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Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held cover

Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Chapter 8: II.
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About This Book

The collection gathers four novellas that focus on children and youthful consciousness, juxtaposing public festivity and private feeling. One tale follows a young boy at a lively country estate, where social gaiety contrasts with moments of embarrassment, secret longing, and early self-awareness; another depicts domestic celebrations and the uneasy currents beneath them; a large unfinished fragment traces a girl's developing identity with intense psychological observation; the final story portrays a destitute child's hardships with sympathetic realism. Together the pieces probe childhood alienation amid adult display, the workings of memory and shame, and moral sensitivity rendered through vivid social detail.

II.

Meine Erinnerung an meine Kindheit reicht nicht sehr weit zurück, eigentlich nur bis zu meinem zehnten Jahr. Ich weiß nicht, wie es zu erklären ist, daß alles, was ich bis dahin erlebt habe, keinen einzigen klaren Eindruck in mir hinterlassen hat, an den ich mich jetzt noch erinnern könnte. Aber ungefähr von der Mitte meines neunten Jahres an, da erinnere ich mich des Erlebten fast Tag für Tag: es ist wie eine laufende Kette von Erinnerungen, ganz als wäre das alles erst gestern geschehen ... Allerdings kann ich mich auch noch einiger früherer Erlebnisse entsinnen, aber doch nur wie im Traum. So erinnere ich mich z. B. des immer brennenden Lämpchens in der dunklen Ecke vor einem altertümlichen Heiligenbilde; dann, wie ich einmal auf der Straße einem Pferde unter die Beine geriet, worauf ich, wie man mir später erzählt hat, drei Monate lang krank gelegen habe; ferner, wie ich während dieser Krankheit einmal in der Nacht neben meiner Mutter, in deren Bett ich schlief, plötzlich im Traum aufschrak und vom Schreck erwachte, und wie ich mich dann vor der nächtlichen Stille und Dunkelheit und den in der Ecke raschelnden und knabbernden Mäusen fürchtete; Ich zitterte die ganze Nacht vor Angst, ich zog mir sogar die Decke über den Kopf, aber ich wagte trotzdem nicht, meine Mutter zu wecken, woraus ich schließe, daß meine Furcht vor ihr noch größer war als vor den Mäusen und der Dunkelheit. Aber von der Stunde an, wo plötzlich das Bewußtsein in mir erwachte, entwickelte ich mich schnell, wider Erwarten schnell, und viele nichts weniger als kindliche Geschehnisse wurden mir mit einemmal in geradezu unheimlicher Weise faßbar. Alles klärte sich vor mir auf, alles wurde mir in kürzester Zeit verständlich. Und diese Zeit, in der ich bewußt zu leben anfing, an die ich mich, im Gegensatz zu den vorhergegangenen Jahren, mit ungewöhnlicher Deutlichkeit erinnere, hat in mir einen tiefen und traurigen Eindruck hinterlassen. Dieser Eindruck wiederholte sich dann jeden Tag und wuchs mit jedem Tag; er verlieh der ganzen Zeit meines Zusammenlebens mit meinen Eltern und somit meiner ganzen Kindheit eine dunkle und eigenartige Farbe.

Jetzt scheint es mir, daß ich damals ganz plötzlich wie aus einem tiefen Traum erwachte (obschon dies mir, als es geschah, natürlich gar nicht weiter auffiel). Ich fand mich in einem großen Zimmer mit einer niedrigen Decke. Es war unsauber und die Luft darin dumpf. Die getünchten Wände waren von schmutziggrüner Farbe, in einer Ecke stand ein riesiger russischer Ofen. Durch die Fenster sah man auf die Straße, oder richtiger auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses, und diese Fenster waren breit und niedrig, fast nur wie horizontale Spalten in der Wand. Die Fensterbretter waren so hoch vom Fußboden, daß ich auf einen Stuhl und eine Fußbank klettern mußte, um mich, und auch noch immer mit Mühe, auf meinen Lieblingsplatz hinaufschwingen zu können – wenn niemand zu Hause war, der es mir verbot. Aus unserer Wohnung konnte man fast die halbe Stadt sehen, denn wir wohnten unter dem Dach in einem sechsstöckigen, sehr, sehr großen Hause. Unsere ganze Einrichtung bestand aus der Ruine eines alten zerrissenen Ledersofas, das ganz verstaubt war und aus dem überall der Bast der Polsterung hervorsah, ferner einem einfachen, ungestrichenen Tisch, zwei Stühlen, einem Bett, in dem meine Mutter schlief, einem Schränkchen in der Ecke, einer Kommode, die immer schief stand, und einem zerrissenen papierenen Wandschirm.

Ich erinnere mich, es war einmal in der Dämmerung: das ganze Zimmer befand sich in Unordnung, auf der Diele lag alles durcheinander, Bürsten und Lappen, unser hölzernes Eßgeschirr, eine zerschlagene Flasche und ich weiß nicht was noch. Ich erinnere mich, meine Mutter war sehr aufgeregt und aus irgendeinem Grunde weinte sie. Mein Stiefvater saß in der Ecke, wie immer in einem zerrissenen Rock. Er antwortete ihr irgend etwas, antwortete unter einem höhnischen Auflachen, was meine Mutter noch mehr ärgerte, und dann flogen wieder Bürsten und Teller auf den Boden. Ich begann zu weinen und zu schreien und stürzte zu ihnen beiden. Ich war entsetzlich erschrocken und umklammerte wie verzweifelt meinen Vater, um ihn mit meinem Körper zu schützen. Gott mag wissen, weshalb es mir schien, daß der Ärger meiner Mutter grundlos und mein Vater unschuldig sei. Ich wollte für ihn um Verzeihung bitten, gleichviel was für eine Strafe an seiner Stelle auf mich nehmen. Ich fürchtete mich entsetzlich vor meiner Mutter und glaubte, daß alle sie ebenso fürchteten. Meine Mutter sah mich im ersten Augenblick ganz verwundert an, dann faßte sie mich an der Hand und zog mich hinter den Schirm. Ich beschädigte meine Hand am Bett – es schmerzte sehr –, aber der Schreck war doch größer als der Schmerz, und ich wagte nicht mal zu mucksen. Ich weiß noch, meine Mutter machte darauf meinem Vater bittere Vorwürfe, indem sie auf mich deutete. (Übrigens nenne ich ihn hier meinen Vater, obgleich er doch nur mein Stiefvater war, aber ich habe es erst viel später erfahren, daß zwischen uns überhaupt keine Verwandtschaft bestand.) Diese ganze Szene dauerte etwa zwei Stunden und zitternd vor Spannung bemühte ich mich, zu erraten, womit das alles enden werde. Endlich verstummte der Streit und die Mutter ging irgendwohin fort. Da rief mich der Vater zu sich, küßte mich, streichelte mein Haar, nahm mich auf den Schoß und ich schmiegte mich fest und süß an seine Brust. Es war die erste väterliche Zärtlichkeit, die ich empfand, und vielleicht kann ich mich deshalb von der Zeit an so gut alles Erlebten erinnern. Auch begriff ich, daß ich mir diese Liebe des Vaters durch meine Parteinahme für ihn verdient hatte, und da kam mir, ich glaube, zum erstenmal der Gedanke, daß er von der Mutter viel zu erdulden und viel Leid zu ertragen habe. Seit der Zeit konnte ich mich von dieser Vorstellung nicht mehr befreien und mit jedem Tag erregte und empörte sie mich mehr.

