Das Gefühl einer ungewöhnlichen, befreienden, großen Freude bemächtigte sich Weltschaninoffs; irgend etwas hatte jetzt endlich ein Ende genommen, hatte sich aufgelöst; irgendein lastender Kummer war von ihm gewichen und hatte sich zerstreut. So schien es ihm. Fünf Wochen hatte es ihn bedrückt. Er erhob seine Hand, betrachtete das blutbefleckte Handtuch und murmelte: „Nein, jetzt ist aber auch wirklich alles beendet!“ Und den ganzen Morgen dachte er zum erstenmal in drei Wochen fast gar nicht an Lisa, wenigstens nicht mit jenem quälenden Schmerz – als habe das Blut aus seiner verwundeten Hand sogar diese Schuld getilgt.
Er begriff vollkommen, daß er einer großen Gefahr entronnen war. „Gerade diese Menschen,“ dachte er, „die noch eine Minute vor der Tat nicht wissen, ob sie morden oder nicht morden, – gerade diese sind die gefährlichsten; denn sobald sie erst einmal das Messer in der bebenden Hand fühlen und das erste, heiße Blut ihnen über die Finger fließt – dann genügt es ihnen nicht mehr, nur zu morden, dann schneiden sie gleich den ganzen Kopf ab, – ‚glatt ab‘, wie die Sträflinge sagen. Ja, so sind sie.“
Es litt ihn nicht mehr in seiner Wohnung, und er verließ das Haus in der Überzeugung, daß sogleich irgend etwas getan werden müsse oder – daß mit ihm selbst irgend etwas sogleich geschehen werde. Er schlenderte also durch die Straßen und wartete. Er hätte jetzt gar zu gern jemanden getroffen oder mit irgendwem ein Gespräch angeknüpft, selbst mit einem Unbekannten. Das brachte ihn endlich auf den Gedanken, doch zum Arzt zu gehen, da die Hand sowieso verbunden werden mußte. Der Arzt, ein Bekannter von ihm: fragte neugierig, während er die Wunde betrachtete, wie er sich denn so verletzt habe? Weltschaninoff antwortete mit einem Scherz, lachte und hätte ihm beinahe alles erzählt, bezwang sich aber noch rechtzeitig. Der Arzt fühlte ihm den Puls, und als er hörte, daß Weltschaninoff in der Nacht wieder seine Schmerzen gehabt hatte, redete er ihm zu, sogleich ein beruhigendes Mittel, das er bei der Hand hatte, einzunehmen. In betreff der Wunde beruhigte er ihn: es seien keine schlimmen Folgen zu befürchten. Weltschaninoff versicherte ihm darauf lachend, daß sie bereits die besten Folgen gezeitigt habe. Der lebhafte Wunsch, alles jemandem zu erzählen, erfaßte ihn im Laufe des Tages noch zweimal, und zwar in solchem Maße, daß er einmal Mühe hatte, sich zu bezwingen und nicht mit einem fremden Menschen, der sich in einer Konditorei an seinen Tisch gesetzt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen. Dabei war ihm sonst nichts so verhaßt, wie in öffentlichen Lokalen mit fremden Menschen Gespräche zu beginnen.
