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Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held cover

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Chapter 10: IV.
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About This Book

The collection gathers four novellas that focus on children and youthful consciousness, juxtaposing public festivity and private feeling. One tale follows a young boy at a lively country estate, where social gaiety contrasts with moments of embarrassment, secret longing, and early self-awareness; another depicts domestic celebrations and the uneasy currents beneath them; a large unfinished fragment traces a girl's developing identity with intense psychological observation; the final story portrays a destitute child's hardships with sympathetic realism. Together the pieces probe childhood alienation amid adult display, the workings of memory and shame, and moral sensitivity rendered through vivid social detail.

IV.

Meine Genesung machte nur langsame Fortschritte; doch auch dann noch, als ich schon nicht mehr zu Bett lag, waren meine Sinne noch lange Zeit wie gelähmt und ich konnte nicht begreifen, was nun eigentlich mit mir geschehen war. Es gab Augenblicke, in denen es mir schien, daß ich träumte, und ich weiß noch, wie sehr ich wünschte, daß alles Geschehene wirklich nur ein Traum gewesen sein möge! Wenn ich abends einschlief, dann hoffte ich, plötzlich wieder in unserer ärmlichen Dachstube zu erwachen und den Vater und die Mutter zu erblicken ... Allmählich aber wurde mir doch meine neue Lage klarer und ich begriff nach und nach, daß ich ganz allein zurückgeblieben war und bei fremden Menschen lebte. Da fühlte ich es denn zum erstenmal, daß ich eine Waise war.

Wißbegierig begann ich, all das Neue, das mich nun umgab, zu betrachten und zu beobachten. Anfangs erschien mir das Ganze so seltsam und märchenhaft, alles verwirrte mich: sowohl die neuen Gesichter wie die neue Lebensart und die Gemächer des alten fürstlichen Hauses, die mir noch heute so deutlich vor Augen stehen, – so groß und hoch und prächtig, aber auch so düster und dunkel waren sie, daß ich, ich weiß es noch wie heute, im Ernst fürchtete, durch irgendeinen langen, langen Saal gehen zu müssen, in dem ich mich, wie mir schien, vollständig zu verlieren glaubte. Meine Krankheit war noch nicht ganz überstanden und deshalb waren auch meine Eindrücke so lastend, wie es bei meiner Stimmung und dem Düster-Feierlichen dieses Hauses wohl eben nicht anders sein konnte. Hinzukam, daß eine mir selbst unklare Sehnsucht und Bangigkeit in meinem kleinen Kinderherzen immer größer wurde. Mit Verwunderung blieb ich zuweilen vor einem Gemälde, einem Spiegel, einem Kamin von kunstvoller Arbeit stehen, oder vor einer Statue, die sich gleichsam nur zu dem Zweck in einer tiefen Nische versteckt hatte, um von dort aus mich besser beobachten zu können oder mich irgendwie zu erschrecken. – Ich blieb stehen und dann wußte ich plötzlich selbst nicht mehr, weshalb ich stand, was ich wollte, woran ich dachte, und nach diesem Erwachen befiel mich immer eine gewisse Angst und Verwirrung und mein Herz schlug laut.

Von den Menschen, die ich während meiner Krankheit außer dem alten kleinen Hausarzt hin und wieder zu sehen bekam, machte ein schon ältlicher Herr den größten Eindruck auf mich. Er war immer ernst, aber zugleich war er so gütig, und er konnte mich bisweilen mit so tiefem, aufrichtigem Mitleid ansehen! Sein Gesicht war mir bald das liebste von allen. Gern hätte ich mit ihm gesprochen, aber ich wagte nicht anzufangen: er sah fast immer niedergeschlagen aus, auch sprach er wenig, meist nur ein paar Worte, und niemals erschien ein Lächeln auf seinen Lippen. Das war der Fürst H., der mich gefunden und in seinem Hause aufgenommen hatte. Als ich mich schon auf dem Wege der Besserung befand, wurden seine Besuche seltener. Und als er, wie es hieß, zum letztenmal kam, brachte er mir Konfekt, ferner ein Kinderbuch mit Bildern mit und küßte und bekreuzte mich und bat mich, doch nicht mehr so traurig zu sein. Während er mir tröstend zuredete, sagte er mir, daß ich bald eine Freundin haben werde, ein kleines Mädchen wie ich, seine Tochter Katjä, die vorläufig noch in Moskau sei. Darauf sprach er mit einer ältlichen Französin, der Erzieherin seiner Kinder, und mit dem mich pflegenden Mädchen, wies auf mich und verließ uns. Seitdem sah ich ihn ganze drei Wochen nicht. Der Fürst lebte in seinem Hause sehr einsam. Die größere Hälfte des Hauses bewohnte die Fürstin, doch sah sie ihren Mann oft wochenlang nicht ein einziges Mal. Mit der Zeit fiel es mir auf, daß auch die Dienstboten, daß überhaupt alle Hausbewohner selten von ihm sprachen, als hätte er gar nicht im Hause gelebt. Alle achteten ihn und augenscheinlich liebten sie ihn sogar, indessen schienen sie ihn doch für so etwas wie einen Sonderling zu halten. Und es war, als wisse auch er, daß er sehr seltsam erschien, irgendwie unähnlich den anderen Menschen, und als vermeide er es deshalb nach Möglichkeit, sich zu zeigen ... Ich werde an einer anderen Stelle noch auf ihn zurückkommen und sehr viel und recht ausführlich von ihm erzählen müssen.

