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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 11: VII.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

VII.

Als der Fürst geendet hatte, blickten ihn alle mit heiteren Gesichtern an, selbst Aglaja nicht ausgenommen, doch vor allen Lisaweta Prokofjewna.

„Da habt ihr ihn jetzt examiniert!“ rief sie aus. „Nun, was, meine verehrten Damen, ihr dachtet wohl, daß ihr ihn noch protegieren würdet, so als armen Jungen – und dabei würdigt er euch nur gerade noch seiner Bekanntschaft, und auch das noch mit der Randbemerkung, daß er nur selten kommen werde. Wer sind jetzt die Dummen? Natürlich wir. Das freut mich. Aber am meisten ist’s doch Iwan Fedorowitsch. Bravo, Fürst, wir wurden vorhin beauftragt, Sie zu examinieren. Und was Sie da von meinem Gesicht sagten, ist vollkommen richtig: ich bin ein Kind, das weiß ich selbst. Das wußte ich schon vor Ihnen. Sie haben nur meinen Gedanken in einem einzigen Wort ausgedrückt. Ihren Charakter halte ich dem meinen für vollkommen ähnlich, und das freut mich sehr. Wie zwei Tropfen Wasser. Nur sind Sie ein Mann und ich bin eine Frau und bin nicht in der Schweiz gewesen; das ist der ganze Unterschied.“

„Warten Sie noch ein wenig, Mama,“ rief Aglaja, „der Fürst sagt ja doch, daß er bei jedem seiner Bekenntnisse einen besonderen Gedanken gehabt und nicht nur aus Einfalt so gesprochen habe.“

„Ja, ja!“ lachten die anderen.

„Bitte, sich über andere nicht lustig zu machen; er ist vielleicht noch viel schlauer, als ihr alle drei zusammen genommen. Das werdet ihr sehen. Aber warum haben Sie nichts von Aglaja gesagt, Fürst. Sie wartet und ich warte.“

„Augenblicklich kann ich nichts sagen; erst später.“

„Warum später? Ich dächte, sie sieht nicht danach aus, daß man sie übersehen könnte.“

„O nein, ganz im Gegenteil Sie sind eine außerordentliche Schönheit, Aglaja Iwanowna. Sie sind so schön, daß man fast Angst hat, Sie anzusehen.“

„Und das ist alles? Aber ihre Eigenschaften?“ wollte die Generalin wissen.

„Eine Schönheit ist schwer zu beurteilen. Ich habe mich nicht darauf vorbereitet. Schönheit ist ein Rätsel.“

„Das heißt also, daß Sie das Rätsel von Aglaja selbst lösen lassen wollen,“ sagte Adelaida. „Dann versuch’ es mal zu lösen, Aglaja. Aber ist sie nicht schön, Fürst, ist sie nicht schön?“

„Außerordentlich!“ antwortete der Fürst, der Aglaja begeistert betrachtete. „Fast so schön, wie Nastassja Filippowna, obschon das Gesicht ein ganz anderes ist! ...“

Erstaunt blickten sich die Damen untereinander an.

„Wie we–e–er?“ fragte die Generalin, als traue sie ihren Ohren nicht. „Wie Nastassja Filippowna? Wo haben Sie denn Nastassja Filippowna gesehen? Welch eine Nastassja Filippowna?“

„Vorhin zeigte Herr Iwolgin Ihrem Herrn Gemahl die Photographie ...“

„Was, er hat Iwan Fedorowitsch ihre Photographie gebracht?“

„Nein, nur gezeigt. Nastassja Filippowna hat heute Herrn Iwolgin ihr Bild geschenkt und Herr Iwolgin zeigte es vorhin Iwan Fedorowitsch.“

„Ich will es sehen!“ fuhr die Generalin auf. „Wo ist diese Photographie? Wenn sie sie ihm geschenkt hat, dann muß er sie noch bei sich haben und er ist gewiß noch im Arbeitszimmer. Mittwochs arbeitet er immer hier und geht dann niemals vor vier Uhr fort. Man muß ihn sofort herbitten lassen! Doch nein, ich brenne durchaus nicht so darauf, ihn selbst zu sehen. Ach, Fürst, seien Sie so gut, mein Lieber, gehen Sie ins Arbeitszimmer, erbitten Sie die Photographie von ihm und bringen Sie sie her! Sagen Sie ihm, ich wolle sie sehen! Bitte!“

„Nicht übel, aber doch ein wenig gar zu offen,“ sagte Adelaida, als der Fürst das Zimmer verlassen hatte.

„Ja, ein wenig gar zu sehr,“ pflichtete ihr Alexandra bei, „so daß es mitunter sogar ein wenig lächerlich wirkt.“

Es war aber, als hätten beide nicht alles ausgesprochen, was sie bei sich dachten.

„Er hat sich übrigens mit unseren Gesichtern gut aus der Affäre gezogen,“ sagte Aglaja, „er hat allen geschmeichelt, selbst Mama nicht ausgenommen.“

„Sei nicht so spitz, wenn ich bitten darf!“ verwies die Generalin ihre Jüngste. „Nicht er hat geschmeichelt, sondern ich fühle mich geschmeichelt.“

„Du glaubst, er habe sich auf diese Weise aus der Affäre ziehen wollen?“ fragte Adelaida.