Er trat in mehrere Läden, kaufte sich eine Zeitung, sprach bei seinem Schneider vor und bestellte sich einen neuen Anzug. Der Gedanke, Pogorjelzeffs besuchen zu müssen, war ihm noch immer unangenehm, aber er dachte nicht weiter daran. Er hatte auch einen Grund, nicht zu ihnen hinauszufahren: er erwartete ja die ganze Zeit irgend etwas, das hier in der Stadt geschehen müsse. Er speiste mit Genuß, wechselte sogar ein paar Worte mit dem Kellner, sprach auch mit seinem Tischnachbar, und trank eine halbe Flasche Wein. An die Möglichkeit, daß die Schmerzen wiederkehren könnten, dachte er überhaupt nicht; er war vielmehr überzeugt, daß seine Krankheit gerade in dem gefährlichsten Augenblick vollständig vergangen sei, als er etwa anderthalb Stunden nach dem Einschlafen in völliger Erschöpfung plötzlich aufgesprungen war und den Mörder mit so ungemeiner Kraft niedergezwungen hatte. Gegen Abend erfaßte ihn aber doch ein leichtes Schwindelgefühl und bisweilen war es ihm sogar, als wollten die Fiebervisionen der vergangenen Nacht wieder vor ihm auftauchen. Er kehrte erst in der Dämmerung nach Haus zurück. Als er in seine Wohnung trat, erschrak er. Unheimlich erschien sie ihm, und es war ihm fast, als wandle ihn Furcht an. Mehrmals ging er durch die großen Räume und trat sogar in die Küche, was er sonst nie tat. „Hier haben sie gestern die Teller gewärmt,“ dachte er. Die Tür verschloß er sorgfältig und machte dann sogleich Licht, – früher, als er es gewöhnlich zu tun pflegte. Beim Verschließen der Tür dachte er daran, daß er vor einer halben Stunde, als er an der Portierstür vorübergegangen war, Mawra herausgerufen und gefragt hatte, ob der fremde Herr in seiner Abwesenheit nicht wieder bei ihm gewesen wäre, ganz als hätte er es selbst wirklich für möglich gehalten, daß jener noch einmal zu ihm gekommen sein könne.
Nachdem er dann auch die Tür zum Korridor zugeschlossen hatte, öffnete er seinen Schreibtisch, nahm das schmale Etui heraus und klappte das „verhängnisvolle“ Rasiermesser auf, um es zu betrachten. Auf dem elfenbeinernen Griff waren noch kleine Blutpünktchen zu bemerken. Er klappte es wieder zusammen und schob es zurück in das Etui, das er wieder im Schreibtisch verschloß. Er wollte schlafen: er fühlte, daß er sich unbedingt sogleich hinlegen mußte, da er anderenfalls am nächsten Tage „zu nichts taugen“ würde. Dieser nächste Tag erschien ihm aus irgendeinem Grunde „verhängnisvoll“, als müsse sich dann erst „alles endgültig entscheiden“, als bringe er gewissermaßen den „wirklichen Abschluß“. Doch die Gedanken, die ihn schon den ganzen Tag, wo er auch ging und stand, verfolgt und keinen Augenblick ganz verlassen hatten, die drängten und stießen sich auch jetzt wieder unermüdlich in seinem schmerzenden Hirn, und er dachte, dachte, dachte, und lange noch konnte er nicht einschlafen ...
„Wenn es nun wirklich feststeht, daß sein Mordanschlag ein unvorbereiteter war,“ mußte er immer wieder denken, „sollte ihm dann der Gedanke, mich umzubringen, nicht wenigstens einmal schon früher in den Kopf gekommen sein – wenn auch nur als kurzer Einfall? in einem Augenblick der Wut?“
Er beantwortete sich die Frage sehr sonderbar, und zwar damit, daß Pawel Pawlowitsch ihn allerdings habe ermorden wollen, daß jedoch der Gedanke an einen Mord dem Mörder kein einziges Mal vorher in den Sinn gekommen sei. „Kurz, Pawel Pawlowitsch wollte mich ermorden,“ sagte er sich, „wußte aber selbst nicht, daß er es wollte. Das klingt widersinnig, ist aber richtig.“
