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Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held cover

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Chapter 4: Ein kleiner Held
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About This Book

The collection gathers four novellas that focus on children and youthful consciousness, juxtaposing public festivity and private feeling. One tale follows a young boy at a lively country estate, where social gaiety contrasts with moments of embarrassment, secret longing, and early self-awareness; another depicts domestic celebrations and the uneasy currents beneath them; a large unfinished fragment traces a girl's developing identity with intense psychological observation; the final story portrays a destitute child's hardships with sympathetic realism. Together the pieces probe childhood alienation amid adult display, the workings of memory and shame, and moral sensitivity rendered through vivid social detail.

Ein kleiner Held

Damals war ich noch nicht volle elf Jahre alt. Im Juli schickte man mich zum Besuch auf ein Gut in der Nähe von Moskau, zu meinem Verwandten T–off. Bei diesem hatten sich zu der Zeit einige fünfzig Gäste eingefunden, vielleicht sogar noch mehr ... genau weiß ich nicht, wie viele es ihrer waren – gezählt habe ich sie nicht. Es ging hoch her und man vergnügte sich nach Kräften. Fast hatte es den Anschein, als habe man die Feste zu feiern begonnen, damit sie nie wieder aufhören sollten, und der Hausherr schien sich geradezu geschworen zu haben, so schnell wie möglich sein ganzes Riesenvermögen zu vergeuden, ein Ziel, das er denn auch vor kurzem glücklich erreicht hat: er ist tatsächlich alles, auch den letzten Quadratfuß Land losgeworden.

Jeden Augenblick trafen neue Gäste ein. Moskau war ja so nahe, daß man die Stadt vom Gute aus sehen konnte. Infolgedessen traten die aufbrechenden Gäste den zuletzt eingetroffenen meist nur den Platz ab und die Feste konnten schier endlos fortgesetzt werden. Vergnügungen aller Art folgten einander ununterbrochen und ein Ende dieser Reihenfolge war nicht abzusehen. Bald machte man hoch zu Roß Ausflüge in die Umgegend, bald weite Spaziergänge längs dem Fluß oder in den Wald; Picknicks und Diners im Freien gehörten zur Tagesordnung, und an schönen Abenden wurde regelmäßig auf der großen Terrasse des Herrenhauses gespeist. Diese war mit seltenen Blumen überreich geschmückt. Ihre duftende Blütenfülle ließ, vereint mit der glänzenden Beleuchtung der Tafel, unsere fast ausnahmslos hübschen jungen Damen noch viel schöner erscheinen, wenn sie in ihren frischen Farben nach den Ausflügen am Tage mit belebten Gesichtern und glänzenden schalkhaften Augen an der Tafel saßen und ein keckes Wortgeplänkel hin und her mutwillig und geschickt zu führen wußten, indes zwischen Scherz und Scherz ihr silberhelles Lachen erklang. Es wurde getanzt, musiziert, gesungen; bei schlechtem Wetter stellte man lebende Bilder, erfand Gesellschaftsspiele, bei denen es allerlei zu raten gab, und natürlich wurde auch Theater gespielt. Außerdem gab es manchmal Vorträge, die merkwürdigsten Erlebnisse wurden erzählt, Anekdoten herumgetragen usw.

Aus der Gästeschar traten einige wenige von persönlicherem Gepräge ziemlich scharf hervor: und die waren denn auch anerkanntermaßen die Hauptpersonen. Selbstverständlich fehlte es auch hier nicht an Neid, Klatsch und den üblichen kleinen Verleumdungen, ohne die die Welt nun einmal nicht bestehen kann und ohne die wohl Millionen von Personen an ihrem Stumpfsinn sterben würden, wie die Fliegen im Herbst umkommen. Da ich aber damals erst elf Jahre zählte, fehlte mir noch das Verständnis für diese Menschensorte, und da meine Gedanken überdies mit ganz anderem beschäftigt waren, so blieb nur ein Teil von dem, was ich hin und wieder zufällig hörte, in meinem Gedächtnis haften. Später ist mir dann allerdings manches wieder eingefallen, was ich damals überhört oder nicht begriffen hatte. Sonst konnte sich nur das glänzende Äußere des Bildes meinen Kinderaugen dauernd einprägen. Und die allgemeine festliche Stimmung, die sorglose Fröhlichkeit, das heitere, glanzvolle Leben – alles das, was ich bis dahin noch nie gesehen und gehört hatte, konnte denn auch allerdings einen solchen Eindruck auf mich machen, daß ich mich in den ersten Tagen förmlich verlor und mir mein junger Kopf schwindlig wurde.

Ich war natürlich noch ein Kind, nicht mehr als ein Kind, und die schönen Damen, die mich liebkosten, machten sich weiter keine Gedanken über mein Alter. Aber – merkwürdig! – trotz meiner elf Jahre bemächtigte sich meiner zuweilen doch schon eine seltsame Empfindung, die ich freilich selbst vorläufig noch nicht begreifen konnte: es war, als streiche irgend etwas ganz leise und zart über mein Herz, etwas Unbekanntes und Ungeahntes, wovon dann mein Herz wie nach einem heftigen Schreck zu brennen und zu pochen begann und mir oft ganz plötzlich das Blut heiß ins Gesicht trieb. Es kamen Augenblicke, in denen ich mich der verschiedenen kindlichen Vorrechte, die ich genoß, geradezu schämte und sie fast als persönliche Beleidigung empfand. Zuweilen aber bemächtigte sich meiner wiederum so etwas wie Verwunderung und ich schlich mich dann fort, irgendwohin, wo mich niemand sehen konnte, gleichsam nur, um einmal Atem zu schöpfen und mich an etwas zu erinnern, an irgend etwas, das da, wie mir schien, noch vor kurzem gewesen war ... wovon aber gleichwohl und ganz plötzlich jede Spur in meinem Gedächtnis wie ausgelöscht war ... – und ohne das ich doch, wie ich glaubte, nicht mehr auskommen konnte, wenn ich es auch keinem Menschen zeigen durfte.

Zu guter Letzt schien es mir, daß ich den Menschen allen irgend etwas verheimlichte, wovon ich aber um keinen Preis auch nur ein Wort jemandem gesagt hätte, da ich kleiner Bursche mich dessen bis zu Tränen schämte. Bald aber begann ich in dem Trubel, der mich hier umgab, eine gewisse Einsamkeit zu empfinden. Es waren wohl noch andere Kinder da, aber sie waren alle entweder viel jünger oder viel älter als ich, und übrigens war es mir auch gar nicht um Spielgefährten zu tun. Freilich wäre mit mir nichts Besonderes geschehen, wenn ich nicht in der Gesellschaft eine Ausnahmestellung eingenommen hätte. In den Augen aller dieser reizenden Damen war ich noch das kleine unbestimmte Lebewesen, das sie liebkosten und mit dem sie wie mit einer Puppe spielen zu dürfen glaubten. Namentlich eine von ihnen, eine entzückende junge Blondine mit dem schönsten und reichsten Haar, das ich je gesehen habe und sehen werde, schien sich geradezu geschworen zu haben, mich nicht in Ruhe zu lassen. Während mich das Lachen, das sie unter den Gästen durch ihre ausgelassenen Scherze, die sie mit mir trieb, hervorrief, entschieden verwirrte und ärgerte, schien es ihr im Gegenteil und ganz fraglos ein riesiges Vergnügen zu bereiten. Sie benahm sich oft wie ein richtiges Pensionsmädel, doch sah sie dafür entzückend aus und in ihrer Schönheit war etwas, das sogleich in die Augen stach und einen einfach bestrickte. Natürlich glich sie nicht jenen kleinen verschämten blonden Mädelchen, die so zart und rosig sind und zutunlich wie weiße Mäuschen, oder die so lieblich aussehen wie Pastorentöchterchen. Sie war nicht sehr groß von Wuchs und ihre Gestalt ein wenig voll, ihr Gesicht aber hatte zarte, feine Züge, die entzückend gezeichnet waren. Es lag eine Elektrizität in diesem Gesicht, so daß es in ihm oft wie ein Blitz aufleuchten konnte, und überhaupt war sie – ganz Feuer, wie man zu sagen pflegt, lebendig, lebhaft, leicht. Aus ihren großen offenen Augen sprühten förmlich Funken, als wären sie Edelsteine. Nie würde ich solche blauen, strahlenden Augen gegen die schwarzen des Südens eintauschen, und sollten sie auch noch hundertmal dunkler sein, als der dunkelste andalusische Blick, denn meine Blondine war wirklich jener Schwarzäugigen ebenbürtig, die ein berühmter Dichter in so schönen Versen besingt, daß er zum Schluß dem ganzen Kastilien schwören konnte, sein Leben freudig hingeben zu wollen, wenn man ihm dafür erlaube, nur mit der Fingerspitze die Mantilla seiner Schönen zu berühren. Jetzt füge man noch hinzu, daß meine Schöne die lustigste aller Schönen war und dazu das unvernünftigste, lachlustigste, unartigste Kind, und das alles, obwohl sie schon seit etwa fünf Jahren verheiratet war. Das Lachen wich fast nie von ihren Lippen, die so frisch und jung aussahen, wie die zarten Blätter einer Rose, wenn sie unter den Strahlen der Morgensonne kaum erst ihren duftenden Blütenkelch geöffnet und ihr die Sonne noch nicht die kühlen glitzernden Tautropfen abgetrunken hat.

Ich weiß noch, am zweiten Tage nach meiner Ankunft wurde Theater gespielt. Der Saal war buchstäblich überfüllt: es gab keinen einzigen freien Platz, und da ich mich zufällig etwas verspätet hatte, mußte ich stehend der Aufführung zusehen. Aber das lustige Spiel zog mich immer mehr nach vorn und bald hatte ich mich ganz unbemerkt bis zu den ersten Reihen durchgearbeitet, wo ich dann endlich stehen blieb und mich auf die Lehne eines Stuhles stützte, auf dem eine Dame saß. Diese Dame war meine schöne Blondine. Ich muß aber hinzufügen, daß wir damals noch nicht bekannt miteinander waren. Und da nun – ich weiß nicht, wie es kam – begann ich ihre märchenhaft schönen Schultern zu betrachten, die so zart und weiß aussahen wie Milchschaum: obgleich es mir damals gewiß noch ganz gleichgültig war, ob ich die schönsten Frauenschultern sah oder den Kopfputz mit feuerfarbenen Bändern, der das graue Haar einer ehrwürdigen Dame in der ersten Reihe vor mir verdeckte. Neben der blonden Schönheit saß aber ein älteres Fräulein, eine von jenen, die, wie ich später beobachtet habe, sich immer möglichst in der Nähe junger und hübscher Damen aufhalten, und in der Regel gerade diejenigen wählen, die die männliche Jugend nicht zu verscheuchen pflegen. Doch dies nur nebenbei; ich erwähnte es bloß deshalb, weil dieses ältere Fräulein meine betrachtenden Blicke bemerkte, sich sogleich zu ihrer schönen Nachbarin beugte und ihr mit maliziösem Lächeln etwas ins Ohr flüsterte. Plötzlich sah sich diese nach mir um und ihr flammender Blick traf mich im Halbdunkel, so daß ich, der ich darauf nicht vorbereitet war, erschrocken zusammenfuhr. Da lächelte sie.

