken. Pawel Pawlowitsch hatte sich nur ein wenig verschluckt, als er, um seine Verlegenheit zu verbergen, beim Weintrinken nach dem Glase gegriffen, doch Marja Nikititschna versicherte nach allen Seiten, daß es eine Gräte sei, sie habe es selbst gesehen, und er könne davon sterben.
„Auf den Rücken klopfen!“ rief jemand.
„Ja, das ist das Beste!“ bestätigte der Hausherr laut, und im Augenblick waren auch schon eine ganze Reihe Dienstbeflissener zur Stelle: Marja Nikititschna und die kleine, drollige, rothaarige Freundin – die man mit zu Tisch geladen hatte – und sogar die Dame des Hauses, die ernstlich erschrocken zu sein schien. Pawel Pawlowitsch war gleichfalls aufgesprungen, um möglichst den Schlägen zu entgehen, doch lange mußte er vergeblich nach links und rechts beteuern, daß er sich nur beim Weintrinken verschluckt habe und der Husten sogleich vorüber sein werde – bis man endlich erriet, daß das Ganze nur ein mutwilliger Streich von Marja Nikititschna war.
„Schäm dich, du bist wieder mal unglaublich! ...“ wandte sich Madame Sachlebinin in streng verweisendem Tone an Marja Nikititschna, konnte sich aber selbst nicht bezwingen und lachte so belustigt auf, wie man es von ihr wohl nur höchst selten gehört hatte, – nach dem Eindruck zu urteilen, den ihr Lachen selbst auf die fröhlichen Familienmitglieder machte.
Nach dem Essen wurde der Kaffee auf der Veranda getrunken.
„Wie schön das Wetter jetzt ist!“ sagte der Alte lobend und mit Wohlgefallen in den Garten blickend. „Regen könnte allerdings nicht schaden ... Doch – ich werde mich jetzt etwas zurückziehen und erholen. Nun, amüsiert euch nur, amüsiert euch! Und auch du amüsiere dich!“ riet er beim Hinausgehen noch Pawel Pawlowitsch und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Kaum waren alle wieder im Garten, da zupfte plötzlich Pawel Pawlowitsch Weltschaninoff am Ärmel.
„Auf einen Augenblick!“ flüsterte er sichtlich erregt.
Sie bogen in einen Seitenweg ein, der nach dem einsamen Teil des Gartens führte.
„Nein, hier, verzeihen Sie, hier will ich’s mir denn doch verbitten ... hier werde ich es mir doch nicht gefallen lassen!“ sagte er wutbebend – seine Faust ließ den Ärmel nicht los.
„Was denn? Was?“ fragte Weltschaninoff und sah ihn mit großen Augen ganz erstaunt an.
Pawel Pawlowitsch blickte schweigend zu ihm auf, bewegte die Lippen und – lächelte vor Wut.
„Wohin gehen Sie denn? So kommen Sie doch! Wo bleiben Sie denn? Alles ist schon fertig!“ hörte man die ungeduldig rufenden Stimmen der jungen Mädchen.
Weltschaninoff zuckte mit der Achsel und kehrte zu ihnen zurück. Pawel Pawlowitsch folgte ihm.
„Ich könnte wetten, daß er Sie um ein Taschentuch gebeten hat,“ sagte Marja Nikititschna, „gestern hatte er gleichfalls sein Taschentuch vergessen.“
„Ewig vergißt er was!“ bemerkte eine der mittleren Schwestern.
„Er hat sein Taschentuch vergessen! Pawel Pawlowitsch hat sein Taschentuch vergessen! Maman, Pawel Pawlowitsch hat wieder sein Taschentuch vergessen! Maman, Pawel Pawlowitsch hat wieder Schnupfen!“ tönte es von allen Seiten.
„Aber weshalb sagt er denn das nicht gleich! Wie können Sie nur so ... pedantisch sein, Pawel Pawlowitsch!“ sagte überaus langsam Madame Sachlebinin. „Ein Schnupfen kann sehr gefährlich werden. Ich werde Ihnen sogleich ein Taschentuch schicken ... Wie kommt es nur, daß Sie einen Schnupfen haben?“ fragte sie noch im Fortgehen, innerlich froh über den Vorwand, der ihr die Möglichkeit gab, sich wieder zurückzuziehen.