In jener Stunde erwachte in mir eine grenzenlose Liebe zum Vater, aber es war eine wunderliche, gleichsam gar nicht kindliche Liebe. Ich würde sagen, daß es eher ein gewisses mitleidvolles mütterliches Gefühl war, wenn eine solche Bezeichnung nicht komisch wäre – für ein Kind! Der Vater erschien mir immer dermaßen bedauernswert, so ungerecht verfolgt, so tyrannisiert, kurz, ich sah in ihm einen solchen Märtyrer, daß es für mich etwas ganz Unmögliches gewesen wäre, ihn nicht bis zur Besinnungslosigkeit zu lieben, zu trösten, nicht zärtlich zu ihm zu sein, mich nicht aus allen Kräften zu bemühen, für ihn zu sorgen und ihm Gutes zu tun. Ich verstehe bis jetzt noch nicht, woher mir gerade das in den Kopf gekommen sein mag, daß er ein solcher Märtyrer, ein so unglücklicher Mensch sei! Wer hat mir das eingegeben? Wie konnte ich, ein Kind, von seinen persönlichen Mißerfolgen und Enttäuschungen überhaupt etwas verstehen? Und doch verstand ich sie, wenn ich mir auch alles nach meiner Art zurechtlegte. Aber vorzustellen vermag ich mir trotzdem nicht, wie ich zu einer solchen Auffassung gelangen konnte. Vielleicht kam das daher, daß meine Mutter gar zu streng mit mir umging, weshalb ich mich denn an den Vater hielt, als an einen Menschen, der, wie ich glaubte, ebenso ungerecht von ihr behandelt wurde und in dem ich deshalb meinen Leidensgenossen sah.

Ich erzählte bereits von meinem ersten Erwachen aus dem Kindheitsschlaf, von meiner ersten Regung in einem bewußten Leben. Mein Herz war von dem Augenblick an verwundet, meine Entwicklung setzte ein und vollzog sich mit unglaublicher, sich überhastender, ermüdender Schnelligkeit. Jetzt konnte ich mich nicht mehr mit bloßen äußeren Eindrücken zufriedengeben. Ich begann nachzudenken, zu überlegen, zu beobachten; aber dieses Beobachten geschah meinerseits so unnatürlich früh, daß mein Verstand nicht umhin konnte, alles nach eigenen Begriffen und Vorstellungen sich zurechtzulegen, und so befand ich mich denn plötzlich in einer anderen nur mir eigenen Welt. Alles um mich herum wurde immer ähnlicher jenem Wundermärchen, das der Vater mir oft erzählt hatte und das ich damals natürlich für lauterste Wahrheit hielt. So entstanden in mir seltsame Vorstellungen. Ich begriff sehr gut – aber wie das geschah, vermag ich nicht zu sagen –, daß ich in einer sonderbaren Familie lebte und daß meine Eltern irgendwie ganz und gar nicht den anderen Menschen glichen, die ich in dieser Zeit kennen lernte. Ich fragte mich, weshalb sind die anderen Menschen, die ich sehe, meinen Eltern auch äußerlich so unähnlich? Weshalb sah ich andere lachen und warum fiel es mir plötzlich auf, daß in unserem Winkel niemals gelacht wurde und niemand sich freute? Welche Macht zwang mich, das neunjährige Kind, so aufmerksam meine Umgebung zu beobachten und auf jedes Wort zu achten, das ich zufällig von den Leuten vernahm, die mir auf der Treppe oder auf der Straße begegneten, wenn ich abends meine Lumpen mit der alten Jacke meiner Mutter bedeckte, um in den nächsten Krämerladen zu gehen und für einige wenige Kupferlinge Zucker, Tee oder Brot zu kaufen? Ich begriff, und ich weiß nicht wie, daß in unserem Winkel irgendein ewiger Kummer, ein unerträgliches Leid herrschte. Ich zerbrach mir den Kopf, um zu erraten, warum das so war, und ich weiß nicht, wer mir dabei half, das Rätsel auf meine Art zu deuten: ich beschuldigte meine Mutter, ich hielt sie für die Todfeindin meines Vaters, aber ich wiederhole – ich verstehe es selber nicht, wie eine so ungeheuerliche Auffassung in meiner Phantasie entstehen konnte. Und je mehr ich mich dem Vater anschloß, um so mehr mußte ich meine arme Mutter hassen. Die Erinnerung an all das quält mich noch jetzt schmerzlich. Doch da gab es noch einen anderen Zwischenfall, der noch mehr als jener erste meine seltsame Annäherung an den Vater bewirkte.

Einmal, es war gegen zehn Uhr abends, schickte mich meine Mutter in den Laden nach Hefe. Der Vater war nicht zu Hause. Auf dem Rückwege stolperte ich versehentlich und fiel hin, mitten auf dem Trottoir, und verschüttete den ganzen Inhalt der Tasse. Mein erster Gedanke war, wie sehr sich die Mutter ärgern werde. Da fühlte ich einen schrecklichen Schmerz im linken Arm, und zugleich merkte ich, daß ich mich nicht aufrichten konnte. Die Menschen blieben stehen. Ein altes Frauchen versuchte, mich aufzuheben, ein Knabe aber, der vorüberlief, schlug mit einem Schlüssel auf meinen Kopf. Endlich wurde ich wieder auf die Füße gestellt, ich hob die Scherben der zerschlagenen Tasse auf und ging wankend weiter, kaum fähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Plötzlich sah ich den Vater. Er stand in der Volksmenge vor einem schönen Hause, das dem unsrigen gegenüberlag. Dieses Haus gehörte irgendwelchen vornehmen Leuten und war an jenem Abend herrlich erleuchtet. Vor dem Portal standen viele Equipagen und aus dem Inneren hörte man Orchestermusik. Ich faßte den Vater am Rockschoß, zeigte ihm die zerschlagene Tasse und sagte unter Tränen, daß ich vor Angst nicht wagte, zur Mutter zu gehen. Ich war plötzlich ohne weiteres überzeugt, daß er mich beschützen werde. Aber weshalb ich davon überzeugt war und wer es mir gesagt oder mich sonst irgendwie darauf gebracht hatte, daß ich von ihm mehr geliebt wurde, als von meiner Mutter, das weiß ich nicht. Warum ging ich zu ihm ganz furchtlos, während ich mich vor der Mutter aus lauter Furcht nicht zu zeigen wagte? Er nahm mich an der Hand, tröstete mich, und dann sagte er, er wolle mir etwas Schönes zeigen, und er hob mich auf und nahm mich auf den Arm. Ich konnte freilich nichts sehen vor Schmerz, denn er hatte meinen Arm gerade an der Stelle angefaßt, wo ich ihn mir beim Fall verletzt hatte, und das tat entsetzlich weh, aber ich schrie nicht, nur um ihn nicht zu beunruhigen. Er fragte mich mehrmals, ob ich etwas sähe. Und ich bemühte mich mit allen Fibern, ihm so zu antworten, daß es ihm recht wäre, und ich sagte, ich sähe rote Vorhänge hinter den Fenstern. Als er mich aber über die Straße auf das andere Trottoir tragen wollte, näher zum Hause, da fing ich plötzlich an zu weinen – ich weiß nicht, weshalb – umarmte seinen Hals und bat ihn, schneller nach Haus zur Mutter zu gehen. Ich weiß noch, seine Zärtlichkeit bedrückte mich und ich konnte es nicht mehr ertragen, daß der eine von ihnen, der Vater, – während ich doch beide so lieben wollte – gut und lieb zu mir war, und ich zur anderen, zur Mutter nicht zu gehen mich getraute und mich vor ihr nur fürchtete. Sie war übrigens fast gar nicht böse und sagte nur, ich solle schlafen gehen. Ich weiß noch, der Schmerz im Arm wurde immer heftiger, ich begann zu fiebern, doch war ich trotzdem ganz besonders glücklich und froh darüber, daß alles so gut verlaufen, und die ganze Nacht träumte mir von dem Hause gegenüber und von den schönen roten Vorhängen.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, meine erste Sorge das Haus mit den roten Vorhängen. Kaum hatte die Mutter das Zimmer verlassen, da kletterte ich gleich auf das Fensterbrett, um das schöne Haus zu betrachten. Eigentlich hatte dieses Haus auch früher schon meine kindliche Neugier erregt. Am besten gefiel es mir abends, wenn auf der Straße die Laternen angezündet wurden und wenn dann aus dem Hause und in einem nahezu blutigen Licht die purpurroten Gardinen hinter den großen Scheiben zu leuchten begannen. Vor dem Portal hielten meist vornehme Equipagen, oder die Leute kamen gerade mit schönen, stolzen Pferden angefahren, und alles das fesselte mich sehr: das Geräusch und das Rufen der Kutscher und Diener, das ganze Hin und Her vor dem Hause und die farbigen Laternen an den Wagen und die geputzten Damen, die dann ausstiegen. Das ganze wurde in meiner kindlichen Phantasie zu etwas kaiserlich Großartigem und märchenhaft Wundervollem. Und gar nach meiner Begegnung mit dem Vater vor diesem reichen Hause, da wurde es in meinen Augen noch einmal so schon und beachtenswert. Nun entstanden in meiner erwachten Phantasie seltsame Vorstellungen und Vermutungen. Es ist wohl auch kein Wunder, daß ich unter so eigentümlichen Menschen, wie meine Eltern waren, gleichfalls zu einem eigentümlichen, zu einem leidenschaftlich phantastischen Kinde wurde. Was mich ganz besonders betroffen machte, war der Kontrast der Charaktere meiner Eltern. So z. B. wunderte es mich, daß die Mutter sich beständig um unsere armselige Wirtschaft sorgte und mühte und fortwährend dem Vater darüber Vorwürfe machte, daß sie allein für alle arbeiten und alle ernähren müsse, – ich fragte mich deshalb unwillkürlich, warum denn der Vater ihr gar nicht half, warum er fast wie ein Fremder bei uns wohnte? Einzelne Worte meiner Mutter gaben mir hierüber eine gewisse Aufklärung. So vernahm ich mit Verwunderung, daß Papa ein Künstler sei (dieses Wort merkte ich mir sogleich), ein Mensch mit einem großen Talent. Meine Vorstellungskraft schuf nun sofort den Begriff für das neue Wort, eben daß ein „Künstler“ etwas ganz Besonderes, jedenfalls ein außergewöhnlicher Mensch, also etwas ganz anderes als die übrigen Menschen sein müsse. Vielleicht war es zum Teil auch das Verhalten meines Vaters, das gerade diese Auffassung begünstigte; oder vielleicht hatte ich auch vorher schon das eine oder das andere gehört, was ich jetzt vergessen habe. Seltsam verständlich war mir der Sinn der Worte, die der Vater einmal in meiner Gegenwart mit einem ganz besonderen Gefühl sagte: „Es werde eine Zeit kommen, wo auch er nicht mehr arm, sondern gleichfalls ein reicher Herr sein werde, und erst wenn die Mutter gestorben sei, würde er endlich aufleben.“