„Ich glaube, daß er durchaus nicht so – einfach ist.“

„Ach geh!“ ärgerte sich die Generalin. „Ich aber finde, daß ihr drei noch viel lächerlicher seid als er. Meinetwegen, mag er einfältig sein, dafür hat er aber auch besondere Einfälle – im besten Sinn ‚besondere‘. Ganz wie ich.“

„Das ist natürlich dumm, daß ich von der Photographie etwas habe verlauten lassen,“ dachte der Fürst bei sich, während er sich ins Arbeitszimmer des Generals begab und so etwas wie leichte Gewissensbisse empfand. „Aber vielleicht ist es auch sehr gut, daß es nun so gekommen ist ...“

Ihm war plötzlich ein sonderbarer Gedanke gekommen, doch war er ihm selbst noch nicht so ganz klar.

Gawrila Ardalionytsch Iwolgin saß noch im Arbeitszimmer und hatte sich ganz in den Inhalt der verschiedenen Papiere vertieft. Selbstverständlich wurde er nicht umsonst von der Aktiengesellschaft honoriert!

Er schien sehr verlegen zu werden, als der Fürst ihn um das Bild bat und zur Erklärung noch ehrlich mitteilte, auf welche Weise die Damen von der Existenz desselben erfahren hatten.

„Verdammt! Was plagte Sie denn, davon zu schwatzen!“ fuhr er geärgert auf. „Was wissen Sie überhaupt davon ... Idiot!“ brummte er unwirsch vor sich hin.

„Verzeihen Sie mir. Ich habe es gesagt, ohne mir dabei etwas Schlimmes zu denken. Wir kamen zufällig auf die Schönheit zu sprechen. Ich sagte, daß Aglaja fast ebenso schön sei wie Nastassja Filippowna.“

Ganjä bat ihn, ausführlicher zu erzählen, worauf der Fürst das vorhergegangene Gespräch in kurzen Worten wiedergab, während Ganjä ihn wiederum spöttisch von der Seite betrachtete.

„Diese ewige Nastassja Filippowna! Von anderem hört man hier überhaupt nichts ...,“ brummte er ärgerlich, brach jedoch plötzlich ab und wurde nachdenklich.

Er war sichtlich erregt. Der Fürst erinnerte ihn an das Bild.

„Hören Sie, Fürst,“ begann Ganjä plötzlich, als wäre ihm mit einemmal ein wichtiger Gedanke gekommen, „ich habe eine große Bitte an Sie ... Nur weiß ich nicht, in der Tat ...“

Er wurde wieder etwas verlegen und sprach seine Bitte nicht aus. Er schien innerlich zu kämpfen und sich nicht entschließen zu können. Der Fürst wartete schweigend. Ganjä sah ihn noch einmal mit forschendem, prüfendem Blick an.

„Fürst,“ begann er dann wieder, „dort ist man jetzt auf mich ... infolge eines besonderen Umstandes ... eines sehr lächerlichen Umstandes ... und an dem ich nicht schuld bin ... nun, mit einem Wort – doch das gehört nicht zur Sache ... Ich glaube, man ist dort ein wenig ungehalten über mich, so daß ich eine Zeitlang nicht ungerufen hingehen will. Nur, sehen Sie, muß ich jetzt unbedingt mit Aglaja Iwanowna sprechen. Ich habe hier ... ich habe hier für jeden Fall ein paar Worte geschrieben“ (in seiner Hand befand sich plötzlich ein kleiner Brief), „nur weiß ich nicht, wie ich ihr diesen Zettel zustellen soll. Würden nicht Sie, Fürst, so freundlich sein, ihn Aglaja Iwanowna gleich zu übergeben, aber nur Aglaja Iwanowna allein, das heißt so, daß niemand es sieht, Sie verstehen doch? Es ist nicht Gott weiß was für ein Geheimnis, es steht hierin nichts von der Art ... aber ... würden Sie ihn ihr übergeben?“

„Ihre Bitte ist mir nicht ganz angenehm,“ antwortete der Fürst.

„Ach, ich bitte Sie, Fürst, es ist wirklich von großer Wichtigkeit für mich,“ begann Ganjä beschwörend, „Sie wird mir vielleicht auch antworten ... Sie können mir glauben, daß ich mich an Sie wende, nur weil es wirklich das Äußerste ist ... Durch wen könnte ich ihr denn sonst den Brief schicken? Es ist unendlich wichtig für mich, von unendlicher Wichtigkeit ...“

Ganjä hatte große Angst, daß der Fürst sich nicht dazu herablassen würde, und blickte ihm mit ängstlicher Bitte in die Augen.

„Nun gut, ich werde ihn übergeben.“

„Aber nur so, daß es niemand bemerkt,“ bat Ganjä erfreut, „und dann, Fürst – nicht wahr – ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen, nicht?“

„Ich werde ihn keinem zeigen,“ sagte der Fürst.

„Der Brief ist nicht geschlossen, aber ...“ fuhr der erfreute Ganjä im Eifer fort, brach aber wieder plötzlich verwirrt ab.

„Oh, ich werde ihn nicht lesen,“ antwortete der Fürst ganz ruhig, nahm die Photographie und verließ das Kabinett.

Als Ganjä allein zurückblieb, griff er sich an den Kopf.

„Nur ein Wort von ihr und ich ... und ich, wirklich, ich breche vielleicht mit allem!“

Er war zu erregt, um sich wieder an die Arbeit zu machen, und so begann er, in gespannter Erwartung ruhelos im Zimmer hin und her zu gehen.