„Nicht, um sich versetzen zu lassen und auch nicht Bagontoffs wegen ist er nach Petersburg gekommen – obschon er sich versetzen lassen wollte und Bagontoff hier aufsuchte und sich über dessen Tod ärgerte. Bagontoff war ihm nichts, den verachtete er einfach. Aber wegen mir – mir! war er hergekommen und ... hatte Lisa mitgebracht! ...“
„Aber sollte ich selbst erwartet haben, daß er mich ... ermorden könnte?“ fragte er sich, dachte wieder lange nach und mußte die Frage schließlich bejahen: er hatte es von dem Augenblick an erwartet, als er ihn damals im Wagen an der Kanal-Brücke erblickt hatte, hinter dem Sarge Bagontoffs. „Ja, von dem Augenblick an begann ich so etwas zu erwarten ... aber, versteht sich, nicht wörtlich und genau so, selbstverständlich erwartete ich nicht, daß er mich ermorden werde! ...“
„Und sollte das wirklich, wirklich alles wahr sein,“ fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn und er erhob den Kopf vom Kissen und schlug die Augen auf, „alles das, was dieser ... Verrückte gestern hier von seiner Liebe zu mir sprach, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust ans Herz schlug?“
„Entschieden ist es wahr,“ urteilte er schließlich, und er vertiefte sich immer mehr in die Analyse, „dieser Mann aus T. war natürlich dumm genug und in seinen Voraussetzungen anständig genug, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben, von deren Untreue er in zwanzig Jahren nichts, nicht das Geringste bemerken konnte! Neun Jahre lang hat er mich verehrt, mich und mein Andenken, und hat sich sogar meine ‚Aussprüche‘ gemerkt – Herrgott! – und ich habe von allem keine Ahnung gehabt! Nein, er konnte gestern nicht lügen! Aber hat er mich denn gestern geliebt, als er mir seine Liebeserklärung machte und ‚abrechnen‘ wollte? Ja, auch gestern hat er mich geliebt, hat mich aus Wut geliebt: und diese Liebe ist die stärkste ...“
„Aber es ist doch möglich, nein, es ist sogar mit aller Bestimmtheit anzunehmen, daß ich damals in T. einen kolossalen Eindruck auf ihn gemacht habe, – gerade einen ‚kolossalen‘ und ‚wohltuenden‘ Eindruck – und gerade bei solch einem Idealisten im Schillerschen Sinne war das möglich! Er hat mich für hundertmal großer gehalten, als ich war. Jawohl: ein so großer Eindruck war es, den ich auf ihn, in seiner vereinsamten Gedankenwelt, machte, ... Doch wäre es ganz interessant, zu wissen, wodurch ich ihm eigentlich imponiert habe? Vielleicht nur durch besondere Glacéhandschuhe und die Art, wie ich sie abstreifte oder anzog. Solche Menschen lieben Ästhetik, oh, und wie! Gar mancher edlen Seele, und wenn sie noch dazu einem ‚ewigen Gatten‘ angehört, genügen ein Paar Handschuhe vollkommen. Das übrige vervollständigen sie dann selbst bis ins Tausendfache, und sie werden sich sogar für einen schlagen, wenn es soweit kommen sollte. Und wie hoch er meine Verführungsmittel einschätzt! Oder vielleicht hat ihm gerade die Art, wie ich mich ihr näherte, damals am meisten imponiert? Und sein Ausruf hier nach dem Kuß: ‚Wenn auch der, wenn auch der!‘ – das heißt: an wen kann man dann noch glauben! Nach diesem Ausruf wird man ja zum Tier! ...“