Eines Morgens zog man mir reine, feine Wäsche an und ein schwarzes wollenes Kleid mit weißem Trauerbesatz – ein Kleid, auf das ich mit trauriger Verwunderung sah; mein Haar wurde sorgfältig gebürstet, und dann führte man mich aus den oberen Zimmern nach unten in die Gemächer der Fürstin. Ich stand wie gebannt, als die mich Führende schließlich meine Hand freigab: eine solche Pracht, solch einen Reichtum ringsum hatte ich noch nie gesehen. Doch dieser Eindruck währte nur einen Augenblick und ich erbleichte, als ich die Stimme der Fürstin vernahm, die mich näher herantreten hieß. Schon während des Ankleidens hatte ich gefühlt und gefürchtet, daß mich irgendeine Qual erwartete, obschon ich selber nicht begreife, wie ich auf diesen Gedanken kam. Überhaupt trat ich mit einem seltsamen Mißtrauen in die Welt meines neuen Lebens und dieses Mißtrauen brachte ich ohne Ausnahme allem entgegen, was an mich an Neuem herankam.

Die Fürstin war sehr freundlich zu mir und küßte mich. Da wagte ich denn, sie etwas weniger befangen anzusehen. Sie war dieselbe schöne Dame, die ich schon an meinem Bett gesehen hatte, als ich aus meiner Bewußtlosigkeit zu mir kam. Ich küßte ihre Hand, zitterte aber dabei doch so sehr, daß ich auf ihre Fragen keine einzige Antwort zu geben vermochte – ich konnte mich einfach nicht so weit sammeln. Sie ließ mich auf einem niedrigen Taburett neben sich hinsetzen. Ich glaube, dieser Platz war schon im voraus für mich bestimmt. Allem Anschein nach hatte die Fürstin nur den einen Wunsch, mich mit ganzer Seele an sich zu schließen, mich ganz zu gewinnen und mir vollständig die Mutter zu ersetzen. Ich dagegen konnte nicht begreifen, daß ich bereits in ihrer Gunst stand, durch mein Verhalten aber in ihrer Einschätzung nichts gewann. Man gab mir ein schönes Bilderbuch und sagte, ich solle die Bilder betrachten. Die Fürstin selbst schrieb an einem Brief, hielt aber hin und wieder im Schreiben inne, um verschiedene Fragen an mich zu stellen, auf die ich jedoch nichts Gescheites zu antworten wußte – ich war verwirrt, stockte, verlor den Faden und wagte nicht, von neuem anzufangen. Kurz, obschon mein früheres Leben ein recht ungewöhnliches gewesen war und die größere Rolle das Schicksal in ihm gespielt hatte, das die Wege der Eltern, man kann wohl sagen, mystisch verbunden, und obgleich es überhaupt viel Interessantes und Unerklärliches, ja sogar etwas Phantastisches gehabt, so erschien ich doch in diesem Augenblick – es wirkte ordentlich komisch inmitten der ganzen melodramatischen Situation, in der ich mich befand – als ein ganz gewöhnliches, schüchternes oder eingeschüchtertes und genau genommen sogar dummes Kind. Namentlich letzteres gefiel der Fürstin äußerst wenig, und ich glaube, sie hatte mich sehr bald satt, was natürlich nur meine Schuld war. Gegen drei Uhr kamen die ersten Gäste – es war der Empfangstag der Fürstin – und sie war nun wieder sehr freundlich und lieb zu mir. Auf die Fragen der Fremden nach mir, antwortete sie: oh, das sei ein sehr interessanter Fall – und dann erzählte sie auf französisch alles Weitere. Während ihrer Erzählung sahen mich alle an, man schüttelte die Köpfe, Ausrufe des Bedauerns wurden laut. Ein junger Herr richtete seine Lorgnette auf mich und musterte mich eingehend; ein wohlriechender alter kleiner Herr wollte mich küssen, ich aber saß erbleichend und errötend, mit niedergeschlagenen Augen, wagte mich nicht zu rühren und zitterte am ganzen Körper. Mein Herz schlug dumpf und tat mir zum Brechen weh. Ich versetzte mich in mein früheres Leben, in unsere ärmliche Dachkammer, ich dachte an den Vater, an unsere langen, schweigsamen Abende, an die Mutter, und als ich an die Mutter dachte – da schwammen meine Augen plötzlich in Tränen und die Kehle war mir wie zugeschnürt. Ach, und