„Gefällt dir das Stück?“ fragte sie mich und sah mir spöttisch mit zuzwinkerndem Blick in die Augen.

„Ja–a,“ antwortete ich und sah sie immer noch mit einer gewissen Verwunderung an, an der wiederum sie Gefallen zu finden schien.

„Warum stehst du denn? So wirst du doch müde. Oder sind alle Stühle besetzt?“

„Ja, alle, es ist kein Platz mehr frei,“ sagte ich, diesmal mehr mit meiner Sorge um einen Stuhl beschäftigt, als mit dem blitzenden Blick der schönen Dame, und dabei herzlich froh darüber, daß sich endlich ein gutes Herz fand, dem ich mein Leid mitteilen konnte. „Ich habe bereits gesucht, aber auf jedem Stuhl sitzt schon jemand,“ fügte ich hinzu, als wollte ich mich bei ihr darüber beklagen, daß alle Stühle besetzt waren.

„Komm her!“ sagte sie schnell entschlossen, wie sie sich zu allem immer blitzschnell entschloß, gleichviel was für eine tolle Idee ihr in den Kopf kam. „Komm her zu mir, schnell, und setz’ dich auf meinen Schoß.“

„Auf den Schoß? ...“ wiederholte ich einigermaßen verwundert, und ich wußte nicht recht, was ich tun sollte.

Wie ich bereits sagte, fingen meine Kindervorrechte nachgerade an, mich zu kränken und zu beschämen. Diese Blondine aber trieb es weit ärger als alle anderen. Überdies begann ich, der ich schon von jeher ein etwas schüchterner und verschämter Knabe war, mich gerade zu jener Zeit vor Damen ganz besonders zu fürchten, und deshalb machte mich ihre Aufforderung vollends unsicher.

„Nun ja, auf den Schoß! Warum willst du denn nicht auf meinem Schoß sitzen?“ Und sie lachte, lachte immer übermütiger, lachte Gott weiß worüber – vielleicht über ihren eigenen Einfall oder vielleicht auch vor Freude darüber, daß sie mich so verlegen gemacht hatte.

Ich errötete und sah mich in meiner Verwirrung verstohlen um – wie um eine Möglichkeit zu erspähen, irgendwohin zu entschlüpfen. Aber sie kam mir zuvor, erwischte meine Hand, zog mich geschwind zu sich und plötzlich – ganz unvermutet und zu meiner größten Verwunderung – preßte sie meine Hand mit ihren heißen Fingern wie in einen Schraubstock. Es tat schrecklich weh und ich mußte meine ganze Kraft zusammennehmen, um nicht aufzuschreien. Da war es denn wohl kein Wunder, daß ich die seltsamsten Gesichter schnitt. Hinzu kam noch, daß ich nicht nur verwundert und erschrocken war, sondern einfach entsetzt, und zwar über die Tatsache, die ich nun plötzlich am eigenen Körper erfahren mußte: daß so schöne Damen zugleich so böse sein und sich so schlimm an kleinen Jungen vergreifen konnten, die ihnen doch nichts getan hatten, und das noch dazu vor so vielen fremden Menschen! Wahrscheinlich spiegelte aber mein unglückliches Gesicht alle meine Seelenregungen wieder, denn die unartige Dame lachte unbändig und preßte dabei meine armen Finger, als wollte sie sie zerquetschen. Es schien ihr ein rasendes Vergnügen zu bereiten, etwas recht Tolles anzustellen und einen armen Jungen recht bis zur Verzweiflung zu peinigen und zum besten zu haben. Ich war in der Tat der Verzweiflung nahe. Erstens verging ich fast vor Scham, da alle, die in der Nähe saßen, sich nach uns umsahen, die einen erstaunt und verständnislos, die anderen lachend, da sie sogleich begriffen, daß die schöne Blondine wieder jemandem einen Streich spielte. Und zweitens wollte ich schreien vor Schmerz, denn die Schöne schien ihren ganzen Ehrgeiz darein zu setzen, meine Finger mit wahrem Ingrimm, gerade weil ich nicht schrie, zusammenzupressen. Ich aber hielt wie ein kleiner Spartaner stand und schrie nicht. Ich fürchtete, mit meinem Schrei das Publikum zu erschrecken und die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken: was aber dann mit mir geschehen wäre, das vermochte ich nicht einmal auszudenken! In meiner Verzweiflung begann ich einen erbitterten Kampf mit ihr, um meine Hand aus ihren Fingern zu reißen, aber die Grausame war ja viel, viel stärker als ich. Endlich hielt ich den Schmerz nicht länger aus und schrie auf – aber nur darauf hatte sie gewartet! Im Nu ließ sie meine Hand fahren und saß da, als wäre gar nichts geschehen, als wäre sie das unschuldigste Geschöpf der Welt, das nichts damit zu schaffen hat, wenn ein anderer unartig ist: kurz, wie es ein echter Schulbube tut, der, kaum daß der Lehrer ihm den Rücken kehrt, im Handumdrehen etwas anrichtet – und wäre es auch nur, daß er einem kleinen Schwächling einen Rippenstoß versetzt oder ähnliches mit dem Erfolg verbricht, daß der andere aufschreit – in der nächsten Sekunde aber wieder stramm und artig auf seinem Platz sitzt und fromm die Augen niederschlägt oder mit ungeteilter Aufmerksamkeit in seinem Buch liest und somit den Herrn Lehrer, der auf den Lärm hin wie ein Habicht auf ihn losschießt, mit einer langen Nase wieder abziehen läßt.

Zu meinem Glück jedoch wurde gerade in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit der übrigen durch das meisterhafte Spiel unseres Hausherrn in Anspruch genommen – er spielte nämlich in der Komödie die Hauptrolle. Stürmischer Beifall erscholl und ich benutzte schnell die Gelegenheit zur Flucht, drängte mich durch ein paar Reihen und lief in die entgegengesetzte Ecke, von wo aus ich halbversteckt hinter einer Säule mit Grauen dorthin spähte, wo mein grausamer Quälgeist saß. Sie lachte so, daß sie das Taschentuch an die Lippen pressen mußte. Und lange noch sah sie sich immer wieder nach mir um, jedoch ohne mich zu entdecken. Allem Anscheine nach tat es ihr sehr leid, daß unsere verrückte Balgerei so schnell ein Ende gefunden hatte, ja vielleicht heckte sie schon einen neuen Streich aus.

Damit begann also unsere Bekanntschaft, und seit jenem Abend war ich meines Lebens nicht mehr sicher vor ihr. Sie verfolgte mich ohne Maß und Gewissen. Sie wurde einfach zu meinem Schreckgespenst. Das Groteske ihrer Scherze mit mir bestand hauptsächlich darin, daß sie beteuerte, bis über die Ohren in mich verliebt zu sein – und zwar sagte sie das ganz ungeniert in Gegenwart aller Gäste. Natürlich war das für mich, dem ohnehin mehr als nötig verschämten Knaben, ungefähr das Fürchterlichste, was ich mir denken konnte, und es ärgerte mich fast bis zu Tränen; ja ein paarmal brachte sie mich in eine so unangenehme und bedenkliche Lage, daß ich nahe daran war, mit dieser heimtückischen Anbeterin einen regelrechten Faustkampf zu eröffnen. Aber meine naive Verwirrung, meine Verzweiflung und Wut schienen sie nur anzustacheln, mich noch lebhafter zu verfolgen. Sie kannte kein Erbarmen, ich aber wußte nicht, wo ich mich vor ihr verbergen sollte, und zum Unglück wirkte noch das Gelächter der anderen, das sie durch ihre Scherze mit mir hervorzurufen verstand, anfeuernd auf sie, so daß man zu guter Letzt fand, sie gehe mit ihren Scherzen denn doch zu weit. Und wirklich muß auch ich zugeben – ich meine heute, denn damals konnte ich das noch nicht beurteilen –, daß sie sich zu viel mit einem solchen Kinde erlaubte, wie ich es damals war.

Aber so war nun einmal ihr Wesen, das ja deshalb noch nicht schlecht zu sein brauchte: sie war eben auch noch ein richtiges verwöhntes Kind. Wie ich nachher erfuhr, soll gerade ihr Mann sie am meisten verwöhnt haben – ein dicker kleiner Herr mit einem frischen Gesicht, sehr reich und sehr beschäftigt, letzteres wenigstens nach seiner Lebensweise zu urteilen: ewig hatte er etwas vor, und keine zwei Stunden hielt er es an einem Ort aus, jeden Tag fuhr er vom Gut nach Moskau, oft sogar zweimal am Tage, und zwar, wie er behauptete, wegen geschäftlicher Angelegenheiten. Etwas Lustigeres und Gutmütigeres als es seine komische, aber dabei doch immer gesetzte Miene und Haltung war, hätte man schwerlich irgendwo finden können. Seine Frau liebte er nicht nur bis zur Schwäche – nein, er betete sie geradezu an wie seinen Abgott.