„Hm! Er ist nach Petersburg gekommen, um mir ‚um den Hals zu fallen und mit mir zu weinen‘, wie er sich selbst gemeinerweise ausdrückte, das heißt, er fuhr, um mich zu ermorden, und glaubte doch selbst, daß er fahre, um mich zu ‚umarmen und mit mir zu weinen‘ ... Und er nahm Lisa mit. Aber wie: hätte ich mit ihm geweint, so würde er mir vielleicht alles verziehen haben, wirklich, denn es war ja sein größter Wunsch, zu verzeihen! ... Und das schlug dann beim ersten Zusammenstoß in betrunkenes Sich-verstellen um, alles wurde zur Karikatur und lief auf nichts anderes hinaus, als auf weibisches Geheul über die ihm zugefügte Beleidigung. (Die Hörner, die Hörner, wie er sich die aufsetzte!) Deshalb kam er angetrunken zu mir, um sich, wenn auch unter Verstellungen, doch zu verraten oder sich erraten zu lassen; im nüchternen Zustande hätte auch er es nicht fertig gebracht ... Und das Verstellen und Verstecken und Hervorlugen und Wiederverstecken – ach, wie er das liebte! Wie froh er war, als er es so weit gebracht hatte, daß ich ihn küßte! Nur wußte er damals selbst nicht, womit es enden würde: mit einer Umarmung oder einem Mord? Natürlich kam’s heraus, daß das beste beides zusammen war. Die natürlichste Entscheidung! – Ja, da sieht man’s wieder: die Natur liebt die Mißgeburten nicht und schlägt sie mit ‚natürlichen Entscheidungen‘ einfach tot. Die mißgeborenste Mißgeburt – das ist die Mißgeburt mit edlen Gefühlen: ich weiß es aus eigener Erfahrung, Pawel Pawlowitsch! Die Natur ist der Mißgeburt keine zärtliche Mutter, sondern eine Stiefmutter. Die Natur gebiert die Mißgeburt, sie bringt sie ja selbst hervor, doch statt nun Mitleid mit ihr zu haben, straft und züchtigt sie sie noch, – und es ist auch gut und recht so. Umarmungen und Tränen des Allverzeihens sind selbst von anständigen Leuten heutzutage nicht umsonst zu haben, geschweige denn von solchen, wie wir beide, Pawel Pawlowitsch!“
„Ja, er war dumm genug, mich zu seiner Braut zu führen, – Gott! Seine Braut! Wahrlich, nur in einem solchen Menschen konnte der Gedanke entstehen, durch die Unschuld einer Mademoiselle Sachlebinin zu einem ‚neuen Leben aufzuerstehn‘! Doch man kann dir deshalb keinen Vorwurf machen, Pawel Pawlowitsch, jedenfalls nicht dir: du bist eine Mißgeburt, und deshalb muß auch alles an und in dir mißgeboren sein. Deine Selbsttäuschungen wie deine Hoffnungen. Aber trotzdem hat er an ihnen zu zweifeln begonnen – weshalb denn auch die hohe Sanktion Weltschaninoffs, des ehrfurchtsvoll geachteten, notwendig wurde! Es ging nicht ohne Weltschaninoffs Beifall, ohne seine Billigung und seine Bestätigung, daß die Illusion keine Illusion, sondern ein wirkliches Ding war! Er hat mich in ehrfurchtsvoller Hochachtung meiner Person und im festen Glauben an die Anständigkeit meiner Gefühle hingeführt, – vielleicht sogar in dem Glauben, daß wir uns dort hinter einem Busch, in der Nähe der Unschuld, in die Arme sinken und miteinander weinen würden. Ja, und dann mußte sich doch dieser ‚ewige Gatte‘ endlich einmal – es war ja einfach seine Pflicht – mußte sich doch wenigstens irgendeinmal bestrafen für alles, mußte sich definitiv bestrafen, und um sich zu bestrafen, griff er zum Rasiermesser, – freilich ganz unverhofft, und ohne daß er es wollte, aber immerhin griff er danach! ‚Er hat ihm aber doch das Messer in den Leib gestoßen, hat es doch fertig gebracht, sogar in Gegenwart des Gouverneurs!‘ Übrigens – ob er wohl schon damals, als er mir diese Hochzeitsgeschichte erzählte, irgend etwas Derartiges im Sinne gehabt haben sollte? – wenn auch nur in ganz entfernter Gedankenverbindung? Und als er damals in der Nacht ausgestanden war und mitten im Zimmer stand, – sollte er auch da schon? ... Hm! ... Nein, damals stand er nur zum Spaß, sich zum Spaß auf. Nur in der Absicht war er aufgestanden, um – ... als er aber sah, daß mir bange wurde, daß ich ihn zu fürchten begann, da antwortete er mir erst nach ganzen zehn Minuten, so lange ließ er mich warten, denn es war ihm doch gar zu angenehm, daß ich ihn fürchtete ... Damals kann ihm vielleicht wirklich so etwas zum erstenmal in den Sinn gekommen sein – als er hier in der Dunkelheit stand ...“