Ich weiß noch, ich erschrak entsetzlich, als ich diese Worte hörte. Mein Schreck und Entsetzen waren so groß, daß ich nicht im Zimmer bleiben konnte und auf unseren kalten Flur hinauslief, wo ich in Tränen ausbrach: und ich weinte dort herzbrechend, die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Dann aber, als ich fortwährend darüber nachdachte und mich allmählich an diese schreckliche Hoffnung des Vaters gewöhnte – kam mir bald meine eigene Phantasie zu Hilfe. Wenigstens ertrug ich diese Qual der Ungewißheit nicht lange und mußte wohl naturgemäß zu irgendeiner Vermutung gekommen sein. Und da – ich weiß nicht, wie es anfing, aber zu guter Letzt glaubte ich wirklich, daß der Vater, wenn erst die Mutter gestorben sei, alsbald diese langweilige Wohnung verlassen und mit mir irgendwohin fortziehen werde. Aber wohin? – das konnte ich mir auch bis zuletzt nicht klar vorstellen. Ich erinnere mich nur, daß alles, womit ich jenen Ort, wohin wir beide gehen würden (daß wir zwei unbedingt zusammen gehen würden, stand für mich außer Frage), schmücken konnte, daß alles, was ich mir an Schönheit und Glanz und Großartigkeit vorzustellen vermochte – daß all das Verwendung in meinen Träumen von jener Zukunft fand. Ich glaubte, wir würden dann sofort reich sein und ich brauchte nicht mehr in den kleinen Laden zu gehen, um für die Mutter etwas zu besorgen, was mir immer sehr schwer fiel, da die Kinder aus dem Nachbarhause mich nie in Ruhe ließen, sobald ich aus dem Hause trat – und davor fürchtete ich mich sehr, namentlich wenn ich Milch trug oder Eier, denn ich wußte, daß ich fürs Verschütten oder Zerschlagen strenge Strafe zu erwarten hatte. Und dann malte ich mir aus, wie der Vater sich sogleich schöne Kleider bestellen und wir in ein glänzendes Haus ziehen würden, und da – da kam nun jenes reiche Haus mit den roten Vorhängen, meine Begegnung mit dem Vater vor demselben und der Umstand, daß er mir dort etwas zeigen wollte, meiner Phantasie sehr zu Hilfe. In meinen Zukunftsträumen war es ganz selbstverständlich, daß wir gerade in dieses Haus zogen, um dort wie in ewiger Seligkeit zu leben. Seit der Zeit sah ich täglich, namentlich abends, mit angespannter Neugier und Teilnahme aus unserem Fenster nach diesem für mich gleichsam verzauberten Hause, dachte an die Vorfahrt der Equipagen an jenem Abend und an die Gäste in den festlichen Gewändern, wie ich sie vorher noch nie gesehen. Und dann bildete ich mir ein, wieder die weichen Töne der Musik zu hören, die gedämpft aus dem Hause drang, und ich beobachtete die Schattenbilder der Gestalten, die sich auf den Vorhängen bewegten, und ich bemühte mich, zu erraten, was dort hinter den Fenstern vorging, – und immer schien es mir, daß dort das Paradies sei und ein ewiger Feiertag. Ich fing an, unsere armselige Dachstube und die zerlumpten Kleider, die ich trug, zu hassen. Und als einmal die Mutter mich schalt und mir befahl, vom Fensterbrett herabzuklettern, wo ich gerade wie gewöhnlich saß, da kam mir sogleich der Gedanke, sie sei eifersüchtig und wünsche nicht, daß ich dieses Haus betrachtete oder an dasselbe auch nur dachte, unser Glück sei ihr unangenehm und deshalb wolle sie es hintertreiben, wenigstens so lange, wie sie noch lebte ... Und den ganzen Abend beobachtete ich sie mißtrauisch.

Wie konnte mein Herz sich nur so verstocken gegen ein so armes, unglückliches Wesen, wie es meine Mutter war! Jetzt erst begreife ich die ganze Qual ihres Lebens und kann nicht ohne stechenden Schmerz im Herzen an ihr Martyrium denken. Ja selbst damals schon, in jener dunkeln Zeit meiner wunderlichen Kindheit, während meiner unnatürlich schnellen Entwicklung, krampfte sich mein Herz oft zusammen vor Schmerz und Mitleid – und Unruhe, Verwirrung und Zweifel drängten sich in meine Seele. Auch damals schon lehnte sich mein Gewissen gegen mich selbst auf und ich empfand es sehr wohl, daß ich ungerecht gegen sie war. Aber es war, als scheuten und mieden wir einander. Ich entsinne mich nicht, jemals zärtlich zu ihr gewesen zu sein. Jetzt sind es oft die geringfügigsten Erinnerungen, die meine Seele nachträglich erschüttern und martern. Einmal, ich weiß noch (natürlich ist das, was ich jetzt erzählen werde, nichtig, fast belanglos, aber gerade solche Erinnerungen quälen mich nun am meisten und haben sich am tiefsten meinem Gedächtnis eingeprägt), – einmal, an einem Abend, als der Vater nicht zu Hause war, wollte die Mutter mich in den kleinen Laden schicken, um für sie etwas Tee und Zucker zu kaufen. Aber sie dachte lange nach und konnte sich immer nicht entschließen und zählte halblaut die Kupferstücke – ein Bettelsümmchen, über das sie noch verfügen konnte. Sie zählte und rechnete, wenn ich nicht irre, wohl eine halbe Stunde lang und konnte doch nicht die Rechnung beenden. Zudem verfiel sie in manchen Augenblicken, wahrscheinlich vom Leid, gleichsam in einen Zustand vollkommener Gedankenversunkenheit. Als sähe ich sie vor mir, so deutlich erinnere ich mich, wie sie vor sich hin sprach, langsam, dazu die Geldstücke einzeln zählend, als wäre jedes Wort ein wichtiges Ding. Ihre Wangen und Lippen waren blaß, ihre Hände zitterten beständig und wenn sie allein dasaß und nachdachte, dann bewegte sie immer den Kopf dazu.