ich wäre so gern fortgelaufen, verschwunden, allein geblieben ... Dann, als der letzte Besuch gegangen war, wurde das Gesicht der Fürstin wieder merklich strenger. Sie sah mich jetzt nichts weniger als freundlich an, sprach trocken zu mir, indes ihre durchdringend blickenden fast schwarzen Augen auf mir ruhten, die bisweilen wohl eine Viertelstunde lang auf mich gerichtet waren, und ihre fest zusammengepreßten schmalen Lippen mich ganz besonders einschüchterten. Am Abend wurde ich nach oben zurückgeführt. Ich fieberte im Einschlafen, erwachte in der Nacht aus wirren Träumen, weinte und war so unglücklich! Am nächsten Tage aber begann wieder dasselbe Spiel, d. h. man brachte mich wieder zur Fürstin. Schließlich wurde es ihr langweilig, ihren Gästen von mir zu erzählen, und den Gästen – ihr Mitleid und Bedauern zu äußern. Überdies war ich auch noch ein so gewöhnliches Kind, „ohne jegliche Naivität“, wie, ich weiß noch, die Fürstin sich in einem Gespräch mit einer älteren Dame unter vier Augen auf deren Frage ausdrückte, ob es sie denn wirklich nicht langweile, sich mit mir „abzugeben“? Da wurde ich denn am Abend fortgeführt und brauchte nicht wieder zu ihr zurückzukehren. Ich hatte meine Rolle in ihrer Gunst ausgespielt. Übrigens durfte ich überall hingehen und mich aufhalten wo ich wollte. Und ich konnte auch nicht stillsitzen: eine tiefe, krankhafte Unruhe, die wohl aus dem Heimweh und einer unbestimmten Sehnsucht irgendwohin entstand, peinigte mich und ich war froh, wenn ich endlich von allen fortgehen konnte, nach unten in die großen Räume. Ich weiß noch, ich hätte so gern mit den Dienstboten gesprochen, aber ich fürchtete, sie könnten böse werden, und so schwieg ich lieber und blieb einsam. Mein liebster Zeitvertreib war: mich irgendwo in einem Winkel zu verstecken, wo es möglichst unauffällig war – hinter einem Stuhl oder einem anderen Gegenstand, der mich vollständig verbarg – und mich dann dort gleich in die Erinnerung zu versenken und über alles, was mit mir geschehen war, nachzudenken. Doch sonderbar! – Das Ende meines Zusammenseins mit den Eltern, diese furchtbaren letzten Tage unseres gemeinsamen Lebens, die hatte ich wie vergessen, wenigstens als lebendige Vorgänge lebten sie nicht mehr in mir. Freilich wußte ich noch alles – entsann mich der Nacht und der Geige und des Vaters, ich wußte, wie ich ihm das Geld verschafft hatte; aber alle diese Vorgänge, sagen wir, begreifen, sie mir erklären – das konnte ich nicht ... Es wurde mir nur noch schwerer ums Herz, und wenn ich in der Erinnerung zu jenem Augenblick gelangte, in dem der Vater mich vor der toten Mutter niederknien hieß, dann erschauerte ich plötzlich vor Kälte. Ich zitterte und hätte schreien mögen. Das Atmen wurde mir schwer, so eng wurde mir die Brust und so laut pochte mein Herz, daß ich schließlich erschrocken aus meinem Winkel hinausstrebte und wieder nach oben lief. Übrigens – ich sagte, daß man mich allein ließ, doch ist das nicht ganz wörtlich zu nehmen: ich wurde die ganze Zeit mit peinlicher Gewissenhaftigkeit beaufsichtigt, denn der Fürst hatte es so angeordnet, daß man mir volle Freiheit geben, jedoch mich gleichzeitig nie aus den Augen lassen solle. Es fiel mir auf, daß von Zeit zu Zeit jemand von den Dienstboten oder von den anderen, die im Hause lebten, in das Zimmer sah, wo ich mich gerade aufhielt, und dann wieder fortging, ohne mir ein Wort zu sagen. Diese Aufmerksamkeit wunderte mich und zum Teil beängstigte sie mich sogar. Ich begriff nicht, warum man das tat. So dachte ich mir denn, man wolle mich zu irgendeinem Zweck aufbewahren und dann später Gott weiß was mit mir angeben. Ich weiß noch, deshalb wollte ich auch das Haus immer weiter durchsuchen, um ein Versteck auszukundschaften, in dem ich mich im Notfall verbergen konnte.