Da versteht es sich wohl von selbst, daß er ihr nichts verbot, und daß sie tun konnte, was ihr gerade einfiel. Freunde und Freundinnen besaß sie eine Menge. Denn erstens gab es überhaupt wenige, die sie nicht liebten, und zweitens war sie gar nicht wählerisch in der Wahl ihrer guten Bekannten, obgleich auch ihrem Charakter viel mehr Ernst zugrunde lag, als man nach dem, was ich soeben erzählt habe, annehmen könnte. Aber von allen ihren Freundinnen liebte sie eigentlich nur eine junge Frau, eine entfernte Verwandte von ihr, die gleichfalls als Gast auf dem Gute weilte. Zwischen ihnen bestand ein ganz eigenes Freundschaftsverhältnis, eines von jenen seltsam zarten, geistig vornehmen, wie es sich zuweilen aus der Begegnung zweier sonst recht verschiedener Charaktere ergibt, die vielleicht sogar einander ganz entgegengesetzt sind, von denen aber der eine strenger und tiefer und reiner ist als der andere, während dieser mit feinem Taktgefühl ehrlicher Selbsteinschätzung und neidloser Liebe sich dem anderen unterordnet, indem er dessen Überlegenheit anerkennt und seine Freundschaft wie ein Glück und einen kostbaren Schatz im Herzen bewahrt. Daraus entwickelt sich dann dieses zarte, innerlich vornehme Verhältnis zueinander, das Güte und Nachsicht auf der einen Seite, auf der anderen Liebe und Verehrung des Höherstehenden kennzeichnen – eine Verehrung, der freilich eine gewisse Furcht nicht fehlt: die Furcht nämlich, sich in den Augen desjenigen, der für einen so hoch steht, etwas zu vergeben, was zugleich den glühenden Wunsch hervorruft, mit jedem Schritt und jeder Tat dem Herzen des Freundes näher zu treten. Sie waren beide in gleichem Alter, aber es war doch in allem ein schier unermeßlicher Unterschied zwischen ihnen, vor allem auch in ihrer äußeren Erscheinung. M–me M. war gleichfalls sehr schön, aber ihre Schönheit hatte etwas Eigenartiges, was sie auf den ersten Blick von der Schar der hübschen Damen unterschied; und dieses nur schwer erklärbare Etwas wirkte mit einer unwiderstehlichen Anziehungskraft auf Menschen oder richtiger, es erweckte in jedem, der ihr begegnete, ein gutes, reines Gefühl, das einen alsbald wie eine geheime, aber mächtige Sympathie zu ihr hinzog. Es gibt solche Gesichter. In ihrer Nähe fühlt ein jeder sich irgendwie besser, irgendwie freier und wärmer: und doch war der Blick ihrer traurigen großen Augen, aus denen Geist und Kraft sprachen, zugleich schüchtern und unruhig, wie in immerwährender Flucht vor etwas Feindlichem und drohend Grausamem, und diese seltsame Scheu breitete zuweilen solch eine Wehmut über ihre stillen Züge, die an die heiligen Gesichter italienischer Madonnen gemahnten, daß man bald ebenso traurig wurde, als hätte man selbst einen Kummer, vielleicht den gleichen wie sie, deren Leid man so recht nachfühlen konnte. Aus ihrem bleichen, schmalen Gesicht sah, trotz der vollendeten Schönheit seiner reinen, regelmäßigen Züge und der wehmütigen Strenge einer dumpfen, verborgenen Qual, doch noch das ursprüngliche klare Kinderantlitz hervor, das Gesicht der noch nicht vergessenen, vertrauensseligen Jahre – der Jahre eines vielleicht unbewußten Glücks. Und dazu kam dieses stille, etwas scheue, unbestimmte Lächeln und alles das erweckte eine so unerklärliche Teilnahme für diese Frau, daß im Herzen eines jeden unwillkürlich eine süße, innige Sorge um sie erwachte, eine Sorge, die für sie noch aus der Ferne sprach und einen über Zeit und Raum hinweg mit ihr verband. Sie war vielleicht etwas schweigsam und verschlossen, obwohl es zugleich schwerlich ein aufmerksameres und liebevolleres Wesen gab, als sie es zeigen konnte, wenn jemand der Teilnahme bedurfte. Es gibt Frauen, die im Leben geradezu wie barmherzige Schwestern sind. Vor ihnen braucht man nichts zu verbergen, nichts zu verschweigen, wenigstens nichts, was in unserer Seele krank und verwundet ist. Wer leidet, der gehe getrost zu ihnen und fürchte nicht, ihnen zur Last zu fallen, denn nur selten weiß jemand von uns, wieviel unendlich geduldige Liebe, wieviel Mitgefühl und welch ein Allverzeihen in manchem Frauenherzen sein kann. Ganze Schätze an Mitempfinden, Trost und Hoffnung ruhen in diesen reinen Herzen, die so oft selbst verwundet sind – Herzen, die viel trauern, mehr als andere lieben, aber die Wunden behutsam vor jedem neugierigen Blick verbergen, denn tiefes Leiden schweigt und verbirgt sich. Diese Frauen schreckt weder die Tiefe der Wunde noch ihre Fäulnis: wer an sie mit seinem Vertrauen herantritt, ist ihrer schon wert. Sie sind wie zum Helfen geboren ... M–me M. war von hohem Wuchs, biegsam und schlank, aber ein wenig mager. Ihre Bewegungen waren alle irgendwie ungleichmäßig, bald langsam und sanft und nicht ohne eine gewisse Würde, bald wieder kindlich schnell. Dabei sprach aus ihrer Geste zugleich so etwas wie ein Bangen, wie eine Schutzlosigkeit, die aber doch wieder niemanden um Schutz anflehte oder um Beistand bat.

Ich sagte bereits, daß die bösen Bemerkungen der tückischen Blondine mich beschämten, ärgerten, peinigten, daß mein Herz mir blutete. Aber hierfür gab es noch einen anderen Grund, sogar einen recht seltsamen und dummen, den ich jedoch wie ein Heiligtum vor allen geheimhielt, für den ich wie ein Geizhals für seinen Schatz zitterte und der mir schon beim bloßen Gedanken, auch wenn ich ganz allein mit meinem verwirrten Kopf irgendwo in einer dunkeln Ecke saß, wo der forschende spöttische Blick meines Plagegeistes mich nicht erreichen konnte und ich mich vor allen blauen Augen sicher fühlte – der mir schon bei dem bloßen Gedanken an den Gegenstand dieser Ursache das Herz vor lauter Verwirrung, Scham und Furcht stille stehen machte. Mit einem Wort: ich war in M–me M. verliebt. Und doch – muß ich nicht annehmen, daß ich soeben den größten Unsinn gesagt habe: denn das war ja ganz undenkbar!? Trotzdem – warum machte von allen Gesichtern, die ich sah, nur ihr Gesicht einen solchen Eindruck auf mich? Weshalb folgte mein Blick nur ihr allein, wo sie ging oder stand, weshalb liebte ich es, sie zu betrachten, obschon doch damals mein Sinn entschieden noch nicht danach stand, Frauen zu entdecken und ihnen nahezutreten? Es geschah das namentlich abends, wenn sich bei trübem oder kühlem Wetter die ganze Gesellschaft in den Sälen versammelte und ich dann aus irgendeiner Saalecke, wo ich einsam und verlassen saß, ziellos nach allen Seiten ausguckte – wohin die Augen selbst gerade wollten, da ich keine andere Beschäftigung für sie zu finden wußte. Außer meiner Verfolgerin sprach selten jemand ein Wort zu mir, so daß ich mich an solchen Abenden gewöhnlich sträflich langweilte. Dann betrachtete ich die Menschen und spitzte die Ohren, wenn ich Gespräche hörte, von denen ich oft kein Wort begriff. Da kam es denn ganz von selbst, daß die traurigen Augen und das stille Lächeln der schönen M–me M. Gott weiß weshalb meine Aufmerksamkeit fesselten, und dann konnte nichts mehr den seltsamen, unbestimmten und unfaßbar süßen Eindruck verwischen, den sie auf mich machte. Oft saß ich stundenlang und sah sie an und konnte meinen Blick nicht von ihr losreißen. Jede Geste, jede Bewegung, jeder Ausdruck ihres Gesichts prägte sich meinem Gedächtnis ein und ich lauschte auf jede Veränderung ihrer Stimme, die nicht laut war, sondern von einer tieferen, dunkleren, etwas verschleierten Klangfarbe – und merkwürdig! – aus diesen Beobachtungen und ihren seltsamen süßen Eindrücken erwuchs in mir eine ganz unerklärliche Neugier. Es war fast, als ahnte ich ein Geheimnis in ihr, das ich alsbald unbedingt ergründen wollte.

Am quälendsten war mir daher meine Lage in ihrer Gegenwart. Denn alle diese Scherze und Neckereien erniedrigten mich in meinen Augen und waren für mein Gefühl die schrecklichsten Beleidigungen. Und wenn nun gar bei dem allgemeinen Gelächter über mich auch M–me M. zuweilen unwillkürlich mitlachte, dann kannte meine Verzweiflung keine Grenzen: ich war außer mir vor Schmerz und Scham und riß mich mit der Wut eines Besessenen aus den Händen meiner Verfolgerin – rannte nach oben, in den zweiten Stock, wo ich dann den ganzen Rest des Tages verbrachte, da ich mich nicht mehr im Saal zu zeigen wagte. Übrigens war ich mir damals weder über meine Scham noch über meine Erregung im klaren: der ganze Prozeß spielte sich vollkommen unbewußt ab. Mit M–me M. hatte ich noch keine zwei Worte gesprochen, und ich hätte natürlich nie den Mut gehabt, sie anzureden. Eines Abends aber, nach einem für mich elend verlaufenen Tage, blieb ich während des Spaziergangs hinter den anderen zurück und da ich schrecklich müde geworden war, ging ich durch den Garten wieder nach Hause. Ich wählte den kürzesten Weg – eine entlegene Allee – und da erblickte ich auf einer Bank plötzlich M–me M. Sie saß dort ganz allein, als habe sie diese Einsamkeit gesucht, saß zurückgelehnt, mit gesenktem Kopf, und ihre Finger bewegten mechanisch das Taschentuch, das sie in der Hand hielt. Sie war so in Nachdenken versunken, daß sie es gar nicht hörte, wie ich mich ihr näherte.

