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Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held cover

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Chapter 11: V.
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About This Book

The collection gathers four novellas that focus on children and youthful consciousness, juxtaposing public festivity and private feeling. One tale follows a young boy at a lively country estate, where social gaiety contrasts with moments of embarrassment, secret longing, and early self-awareness; another depicts domestic celebrations and the uneasy currents beneath them; a large unfinished fragment traces a girl's developing identity with intense psychological observation; the final story portrays a destitute child's hardships with sympathetic realism. Together the pieces probe childhood alienation amid adult display, the workings of memory and shame, and moral sensitivity rendered through vivid social detail.

V.

Das war die zweite und letzte Periode meiner Krankheit.

Als ich wieder zu Bewußtsein erwachte, erblickte ich das Gesicht eines Kindes vor mir, eines Mädchens von ungefähr meinem Alter, und unwillkürlich streckte ich ihr die Hände entgegen. Schon der erste Blick auf diese Altersgenossin hatte meine Seele wie mit einem Glücksgefühl, wie mit einer süßen Vorahnung erfüllt. Es war ein ideal schönes Gesichtchen, eine geradezu ergreifende, eine strahlende Schönheit – von jener Schönheit, vor der man plötzlich stehen bleibt, wie durchbohrt in süßer Verwirrung, wie erschrocken vor Entzücken, und der man dankbar ist allein schon für ihr Vorhandensein, dafür, daß unsere Augen sie schauen dürfen, und daß sie uns begegnet ist. Es war die Tochter des Fürsten, Katjä, die während meiner Krankheit aus Moskau zurückgekehrt war. Sie lächelte mir zu, als sie meine unwillkürliche Bewegung sah, und meine geschwächten Nerven erbebten bei diesem Lächeln in süßem Entzücken.

Die kleine Prinzeß rief sogleich ihren Vater, der keine zwei Schritte vom Bett mit dem Arzt sprach.

„Nun, gottlob! Endlich! Nun, Gott sei Dank!“ rief der Fürst, meine Hand erfassend, und sein Gesicht verriet aufrichtige Freude. „Das freut mich, das freut mich, das ist doch ein Glück!“ fuhr er schnell zu sprechen fort – es war seine Art, schnell, wenn auch meist leise zu sprechen. „Und dies kleine Mädchen hier ist meine Katjä, mein Töchterchen. Nun könnt ihr Freundschaft schließen – jetzt hast du eine Spielgefährtin. Aber du mußt nun auch schnell gesund werden, Njetotschka. Du böses kleines Mädchen, wie wir uns um dich geängstigt haben! ...“

Meine Genesung machte auch wirklich sehr schnelle Fortschritte. Nach ein paar Tagen konnte ich schon das Bett verlassen. Jeden Morgen kam Katjä an mein Bett, immer mit einem Lächeln oder gar Lachen, das nicht von ihren Lippen wich. Auf ihr Erscheinen wartete ich wie auf ein Glück. Ich hätte sie so gern geküßt! Aber das mutwillige Prinzeßchen kam immer nur auf ganz kurze Zeit, sie konnte fast überhaupt nicht stillsitzen. Ewige Unruhe, laufen, springen, lachen und tollen, daß man es im ganzen Hause hörte – das war für sie einfach Lebensbedingung. Deshalb erklärte sie mir auch gleich am ersten Tage, daß es sie furchtbar langweile, bei mir zu sitzen: sie werde daher nur sehr selten zu mir kommen, und auch das nur deshalb, weil ich ihr leid täte – da ginge es eben nicht anders, denn gar nicht kommen, das ginge wiederum auch nicht. Aber wenn ich gesund sein würde, dann sollten wir – so versprach sie – sehr gut miteinander auskommen. Es war denn auch jeden Morgen ihr erstes Wort:

„Nu, bist du jetzt gesund?“

Da ich aber immer noch mager und bleich war und das Lächeln sich nur schüchtern, mit zaghafter Angst gepaart, in meinem traurigen Gesicht hervorwagte, so runzelte das Prinzeßchen die Stirn, schüttelte mißbilligend das Köpfchen und ihr kleiner Fuß stampfte oft ungeduldig auf.

„Aber ich sagte dir doch gestern, daß du heute gesund sein sollst! Was? Man gibt dir wohl nichts zu essen?“

„Ja, wenig,“ antwortete ich schüchtern, denn ich fürchtete mich schon vor ihr. Ich hatte nur den einen Wunsch: ihr zu gefallen, und deshalb fürchtete ich für jedes Wort, für jede Bewegung. Ihr Kommen entzückte mich mit jedem Tage mehr. Solange sie bei mir saß, ließ ich sie nicht aus den Augen, und wenn sie fortgegangen war, sah ich immer noch dorthin, wo sie zuletzt gestanden oder gesessen hatte. Ja, in der Nacht sah ich sie sogar schon in meinen Träumen. Im Wachen aber, wenn sie nicht bei mir war, ersann ich ganze Gespräche mit ihr, war ihr Freund, tollte, spielte und weinte mit ihr, wenn man uns schalt oder für irgendeine besondere Tollheit bestrafen wollte. Kurz, ich dachte an sie und sah sie im Traum und träumte von ihr, als wäre ich in sie verliebt gewesen. Ich wollte um jeden Preis bald gesund werden und schnell zunehmen, wie sie es wünschte. Wenn sie zuweilen morgens in mein Zimmer gestürmt kam und ich dann wieder ihre ungeduldige Frage hörte: „Bist noch nicht gesund? Ach Gott, immer noch bist du so mager!“ dann wurde ich ängstlich, als wäre dies meine Schuld. Es konnte aber auch schwerlich etwas Ernsteres geben, als die Verwunderung Katjäs darüber, daß ich nicht binnen vierundzwanzig Stunden genas, worüber sie sich bereits allen Ernstes zu ärgern anfing.

„Nu, dann – willst du, ich bringe dir heute eine Pastete?“ sagte sie mir einmal. „Iß sie, davon wirst du bald wieder dick.“

„Bring,“ sagte ich, froh darüber, daß ich sie nochmals zu sehen bekommen würde.

Nach der Erkundigung, ob ich schon gesund sei, setzte sich das Prinzeßchen gewöhnlich mir gegenüber und begann mich mit ihren dunklen Augen ernsthaft zu betrachten. Und auch jedesmal, wenn sie mir etwas sagte oder mich fragte, betrachtete sie mich zuvor von oben bis unten mit der naivsten Verwunderung. Aber unsere Unterhaltung kam nie so recht in Gang. Ich fürchtete mich vor Katjä und ihren schroffen Ausfällen, während ich anderseits fast verging vor Verlangen, mit ihr zu sprechen.

„Warum schweigst du?“ begann sie, nachdem wir uns eine Zeitlang stumm betrachtet hatten.

„Was macht dein Papa?“ fragte ich, froh über die plötzlich gefundene Frage, mit der ich nun jedesmal ein Gespräch anfangen konnte.

„Nichts. Es geht ihm gut. Ich habe heute zwei Tassen Tee getrunken, nicht eine. Und du wieviel?“

„Eine.“

Wieder Schweigen.

„Heute hätte mich Falstaff beinahe gebissen.“

„Ist das ein Hund?“

„Ja, ein Hund. Hast du ihn denn noch nicht gesehen?“

„Nein, ich hab’ ihn wohl nicht gesehen.“

Ich wußte nichts mehr zu sagen und das Prinzeßchen sah mich wieder mit Verwunderung an.

„Sag? Gefällt es dir, wenn ich mit dir spreche?“

„Ja, sehr: komm öfter, wenn du kannst.“

„Das hat man mir auch gesagt, daß es dich freuen werde, wenn ich zu dir komme, aber du, steh schneller auf. Die Pastete werde ich dir heute ganz bestimmt bringen ... Aber warum schweigst du denn immer?“

„So.“

„Du denkst wohl viel?“

„Ja, ich denke viel.“

„Mir aber sagt man immer, daß ich viel spreche und wenig denke. Ist es denn schlecht, wenn man spricht?“

„Nein. Ich bin froh, wenn du sprichst.“

„Hm! ich werde Madame Léotard fragen, die weiß alles. Aber woran denkst du denn?“

„Ich denke an dich,“ sagte ich nach kurzem Schweigen.

„Und das macht dir Spaß?“

„Ja.“

„Dann liebst du mich wohl?“

„Ja.“

„Aber ich liebe dich noch nicht. Du bist so mager! Wart’, ich werde dir gleich die Pastete bringen! Nu, adieu!“

Und das Prinzeßchen, das mich fast im Fluge abküßte, war schon verschwunden.

Nach dem Essen brachte sie mir auch wirklich die Pastete. Sie kam hereingelaufen, ausgelassen wie ein Kobold, lachend und jauchzend vor Freude, daß sie mir etwas zu essen brachte, was mir zu essen verboten worden war.

„Iß, iß mehr, iß recht viel, das ist nämlich meine eigene Pastete, ich habe selbst nicht gegessen. Nu, adieu!“ Und schon war sie fort.

Ein anderes Mal kam sie wie ein Wirbelwind ins Zimmer, gleichfalls nach dem Essen. Ihre schwarzen Locken waren wie vom Sturm verwirrt, ihre Augen blitzten und die Bäckchen glühten wie Purpur: sie mußte nach ihren Lernstunden schon etliche Stunden gelaufen und gesprungen sein.

„Kannst du Federball spielen?“ rief sie atemlos, übersprudelnd und in größter Eile.

„Nein,“ sagte ich, und es tat mir schrecklich leid, daß ich nicht „ja“ sagen konnte.

