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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 12: VIII.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

VIII.

Ganjäs Wohnung lag im dritten Stock, zu dem eine äußerst saubere, helle und breite Treppe hinaufführte. Sie bestand aus sechs oder sieben größeren und kleineren Zimmern, die, wenn sie sich auch durch nichts Besonderes auszeichneten, für eine Beamtenfamilie, in der nur ein einziger verdiente, doch sicherlich zu teuer war, mochte dieser eine sich auch auf zweitausend Rubel jährlich stehen. Es hatte jedoch einen besonderen Grund, weshalb Iwolgins vor zwei Monaten in diese große Wohnung gezogen waren: Ganjäs Mutter und Schwester – Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna – hatten, um die Einkünfte wenigstens etwas zu vergrößern, schon vor längerer Zeit beschlossen, einige Zimmer mit Kost und Bedienung zu vermieten, was ihnen denn auch nach langen Kämpfen von seiten Ganjäs schließlich erlaubt worden war. Doch trotz seiner Einwilligung ärgerte sich Ganjä nicht wenig darüber und nannte „diese ganze Vermieterei“ einfach eine „Unanständigkeit“; er glaubte sich jetzt in der Gesellschaft, in der er bis dahin als junger, hoffnungsvoller Mann stets mit Selbstbewußtsein und als Gentleman aufgetreten war, seiner Familie geradezu schämen zu müssen. Jedenfalls hinterließen alle diese Dämpfer, die ihm das Schicksal zugedacht hatte, und die Erniedrigungen dieses „engen Lebens“ die tiefsten Wunden in seiner Seele. Seit einiger Zeit konnte er sich über jede Kleinigkeit bis zur Maßlosigkeit aufregen, und wenn er auch beschlossen hatte, vorläufig noch nachzugeben und das Vermieten zu dulden, so tat er es doch nur, weil er sich geschworen hatte, in kürzester Frist diesem ganzen Zustande ein Ende zu machen und eine neue Ordnung und neue Verhältnisse zu schaffen. Nur sollte es sich leider bald zeigen, daß das Mittel, das er zur Ermöglichung einer solchen Veränderung gewählt hatte, an sich noch viel unangenehmer und schwieriger war, als alles Vorhergegangene.

Die Wohnung wurde durch einen Korridor, der sogleich am Eingang begann, in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite des Korridors lagen die drei Zimmer, die für die „besonders empfohlenen“ Mieter bestimmt waren, und dann noch ein viertes, kleines Zimmerchen neben der Küche, das dem Familienoberhaupt und verabschiedeten General, Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin, zugewiesen war; er schlief dort auf einem breiten Diwan und mußte stets durch die Küche und über die Hintertreppe ein- und ausgehen. In demselben Zimmerchen lebte auch der fünfzehnjährige Bruder Gawrila Ardalionytschs, der Gymnasiast Koljä: der mußte sich gleichfalls hier aufhalten, auf einem anderen alten, schmalen und kurzen Diwan schlafen und vor allen Dingen „nach dem Vater sehen,“ was mit jedem Tage unerläßlicher wurde. Dem Fürsten wurde das mittlere von den drei Zimmern zugewiesen; im ersten Zimmer rechts wohnte Herr Ferdyschtschenko, und links das dritte, stand noch leer. Doch Ganjä führte den Fürsten zuerst in die Familienhälfte der Wohnung. Diese bestand aus einem „Salon“, der zur Essenszeit in ein Speisezimmer verwandelt wurde, aus einem „Empfangszimmer“, das aber nur tagsüber „Empfangszimmer“ war und am Abend sich in Ganjäs Arbeits- und Schlafzimmer verwandelte, und dann noch aus einem kleinen, engen, stets verschlossenen Stübchen, in dem Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna schliefen. Mit einem Wort, die ganze Familie hatte sich so eng wie möglich eingerichtet, worüber Ganjä vor Empörung „innerlich knirschte“. Zwar bemühte er sich stets, ehrerbietig zu seiner Mutter zu sein, aber nichtsdestoweniger merkte man es doch sofort, daß er der große Despot in der Familie war.

Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna saßen nicht allein im Empfangszimmer: sie unterhielten sich, beide mit irgendeiner Strickarbeit beschäftigt, mit ihrem Gast, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Nina Alexandrowna mochte etwa fünfzig Jahre alt sein; sie hatte ein hageres, eingefallenes Gesicht und tiefe Schatten unter den Augen. Sie sah kränklich und vergrämt aus, doch machten ihr Gesicht und ihr Blick einen recht angenehmen Eindruck. Schon aus den ersten Worten sprach ein ernster, ehrbarer Charakter. Trotz ihres vergrämten Antlitzes sah man ihr sogleich ihre Festigkeit und sogar Entschlossenheit an. Gekleidet war sie sehr bescheiden, dunkel und altjüngferlich; doch ihre Bewegungen, ihre Sprechweise, ihr ganzes Auftreten verrieten die Dame, die sich einst in besserer Gesellschaft bewegt hatte.