„Ich habe zwei Taschentücher und gar keinen Schnupfen!“ rief Pawel Pawlowitsch ihr nach, doch sie hörte es zu undeutlich, um ihn zu verstehen, und nach einer kleinen Weile, während der man weitergegangen war und Pawel Pawlowitsch sich näher an Nadjä und Weltschaninoff herangeschlängelt hatte, kam ihnen ein Hausmädchen atemlos nachgelaufen und brachte ihm das versprochene Taschentuch.
„Jetzt spielen, spielen, das Sprichwörterspiel!“ riefen die Mädchen eifrig, als erwarteten sie Gott weiß was von diesem Spiel.
Man setzte sich auf die Gartenbänke in einer Reihe hin und Marja Nikititschna erhob sich als erste; man sagte ihr, sie solle möglichst weit fortgehen und „nur ja nicht horchen!“ Währenddessen wählte man ein Sprichwort. Marja Nikititschna wurde zurückgerufen und erriet es sogleich.
Nach ihr kam die Reihe an den jungen Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille. Von ihm verlangte man, daß er noch weiter fortgehe, bis zur Laube, und sich so hinstelle, „mit dem Rücken zu uns und mit dem Gesicht nach dem Zaun“. Der finstere junge Mann befolgte die Vorschrift mit verächtlicher Miene und schien sie sogar als eine gewisse moralische Erniedrigung zu empfinden. Als man ihn zurückrief, konnte er nichts erraten; er hörte die ganze Reihe nacheinander an, jeder Satz wurde ihm zweimal gesagt, er dachte lange und finster grübelnd nach, doch leider vergeblich. Man lachte ihn schließlich aus und sagte ihm, er solle sich schämen. Das Sprichwort lautete:
„Zu Gott gebetet und dem Zaren gedient, ist nicht vergebliche Müh’.“
„So ’n Blödsinn!“ brummte der verletzte Jüngling unwillig und zog sich auf seinen Platz zurück.
„Ach wie langweilig!“ hörte man von einigen.
Weltschaninoff mußte gehen: man schickte ihn also fort, doch auch er konnte nichts erraten.
„Ach wie langweilig!“ sagten noch mehr Stimmen.
„Nun, jetzt gehe ich,“ sagte Nadjä.
„Nein, nein, jetzt muß Pawel Pawlowitsch gehen, jetzt ist er an der Reihe!“ riefen mehrere Stimmen und alle belebten sich ein wenig.
Pawel Pawlowitsch wurde bis zum Zaun geführt und dort mußte er stehen bleiben; damit er sich aber nicht etwa umsah, mußte die kleine Rothaarige ihn bewachen. Pawel Pawlowitsch, der wieder etwas Mut gefaßt hatte und ordentlich munter geworden war, beabsichtigte natürlich, ehrlich und eifrig seine Pflicht zu erfüllen, und stand wie ein Pfosten, sah den Zaun an und wagte nicht einmal, sich zu rühren, geschweige denn, sich umzuschauen. Die kleine Rothaarige stand bei der Laube, etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, und gab aufgeregt den übrigen verschiedene Winke: es mußte etwas Besonderes geplant worden sein. Plötzlich winkte sie mit beiden Händen so schnell sie konnte: da sprangen alle auf und liefen Hals über Kopf davon.
„Laufen Sie, laufen Sie mit uns!“ tuschelten eifrig und in fast angstvoller Erregung wohl zehn Stimmen Weltschaninoff zu, ordentlich böse und zugleich ganz verzweifelt darüber, daß er nicht sogleich mitlief.
„Was ist denn? Was ist passiert?“ fragte er, schnellen Schritts ihnen folgend.
„Sch! leise! schreien Sie nicht! Mag er dort stehen und den Zaun betrachten, wir aber laufen alle fort. Da kommt auch schon Nastjä gelaufen!“
Die kleine rothaarige Freundin, Nastjä, kam ihnen in einer Eile und Aufregung nachgelaufen, als wäre der Himmel weiß was geschehen. Endlich war man ganz am anderen Ende des Gartens, hinter dem Teich, angelangt. Als Weltschaninoff sich ihnen näherte, sah er, daß Katerina Fedossejewna heftig mit den anderen stritt, namentlich mit Nadjä und Marja Nikititschna.