„Ach, wie du bist! Nu, werd schnell gesund, dann zeig’ ich es dir. Ich kam nur deshalb. Ich spiele jetzt mit Madame Léotard. Adieu, man wartet auf mich!“

Endlich durfte ich das Bett verlassen, obschon ich mich noch immer schwach und kraftlos fühlte. Mein erster Gedanke war, mich jetzt nie mehr von Katjä zu trennen. An ihr war etwas, was mich unwiderstehlich zu ihr hinzog. Ich konnte mich kaum sattsehen an ihr, worüber Katjä sich sehr zu verwundern schien. Dieser Drang zu ihr war so stark und ich gab mich diesem neuen Gefühl so leidenschaftlich hin, daß es von ihr natürlich nicht unbemerkt bleiben konnte, und anfangs erschien es ihr denn auch unerhört seltsam. Ich weiß noch, einmal während eines gemeinsamen Spiels hielt ich es plötzlich nicht mehr aus und warf mich ihr an den Hals, um sie zu küssen. Sie befreite sich aus meiner Umarmung, erfaßte meine Hände – und mit zusammengezogenen Brauen, als hätte ich sie beleidigt, fragte sie mich:

„Was fällt dir ein? Warum küßt du mich?“

Ich fuhr schuldbewußt zusammen bei ihrer schnellen Frage und sagte kein Wort. Die Prinzeß zuckte mit ihren kleinen Schultern, zum Zeichen ihres Nichtbegreifenkönnens (dieses Achselzucken war ihr schon zur Angewohnheit geworden), dann preßte sie überernst ihre kleinen weichen Lippen zusammen, ließ die Spielsachen liegen und setzte sich auf den Diwan, von wo aus sie mich sehr lange betrachtete – wobei sie anscheinend tief und ernsthaft über etwas nachdachte, ganz als habe sie da ein schwieriges Problem zu lösen, das plötzlich in ihren Gedanken aufgetaucht war. Es war dies gleichfalls so ihre Angewohnheit in allen unklaren Fällen. Ich aber konnte mich an diese schroffen Äußerungen ihres Charakters lange nicht gewöhnen.

In der ersten Zeit beschuldigte ich nur mich allein und dachte, daß ich wirklich sehr viele Eigenheiten haben mußte. Aber wenn dies auch zum Teil zutreffen mochte, so quälte ich mich doch in einer gewissen Ungewißheit mit der einen Frage: warum ich mit Katjä nicht gleich Freundschaft schließen und ihr ein für allemal gefallen konnte? Meine Mißerfolge in der Beziehung kränkten mich bis zum körperlichen Schmerz und ich hätte über jedes unbedachte Wort Katjäs, über jeden mißtrauischen Blick von ihr weinen mögen. Mein Leid wuchs nicht nur mit jedem Tage, sondern sogar mit jeder Stunde, denn mit Katjä ging alles sehr schnell. Schon nach ein paar Tagen merkte ich, daß sie mich gar nicht mehr leiden konnte, ja daß ich ihr schon verhaßt wurde. In der Seele dieses kleinen Mädchens geschah alles schnell, schroff, – manch einer würde sagen brutal, und vielleicht mit Recht, wenn in allen diesen blitzschnellen Veränderungen eines geraden, naiv-offenherzigen Charakters nicht zugleich eine angeborene, eine gewisse vornehme Grazie gewesen wäre. Unsere Entfremdung begann damit, daß zuerst Zweifel in ihr aufstiegen und aus den Zweifeln wurde Verachtung, und zwar wie ich glaube, deshalb, weil ich kein einziges Spiel zu spielen verstand. Die Prinzeß liebte zu tollen, zu laufen, sie war stark, lebhaft, gewandt, ich aber – gerade das Gegenteil. Ich war noch von der Krankheit her schwach, war still und nachdenklich: Kinderspiele machten mir kein Vergnügen. Mit einem Wort, mir fehlten alle Eigenschaften, deren ich bedurft hätte, um Katjä zu gefallen. Außerdem konnte ich es nicht ertragen, andere mit mir unzufrieden zu sehen: dann wurde ich traurig, verlor allen Mut und hatte erst recht nicht mehr die Kraft, das Verfehlte wieder gutzumachen und den schlechten Eindruck zu verwischen, – kurz, ich verfiel dem Unglück ganz. Das war nun etwas, was Katjä nicht begreifen konnte. Anfangs schien es sie eher zu verblüffen, sie sah mich dann, wie es ihre Art war, mit stummer Verwunderung an, nachdem sie sich, wie es zuweilen vorkam, eine ganze Stunde mit mir abgemüht hatte, um mich z. B. das Reifenspiel zu lehren, das ich immer noch nicht begreifen wollte. Und da ich gleich traurig wurde und Tränen mir in die Augen traten, so wandte sie sich, nachdem sie über mich nachgedacht und doch weder durch ihr Denken noch durch mich selbst einen Aufschluß erhalten hatte, einfach von mir ab und spielte allein weiter, ohne mich noch zum Mitspielen aufzufordern, ja sogar ohne überhaupt noch mit mir zu sprechen, – und das nicht nur an diesem einen Tage, sondern gleich ein paar Tage lang. Von diesem Verhalten war ich so betroffen, daß ich ihre Geringschätzung kaum ertragen konnte. Meine neue Einsamkeit wurde nun fast noch bedrückender als die frühere in der Dachstube, und ich begann wieder zu trauern und zu grübeln: wieder bedrückten dunkle Gedanken mein Herz.

Madame Léotard, die uns beaufsichtigte, bemerkte schließlich diese Veränderung in unserem Verhalten zueinander. Und da ihr natürlich mein fremdes Wesen zuerst auffiel, vor allem meine Verlassenheit, so wandte sie sich ohne weiteres an die Prinzeß und schalt sie sehr, weil sie mit mir nicht umzugehen verstünde. Die Prinzeß runzelte die Stirn, zuckte mit den Schultern und erklärte darauf, sie könne mit mir nichts anfangen, zu spielen verstände ich nicht, ich dächte immer Gott weiß woran, sie aber werde lieber auf den Bruder warten, der bald aus Moskau zurückkehren müsse, dann könne sie mit ihm ganz anders spielen, mit ihm sei es viel lustiger.

Doch Madame Léotard begnügte sich nicht mit dieser Antwort, sie hielt ihr vor, daß sie mich allein sitzen lasse und nicht bedenke, daß ich noch krank wäre, deshalb könne ich auch nicht so lustig und ausgelassen sein wie sie, Katjä, was übrigens auch viel besser sei, denn das, was Katjä anrichte, sei unerhört, sie habe dies verbrochen und jenes angestiftet und vorvorgestern hätte die Bulldogge sie deshalb zur Strafe fast aufgefressen. Kurz, Madame Léotard schalt ohne Nachsicht und schloß ihre Strafpredigt damit, daß sie sie zu mir schickte, mit der Weisung, sich sogleich mit mir zu versöhnen.

Katjä hatte die Standrede mit großer Aufmerksamkeit angehört, als sage man ihr nun wirklich etwas Neues, und es schien ihr einzuleuchten, daß in diesem Neuen etwas richtig und gerecht war. Sie ließ ihren Reifen, den sie durch das Zimmer gerollt hatte, liegen, trat auf mich zu, sah mich ernst an und fragte etwas ungläubig:

„Willst du denn spielen?“

„Nein,“ sagte ich schnell, noch erschrocken von der Standrede der Madame Léotard.

„Was willst du denn?“

„Ich werde hier sitzen, denn mir fällt das Laufen schwer. Nur sei mir deshalb nicht böse, Katjä, ich habe dich sehr lieb.“

„Nun gut, dann werde ich allein spielen,“ sagte sie langsam, gleichsam überlegend und als wundere sie sich darüber, wenn sich jetzt beinahe herausstellte, daß sie an gar nichts schuld wäre. „Nun denn, adieu, ich werde dir nicht böse sein.“

„Adieu,“ sagte ich, stand auf und reichte ihr die Hand.

„Vielleicht wollen wir uns küssen?“ fragte sie nach kurzem Nachdenken – wohl in der Erinnerung an jenen Kußzwischenfall und zugleich, um mir etwas Angenehmes zu erweisen und dadurch schneller den Zwist mit mir beizulegen.

„Wie du willst,“ sagte ich in scheuer Hoffnung.

Sie trat an mich heran und küßte mich todernst, ohne auch nur im geringsten zu lächeln. Und als sie so alles getan, was man von ihr verlangte, ja sogar noch mehr als das, nur um einem armen Mädchen ein Vergnügen zu bereiten, da lief sie zufrieden und froh von mir fort, und bald hörte man wieder in allen Zimmern ihr Lachen und Tollen, bis sie sich erschöpft und atemlos auf einen Diwan warf, um sich zu erholen und neue Kräfte zu sammeln. Dann sah sie mich aber doch die ganze Zeit mißtrauisch an, da ich ihr offenbar wunderlich erschien. Es war, als hätte sie gern mit mir gesprochen, als hätte sie gern gewisse Fragen, die ihr in bezug auf mich durch den Sinn fuhren, beantwortet, aber ich weiß nicht, weshalb sie diesmal nicht fragte und sich bezwang.

Katjä lernte gewöhnlich morgens. Madame Léotard unterrichtete sie nur in der französischen Sprache. Der ganze Unterricht bestand im Wiederholen der Grammatik und im Lesen der Fabeln von Lafontaine. Man unterrichtete sie deshalb nur in diesem Fach, weil es ohnehin schon schwer gewesen war, sie dazu zu bewegen, wenigstens zwei Stunden täglich zu lernen. Auf diesen Ausgleich war sie schließlich nur auf Bitten des Vaters eingegangen, und auf Befehl der Mutter. Ihr Versprechen aber erfüllte sie sehr gewissenhaft. Sie war außerordentlich begabt, sie begriff leicht und behielt das Begriffene. Aber auch in der Art ihres Lernens hatte sie ihre kleinen Eigenheiten: wenn sie z. B. irgend etwas einmal nicht sofort begriff, dann begann sie gleich selbst nachzudenken, denn eher tat sie alles Mögliche, als daß sie andere um eine Erklärung dessen bat, was sie sich selbst mit eigenem Verstande nicht zu erklären vermochte, – sie schien sich dann einfach zu schämen. Ja, es soll sogar vorgekommen sein, daß sie sich tagelang mit einer Frage gequält und über sich selbst geärgert hatte, weil sie sie nicht ohne fremde Hilfe beantworten konnte: denn nur im äußersten Fall, wenn sie schon ganz müde geworden war vom Denken, ging sie zu Madame Léotard und bat sie, ihr die Sache zu erklären, der ihr eigener Verstand noch nicht gewachsen war. Und so war sie in allem. Sie hatte schon viel nachgedacht, was man ihr freilich auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte. Und doch konnte sie mitunter noch furchtbar naiv sein: zuweilen stellte sie für ihr Alter unglaublich dumme Fragen, und zuweilen wiederum verrieten ihre Antworten die spitzfindigste Schlauheit und das weitsichtigste, feinste Verständnis.