Warwara Ardalionowna war ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, mittelgroß, ziemlich hager und mit einem Gesicht, das nicht gerade sehr schön war, dafür aber das Geheimnis in sich barg, ohne Schönheit zu gefallen und bis zur Leidenschaft anzuziehen. Sie war der Mutter sehr ähnlich, sogar in ihrer Kleidung; denn ihr Sinn stand nicht danach, sich zu putzen. Ihre grauen Augen konnten mitunter sehr heiter und freundlich blicken, doch waren sie gewöhnlich ernst und nachdenklich, ja in der letzten Zeit waren sie es fast allzuoft. Auch aus ihrem Gesicht sprach Festigkeit und Entschlossenheit, doch fühlte man, daß diese Entschlossenheit noch energischer sein konnte als die der Mutter. Warwara Ardalionowna konnte sehr heftig werden, und ihr Bruder schien diese Heftigkeit fast ein wenig zu fürchten. Dasselbe tat auch der Gast, der gerade jetzt bei ihnen saß, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Es war das ein noch junger Mann, von annähernd dreißig Jahren, nicht auffallend, doch gut gekleidet, mit sympathischem, wenn auch vielleicht ein wenig gar zu ehrbarem Wesen. Sein kurzgeschnittener, dunkelblonder Bart kennzeichnete ihn als einen, der nicht im Staatsdienst stand. Er konnte sich sehr verständig und angenehm unterhalten, war aber sonst nicht gesprächig und zog es gewöhnlich vor, ganz zu schweigen. Der allgemeine Eindruck, den er machte, war ein angenehmer. Warwara Ardalionowna war ihm offenbar nicht gleichgültig, was er übrigens auch gar nicht zu verbergen suchte. Warwara Ardalionowna dagegen verhielt sich zwar freundschaftlich zu ihm, zögerte aber immer noch mit der Antwort auf eine Frage, von der sie ihn eigentlich auch nur ungern sprechen hörte, was Ptizyn jedoch durchaus nicht entmutigte. Nina Alexandrowna war freundlich gegen ihn, und in der letzten Zeit hatte sie sogar großes Zutrauen zu ihm gefaßt. Übrigens war es allen bekannt, wie er sich sein Geld verdiente, – daß er gegen mehr oder weniger sichere Garantien Geld zu hohen Prozenten lieh. Mit Ganjä stand er sich sehr gut.

Als der Fürst und Gawrila Ardalionytsch eintraten, grüßte dieser nur seine Mutter in sehr trockenem Tone, übersah die Schwester vollkommen, und nachdem er den Fürsten vorgestellt hatte, wandte er sich sofort an Ptizyn, mit dem er gleich darauf das Zimmer verließ. Nina Alexandrowna sagte dem Fürsten ein paar freundliche Worte und befahl Koljä, dessen Kopf sich gerade durch die Türspalte schob, den Fürsten ins mittlere Zimmer zu führen. Koljä war ein munterer Knabe mit einem netten Gesicht und zutraulichem, offenherzigem Benehmen.

„Wo ist denn Ihr Gepäck?“ fragte er, als er den Fürsten in dessen Zimmer geführt hatte.

„Ich habe ein Bündel; es ist im Vorzimmer geblieben.“

„Ich werde es sofort herschaffen. Wir haben an Dienstboten nur die Köchin und Matrjona, so daß auch ich helfe. Warjä[7] sieht nur nach allem nach und ärgert sich. Ganjä sagt, Sie seien soeben aus der Schweiz zurückgekehrt?“

„Ja.“

„Ist es schön in der Schweiz?“

„Sehr schön.“

„Alles Berge?“

„Ja.“

„Ich werde Ihnen sofort Ihre Bündel herbringen.“

Warwara Ardalionowna trat ins Zimmer.

„Matrjona wird Ihnen sogleich das Bett überziehen. Haben Sie einen Koffer?“

„Nein, nur ein Bündel. Ihr Bruder wollte es herbringen; es ist im Vorzimmer.“

„Dort ist überhaupt kein Bündel, außer diesem Bündelchen hier; wohin haben Sie es denn gelegt?“ fragte Koljä, der wieder zurückgekommen war.

„Ja, das ist auch alles, was ich habe,“ sagte der Fürst und nahm sein Bündel in Empfang.

„A–a!“ Koljä sperrte etwas erstaunt den Mund auf. „Und ich dachte schon, ob nicht Ferdyschtschenko es bereits expediert hat.“

„Schwatz nicht so dummes Zeug,“ verwies ihn Warjä streng, die auch mit dem Fürsten zwar nicht gerade unhöflich, doch sehr trocken sprach.

„Chére Bebette, mit mir kann man auch etwas zärtlicher umgehen, ich bin ja doch nicht Ptizyn.“

„Dich kann man noch durchhauen, Koljä, so dumm bist du trotz deiner fünfzehn Jahre. Wenn Sie sonst etwas brauchen, können Sie sich an Matrjona wenden. Um halb fünf speisen wir. Sie können gemeinschaftlich mit uns oder auch in Ihrem Zimmer essen, ganz wie Sie wünschen. Gehen wir, Koljä, du sollst nicht stören.“

„Gehen wir, Charaktermensch!“

In der Tür stießen sie auf Ganjä.

„Ist der Vater zu Hause?“ fragte er Koljä, und als dieser bejahte, flüsterte er ihm etwas zu.

Koljä nickte mit dem Kopf und folgte der Schwester.

„Nur auf ein Wort, Fürst – ich habe es über diesen ... diesen Scherereien zu sagen vergessen. Ich will Sie um etwas bitten: seien Sie so gütig und sprechen Sie, wenn es Ihnen nicht gar so schwerfällt, weder hier davon, was ich mit Aglaja gehabt habe, noch dort davon, was Sie hier erleben; denn auch hier gibt es genug des Widerwärtigen. Zum Teufel, übrigens ... Versuchen Sie wenigstens, sich heute zu bezwingen.“

„Ich versichere Sie, daß ich weit weniger gesagt habe, als Sie vermuten,“ sagte der Fürst einigermaßen gereizt.

Ihre Stellung zueinander wurde ersichtlich immer feindseliger.