„Katjä, Täubchen, sei nicht böse!“ bat Nadjä herzlich und küßte die Schwester.
„Nun gut, ich werde es nicht Mama sagen, aber ich gehe fort. Es ist doch wirklich nicht schön von euch, es ist sogar recht häßlich. Was muß der Arme dort am Zaun empfinden, wenn ihr ihn so lange stehen laßt und betrügt!“
Und sie ging wirklich fort – aus Mitleid mit ihm, die anderen aber blieben erbarmungslos bei ihrem Entschluß. Auch von Weltschaninoff wurde streng verlangt, daß er, wenn Pawel Pawlowitsch sich wieder zu ihnen gesellte, ihn überhaupt nicht beachten und tun solle, als sei nichts geschehen.
„Und wir wollen jetzt alle unser Fangspiel spielen!“ rief die kleine Rothaarige ganz außer sich vor Entzücken.
Pawel Pawlowitsch kam erst nach einer guten Viertelstunde wieder zu ihnen. Zwei Drittel dieser Zeit hatte er bestimmt regungslos am Zaun gewartet. Das Fangspiel war in vollem Gange und gelang vortrefflich – alle schrien und amüsierten sich köstlich. Pawel Pawlowitsch kochte vor Wut, trat schnell an Weltschaninoff heran und faßte ihn wieder am Ärmel.
„Auf einen Augenblick!“
„Ach Gott, was will er immer mit seinen Augenblicken!“
„Er will wieder ein Taschentuch haben!“ hörten sie hinter sich rufen.
„Nein, diesmal sind Sie es gewesen! diesmal Sie ganz allein, jawohl Sie, Sie! Sie haben die Mädel dazu veranlaßt! ...“
Pawel Pawlowitsch war so erregt, daß seine Zähne aufeinanderschlugen.
Weltschaninoff unterbrach ihn und riet ihm in ruhigem Tone, mit den Heiteren heiter zu sein: „Man neckt Sie doch nur deshalb, weil Sie sich ärgern, während alle anderen lustig sind.“ Zu seinem Erstaunen machten dieser Rat und diese Bemerkung Pawel Pawlowitsch ganz betroffen: er verstummte sogleich und kehrte wie ein Schuldbewußter zur Gesellschaft zurück, um sich dann gleichfalls am Spiel zu beteiligen. Man ließ ihn ruhig mitspielen und spielte mit ihm wie mit allen anderen. So verging noch keine halbe Stunde und er war wieder munter und guter Dinge. Bei allen Spielen engagierte er als Dame, wenn es nötig war, die kleine rothaarige Verräterin oder eine der Schwestern. Was Weltschaninoff besonders in Erstaunen setzte, war, daß er kein einziges Mal Nadjä anzureden wagte, obschon er sich ununterbrochen in ihrer Nähe aufhielt. Er schien es nunmehr als etwas Selbstverständliches zu betrachten, daß sie ihn überhaupt nicht beachtete und sogar eine gewisse Verachtung hervorkehrte, als sei das ganz natürlich und als müsse es so sein. Zum Schluß wurde ihm übrigens noch ein Streich gespielt.
Man spielte „Verstecken“. Diesmal mit einer kleinen Neuerung: man brauchte nicht in dem einmal erwählten Versteck auszuharren, sondern konnte oder mußte sogar, sobald der Suchende nicht zu sehen war, ein anderes Versteck aufsuchen. Pawel Pawlowitsch hatte sich bereits sehr geschickt zwischen dichten Büschen versteckt, als es ihm plötzlich einfiel, ins Haus zu laufen. Mehrstimmiges Geschrei erschallte – man hatte ihn gesehen. Da schlüpfte er schnell die Treppe zum zweiten Stockwerk hinauf, wo er sich in der Treppenkammer hinter einer Kommode verbarg. Im Nu aber war die kleine Rothaarige hinter ihm hergeschlüpft, auf den Fußspitzen zur Treppe geschlichen und hatte leise den Schlüssel umgedreht: Pawel Pawlowitsch saß eingeschlossen in seiner Kammer. Sogleich brach man das Versteckspiel ab und alle liefen wieder hinter den Teich. Nach etwa zehn Minuten wurde ihm das Warten dort oben doch etwas lang, und er steckte vorsichtig den Kopf zum Fenster hinaus: niemand war zu sehen. Zu rufen wagte er nicht, denn er fürchtete die Eltern zu wecken; den Mägden war natürlich strengstens befohlen, sich nicht blicken zu lassen und auf seinen Ruf, falls er rufen sollte, nicht herbeizueilen. Nur Katerina Fedossejewna hätte ihn aus seiner Gefangenschaft befreien können, doch leider hatte sie sich in ihr Zimmerchen zurückgezogen und war über ihren Träumereien schließlich eingeschlummert. So saß denn Pawel Pawlowitsch dort fast eine ganze Stunde. Und endlich, endlich erst tauchten die jungen Mädchen wieder auf. Sie kamen zu zweien, zu dreien, als wäre nichts passiert, und spazierten harmlos plaudernd vorüber.