Da ich mit der Zeit auch zu lernen anfangen konnte, so nahm mich Madame Léotard eines Tages gewissermaßen ins Verhör, und nachdem sie festgestellt, daß ich schon sehr gut las, aber noch sehr schlecht schrieb, erklärte sie, es sei nun die höchste Zeit und die größte Notwendigkeit, daß ich mit dem Französischen anfinge.

Ich widersprach natürlich nicht und am nächsten Vormittage setzten wir uns, Katjä und ich, an den Lerntisch zu beiden Seiten von Madame Léotard. Unglücklicherweise war Katjä gerade an diesem Tage so zerstreut und auch schwerfällig im Begreifen, daß Madame Léotard sie gar nicht wiedererkannte. Ich aber lernte im Nu das französische Alphabet, denn ich hatte nur den einen Wunsch, es Madame Léotard recht zu machen. Sie aber ärgerte sich die ganze Zeit über Katjä und zum Schluß wurde sie so böse, daß sie sie heftig schalt:

„Nehmen Sie sich an ihr ein Beispiel,“ sagte sie, auf mich weisend, „ein noch halbkrankes Kind lernt zum erstenmal und hat in einer Stunde zehnmal mehr begriffen als Sie. Schämen Sie sich!“

„Sie weiß mehr als ich?“ fragte Katjä verwundert, „aber sie lernt doch erst das Alphabet!“

„In wieviel Stunden haben Sie das Alphabet gelernt?“

„In drei.“

„Und sie in einer einzigen. Folglich begreift sie dreimal schneller als Sie und wird Sie im Nu überholen. Das sehen Sie doch ein?“

Katjä dachte einen Augenblick nach und plötzlich wurde sie feuerrot. Überhaupt war Erröten, Beschämtsein – das erste bei ihr, gleichviel ob es sich um einen Mißerfolg, einen Ärger, um eine Kränkung handelte oder ob man sie bei einer Unart ertappte und schalt. Diesmal traten ihr fast Tränen in die Augen, aber sie schwieg und sah mich nur einmal so an, als wolle sie mich verbrennen mit ihrem Blick. Da erriet ich, was sie empfand. Die Arme war über alle Maßen stolz und ehrgeizig!

Als wir Madame Léotard verließen, versuchte ich, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, um ihren Ärger zu verscheuchen und zu zeigen, daß es mich nichts anging, was die Französin sagte, aber Katjä schwieg, als hätte sie mich überhaupt nicht gehört.

Etwa nach einer Stunde kam sie in das Zimmer, wo ich mit einem Buch saß, jedoch ohne zu lesen, denn ich dachte die ganze Zeit nur an Katjä – ich war doch noch zu bestürzt und erschrocken bei dem Gedanken, der nicht von mir wich, daß Katjä nun wieder nicht mit mir sprechen wollte.

Sie sah mich finster an, setzte sich wie gewöhnlich auf den Diwan und betrachtete mich eine gute halbe Stunde. Länger hielt ich es nicht aus: ich hob den Kopf und sah sie fragend an.

„Kannst du tanzen?“ fragte sie mich darauf.

„Nein.“

„Aber ich.“

Schweigen.

„Kannst du denn Klavier spielen?“

„Nein, auch nicht.“

„Aber ich spiele. Das ist sehr schwer zu erlernen.“

Ich schwieg.

„Madame Léotard sagt, du seist klüger als ich.“

„Madame Léotard war nur böse auf dich,“ sagte ich.

„Wird Papa auch böse sein?“

„Das weiß ich nicht,“ antwortete ich.

Wieder Schweigen. Plötzlich stampfte die Prinzeß ungeduldig mit dem Fuß auf.

„So wirst du jetzt über mich lachen, weil du schneller begreifen kannst als ich?“ rief sie, unfähig ihren Ärger zu verbergen.

„Ach nein, nein!“ Ich sprang auf, um zu ihr zu laufen und sie zu umarmen.

„Und Sie schämen sich nicht, so etwas zu denken und so zu fragen, Prinzeß?“ ertönte plötzlich die Stimme der Madame Léotard, die uns schon eine Weile aus dem anderen Zimmer beobachtet und das Gespräch gehört hatte. „Schämen Sie sich! Sie beneiden das arme Kind und prahlen vor ihr, daß Sie tanzen und Klavier spielen können. Wie häßlich von Ihnen! Ich werde alles dem Fürsten erzählen.“

Die Prinzeß errötete.

„Das war schlecht von Ihnen. Sie haben Sie mit Ihren Fragen absichtlich gekränkt. Ihre Eltern waren arm und konnten keine Gouvernanten für sie halten; sie hat alles aus sich selbst gelernt, weil sie ein kluges Kind ist. Sie sollten Sie lieben und gut zu ihr sein, Sie aber wollen mit ihr nur streiten und sie kränken. Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! Sie ist doch eine Waise! Sie hat keinen Menschen, der ihr nahe steht. Es fehlte nur noch, daß Sie auch damit zu prahlen anfangen, daß Sie eine Prinzeß sind und sie nicht. Ich lasse Sie allein. Denken Sie darüber nach, was ich Ihnen gesagt habe und bessern Sie sich.“

Die Prinzeß dachte genau zwei Tage nach. Zwei Tage lang hörte man sie weder lachen noch tollen. In der Nacht hörte ich, wie sie sogar im Traum mit Madame Léotard stritt. Ja, es schien fast, als magere sie ein wenig ab in diesen zwei Tagen, wenigstens wurde ihr zartes Gesichtchen merklich bleicher. Am dritten Tage begegneten wir uns zufällig unten in den großen Räumen. Die Prinzeß kam von der Mutter und als sie mich erblickte, blieb sie stehen und setzte sich nicht weit von mir auf einen Stuhl. Ich erwartete mit Bangen, was nun kommen würde.

„Njetotschka, weshalb hat man mich deinetwegen gescholten?“ fragte sie plötzlich.

„Oh, das geschah nicht meinetwegen, Katenjka[2],“ sagte ich schnell, wie um mich zu rechtfertigen.

„Aber Madame Léotard sagt doch, ich hätte dich beleidigt.“

„Nein, Katenjka, du hast mich nicht beleidigt.“

Die Prinzeß zuckte mit der Achsel – ein Zeichen, daß sie mich nicht verstand.

„Warum weinst du denn immer?“ fragte sie nach kurzem Schweigen.

„Ich werde nicht mehr ... wenn du es nicht willst,“ sagte ich und die Tränen traten mir schon in die Augen.

Sie hatte dafür wieder nur ein Achselzucken.

„Hast du auch früher immer geweint?“

Ich antwortete nicht.

„Warum lebst du bei uns?“ fragte sie plötzlich, wieder nach neuem kurzem Schweigen.

Ich sah sie verwundert an und fühlte so etwas wie einen Stich ins Herz.

„Weil ich eine Waise bin,“ sagte ich schließlich, nachdem ich mich zusammengenommen.

„Hattest du Eltern?“

„Ja.“

„Nun, und – die haben dich nicht geliebt?“

„Nein ... sie liebten mich,“ antwortete ich mit Mühe.

„Sie waren aber arm?“

„Ja.“

„Sehr arm?“

„Ja.“

„Und bei denen hast du nichts gelernt?“

„Nur lesen.“

„Hattest du Spielsachen?“

„Nein.“

„Hattest du Kuchen?“

„Nein.“

„Wieviel Zimmer hattet ihr?“

„Ein Zimmer.“

„Nur ein Zimmer?“

„Ja.“

„Und hattet ihr Dienstboten?“

„Nein, wir hatten keine Dienstboten.“

„Aber wer hat euch denn bedient?“

„Ich ging selbst ... einkaufen ...“

Die Fragen der Prinzeß zerrissen mir immer mehr das Herz. Dazu kamen die Erinnerungen ... und meine Verlassenheit und die Verwunderung der Prinzeß – all das traf und verletzte mein Herz, daß es wie aus Wunden blutete. Ich zitterte fieberhaft vor Erregung und die Tränen drohten mich zu ersticken.

„Dann bist du wohl froh, daß du bei uns wohnst?“

Ich schwieg.

„Hattest du schöne Kleider?“

„Nein.“

„Schlechte?“

„Ja.“

„Ich habe dein Kleid gesehn, man hat es mir gezeigt.“

„Warum fragst du mich dann noch?“ rief ich aufstehend, erschüttert von einem neuen, noch nie empfundenen Gefühl, „warum fragst du dann noch?“ fuhr ich fort, und das Blut stieg mir vor Unwillen heiß ins Gesicht. „Warum lachst du über mich?“

Die Prinzeß war gleichfalls errötet und erhob sich auch, aber sie beherrschte sich schnell.

„Nein ... ich lache nicht,“ sagte sie. „Ich wollte nur wissen, ob es wahr ist, daß deine Eltern arm waren?“

„Warum fragst du mich nach meinen Eltern?“ rief ich und Tränen rollten mir über die Wangen vor Seelenschmerz. „Warum fragst du mich so nach ihnen? Was haben sie dir getan, Katjä?“

Katjä stand betreten vor ihrem Stuhl und wußte nicht, was sie antworten sollte. Da trat der Fürst ins Zimmer.

„Was fehlt dir, Njetotschka?“ fragte er, als er meine Tränen bemerkte. „Was fehlt dir, weshalb weinst du?“ fragte er nochmals und sah Katjä an, die feuerrot geworden war. „Wovon spracht ihr? Worüber habt ihr gestritten? Njetotschka, worüber weinst du?“

Ich konnte nicht antworten, aber ich ergriff die Hand des Fürsten und küßte sie unter Tränen.

„Katjä, sag du, und sprich die Wahrheit: was ist hier vorgefallen?“

Katjä verstand nicht zu lügen.