„Nun, ich habe heute schon genug durch Sie auszuhalten gehabt. Also mit einem Wort, ich bitte Sie darum.“

„Gestatten Sie mir die Frage, Gawrila Ardalionytsch, inwiefern ich denn vorhin gebunden war, und weshalb ich mit keinem Wort der Photographie hätte Erwähnung tun dürfen? Sie hatten mich doch weder darum gebeten, noch mich in die Verhältnisse eingeweiht.“

„Pfui, was das für ein scheußliches Zimmer hier ist,“ lenkte Ganjä von diesem Gespräch ab, indem er sich mit angewiderter Miene im Zimmer umsah, „dunkel und die Fenster gehen auf den Hof. Sie sind in jeder Beziehung zur Unzeit zu uns gekommen ... Nun, aber das ist nicht mehr meine Sache, nicht ich vermiete hier Zimmer.“

Ptizyn blickte zur Tür herein und rief Ganjä. Dieser verließ eilig den Fürsten und ging hinaus, obwohl er augenscheinlich noch etwas sagen wollte, doch schien er in der Verlegenheit nicht das richtige Wort finden zu können. Auch das Zimmer hatte er offenbar nur aus Verlegenheit kritisiert.

Der Fürst hatte sich kaum gewaschen und mit einiger Sorgfalt umgekleidet, als die Tür sich wieder öffnete und eine neue Gestalt erschien.

Es war das ein Herr von etwa dreißig Jahren, groß von Wuchs, breitschultrig und mit einem äußerst großen Kopf, der durch das rotblonde krause Haar noch größer erschien, als er an sich schon war. Sein Gesicht war fleischig und rosig, die Lippen dick, die Nase breit und platt und die kleinen Augen unter den dicken Lidern schienen fortwährend spöttisch zu blinzeln. Der Gesamteindruck war der eines ziemlich unverschämten Menschen. Seine Kleider ließen an Sauberkeit zu wünschen übrig.

Die Tür öffnete er anfangs nur so weit, daß er knapp den Kopf durchschieben konnte. Hierauf betrachtete der durchgeschobene Kopf das Zimmer etwa fünf Sekunden lang in unveränderter Stellung. Dann erst begann sich die Tür allmählich so weit aufzuschieben, daß man auch die Gestalt auf der Schwelle erblickte, doch trat der Herr immer noch nicht herein, sondern begann, von der Schwelle aus, blinzelnd den Fürsten zu betrachten. Endlich entschloß er sich zum ersten Schritt, schloß die Tür, trat näher, setzte sich auf einen Stuhl, faßte den Fürsten mit kräftigem Griff bei der Hand und drückte ihn schräg gegenüber auf das Sofa nieder.

„Ferdyschtschenko,“ stellte er sich vor und blickte aufmerksam und fragend dem Fürsten ins Gesicht.

„Nun, und?“ fragte der Fürst, der kaum noch ernst blieb.

„’n Mieter,“ antwortete Ferdyschtschenko, mit dem Daumen über die Achsel nach rückwärts weisend, und blickte den Fürsten unverändert mit demselben Ausdruck an.

„Sie wollen sich wohl mit mir bekannt machen?“

„O–oh!“ war die Antwort des Gastes, worauf er die Stirn in Längsfalten legte, während das Haar dabei gleichsam zu Berge stieg und er selbst in die entgegengesetzte Zimmerecke zu schauen begann. „Haben Sie Geld?“ fragte er plötzlich, sich wieder dem Fürsten zuwendend.

„Nicht viel.“

„Wieviel denn auf den Knopf?“

„Fünfundzwanzig Rubel.“

„Zeigen Sie mal.“

Der Fürst entnahm seiner Westentasche den Fünfundzwanzigrubelschein, den ihm der General Jepantschin gegeben hatte, und reichte ihn Ferdyschtschenko. Dieser faltete die Note auseinander, betrachtete sie zuerst von der einen, dann von der anderen Seite, drehte sie nochmals um und hielt sie dann gegen das Licht.

„Sonderbar,“ meinte er nachdenklich, „weshalb mögen sie nur so braun werden? Diese Fünfundzwanziger werden mitunter verteufelt braun, andere aber bleichen wiederum völlig aus. Nehmen Sie.“

Der Fürst nahm sein Geld zurück. Ferdyschtschenko erhob sich vom Stuhl.

„Ich bin gekommen, um Sie zu warnen: erstens, mir niemals Geld zu pumpen; denn ich werde Sie unfehlbar darum bitten.“

„Gut.“

„Haben Sie die Absicht, hier zu bezahlen?“

„Gewiß.“

„Ich nicht. Danke. Ich wohne hier rechts von Ihnen, die erste Tür – Sie wissen? Bemühen Sie sich, mich nicht allzuoft zu besuchen. Ich werde schon zu Ihnen kommen, seien Sie unbesorgt. Den General haben Sie schon gesehen?“

„Nein.“

„Und auch nicht gehört?“

„Nein.“

„Na, dann werden Sie ihn noch sehen und hören; der will ja sogar mich anpumpen! Avis au lecteur.[3] Leben Sie wohl. Kann man denn leben mit dem Namen: Ferdyschtschenko? Hm?“

„Weshalb nicht?“

„Adieu.“

Und er ging zur Tür. Wie der Fürst später erfuhr, hatte es sich dieser Herr gewissermaßen zur Pflicht gemacht, einen jeden durch Originalität und Heiterkeit in Erstaunen zu setzen, doch wollte ihm das nie so recht gelingen. Auf manche Leute machte er sogar einen direkt unangenehmen Eindruck, was ihm selbst aufrichtigen Kummer bereitete. Trotzdem konnte er es nicht über sein Herz bringen, auf den einmal erwählten Lebensberuf zu verzichten. In der Tür hatte er Gelegenheit, den Eindruck, den er auf den Fürsten gemacht hatte, seiner Meinung nach noch zu verbessern: im Begriff hinauszugehen, stieß er nämlich mit einem älteren Herrn zusammen, der gerade eintreten wollte; er trat vor diesem neuen, dem Fürsten gleichfalls unbekannten Gast zur Seite, und nachdem jener an ihm vorübergegangen war, machte er hinter seinem Rücken verschiedene warnende Zeichen, worauf er sich mit einem gewissen Siegesbewußtsein schneidig entfernte.