Der Fürst kehrte nachdenklich zu den Damen zurück: der übernommene Auftrag war ihm peinlich, und der Gedanke an irgendwelche Beziehungen zwischen Aglaja und Ganjä war ihm direkt unangenehm. Plötzlich blieb er stehen, als wenn ihm etwas einfiele; er blickte sich im Zimmer um: zwischen ihm und dem kleinen Salon lagen noch zwei Zimmer. Da trat er schnell ans Fenster und begann Nastassja Filippownas Bild zu betrachten.

Es war, als hätte er ein gewisses Etwas erraten wollen, das sich in diesem Gesicht verbarg und ihn vorhin ganz betroffen gemacht hatte. Fast die ganze Zeit hatte er die Wirkung dieses Eindrucks empfunden, und so beeilte er sich jetzt, sich gewissermaßen nochmals von der Richtigkeit des ersten Eindrucks zu überzeugen. Da war es ihm plötzlich, als mache dieses in seiner Schönheit und noch aus einem anderen unbestimmbaren Grunde außergewöhnliche Gesicht einen noch weit fesselnderen Eindruck auf ihn. Grenzenloser Stolz, Verachtung und Haß sprachen aus diesem Gesicht, und doch lag in ihm gleichzeitig etwas Vertrauendes, etwas erstaunlich Gutherziges; und diese Kontraste erweckten sogar so etwas wie Mitleid, wenn man diese Züge betrachtete. Seine blendende Schönheit war unerträglich, diese Schönheit des bleichen Gesichts mit den fast eingefallenen Wangen und den brennenden Augen. Eine eigenartige Schönheit war es! Der Fürst konnte den Blick nicht losreißen vom Bilde. Plötzlich jedoch zuckte er zusammen, sah sich um, führte dann schnell das Bild an die Lippen und küßte es. Als er nach einer Minute in den großen Salon trat, war sein Gesicht vollkommen ruhig.

Gerade im Begriff, ins Eßzimmer zu treten, prallte er in der Tür beinahe mit Aglaja zusammen. Sie war allein. Im Salon der Mutter konnte man nichts hören – es lag noch ein Zimmer dazwischen – und so entschloß sich der Fürst schnell.

„Gawrila Ardalionytsch hat mich gebeten, Ihnen dieses zu übergeben,“ sagte er und überreichte ihr den Brief.

Aglaja blieb stehen, nahm den Brief entgegen und blickte den Fürsten etwas sonderbar an. Nicht die geringste Verwirrung lag in ihrem Blick, höchstens Verwunderung hätte man aus ihm herauslesen können, doch auch diese schien sich nur auf den Fürsten zu beziehen. Ihr Blick verlangte gleichsam Rechenschaft von ihm darüber, wie er dazu kam, in dieser Angelegenheit Helfershelfer zu sein: und er verlangte sie ruhig und hochmütig. Sie standen sich ein paar Augenblicke lang stumm gegenüber. Endlich zuckte es kaum merklich wie leiser Spott in ihrem Gesicht, und mit einem flüchtigen Lächeln ging sie an ihm vorüber.

Die Generalin betrachtete eine Zeitlang schweigend und mit einer gewissen Nuance von Geringschätzung das Bild Nastassja Filippownas, das sie effektvoll auf Armeslänge von den Augen entfernt hielt.

„Ja, sie ist schön,“ sagte sie endlich, „sogar sehr. Ich habe sie zweimal gesehen, aber nur von weitem. Also eine solche Schönheit schätzen Sie?“ wandte sie sich an den Fürsten.

„Ja ... eine solche ...“ antwortete der Fürst mit einiger Gezwungenheit.

„Das heißt also, gerade eine solche Schönheit?“

„Ja, gerade eine solche.“

„Weshalb?“

„In diesem Gesicht ... ist viel Qual ...,“ sagte der Fürst unwillkürlich, doch gleichsam als spräche er nur zu sich selbst, und als antworte er gar nicht auf eine Frage.

„Sie phantasieren vielleicht nur,“ meinte die Generalin anmaßend und warf das Bild mit einer schroffen Bewegung auf den Tisch.

Alexandra nahm es auf, Adelaida trat hinter ihren Stuhl, und beide betrachteten es schweigend. Im selben Augenblick kehrte Aglaja in den Salon zurück.

„Welch eine Macht!“ rief plötzlich Adelaida aus, die über die Schulter der Schwester ganz entzückt das Bild betrachtete.

„Wo? Was für eine Macht?“ fragte die Generalin scharf.

„Eine solche Schönheit ist eine große Macht,“ sagte Adelaida begeistert, „mit einer solchen Schönheit könnte man die ganze Welt umdrehen!“

Nachdenklich ging sie zu ihrer Staffelei zurück. Aglaja blickte nur flüchtig auf die Photographie, kniff die Augen zusammen, schob die Unterlippe etwas vor und setzte sich dann abseits nieder, die Hände müßig im Schoße faltend.

Die Generalin klingelte.

„Ich lasse Gawrila Ardalionytsch herbitten, er ist im Kabinett,“ sagte sie zu dem eingetretenen Diener.

„Mama!“ warf Alexandra in bedeutsamem Tone ein.

„Ich will nur zwei Worte mit ihm reden, beruhige dich,“ schnitt ihr die Mutter schnell das Wort ab, um jedem weiteren Einwand zuvorzukommen.

Sie war ersichtlich gereizt.