„Ich sagte ihr, daß ich gesehen habe, was für ein schlechtes Kleid sie trug, als sie noch bei ihrem Papa und ihrer Mama lebte.“

„Wer hat es dir gezeigt? Wer hat es dir zu zeigen gewagt?“

„Ich habe es selbst gesehen!“ sagte Katjä in bestimmtem Tone.

„Nun gut! Ich kenne dich, du willst niemanden angeben. Und was weiter?“

„Und dann fing sie an zu weinen und fragte: warum ich mich über ihren Papa und ihre Mama lustig gemacht?“

Das hatte sie zwar nicht getan, aber offenbar war es ihre Absicht gewesen, da auch ich es nach der ersten Frage so aufgefaßt hatte. Sie antwortete dem Vater keine Silbe: und dies war ebenso gut wie ein Geständnis.

„Du gehst sofort zu ihr und bittest sie um Verzeihung,“ befahl der Fürst, auf mich weisend.

Die Prinzeß stand bleich und stumm und rührte sich nicht.

„Nun,“ sagte der Fürst.

„Ich will nicht,“ sagte Katjä schließlich halblaut, aber mit fest entschlossener Miene.

„Katjä!“

„Nein, ich will nicht, ich will nicht!“ schrie sie plötzlich mit blitzenden Augen und stampfte mit beiden Füßchen. „Ich will nicht, Papa, ich will nicht um Verzeihung bitten. Ich liebe sie nicht. Ich will nicht mit ihr zusammenwohnen ... Ich bin nicht schuld, daß sie den ganzen Tag weint. Ich will nicht, ich will nicht!“

„Komm mit,“ sagte der Fürst, sie an der Hand fassend, um sie in sein Kabinett zu führen. „Njetotschka, geh nach oben,“ wandte er sich zu mir.

Ich wollte ihn zurückhalten, wollte für Katjä um Verzeihung bitten, doch der Fürst wiederholte streng seinen Befehl und ich ging nach oben, eiskalt vor Schreck, wie eine Tote. In unserem Zimmer sank ich auf den Diwan und umklammerte meinen Kopf mit den Händen. Ich zählte die Minuten. Ich erwartete Katjä mit fiebernder Ungeduld, ich wollte mich ihr zu Füßen werfen. Endlich kam sie: sie ging ohne ein Wort an mir vorüber und setzte sich in den fernsten Winkel; Ihre Augen waren rot und die Wangen geschwollen von Tränen. Da schwand meine ganze Entschlossenheit. Ich sah sie angstvoll an und meine Angst lähmte mich.

Ich beschuldigte mich mit allen Fibern, ich mühte mich krampfhaft, mir vor mir selbst zu beweisen, daß ich allein an allem schuld sei. Tausendmal wollte ich zu Katjä gehen und tausendmal sank mir der Mut, da ich nicht wußte, wie sie sich zu mir verhalten würde. So verging ein Tag und noch einer. Am Abend dieses zweiten Tages wurde Katjä wieder munterer und nahm sogar ihr Reifenspiel vor, doch bald ließ sie den Reifen liegen und zog sich wieder in ihren Winkel zurück. Kurz bevor wir zu Bett gingen, wandte sie sich plötzlich zu mir und kam sogar zwei Schritte auf mich zu: ihre weichen Lippen zuckten, als setze sie zum Sprechen an, aber sie blieb stehen, wandte sich wieder fort und ging zu Bett. Nach diesem Tage verging noch ein Tag, und die erstaunte Madame Léotard nahm Katjä zu guter Letzt ins Verhör: ob sie krank sei oder was mit ihr geschehen, daß sie sich mit einemmal so still verhalte? Katjä antwortete ausweichend irgend etwas, was ich nicht hören konnte, doch kaum hatte Madame Léotard ihr den Rücken gekehrt, da wurde sie rot und begann zu weinen. Sie lief aus dem Zimmer, um von mir nicht weinend gesehen zu werden. Einmal aber mußte doch die Erlösung kommen; und dies geschah denn auch am dritten Tage nach unserem Streit: nach dem Essen kam sie in mein Zimmer und näherte sich mir zaghaft.

„Papa hat mir befohlen, dich um Verzeihung zu bitten,“ sagte sie. „Wirst du mir verzeihen?“

Ich erfaßte schnell ihre beiden Hände und stieß in atemloser Hast hervor:

„Ja! Ja!“

„Papa befahl mir, dich zu küssen, – wirst du mich küssen?“

Als Erwiderung auf ihre Frage küßte ich ihre Hände. Als ich aufsah, bemerkte ich in ihrem Gesicht eine seltsame Bewegung. Ihre Lippen und ihr Kinn bebten, in ihren Augen standen Tränen, aber sie unterdrückte schnell ihre Erregung und flüchtig erschien sogar ein Lächeln auf ihren Lippen.

„Ich werde gehen und Papa sagen, daß ich dich geküßt und um Verzeihung gebeten habe,“ sagte sie leise, fast wie zu sich selbst. „Ich habe ihn schon drei Tage nicht gesehen. Er sagte, ich dürfe nicht eher zu ihm kommen, als bis ich sein Gebot erfüllt habe,“ fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu.

Und sie ging zögernd und mit nachdenklichem Gesichtchen zum Vater, als wäre sie selbst noch nicht sicher, wie nun der Empfang beim Vater ausfallen würde.

Eine Stunde später hörte ich oben wieder den alten Lärm, Katjäs Lachen und Laufen, Falstaffs Gebell, ja irgend etwas wurde umgeworfen und zerschlagen, Bücher fielen von einem Tisch, der Reifen rollte wieder federleicht durch alle Räume – kurz, ich hörte, daß Katjä sich mit dem Vater versöhnt hatte, und mein Herz erbebte vor Freude.

Doch zu mir kam sie nicht und vermied es sichtlich, mit mir zu sprechen. Dafür hatte ich die Ehre, in hohem Maße ihre Neugier zu erregen. Immer öfter setzte sie sich mir gegenüber, um mich in Ruhe zu betrachten. Und ihre Beobachtungen wurden immer naiver. Das verwöhnte, eigenwillige Kind, das von allen im Hause verzogen und gehätschelt und wie ein kostbarer Schatz gehegt wurde, konnte es nicht begreifen, wie es kam, daß ich schon ein paarmal auf ihrem Wege mit ihr zusammengestoßen war, während sie das gar nicht gewollt hatte. Sie hatte aber ein gutes, prächtiges Herzchen, das allein schon mit seinem guten Instinkt immer den richtigen Weg fand. Den größten Einfluß auf sie hatte der Vater, den sie geradezu vergötterte. Von der Mutter wurde sie bis zum Wahnsinn geliebt, nur war die Mutter gleichzeitig unglaublich streng, und von ihr hatte Katjä den Eigensinn, den Stolz und die Charakterfestigkeit geerbt, dafür aber mußte sie auch alle Launen der Mutter ertragen, obschon diese oft in moralische Tyrannei ausarteten. Doch – sie ertrug sie. Die Fürstin hatte eine sonderbare Auffassung von dem, was Erziehung ist, und so war Katjäs Erziehung eine eigenartige Mischung von grenzenloser Verwöhnung und unerbittlicher Strenge. Was gestern erlaubt war, war heute plötzlich verboten, und zwar ganz grundlos, so daß das Gerechtigkeitsgefühl im Kinde völlig mißachtet und ständig verletzt wurde ... Doch davon später. Ich will hier nur bemerken, daß das Kind sein Verhalten zu den Eltern danach richtete. Dem Vater gegenüber war sie ganz so, wie sie war, sie gab sich ihm rückhaltlos, mit vollen Händen: da war in ihrem Wesen nichts Verborgenes, nichts Zurückhaltendes. Im Verkehr mit der Mutter dagegen war sie das gerade Gegenteil: verschlossen, mißtrauisch und widerspruchslos gehorsam. Aber ihr Gehorsam war nicht aufrichtig, sie gehorchte nicht aus Überzeugung, sondern sozusagen einem notwendigen System gemäß. Ich werde später noch darauf zurückkommen und mich dann klarer auszudrücken versuchen. Übrigens sei es hier noch zur besonderen Ehre meiner Katjä gesagt, daß sie schließlich ihre Mutter vollkommen verstand, und wenn sie ihr gehorchte, so tat sie das schon mit der vollen Erkenntnis der grenzenlosen Mutterliebe, die die Fürstin zu ihr hatte und die sich bis zur krankhaften Exaltation steigern konnte – dem aber trug die Prinzeß in nachsichtiger Großmut Rechnung. Leider sollte dies später ihrem heißen Köpfchen wenig helfen!

Doch ich habe fast noch gar nicht erwähnt, was in mir vorging.

Ein neues, mir unerklärliches Gefühl erregte mich damals in einer ganz ungewohnten Weise und ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, daß ich unter diesem neuen Gefühl wie unter einer Pein litt. Kurz – man verzeihe mir das Wort, aber – ich war in meine Katjä verliebt. Ja, das war Verliebtheit, richtige Verliebtheit, Verliebtheit mit Tränen und Entzücken, leidenschaftliche Verliebtheit! Was zog mich so zu ihr? Woraus entstand diese meine Liebe? Sie begann mit dem ersten Blick auf Katjä, als alle meine Sinne plötzlich so – so süß betroffen wurden von dieser Schönheit. Alles an ihr war schön: keine einzige ihrer schlechten Eigenschaften war angeboren, – alle waren sie nur angenommen und alle standen sie mit ihrem Instinkt auf Kriegsfuß. Aus allem ersah man die gute Veranlagung, die nur zeitweilig eine falsche Form annehmen konnte, doch alles an ihr, angefangen mit jenem inneren Kampf, leuchtete in froher Zuversicht, alles versprach, in Zukunft Schönheit zu sein. Alle Menschen hatten Freude an ihr, alle liebten sie, verwöhnten sie. Wenn man uns spazieren führte – gewöhnlich gegen drei Uhr – blieben die Menschen, die uns begegneten und sie erblickten, beinahe betroffen stehen, und nicht selten hörten wir hinter uns einen Ausruf der Bewunderung. Sie war zum Glücklichsein geboren, sie mußte dazu geboren sein – das war die erste Empfindung eines jeden, der sie sah. Vielleicht hatte sich damals, als ich aus tiefem Schlaf erwachte und sie erblickte, zum erstenmal mein ästhetisches Empfinden geregt, war mein Gefühl für das Schöne durch ihre Schönheit erweckt worden, – und dies wird wohl die ganze Ursache meiner Liebe gewesen sein.