Der neue Gast war groß von Wuchs, etwa fünfundfünfzig Jahre alt oder noch älter, ziemlich wohlbeleibt, mit einem leuchtendroten, fleischigen, aufgedunsenen Gesicht, das von einem dichten grauen Backenbart umrahmt wurde, mit einem Schnurrbart und großen, hervortretenden Augen. Die Erscheinung wäre ziemlich imposant gewesen, wenn ihr nicht etwas Heruntergekommenes, Schäbiges, geradezu Schmieriges angehaftet hätte. Er trug einen alten Überrock, dessen Ellenbogen fast durchgerieben waren, und auch die Wäsche war nicht gerade sauber. In seiner Nähe roch es ein wenig nach Branntwein. Nichtsdestoweniger war sein Auftreten sehr effektvoll, ein wenig einstudiert vielleicht und augenscheinlich von dem Wunsch beseelt, unter allen Umständen Eindruck zu machen. Der Herr näherte sich dem Fürsten mit freundlichem Lächeln, doch ohne sich zu beeilen, ergriff schweigend seine Hand, und indem er sie in der seinen behielt, blickte er ihm eine Zeitlang ins Gesicht, als wolle er bekannte Züge wiedererkennen.

„Er! Er!“ sagte er dann leise und feierlich. „Wie leibhaftig! Ich höre einen mir so bekannten und teuren Namen nennen und muß an die unwiederbringliche Vergangenheit denken ... Fürst Myschkin?“

„Ja.“

„General Iwolgin, verabschiedet und unglücklich. Ihr Rufname und Patronym, wenn ich fragen darf?“

„Lew Nikolajewitsch.“

„Ja, ja, ganz recht! Der Sohn meines Freundes und, ich kann wohl sagen, Spielkameraden, Nikolai Petrowitsch!“

„Mein Vater hieß Nikolai Lwowitsch.“

„Lwowitsch,“ verbesserte sich der General, ohne sich zu beeilen, eben mit der vollkommenen Ruhe eines Menschen, der den Namen nicht im geringsten vergessen, sondern sich nur zufällig versprochen hat. Er setzte sich, und den Fürsten bei der Hand erfassend, zog er ihn neben sich auf das Sofa. „Ich habe Sie auf den Armen getragen.“

„Wirklich?“ fragte der Fürst überrascht. „Mein Vater ist schon vor zwanzig Jahren gestorben.“

„Ja; vor zwanzig Jahren; vor zwanzig Jahren und drei Monaten. Wir haben zusammen die Schule besucht; ich kam dann zum Militär ...“

„Auch mein Vater war Offizier – Sekondeleutnant beim Wassilkoffskischen Regiment.“

„Beim Bjelomirskischen. Die Nachricht von seiner Versetzung ins Bjelomirskische traf kurz vor seinem Tode ein. Ich war zugegen und drückte ihm die Augen zu. Ihre Mutter ...“

Der General hielt inne, wie um seine Ergriffenheit zu überwinden.

„Ja, auch sie starb nach einem halben Jahr an einer Erkältung,“ sagte der Fürst.

„Nicht an einer Erkältung! Nicht an einer Erkältung, glauben Sie einem alten Mann. Ich war zugegen, ich habe auch sie beerdigt. Sie starb aus Kummer um ihren verlorenen Gatten, nicht aber an einer Erkältung. Ja, unvergeßlich ist mir diese Fürstin! O Jugend! Ihretwegen wurden wir beide, der Fürst und ich, wir zwei Jugendfreunde, fast zu gegenseitigen Mördern.“

Der Fürst begann, etwas mißtrauischer zuzuhören.

„Ich hatte mich sterblich in Ihre Mutter verliebt, als sie noch Braut war – die Braut meines Freundes. Er aber merkte es! Kommt zu mir, frühmorgens um sieben Uhr, weckt mich. Ich – kleide mich ganz verwundert an ... Schweigen beiderseits. Ich begriff alles. Er nimmt aus der Tasche zwei Pistolen. Amerikanisches Duell, versteht sich. Ohne Zeugen. Wozu Zeugen, wenn wir uns nach fünf Minuten beide in die Ewigkeit befördern? Wir luden, breiteten das Taschentuch aus, nahmen jeder seine Stellung ein, setzten die Pistolenmündung einander auf die Brust und schauten uns an. Plötzlich bricht ein Strom von Tränen aus unseren Augen, die Hände sinken herab – bei beiden, bei beiden gleichzeitig! Nun, dann natürlich Umarmungen, und jeder kämpft mit seiner Großmut. Der Fürst sagt: ‚Nimm du sie!‘ Mit einem Wort ... mit einem Wort ... Sie wollen bei uns wohnen ... wirklich wohnen?“

„Ja, eine Zeitlang ... vielleicht,“ sagte der Fürst, gleichsam etwas stockend.