„Pawel Pawlowitsch, weshalb kommen Sie denn nicht zu uns? Ach, es ist dort so lustig! Wir spielen Theater! Alexei Iwanowitsch hat den ‚jungen Mann‘ gespielt!“
„Pawel Pawlowitsch, weshalb sitzen Sie denn dort? Sie wollen wohl irgend etwas darstellen, worüber man sich freuen soll?“ fragten im Vorübergehen zwei andere.
„Worüber denn sich wieder ‚freuen‘?“ ertönte da plötzlich die Stimme der Madame Sachlebinin, die ihr Nachmittagsschläfchen beendet hatte und gerade von der Veranda in den Garten trat, um sich bis zum Tee noch etwas zu bewegen und den Spielen der „Kinder“ zuzuschauen.
„Ja dort – über den Pawel Pawlowitsch!“ und sie wiesen nach dem Fenster, in dem man das verzerrt lächelnde, vor Wut gelblich bleiche Gesicht Pawel Pawlowitschs sah.
„Aber was ist denn das für ein Vergnügen, allein in einem Stübchen zu sitzen, wenn draußen alle so lustig sind!“ wunderte sich die Mama.
Inzwischen wurde Weltschaninoff die Ehre zuteil, von Nadjä die huldvolle Bemerkung, daß sie sich aus einem ganz „besonderen Grunde“ über seinen Besuch freue, zu vernehmen, und zwar unter vier Augen in einer entlegenen, einsamen Allee. Marja Nikititschna hatte ihn zu dem Zweck von den anderen fortgerufen – sehr zu seiner Erleichterung, da ihn die Spiele schon unwiderstehlich zu langweilen begannen – und ihn in diese Allee geführt, wo sie ihn mit Nadjä allein ließ.
„Ich bin jetzt vollkommen überzeugt,“ begann diese sogleich, „daß Sie durchaus nicht ein so großer Freund von Pawel Pawlowitsch sind, wie er hier geprahlt hat. Ich habe mich auch überzeugt, daß nur Sie allein mir einen sehr, sehr großen und sehr wichtigen Dienst erweisen können. Hier ist sein abscheuliches Armband“ – sie zog das Etui aus der Tasche hervor – „und nun bitte ich Sie recht sehr, ihm dieses Geschenk unverzüglich wieder einzuhändigen, denn ich selbst werde für keinen Preis noch ein Wort mit ihm sprechen, weder jetzt noch später, in meinem ganzen Leben nicht! Übrigens können Sie ihm sagen, daß Sie es ihm in meinem Auftrage zurückgeben, und fügen Sie nur gleich hinzu, daß er hinfort nicht mehr wagen soll, mir nochmals mit Geschenken zu kommen. Das übrige werde ich ihm dann schon durch andere sagen lassen. Werden Sie nun so gut sein und mir die Freude bereiten, meine Bitte zu erfüllen?“
„Um Gottes willen, verschonen Sie mich damit!“ rief Weltschaninoff fast entsetzt.
„Was? Verschonen? Warum sagen Sie ‚verschonen‘?“ erschrak Nadjä und sah ihn groß an.
Vergessen war der ganze damenhafte Ton ihrer vermutlich vorbereiteten Rede, und sie sah ihn hilflos wie ein Kind an, das dem Weinen nahe ist. Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen.