Der größte Fehler der Prinzeß – oder richtiger der Grundzug ihres Charakters, der sich gewaltsam in seine natürliche Form prägen wollte und sich deshalb naturgemäß in einem unnormalen, eben in einem Kampfzustand befand – war Stolz. Dieser Stolz erstreckte sich bis in naive Kleinigkeiten, schlug oft in Eigenliebe um und wurde zu einer unbewußten Überhebung, so daß z. B. Widerspruch, gleichviel welcher Art, sie nicht kränkte und auch nicht einmal ärgerte, sondern nur in Verwunderung setzte. Sie begriff nicht, wie etwas anders sein konnte, als wie sie es wünschte. Aber das Gerechtigkeitsgefühl siegte doch immer in ihrem Herzen. Wenn sie sich einmal überzeugt hatte, daß sie wirklich unrecht getan, dann fügte sie sich ohne zu murren und mit fester Entschlossenheit dem Urteilsspruch ihrer Erzieher. Daß sie aber anfangs im Verkehr mit mir sich selbst nicht immer ganz treu blieb, erkläre ich mir mit ihrer unüberwindlichen Abneigung, die zeitweilig die Geradheit und Einheit ihres ganzen Wesens störte. Anders aber konnte es wohl gar nicht sein: sie war viel zu leidenschaftlich in ihren Empfindungen, und so waren es immer erst die Zusammenstöße mit der Wirklichkeit, die ihr allmählich die Augen öffneten und sie auf den richtigen Weg zurückführten. Alles, was sie unternahm und anfing, hatte ein gutes Endergebnis, doch wurden diese Endergebnisse regelmäßig mit fortwährenden Abweichungen und unter ständigen Verirrungen erkauft.

Katjä hatte mich bald genügend beobachtet und entschloß sich deshalb, mich fortab in Ruhe zu lassen. Sie tat, als wäre ich überhaupt nicht da. Sie sprach mit mir kein überflüssiges Wort, ja fast nicht einmal das Notwendige. An ihren Spielen beteiligte ich mich nicht mehr – doch hatte sie mich nicht etwa mit Gewalt verdrängt, sondern es so geschickt einzurichten verstanden, daß es den Anschein hatte, als wäre ich selbst damit einverstanden gewesen. Der Unterricht wurde fortgesetzt, aber wenn man mich ihr noch wegen meiner Aufmerksamkeit und meines schnellen Begreifens als Beispiel vorhielt, so würdigte sie mich nicht mehr der Ehre, sich dadurch in ihrer Eigenliebe gekränkt zu fühlen, obschon diese Eigenliebe eine höchst peinlich ausgeprägte war – eine so heikele, daß sogar unsere Bulldogge, Sir John Falstaff, sie verletzen konnte. Falstaff war ein kaltblütiger Phlegmatiker, dabei aber böse wie ein Tiger, ja wenn man ihn reizte, ging er sogar so weit, daß er nicht einmal mehr seinem Herrn gehorchte. Und noch ein bedeutsamer Charakterzug: er liebte entschieden keinen einzigen Menschen im ganzen Hause; sein größter Feind aber war zweifellos die alte Prinzessin, die Tante des Fürsten ... Doch davon später. Die ehrgeizige Katjä gelüstete es nun eines Tages, den unfreundlichen Falstaff zu besiegen. Es war ihr unangenehm, daß es ein Wesen gab, sei es auch nur ein vierbeiniges, das ihre Autorität nicht anerkannte, sich ihr nicht unterwarf, ja, sie nicht einmal liebte. So beschloß denn die Prinzeß, Falstaff anzugreifen. Sie wollte über alle herrschen – warum sollte nun Falstaff allein ungestört seine Freiheit genießen dürfen? Aber die unbeugsame Bulldogge ergab sich ihr doch nicht.

Es war einmal nach dem Essen, wir saßen beide unten im großen Saal, während Falstaff mitten im Saal auf der Diele lag und faul seine Nachmittagssiesta genoß. Da fiel es der Prinzeß plötzlich ein, ihn sich unterwerfen zu wollen. Sie ließ ihr Spiel liegen und begann sogleich mit dem Versuch, sich Falstaff zu nähern: vorsichtig, auf den Fußspitzen schleichend, umschmeichelte sie Falstaff mit den zärtlichsten Kosenamen, winkte liebevoll beschwichtigend mit der Hand und ging immer näher, immer näher. Falstaff aber zeigte schon von ferne seine furchtbaren Zähne. Prinzeßchen blieb stehen. Ihr ganzes Vorhaben bestand ja nur darin, zu Falstaff zu gelangen und ihn einmal zu streicheln – eine Kühnheit, die er bisher noch keinem gestattet hatte, außer der Fürstin – und ihn dazu zu bringen, daß er ihr folge. Das war nun eine schwere Aufgabe, verbunden mit einer ernsten Gefahr, denn Falstaff hätte sich keineswegs gescheut, ihr eine Hand abzubeißen oder auch das ganze Prinzeßchen zu zerfleischen. Er war stark wie ein Bär und ich verfolgte von meinem Platze aus nicht grundlos mit angstvoller Spannung Katjäs Vorgehen. Ich wußte, wie schwer es war, sie zum Verzicht auf eine Absicht, wenn sie sich eine solche einmal in den Kopf gesetzt, zu bewegen, und selbst das Gebiß Falstaffs, das dieser ihr in äußerst unmanierlicher Weise zeigte, war für sie noch kein genügendes Argument. Sie begriff nur, daß sie sich doch nicht so geradeswegs ihm nähern konnte und änderte nach kurzem Zögern ihre Taktik, indem sie nun im Kreise um ihn herumging und diese Kreise immer enger machte. Als sie aber bei der dritten Umkreisung der Grenze zu nahe kam, die Falstaff als nächste und eben noch erlaubte Distanz zu sich nicht überschritten wissen wollte, da zeigte er wieder die Zähne. Die Prinzeß stampfte mit den Füßchen auf, kehrte ihm geärgert den Rücken und setzte sich aufs Sofa, um nachzudenken.

Da fiel ihr nach einigen Minuten ein neues Mittel ein; sie verließ sofort den Saal und kehrte mit einem ganzen Vorrat von Kringeln, Kuchen und Pasteten zurück – kurz, sie änderte die Waffen. Doch auch die neuen Waffen ließen Falstaff völlig kalt, wohl weil er ohnehin schon viel zu satt war. Den Kringel, den sie ihm zuwarf, würdigte er nicht einmal eines Blickes; und als die Prinzeß wieder an der besagten äußersten Grenze anlangte, erfolgte ein diesmal noch energischerer Protest: er erhob den Kopf, zeigte die Zähne, knurrte und machte eine Bewegung, als wolle er gleich aufspringen. Die Prinzeß wurde rot vor Zorn, ließ den ganzen Vorrat liegen und setzte sich wieder auf ihren Platz.

Sie war sichtlich sehr erregt. Ihr kleiner Fuß schlug ununterbrochen auf den Teppich, ihre Wangen glühten und in die Augen traten fast Tränen vor Ärger. Da geschah es, daß sie plötzlich meinen Blick auffing – alles Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Sie sprang auf und ging mit entschlossenen Schritten gerade auf die furchtbare Dogge zu.

Vielleicht war es diesmal die Überraschung, die Falstaff lähmte. Er ließ den Feind die Grenze überschreiten, und erst als sie nur noch zwei Schritte von ihm entfernt war, empfing er die Unbedachte mit dem unheimlichsten Knurren. Katjä blieb für eine Sekunde stehen –, aber nur für eine Sekunde –: dann trat sie entschlossen vorwärts. Ich erstarb vor Schreck. Sie war aber so beseelt von ihrem Entschluß, wie ich sie noch nie gesehen hatte: ihre Augen blitzten in trotziger Siegesgewißheit. Sie hätte ein entzückendes Modell für einen Künstler abgegeben. Mutig widerstand sie dem drohenden Blick des bösen Tieres, und auch sein unheimliches Gebiß schreckte sie nicht ab. Die Dogge hob den Kopf. Aus der breiten Brust kam ein unheildrohendes Knurren – im nächsten Moment, so schien es, werde das Tier sie zerfleischen. Doch die Prinzeß legte stolz ihre kleine Hand auf seinen Rücken und streichelte ihm dreimal über das Fell. Einen Augenblick verharrte Falstaff in Unentschlossenheit. Dieser Augenblick war der furchtbarste: dann stand das Tier schwerfällig auf, streckte sich und verließ in phlegmatischer Ruhe den Saal, vermutlich in der Erwägung, daß mit Kindern zu kämpfen sich doch nicht lohne. Die Prinzeß blieb triumphierend auf dem eroberten Platz stehen und warf mir nur einen unbeschreiblichen Blick zu, einen siegesgesättigten, siegesberauschten Blick. Ich war noch bleich wie ein Handtuch. Sie bemerkte das und lächelte. Aber da breitete sich mit einemmal auch über ihr Gesichtchen Totenblässe. Kaum konnte sie noch bis zum Sofa gehen, auf das sie nahezu ohnmächtig niedersank.