So verirrte ich mich einmal und kam ganz unvermutet ins Treppenhaus. Da war alles aus weißem Marmor, die Treppe selbst mit Läufern bedeckt und mit Blumen und Vasen geschmückt. Auf jedem Absatz der Treppe saßen je zwei große Menschen, die sehr bunt gekleidet waren, in Handschuhen und blendend weißen Halsbinden. Ich sah sie in höchster Verwunderung an und konnte trotz eifrigen Nachdenkens nicht begreifen, warum sie dort saßen, schwiegen und nur einander ansahen, sonst aber nichts taten.

An diesen einsamen Streifzügen durch das fürstliche Palais fand ich mit der Zeit immer mehr Gefallen. Aber es gab da noch einen anderen Grund, weshalb ich so gern aus den oberen Zimmern fortlief. Dort oben lebte eine alte Tante des Fürsten, ein altes Fräulein, das so gut wie nie das Haus, ja fast nicht einmal ihre Zimmer verließ. Diese alte Dame war womöglich die wichtigste Person im Hause und ich fürchtete sie sehr. Im Verkehr mit ihr beobachteten alle eine geradezu feierliche Etikette und sogar die Fürstin, die so stolz und selbstbewußt auf alle herabsah, mußte genau zweimal wöchentlich, an bestimmten Tagen, der Tante persönlich ihren Besuch machen. Sie kam gewöhnlich vormittags; es entspann sich ein trockenes Gespräch, das häufig von feierlichem Schweigen unterbrochen wurde, während die Alte ein Gebet flüsterte oder den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten ließ. Der Besuch dauerte so lange, wie die Tante es gerade für gut befand: sie erhob sich dann von ihrem Platz und küßte die Fürstin auf den Mund, womit sie zu verstehen gab, daß die Fürstin sie nun verlassen konnte. Anfangs hatte die Fürstin diese Tante sogar jeden Tag besuchen müssen, doch war in der Folge auf Wunsch der alten Dame eine Änderung und Erleichterung erfolgt: und zwar brauchte die Fürstin hinfort an den übrigen fünf Tagen der Woche nicht mehr persönlich zu erscheinen, sondern mußte sich nur an jedem Morgen durch einen Diener nach dem Befinden des alten fürstlichen Fräuleins erkundigen. Überhaupt verbrachte sie ihr Leben fast wie in einer Klosterzelle. Mit fünfunddreißig Jahren hatte sie sich auch wirklich einmal in ein Kloster zurückgezogen und siebzehn Jahre daselbst verlebt, jedoch nicht den Schleier genommen. Dann hatte sie das Kloster wieder verlassen und war nach Moskau gezogen, um bei ihrer Schwester, einer verwitweten Gräfin L., deren Gesundheit mit jedem Jahr mehr zu wünschen übrigließ, zu wohnen und sich auch mit der älteren Schwester, einer gleichfalls unverheirateten Fürstin H., zu versöhnen, nachdem sie etwa zwanzig Jahre lang in Feindschaft mit ihr gelebt hatte. Man sagt aber, die drei alten Damen sollen keinen Tag in Eintracht verbracht haben, tausendmal seien sie schon im Begriff gewesen, auseinanderzugehen, was sie dann aber doch nicht taten, da schließlich eine jede von ihnen den beiden anderen unentbehrlich geworden war, eben weil die Streitigkeiten die Langeweile und damit die trüben Stunden des Alterns verscheuchten. Doch ungeachtet dieses ihres wenig anziehenden Lebens und des feierlichen Stumpfsinns, der in ihrem Moskauer Palais herrschte, hielt es doch die ganze Moskauer Gesellschaft für ihre Pflicht, die Besuche bei den drei alten Damen fortzusetzen. Man sah in ihnen einfach die Hüterinnen aller aristokratischen Überlieferungen und Gesetze des alten Bojarentums. Die Gräfin soll übrigens eine prächtige Frau gewesen sein, wenigstens lebte sie noch nach ihrem Tode in vielen guten Erinnerungen fort. Petersburger, die nach Moskau kamen, machten bei ihnen ihre ersten Besuche. Wer in ihrem Hause empfangen wurde, der wurde überall empfangen. Nach dem Tode der Gräfin trennten sich die unverheirateten Schwestern: die ältere blieb in Moskau und trat dort ihren Teil von der Hinterlassenschaft der kinderlosen Gräfin an, und die jüngere, die zeitweilige Klosterfrau, siedelte nach Petersburg zu ihrem Neffen, dem Fürsten H., über. Dafür mußten die beiden Kinder des Fürsten, Katjä und Alexander, nach dem Tode der Gräfin in Moskau bei der Großtante bleiben, zu ihrer Zerstreuung und zu ihrem Trost in der Einsamkeit. Die Fürstin, die ihre Kinder leidenschaftlich liebte, durfte kein Wort dawider reden und mußte für die ganze Zeit der Trauer auf ihre Kinder verzichten. Ich vergaß zu sagen, daß das ganze Haus noch Trauer trug als ich hinkam, aber die Frist nahte sich schon ihrem Ende.