„Und wenn ich nun gestern nicht dieses Rasiermesser auf dem Tisch vergessen hätte, – wäre wohl nichts geschehen. Oder doch? Oder doch? Ist er mir nicht aus dem Wege gegangen – ganze vierzehn Tage lang? Hat er sich doch sogar vor mir versteckt, – aus Mitleid mit mir! Und zuerst erkor er sich den Bagontoff und nicht mich! Und in der Nacht sprang er auf, um für mich Teller zu wärmen, im Glauben, sich damit abzulenken: vom Messer – durch Rührung! ... Und wollte sich und mich damit retten – mit gewärmten Tellern! ...“
Und noch lange arbeitete das kranke Hirn dieses ehemaligen „Salonmenschen“ weiter, bis er endlich einschlummerte. Am nächsten Morgen aber erwachte er mit demselben krausen Hirn: und zwar mit einem ganz neuen und diesmal ganz unerwarteten Schrecken im Gefühl und in den Gedanken ...
Dieser neue Schrecken war die unerschütterliche Überzeugung, die sich plötzlich in ihm festgesetzt hatte, daß er, Weltschaninoff, der Weltmann, der doch genau wußte, was sich schickt und was sich nicht schickt, aus eigenem freien Antriebe, und zwar heute noch, zu Pawel Pawlowitsch gehen werde – warum? Wozu? – das wußte er selbst nicht und wollte es auch nicht wissen, so ekelhaft war es ihm; er wußte nur, daß er sich aus irgendeinem Grunde „hinschleppen“ werde.
Diese „Verrücktheit“ – anders glaubte er sie nicht benennen zu können – entwickelte sich indessen so, daß sie, soweit das möglich war, den Anschein von Vernunft erhielt und daß er schließlich einen ziemlich triftigen Vorwand fand: er sagte sich, daß er schon die ganze Zeit die Empfindung nicht losgeworden sei, Pawel Pawlowitsch habe sich nach seiner Wohnung begeben, sich in derselben eingeschlossen und dann erhängt, – wie jener Kommissär, von dem ihm Marja Ssyssojewna erzählt hatte. Diese Einbildung war in ihm allmählich, mochte sie auch noch so widersinnig sein, zur festen Überzeugung geworden. „Weshalb sollte sich dieser Dummkopf aufknüpfen?“ unterbrach er sich selbst immer wieder in seinem Gedankengang. Ihm fielen Lisas Worte ein ... „Doch übrigens, ich würde mich an seiner Stelle vielleicht auch aufhängen ...“ fuhr es ihm einmal durch den Sinn.
Es endete damit, daß er, statt ins Restaurant zum Mittagessen zu gehen, sich tatsächlich zu Pawel Pawlowitsch begeben wollte. „Ich werde mich nur bei Marja Ssyssojewna nach ihm erkundigen,“ sagte er sich, als er seine Wohnung verließ. Doch noch war er nicht auf die Straße getreten, als er plötzlich unter dem Torbogen des Hauses stehen blieb.
„Nicht möglich!“ dachte er und wurde vor Scham bis unter die Haarwurzeln rot, „sollte ich wirklich zu ihm trotten, um ihm ‚in die Arme zu sinken und mit ihm zu weinen‘? Sollte wirklich gerade diese sinnlose Gemeinheit zur Vollendung der ganzen Gemeinheit noch fehlen!?“
Doch vor der Ausführung dieser „sinnlosen Gemeinheit“ rettete ihn die Vorsehung selbst, die ganz spezielle aller anständigen und ehrenwerten Menschen. Kaum war er nämlich auf die Straße getreten, als er plötzlich mit Alexandr Loboff zusammenstieß. Der Jüngling mußte in größter Eile gekommen sein und sah erregt aus.