„Bei uns, müssen Sie wissen, Fürst, bei uns gibt es jetzt nur Geheimnisse. Nichts als Geheimnisse! Heimlichkeiten scheinen jetzt hier ganz allgemein zu sein – etwas Dümmeres kann man sich nicht leicht denken. Und das noch in einer Angelegenheit, in der Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit die ersten Bedingungen sein sollten. Es soll jetzt mit Gewalt geheiratet werden – nein, diese Heiraten gefallen mir nicht ...“

„Mama, was soll das nur?“ beeilte sich wieder Alexandra, sie aufzuhalten.

„Was wünschst du, liebes Töchterchen? Gefallen sie denn dir? Und daß der Fürst es hört, das hat nichts zu sagen – wir sind Freunde. Wenigstens er und ich. Gott sucht Menschen, gute, versteht sich, böse und launische dagegen braucht er nicht, namentlich launische nicht, die heute so und morgen anders reden. Haben wir uns verstanden, Alexandra Iwanowna? Hier glauben sie alle, ich hätte nichts als Schrullen im Kopf; aber glauben Sie mir, Fürst, ich verstehe so manches sehr gut zu unterscheiden. Denn die Hauptsache ist und bleibt doch immer das Herz, das andere ist alles Unsinn. Verstand ist natürlich auch nötig ... vielleicht ist sogar der Verstand gerade die Hauptsache. Bitte, nicht zu lächeln, Aglaja, ich widerspreche mir durchaus nicht. Ein Weib mit Herz und ohne Verstand ist eine ebenso unglückliche Törin, wie ein Weib mit Verstand und ohne Herz. Das ist eine alte Wahrheit. Ich bin eine Törin mit Herz und ohne Verstand, und du bist eine Törin mit Verstand und ohne Herz. Und so sind wir beide unglücklich und müssen beide leiden.“

„Inwiefern sind Sie denn so unglücklich, Mama?“ Adelaida konnte sich die etwas ungezogene Frage nicht verbeißen. Sie war die einzige, die von allen vier ihre gute Laune stets beibehielt.

„Erstens durch meine gelehrten Töchter,“ antwortete die Generalin schlagfertig, „und da das allein schon vollkommen genügt, so brauche ich mich wohl über das andere nicht erst weitläufig zu verbreiten. Doch es ist genug geredet worden. Wollen wir abwarten, wie ihr beide, von Aglaja rede ich vorläufig nicht, wie ihr beide mit eurem Verstande und eurer Redekunst euch herausziehen werdet, ob unsere verehrte Alexandra Iwanowna sehr glücklich sein wird mit ihrem verehrten Gemahl ... Ah!“ rief sie plötzlich aus, als sie den eintretenden Ganjä erblickte. „Da kommt ja noch ein Heiratskandidat. Guten Tag,“ sagte sie auf Ganjäs Verbeugung und forderte ihn auf, Platz zu nehmen, „Sie werden heiraten?“

„Heiraten? ... Wie? ... Wieso heiraten?“ stotterte Ganjä, der aus den Wolken zu fallen schien.

Man sah es ihm deutlich an, wie verlegen und verwirrt er war.

„Werden Sie eine Ehe schließen, frage ich, wenn Ihnen diese Redewendung mehr zusagt?“

„N–ein ... ich ... n–ein,“ log Ganjä und heiße Schamröte stieg ihm ins Gesicht.

Er wagte es, flüchtig zu Aglaja hinüberzublicken, wandte jedoch den Blick sehr schnell von ihr ab. Aglaja betrachtete ihn kühl, ruhig, aufmerksam, ohne auch nur einen Blick von ihm abzuwenden, und beobachtete seine Verwirrung.

„Nein? Also nicht? Sie haben ‚Nein‘ gesagt?“ forschte Lisaweta Prokofjewna geradezu unerbittlich. „Nun gut, das werde ich mir merken. Denken Sie daran, daß Sie heute, am Mittwochvormittag, auf meine diesbezügliche Frage mit einem Nein geantwortet haben. Was haben wir heute? Mittwoch?“

„Ja, ich glaube, Mittwoch, Mama,“ antwortete Adelaida.

„Niemals wissen sie die Tage! – Welches Datum?“

„Den siebenundzwanzigsten,“ sagte Ganjä.

„Den siebenundzwanzigsten? Das ist nach einer gewissen Berechnung leicht zu behalten. Nun, auf Wiedersehen; Sie sind, glaube ich, sehr beschäftigt, und auch für mich ist es Zeit, mich anzuziehen und fortzufahren. Nehmen Sie Ihre Photographie. Grüßen Sie Ihre arme Mutter, Nina Alexandrowna, von mir. Auf Wiedersehen, Fürst. Sie können öfter herkommen. Ich fahre jetzt zur alten Fürstin Bjelokonskaja. Ich fahre absichtlich zu ihr, um ihr von Ihnen zu erzählen, mein Lieber. Und hören Sie, Fürst: ich glaube, daß Gott Sie direkt um meinetwillen aus der Schweiz hergeschickt hat. Vielleicht haben Sie auch noch andere Gründe vorzubringen, aber der Hauptgrund bin doch ich allein. Der liebe Gott hat es sicherlich mit Absicht so eingerichtet. Auf Wiedersehen, meine Lieben. Alexandra, mein Freund, komm mit mir in mein Zimmer.“

Die Generalin verließ den Salon.

Ganjä, der zuerst ganz sprachlos dagestanden, nahm plötzlich die Photographie vom Tisch und wandte sich mit einem verzerrten Lächeln, dem man sehr wohl seine Wut ansah, an den Fürsten.