Als sie mich erblickte, erhob sie sich schnell von der Bank, wandte das Gesicht fort und ich sah, wie sie das Taschentuch an die Augen führte, um die Tränenspuren fortzuwischen. Sie hatte geweint. Dann tat sie, als wäre nichts geschehen, lächelte mir zu und ging mit mir zum Hause. Ich habe vergessen, wovon wir sprachen; nur schickte sie mich unterwegs immer wieder unter verschiedenen Vorwänden von sich fort: bald bat sie mich, eine Blume zu bringen – bald sollte ich ihr sagen, wer dort in der nächsten Allee ritt. Sobald ich mich aber von ihr fortwandte, fuhr sie wieder schnell mit dem Tuch über die Wangen, da die ungehorsamen Tränen nicht versiegen wollten, vielmehr aus dem wehen, kämpfenden Herzen immer wieder in ihre armen Augen traten. Ich begriff sehr wohl, daß ich ihr lästig war, da sie mich so oft fortschickte. Sie aber sah doch, daß ich schon alles bemerkt hatte, und trotzdem konnte sie sich nicht beherrschen – das quälte mich für sie noch viel mehr! Ich ärgerte mich über mich selbst fast bis zur Verzweiflung, ich verwünschte mein Unglück und meine Dummheit, die mich keinen Vorwand finden ließ, unter dem ich mich hätte entfernen können, ohne sie noch obendrein merken zu lassen, daß ich um ihr Leid wußte. So ging ich denn betrübt und unglücklich, mit meinem Zwiespalt im Herzen, neben ihr her und fand trotz aller Anstrengung kein einziges Wort, mit dem ich unsere einsilbige Unterhaltung hätte beleben können.

Diese Begegnung machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich M–me M. den ganzen Abend mit unersättlicher Neugier verstohlen betrachtete. Aber ungeachtet meiner Vorsicht trafen unsere Blicke sich doch ein paarmal, und als sie das zweite Mal diesen meinen Blick bemerkte, da lächelte sie. Es war das an diesem Abend das einzige Mal, daß ich sie lächeln sah. Die Trauer war jedoch noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen und sie war sogar noch bleicher als sonst. Die ganze Zeit unterhielt sie sich mit einer alten Dame, die eigentlich, weil sie immer spionierte und Klatschgeschichten verbreitete, niemand ausstehen konnte, die vielmehr von allen gefürchtet wurde, weshalb man sich denn gewissermaßen gezwungen fühlte, im Verkehr mit ihr liebenswürdig und aufmerksam zu sein, ob man wollte oder nicht ...

Gegen zehn Uhr traf plötzlich der Mann von M–me M. ein. Ich sah, wie sie bei dem unerwarteten Erscheinen ihres Gatten zusammenzuckte und wie ihr ohnehin schon so bleiches Gesicht noch um einen unheimlichen Grad stärker erblaßte. Es war das so auffallend, daß auch andere es bemerkten: wenigstens fing ich von einem leisen Gespräch in meiner Nähe ein paar Bemerkungen auf, aus denen ungefähr hervorging, daß die arme M–me M. kein gerade beneidenswertes Leben habe. Ihr Mann sei, wie man wisse, eifersüchtig wie ein Mohr, jedoch nicht aus Liebe zu ihr, sondern nur aus Liebe zu sich selbst. Dieser Mensch war nämlich ... in erster Linie ein „Europäer“, und zwar einer der neuzeitlichen, von modernen Ideen angekränkelten, mit denen er gerne großtat. Was sein Äußeres betraf, so war er ein brünetter, großer und sehr stämmiger Herr mit europäisch geschnittenem Backenbart und einem selbstzufriedenen, frischen Gesicht, mit zuckerweißen Zähnen und dem Auftreten eines vollendeten Gentleman. Man nannte ihn einen „klugen Menschen“. So nennt man nämlich in gewissen Kreisen einen besonderen, auf Kosten anderer fett gewordenen Menschenschlag, der so gut wie nichts tut und auch so gut wie nichts tun will, der vielmehr vom ewigen Müßiggang und Nichtstun anstatt des Herzens sozusagen nur ein Stück Speck im Leibe hat. Gerade von diesen Leuten aber hört man jeden Augenblick, daß sie nur infolge gewisser höchst verwickelter und ihnen feindlicher Umstände nichts zu tun hätten, daß sie ihren „Genius ermüdeten“ und daß es deshalb „traurig sei“, sie „unbeschäftigt zu sehen“. Das ist nun einmal ihre schönklingende Phrase, ihr Mot d’ordre, das diese satten Fettwänste überall anbringen – weshalb sie einen denn auch schon längst langweilen, um nicht mehr zu sagen; wie eben jede ausgesprochene Tartüfferie oder jedes leere, alberne Wort. Übrigens scheinen einige dieser spaßigen Käuze, die auf keinerlei Weise eine Arbeit für sich finden können – zumal sie auch nie eine solche ernstlich suchen – gerade danach zu trachten, alle davon zu überzeugen, daß sie an Stelle des Herzens nicht ein Stück Speck, sondern im Gegenteil etwas sehr Tiefgründiges besäßen. Was dies Etwas freilich sei, eigentlich und im letzten Grunde, das würde auch der beste Chirurg nicht sagen können – nur aus Höflichkeit, versteht sich, könnte er es nicht! Diese Herren bringen ihr Leben damit zu, daß sie alle ihre Fähigkeiten zu billigem Spott, kurzsichtigster Kritik und maßlos dünkelhaftem Auftreten verwerten. Da sie aber nichts weiter zu tun haben, als die Fehler und Schwächen anderer zu entdecken und ans Licht zu zerren, und da sie von Güte und Nachsicht genau nur so viel besitzen, wie die Natur etwa einer Auster verliehen hat, so fällt es ihnen auch nicht schwer, unter solchen Umständen ziemlich umsichtig und mit viel Vorsicht unter den Menschen zu leben. Dessen rühmen sie sich denn auch über alle Maßen. So sind sie zum Beispiel fest überzeugt, daß womöglich die ganze Welt ihnen tributpflichtig sei, und sie betrachten diese Welt nahezu als ihre Vorratskammer. Sie sehen in allen anderen Menschen um sich her Dummköpfe und glauben, ein jeder gleiche einer Apfelsine oder einem Schwamm, aus dem sie, sobald sie nur wollen, auch den letzten Tropfen herauspressen können. Sie halten sich in gewissem Sinne für die Herren der Welt und scheinen anzunehmen, daß diese ganze löbliche Ordnung der Dinge einzig davon herrühre, daß sie so kluge und gewichtige Menschen sind. In ihrem maßlosen Eigendünkel werden sie nie eigene Mängel zugeben, sondern sich immer unter allen Umständen und in jeder Beziehung für vollkommen halten. Sie gleichen jenem besonderen Menschentyp, dessen Ahnherren Tartüffe und Falstaff sind, jenen Schelmen, die so viel und so oft betrügen, daß sie selbst schließlich glauben, alles was sie sagen, tun und lassen habe seine Richtigkeit, d. h. es sei von ihnen durchaus richtig, so zu leben und zu betrügen: sie haben eben ihre Beteuerungen, daß sie ehrlich und uneigennützig seien, so oft gehört, daß sie zu guter Letzt selbst glauben, sie seien uneigennützig und ihre Betrügereien zeugten von aufrichtigster Ehrlichkeit. Zu einer unparteiischen Selbstkritik und Selbsterkenntnis langt es bei ihnen nie. Zum Erfassen mancher Dinge sind sie eben viel zu schwerfällig. Im Vordergrunde aller Dinge und Geschehnisse steht ihnen immer die eigene goldene Person, der Moloch, dem sie alles opfern, ihr herrliches „Ich“! Die ganze Natur, die ganze Welt ist für sie nicht mehr als ein großer schöner Spiegel, der nur dazu geschaffen scheint, damit ein kleiner Gott sich ununterbrochen in ihm bewundern kann und außer seiner eigenen Person niemand und nichts zu sehen braucht. Da ist es denn kein Wunder, wenn sie unter solchen Umständen alle übrigen Erscheinungen der Welt immer irgendwie entstellt sehen und nie so, wie sie wirklich sind. Für alles haben sie eine fertige Phrase vorrätig und zwar – was übrigens äußerst geschickt von ihnen ist – immer nur eine der allermodernsten. Ja, man kann sagen, daß hauptsächlich sie es sind, die die Verbreitung der Phrase besorgen, deren Erfolg sie beizeiten wittern. Jawohl, Spürsinn – das ist das einzige, was man ihnen nachrühmen kann, denn in dieser Beziehung haben sie wirklich eine feine Nase; wenigstens ist sie fein genug, um derartige moderne Ausdrücke früher als andere herauszuschnüffeln und sich rechtzeitig anzueignen, so daß es fast den Anschein hat, als stammten sie von ihnen. Namentlich versehen sie sich mit solchen, die ihrer tiefen Liebe zur Menschheit Ausdruck geben sollen und die angeblich einzig richtige und vernunftgemäße Menschenfreundschaft dartun, um dabei gleichzeitig rücksichtslos über die veraltete Romantik herzufallen, mit ihr nicht selten alles Schöne und Erhabene zu verurteilen, ohne zu begreifen, daß jedes kleinste Gefühl derselben wertvoller ist, als ihre ganze Weichtierexistenz. In ihrer geistigen Stumpfheit sind sie unfähig, die Wahrheit in einer noch unfertigen, von der altbekannten abweichenden Form, in einem Übergangsstadium zu erkennen, und so lehnen sie denn alles ab, was noch im Entstehen ist und seine Form erst sucht und deshalb noch nicht ganz feststeht. Diese wohlgenährten satten Menschen haben ihr Leben gewöhnlich gleichsam im Zustande eines fortgesetzten Räuschchens heiter verbracht. Alles ist ihnen von anderen zurecht gemacht worden, selbst aber haben sie noch nie etwas geleistet und wissen natürlich nicht, wie schwer es ist, etwas zu vollbringen. Wehe dem aber, der mit irgendeiner Rauheit ihre satten Gefühle streift: das würde niemals verziehen, noch vergessen werden, Rache üben sie aber dafür mit Wonne. In der Summe ergibt sich, daß ein derartiger Held nichts mehr und nichts weniger ist als ein riesengroßer, bis zur letzten Möglichkeit aufgeblasener Sack, voll von Sentenzen, Modephrasen und Schlagwörtern aller Art.

Übrigens war M–r M. doch ein etwas bemerkenswerterer Herr, zumal er eine Gabe besaß, die ihn immerhin durch eine gewisse Eigenart auszeichnete: er war nämlich ein guter Erzähler, war witzig und redselig, so daß in der Gesellschaft sich immer ein Kreis um ihn versammelte. An jenem Abend war er besonders gut aufgelegt; er riß die Unterhaltung an sich, war schlagfertig, beinahe geistvoll, gut gelaunt und brachte es so weit, daß alle nur ihm zuhörten und ihn anstaunten. Dagegen war M–me M. die ganze Zeit schweigsam und litt sichtlich: sie sah so traurig aus, daß ich fürchtete, jeden Augenblick wieder Tränen an ihren Wimpern erglänzen zu sehen. Alles das machte, wie gesagt, einen tiefen Eindruck auf mich. Ich war bestürzt und verwundert und eine seltsame Neugier erfaßte mich. Die ganze Nacht träumte mir von M–r M., während ich bis dahin selten von so peinigenden und aufregenden Träumen heimgesucht worden war.