„Ah, da sind Sie ja! Ich wollte zu Ihnen. Na, was sagen Sie zu unserem Freunde Pawel Pawlowitsch? Teufel noch eins!“
„Hat sich erhängt?“ stieß Weltschaninoff atemlos hervor.
„Wer hat sich erhängt? Wo?“ – Loboff riß die Augen auf.
„Nichts ... ich meinte es nur so – fahren Sie fort!“
„Pfui Teufel, was Sie für Gedanken haben! Sie meinten ihn? O nein, ist ihm gar nicht eingefallen – und weshalb sollte er? – im Gegenteil, er ist jetzt glücklich abgereist. Ich komme soeben vom Bahnhof, hab’ ihn in den Waggon gesetzt und fortexpediert. Teufel, wie der Kerl säuft, Sie glauben’s nicht! Wir haben zusammen drei Flaschen getrunken, Champagner! Predpossyloff war auch dabei. Aber wie er säuft, wie er säuft! Zum Schluß stimmte er noch Lieder an, sprach von Ihnen, winkte aus dem Fenster und warf uns Kußhände zu, – ließ Sie grüßen. Aber was meinen Sie, ist er nicht doch ein Schuft, – was?“
Der junge Mann war in der Tat nicht nüchtern: sein gerötetes Gesicht, die blitzenden Augen und die nicht ganz gehorsame Zunge legten davon deutlich Zeugnis ab.
Weltschaninoff lachte schallend auf.
„Haha! Da haben Sie zu guter Letzt doch noch mit Brüderschaft geendet! Sind sich in die Arme gesunken und haben gemeinsam geweint! Ach, ihr Schillerianer!“
„Bitte schimpfen Sie nicht. Wissen Sie, er hat sich dort von allem losgesagt. Gestern erfuhr ich’s schon, heute war ich wieder da. Er hat mörderlich geklatscht. Nadjä ist eingesperrt – sitzt wieder in der Kammer. Natürlich: Tränen, Geschrei, aber wir geben nicht nach! Doch wie er säuft, wie er säuft! Ich sag’ Ihnen, Sie glauben’s nicht! Und wissen Sie, was für einen mauvais ton er hat, das heißt, nicht mauvais ton, aber – na, wie heißt das doch wieder? ... Und immer sprach er von Ihnen. Aber er ist ja gar nicht mit Ihnen zu vergleichen! Sie sind doch immerhin ein anständiger Mensch und haben wirklich mal zur höheren Gesellschaft gehört – sind nur jetzt gezwungen, sich von ihr zurückzuziehen – aus Armut, oder wie’s da war ... weiß der Teufel, ich wurde nicht klug aus ihm ...“
„Ah, so hat er Ihnen in diesen Ausdrücken von mir erzählt?“
„Er, natürlich, ärgern Sie sich nicht. Mensch sein, ist mehr wert, als die ganze höhere Gesellschaft. Ich sage das, weil man heutzutage in Rußland nicht weiß, wen man achten soll. Sie müssen doch zugeben, daß das eine schlimme Zeitkrankheit ist, wenn man nicht weiß, wen man achten soll, – nicht wahr?“
„Gewiß, gewiß, aber was sagte er noch?“
„Er? Ja richtig! ... Ach ja! – weshalb sagte er immer: ‚der fünfzigjährige, doch verarmte Weltschaninoff‘? Weshalb ‚doch verarmte‘ und nicht ‚und verarmte‘? Und er lachte dabei, wiederholte es tausendmal! Im Coupé begann er zu singen und dann weinte er – einfach widerlich; er konnte einem sogar leid tun, – in seiner Betrunkenheit. Ach, ich mag Dummköpfe nicht! Den Bettlern warf er Geld hin, die sollten für die Seelenruhe einer Lisaweta beten – das war wohl seine Frau?“
„Seine Tochter.“
„Was ist mit Ihrer Hand?“
„Ich habe mich geschnitten.“
„Tut nichts, vergeht. Wissen Sie, hol’ ihn der Teufel, gut, daß er fort ist; aber ich wette, daß er dort, wohin er jetzt kommt, sogleich wieder heiraten wird, – hab’ ich nicht recht?“
„Aber Sie wollen doch auch heiraten?“
„Ich? Ja, ich! – ich bitte Sie, das ist doch etwas ganz anderes! Sind Sie sonderbar! Wenn Sie ein Fünfzigjähriger sein sollen, dann ist er bestimmt schon ein Sechzigjähriger! Hier tut Logik not, mein Bester! Aber wissen Sie, früher, das ist schon lange her, da war ich ein Slawophile, in meinen Überzeugungen, meine ich, doch jetzt, jetzt erwarten wir die Morgenröte vom Westen ... Nun, auf Wiedersehen; gut, daß ich Sie hier traf, so brauchte ich nicht hinaufzugehen; fordern Sie mich nicht auf, bitten Sie nicht, habe keine Zeit! ...“
Und er eilte davon.