Die alte kleine Dame kleidete sich nur in Schwarz und die Kleider waren alle von gewöhnlichem schwarzem Wollenstoff. Dazu trug sie fein gefältelte und gesteifte weiße Krägelchen, die ihr das Aussehen einer Stiftsdame verliehen. Der Rosenkranz kam nie aus ihrer Hand, und feierlich fuhr sie regelmäßig zum Morgengottesdienst, fastete nahezu täglich, empfing verschiedene höhere Geistliche und andere ehrbare Personen und las in frommen Büchern. Sie führte, mit einem Wort, ein richtiges Klosterleben. Deshalb herrschte auch in den oberen Zimmern eine unheimliche Stille; nicht einmal eine Tür durfte kreischen: die Alte hatte ein Gehör wie eine fünfzehnjährige und ließ sogleich nach der Ursache des geringsten Geräusches fragen. Deshalb sprachen dort alle nur flüsternd und schlichen auf den Fußspitzen, ja die arme Französin, auch ein altes Dämchen, mußte sogar auf ihr geliebtes Schuhwerk verzichten – auf Stiefel mit hohen Absätzen! Denn: Absätze waren verpönt. Zwei Wochen nach meiner Aufnahme im Hause, ließ die alte Dame sich plötzlich nach mir erkundigen: wer ich sei, was ich tue, wie ich ins Haus gekommen usw., usw. Ihre Wißbegier wurde sogleich mit größter Diensteifrigkeit befriedigt. Darauf erschien der zweite Abgesandte bei der Französin, um zu fragen, warum die Prinzessin mich bis jetzt noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Da war die Aufregung groß: mir wurde schnell das Haar gekämmt, wurden Gesicht und Hände gewaschen, obschon sie ganz rein waren, man zeigte mir, wie ich mich verbeugen, wie ich die Hand küssen mußte, auch sollte ich freundlich dreinschauen und munter sprechen – kurz, man brachte mich vollständig aus dem Gleichgewicht. Darauf machte sich von uns aus eine Abgesandte auf den Weg, um die Prinzessin zu fragen, ob sie nicht das Waisenkindchen zu sehen wünsche? Die Antwort lautete zunächst verneinend, doch gab sie dann eine andere Stunde an: man solle mich am nächsten Tage nach der Morgenandacht zu ihr bringen. Ich schlief die ganze Nacht nicht und man sagte mir später, ich hätte viel phantasiert, wohl weil ich im Traum schon zu ihr gegangen sei, denn ich habe sie aus Gott weiß welchem Grunde immer wieder um Verzeihung gebeten. Endlich erfolgte meine Vorstellung. Ich erblickte eine hagere, kleine Dame, die auf einem riesengroßen Lehnstuhle saß. Sie nickte mir zu und setzte sich die Brille auf, um mich besser betrachten zu können. Ich weiß noch, daß ich ihr gar nicht gefiel. Sie machte die Bemerkung, ich sei ganz verwildert, verstände weder die Hand zu küssen, noch zu knixen. Es folgten Fragen, auf die ich keine Silbe zu antworten wußte; als sie mich aber nach meinen Eltern zu fragen anfing, da begann ich zu weinen. Das war der alten Dame sehr unangenehm. Übrigens versuchte sie mich zu trösten und sagte mir, ich solle auf Gott vertrauen. Darauf fragte sie, wann ich zum letztenmal in der Kirche gewesen sei, und da ich ihre Frage kaum verstand – denn in der Beziehung wußte ich noch so gut wie nichts – geriet sie in Entsetzen über meine bisherige Erziehung. Sie ließ die Fürstin zu sich bitten. Es folgte eine ernste Beratung, die damit endete, daß man beschloß, mich sogleich am nächsten Sonntag in die Kirche zu führen. Bis dahin wollte die alte Dame für mich beten. Zugleich sagte sie, man solle mich wegbringen, ich hätte einen sehr ungünstigen Eindruck auf sie gemacht. Das war freilich kein Wunder, anders hätte es wohl gar nicht sein können. Aber ihr Mißfallen war doch schon mehr als augenscheinlich. Am selben Tage noch ließ sie sagen, ich sei zu unartig, man höre mich im ganzen Hause – während ich die Zeit über mäuschenstill gesessen hatte. Natürlich hatte es der alten Dame nur so geschienen. Indes erfolgte diese Bemerkung auch am nächsten Tage. Zum Unglück ließ ich noch eine Tasse fallen, die auf dem Parkett zerschlug. Darüber gerieten die Französin und alle Dienerinnen fast außer sich, und ich wurde sogleich ins entlegenste Zimmer gebracht, wohin mir alle händeringend und kopfschüttelnd folgten.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie die Sache schließlich auslief. Jedenfalls lag hier der andere Grund, weshalb ich mich so viel lieber unten in den großen Räumen aufhielt, denn dort, das wußte ich, beunruhigte ich keinen Menschen.