Am anderen Morgen wurde ich schon früh nach unten in den Saal gerufen, wo die Proben zu den lebenden Bildern, zu denen auch ich mich hergeben mußte, stattfanden. Diese lebenden Bilder, ferner eine Theateraufführung und ein großer Ball, alles an einem Abend, sollten zur Feier des Geburtstages der jüngsten Tochter unseres verschwenderischen Hausherrn stattfinden. Wir hatten im ganzen nur noch etwa fünf Tage Zeit. Zu diesem Fest waren aus Moskau und von den benachbarten Landgütern nicht viel weniger als hundert Personen eingeladen, so daß große Vorbereitungen getroffen werden mußten, die natürlich den Trubel noch erhöhten. Die Proben oder richtiger die Durchsicht der vorhandenen Kostüme fand zu einer so ungelegenen Zeit statt, weil der bekannte Künstler R., ein Freund und Gast unseres Hausherrn, der aus Gefälligkeit sich bereit erklärt hatte, die Bilder zu stellen, noch nach Moskau fahren wollte, um die fehlenden Requisiten einzukaufen. So hieß es denn: sich beeilen. Mich hatte man für ein lebendes Bild zusammen mit M–me M. ausersehen. Das Bild stellte eine Szene aus dem mittelalterlichen Leben dar und hieß: „Die Schloßherrin und ihr Page“.

Ich war entsetzlich verwirrt, als ich mit M–me M. auf der Probe zusammentraf. Natürlich war ich überzeugt, daß sie sogleich alle meine Gedanken, Zweifel und Vermutungen, die mir seit dem letzten Abend durch den Kopf gefahren waren, aus meinen Augen erraten würde. Und überdies bedrückte mich noch so etwas wie ein Schuldgefühl ihr gegenüber, weil ich sie in ihrem Leid überrascht und ihre Tränen bemerkt hatte. Wußte ich denn, ob sie nicht vielleicht sogar sehr ärgerlich über mich war? Aber, Gott sei Dank, es verlief alles ohne irgendwelche Unannehmlichkeiten: ich wurde von ihr ganz einfach – gar nicht bemerkt. Ihre Gedanken waren offenbar mit etwas ganz anderem beschäftigt und sie schien weder mich noch sonst etwas von der Probe zu sehen. Sie machte den Eindruck, als laste eine große quälende Sorge auf ihr. Nach beendeter Probe lief ich schnell fort und kleidete mich um. Etwa zehn Minuten später trat ich auf die Terrasse, um in den Garten zu gehen. In demselben Augenblick trat aus einer anderen Tür auch M–me M. auf die Terrasse und zugleich erblickten wir beide vor uns ihren selbstzufriedenen Herrn Gemahl, der aus dem Garten heraufkam, wohin er gerade eine Schar junger Damen begleitet hatte. Die Begegnung mit seiner Frau kam auch für ihn ganz unerwartet. M–me M. errötete plötzlich und in ihrer hastigen Bewegung drückte sich ein gewisser Unmut aus. Der Herr Gemahl, der sorglos eine Arie vor sich hingepfiffen und unausgesetzt mit tiefsinniger Miene seinen schönen Backenbart geglättet hatte, runzelte ein wenig die Stirn, als er seine Frau erblickte und betrachtete sie, wie ich mich jetzt entsinne, mit entschieden inquisitorischem Blick.

„Sie gehen in den Garten?“ fragte er, da er in ihrer Hand einen Sonnenschirm und ein Buch bemerkte.

„Nein, in den Wald,“ sagte sie und errötete leicht.

„Allein?“

„Mit ihm ...“ Sie wies auf mich. „Ich gehe morgens immer allein spazieren,“ fügte sie wie zur Erklärung hinzu, aber mit einer etwas unsicheren Stimme, die wohl gleichgültig klingen sollte, statt dessen aber genau so klang, wie wenn man zum erstenmal im Leben bewußt lügt.

„Hm ... Ich habe soeben eine ganze Gesellschaft hinbegleitet. Sie versammeln sich dort alle bei der Rosenlaube, um N. das Geleit zu geben. Er verläßt uns, wie Sie wissen ... Es ist ihm da irgendwo in Odessa ein Malheur passiert ... Ihre Kusine (das war mein blonder Plagegeist) lacht und weint, beides zugleich, so daß man nicht aus ihr klug werden kann. Übrigens sagte sie mir, daß Sie aus irgendeinem Grunde auf N. böse seien und ihn deshalb nicht begleiten wollten. Natürlich ein Unsinn?“

„Sie scherzt nur,“ sagte M–me M. und stieg die Stufen der Terrasse hinab.

„Also das ist jetzt Ihr täglicher Cavalier servant?“ fragte er noch beiläufig mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln und musterte mich durch sein Monokel.

„Page!“ rief ich, wütend über seinen Blick, über seinen Spott, und dann lachte ich ihm gerade ins Gesicht und sprang mit einem Satz über drei Stufen ...

„Nun, viel Vergnügen,“ brummte M–r M. und ging weiter.

Ich war natürlich gleich zu M–me M. getreten, als sie auf mich wies, und hatte mir den Anschein gegeben, als hätten wir uns schon vor einer Stunde verabredet, und ich tat so, als sei ich schon einen ganzen Monat jeden Morgen mit ihr spazierengegangen. Nur konnte ich nicht begreifen, weshalb diese Begegnung sie so verwirrte, und was sie eigentlich im Sinne hatte, als sie sich zu der kleinen Lüge entschloß. Warum hatte sie nicht ganz einfach gesagt, daß sie allein gehe? So aber wußte ich nicht, was ich davon denken sollte. Dennoch begann ich allmählich, trotz meiner Unsicherheit und aller Befürchtungen, mit naiver Neugier verstohlen zu ihr aufzusehen: doch ganz wie vor einer Stunde in der Probe bemerkte sie auch jetzt weder meine Blicke noch meine stumme Frage. Nur dieselbe quälende Sorge spiegelte sich noch deutlicher, noch tiefer in ihren erregten Zügen wieder und sprach aus jeder Bewegung, sprach vor allem aus ihrem schnellen Gang. Sie mußte Eile haben, denn sie beschleunigte ihre Schritte und unruhig blickte sie in jede Allee, in jeden Durchhau im Walde, und zwar immer nach der Seite des Gartens hin. Auch ich begann etwas zu erwarten. Da vernahmen wir Pferdegetrappel hinter uns. Es war eine ganze Kavalkade, Damen und Herren, hoch zu Roß, die alle jenen N., der uns so plötzlich verließ, begleiteten.

Unter den Reiterinnen erblickte ich auch meine Blondine, von der M–r M. uns erzählt hatte, daß sie gelacht und geweint habe, beides zugleich. Ihrer Gewohnheit gemäß lachte sie nun wieder wie ein Kind und war so mutwillig und lustig wie nur je. Sie ritt einen prächtigen Schimmel. Als die Gesellschaft uns erreichte, zog N. den Hut, hielt aber weder sein Pferd an, noch sagte er ein Wort zu M–me M. Bald waren sie alle hinter einer Wegbiegung verschwunden. Ich blickte zu M–me M. auf und – beinahe hätte ich aufgeschrien vor Überraschung: sie war totenbleich und rührte sich nicht, nur große Tränen standen in ihren Augen. Unsere Blicke trafen sich: M–me M. errötete jäh, wandte sich für einen Augenblick fort und ich las Unruhe und Ärger in ihrem Gesicht, obschon sie sich schnell und mit aller Gewalt zusammennahm. Ich war überflüssig, war lästiger noch als tags zuvor: das war mir klar. Aber wie sollte ich mich entfernen, unter welchem Vorwande?

Da schlug M–me M. plötzlich, als habe sie meine Gedanken erraten, das Buch auf, das sie mitgenommen hatte, und, indem ihr wieder das Blut in die Wangen stieg, sagte sie – sichtlich bemüht, mich dabei nicht anzusehen – als habe sie es soeben erst bemerkt:

„Ach! Das ist ja der zweite Band, ich habe mich versehen! Bitte, bring mir den ersten!“

Es war nicht mißzuverstehen! Ich hatte meine Rolle ausgespielt und auf einem geraderen Wege hätte man mich schwerlich fortschicken können.

Ich lief mit dem Buche fort und kehrte nicht zurück. Der erste Band blieb an diesem Morgen unberührt auf dem Tische liegen ...

Aber seitdem war ich so verändert, daß ich mir selbst ganz fremd vorkam: mein Herz pochte wie in fortwährender Angst. Ich wandte die größte Vorsicht an, um nicht irgendwie M–me M. zu begegnen. Dafür aber betrachtete ich von nun an mit einer nahezu wilden Neugier ihren selbstzufriedenen Herrn Gemahl, als wollte ich an ihm etwas Besonderes entdecken. Ich begreife jetzt selbst nicht, wie ich damals zu dieser lächerlichen Neugier kam, doch entsinne ich mich, daß alles, was ich an jenem Morgen erlebt, mich in ein ganz eigenartiges Erstaunen versetzt hatte. Und doch war es nur erst ein Anfang an diesem Tage gewesen, an dem mir noch ganz andere und noch viel größere Erlebnisse bevorstanden.