„Fürst, ich gehe sogleich nach Hause. Wenn Sie Ihre Absicht, bei uns zu wohnen, nicht aufgegeben haben, so würde ich Sie heimbegleiten, Sie wissen ja noch nicht einmal die Adresse.“

„Noch einen Augenblick, Fürst,“ hielt ihn Aglaja auf und erhob sich schnell von ihrem Platz. „Sie müssen mir noch etwas ins Album schreiben. Papa sagte, Sie hätten eine schöne Handschrift. Ich werde es Ihnen sofort bringen.“

Sie verließ das Zimmer.

„Nun, auf Wiedersehen, Fürst, auch ich muß gehen,“ verabschiedete Adelaida sich von ihm.

Sie drückte dem Fürsten fest die Hand, lächelte ihm froh und freundlich zu und ging hinaus, ohne Ganjä zu beachten.

„Das haben Sie, natürlich Sie ausgeplaudert, daß ich heirate!“ fiel Ganjä, kaum daß sie allein zurückgeblieben waren, in wutbebendem Flüsterton über den Fürsten her. Sein Gesicht war bleich, und aus seinen Augen blickte Haß. „Ein schamloser Schwätzer sind Sie!“

„Ich versichere Sie, daß Sie sich irren,“ antwortete der Fürst ruhig und höflich. „Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie heiraten.“

„Wie denn nicht? Sie hörten doch vorhin, wie Iwan Fedorowitsch sagte, daß sich heute abend alles bei Nastassja Filippowna entscheiden würde, und das haben Sie hier erzählt! Sie lügen einfach! Woher hätte man es denn sonst erfahren? Wer, zum Teufel, hätte es ihnen denn erzählen können? Nur Sie! Haben Sie denn die Anspielungen der Alten nicht verstanden?“

„Das müssen Sie besser wissen als ich, wer es den Damen erzählt haben kann ... wenn Sie glauben, daß es eine Anspielung war. Ich jedenfalls habe kein Wort davon gesagt.“

„Haben Sie den Brief übergeben? ... Die Antwort? ...“ unterbrach ihn Ganjä, zitternd vor Ungeduld.

Doch in dem Augenblick kehrte Aglaja zurück und der Fürst konnte nichts mehr antworten.

„Hier, Fürst,“ sagte Aglaja, indem sie ihr Album auf einem Tisch aufschlug. „Suchen Sie sich eine Seite aus, und schreiben Sie mir etwas hinein. Hier ist eine Feder und noch dazu eine neue. Tut es nichts, daß es eine Stahlfeder ist? Kalligraphen, hab’ ich gehört, sollen nie mit Stahlfedern schreiben.“

Sie sprach und tat, als bemerke sie überhaupt nicht, daß Ganjä noch anwesend war. Während nun der Fürst die Feder nahm, eine Seite aussuchte und sich zu schreiben anschickte, trat Ganjä an den Kamin, wo Aglaja rechts vom Fenster in dessen nächster Nähe stand, und flüsterte ihr mit bebender, vor Erregung stockender Stimme ins Ohr:

„Nur ein Wort, nur ein einziges Wort von Ihnen – und ich bin gerettet!“

Der Fürst wandte sich hastig um und sah beide an. Aus Ganjäs Gesicht sprach fast Verzweiflung. Allem Anschein nach hatte er diese Worte völlig unüberlegt, vielleicht sogar halb besinnungslos gesprochen. Aglaja dagegen maß ihn ein paar Sekunden lang mit demselben ruhigen Erstaunen, mit dem sie kurz vorher den Fürsten angeblickt hatte, und dieses ihr ruhiges Erstaunen, dieses vollkommene Nichtverstehenkönnen dessen, was zu ihr gesprochen wurde, war für Ganjä in jenem Augenblick noch schrecklicher, als es die größte Verachtung gewesen wäre.

„Was soll ich schreiben?“ fragte der Fürst.

„Das werde ich Ihnen sogleich diktieren,“ sagte Aglaja, sich zu ihm wendend. „Sind Sie bereit? Dann schreiben Sie: ‚Ich lasse mich in keinen Handel ein.‘ Jetzt schreiben Sie noch das Datum und den Monat. Zeigen Sie.“

Der Fürst reichte ihr das Album.

„Vorzüglich! Sie haben es ausgezeichnet geschrieben! Sie haben die schönste Handschrift, die ich je gesehen! Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen, Fürst ... Warten Sie“ – ihr schien noch etwas einzufallen – „kommen Sie, ich will Ihnen etwas zum Andenken schenken.“

Der Fürst folgte ihr; im Speisezimmer blieb Aglaja plötzlich stehen.

„Lesen Sie dies,“ sagte sie, indem sie ihm Ganjäs Brief hinhielt.

Der Fürst nahm den Brief, blickte jedoch Aglaja verständnislos fragend an.