Einmal saß ich unten in einem Saal ganz allein. Ich saß, das Gesicht wieder in den Händen vergraben, den Kopf gesenkt, und rührte mich nicht. Ich weiß nicht, wie viele Stunden darüber vergingen. Ich dachte und dachte vergeblich, denn mein junger unreifer Verstand konnte meinen Gram nicht bewältigen und es wurde mir immer schwerer ums Herz und mein Kummer wurde immer größer. Da vernahm ich plötzlich eine leise Stimme über mir:

„Was fehlt dir, meine Arme?“

Ich sah auf: es war der Fürst. Aus seinem gütigen Gesicht sprach soviel tiefes Mitleid, so aufrichtige Teilnahme! Aber ich sah ihn so unglücklich, so traurig an, daß seine großen blauen Augen feucht wurden.

„Arme kleine Waise!“ sagte er leise und streichelte meinen Kopf.

„Nein, nein, nicht Waise! Nein!“ stammelte ich – und ich stöhnte, denn alles erhob sich in mir und ich wollte mich gleichsam losringen von etwas Ungreifbarem, das mich zu umklammern drohte. Ich glitt vom Stuhl, hielt seine Hand umfaßt, küßte sie, daß meine Tränen sie benetzten, und wiederholte nur flehend:

„Nein, nein, nicht Waise! Nicht!“

„Mein Kind, – was hast du nur, meine arme Kleine? Was fehlt dir, Njetotschka?“

„Wo ist Mama? Wo ist meine Mama?“ rief ich laut weinend, unfähig, meinen Kummer noch länger zu verbergen – und kraftlos sank ich vor ihm auf die Knie. „Wo ist meine Mama? Sag’ mir, wo ist meine Mama?“

„Verzeih mir, mein Kind! ... Ach, du arme Kleine, da habe ich sie daran erinnert ... Mein Gott, was habe ich getan! Komm, komm mit mir, Njetotschka, komm!“

Er faßte mich an der Hand und führte mich mit sich fort. Er war sichtlich erschüttert. Wir gelangten in einen Raum, in dem ich noch nie gewesen war.

Es war das Betzimmer. Draußen herrschte bereits Dämmerung. Im Licht der Lämpchen strahlten hell die goldenen Einfassungen und die Edelsteine der Heiligenbilder. Aus all diesem Glanz und Gold schauten dunkel und matt die Antlitze der Heiligen. Alles erinnerte hier so wenig an die anderen Zimmer, war so unähnlich dem, was ich bis dahin überhaupt gesehen hatte, war so geheimnisvoll und ernst, daß ich bestürzt stillstand und der Schreck sich meines Herzens bemächtigte. Meine Nerven waren ja ohnehin schon in krankhafter Erregung.

Der Fürst ließ mich vor dem Muttergottesbilde niederknien und blieb neben mir stehen.

„Bete, Kind, bete hier; oder laß uns gemeinsam beten,“ sagte er mit leiser, stockender Stimme.