„Nein, nicht nötig,“ sagte sie endlich mit einem Blick auf mich, „ich werde lieber zu Bett gehen und schlafen. Wie? Willst du schlafen, Njetotschka?“ Ich schwieg; da hob sie ein wenig mein Kinn und sah mich so still und freundlich an, und ihr trauriges Antlitz klärte sich auf und verklärte sich in einem so mütterlichen und stillen Lächeln, daß mein Herz weich wurde und zu pochen begann. Überdies hatte sie mich „Njetotschka“ genannt, was bedeutete, daß sie mich in diesem Augenblick besonders lieb hatte. Diese Koseform meines Namens hatte sie selbst erfunden, indem sie meinen eigentlichen Namen Anna in ihn umwandelte. Wenn sie mich so nannte, „Njetotschka“, dann wußte ich, daß sie damit zärtlich zu mir sein wollte. Das rührte mich: ich hätte sie umarmen, mich an sie schmiegen, zusammen mit ihr weinen mögen. Sie, die Arme, streichelte dann lange meinen Kopf – vielleicht schon ganz mechanisch, ohne daran zu denken, daß sie mich streichelte, und dazu sagte sie immer: „Mein Kind, Annjeta, Njetotschka!“ Tränen wollten mir über die Wangen rollen, aber ich nahm mich krampfhaft zusammen und beherrschte mich. Ich widersetzte mich gewissermaßen sogar ihrer Zärtlichkeit, indem ich ihr gegenüber nicht das geringste Empfinden äußerte, obschon ich mich damit selber quälte. Nein, diese Verstocktheit konnte nichts Natürliches sein! Der Mutter Strenge allein hätte mich nicht so gegen sie einnehmen können. Aber ich weiß, was es war: es war diese meine phantastische Liebe zu meinem Vater, die mich in ihrer Ausschließlichkeit verdarb. Zuweilen, wenn ich nachts auf meiner harten Unterlage in meinem Schlafwinkel unter der dünnen Decke erwachte, dann wandelte mich immer eine gewisse Furcht an. Halb im Schlaf erinnerte ich mich, wie ich bis vor kurzem, als ich noch etwas jünger und kleiner war, mit der Mutter in einem Bett geschlafen und mich dann nachts beim Erwachen weniger gefürchtet hatte: da brauchte ich mich nur fest an sie zu schmiegen, die Augen zu schließen und ich schlief sofort wieder ein. Ich fühlte, daß ich sie, ob ich nun wollte oder nicht, im geheimen doch lieben mußte. In meinem späteren Leben habe ich die Beobachtung gemacht, daß viele Kinder oft entsetzlich gefühllos sind, und daß sie, wenn sie jemand liebgewinnen, diesen einen Menschen ganz ausschließlich lieben, und selbstverständlich auf Kosten anderer. So war’s auch mit mir.

Bisweilen herrschte in unserer Dachstube ganze Wochen lang Totenstille. Der Vater und die Mutter waren dann müde vom Streiten und ich lebte zwischen ihnen wie gewöhnlich, immer schweigend, immer denkend, träumend, mich sehnend, und stets in meinem Denken irgendwie bestrebt, irgend etwas mir Unbekanntes zu enträtseln. Indem ich sie beide beobachtete, begriff ich vollkommen, wie sie zueinander standen: ich begriff diese ihre dumpfe ewige Feindschaft, begriff das ganze Leid und diesen beklemmenden Druck des unordentlichen Lebens, das sich in unserer Dachstube eingenistet hatte, – begriff sie natürlich ohne ihre Ursachen und ihre ganze Tragweite, begriff sie eben nur so weit, wie ich sie damals begreifen konnte. An langen, stillen Winterabenden beobachtete ich sie aus meinem Winkel oft ganze Stunden ungestört, verfolgte jede Bewegung, studierte förmlich das Gesicht des Vaters, und gab mir die größte Mühe, zu erraten, woran er wohl denken mochte, und was ihn geistig so beschäftigte. Und dann war es wieder die Mutter, die mich betroffen machte und ängstigte. Sie konnte unermüdlich im Zimmer hin und her gehen, stundenlang, oft ging sie sogar mitten in der Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte – sie litt überhaupt an Schlaflosigkeit – dabei flüsterte sie vor sich hin, als wäre außer ihr niemand im Zimmer, bald streckte sie die Arme aus, bald kreuzte sie sie über der Brust, bald rang sie die Hände wie in Verzweiflung oder unendlichem Weh und Kummer. Bisweilen rollten ihr Tränen aus den Augen, Tränen, die sie vielleicht selbst nicht verstand, denn es kam vor, daß sie zeitweilig wie in ein vollständiges Sich-selbst-vergessen versank. Sie hatte, zudem, außer ihren Sorgen, irgendein sehr schweres körperliches Leiden, das sie aber gar nicht beachtete.

Die Einsamkeit und das Schweigen, das ich nicht zu brechen wagte, fingen an, immer schwerer auf mir zu lasten. Schon ein ganzes Jahr hatte ich mit erwachtem Geiste gelebt, immer gedacht, gegrübelt, geträumt und im geheimen mich mit unbekannten, unklaren Wünschen gequält, die plötzlich auftauchten. Ich war wie in einem Walde verirrt. Da war es der Vater, der mich zuerst bemerkte, mich zu sich rief und mich fragte, warum ich ihn so unverwandt ansähe. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm antwortete: ich weiß nur noch, daß er nachdenklich wurde und zum Schluß sagte, er werde ein Abc-Buch bringen und mich im Lesen unterrichten. Mit Ungeduld erwartete ich nun dieses sonderbare Buch und baute die ganze Nacht phantastische Träume auf – denn meine Vorstellung von einem Abc war nichts weniger als klar. Endlich, d. h. am nächsten Tage, begann der Vater auch wirklich mit dem Unterricht. Ich begriff sogleich, was von mir verlangt wurde, und lernte schnell und gut, denn ich wußte, daß ich ihm damit etwas zu Gefallen tat. Das war die glücklichste Zeit meines damaligen Lebens. Wenn er mich lobte, meinen Kopf streichelte und mich küßte, traten mir vor Freude sogleich Tränen in die Augen. So gewann mich der Vater allmählich lieb. Bald wagte ich denn auch schon, ihn anzureden, und dann sprachen wir oft ganze Stunden unermüdlich miteinander, obschon ich mitunter kaum ein Wort von dem, was er mir da erzählte, verstand. Aber ich fürchtete ihn doch noch irgendwie, fürchtete vor allem, er könnte denken, daß ich mich mit ihm langweilte, und deshalb bemühte ich mich nach Kräften, so zu tun, als verstünde ich alles. Zu guter Letzt wurde es ihm zur Gewohnheit, abends mit mir zu sitzen und zu sprechen. Sobald er mit sinkender Dämmerung nach Haus zurückkehrte, kam ich unverzüglich mit meinem Abc-Buch. Er setzte mich sich gegenüber auf die Bank und nach der Stunde las er mir gewöhnlich noch aus einem Buch irgend etwas vor. Davon verstand ich in der Regel fast nichts, aber ich lachte soviel ich konnte, denn ich glaubte, ihm damit Vergnügen zu bereiten. Und in der Tat, ich unterhielt ihn und mein Lachen schien ihn zu belustigen. Einmal aber erzählte er mir nach der Stunde ein Märchen. Es war das erste Märchen, das ich hörte. Ich saß wie verzaubert, fieberte vor Spannung, fühlte mich wie in ein Paradies versetzt, während ich ihm zuhörte, und zum Schluß wußte ich kaum noch, wo ich mich lassen sollte vor Begeisterung. Nicht, daß das Märchen an sich mir dermaßen gefallen hätte – nein, das war es nicht; aber das Unmöglichste war nun plötzlich möglich geworden, denn ich nahm doch alles für bare Münze. Natürlich ließ ich sogleich meiner eigenen Phantasie die Zügel schießen und im Nu waren alle meine phantastischen Träume für mich ebensogut wie bereits verwirklicht. Da stand natürlich gleich an erster Stelle das Haus mit den roten Vorhängen, die handelnde Person aber war – aus unbekannten Gründen – der Vater, obwohl er selbst das Märchen erzählte; dann kam die Mutter, die uns hinderte, ich weiß nicht wohin fortzuziehen; ferner – oder richtiger – ganz zuerst ich selbst mit meinen wunderschönen Träumen, mit allen meinen phantastischen, meinen tollen, meinen ganz unmöglichen Zukunftsbildern: alles das verwirrte sich dermaßen in meinem Kopf, daß es bald ein unentwirrbares Chaos bildete und mir für eine Zeitlang den Eltern gegenüber jedes Zartgefühl, sowie den Dingen gegenüber jedes Unterscheidungsvermögen für das, was Wirklichkeit und das, was Einbildung war, abhanden kam und ich Gott weiß wo lebte. In dieser Zeit verging ich fast vor Verlangen, mit dem Vater darüber zu sprechen, was uns bevorstand, was er selber erwartete und wohin er mich führen werde, wenn wir endlich unsere Dachstube verließen. Ich war meinerseits überzeugt, daß alles dies irgendwie sehr schnell in Erfüllung gehen werde, wie aber und in welcher Art – das wußte ich nicht, und gerade damit quälte ich mich so, daß ich mir beständig den Kopf darüber zerbrach. Bisweilen – und zwar vornehmlich abends – schien es mir, daß der Vater mir nun gleich heimlich zuzwinkern und mich auf den Flur hinausrufen werde, und ich nahm schon heimlich, so daß die Mutter es nicht sah, mein Abc-Buch und dann noch unser Bild, das seit undenklichen Zeiten uneingerahmt an der Wand hing und das unbedingt mitzunehmen ich in meinem Sinn fest beschlossen hatte – und dann liefen wir heimlich irgendwohin fort und kehrten nie wieder zur Mutter zurück. Und eines Tages, als die Mutter nicht zu Haus und der Vater gerade bei besonders guter Laune war – das aber war er regelmäßig, wenn er etwas getrunken hatte – da faßte ich mir ein Herz und ging zu ihm und fing an, von irgend etwas zu sprechen, in der Absicht, bei der ersten Gelegenheit auf mein geliebtes Thema überzugehen. Endlich erreichte ich es auch, daß er belustigt auflachte und da – da umschlang ich ihn fest und begann mit bebendem Herzen ganz angstvoll, als wäre ich im Begriff, von etwas Geheimnisvollem und Furchtbarem zu sprechen, verwirrt und zusammenhanglos und stockend ihn auszufragen: wohin wir denn eigentlich gehen sollten und wann denn und was wir mitnehmen und wo wir wohnen wollten und schließlich, ob wir denn nicht in das Haus mit den roten Vorhängen einziehen würden?