„Ich weiß es, daß Sie ihn nicht gelesen haben und auch nicht der Vertraute dieses Menschen sein können,“ sagte Aglaja. „Lesen Sie den Brief, ich will es, daß Sie ihn lesen.“

Der Brief war offenbar in aller Eile geschrieben:

„Heute wird sich mein Schicksal entscheiden. Sie wissen, auf welche Weise. Heute werde ich mein Wort geben müssen, und das soll unwiderruflich sein. Auf Ihr Mitleid habe ich kein Anrecht, und mir Hoffnungen zu machen, das wage ich nicht. Doch einmal haben Sie ein Wort fallen lassen, nur ein einziges Wort, und dieses Wort hat die ganze finstere Nacht meines Lebens erhellt und ist mir zur Leuchte geworden, die mir den richtigen Weg weist. Sagen Sie jetzt noch einmal ein solches Wort – und Sie werden mich erretten, mich vor dem Untergang bewahren. Sagen Sie mir nur: ‚Brich!‘ – und ich werde es heute noch tun, werde heute noch alles von mir werfen! Oh, was macht es Ihnen denn aus, dieses eine Wort zu sagen! Mit der Bitte um dieses eine Wort flehe ich Sie nur um ein Zeichen Ihrer Teilnahme, Ihres Mitleids an – nur, nur um Ihre Teilnahme! Und weiter nichts, nichts! Ich wage mich keinerlei Hoffnungen hinzugeben, denn ihrer Erfüllung wäre ich nicht wert. Doch sagen Sie nur das eine Wort, und ich werde von neuem meine Armut auf mich nehmen und freudig meine verzweifelte Lage ertragen. Ich werde den Kampf aufnehmen, werde mich freuen auf ihn und im Kampf mit neuen Kräften wiedergeboren werden! Senden Sie mir dieses eine Wort des Mitgefühls (nur des Mitgefühls, ich schwöre es Ihnen!) und tragen Sie diese Kühnheit dem Verzweifelten, dem Ertrinkenden nicht nach, der es wagt, eine letzte Anstrengung zu machen, um sich vor dem Untergang zu bewahren!

G. I.“

„Dieser Mensch versichert,“ sagte Aglaja scharf, als der Fürst den Brief zu Ende gelesen hatte, „daß das verlangte Wort, er solle mit allem brechen, mich nicht kompromittieren und auch zu nichts verpflichten würde, wofür er mir noch, wie Sie sehen, in diesem Brief eine schriftliche Garantie gibt. Bitte, beachten Sie doch nur, wie naiv er sich beeilt hat, einzelne Wörtchen zu unterstreichen, und wie plump dabei doch sein geheimer Gedanke überall hervorschaut. Im übrigen weiß er sehr gut, daß ich, wenn er mit allem brechen würde – aber aus eigenem Antriebe, von sich aus, ohne mein Wort zu erwarten oder überhaupt mir etwas davon zu sagen, ohne jede Hoffnung auf mich – daß ich dann anders über ihn denken und vielleicht sogar sein Freund werden würde. Das weiß er selbst ganz genau! Aber er hat eine schmutzige Seele: er weiß es, und dennoch entschließt er sich nicht, sondern bittet um Garantien. Er ist unfähig, auf sein eigenes Risiko hin sich zu entscheiden; er will, daß ich ihm, als Ersatz für die dort aushängenden Hunderttausend, auf mich zu hoffen erlaube. Und was das früher einmal von mir ausgesprochene Wort betrifft, von dem er im Brief spricht, und das sein ganzes Leben erhellt haben soll, so lügt er einfach unverschämt. Ich habe ihn nur einmal flüchtig bedauert, und das ist alles. Ihm aber ist in seiner Frechheit sogleich der Gedanke an die Möglichkeit einer Hoffnung gekommen. Das merkte ich sehr bald. Seit der Zeit sucht er mich nun in die Falle zu locken. Und das tut er auch jetzt. Doch genug davon. Behalten Sie diesen Brief und geben Sie ihn ihm zurück, sogleich, das heißt natürlich, sobald Sie unser Haus verlassen haben, nicht früher.“

„Und was soll ich ihm als Antwort sagen?“

„Nichts, versteht sich. Das ist die beste Antwort. Ach so, Sie wollen, glaube ich, bei ihm wohnen?“

„Iwan Fedorowitsch hat mir vorhin selbst diesen Rat gegeben,“ antwortete der Fürst.

„Dann seien Sie auf der Hut vor diesem Menschen, ich warne Sie, er wird es Ihnen nie verzeihen, daß Sie ihm diesen Brief zurückgeben.“

Aglaja drückte dem Fürsten leicht die Hand und ging hinaus. Ihr Gesicht war ernst und verriet ihren Unmut; sie lächelte nicht einmal, als sie dem Fürsten zum Abschied zunickte.

„Sofort, ich hole nur noch mein Bündel,“ sagte der Fürst zu Ganjä, „dann gehen wir.“

Ganjä stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Sein Gesicht wurde ganz dunkel vor Wut. Endlich traten sie beide auf die Straße, der Fürst mit seinem Bündel in der Hand.

„Die Antwort, die Antwort?“ drängte Ganjä wieder in größter Spannung. „Was hat sie Ihnen gesagt? Haben Sie ihr den Brief gegeben?“

Der Fürst reichte ihm schweigend den Brief. Ganjä erstarrte.

„Wie! Mein Brief!“ schrie er. „Er hat ihn ihr überhaupt nicht gegeben! Haha, das hätte ich mir doch denken können! Oh, ver–r–rfl ... Natürlich konnte sie dann nichts verstehen vorhin! Aber wie denn, wie konnten Sie ihr denn meinen Brief nicht übergeben, o ver–r–rrfluch ...“

„Entschuldigen Sie, im Gegenteil: zufällig konnte ich ihr den Brief sogleich, nachdem ich ihn erhalten hatte, einhändigen, und zwar ganz so, wie Sie es wünschten. Ich bin nur jetzt wieder in seinen Besitz gekommen, weil Aglaja Iwanowna ihn mir zurückgegeben hat.“

„Wann? Wann?“

„Nachdem ich in ihr Album eingeschrieben hatte und auf ihre Bitte ihr ins andere Zimmer folgte – Sie waren doch zugegen? Wir kamen ins Speisezimmer, sie reichte mir den Brief, wünschte ausdrücklich, daß ich ihn lese und dann – Ihnen zurückgebe.“

„Daß Sie ihn l–e–esen?“ schrie Ganjä fast aus vollem Halse, „l–e–esen? Und Sie lasen ihn?“

Ganjä blieb wie zu Stein erstarrt mitten auf dem Trottoir stehen und war dermaßen erstaunt, daß er sogar den Mund zu schließen vergaß.