„Fürst, Mama läßt Sie zu sich bitten,“ rief plötzlich Koljä, der in der Tür erschien.

Der Fürst erhob sich, doch der General legte ihm seine Rechte auf die Schulter und drückte ihn wieder aufs Sofa.

„Als aufrichtiger und treuer Freund Ihres Vaters will ich Sie warnen,“ sagte der General. „Ich selbst bin, wie Sie sehen, durch eine tragische Katastrophe ins Unglück geraten. Doch ohne vor die Schranken, ohne vor die Schranken gekommen zu sein! Nina Alexandrowna ist eine seltene Frau! Warwara Ardalionowna, meine Tochter, ist ein seltenes Mädchen! Die Verhältnisse zwingen uns, Zimmer zu vermieten – eine unerhörte Erniedrigung! ... Und das mir, dem es bevorstand, Generalgouverneur zu werden! ... Doch Sie sind uns zu jeder Zeit willkommen. Aber jetzt, gerade jetzt spielt sich in meinem Hause eine Tragödie ab!“

Der Fürst blickte ihn fragend und interessiert an.

„Ein Ehe soll geschlossen werden, eine seltsame Ehe! Ein zweideutiges Frauenzimmer soll einen jungen Mann heiraten, der, wenn er wollte, Kammerjunker sein könnte. Und dieses Frauenzimmer soll in mein Haus eingeführt werden, in dem meine Frau und meine Tochter leben! Doch so lange, wie ich noch lebe, wird ihr Fuß nicht mein Haus betreten! Ich werde mich auf die Schwelle hinwerfen, mag sie dann über mich hinwegtreten! ... Mit Ganjä spreche ich jetzt fast überhaupt nicht mehr, vermeide es sogar, ihm zu begegnen. Ich warne Sie absichtlich. Wenn Sie bei uns leben werden, werden Sie ja ohnehin Zeuge sein ... Aber Sie sind der Sohn meines Freundes, und ich kann doch wohl hoffen ...“

„Verzeihung, Fürst. Bitte, seien Sie so freundlich und kommen Sie auf einen Augenblick zu mir ins Empfangszimmer,“ unterbrach ihn Nina Alexandrowna, die diesmal selbst gekommen war, um den Fürsten zu sich zu rufen.

„Denke dir nur, mein Schatz,“ rief ihr der General sofort zu, „es stellt sich heraus, daß ich den Fürsten als kleines Kind auf meinen Armen gewiegt habe!“

Nina Alexandrowna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sah dann forschend den Fürsten an, sagte aber kein Wort. Der Fürst folgte ihr. Doch kaum waren sie im anderen Zimmer angelangt, kaum hatte Nina Alexandrowna halblaut etwas offenbar Peinliches mitzuteilen begonnen, als auch der General plötzlich wieder in der Tür erschien. Seine Frau verstummte sofort und beugte sich ersichtlich ärgerlich über ihre Strickarbeit. Der General bemerkte ihren Ärger sehr wohl, ließ sich aber dadurch nicht im geringsten seine gute Laune nehmen.

„Der Sohn meines Freundes!“ rief er begeistert aus, sich an Nina Alexandrowna wendend. „Und so unerwartet! Wie hätte ich das noch gestern erhoffen können! Aber, mein Schatz, entsinnst du dich denn wirklich nicht mehr des seligen Nikolai Lwowitsch? Du trafst ihn doch noch ... in Twerj?“

„Nein, ich entsinne mich Nikolai Lwowitschs nicht. Ist das Ihr Vater?“ fragte sie den Fürsten.

„Ja, aber er starb, glaube ich, nicht in Twerj, sondern in Jelissawetgrad,“ bemerkte der Fürst etwas verlegen. „Ich habe es von Pawlischtscheff gehört ...“

„In Twerj starb er,“ behauptete der General. „Kurz vor seinem Tode wurde er nach Twerj versetzt, vor dem Ausbruch der Krankheit. Sie waren damals viel zu klein, um sich jetzt noch der Versetzung oder der Reise entsinnen zu können, und Pawlischtscheff kann sich geirrt haben – er war ja doch auch nicht mehr als ein Mensch, wenn er auch sonst ein seltener Mensch war.“

„Sie kannten auch Pawlischtscheff?“

„Ein seltener Mensch war er, aber ich war ja doch Augenzeuge, ich habe ihm die Augen zugedrückt ...“

„Aber mein Vater starb doch, soviel ich weiß, als Untersuchungsgefangener,“ bemerkte wieder der Fürst, „obwohl ich niemals habe erfahren können, welches Vergehens er eigentlich beschuldigt worden ist. Er starb im Hospital.“

„Oh, das war doch die Geschichte mit dem Soldaten Kolpakoff – der Fürst wäre ganz zweifellos freigesprochen worden!“

„Ja? Sie wissen es genau?“ fragte der Fürst lebhaft interessiert.