„Was für ein Haus? Rote Vorhänge? Was soll das? Was phantasierst du, dummes Kind?“

Ich erschrak und versuchte angstvoll, ihm zu erklären, daß wir beide, wenn die Mutter einmal gestorben sei, doch nicht mehr hier auf dem Dachboden bleiben würden, daß er mich dann doch irgendwohin fortführen müsse, wo wir zwei reich und glücklich leben könnten. Und zu guter Letzt versicherte ich ihm noch, daß er selbst mir das alles versprochen habe. Dabei war ich vollkommen überzeugt, daß er mir wirklich früher einmal so etwas gesagt hatte, wenigstens schien es mir in dem Augenblick so.

„Die Mutter? Gestorben? Wenn sie gestorben sein wird? ...“ wiederholte er und er sah mich verwundert an, während sich zwischen seinen buschigen, graumelierten Brauen eine Falte bildete und sein Gesicht sich ein wenig veränderte. „Was phantasierst du, Kind, dummes, armes Ding ...“

Und dann schalt er mich, und schalt mich sogar sehr und sagte, ich sei ein dummes Kind, ich könne nichts begreifen ... und ich weiß nicht, was er noch alles sagte, – sicher war er sehr betrübt.

Ich begriff allerdings kein Wort von seinen Vorwürfen, begriff vor allem nicht, wie schmerzlich es für ihn sein mußte, daß ich seine Worte, die er der Mutter im Zorn und unter dem Druck des Elends gesagt, aufgefangen und behalten, sie womöglich auswendig gelernt und schon viel über sie nachgedacht hatte. Aber was es auch sein mochte und so groß auch seine eigene Überspanntheit war, dieser Zwischenfall mußte ihm doch zu denken geben. Ich aber konnte gar nicht verstehen, weshalb er sich über mich ärgerte, und ich fühlte eine gewisse Bitterkeit und Trauer in mir aufsteigen, immer höher und höher, bis ich zu weinen anfing. Dann dachte ich, daß alles, was uns dort in dem schönen Leben erwartete, wohl so wichtig sei, daß ich dummes Kind weder davon sprechen noch daran denken durfte. Nebenbei aber fühlte ich doch, obwohl ich ihn nicht sogleich verstand, daß ich die Mutter gekränkt hatte. Darob erfaßten mich Angst und Entsetzen und dann schlichen sich auch leise Zweifel in meine Seele und machten dort alles in mir unsicher. Als er jedoch sah, daß ich weinte und mich quälte, versuchte er mich wieder zu trösten, wischte mir mit dem Ärmel die Tränen ab und bat mich, ich solle nicht mehr weinen. So saßen wir denn eine Zeitlang schweigend. Er machte ein finsteres Gesicht und schien nachzudenken; dann fing er von neuem zu sprechen an; aber wie sehr ich mich auch anstrengte, es war mir doch alles, was er da sagte, zum mindesten unklar. Ich schließe aus einzelnen Worten, die ich noch behalten habe, daß er mir damals erklärte, wer er sei, was für ein großer Künstler er wäre; ferner, wie ihn niemand verstehe, und zuletzt, daß er ein ungeheures Talent habe. Ich weiß noch, daß er mich dann fragte, ob ich auch alles verstanden und daß er nach meiner selbstverständlich bejahenden Antwort die Frage wiederholte: „Also hat er Talent?“ Und ich antwortete: „Ja, er hat Talent,“ worüber er leise auflachen mußte, wahrscheinlich weil es ihm selbst zuletzt lächerlich erschien, daß er über einen für ihn so ernsten Gegenstand mit einem Kinde sprach. Unsere Unterhaltung unterbrach Karl Fedorytsch, der ganz unerwartet bei uns eintrat, und der Vater wies auf ihn und sagte:

„Dieser dagegen, der Karl Fedorytsch, der hat zum Beispiel für keine fünf Kopeken Talent.“

Darüber mußte ich lachen, denn das kam mir, Gott weiß weshalb, sehr komisch vor und ich war wieder ganz froh und glücklich.

Dieser Karl Fedorytsch war eine äußerst merkwürdige Erscheinung. Ich sah damals so wenige Menschen, daß ich mich seiner noch lebhaft erinnere. Ja: als stände er hier, so deutlich sehe ich ihn vor mir. Er war ein Deutscher, Meyer mit Namen, der nach Rußland gekommen war, weil er nur den einen Wunsch hatte: zum Petersburger kaiserlichen Ballett zu gehören. Leider war er aber ein so schlechter Tänzer, daß man ihn nicht einmal unter die Chortänzer, die den Hintergrund der Bühne ausfüllen mußten, aufnehmen konnte und ihn nur als Statisten verwandte. So spielte er stumme Rollen, etwa in der Suite des Fortinbras oder als einer der Ritter von Verona, die alle zwanzig mit einem Male ihre gepappten Klingen ziehen und unisono ausrufen: „Wir sterben für den König!“