„Ach, richtig, wie konnt’ ich’s denn vergessen!“ rief er plötzlich, indem er schnell wieder zurückkam, „er hat mich doch mit einem Brief zu Ihnen geschickt! Hier ist der Brief. Weshalb kamen Sie nicht zum Abschied zur Bahn?“
Weltschaninoff kehrte in seine Wohnung zurück und erbrach das Kuvert, das mit seiner Adresse versehen war.
Doch der Brief, der in dem Kuvert lag, war nicht von Pawel Pawlowitsch – der hatte keine Zeile geschrieben, kein Wort. Weltschaninoff erkannte aber die Handschrift sogleich. Es war ein alter Brief, das Papier war vergilbt und die Schrift verblaßt. Der Brief war vor zehn Jahren an ihn nach Petersburg geschrieben, zwei Monate nach seiner Abreise aus T. Doch den Brief hatte er niemals erhalten; statt seiner war damals jener andere Brief gekommen: das ging deutlich aus diesen blassen Zeilen hervor.
In diesem Brief machte Natalja Wassiljewna, indem sie für immer von ihm Abschied nahm – die Abschiedsworte waren dieselben, wie in jenem anderen Brief, den er damals erhalten hatte, und indem sie ihm auch gestand, daß sie bereits einen anderen liebte – kein Geheimnis daraus, daß sie tatsächlich schwanger war, was sie ihm ja schon in T. mitgeteilt hatte. Sie versprach ihm sogar, um ihn zu trösten, daß sie Gelegenheit finden werde, ihm das Kind zu zeigen; jetzt seien es Pflichten, die sie verbänden, schrieb sie, und ihre Freundschaft sei nun durch unzerreißbare Bande gesichert. Kurz, es war wenig Logik in dem Brief. Der Sinn war schließlich der, daß er sie mit seiner Liebe verschonen solle. Dann aber erlaubte sie ihm wieder, sie nach einem Jahr einmal in T. zu besuchen, wenn er den Wunsch haben sollte, das Kind zu sehen. Gott weiß, weshalb sie sich bedacht und nicht diesen, sondern jenen anderen Brief abgesandt haben mochte!?
Weltschaninoff war bleich, während er las. Er stellte sich Pawel Pawlowitsch vor, wie er diesen Brief gefunden und zum erstenmal gelesen hatte! – über der geöffneten Schatulle aus Ebenholz, mit der kunstvollen Einlegearbeit in Perlmutter und Silber ...
„Auch er muß bleich geworden sein, wie ein Toter,“ dachte Weltschaninoff, als er sein Gesicht zufällig im Spiegel sah, „er hat nachher wohl die Augen geschlossen und sie plötzlich wieder geöffnet, in der Hoffnung, daß der Brief sich in gewöhnliches weißes Papier verwandelt haben werde ... Dreimal wenigstens mag er den Versuch wiederholt haben! ...“