„Das fehlte noch, daß ich’s nicht wüßte!“ rief der General fast entrüstet aus. „Das Kriegsgericht löste sich auf, ohne auch nur das geringste Urteil zu fällen. Ein ganz unmöglicher Fall! Man kann sogar sagen – geradezu mysteriös! Eines Tages stirbt der Hauptmann Larionoff, unser Kompagniechef; dem Fürsten werden zeitweilig die Pflichten desselben übertragen; schön. Der gemeine Soldat Kolpakoff begeht darauf einen Diebstahl – er stiehlt einem Kameraden die Stiefel und vertrinkt sie; schön. Der Fürst – und vergessen Sie nicht, es geschah in Gegenwart des Feldwebels und Korporals – wäscht dem Kolpakoff tüchtig den Kopf und droht ihm mit Prügelstrafe. Sehr schön. Kolpakoff geht in die Kaserne, legt sich auf die Pritsche und nach einer Viertelstunde ist er tot. Vortrefflich. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls bleibt die Sache unerklärlich, geradezu unmöglich. Nun gut, Kolpakoff wird beerdigt; der Fürst rapportiert und Kolpakoff wird aus den Listen gestrichen. Die Sache ist erledigt, nicht wahr? Was kann man noch verlangen? Doch siehe da, genau nach einem halben Jahre steht bei einer Brigadebesichtigung der Soldat Kolpakoff, als wäre er nie gestorben, in der dritten Rotte des zweiten Bataillons des Nowosemljanskischen Infanterie-Regiments, in derselben Brigade und derselben Division!“

„Was!“ Der Fürst fiel natürlich aus den Wolken.

„Es verhält sich nicht so, das ist ein Irrtum!“ wandte sich plötzlich Nina Alexandrowna an den Fürsten, und ihr Blick bat ihn um Verzeihung. „Mon mari se trompe,“[4] fügte sie leise hinzu.

„Aber, mein Schatz, se trompe,[5] das ist leicht gesagt, aber urteile du über diesen Fall! Alles war natürlich baff! Ich hätte ja gern als erster gesagt, qu’oun se trompe![6] Zum Unglück aber war ich Augenzeuge und selbst ein Mitglied der Untersuchungskommission. Sämtliche Konfrontationen ergaben immer nur das eine: daß es derselbe, vollkommen derselbe Kolpakoff war, den man vor einem halben Jahr unter Trommelwirbel begraben hatte. Der Fall war wirklich eine Seltenheit, etwas fast Unmögliches, das gebe ich vollkommen zu, aber ...“

„Papa, das Essen für Sie ist schon aufgetragen,“ meldete Warwara Ardalionowna, ins Zimmer tretend.

„Ah, schön, schön! Ich habe auch schon Hunger ... Aber der Fall war, man kann wohl sagen, sogar psy–cho–logisch ...“

„Die Suppe wird wieder kalt werden!“ sagte Warjä ungeduldig.

„Ich geh’ ja schon,“ murmelte der General, der sich bereits gehorsam auf den Weg zu seiner Suppe machte, – „... doch trotz aller Untersuchungen,“ hörte man noch vom Korridor her.

„Sie werden Ardalion Alexandrowitsch vieles nachsehen müssen, wenn Sie bei uns bleiben,“ sagte Nina Alexandrowna zum Fürsten. „Übrigens wird er Sie nicht gar zu oft belästigen. Er speist auch allein. Sie werden zugeben, daß ein jeder seine Mängel hat und seine ... besonderen Eigenschaften, der kleinen vielleicht noch mehr als der großen, auf die man gewöhnlich mit Fingern zeigt. Nur um eines wollte ich Sie sehr bitten: falls mein Mann sich einmal wegen des Kostgeldes an Sie wenden sollte, so sagen Sie, daß Sie es mir bereits bezahlt hätten. Selbstverständlich wird Ihnen auch das, was Sie eventuell Ardalion Alexandrowitsch geben, als Bezahlung der Pension angerechnet werden, ich bitte Sie aber nur um der Ordnung willen ... Was ist das, Warjä?“

Warwara Ardalionowna, die den Vater hinausgeleitet hatte, war wieder zurückgekehrt und reichte der Mutter Nastassja Filippownas Photographie. Nina Alexandrowna zuckte zusammen und starrte, anfangs erschrocken, dann jedoch mit einem erdrückend bitteren Ausdruck auf das Bild der schönen Frau. Endlich blickte sie auf und sah fragend ihre Tochter an.

„Sie hat es ihm heute selbst geschenkt,“ sagte Warjä, „und am Abend wird sich alles entscheiden.“

„Heute abend!?“ stieß Nina Alexandrowna wie in hoffnungsloser Verzweiflung leise hervor. „Nun, dann kann hierüber kein Zweifel mehr bestehen, dann lohnt es sich auch gar nicht mehr, noch zu hoffen: mit dem Geschenk des Bildes hat sie alles gesagt ... Hat er es dir selbst gezeigt?“ fragte sie gleich darauf ganz verwundert.

„Sie wissen doch, daß wir schon über einen Monat kein Wort miteinander sprechen. Ptizyn hat mir alles erzählt, das Bild aber lag dort neben dem Tisch auf dem Fußboden. Ich hob es auf.“

„Ich wollte Sie fragen, Fürst,“ wandte sich Nina Alexandrowna an ihn, „deshalb bat ich Sie auch her – ob Sie meinen Sohn schon lange kennen? Er sagte, wenn ich mich nicht irre, daß Sie heute erst irgendwoher angekommen seien.“

Der Fürst gab ihr in kurzen Worten die nötigen Erklärungen. Mutter und Tochter hörten ihn ruhig an.

„Glauben Sie nicht, daß ich Sie über Gawrila Ardalionytsch ausforschen will, wenn ich Sie einiges frage,“ sagte Nina Alexandrowna. „O nein, das müssen Sie nicht von mir denken. Wenn es etwas gibt, was er mir nicht selbst sagen kann, so will ich sicher nicht hinter seinem Rücken danach forschen. Ich meine nur ... Ganjä sagte vorhin auf meine Frage, als Sie hinausgegangen waren: ‚Er weiß alles, vor ihm braucht man sich nicht zu genieren!‘ Was hat das nun zu bedeuten? Ich meine nur ... ich möchte gern wissen, inwiefern ...“

Ganjä und Ptizyn traten ins Zimmer. Nina Alexandrowna verstummte. Der Fürst blieb ruhig auf seinem Platz neben ihr sitzen, Warjä jedoch trat zur Seite. Nastassja Filippownas Bild lag, allen sichtbar, auf ihrem Nähtischchen. Ganjä bemerkte es sogleich, runzelte die Stirn, nahm es, ohne zu fragen, fort und warf es ärgerlich auf seinen Schreibtisch, der am anderen Ende des Zimmers stand.