Nichtsdestoweniger gab es wohl keinen einzigen Künstler auf Erden, der an seinen Rollen so leidenschaftlich hing wie Karl Fedorytsch. Sein größtes Unglück und Lebensleid war, daß er nicht ins Ballettkorps aufgenommen wurde. Die Tanzkunst stellte er über jede andere Kunst und in seiner Art hing er an ihr ebensosehr, wie der Vater an seiner Geige. Sie waren beide an demselben Theater angestellt gewesen, dort hatten sie sich kennen gelernt, und seit der Zeit besuchte der Statist, der nun auch schon außer Diensten war, seinen ehemaligen Kollegen vom Orchester und blieb ihm als einziger von allen bis zuletzt treu. Sie sahen sich sogar recht oft und beklagten dann beide ihr trauriges Los, das ihnen den Fluch auferlegt hatte, von den Menschen nicht verstanden zu werden. Der Deutsche war der gefühlvollste, der liebevollste Mensch der Welt und meinem Stiefvater in glühendster, uneigennützigster Freundschaft zugetan. Der Vater dagegen hatte, glaube ich, keine gerade besondere Zuneigung zu ihm, er duldete ihn eben nur als seinen Bekannten in Ermangelung anderer. Leider konnte der Vater in seiner Einseitigkeit durchaus nicht begreifen, daß die Tanzkunst auch eine Kunst sei, womit er den armen Deutschen bis zu Tränen kränkte. Da er nun diese schwache Seite des anderen kannte, machte es ihm Spaß, sie immer wieder wie von ungefähr zu berühren, um sich dann an dem Eifer des armen Karl Fedorytsch zu ergötzen, der fast aus der Haut fuhr vor Empörung und Leidenschaft in seinem Bemühen, für seine geliebte Tanzkunst das Gegenteil zu beweisen. Von diesem Karl Fedorytsch und seiner Freundschaft mit meinem Stiefvater hat mir nachher noch manches derselbe B. erzählt, der diesen begeisterten Ballettänzer immer den Nürnberger Springkäfer nannte. Unter anderem entsinne ich mich noch lebhaft ihrer Zusammenkünfte, wenn sie beide etwas getrunken hatten und dann als verkannte Größen ihr Schicksal betrauerten. Auch ich, die ich diese beiden Sonderlinge still für mich betrachtete, trauerte mit ihnen, und wenn sie Tränen vergossen, so heulte ich mit, wenn ich auch selber nicht wußte, worüber und warum. Das trug sich aber immer in der Abwesenheit der Mutter zu, denn der Deutsche fürchtete sie sehr und wartete deshalb, wenn er kam, gewöhnlich so lange auf dem Treppenflur, bis jemand aus dem Zimmer trat: erfuhr er dann, daß die Mutter zu Hause war, so machte er schleunigst kehrt und lief die Treppe hinunter. Jedesmal brachte er deutsche Gedichte mit, begeisterte sich an ihnen, indem er sie uns laut vorlas, und dann deklamierte er mit Gesten, wobei er zwischendurch die Sätze mit Müh und Not in ein zum mindesten eigenartiges Russisch übersetzte, damit auch wir den Sinn verstanden. Das belustigte den Vater, ich aber lachte oft Tränen. Einmal hatten sie sich irgendein russisches Werk verschafft, das sie beide ungeheuer begeisterte, in einem solchen Maße begeisterte, daß sie es nachher fast bei jeder Zusammenkunft immer wieder von neuem lasen. Ich erinnere mich, es war ein Drama in Versen von irgendeinem vorübergehend berühmten russischen Schriftsteller. Die ersten Strophen hatte ich so gut behalten, daß ich später nach mehreren Jahren dieses Drama gleich wiedererkannte, als ich das Buch einmal zufällig in die Hände bekam. Es handelte von dem Unglück eines großen Künstlers, irgendeines Jacopo, der auf der einen Seite ausruft: „Ich bin verkannt!“ und auf der folgenden: „Ich bin erkannt!“ – oder war es: „Ich bin talentlos!“ und dann: „Ich habe Talent!“? Kurz, etwas Ähnliches war es jedenfalls. Es endete natürlich höchst tragisch. Das Drama war freilich an sich ganz wertlos. Nur auf diese beiden Leser, die in dem Helden viel Ähnlichkeit mit sich selbst entdeckten, wirkte es in der naivsten und zugleich tragischsten Weise. Ich weiß noch, Karl Fedorytsch geriet dann zuweilen in solche Ekstase, daß er aufsprang, zur anderen Wand des Zimmers eilte und den Vater und mich, die er „Madmuasell“ nannte, unabweisbar beschwörend, mit Tränen in den Augen und im heiligen Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit bat, „sogleich hierselbst“ zwischen ihm, seinem Schicksal und dem Publikum die Schiedsrichter zu sein. Darauf begann er zu tanzen, und während der verschiedenen Pas, die er uns nun vortanzte, schrie er uns zu, wir sollten ihm sogleich sagen, was er sei, ein Künstler oder nicht, und ob man wohl das Gegenteil sagen könne, d. h. daß er etwa kein Talent habe? Der Vater war dann sofort höchst aufgeräumt, gab mir heimlich Winke, als wollte er sagen, ich solle nur aufpassen, wie vorzüglich er sich gleich über den Armen lustig machen werde. Mich wandelte die Lachlust an, aber der Vater drohte heimlich mit dem Finger und ich nahm mich aus allen Kräften zusammen, um mir das Lachen zu verbeißen. Auch jetzt noch, bei der bloßen Vorstellung jenes Bildes, ist es mir unmöglich, nicht zu lachen. Ich sehe ihn so deutlich vor mir, diesen armen Karl Fedorytsch! Er war äußerst klein von Wuchs, dazu spindeldünn, das Haar schon grau, die Nase gebogen und rot und immer mit Tabakspuren geschmückt. Seine Beine hatten eine ganz absonderlich krumme Form; trotzdem schien er auf ihren Bau noch stolz zu sein und trug Beinkleider, die so eng wie Trikot anlagen. Wenn er dann endlich nach dem letzten Sprunge stehen blieb, mit zu uns ausgestreckten Armen und uns zulächelnd – in der Pose und mit dem Lächeln der Ballettänzer auf der Bühne – da wahrte der Vater noch eine gute Weile das Schweigen, als könne er sich nicht entschließen, das Urteil zu fällen, und ließ absichtlich den verkannten Tänzer in dieser schwierigen Pose verharren, bis jener auf seinem einen dünnen Bein schon zu schwanken begann, trotz seiner krampfhaften Anstrengung, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Schließlich erbarmte sich der Vater: zunächst sah er nur mit ernster Miene mich an, als wolle er mich fragen: „Was sagen wir ihm nun?“ – und gleichzeitig richtete sich auch der furchtsam flehende Blick des Tänzers auf mich.

„Nein, Karl Fedorytsch, man sieht, es ist verlorene Liebesmüh, du triffst doch nicht das Richtige!“ sagte der Vater dann endlich in einem Ton, als fiele es ihm schwer, die bittere Wahrheit sagen zu müssen. Dann entrang sich der Brust Karl Fedorytschs ein richtiges Stöhnen, aber im Nu faßte er wieder Mut, erbat mit beschleunigten Gesten von neuem unsere Aufmerksamkeit, versicherte, er habe nicht nach dem betreffenden System getanzt, und flehte uns an, nochmals die Schiedsrichter zu sein. Und wieder eilte er zur anderen Wand und sprang dann zuweilen mit solchem Eifer umher, daß er mit dem Kopf an die Stubendecke stieß, und zwar schmerzhaft stark – aber er verwand den Schmerz wie ein Spartaner, stand dann wieder in der schwierigen Pose, streckte wieder mit einem Lächeln die zitternden Arme aus und erwartete wieder unser Urteil. Doch der Vater war unerbittlich und wiederholte nur ebenso düster:

„Nein, Karl Fedorytsch, das scheint nun einmal dein Schicksal zu sein: du triffst es nicht!“

Dann versagte gewöhnlich meine letzte Selbstbeherrschung und ich brach in erlösendes Lachen aus, und der Vater desgleichen. Karl Fedorytsch, der nun endlich den Scherz begriff, wurde rot vor Zorn und sagte mit Tränen in den Augen und mit einem tiefen, wenn auch komischen Gefühl, das mich später quälte, weil es mein aufrichtiges Mitleid mit diesem armen Unglücklichen erweckte, zum Vater gewandt:

„Du bist ein treuloser Freund!“

Und er griff nach seinem Hut und lief von uns fort, mit allen Schwüren schwörend, daß er nie wieder zu uns kommen werde.

Aber der Schatten dieses Streites pflegte nie lang zu sein. Nach ein paar Tagen erschien er wieder bei uns, wieder wurde das berühmte Drama gelesen, wieder wurden Tränen vergossen und zum Schluß bat uns der naive Karl Fedorytsch abermals, die Schiedsrichter zwischen ihm, den Menschen und dem Schicksal zu sein, bat flehentlich, diesmal aber wirklich im Ernst über ihn zu urteilen, wie es sich wahren Freunden gezieme, und nicht wieder unseren Spott mit ihm zu treiben.