Doch meine Liebe zu ihr kannte keine Grenzen. Seit diesem Tage, wo ich eine solche Angst um sie ausgestanden, konnte ich mich nur noch mit Mühe beherrschen. Ich verging vor Sehnsucht, tausendmal wollte ich mich ihr an den Hals werfen, aber eine unerklärliche Scheu hielt mich regungslos und wie gebannt auf meinem Platz zurück. Ich erinnere mich noch, daß ich ein Zusammensein mit ihr absichtlich zu vermeiden suchte, damit sie meine Erregung nicht sähe; trat sie aber zufällig in das Zimmer, in das ich mich zurückgezogen hatte, dann fuhr ich zusammen und mein Herz begann so stark zu pochen, daß ich wie von einem Schwindel erfaßt wurde. Ich glaube, dies alles entging Katjä nicht, und nachdem sie es bemerkt hatte, war sie die nächsten zwei Tage, wie mir schien, etwas verwirrt. Bald aber hatte sie sich auch damit abgefunden. So verging ein ganzer Monat, in dem ich einsam litt. Meine Gefühle besitzen eine gewisse unerklärliche Dehnbarkeit, wenn man sich so ausdrücken kann; meine Natur ist bis zur letzten Möglichkeit geduldig, so daß ein plötzlicher Ausbruch der Gefühle nur im wirklich äußersten Fall eintritt. Man muß nämlich wissen, daß Katjä und ich in dieser ganzen Zeit kaum fünf Worte miteinander gewechselt haben. Nach und nach wurde es mir aber infolge gewisser Anzeichen immer klarer, daß ihr Verhalten zu mir nicht auf Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit zurückzuführen sei, sondern daß es nur eine absichtliche Fernhaltung ihrerseits war: ganz als habe sie sich das Wort gegeben, mich in gewissen Schranken zu halten. Doch ich schlief schon nicht mehr in den Nächten und am Tage konnte ich meine Verwirrung selbst vor Madame Léotard nicht verbergen. Meine Liebe zu Katjä verstieg sich bis zu Seltsamkeiten: so nahm ich einmal heimlich ihr Taschentuch, ein anderes Mal ihr Haarband an mich, und diese Gegenstände küßte ich dann nachts unter Tränen. Anfangs kränkte mich ihre Gleichgültigkeit so sehr, daß ich mich wirklich verletzt fühlte; hernach aber war alles in mir verwirrt und ich konnte mir selbst nicht mehr über meine Empfindungen Rechenschaft geben. So kam es, daß meine alten Eindrücke allmählich von den neuen verdrängt wurden, und die Erinnerung an mein früheres trauriges Leben verlor mit der Zeit ihre krankhafte Intensität, da sie der neuen Wirklichkeit weichen mußte.

Ich weiß noch, wenn ich in der Nacht erwachte, stand ich bisweilen leise auf und schlich auf den Fußspitzen zum Bett der Prinzeß. Stundenlang konnte ich dann stehen und die Schlafende in dem milden Licht unserer Nachtlampe betrachten. Manchmal setzte ich mich sogar auf ihr Bett und beugte mich über ihr Gesicht, und ihr warmer regelmäßiger Atem berührte mich wie ein traumhaft sanftes Wehen. Leise, bebend vor Unsicherheit, küßte ich dann wohl oft ihre Händchen, ihre kleinen Schultern, Wangen, auch ihr Füßchen küßte ich, wenn die Decke sich verschoben hatte und das Füßchen hervorsah. Bald glaubte ich zu bemerken – ich beobachtete sie doch unausgesetzt, wenn auch heimlich – daß sie von Tag zu Tag mehr nachsann und ihr Charakter seine frühere gefestigte Gleichmäßigkeit eingebüßt hatte: es kam vor, daß wir sie oft einen ganzen Tag nicht tollen hörten, dann aber machte sie wieder solchen Lärm, wie ich ihn zuvor noch nie gehört. Sie wurde reizbar, anmaßend, sie wurde abwechselnd bleich und rot und trieb es mit mir oft bis zu kleinen Grausamkeiten: bald wollte sie plötzlich nicht gleichzeitig mit mir essen und nicht neben mir sitzen, ganz als flöße ich ihr Abscheu ein; bald ging sie zur Mutter und saß dort fast ganze Tage, obschon sie genau wußte, wie sehr die Sehnsucht nach ihr mich verzehrte; bald wiederum setzte sie sich mir gegenüber und betrachtete mich stundenlang, so daß ich vor tödlicher Verwirrung nicht wußte, wo ich mich lassen sollte, nur immer errötete und erbleichte und doch nicht aus dem Zimmer zu gehen wagte. Zweimal hatte Katjä sich bereits über Fieber beklagt, während man sie früher nie krank gesehen hatte. Da erfolgte eines Morgens eine besondere und bedeutungsvolle Wandlung: auf unbedingten Wunsch der Prinzeß zog sie nämlich nach unten zur Mutter, die fast ohnmächtig wurde vor Angst, als Katjä über Erkältung klagte. Ich muß bemerken, daß die Fürstin mit mir sehr unzufrieden war und die ganze Veränderung, die sie an Katjä bemerkte, meinem schädlichen Einfluß zuschrieb, oder doch dem Einfluß meines „düsteren Charakters“, wie sie sich ausdrückte. Sie hätte uns schon viel früher getrennt, doch hielt sie es für ratsamer, die Trennung noch aufzuschieben, da sie damit, wie sie wußte, beim Fürsten auf hartnäckigen Widerstand gestoßen wäre. Obschon der Fürst ihr in allem ihren Willen ließ, konnte er bisweilen doch mit geradezu eigensinniger Starrheit auf seinem Willen bestehen. Sie kannte den Fürsten gut.

Dieser Umzug der Prinzeß machte mich so betroffen, daß ich eine ganze Woche in der schrecklichsten Gemütsverfassung zubrachte. Ich quälte mich mit meiner Sehnsucht nach ihr und zerbrach mir den Kopf über der Frage, weshalb ich Katjä wohl solchen Abscheu einflößte. Meine Trauer darob zerriß mir die Seele und das Gerechtigkeitsgefühl und ein bitterer Unwille begann sich in meinem gekränkten Herzen zu erheben. Es entstand plötzlich ein gewisser Stolz in mir, und wenn ich mit Katjä vor unserem Spaziergang zusammentraf, dann sah ich sie so frei, so ernst an, so anders als früher, daß es sie offenbar betroffen machte. Natürlich trat diese meine Veränderung nur hin und wieder zutage, wie in sich durchdringenden Ausbrüchen, dann aber tat mir das Herz von neuem weh und der Schmerz wuchs und wuchs und ich wurde noch schwächer, noch kleinmütiger als ich vorher gewesen war. Da, eines Morgens, zu meiner größten, mich freudig verwirrenden Überraschung, kehrte die Prinzeß zu uns nach oben zurück. Ihr erstes war, daß sie gleich unter unbändigem Lachen Madame Léotard an den Hals flog und lachend erklärte, nun werde sie wieder bei uns wohnen – dann grüßte sie mich mit einem Nicken, sah aber schnell wieder fort und erbettelte sich die Erlaubnis, an diesem Tage nichts lernen zu brauchen. Den ganzen Vormittag tollte sie umher. Ich habe sie nie lebhafter und ausgelassener gesehen. Doch gegen Abend wurde sie still, nachdenklich und wieder breitete eine gewisse Traurigkeit einen Schatten über ihr reizendes Gesichtchen. Als die Fürstin am Abend bei uns erschien, um nachzufragen, wie es ihr gehe, da sah ich, daß Katjä sich aus allen Kräften bemühen mußte, froh und lustig zu scheinen. Nachher aber, als wir allein zurückblieben, brach sie plötzlich in Tränen aus. Ich war bestürzt. Die Prinzeß bemerkte, daß ich sie beobachtete, und verließ das Zimmer. Es waren Anzeichen, daß eine unerwartete Krisis sich in ihr vorbereitete. Die Fürstin beriet mit den Ärzten, ließ sich von Madame Léotard jeden Tag ausführlich Bericht erstatten, und wünschte, daß sie Katjä nicht aus den Augen ließ. Nur ich ahnte den wahren Grund dieser Veränderung. Mein Herz begann vor Hoffnung laut zu pochen.

In der Tat, unser kleiner Roman näherte sich der entscheidenden Wendung. Am dritten Tage nach Katjäs Rückkehr zu uns nach oben fiel es mir auf, daß sie mich den ganzen Vormittag mit so guten Augen ansah und so lange ihre Blicke auf mir ruhen ließ ... Ein paarmal trafen sich unsere Blicke und jedesmal erröteten wir und schlugen die Augen nieder, als schämten wir uns. Da lachte zu guter Letzt Prinzeßchen auf und ging fort. Um drei Uhr kleidete man uns für den Spaziergang an. Plötzlich trat Katjä an mich heran.

„Dein Schuhband hat sich gelöst,“ sagte sie zu mir, „komm, ich werde es zubinden.“

Ich wollte mich bücken, um selber die Schleife zu binden, tief errötend darüber, daß Katjä nun endlich wieder etwas zu mir sprach, doch sie kam mir zuvor.

„Gib her!“ sagte sie in lachender Ungeduld und kniete schnell nieder, zog meinen Fuß zu sich und band die Schleife von neuem. Mir stockte der Atem; ich wußte nicht, was tun, und ich empfand nur eine süße Wonne in meiner Erschrockenheit. Als die Schleife fertig war, stand sie auf und musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen.

„Da ist auch das Hälschen bloß,“ sagte sie, mit dem Finger an meinen Hals tippend. „Nein, laß nur, ich werde es dir schon richtig binden.“

Ich widersprach nicht. Sie löste die Schleife meines Halstüchleins und band es von neuem nach ihrem Geschmack.

„So kann man sich ja einen Husten holen,“ sagte sie mit einem schelmischen Lächeln und aus ihren dunklen feuchten Augen streifte mich ein spitzbübischer Blick.

Ich war wie von Sinnen: ich wußte nicht, wie mir geschah, noch was in Katjä vorging. Zum Glück dauerte unser Spaziergang nicht lange, sonst hätte ich es nicht ausgehalten und sie auf der Straße geküßt. Als wir aber die Treppe hinaufstiegen, gelang es mir, sie heimlich auf die Schulter zu küssen. Sie bemerkte es, zuckte zusammen, sagte jedoch kein Wort. Am Abend wurde sie festlich angekleidet und nach unten geführt. Bei der Fürstin waren Gäste. Doch noch am selben Abend stand dem ganzen Hause eine große Aufregung bevor.

Katjä bekam einen Nervenanfall. Die Fürstin war außer sich vor Schreck. Der Arzt kam und wußte nicht, was er sagen sollte. Man schrieb alles den üblichen Kinderkrankheiten zu, auch dem Alter Katjäs, ich aber dachte darüber ganz anders. Am nächsten Morgen erschien Katjä wieder so wie immer, rosig, lustig, von unerschöpflicher Gesundheit, dafür aber mit solchen Launen und Eigenheiten, wie sie noch niemand an ihr beobachtet hatte.