„Was heute, Ganjä?“ fragte plötzlich Nina Alexandrowna.

„Was heute?“ fuhr Ganjä auf und zornig wandte er sich an den Fürsten. „Ah, ich verstehe, auch hier haben Sie! ... Ja, zum Teufel, ist das bei Ihnen eine Krank–heit oder was sonst für eine Manie? Können Sie denn wirklich nicht den Mund halten? So begreifen Sie doch wenigstens endlich, Fürst ...“

„Hier bin diesmal ich der Schuldige, Ganjä, und kein anderer,“ unterbrach ihn Ptizyn.

Ganjä sah ihn fragend an.

„Es ist schon besser so, Ganjä,“ fuhr Ptizyn fort, „um so mehr als es doch schon beschlossene Sache ist,“ brummte er halblaut, trat zur Seite, setzte sich am Tisch nieder und zog aus seiner Tasche ein mit Bleistift beschriebenes Blatt Papier hervor, das er aufmerksam zu studieren begann.

Ganjä blieb finster stehen und erwartete unruhig eine Familienszene. Sich beim Fürsten zu entschuldigen, fiel ihm gar nicht ein.

„Wenn alles beschlossen ist, so hat Iwan Petrowitsch natürlich recht,“ pflichtete Nina Alexandrowna Ptizyn bei. „Sei, bitte, nicht so böse und rege dich nicht auf, Ganjä, ich werde dich nicht danach fragen, wenn du es nicht selbst erzählen willst, und ich versichere dir, daß ich mich vollkommen ergeben habe. Also sei so gut und rege dich nicht mehr auf.“

Sie sagte es, ohne von der Arbeit aufzublicken, und war auch allem Anschein nach tatsächlich ruhig. Ganjä war etwas erstaunt, schwieg jedoch vorsichtshalber und wartete, was sie weiter sagen würde. Diese Familienszenen kamen seinen Nerven etwas teuer zu stehen. Nina Alexandrowna bemerkte diese Vorsicht, und so fügte sie mit bitterem Lächeln hinzu:

„Du zweifelst wohl immer noch und glaubst mir nicht. Ich versichere dir, es wird weder Tränen noch Bitten geben wie früher, wenigstens nicht meinerseits. Alles, was ich wünsche, ist ja nur, dich glücklich zu sehen; das weißt du doch. Ich habe mich dem Schicksal ergeben. Mein Herz wird immer bei dir sein, gleichviel ob wir beisammenbleiben oder auseinandergehn. Selbstverständlich rede ich nur von mir, und du kannst nicht verlangen, daß auch deine Schwester ...“

„Ah, versteht sich! Wieder die Schwester!“ rief Ganjä spöttisch aus, mit haßerfülltem Blick auf Warjä. „Mama! Ich schwöre Ihnen nochmals, worauf ich Ihnen schon mein Wort gegeben habe: solange ich hier bin, solange ich lebe, wird niemand Ihnen seine Achtung versagen dürfen. Gleichviel, wer es sei: wer über unsere Schwelle hereintritt, ist Ihnen die größte Ehrerbietung schuldig ...“

Ganjä war so erfreut, daß er fast zärtlich auf seine Mutter blickte.

„Für mich habe ich auch niemals etwas gefürchtet, Ganjä, ich habe mich nicht meinetwegen beunruhigt und gequält, das weißt du. Heute, sagt man, werde sich alles entscheiden – was wird sich denn entscheiden?“

„Sie hat versprochen, heute abend zu erklären, ob sie einverstanden ist oder nicht,“ antwortete Ganjä.

„Wir haben beinahe drei Wochen jedes Wort über diese Angelegenheit vermieden, und das war auch das Beste, was wir tun konnten. Jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist, erlaube ich mir nur eines – dich zu fragen: wie hat sie denn deinen Antrag annehmen und dir sogar ihr Bild schenken können, wenn du sie doch nicht liebst? Hast du denn wirklich eine so ... eine so ...“

„Nun, eine so erfahrene, wie?“

„Ich wollte mich nicht so ausdrücken. Hast du ihr denn wirklich in solchem Maße ... Sand in die Augen zu streuen vermocht?“

Eine ungewöhnliche Gereiztheit klang plötzlich aus dieser Frage. Ganjä stand, dachte eine Weile nach und sagte dann mit unverhohlenem Spott:

„Sie haben sich hinreißen lassen, Mama, haben sich doch nicht bemeistern können. So haben ja alle diese Gespräche bei uns begonnen. Sie sagten, es würde weder Fragen noch Vorwürfe geben, und da haben wir nun beides! Wozu von neuem anfangen? Lassen wir es doch lieber, es ist wirklich besser. Wenigstens haben Sie die Absicht gehabt ... Ich werde meine Eltern und Geschwister niemals verlassen, unter keinen Umständen; ein anderer würde von einer solchen Schwester zum mindesten fortlaufen, – seht doch, wie sie mich fixiert! Doch beenden wir dieses Gespräch! Ich hatte mich schon so gefreut ... Woher wissen Sie denn, daß ich Nastassja Filippowna betrüge? Und was Warjä betrifft, so – nun, wie sie selbst will. Doch genug! ... Aber jetzt wirklich einmal Schluß damit!“

Ganjä wurde mit jedem Wort erregter und wanderte ziellos im Zimmer umher. Diese Gespräche waren der wunde Punkt der Familie.