Doch ich konnte nicht beten: ich war zu bestürzt, zu erschrocken – mir fielen die Worte des Vaters ein, in jener letzten Nacht, an der Leiche der Mutter, und ich bekam einen neuen Nervenanfall. Ich mußte wieder das Bett hüten, und während dieser zweiten Periode meiner Krankheit wäre ich fast gestorben. Die Ursache dieser Verschlimmerung war folgende:

Eines Morgens schlug ein bekannter Name an mein Ohr: S–z. Eines von den Dienstmädchen hatte den Namen an meinem Bett genannt. Ich fuhr zusammen: die Erinnerungen stürzten über mich, und sinnend, träumend und mich quälend lag ich in Fieberphantasien, ich weiß nicht wie viele Stunden. Als ich erwachte, mußte es schon sehr spät sein: im Zimmer war es dunkel. Die Nachtlampe war erloschen, das Mädchen, das im Zimmer gesessen hatte, war nicht da. Plötzlich hörte ich ferne Musik. Bisweilen verstummten die Töne ganz, dann aber wurden sie wieder deutlicher und deutlicher, als näherten sie sich mir. Ich weiß nicht, welch ein Gefühl sich meiner bemächtigte, noch welch eine Absicht in meinem fiebernden Kopf plötzlich entstand. Ich erhob mich, stieg aus dem Bett – woher ich die Kraft dazu nahm, weiß ich nicht – zog mir schnell mein Trauerkleidchen an und verließ tastend das Zimmer. Im zweiten und dritten Zimmer traf ich auch keinen Menschen. Endlich erreichte ich den Korridor. Die Musik wurde lauter und lauter. In der Mitte des Korridors war die Treppe; auf diesem Wege hatte ich mich immer nach unten in die großen Säle geschlichen. Die Treppe war hell erleuchtet; unten hörte ich Schritte. Ich verbarg mich in einem Winkel, um nicht gesehen zu werden, und bei der ersten Möglichkeit schlich ich nach unten in den großen Korridor. Die Musik tönte aus dem angrenzenden großen Saal; von dorther kam auch Geräusch und ein Stimmengewirr, als hätten sich an tausend Menschen dort versammelt. Die große Tür, die aus dem Korridor in den Saal führte, war verhängt mit doppelten purpurroten Sammetportieren. Ich hob die erste auf, die auf der Korridorseite hing, und stellte mich zwischen beide Portieren. Mein Herz schlug so stark, daß ich mich kaum auf den Füßen hielt. Nach ein paar Minuten hatte ich meine Aufregung so weit bezwungen, daß ich schon wagte, den Rand der anderen Portiere, die an der Saalseite der Tür hing, ein wenig umzubiegen ... Mein Gott! Dieser riesengroße düstere Saal, den am Tage zu betreten ich mich kaum getraut hatte, flimmerte jetzt im Licht von tausend Kerzen. Wie ein Meer von Licht strahlte es mir entgegen, so daß meine Augen, die sich an das Dunkel gewöhnt hatten, im ersten Moment bis zum Schmerz geblendet waren. Aromatische Luft schlug mir wie ein heißer duftender Wind entgegen. Eine Unmenge Menschen wogte dort durcheinander und alle sahen, wie mir schien, froh, heiter, glücklich aus. Die Damen hatten so schöne, so helle Toiletten, überall sah ich vor Vergnügen leuchtende Augen. Ich stand wie bezaubert. Doch war es mir, als hätte ich das alles schon irgendwo, irgendwann wie im Traum gesehen ... Mir fielen die Stunden der Dämmerung ein, unsere Dachstube, das hohe Fenster, tief unten die Straße mit den strahlenden Laternen, die Fenster des gegenüberliegenden Hauses mit den roten Vorhängen, die Equipagen vor dem Portal, der Hufschlag und das Schnaufen der stolzen Pferde, das Rufen und Durcheinander auf der Straße, die Schattenbilder hinter den Fenstern auf den leuchtend roten seidenen Vorhängen, und dazu eine gedämpfte ferne Musik ... Also hier war dieses Paradies! fuhr es mir durch den Sinn, hierher also wollte ich mit dem armen Vater gehen ... So war denn das alles kein Traum? ... Ja, ich hatte das alles in meinen Träumen schon gesehen! ... Hellauf lohte meine Phantasie, deren Feuer von der Krankheit bereits doppelt geschürt sein mochte, und Tränen einer geradezu schrankenlosen Seligkeit rollten mir über die Wangen. Ich suchte mit den Augen den Vater in dieser Gesellschaft: „der muß hier sein, er