Erstens wollte sie den ganzen Vormittag Madame Léotard nicht gehorchen. Darauf erklärte sie mit einemmal, zur Großtante, der alten Prinzessin, gehen zu wollen. Und richtig, diesmal wurde der Prinzeß der Zutritt zu den Gemächern der Großtante gewährt, freilich ganz gegen die Gepflogenheit der alten Dame, die ihre Großnichte gar nicht leiden konnte, ewig an ihr etwas auszusetzen fand und sie gewöhnlich überhaupt nicht sehen wollte – diesmal aber, wie gesagt, entschloß sie sich, Gott weiß weshalb, sie zu empfangen. Anfangs ging auch alles gut, die erste Stunde verlief im schönsten Frieden, denn dem Schelm war es plötzlich eingefallen, für alle ihre Ungezogenheiten, den verursachten Lärm und alle Störungen freiwillig um Verzeihung zu bitten. Und die Großtante verzieh ihr auch feierlich und sichtlich tief gerührt. Das war aber der Spitzbübin noch zu wenig. Und es fiel ihr ein, auch solche Streiche zu beichten, die sie noch gar nicht verbrochen hatte, die vorerst nur als Pläne in ihrem Köpfchen lebten. So nahm sie den Ausdruck einer reumütigen Büßerin an und beichtete, daß die fromme Dame ob solchen Insichgehens anfangs ganz verzückt war, denn es schmeichelte ihrer Eigenliebe nicht wenig, über Katjä diesen Sieg davonzutragen, über Katjä, den Abgott des ganzen Hauses, den Liebling aller Menschen, deren Launen gegenüber sogar die Fürstin machtlos war.

Katjä gestand also, daß sie die Absicht gehabt habe, eine Visitenkarte an das Kleid der Großtante zu kleben; dann – Falstaff unter ihrem Bett zu verbergen; dann – ihre Brille zu zerbrechen; dann – alle ihre frommen Bücher fortzuschleppen und an deren Stelle die französischen Romane der Mama zu legen; dann – Knallerbsen in ihren Zimmern auszustreuen; dann – ein Spiel Karten in ihre Tasche zu stecken, usw., usw. Kurz, eine Sünde war schlimmer als die andere. Die Großtante wurde starr und bleich und schließlich gelb vor Ärger – bis Katjä zuletzt doch nicht mehr an sich halten konnte, in tolles Lachen ausbrach und wie ein Wirbelwind davonlief. Die alte Prinzessin ließ sogleich die Fürstin zu sich bitten, und aus dem Vorfall wurde eine große Geschichte, in deren Verlauf die Fürstin ihre Anverwandte fast unter Tränen bat, Katjä diese Unart zu verzeihen und nicht auf einer Strafe zu bestehen, schon wegen ihres krankhaften Zustandes nicht. Die Prinzessin jedoch wollte davon nichts wissen und erklärte, am nächsten Tage noch das Haus zu verlassen, welche Drohung sie erst dann zurückzog, als die Fürstin ihr auf ihr Ehrenwort versprach, die Bestrafung nur bis zur völligen Genesung der Tochter hinauszuschieben, dann aber dem gerechten Wunsch der alten Dame gewissenhaft nachzukommen. Dennoch erhielt Katjä sogleich einen strengen Verweis und mußte unten bei der Fürstin bleiben. Aber der Schelm blieb dort nicht lange.

Als ich etwas später gleichfalls nach unten ging, traf ich sie bereits auf der Treppe. Sie hatte die Tür aufgesperrt und rief Falstaff. Ich aber erriet sofort, daß sie eine furchtbare Rache plante. Und wirklich: die Sache verhielt sich folgendermaßen.

Unter allen Feinden der alten Dame gab es entschieden keinen unversöhnlicheren als Falstaff. Er war zwar gegen niemand freundlich, liebte die Menschen grundsätzlich nicht, war hochmütig, stolz, ja sogar bis zur Rücksichtslosigkeit anmaßend. Er liebte, wie gesagt, niemanden, verlangte aber von allen den schuldigen Respekt, den ihm denn auch alle pflichtschuldigst und möglichst von weitem entgegenbrachten, wobei sie dem Respekt noch eine Dosis Furcht beizumischen pflegten. Da traf nun eines Tages die alte Prinzessin ein und mit einemmal veränderte sich seine ganze Lebenslage – ihm ward schnödes Unrecht angetan: man verbot ihm formell den Zutritt zur oberen Etage.

In der ersten Zeit war Falstaff außer sich vor Empörung über diese Beleidigung und kratzte eine ganze Woche an der Tür, die ihm am Ende der Treppe den Zugang versperrte. Bald jedoch erriet er, wer und was die Veranlassung zu dieser Maßregel gewesen war, und als am nächsten Sonntag die alte Prinzessin ihre Gemächer verließ, um sich zum Gottesdienst in die Kirche zu begeben, da stürzte sich Falstaff mit einem Wutgeheul auf die Arme. Nur dem glücklichen Zufall, daß mehrere Diener anwesend waren, hatte sie es zu verdanken, daß sie der schrecklichen Rache des gekränkten Köters entging. Falstaff wurde schmählich hinausgejagt und von dem Tage an wurde er jedesmal ins entfernteste Zimmer gezerrt, bevor die alte Dame ihre Gemächer verließ. Sämtliche Dienstboten erhielten die strengsten Vorschriften. Aber dennoch fand das rachedurstige Tier zwei- oder dreimal Gelegenheit, in das verbotene Gebiet einzubrechen. War er erst auf der Treppe, so raste er wie der Blitz durch die ganze Zimmerflucht bis zum Schlafgemach der Alten. Kein Dienertroß konnte ihn dann mehr zurückhalten. Zum Glück war die Tür zu dem Schlafzimmer immer verschlossen und Falstaff konnte weiter nichts tun, als so lange fürchterlich heulen, bis die Diener ihn wieder fortgeschafft hatten. Die alte Dame aber, die während des Geheuls so schrie, als werde sie von Falstaff schon lebendig aufgefressen, wurde jedesmal krank von dem Schreck und von der ausgestandenen Angst. Mehrmals schon hatte sie ihr Ultimatum an die Fürstin gestellt und einmal war sie sogar so weit gegangen – in einem Moment der Kopflosigkeit vermutlich – daß sie erklärt hatte, entweder sie oder Falstaff müsse das Haus verlassen; aber die Fürstin hatte in eine Trennung von Falstaff nicht eingewilligt.

Die Fürstin hatte im allgemeinen für andere nicht gerade viel Liebe übrig, aber diesen Falstaff liebte sie, nächst den Kindern, mehr als alles auf der Welt. Vor etwa sechs Jahren war der Fürst einmal von einem Spaziergang mit einem kleinen jungen Hunde zurückgekehrt, einem schmutzigen, kranken Wesen von wahrhaft mitleiderregendem Aussehen, der aber nichtsdestoweniger eine Bulldogge reinster Rasse war. Der Fürst hatte ihn irgendwie gerettet. Der Hund freilich benahm sich äußerst unmanierlich und deshalb wurde er auf Wunsch der Fürstin auf den Hinterhof geschafft und dort an die Kette gelegt. Der Fürst hatte nichts dagegen einzuwenden. Zwei Jahre darauf nun, als die Familie den Frühling in einem Landhause an der Newa verbrachte, fiel der kleine Alexander – Katjäs jüngerer Bruder, gewöhnlich Ssascha genannt – in den Fluß. Die Fürstin sah es, schrie auf und wollte sich sogleich in die Fluten stürzen, nur mit Gewalt konnte man sie davon abhalten, denn es wäre ihr Tod gewesen. Die Strömung aber riß schon das Kind mit sich fort und nur das Kleidchen sah man noch an einer Stelle an der Oberfläche auftauchen. In größter Hast versuchte man ein Boot loszubinden, aber eine Rettung des Kindes wäre ein Wunder gewesen. Da jagte plötzlich in großen Sätzen die riesige Bulldogge ans Ufer und sprang ins Wasser, schwamm in mächtigen Stößen dem ertrinkenden Knaben nach, packte ihn mit dem Gebiß und schwamm im Triumph ans Ufer zurück. Die Fürstin stürzte vor ihm nieder, umarmte den schmutzigen, nassen Hund und küßte ihn wie von Sinnen. Doch Falstaff, der übrigens damals noch auf den prosaischen, ja sogar höchst plebejischen Namen „Frix“ hörte, war ein ausgesprochener Feind aller Zärtlichkeiten und erwiderte die Liebe der Fürstin damit, daß er sie in die Schulter biß, soweit sein Rachen nur fassen konnte. Die Fürstin litt bis an ihr Lebensende an der Narbe, aber ihre Dankbarkeit für die Rettung des Sohnes kannte trotzdem keine Grenzen. Falstaff mußte in die Gemächer der fürstlichen Familie übersiedeln, wurde gereinigt, gewaschen und bekam ein Halsband aus getriebenem Silber. Er hielt sich fortan zumeist im Boudoir der Fürstin auf, lag dort auf einem prachtvollen Bärenfell, und bald brachte es die Fürstin so weit, daß sie ihn ungestraft streicheln durfte. Als sie erfuhr, daß ihr Liebling „Frix“ hieß, war sie entsetzt über diese Geschmacklosigkeit und sogleich mußten alle helfen, einen anderen passenderen Namen ausfindig zu machen, wenn möglich einen klassischen, recht altertümlichen. Hektor und Cerberus waren leider schon zu abgedroschen, es mußte ein ganz besonderer Name sein, wie er dem Günstling der Fürstin zukam. Nach langer vergeblicher Liebesmüh’ schlug der Fürst zu guter Letzt, im Hinblick auf die ungeheure Gefräßigkeit der Dogge, den Namen Falstaff vor. Der Name fand den größten Beifall und wurde gewählt. Falstaff führte sich hinfort auch weit besser auf. Als reinblütiger Engländer war er naturgemäß schweigsam und ernst, griff niemanden als erster an, sondern verlangte nur, daß man sein Ruhelager auf dem Bärenfell achtete, und ihm überhaupt die schuldige Ehrfurcht bezeuge. Von Zeit zu Zeit jedoch bemächtigte sich seiner so etwas wie ein Spleen und Falstaff gedachte mit bitteren Gefühlen der Tatsache, daß sein unversöhnlicher Feind, der ihm seine souveränen Rechte genommen, immer noch unbestraft weiterlebte. Dann schlich er heimlich bis zur Treppe, die nach oben führte, und da er diese gewöhnlich verschlossen fand, legte er sich dort in ihrer Nähe irgendwohin, möglichst unbemerkbar in einen Winkel, oder wo er sonst am wenigsten auffiel, und nun wartete er arglistig auf einen vergeßlichen Dienstboten, der die Tür vielleicht zu schließen vergaß. Bisweilen wartete er in seiner Rachsucht drei Tage lang vergeblich, denn es war allen aufs strengste eingeschärft, die Tür nicht offen stehen zu lassen. Auf diese Weise hatte er zuletzt seine Wut schon zwei Monate verbeißen müssen – vor zwei Monaten nämlich war er zum letztenmal nach oben gerast.