„Ja, ich las ihn.“

„Und sie selbst, sie selbst gab Ihnen den Brief zum Durchlesen? Sie selbst?“

„Ja, sie selbst, und Sie können mir glauben, daß ich ihn ohne ihre Aufforderung gewiß nicht gelesen hätte.“

Ganjä schwieg eine Weile in qualvoll angestrengtem Nachdenken, doch plötzlich packte ihn wieder die Wut:

„Das kann nicht sein! Sie hat Ihnen den Brief unmöglich zum Durchlesen geben können! Sie lügen! Sie haben ihn eigenmächtig gelesen!“

„Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt,“ sagte der Fürst in demselben ruhigen Ton, „und ich versichere Sie, es tut mir sehr leid, daß diese Nachricht einen so unangenehmen Eindruck auf Sie macht.“

„Aber, Sie Unglücksmensch, sie hat Ihnen bei der Gelegenheit doch wenigstens etwas gesagt! Irgend etwas muß sie doch geantwortet haben!“

„Ja gewiß ...“

„Aber dann tun Sie doch den Mund auf, reden Sie doch, sprechen Sie, zum Teufel! ...“

Und Ganjä stampfte vor Ungeduld und Wut mit dem rechten Fuß, der in der Galosche stak, zweimal aufs Trottoir.

„Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, sagte sie mir, daß Sie sie in eine Falle zu locken suchten; Sie möchten sie gern kompromittieren, um sich dann Hoffnungen, von denen sie nichts wissen wolle, hingeben zu können. Und auf Grund dieser Hoffnungen würden Sie dann ohne Verlust eine andere Hoffnung auf hunderttausend Rubel aufgeben. Ferner sagte sie, daß, wenn Sie dieses getan hätten, ohne mit ihr zu handeln – wenn Sie von sich aus mit dem Früheren gebrochen hätten, ohne von ihr im voraus Garantien für einen Ersatz zu erbitten – sie vielleicht Ihr Freund geworden wäre. Und das war alles, glaube ich. Richtig, noch eins: als ich sie dann fragte, welche Antwort ich Ihnen bringen solle, sagte sie, daß gar keine Antwort die beste Antwort sei – ich glaube, so war’s. Verzeihen Sie, daß ich den genauen Wortlaut vergessen habe und Ihnen nur den Sinn mit meinen Worten so wiedergebe, wie ich ihn verstanden habe.“

Ganjä erbleichte und seine ganze grenzenlose Wut schaffte sich in Worten Ausdruck.

„Ah! Also so!“ knirschte er. „Also meine Briefe werden einfach fortgeworfen! Ah! Sie läßt sich in keinen Handel ein! Schön, dann werde ich mich in einen Handel einlassen! Wollen wir doch sehen! Mir steht noch vieles ... Wir werden schon sehen! Ich werde sie schon ins Bockshorn jagen!“

Er zitterte, erbleichte, schäumte vor Wut; er drohte sogar mit der Faust und machte wilde Bewegungen mit den Händen. So gingen sie ein paar Schritte. Der Fürst genierte ihn nicht im geringsten – ‚dieser Idiot‘! Er benahm sich, als wäre er ganz allein in seinem Zimmer gewesen. Doch plötzlich stutzte er und besann sich.

„Ja, aber wie denn,“ wandte er sich an den Fürsten, „wie kommt es, daß Sie“ (dieser Idiot! fügte er innerlich wieder hinzu) „daß Sie plötzlich dieses Vertrauen genießen, zwei Stunden nach der ersten Bekanntschaft? Wie ist das zu erklären?“

Zu all seinen Qualen kam jetzt noch der Neid hinzu – der hatte gerade noch gefehlt! Ganz plötzlich tauchte er auf und stach ihm ins Herz.

„Das vermag ich Ihnen freilich nicht zu erklären,“ antwortete der Fürst.

Ganjä sah ihn gehässig an.

„Sollte es nicht gar ihr Vertrauen sein, was sie Ihnen in dem anderen Zimmer schenken wollte? Sie sagte doch, bevor sie hinausging, daß sie Ihnen etwas schenken wolle!“

„Anders fasse ich es auch nicht auf, als gerade so.“

„Ja, aber wofür denn, zum Teufel noch eins! Was haben Sie denn dort so Großes vollbracht? Womit haben Sie ihr Vertrauen errungen? Hören Sie,“ unterbrach er sich plötzlich in seiner sich überstürzenden Weise – alles in ihm war in diesem Augenblick gleichsam kopflos durcheinandergeworfen und kochte in wirrer Unordnung, so daß von einem Überlegen oder auch nur einem Zusammenhalten der Gedanken gar keine Rede sein konnte. „Hören Sie, können Sie sich denn nicht irgendwie noch entsinnen oder sich in einigermaßen richtiger Reihenfolge dessen erinnern, was Sie dort gesprochen haben, alles, alles, jedes Wort, ganz von Anfang an? Haben Sie vielleicht irgend so eine Bemerkung fallen lassen – können Sie sich denn gar nicht mehr Ihres Gesprächs entsinnen?“