ist gewiß hier,“ dachte ich und mein Herz schlug so vor Erwartung und Spannung, daß mir der Atem stockte ... Die Musik verstummte, doch gleich darauf erhob sich ein großes Getöse, und dann ging es durch den ganzen Saal wie ein Geflüster. Ich betrachtete voll Neugier und Unruhe die Gesichter, die ich sehen konnte, und bemühte mich, jemanden zu erkennen. Plötzlich ging eine neue große Erregung durch den Saal. Ich erblickte auf einer Erhöhung einen großen, hageren Greis. Sein bleiches Gesicht lächelte, er verbeugte sich etwas steif und grüßte nach allen Seiten. In der Hand hatte er eine Geige. Tiefes Schweigen trat ein, es war, als hielten alle den Atem an, alle sahen auf den Greis, alle schienen etwas zu erwarten. Da nahm er die Geige, hob den Arm und berührte mit dem Bogen die Saiten. Die Musik begann, und ich fühlte, wie etwas mir das Herz zusammenpreßte. Mit einem Gefühl von unsagbarer Angst und mit zurückgehaltenem Atem horchte ich auf diese Töne: etwas Bekanntes erklang in meinen Ohren, als hätte ich das schon irgendwo gehört: – und wie eine Vorahnung stieg es in mir auf, wie eine Erwartung von etwas Furchtbarem, etwas Entsetzlichem, das sich auch in meinem Herzen entscheiden sollte. Schon klang die Geige lauter, schneller und greller folgten die Töne. Da klang es bereits wie eines Menschen Gestöhn, darauf wie klagendes Schluchzen, wie jemandes vergebliches Flehen, doch die Menge blieb stumm, während die Töne über sie hinklangen – dann stöhnten sie auf und versagten wie in Verzweiflung. Immer bekannter, immer bekannter wurde mir etwas im Herzen. Aber das Herz weigerte sich noch, daran zu glauben ... Ich biß die Zähne zusammen, um nicht aufzustöhnen vor Schmerz, ich klammerte mich an die Portiere, um nicht hinzufallen ... Ich schloß die Augen, und schlug sie plötzlich wieder auf: ich glaubte nichts anderes, als daß es ein Traum sei, aus dem ich in einem furchtbaren, mir aber schon bekannten Augenblick erwachen werde, und ich sah wie im Traum wieder jene letzte Nacht, ich hörte dieselben Töne ... Ich schlug wieder die Augen auf, um mich zu überzeugen – sah die Menschenmenge ... Nein, das waren andere Menschen, andere Gesichter ... Und doch war es mir, als ob alle ganz wie ich etwas erwarteten, ganz wie ich sich in tiefer Sehnsucht quälten, wie ich diesen Tönen der Verzweiflung entgegenschreien wollten: doch aufzuhören, nicht ihre Seelen zu zerreißen – aber das zitternde Beschwören und Flehen der Töne wurde nur noch herzzerreißender, verzweifelter und haltloser ... bis plötzlich der letzte furchtbare, rasende Schrei ertönte und mir fast die Sinne nahm ... Kein Zweifel! das war derselbe, derselbe Schrei! Ich erkannte ihn, ich hatte ihn schon einmal gehört, wie damals in jener Nacht durchbohrte er mich. „Der Vater! der Vater!“ durchzuckte es mich wie ein Blitz, „er ist hier, das ist er, er ruft mich, das ist seine Geige!“ Und wie ein Stöhnen erhob es sich aus dieser Menschenmasse, ohrenbetäubendes Getöse erschütterte den Saal. Lautes, verzweifeltes Weinen brach aus meiner Brust. Ich hielt es nicht mehr aus, ich schlug die Portiere zurück und stürzte in den Saal.

„Papa! Papa! das bist du! Wo bist du?“ rief ich wie von Sinnen.

Ich weiß nicht, wie ich zu ihm hinkam: man ließ mich durch, man trat vor mir auseinander, und ich warf mich mit einem gequälten Schrei ihm entgegen – ich glaubte, den Vater zu umarmen ... Plötzlich sah ich, daß mich jemandes lange, hagere Hände erfaßten und hoch in die Luft hoben. Jemandes schwarze Augen sahen mich an und schienen mich verbrennen zu wollen mit ihrem Feuer. Ich starrte ihn an: „Nein! Das ist nicht der Vater! Das ist sein Mörder!“ fuhr es mir durch den Sinn. Da geriet ich so außer mir, eine so rasende Verzweiflung erfaßte mich – und plötzlich schien es mir, daß über mir ein Lachen erklang und dieses Lachen vom ganzen Saal widerhallte, wie ein einziger brausender Beifall ... Ich verlor das Bewußtsein.