„O nein ... so war es nicht gemeint ... ich würde Ihre Bitte gewiß sehr gern erfüllen, nur ... ich habe da selbst noch einiges mit ihm vor ...“
„Ich habe es mir doch gleich gedacht, daß Sie nicht sein Freund sein können und daß er einfach gelogen hat!“ unterbrach ihn Nadjä schnell und heftig. „Ich werde ihn niemals heiraten, damit Sie’s wissen! Niemals! Ich begreife nicht, wie er es überhaupt gewagt hat ... Nur müssen Sie ihm trotzdem sein abscheuliches Armband zurückgeben, was soll ich denn sonst anfangen? Ich will, daß er unbedingt, unbedingt heute noch das Geschenk zurückerhält und den Korb einsteckt. Und wenn es ihm einfällt, zu Papa zu gehen und zu klatschen, dann soll er sehen, was Rache heißt! ...“
Plötzlich tauchte hinter ein paar Büschen in ihrer Nähe der junge Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille auf. Im Augenblick stand er vor ihnen.
„Sie müssen das Armband zurückgeben!“ wandte er sich wütend an Weltschaninoff, „allein schon im Namen der Frauenrechte, vorausgesetzt, daß Sie sich über dieselben überhaupt klar sind und auf der Höhe des Problems stehen! ...“
Weiter kam er leider nicht: Nadjä riß ihn mit aller Gewalt am Ärmel von Weltschaninoff fort.
„Gott, wie Sie dumm sind, Predpossyloff!“ rief sie zornig. „Gehen Sie fort! Gehen Sie fort, so gehen Sie doch fort! – und wagen Sie es nicht wieder, zu lauschen! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie dort weit hinten stehen sollen!“ Und ihr kleiner Fuß stampfte zornig auf, und selbst als jener wieder hinter dem Gebüsch verschwunden war, ging sie noch ganz außer sich hin und her in der Allee und rang die Hände vor Verzweiflung.
„Nein wirklich, Sie glauben nicht, wie dumm diese Jungen sind!“ sagte sie. „Ja, Sie haben gut lachen, aber was soll ich denn sagen!“
„Das ist doch nicht Er?“ fragte lachend Weltschaninoff, vor dem sie stehen geblieben war.
„Natürlich nicht Er! – wie können Sie sich nur so was denken!“ versetzte Nadjä errötend und mit einem flüchtigen Lächeln. „Das ist nur sein Freund. Ich begreife nicht, was für Freunde er sich aussucht! Von diesem sagen sie alle, er sei eine ‚zukünftige Größe‘, ich begreife aber nichts davon ... Alexei Iwanowitsch, ich habe keinen, an den ich mich wenden könnte, also zum letztenmal: werden Sie ihm das Armband zurückgeben oder nicht?“
„Nun gut, ich werde, geben Sie es her.“
„Ach Sie Lieber, ach Sie Guter!“ rief sie erfreut und gab ihm das Etui. „Ich werde Ihnen dafür den ganzen Abend vorsingen, denn ich habe sogar eine sehr gute Stimme! Damit Sie’s wissen: ich habe es Ihnen nur vorgelogen, daß ich Musik nicht ausstehen kann. Ach, wenn Sie doch noch einmal, noch ein einziges Mal zu uns kämen, ich wäre so froh, und ich würde Ihnen alles, alles, alles erzählen, und vieles noch außerdem, denn Sie sind so gut, – so gut wie ... wie Katjä!“
Und sie hielt ihr Versprechen: nachdem man zum Tee ins Haus zurückgekehrt war, sang sie ihm zwei Romanzen vor. Ihre Stimme war noch gar nicht geschult, sie begann sich erst zu entwickeln, doch war sie angenehm und konnte einmal vielleicht zu einer recht umfangreichen werden.
Pawel Pawlowitsch saß, als die anderen aus dem Garten kamen, bereits ehrbar und ruhig mit den Eltern am Teetisch, auf dem der große Ssamowar und Teetassen aus echtem Sèvresporzellan standen. Offenbar hatte er mit den Eltern über sehr ernste Dinge gesprochen, da er in zwei Tagen Petersburg verlassen mußte und nicht vor neun Monaten wiederkehren sollte. Den Eintretenden und namentlich Weltschaninoff schenkte er überhaupt keine Beachtung. Anzunehmen war, daß er noch nichts „geklatscht“ hatte, denn vorläufig schien alles „ruhig“ zu sein.