Einmal schickte mich die Mutter in den kleinen Laden, wo ich etwas Notwendiges kaufen sollte, und als ich zurückkehrte, hielt ich hübsch achtsam das silberne Kleingeld in der Hand, das man mir herausgegeben hatte. Auf der Treppe traf ich den Vater, der im Begriff war, auszugehen. Ich lachte ihn an, denn ich konnte mein Gefühl der Freude nicht verbergen, wenn ich ihn sah. Als er sich zu mir herabbeugte, um mich zu küssen, bemerkte er das silberne Geldstück in meiner Hand ... Ich habe noch nicht erwähnt, daß ich jeden Ausdruck seines Gesichts so gut kannte, daß ich seine Wünsche gewöhnlich auf den ersten Blick erriet. Sah ich ihn bedrückt und traurig, so hätte ich vergehen mögen vor Leid. Am niedergeschlagensten war er, wenn er gar kein Geld hatte und sich nichts zu trinken kaufen konnte – denn das Trinken hatte er sich schon zur Gewohnheit gemacht. In jenem Augenblick nun, als wir einander auf der Treppe begegneten, schien es mir, daß in ihm etwas Besonderes vorgehe. Seine trüben Augen irrten eigentümlich unruhig umher, ja, ich glaube, im ersten Augenblick sah er mich gar nicht. Als er aber dann das Geld in meiner Hand bemerkte, da wurde er plötzlich rot und gleich darauf sehr bleich, dann streckte er die Hand aus, wie um das Geld von mir zu nehmen, zog sie aber sofort wieder zurück. Offenbar kämpfte er mit sich. Endlich war es, als habe er sich überwunden und er sagte, ich solle nur zur Mutter hinaufgehen; er selbst aber ging schnell ein paar Stufen hinab – bis er plötzlich von neuem stehen blieb und mich zurückrief.

Er sah sehr verlegen aus.

„Hör mal, Njetotschka,“ sagte er hastig, „gib mir dieses Geld, ich werde es dir zurückgeben. Nicht? Du gibst es doch deinem Papa? Du bist doch ein gutes Kindchen, Njetotschka?“

Ich hatte das fast vorausgefühlt. Aber im ersten Augenblick ließen mich doch der Gedanke, wie böse die Mutter sein werde, meine Ängstlichkeit und vor allem die instinktive Scham für mich und für den Vater unwillkürlich zögern und hielten mich davon ab, ihm das Geld zu geben. Er bemerkte es sofort und sagte rasch:

„Nein, nein, nicht nötig, ist nicht nötig! ...“

„Nein, nein, Papa, da, nimm! Ich werde sagen, ich habe es verloren oder die Nachbarkinder haben es mir fortgenommen.“

„Nun gut, gut; ich wußte doch, daß du ein kluges Mädchen bist,“ sagte er. Und er lächelte mit zitternden Lippen, ohne sein Entzücken zu verbergen, als er das Geld in seiner Hand fühlte. „Du bist ein gutes Mädchen, bist ja mein Engelchen! Gib her, ich werde dir dein Händchen küssen!“

Und er griff nach meiner Hand, aber ich zog sie schnell zurück. Ein gewisses Mitleid mit ihm bemächtigte sich meiner und die Scham stieg in mir immer höher und wurde qualvoll. Ich hielt es nicht aus und lief in meinem Schreck nach oben, ohne mich nach dem Vater weiter umzusehen, den ich stehen ließ, wo er stand. Als ich ins Zimmer trat, glühten meine Wangen und mein Herz schlug laut in einer quälenden, mir bis dahin noch unbekannten Empfindung. Dennoch sagte ich der Mutter ganz furchtlos, ich hätte das Geld im Schnee verloren und lange gesucht, trotzdem aber nicht wiederfinden können. Ich hatte mindestens Schläge erwartet, doch die bekam ich nicht. Die Mutter war anfangs allerdings außer sich, denn wir waren damals furchtbar arm. Sie schrie mich an, aber schon im nächsten Augenblick schien sie sich zu besinnen und hörte auf, mich zu schelten; sie sagte nur, ich sei ein ungeschicktes, nachlässiges Mädchen und offenbar liebte ich sie nicht, da ich mit ihrem schwer erworbenen Gelde so unachtsam umginge. Diese Bemerkung betrübte mich mehr, als Schläge es vermocht hätten. Denn meine Mutter kannte mich bereits: meine Empfindsamkeit, die oft schon an eine krankhafte Reizbarkeit grenzte, war von ihr nicht unbemerkt geblieben, und so glaubte sie gerade mit diesen bitteren Vorwürfen – wie dem, daß ich sie wohl nicht liebte – mich mehr zu strafen und eher zu größerer Achtsamkeit erziehen zu können, als mit den sonst üblichen Strafmitteln.

In der Dämmerung, um die Zeit, wo der Vater gewöhnlich zurückkehrte, erwartete ich ihn wie immer auf dem Flur. Ich war in großer Verwirrung. Meine Gefühle waren aufgepeitscht durch etwas, das auch mein Gewissen geradezu krankhaft peinigte. Endlich kam der Vater und ich war sehr froh über sein Kommen, ganz als hätte ich gehofft, daß es mir dadurch leichter werden würde. Er war heiterer Laune, aber als er mich erblickte, nahm sein Gesicht sofort einen geheimnisvollen, ein wenig verzerrten Ausdruck an. Er blickte ängstlich nach unserer Tür und zog mich in den verstecktesten Winkel, blickte wieder scheu nach der Tür, nahm dann aus der Tasche einen von ihm gekauften Pfefferkuchen und begann nun flüsternd, jedoch in ermahnendem Tone mir zu erklären, daß ich der Mutter niemals mehr Geld entwenden und es ihr verheimlichen dürfe: das sei häßlich und eine Schande und überhaupt sehr schlecht. Diesmal sei es nur deshalb so gekommen, weil er das Geld gerade sehr notwendig gebraucht habe, aber er werde es zurückgeben und dann könne ich sagen, ich hätte das Geld wiedergefunden; es der Mutter abzunehmen sei jedoch eine Schande, und ich solle in Zukunft nicht einmal mehr daran denken, so etwas wieder zu tun, er aber werde mir, wenn ich auf ihn hörte, noch mehr solcher Pfefferkuchen kaufen. Zum Schluß sagte er sogar, ich möchte mit der Mutter Mitleid haben, sie sei so krank, die Arme, und sie allein arbeite für uns alle und ernähre uns. Ich hörte in großer Angst zu, ja ich zitterte am ganzen Körper und die Tränen wollten mich fast überwältigen. Ich war so bestürzt, daß ich kein Wort zu sagen wußte und mich nicht von der Stelle rührte. Endlich ging er ins Zimmer, nachdem er mir vorher noch verboten hatte, zu weinen oder der Mutter etwas davon zu sagen – letzteres schärfte er mir ganz besonders ein. Wie ich bemerkte, war auch er sehr verwirrt. Den ganzen Abend verbrachte ich wie unter einem entsetzlichen Bann und zum erstenmal wagte ich nicht, ihn anzusehen oder zu ihm zu gehen. Und auch er mied sichtlich meinen Blick. Die Mutter ging im Zimmer auf und ab und sprach vor sich hin, wie sie es gewöhnlich in ihrer Gedankenversunkenheit tat. An jenem Tage fühlte sie sich bedeutend schlechter und hatte auch schon die Anzeichen von einem Anfall zu überstehen gehabt. Kurz, infolge dieser ganzen inneren Qual stellte sich bei mir Fieber ein. Krankhafte, wirre Träume peinigten mich – bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und zu weinen anfing. Mein Weinen weckte die Mutter; sie rief mich leise an und fragte, ob mir etwas fehle. Ich antwortete nicht, weinte aber noch verzweifelter. Da zündete sie das Licht an, kam zu mir und versuchte mich zu beruhigen, im Glauben, ein Traum habe mich erschreckt.