Es wurde ausnahmsweise früher als sonst zu Mittag gespeist. Am Nachmittage sollten wir eine Ausfahrt nach einem Nachbardorf machen, um einmal ein richtiges Dorffest, das dort gefeiert wurde, kennen zu lernen – deshalb speisten wir früher. Ich hatte mich schon drei Tage auf dieses Fest gefreut, von dem ich Gott weiß wie viel erwartete. Den Kaffee tranken alle auf der Terrasse. Vorsichtig folgte ich den anderen aus dem Speisesaal und verbarg mich hinter mehreren Sesseln. Mich zog wieder meine Neugier dorthin: und die war so groß, daß ich ihr sogar auf die Gefahr hin folgte, von M–me M. bemerkt zu werden. Der Zufall fügte es jedoch anders: ich geriet in die Nähe meiner blonden Verfolgerin. An dem Tage war mit ihr ein Wunder geschehen, etwas schier Unglaubliches: sie sah plötzlich noch einmal so schön aus, als sie bis dahin ausgesehen hatte. Wie und warum das gekommen war – das weiß ich nicht, aber mit Frauen geschieht dieses Wunder ja recht oft! Unter uns befand sich ein neuer Gast, ein langer, blonder, junger Mann, der gerade aus Moskau eingetroffen war, fast wie um N. zu ersetzen, der uns am Morgen verlassen hatte, und von dem das Gerücht ging, daß er in unsere blonde Schönheit sterblich verliebt gewesen sei. Der neue Gast aber stand schon seit langer Zeit in einem Verhältnis zu ihr, wie Benedikt zu Beatrice in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Kurz, unsere Schönheit fand an diesem Tage ungeheuren Beifall. Ihre Scherze und ihre Unterhaltung waren so entzückend, so zutraulich naiv, so verzeihlich unvorsichtig, sie war dabei selbst mit einer so graziösen Sicherheit vom allgemeinen Beifall überzeugt, daß sie die ganze Zeit über von allen Anwesenden tatsächlich nur bewundert wurde. Um sie herum bildete sich ein dreifacher Kreis von überraschten, verwunderten und entzückten Zuhörern, denn so bezaubernd hatte man sie noch nie gesehen. Jedes Wort von ihr ward wie ein verführerisches Wunderding erhascht und weitergegeben, jeder Scherz, jede schlagfertige Antwort erregte Begeisterung. Wie es schien, hatte niemand soviel Geschmack, Geist und Verstand an ihr vermutet. Ihre besten Eigenschaften wurden durch ihre täglichen kindischen Tollheiten, die oft fast zu Narrheiten ausarteten, in den Schatten gestellt und selten von jemand bemerkt – oder wer sie zwischen jenen Kindereien bemerkte, der hielt sie für Zufall, so daß ihr plötzlicher Erfolg mit einem allgemein verwunderten Geflüster aufgenommen wurde.

Übrigens trug zu diesem Erfolg noch ein besonderer, etwas kitzliger Umstand bei – kitzlig wenigstens im Hinblick auf die Rolle, die der Herr Gemahl der M–me M. dabei spielte. Der Wildfang hatte sich nämlich vorgenommen – und wie ich bemerken muß: zu allseitigem Gaudium oder zum mindesten doch zu dem der goldenen Jugend – wahrhaft unbarmherzig M–r M., immer nur M., anzugreifen, und dies wohl aus verschiedenen Gründen, die in ihren Augen wahrscheinlich alle sehr gewichtig waren. Sie eröffnete im Kampf mit ihm ein richtiges Schnellfeuer von spöttischen Herausforderungen, Seitenhieben und Sarkasmen von der boshaftesten Art, die von allen Seiten so geschlossen, glatt und rund waren, daß man sie nirgends fassen konnte, um sie der gütigen Spenderin zurückzuwerfen, Sarkasmen, denen der Gegner nahezu wehrlos ausgeliefert war, die nie ihr Ziel verfehlten und ihr Opfer, das sich in vergeblichen Anstrengungen erschöpfte, schließlich in die wildeste Wut versetzten und zur komischsten Verzweiflung brachten.

Ich weiß es zwar nicht genau, aber ich glaube doch sagen zu dürfen, daß dieser Zweikampf nicht zufällig entbrannte, sondern von ihr mit Absicht herbeigeführt wurde. Eigentlich begann der verzweifelte Kampf schon bei Tisch. Ich nenne ihn „verzweifelt“, denn M. streckte die Waffen nicht so bald. Er mußte mit Aufbietung seiner ganzen Geistesgegenwart all seinen Scharfsinn und seine allerdings recht geringe Gewandtheit zusammennehmen, um nicht eine Schlappe sondergleichen davonzutragen – um nicht mit Schmach und Schande das Feld räumen zu müssen. Der Kampf verlief unter fast unaufhörlichem Gelächter aller Zeugen und Teilnehmer. Jedenfalls hatte sich das Blatt für ihn an diesem zweiten Tage völlig gewendet und mit dem Beifall, den er am ersten Abend eingeerntet, war es zu Ende. Wie ich und auch andere bemerkten, war M–me M. mehrmals im Begriff, ihrer unvorsichtigen Freundin ins Wort zu fallen. Diese aber schien ihrerseits dem eifersüchtigen Gatten unbedingt eine Narrenkappe aufsetzen oder ihn wenigstens eine lächerliche Rolle spielen lassen zu wollen – etwa diejenige eines Blaubart, wenigstens nach dem zu urteilen, was ich noch behalten habe, und nach der Rolle, die ich selbst durch einen Zufall in dieser Komödie spielen sollte.

Es geschah ganz plötzlich und so unvorhergesehen, daß ich kaum zur Besinnung kam. Ich stand und hörte zu, ohne etwas Böses zu ahnen, und hatte sogar meine Vorsicht vergessen, als ich mich mit einemmal mitten in den Streit hineingezogen sah: sie stellte mich plötzlich als den Todfeind und natürlichen Gegner des M–r M. vor, als den sterblich bis zur Verzweiflung verliebten Anbeter seiner Frau. Mit ihrem Ehrenwort verbürgte sich die Schreckliche für die Wahrheit ihrer Behauptungen, und sie beteuerte hoch und heilig, daß sie die sichersten Beweise besitze, z. B. habe sie noch an diesem Morgen im Walde gesehen ... –

Doch sie konnte den Satz nicht beenden: ich unterbrach sie in dem für mich entscheidenden Augenblick. Aber dieser Augenblick wiederum war von ihr so geschickt abgepaßt, der Knoten war so genial geschürzt und die scherzhafte Lösung so wohl vorbereitet, und dabei alles so unnachahmlich wiedergegeben, daß eine schallende Lachsalve diesen letzten Trumpf begrüßte. Und obschon ich damals gleich erriet, daß die lächerlichste Rolle gar nicht mir zufiel, war ich doch so verwirrt, aufgebracht und erschrocken, daß ich mit Tränen in den Augen, mit dem Schmerz und der Erschütterung der Verzweiflung und Scham mich zwischen den Stühlen im Nu durchgedrängt hatte, mitten im Kreise stand und mit vor Tränen stockender Stimme empört meiner Feindin zurief:

„Und Sie schämen sich nicht ... ganz laut ... und vor allen Damen ... eine solche Unwahrheit zu sagen!? ... Sie gebärden sich wie ein dummes Mädchen ... und das noch dazu vor Männern! Was werden die dazu sagen? Sie sind doch schon groß und ... verheiratet! ...“

Ohrenbetäubender Beifall unterbrach meine kindlichen Vorwürfe. Meine Standrede machte Furore. Es war aber nicht meine Geste, es waren auch nicht die Tränen in meinen Augen, die so erheiternd wirkten, sondern es war vor allem das, daß ich quasi als Verteidiger des M–r M. auftrat, was ein so unbändiges Gelächter hervorrief. In der Erinnerung muß ich jetzt gleichfalls lachen ... Damals aber erstarrte ich beinahe und verlor fast die Besinnung vor Entsetzen über diese Menschen – ich erbebte, bedeckte das Gesicht mit den Händen und stürzte fort, stieß in der Tür mit einem Diener zusammen, dem das Teebrett aus den Händen fiel, und lief wie der Wind nach oben in mein Zimmer. Ich riß den Schlüssel heraus, der von außen in der Tür stak, und schloß mich ein. Das war aber auch mein Glück, denn schon folgte mir eine wilde Jagd: eine halbe Minute später lief eine ganze Bande Sturm gegen meine Tür. Es waren alle unsere jungen Damen: ich hörte ihr Lachen, ihr Geschwätz, tausend Stimmen durcheinander, eine schneller als die andere – wie ein Schwalbenvolk zwitscherten sie durcheinander. Alle, alle ausnahmslos baten sie, flehten sie mich an, die Tür wenigstens auf einen Augenblick zu öffnen; sie schwuren, daß mir nichts Böses widerfahren werde, sie wollten mich nur totküssen, wie sie versicherten. Welche Drohung hätte fürchterlicher sein können? Ich verging vor Scham und preßte das Gesicht in die Kissen und hätte um keinen Preis die Tür geöffnet oder auch nur mit einer Silbe geantwortet. Sie lärmten und bettelten noch lange hinter der Tür, ich aber blieb gefühllos und taub, wie nur ein Elfjähriger sein kann.

Was sollte ich jetzt tun? alles war aufgedeckt, alles verraten, was ich so eifersüchtig geheimgehalten und vor allen Blicken verborgen hatte! ... Ich war für ewig mit Schmach und Schande bedeckt! In Wirklichkeit hätte ich freilich nicht zu sagen gewußt, was ich so ängstlich geheimhalten wollte; immerhin aber hatte ich doch vor der Entdeckung dieses geheimgehaltenen Etwas wie ein Blättchen gezittert. Auch war ich mir bis dahin durchaus nicht klar darüber gewesen, ob es etwas Gutes oder Schlechtes, etwas Rühmliches oder Schmähliches sei. Nun aber kam mir, plötzlich, zu meinem großen Kummer unter Qualen die Erkenntnis, daß dies alles komisch und beschämend war! Mein Instinkt sagte mir zwar gleichzeitig, daß eine solche Auffassung falsch, unnatürlich und roh sei; aber ich war geschlagen, vernichtet; das Denkvermögen, oder vielmehr die Erkenntnisfähigkeit war in mir gleichsam gelähmt und schien sich irgendwie verwickelt und verwirrt zu haben. Es war mir unmöglich, mich gegen dieses Urteil aufzulehnen oder es auch nur gründlich zu untersuchen: ich war wie betäubt und fühlte nur, daß man mein Herz unmenschlich und schamlos verwundet hatte. Ich weinte ohnmächtige Tränen. Zugleich war ich gereizt: machtlose Wut kochte in mir und alsbald stieg sogar Haß auf, den ich zum erstenmal in meinem Leben empfand, denn zum erstenmal in meinem Leben hatte ich ernstes Leid und eine wirkliche Kränkung erfahren. In mir, dem unwissenden Kinde, war das erste noch unbewußte, noch unentwickelte Gefühl mit roher Hand berührt, das erste scheue mädchenhaft zarte Schamgefühl entblößt und entheiligt und der erste und vielleicht sehr ernste ästhetische Eindruck ins Lächerliche gezogen worden. Allerdings konnten die Lacher vieles nicht wissen und meine Qualen nicht voraussehen. Hinzu kam noch ein besonderer Umstand, über den ich mir selbst noch nicht ganz klar geworden war, oder richtiger: den zu untersuchen ich mich bis dahin nicht recht getraut hatte. In Kummer und Verzweiflung blieb ich auf meinem Bett liegen und verbarg das Gesicht in den Kissen. Frostschauer überliefen meinen Körper und ich fieberte. Zwei Fragen quälten mich: was hatte diese nichtsnutzige Blondine am Morgen im Walde zwischen mir und M–me M. gesehen, was hatte sie sehen können? Und die zweite Frage: wie, auf welche Weise, mit welchen Augen konnte ich jetzt noch M–me M. ins Gesicht sehen, ohne auf der Stelle in demselben Augenblick vor Scham und Verzweiflung zu vergehen?