„Oh, gewiß kann ich das,“ antwortete der Fürst. „Ganz zu Anfang, nachdem das Erste überstanden war, sprachen wir von der Schweiz.“

„Nun, zum Teufel mit der Schweiz!“

„Dann sprachen wir von der Todesstrafe ...“

„Von der Todesstrafe?“

„Ja; es kam die Rede darauf ... Dann erzählte ich ihnen, wie ich die vier Jahre in der Schweiz verbracht habe, und ferner die Geschichte eines armen Dorfmädchens ...“

„Ach, zum Teufel alle armen Dorfmädchen! Weiter!“ Ganjä raste innerlich vor Ungeduld.

„Darauf erzählte ich, wie Schneider mir seine Meinung über meinen Charakter gesagt und mich veranlaßte ...“

„Der Satan hole Ihren Schneider und seine Meinungen! Weiter!“

„Weiter – kamen wir auf Gesichter zu sprechen, auf den Ausdruck der Gesichter, und bei der Gelegenheit sagte ich, daß Aglaja Iwanowna fast ebenso schön sei, wie Nastassja Filippowna. Und da mußte ich denn auch sagen, daß ich ihre Photographie gesehen hatte ...“

„Aber Sie sagten doch nicht, Sie erzählten doch nicht, was Sie vorher im Kabinett gehört hatten? Nein? Nein?“

„Ich wiederhole es Ihnen – nein.“

„Ja, aber woher denn ... Teufel ... Ach, zum! ... Aber hat Aglaja den Brief nicht der Alten gezeigt?“

„Nein, sie hat ihn ihr nicht gezeigt. Dessen kann ich Sie vollkommen versichern. Ich war die ganze Zeit nachher zugegen, so daß ich es unfehlbar gesehen hätte.“

„Aber vielleicht haben Sie selbst irgend etwas bemerkt ... Oh, dieser ver-r-rdammte Idiot,“ knirschte er außer sich – diesmal ganz laut – „nicht einmal zu erzählen versteht er etwas!“

Ganjä, der einmal ins Schimpfen hineingekommen war, hatte allmählich, wie das oft mit solchen Menschen geschieht, jede Zurückhaltung verloren. Es fehlte vielleicht nicht mehr viel, und er hätte den Fürsten vor Wut angespien. Doch gerade diese Wut blendete ihn; denn sonst hätte er schon längst bemerkt, daß dieser „Idiot“, den er so beleidigend behandelte, sehr schnell und sehr feinfühlig alles begriff und es ungewöhnlich treffend wiederzugeben verstand. Doch da geschah mit einem Male etwas ganz Unerwartetes.

„Ich muß Ihnen sagen, Gawrila Ardalionytsch,“ sagte plötzlich der Fürst, „daß ich früher allerdings so krank war, daß man mich in der Tat fast als einen Idioten bezeichnen konnte. Jetzt aber bin ich schon lange geheilt, und daher ist es mir etwas unangenehm, wenn man mich so einfach, ins Gesicht, einen Idioten nennt. Zwar kann man Sie, in Anbetracht Ihrer Mißerfolge, noch entschuldigen, doch haben Sie mich in Ihrem Ärger zweimal beschimpft. Dem will ich mich nun in der Folge nicht mehr aussetzen; es ist mir, wie gesagt, sehr unangenehm, zumal es so bald geschehen ist, nachdem wir uns kaum kennen gelernt haben. Wäre es deshalb nicht besser – wir sind hier gerade an einer Straßenkreuzung – wenn wir jetzt auseinandergingen: Sie nach rechts, und ich nach links? Ich bin im Besitz von fünfundzwanzig Rubeln und werde sicher Unterkunft in irgendeinem Hôtel garni finden.“

Ganjä machte ein entsetzlich betretenes Gesicht und wurde dunkelrot vor Scham – die Zurechtweisung kam ihm gar zu unerwartet.

„Verzeihen Sie, Fürst,“ rief er glühend aus – sein soeben noch äußerst beleidigender Ton hatte sich schnell in einen äußerst höflichen verwandelt, „um Gottes willen, verzeihen Sie! Sie sehen, in welch einer Lage ich mich befinde! Und dabei wissen Sie noch nicht einmal alles; wenn Sie aber alles wüßten, würden Sie mich vielleicht ein wenig entschuldigen, obschon ich, versteht sich, nicht mehr zu entschuldigen bin ...“

„Oh, so große Entschuldigungen verlange ich ja gar nicht,“ unterbrach ihn der Fürst, „ich verstehe ja nur zu gut, wie unangenehm Ihnen das alles sein muß, nur deshalb fluchen und schimpfen Sie so. Nun, gehen wir also zu Ihnen. Es wird mir ein Vergnügen sein ...“

„Nein, so kann man ihn nicht fortgehen lassen,“ dachte Ganjä bei sich mit einem gehässigen Seitenblick auf den Fürsten. „Dieser Spitzbube hat als Idiot zuerst alles aus mir herausgeholt, um dann die Maske abzunehmen ... Das hat etwas zu bedeuten. Nun, wir werden ja sehen, jetzt muß sich alles entscheiden, alles, alles! Und noch heute!“

Inzwischen waren sie an dem Hause, in dem Ganjä wohnte, angelangt.