„Falstaff, Falstaff!“ rief die Prinzeß, die Tür offen haltend, in den freundlichsten Tönen Falstaff auf die Treppe bittend.

In diesem Augenblick hatte Falstaff bereits gewittert, daß die Treppentür aufgemacht wurde und war schon im Begriff, über seinen Rubikon zu springen. Aber die Aufforderung dazu von seiten der kleinen Prinzeß erschien ihm dermaßen unbegreiflich, daß er im ersten Moment entschieden seinen Ohren nicht traute. Er war schlau wie eine Katze, und um sich den Anschein zu geben, als habe er die Fahrlässigkeit, die die Tür offen stehen ließ, gar nicht bemerkt, ging er zum Fenster, legte die Vorderpfoten auf das Fensterbrett und begann, das Haus gegenüber zu betrachten ... Kurz, er benahm sich wie die argloseste Seele der Welt, etwa wie ein gleichgültiger Spaziergänger, der für einen Augenblick stehenbleibt, um die Architektur eines schönen Gebäudes zu bewundern. Indessen schlug aber und wiegte sich sein Herz schon in süßester Hoffnung. Wie groß war daher seine Überraschung, seine Freude, wie geriet er förmlich außer sich vor Übermut, als die Tür vor ihm sogar sperrangelweit aufgemacht wurde und er überdies noch gerufen, gebeten, angefleht wurde, das verbotene Gebiet zu betreten und seinen gerechten Rachedurst unverzüglich zu stillen! Er heulte auf vor Freude, zeigte die Zähne, und raste, es war unheimlich anzuschauen, in wahrem Siegesrausch wie der Wind an uns vorüber.

Er raste mit solcher Wucht, daß der Diener, der ihm oben in den Weg kam, vom Stoß reichlich eine Klafter weit zur Seite flog und sich nach dem entsprechenden Naturgesetz noch einmal in die Runde drehte. Falstaff flog wie eine Kanonenkugel. Madame Léotard kreischte auf vor Schreck. Doch Falstaff prallte schon an die verschlossene Tür, richtete sich hoch auf und heulte los, daß Gott erbarm’. Als Antwort ertönte ein fürchterliches Geschrei des alten Fräuleins. Und schon stürmte von allen Seiten die Legion der Feinde herbei, das ganze Haus lief nach oben, und das Ende war, daß Falstaff, der wilde Falstaff, gefesselt an allen vier Beinen, mit einem geschickt über seinen Kopf geworfenen Maulkorb unschädlich gemacht und schmachvoll am Lasso geschleift, wie ein besiegter Sieger vom Felde des Kampfes nach unten zurückkehrte.

Ein Bote wurde zur Fürstin entsandt.

Diesmal war die Fürstin nicht mehr zum Entschuldigen und Begnadigen geneigt. Aber wer sollte nun bestraft werden? Sie erriet natürlich sofort, wer die Schuldige war, – ihr Blick fiel auf Katjä ... Die stand bleich und schuldbewußt da. Die Arme dachte erst jetzt an die Folgen ihres Streiches. Der Verdacht konnte aber auch auf die unschuldigen Dienstboten fallen, und deshalb war Katjä schon im Begriff, die Wahrheit zu gestehen.

„Du hast es getan?“ fragte die Fürstin streng.

Ich sah, wie Katjä totenblaß wurde – da trat ich schnell einen Schritt vor und sagte mit fester Stimme:

„Ich habe Falstaff heraufgelassen ... Aus Versehen,“ fügte ich hinzu, denn mein ganzer Mut sank zusammen vor dem drohenden Blick der Fürstin.

„Madame Léotard, bestrafen Sie sie. Aber ich wünsche, daß Sie mit dieser Strafe ein Exempel statuieren!“ sagte die Fürstin und verließ das Zimmer.

Ich sah Katjä an: sie stand wie getroffen, wie betäubt, ihre Arme hingen schlaff herab, ihr erbleichtes Gesichtchen sah zu Boden.

Die einzige Strafe, die man in der Erziehung der Kinder des Fürsten anwandte, war, daß man sie in einem leeren Zimmer einschloß. In einem leeren Zimmer zwei Stunden allein zu sein – das ist wohl weiter nicht schlimm. Wenn aber das Kind mit Gewalt, gegen seinen Willen, eingeschlossen wird und man ihm erklärt, daß ihm die Freiheit genommen ist, so ist die Strafe gar nicht so unbedeutend. Gewöhnlich wurde Katjä oder ihr Bruder auf zwei Stunden eingesperrt. Mich sperrte man, in Anbetracht der ganzen Ungeheuerlichkeit meines Vergehens, auf vier Stunden ein. Ich verging fast vor Freude, als ich in mein Gefängnis trat. Ich dachte an Katjä. Ich wußte, daß ich gesiegt hatte. Doch anstatt der vier Stunden saß ich dort bis vier Uhr morgens. Und das geschah auf folgende Weise.

Zwei Stunden nach meiner Einkerkerung erhielt Madame Léotard die Nachricht, daß ihre Tochter aus Moskau eingetroffen und erkrankt sei und sie zu sprechen wünsche. Sie fuhr sogleich hin und natürlich vergaß sie mich darüber ganz und gar. Das Mädchen, welches nach uns zu sehen hatte, nahm an, ich sei von Madame Léotard schon vor ihrer Abfahrt aus der Haft entlassen worden. Katjä wurde bald darauf nach unten zur Mutter gerufen und mußte dort bis elf Uhr abends sitzen. Als sie nach oben zurückkehrte, war sie sehr erstaunt, mich nicht in meinem Bett zu sehen. Nastjä half ihr beim Auskleiden, doch die Prinzeß hatte ihre Gründe, weshalb sie sie nicht nach mir fragte. Sie legte sich hin und wartete auf mich, denn obschon sie wußte, daß ich nur auf vier Stunden eingesperrt war, dachte sie doch, das Kindermädchen werde mich sogleich bringen. Nastjä aber hatte mich ganz vergessen, um so mehr, als ich mich immer allein auskleidete. So kam es, daß ich in meinem Gefängnis nächtigen mußte.

Es war gegen vier Uhr morgens, als mich plötzlich Lärm und Gepolter aufweckten. Ich hatte mich auf die Diele gelegt und war eingeschlafen. Im ersten Augenblick schrie ich auf vor Angst, doch dann unterschied ich Katjäs Stimme, die von allen anderen am lautesten ertönte, darauf die Stimmen von Madame Léotard, Nastjä und der Beschließerin. Endlich wurde die Tür aufgemacht und Madame Léotard umarmte und drückte mich unter Tränen an ihr Herz, und bat mich, ihr zu verzeihen, daß sie mich vergessen hatte. Ich schlang meine Arme um ihren Hals und zerfloß in Tränen. Dabei zitterte ich vor Kälte und alle Knochen taten mir weh von der harten Diele. Ich suchte mit den Augen Katjä, sie lief aber schon in unser Schlafzimmer zurück, und als ich hinkam, lag sie schon im Bett und schlief oder stellte sich schlafend. Am Abend hatte sie anfangs allerdings auf mich gewartet, war aber dann unwillkürlich und unversehens eingeschlummert und hatte bis vier Uhr morgens geschlafen. Nach ihrem plötzlichen Erwachen hatte sie dann alle aus den Federn gebracht, zunächst die zurückgekehrte Madame Léotard, darauf Nastjä, alle weiblichen Dienstboten – und zusammen mit diesen befreite sie mich.

Am nächsten Morgen wußte schon das ganze Haus von meinem Abenteuer. Sogar die Fürstin soll gesagt haben, man sei gar zu streng mit mir verfahren. Den Fürsten aber sah ich damals zum erstenmal wirklich aufgebracht. Er kam in sichtlich großer Erregung gegen zehn Uhr zu uns nach oben.

„Ich bitte Sie, Madame,“ wandte er sich an die Französin, „was soll denn das für eine Methode sein? Wie sind Sie mit dem armen Kinde umgegangen? Das ist ja barbarisch, wahrhaft barbarisch! einfach skythisch! Ein armes, schwächliches Kind, und noch dazu solch ein verträumtes, eingeschüchtertes, kleines Mädchen – und das sperren Sie in ein dunkles Zimmer für die ganze Nacht ein! Das heißt doch das Kind geradezu dem Verderben ausliefern! Wissen Sie denn nicht, was sie in ihrem jungen Leben schon erlebt hat? Nein, das war von Ihnen einfach unmenschlich, ich versichere Sie, Madame! Und wie ist eine solche Strafe überhaupt möglich? Wer hat sich nur so etwas ausdenken können?“

Die arme Madame Léotard begann unter Tränen und in großer Verwirrung den Sachverhalt zu erklären. Sie sagte, daß ihre Tochter angekommen sei, und darüber habe sie mich vergessen, die Strafe an sich sei gut, wenn sie nicht zu lange dauere, und sogar Jean Jacques Rousseau sage etwas Ähnliches.