„Ich habe gesagt, sobald sie hier eintritt, gehe ich von hier fort, und ich werde mein Wort halten,“ sagte Warjä.

„Aus Eigensinn! Natürlich!“ rief Ganjä wütend aus. „Aus Eigensinn will sie ja auch nicht heiraten! Was zuckst du mit der Schulter? Mir ist es wahrhaftig ganz egal, was Sie zu tun gedenken, gnädigste Warwara Ardalionowna! Ist es gefällig, dann – bitte: führen Sie Ihre Absicht ohne Aufschub aus. Weiß Gott, ich hab’ Sie mehr als satt. Wie! Sie entschließen sich also endlich doch, uns allein zu lassen, Fürst?“ wandte er sich an diesen, als er bemerkte, daß der Fürst sich erhob.

Ganjäs Stimme verriet bereits jenen Grad von Gereiztheit, in dem der Mensch sich fast über dieselbe freut und sich rückhaltlos und womöglich mit wachsender Freude von ihr hinreißen läßt, gleichviel wohin sie ihn führen kann. Der Fürst wandte sich in der Tür zurück, um etwas zu entgegnen, doch als er an dem krankhaft verzerrten Gesicht seines Beleidigers sah, daß nur noch ein Tropfen zum Überfließen fehlte, trat er schweigend aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als die Stimmen im Empfangszimmer noch bedeutend lauter und heftiger wurden.

Er ging durch den sogenannten „Salon“ – richtiger die „gute Stube“ – ins Vorzimmer, um von dort durch den Korridor in sein Zimmer zu gelangen, doch im Vorübergehen an der Eingangstür bemerkte er, daß draußen auf dem Treppenflur sich jemand vergeblich bemühte, die Klingel zu ziehen. Am Klingelzuge mußte aber irgend etwas nicht ganz in Ordnung sein, denn die Glocke zitterte nur, doch ein Ton war nicht zu hören. Der Fürst trat näher, schloß auf, öffnete die Tür und – trat zusammenzuckend erschrocken einen Schritt zurück: vor ihm stand Nastassja Filippowna. Er erkannte sie sofort. Ihre Augen blitzten vor Unwillen. Sie trat schnell ins Vorzimmer, wobei sie ihn mit der Schulter berührte, da er ihr im Wege stand und sagte zornig, indem sie den Pelz abwarf:

„Wenn ein Diener zu faul ist, den Klingelzug in Ordnung zu bringen, so sollte er doch wenigstens im Flur sitzen, damit man nicht stundenlang vergeblich zu klopfen braucht. Da hat er noch den Pelz fallen lassen, Tölpel!“

Der Pelz lag tatsächlich auf dem Fußboden. Nastassja Filippowna hatte, an Bedienung gewöhnt, den Pelz einfach abgeworfen, ohne sich umzusehen oder zu warten, bis der Fürst ihn ihr abgenommen hätte. Dieser aber versäumte es, ihn aufzufangen.

„Dich müßte man wahrlich entlassen. Geh, melde mich.“

Der Fürst wollte zwar etwas sagen, war jedoch so verwirrt, daß er nichts hervorbrachte und mit dem Pelz, den er aufgehoben hatte, in das Empfangszimmer gehn wollte.

„Da! – er geht mitsamt dem Pelz! Wozu nimmst du denn den Pelz mit! Hahaha! Oder bist du total verrückt?“

Der Fürst kehrte zurück und starrte sie wie ein Götzenbild an. Erst nach ihrem Lachen kam etwas Leben in sein Gesicht: er lächelte, doch die Zunge konnte er immer noch nicht bewegen. Im ersten Augenblick, als er ihr die Tür geöffnet hatte, war er erbleicht, jetzt stieg plötzlich eine heiße Blutwelle in sein Gesicht.

„Ach, das ist ja ein Idiot!“ rief Nastassja Filippowna aus. „Nun, wohin gehst du denn? So wart’ doch! Nun, wen wirst du denn melden?“

„Nastassja Filippowna,“ murmelte der Fürst.

„Woher kennst du mich?“ fragte sie erstaunt. „Ich habe dich nie gesehen! Geh jetzt, melde mich! Was ist das für ein Geschrei?“

„Sie streiten dort,“ antwortete der Fürst und begab sich ins Empfangszimmer.

Er erschien dort in einem recht gefährlichen Augenblick: Nina Alexandrowna war bereits im Begriff, gänzlich zu vergessen, daß sie sich „vollkommen ergeben“ hatte. Ihre Tochter verteidigte sie. Ptizyn hatte sein mit Bleifeder beschriebenes Blatt Papier weggelegt und stand jetzt neben Warjä, die zwar selbst keine Angst hatte – doch wurden die Grobheiten ihres Bruders mit jedem Wort unerträglicher, und in solchen Fällen pflegte sie gewöhnlich zu verstummen und dann nur mit unsäglich spöttischem Blick den Bruder zu betrachten, ohne auch nur auf eine Sekunde die Augen von ihm abzuwenden. Dieses Verhalten aber konnte Ganjä, wie sie sehr wohl wußte, bis zum Äußersten bringen. In diesem Augenblick trat der Fürst ins Zimmer und meldete:

„Nastassja Filippowna.“