Ein ungewohnter Lärm auf dem Hof weckte mich aus der halben Bewußtlosigkeit, in der ich mich befand. Ich stand auf und trat ans Fenster. Der Hof war voll von Equipagen, Reitpferden, Stallknechten und Kutschern: es sah aus, als wollten alle Gäste uns verlassen. Ein paar Reiter saßen schon auf den Pferden, die übrigen Gäste nahmen in den verschiedenen Wagen Platz ... – Da fiel mir ein, daß wir ja nach dem Nachbardorf fahren sollten und eine gewisse Unruhe erfaßte mich: ich begann, mit den Augen meinen Klepper zu suchen, aber der war nicht zu sehen – folglich hatte man mich vergessen. Da hielt ich es nicht aus und lief Hals über Kopf nach unten, ohne an alle unangenehmen Folgen und den ganzen Vorfall noch weiter zu denken ...

Unten erwartete mich eine vernichtende Nachricht: es gab für mich diesmal weder ein Pferd, noch einen Platz in einem Wagen – alle waren bereits besetzt und ich mußte das Vergnügen anderen abtreten.

Von neuem Leid betroffen blieb ich an der Freitreppe stehen und blickte traurig auf die lange Wagenreihe und die Reiter und Reiterinnen, deren Tiere bereits unruhig tänzelten.

Man wartete nur noch auf einen der Herren, der sich wohl etwas verspätet hatte. Unten vor der Freitreppe stand ein Reitpferd, schäumte ins Gebiß, scharrte mit dem Huf und zuckte bei jeder Kleinigkeit zusammen, wobei es große Lust verriet, sich zu bäumen. Zwei Stallknechte hielten das Tier am Zaum und zugleich sich selbst etwas bänglich nach Möglichkeit außer dem Bereich seiner Hufe, wie denn überhaupt alle in achtungsvoller Entfernung von ihm standen.

Es hatte in der Tat seinen Grund, und einen sehr unangenehmen dazu, weshalb ich nicht mitkonnte. Abgesehen davon, daß noch neue Gäste angekommen waren, die die freien Plätze in den Wagen einnahmen, wollte es das Unglück, daß zwei Reitpferde erkrankten, von denen das eine mein Klepper war. Durch dieses Unglück wurde aber nicht ich allein betroffen: auch für unseren neuen Gast, den blassen, jungen Mann, von dem ich bereits gesprochen, stand kein Reitpferd mehr zur Verfügung. Infolgedessen hatte sich unser Hausherr gezwungen gesehen, seinen wilden, noch nicht ganz zugerittenen jungen Hengst dem Gast anzubieten, wobei er freilich zur Beruhigung seines Gewissens hinzufügte, daß es ein Ding der Unmöglichkeit sei, auf dem Tier zu reiten, und daß er schon längst beschlossen habe, den Hengst wegen seiner Wildheit zu verkaufen, sobald er nur einen Käufer finden würde. Doch der junge Mann erklärte trotz der Warnung, daß er sich im Sattel sicher genug fühle, und im übrigen auch völlig bereit sei, sich gleichviel auf was für einen Pferderücken zu setzen, wenn er nur mitreiten könne. Da schwieg denn der Hausherr – doch wie mir schien, spielte ein etwas zweideutiges verschmitztes Lächeln um seine Lippen: er stand in Erwartung des Reiters, der sich im Sattel so sicher wähnte, auf der Treppe, ließ auch sein Pferd noch warten, rieb sich die Hände und blickte immer wieder nach der Tür. Ähnliche Gedanken wie ihr Herr schienen auch die beiden Stallburschen zu haben, die den Hengst hielten und sehr stolz darauf waren, sich vor soviel Zuschauern als die Bändiger eines wilden Tieres zeigen zu können, das jeden Augenblick einen Menschen totzutrampeln vermochte. In ihren Augen aber schien das verschmitzte Lächeln des Herrn sich widerzuspiegeln und sie guckten gleichfalls immer wieder nach der Tür, in der der kühne Reiter doch bald erscheinen mußte. Übrigens verhielt auch das Tier sich nicht anders, als habe es sich mit seinem Besitzer samt den Stallburschen verabredet: es stand stolz und bis auf weiteres ruhig mit hocherhobenem Kopf da, wie wenn es fühle, daß einige Dutzend neugieriger Blicke auf ihm ruhten, und wie wenn es gerade auf seinen schlechten Ruf stolz sei – tat also ganz so wie mancher unverbesserliche Galgenstrick, der mit seinen Galgenstreichen prahlt. Und es war, als wollte das Tier den Kühnen herausfordern, der es wagen würde, ihm seine Freiheit zu nehmen.

Dieser Kühne erschien endlich. Es war ihm peinlich, daß er die Gesellschaft so lange hatte warten lassen, und indem er sich eilig die Handschuh anzog, stieg er die Stufen hinab und sah erst auf, als er schon die Hand nach dem Pferdehals ausstreckte und ein wildes Bäumen des Tieres, begleitet von einem warnenden Schrei der Zuschauer, ihn verblüfften. Der junge Mann trat einen Schritt zurück und betrachtete verwundert den Hengst, der jetzt am ganzen Körper zitterte, wütend schnaufte und wild die blutunterlaufenen Augen rollte, wobei er sich immer wieder auf die Hinterbeine setzte und die Vorderbeine hob, als wäre er im Begriff, sich im nächsten Augenblick loszureißen und in wilden Sätzen davonzujagen – die Stallburschen womöglich hinter sich herschleifend. Der junge Mann betrachtete ihn immer noch mit einem gewissen Befremden: dann errötete er leicht, wie in einer kleinen Verwirrung – sah auf, sah sich im Kreise um und sah die erschreckten Damen ...

„Es ist ein schönes Tier,“ sagte er, wie zu sich selbst, „und meiner Meinung nach muß es prächtig sein, darauf zu reiten, – aber ... aber wissen Sie was? Ich werde es doch nicht versuchen,“ schloß er, sich mit seinem stillen, freundlichen Lächeln, das seinem guten und klugen Gesicht so vortrefflich stand, an unseren Hausherrn wendend.

„Und dennoch halte ich Sie für einen vorzüglichen Reiter, mein Wort darauf,“ versetzte dieser sichtlich erfreut und drückte unwillkürlich und dankbar seinem Gast die Hand, „eben weil Sie auf den ersten Blick erkannt haben, was für ein Tier es ist,“ fügte er stolz hinzu. „Werden Sie es mir glauben, daß ich, der ich dreiundzwanzig Jahre lang Husar gewesen bin, schon dreimal das Vergnügen hatte, dank seiner Gnaden auf der Erde zu liegen, nämlich genau so oft, wie ich mich auf diesen ... nichtsnutzigen Satan gesetzt habe. – Tankred, he! mein Freund, hier ist man dir nicht gewachsen! Dein Reiter muß offenbar ein zweiter Ilja von Murom[1] sein, der vorläufig noch in seinem uns unbekannten Dorf Karatscharowo sitzt und wartet, bis dir die Zähne ausfallen. Na, führt ihn fort! Wir haben genug von ihm! Habt ihn umsonst herausgeführt!“ rief er den Stallburschen zu und rieb sich wieder selbstzufrieden die Hände.

Ich muß hier bemerken, daß Tankred ihm nicht den geringsten Nutzen brachte und ganz umsonst seinen Hafer fraß. Überdies hatte er, der alte Husar, mit dem Ankauf dieses Pferdes seinen Ruhm als Pferdekenner eingebüßt, da er für dieses Tier, das außer seiner Schönheit gar keinen Wert besaß, eine märchenhafte Summe bezahlt hatte ... Nichtsdestoweniger war er jetzt sehr zufrieden mit dem Tier, das seinen schlimmen Ruf bewährte und sich somit immerhin einen gewissen Ruhm erwarb, gleichviel welcher Art dieser auch war.

„Wie, Sie wollen nicht mit uns reiten?“ rief die Blondine, der es sehr darum zu tun war, daß ihr Cavalier servant gerade diesmal sie begleitete, „haben Sie denn wirklich keinen Mut?“

„Bei Gott, diesmal hab’ ich ihn nicht!“ antwortete der junge Mann lachend.

„Und Sie sagen das im Ernst?“

„So wollen Sie denn wirklich, daß ich mir den Hals breche?“

„So setzen Sie sich schnell auf mein Pferd: fürchten Sie sich nicht, es ist lammfromm. Wir halten nicht auf – im Nu ist umgesattelt! Ich werde es auf Ihrem Pferde versuchen. Tankred kann doch nicht immer so unhöflich sein!“

Gesagt – getan. Sie sprang aus dem Sattel und stand schon vor uns, noch bevor sie zu Ende gesprochen.

„Oh, da kennen Sie meinen Tankred schlecht, wenn Sie glauben, er werde Ihren Damensattel sich auflegen lassen! Und übrigens kann ich auf keinen Fall gestatten, daß Sie sich das Genick brechen – das wäre doch zu jammerschade!“ versetzte unser Hausherr seiner Gewohnheit gemäß mit affektierter Galanterie, die seiner Ansicht nach, gepaart mit einer gewissen Derbheit, wenn nicht mitunter gar verfänglichen Ungeniertheit, den alten Soldaten und „guten Kerl“ markierte, der, wie er sich einbildete, besonders den Damen gefallen müsse. Das war nun einmal eine seiner Marotten, die wir alle kannten.

„Na, du, Schreihals – willst du’s nicht versuchen? Du wolltest doch so gern mitkommen,“ wandte sich die unerschrockene Reiterin plötzlich an mich, auf Tankred deutend. Sie meinte es mit ihrem Vorschlag wohl selber nicht sonderlich ernst, sondern sprach ihn nur aus, um nicht so ganz ohne weiteres das eigene Reitpferd wieder besteigen zu müssen, nachdem sie nun doch schon unnütz abgesprungen war, und ferner, um auch mich nicht „ungerupft“ zu lassen, der ich so vorwitzig gewesen war, mich wieder vor ihr zu zeigen.