„Ach, du kleines, dummes Kind!“ sagte sie, „immer noch weinst du, wenn dir etwas träumt. Nun, schon gut, sei ruhig!“ Und sie küßte mich und sagte, ich solle in ihr Bett kommen und bei ihr schlafen. Aber ich wollte nicht, denn ich wagte nicht, sie zu umarmen und zu ihr zu gehen. Ich wand mich innerlich vor Qual. Ich wollte ihr alles erzählen. Ich war schon im Begriff anzufangen, aber da fiel mir wieder der Vater ein und sein Verbot, und ich sagte nichts.

„Mein armes Kindchen ... Njetotschka ...“ hörte ich die Mutter leise sprechen, während sie mich noch mit ihrer alten Jacke zudeckte, da sie bemerkt hatte, daß ich wie von Schüttelfrost am ganzen Körper zitterte, „du wirst wohl ebenso krank werden wie ich.“ Und sie sah mich dabei so traurig an, daß ich ihren Blick nicht ertragen konnte, krampfhaft die Augen schloß und mich fortwandte. Ich erinnere mich nicht mehr, daß ich einschlief, aber noch lange hörte ich im Halbschlaf, wie die arme Mutter mich leise beruhigte, um mich in den Schlaf zu lullen. Noch nie hatte ich eine schwerere Qual zu erdulden gehabt. Mein Herz krampfte sich bis zum körperlichen Schmerz zusammen. Am nächsten Tage ward mir etwas leichter zumut. Ich fing wieder an mit dem Vater zu sprechen, aber ohne des Vorgefallenen zu erwähnen, denn ich erriet, daß ihm das sehr unangenehm sein müsse. Ich täuschte mich nicht: er war sogleich zur Unterhaltung bereit und sofort guter Dinge, denn auch er schien die Spannung zwischen uns als ungemütlich empfunden zu haben, wenigstens hatte er immer ein finsteres Gesicht gemacht, wenn unsere Blicke sich trafen. Jetzt bemächtigte sich seiner eine seltsame Freude, eine fast kindliche Zufriedenheit, als er mich wieder ganz arglos und munter sah. Die Mutter ging wie gewöhnlich bald fort und dann tat er sich keinen Zwang mehr an. Er küßte mich so, daß ich in ein nahezu übertriebenes Entzücken geriet und weinte und lachte – beides zugleich. Schließlich sagte er, er wolle mir etwas Schönes zeigen, das zu sehen mich sehr freuen werde – als Belohnung dafür, daß ich ein so kluges und gutes kleines Mädchen bin. Damit knöpfte er seine Weste auf und nahm einen Schlüssel, den er an einer schwarzen Schnur am Halse trug, sah mich geheimnisvoll bedeutsam an, als wolle er in meinen Augen das ganze Vergnügen sehen, das ich seiner Meinung nach empfinden mußte, öffnete unseren großen Koffer und entnahm ihm behutsam einen länglichen schwarzen Kasten, den ich bis dahin noch niemals gesehen hatte. Diesen Kasten berührte er mit einer gewissen Zaghaftigkeit – überhaupt war er plötzlich ganz verändert: das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden, das nun einen wahrhaft feierlichen Ausdruck annahm. Diesen geheimnisvollen Kasten also öffnete er ganz behutsam und entnahm ihm einen absonderlichen Gegenstand, den ich bis dahin auch noch nicht gesehen hatte – ein Ding von äußerlich recht seltsamer Form. Er nahm es gleichfalls mit großer Vorsicht und nahezu mit Andacht in die Hand und sagte, das sei seine Geige, sein Instrument. Hierauf fing er an mit leiser, feierlicher Stimme zu mir zu sprechen – und er redete sehr lange, aber ich verstand ihn nicht. Ich behielt nur die mir bereits bekannten Ausdrücke, daß er ein Künstler sei, daß er Talent habe, daß er einmal auf dieser Geige spielen werde und zu guter Letzt, daß wir dann alle reich sein werden und daß uns schließlich irgendein großes Glück blühen werde. Tränen traten ihm in die Augen und rollten über seine Wangen. Ich war sehr ergriffen. Zum Schluß küßte er seine Geige und ließ auch mich sie küssen. Als er sah, daß ich sie gern näher betrachtet hätte, führte er mich zum Bett der Mutter und gab mir die Geige in die Hand; aber ich sah wohl, daß er zitterte vor Angst, ich könnte sie vielleicht irgendwie zerschlagen oder zerbrechen. Ich nahm die Geige und berührte die Saiten, die in einem leisen schwingenden Ton erklangen.

„Das ist Musik!“ sagte ich, indem ich zu ihm aufsah.

„Ja, ja, das ist Musik,“ wiederholte er, sich freudig die Hände reibend, „du bist ein kluges Kind, bist ein gutes Kind!“

Aber trotz seines Lobes und Entzückens sah ich doch, daß er sich um seine Geige ängstigte, und da ergriff mich gleichfalls eine Angst, – ich gab sie ihm schnell zurück. Sie wurde mit derselben Behutsamkeit wieder eingepackt, der Kasten verschlossen und in den Koffer zurückgelegt; der Vater aber, der nochmals meinen Kopf streichelte, versprach, mir jedesmal die Geige zu zeigen, wenn ich wieder so klug, brav und gehorsam sein würde wie jetzt. So hatte die Geige unseren gemeinsamen Kummer vertrieben. Erst am Abend flüsterte er mir im Fortgehen heimlich zu, ich solle nicht vergessen, was er mir tags zuvor auf dem Treppenflur gesagt habe.

So wuchs ich in unserer Dachstube auf, und allmählich steigerte sich meine Liebe, – nein, richtiger gesagt, meine Leidenschaft, denn ich kenne kein anderes Wort, das ein so unbezwingbares, mich selbst quälendes Gefühl, wie ich es für den Vater empfand, ausdrücken könnte – steigerte sich bis zu einer krankhaft ausgearteten Empfindsamkeit. Ich kannte nur noch eine einzige Lust: an ihn zu denken, von ihm zu träumen, nur noch einen Wunsch und Willen – alles zu tun, nur um ihm eine Freude oder sei es auch ein noch so kleines Vergnügen zu bereiten. Wie oft erwartete ich ihn, zitternd und blau vor Kälte, auf der zugigen Treppe, nur um wenigstens ein paar Augenblicke früher sein Kommen zu hören und ihn zu sehen. Streichelte er mich, wenn er bisweilen zärtlich zu mir war, so wurde ich ganz wirr vor Freude. Und doch peinigte es mich oft bis zum körperlichen Schmerz, daß ich in meinem Verhalten zu meiner armen Mutter so hartnäckig kühl blieb. Es gab Augenblicke, wo ich hätte vergehen mögen vor Qual und Mitleid, wenn ich sie ansah. Bei dem ewigen Streit der Eltern konnte ich nicht gleichmütig bleiben und unparteiisch zusehen, ich mußte zwischen ihnen wählen und mich für einen von ihnen entscheiden. Und so stellte ich mich denn auf die Seite dieses halb wahnsinnigen Menschen, nur weil er in meinen Augen so mitleiderregend, so erniedrigt war und ganz zu Anfang einen so unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht, meine Phantasie entfesselt hatte. Doch schließlich – wer könnte das so genau sagen, weshalb ich gerade seine Partei ergriff? Vielleicht fühlte ich mich gerade deshalb so zu ihm hingezogen, weil er so eigenartig war, sogar in seiner äußeren Erscheinung eigenartig, und nicht so ernst und unwirsch wie die Mutter, weil er fast wahnsinnig, weil an ihm hin und wieder so etwas von Gauklerart war, und schließlich, weil ich ihn weniger fürchtete und sogar weniger achtete als die Mutter. Er war irgendwie – mehr meinesgleichen. Ja allmählich bemächtigte sich meiner das Gefühl, daß ich ihm sogar überlegen sei, daß ich ihn mir unmerklich unterwarf, und daß ich ihm unentbehrlich wurde, ja zuweilen kokettierte ich geradezu mit ihm. In der Tat, diese wunderliche Anhänglichkeit meinerseits erinnerte in etwas an einen Roman ... Doch dieser Roman sollte nicht von langer Dauer sein: ich verlor bald meine Mutter und meinen Vater. Ihr Leben fand ein schreckliches Ende, das sich schwer und qualvoll meiner Erinnerung eingeprägt hat. Wie sich das zutrug, will ich jetzt erzählen.