Doch kaum begann Nadjä zu singen – da erschien auch er sogleich im Saal. Nadjä war so unhöflich, auf eine Frage, die er direkt an sie richtete, überhaupt nicht zu antworten, doch ließ er sich dadurch nicht im geringsten abschütteln oder auch nur verwirren: er trat hinter ihren Stuhl und seine Miene, wie seine ganze Haltung drückten nur zu deutlich aus, daß er diesen Platz keinem anderen abzutreten gedachte.
„Jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen, maman, jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen!“ riefen die jungen Mädchen lebhaft alle durcheinander und drängten sich zusammen, ohne die Blicke von Weltschaninoff abzuwenden, der sich, selbstbewußt, wie immer, bereits an den Flügel gesetzt hatte. Sogleich kamen denn auch die Eltern in den Saal, und auch Katerina Fedossejewna, die bei ihnen gewesen und den Tee eingegossen hatte.
Weltschaninoff wählte ein altes, jetzt schon fast ganz vergessenes Lied von Glinka[11]:
„Wenn ich dich sehe und du zu mir sprichst ...“
Während des Vortrages wandte er sich ausschließlich an Nadjä, die am nächsten bei ihm stand und sich an den Flügel stützte. Er hatte schon lange keine Stimme mehr, die zu einem vollendeten Gesang taugte, doch was ihm noch geblieben war, zeigte immerhin, daß er einst eine schöne Stimme gehabt haben mußte. Dieses Lied hatte er als Student vor etwa zwanzig Jahren zum erstenmal gehört, und zwar vom Komponisten selbst vorgetragen: es war bei einem Freunde Glinkas an einem kleinen literarisch-künstlerischen „Junggesellenabend“ gewesen. Glinka war im Zimmer unruhig auf und ab gegangen und dann hatte er sich plötzlich an den Flügel gesetzt und seine Lieblingskompositionen gesungen – darunter auch dieses Lied. Auch Glinka hatte damals keine Stimme mehr gehabt, doch Weltschaninoff entsann sich noch deutlich des außerordentlichen Eindrucks, den gerade dieses Lied, halb sprechend vorgetragen, auf alle Anwesenden gemacht hatte. Niemals hätte ein Dilettant, ein bloßer Salonsänger, selbst wenn er über die größten Stimmittel verfügte, einen ähnlichen Eindruck erreicht. Mit jeder Strophe steigert sich in diesem Liede die Leidenschaft und wuchs schließlich an zu einer alles mitreißenden Macht; und gerade wegen der Größe und Gewalt dieser Leidenschaft hätte alles „Gemachte“, hätte die geringste Übertreibung – wie man sie in der Oper immer wieder hört – das Lied nur herabgezogen und den Sinn jedes Wortes, jedes Tones entstellt. Um dieses kleine, doch ganz einzige Lied zu singen, war unbedingt eines erforderlich: wirkliche Begeisterung, wirkliche Leidenschaft, oder – wenn man ein großer Künstler war – doch wenigstens die vollendetste künstlerische Beherrschung des Ausdrucks dieser Gefühle. Anderenfalls hätte das Lied nur unangenehm und vielleicht sogar sehr peinlich wirken können. Weltschaninoff wußte, daß ihm der Vortrag des Liedes bisher fast immer gelungen war: hatte sich ihm doch damals, als er es zum erstenmal von Glinka gehört, jede Nuance und die ganze Art seines Vortrages unauslöschlich eingeprägt. Und auch diesmal erfaßte ihn, kaum daß er die ersten Töne angeschlagen und die ersten Worte gesungen hatte, wirkliche Begeisterung: und die Begeisterung wirkte auf seine Stimme zurück und ging von da auf die Zuhörenden über. Mit jedem weiteren Wort wuchs das Gefühl und der Ausdruck wurde stärker, sicherer, fast rücksichtslos, und es war, als streife er alle, auch die letzten Bedenken ab. So kam es denn zu dieser außerordentlichen Wirkung. So kam es, daß Nadjä, als er sie bei den Schlußworten