„Du bist gewiß nicht so, wie ... na, wozu Namen nennen – wie ein bekannter Held, und wirst dich nicht schämen, den Mut zu verlieren ... noch dazu, wenn ‚man‘ dir zuschaut, schöner Page,“ fügte sie hinzu, mit einem flüchtigen Blick auf M–me M., deren Wagen der Treppe am nächsten hielt.

Haß und Rachedurst hatten mein Herz erfüllt, als sie, in der Absicht, Tankred gegen ihr Reitpferd einzutauschen, zu uns getreten war ... Wie aber soll ich das wiedergeben, was ich bei dieser plötzlichen Herausforderung empfand? Es wurde dunkel vor meinen Augen, als ich den Blick bemerkte, den sie M–me M. zuwarf. Wie ein Blitz durchzuckte mich die Idee ... ja, in einer Sekunde, in dem Bruchteil einer Sekunde, war die Idee schon Wille geworden ... Ihr Blick wirkte auf mich wie ein Funke auf ein Pulverfaß – oder war das Maß schon so zum Überlaufen voll, daß ich bei diesem letzten Tropfen plötzlich wie mit einem Schlage wieder ich selbst war und alles sich in mir aufbäumte – daß ich mit einer einzigen Tat alle meine Feinde schlagen und mich vor allen Zeugen an ihnen rächen wollte, indem ich zeigte, was für ein Held ich sei? Oder war es vielleicht das, daß jemand mir in diesem Augenblick, von dem ich noch nichts wußte, ein Stück Mittelalter durch irgendein Wunder oder eine Zauberei offenbarte und ich in meinem erhitzten Kopfe Turniere, Paladine, Knappen, schöne Edelfrauen, brechende Lanzen sah und Schwertergeklirr, Geschrei und Beifallruf der Menge hörte und zwischen all dem den schüchternen Schrei eines erschrockenen Herzens, der dem Stolzen auf dem Kampfplatz süßer klingt als alle Siegesfanfaren? ... Nein, ich weiß wirklich nicht, ob dieser Unsinn mir schon damals den Kopf verwirrte, oder ob ich, wie mir scheint, nichts anderes dachte und fühlte, als daß meine Stunde geschlagen hatte! Mein Herz stand still, und dann gab ich mir einen Ruck und mit einem Sprunge war ich von der Treppe und stand neben Tankred.

„Ach, Sie glauben, ich fürchte mich?“ rief ich frech und stolz zugleich, in einer Erregung, die mir die Sinne benahm und das Blut ins Gesicht trieb. „Dann sollen Sie sehen!“ ... Und noch bevor jemand mich zurückhalten konnte, hatte ich schon eine Hand in Tankreds Mähne und einen Fuß im Steigbügel: Tankred bäumte sich, warf wild den Kopf in die Luft, riß sich mit einem Ruck und Satz von den Stallknechten los und raste vom Hof – ein Schrei des Entsetzens entrang sich allen Zuschauern.

Gott weiß, wie es mir gelang, im Fluge noch den anderen Steigbügel zu finden; ebensowenig begreife ich, wie ich nicht den Zaum verlor. Tankred raste mit mir durch das offene Gittertor, bog scharf nach rechts zur Seite und jagte mit hochgestrecktem Kopf blindlings längs dem Gitterzaun weiter. Erst in diesem Augenblick hörte ich hinter mir das Geschrei der fünfzig Stimmen: und dieser Schrei erweckte in meiner Brust soviel Freude und Stolz, daß ich diesen verrückten Augenblick meiner Kindheit nie vergessen werde. Das Blut stieg mir zu Kopf und betäubte, erstickte meine Angst. Ich war mir meiner selbst nicht bewußt. Übrigens hatte das alles, soweit ich mich erinnere, wirklich etwas Ritterliches.

Indessen begann und endete mein Rittertum in kaum einer Minute – anderenfalls wäre es dem Ritter auch sehr schlecht bekommen. Und auch so verdanke ich meine Rettung nur einem Wunder. Zu reiten verstand ich freilich, aber mein gewohnter Klepper erinnerte doch weit eher an ein Lamm als an ein Reitpferd. Selbstverständlich wäre ich von Tankred aus dem Sattel geworfen worden, wenn er dazu nur Zeit gehabt hätte. Am Ende des Hofzaunes scheute er aber vor einem großen Stein am Wege, bäumte sich und warf sich so wild herum, daß es mir noch jetzt ein Rätsel ist, wie ich im Sattel blieb und nicht wie ein Ball drei Klafter weit zu Boden flog, um zerschmettert liegen zu bleiben, und wie Tankred selbst bei dieser plötzlichen wilden Wendung sich nicht einfach überschlug. So aber jagte er zurück zum Gittertor, schüttelte wild den Kopf, warf die Beine scheinbar wie sie wollten in die Luft und schien mit jedem Satz und Seitensprung nur eines zu wollen: mich abzuschütteln, als wäre ich ein Tiger, der ihm auf den Rücken gesprungen und sich mit allen Zähnen und Pranken in sein Fleisch einkrallte. Noch ein Augenblick – und ich wäre geflogen –! Doch schon sprengten mehrere Reiter zu meiner Rettung herbei. Zwei von ihnen versperrten den Weg, zwei andere drängten ihre Tiere so dicht heran, daß sie mir fast die Beine zerdrückten, und schon hielten sie Tankred fest am Zaum. In wenigen Augenblicken waren wir wieder vor der Freitreppe.

Ich wurde aus dem Sattel gehoben, bleich und an allen Gliedern zitternd. Tankred stand unbeweglich mit sich hebenden und senkenden Flanken, mit bebenden roten Nüstern und schnaufendem Atem; dabei zitterten alle seine Nerven wie vor Wut und Empörung über die ungestrafte Frechheit eines Kindes, das ihn so beleidigt hatte! Ringsum ertönten noch immer Ausrufe der Angst und des Schrecks und der Verwunderung.

Da begegnete mein irrender Blick dem der M–me M., die erregt und bleich aussah, und – nie werde ich diesen Augenblick vergessen! – in dem Augenblick wurde ich feuerrot. Ich weiß nicht, was in mir vorging, aber verwirrt und erschreckt durch eine neue Empfindung senkte ich beschämt den Blick zu Boden. Doch mein Blick war bemerkt, war aufgefangen, war mir wieder gestohlen worden! Aller Augen wandten sich M–me M. zu, und als diese so plötzlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, erschrak sie und errötete plötzlich selbst wie ein Kind, gleichsam infolge einer Empfindung, die gegen ihren Willen über sie kam, obgleich sie sich ganz unschuldig fühlte. Und in ihrer Verlegenheit zwang sie sich zu einem Lachen ... Doch half ihr auch das nicht, ihr Erröten zu verbergen ...

Alles dies hätte einem unbeteiligten Beobachter natürlich sehr komisch erscheinen müssen – aber da bewahrte mich ein höchst naiver und unerwarteter neuer Ausfall der Ungezogenen vor dem allgemeinen Gelächter, indem er den ganzen Zwischenfall in ein besonderes Licht rückte. Sie, die mich zu meiner Tollkühnheit herausgefordert hatte und die ganze Zeit über mein unversöhnlichster Feind gewesen war, stürzte plötzlich zu mir, umschlang mich mit beiden Armen und bedeckte mich mit Küssen. Sie hatte ihren Augen nicht getraut, als ich ihre Herausforderung annahm und den Handschuh aufhob, den sie mir mit ihrem Blick auf M–me M. zuwarf. Und als ich auf Tankred dahinjagte, da war sie vor Angst und Gewissensbissen schier ohnmächtig geworden. Jetzt aber, nachdem alles überstanden war und sie wie alle anderen meinen Blick auf M–me M. bemerkte, dazu meine Verwirrung und mein plötzliches Erröten wahrnahm – jetzt, da sie dem Vorfall mit einer romantischen Deutung einen ganz anderen Sinn beilegen konnte – jetzt geriet sie in solches Entzücken ob meiner „Rittertat“, daß sie zu mir eilte und mich in ihre Arme schloß, gerührt, stolz, begeistert! Einen Augenblick später richtete sie sich schnell auf und wandte den übrigen, die sich um uns drängten, ihr Gesicht mit der ernsthaftesten Miene zu, in der unendlich viel kindlich naiver Stolz lag, und sagte, indes zwei kristallklare Tränen an ihren Wimpern hingen, mit einer so ernsten, wichtigen Stimme, wie ich sie von ihr noch nie gehört hatte:

Mais c’est très sérieux, messieurs, ne riez pas!“ Und sie deutete auf mich, ohne zu gewahren, daß alle wie bezaubert vor ihr standen und nur sie ansahen. Diese ihre unerwartete schnelle Bewegung, ihr ernstes liebes Gesicht, ihre offenherzige Naivität und diese aufrichtigen Tränen in ihren ewig lachenden Augen – alles das erschien ihnen als ein so unerwartetes Wunder, daß alle sie ansahen, wie gebannt durch diesen Zauber ihrer Leidenschaftlichkeit, ihres Blickes und ihrer Stimme. Niemand konnte die Augen von ihr abwenden, so schön war sie in ihrer Rührung und Begeisterung. Sogar unser alter Hausherr wurde rot wie eine Tulpe. Und wie man später behauptete, soll er gesagt haben: „Zu seiner Schande müsse er gestehen, daß er mindestens eine ganze Minute lang in seinen schönen Gast verliebt gewesen sei.“ Ich aber war jetzt natürlich ein Ritter, war ein Held!

„Delorges! Toggenburg!“ ertönte es aus dem Kreise.

Viele applaudierten.

„Ja, ja, die junge Generation!“ bemerkte unser Hausherr.

„Aber jetzt kommt er mit, jetzt muß er unbedingt mit uns mitkommen!“ rief die Blondine schnell, „wir müssen ihm einen Platz verschaffen! Oder er setzt sich zu mir aufs Pferd, auf meinen Schoß ... ach, nein, nein! Das geht ja nicht!“ ... unterbrach sie sich, auflachend, und konnte dabei ihr Lachen nicht bezwingen bei der Erinnerung an unsere erste Bekanntschaft. Doch während sie lachte, streichelte sie zärtlich meine Hand, sichtlich von Herzen bemüht, meine Freundschaft zu gewinnen und die Kränkung vergessen zu machen.

„Unbedingt! Unbedingt!“ riefen gleich mehrere Stimmen, „den Platz hat er sich erobert!“