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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 13: IX.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

IX.

Alles verstummte. Alle blickten den Fürsten an, als könnten oder wollten sie ihn nicht verstehen. Ganjä war vor Schreck wie zu Stein erstarrt.

Nastassja Filippownas Besuch war für alle – und namentlich noch in diesem Augenblick – eine wahrhaft erschreckende Überraschung. Es war ihr erster Besuch in diesem Hause! Bis dahin hatte sie sich dermaßen hochmütig zu ihnen verhalten, daß in den Gesprächen mit Ganjä nicht einmal der Wunsch, seine Familie kennen zu lernen, von ihr geäußert worden war. In der letzten Zeit hatte sie seine Verwandten überhaupt nicht mehr erwähnt, ganz als gäbe es gar keine. Zwar war es Ganjä einesteils auch ganz angenehm gewesen, daß dieses für ihn so unangenehme Gespräch hinausgeschoben wurde, doch im Herzen trug er diesen Hochmut sofort in ihr Schuldbuch ein. Jedenfalls aber hatte er von ihr eher spitze Bemerkungen über seine Familie erwartet als einen Besuch. Er wußte ganz genau, daß ihr alles bekannt war, was bei ihm zu Hause infolge seiner Werbung um ihre Hand vorging, und welcher Meinung seine Familie über sie war. Ihr Besuch jedoch gerade an diesem Tage und in diesem Augenblick, nachdem sie ihm ihr Bild geschenkt und am Abend desselben Tages das letzte entscheidende Wort zu sagen versprochen hatte – war das nicht ebensogut wie dieses Wort selbst?

Die starre Verständnislosigkeit, mit der alle den Fürsten ansahen, dauerte nicht lange: Nastassja Filippowna erschien selbst in der Tür und stieß beim Eintritt wiederum den Fürsten leicht zur Seite.

„Endlich ist es mir gelungen, einzutreten ... Warum binden Sie denn die Glocke fest?“ sagte sie fröhlich, indem sie Ganjä, der ihr sofort entgegenstürzte, die Hand reichte. „Warum machen Sie ein so verdutztes Gesicht? Stellen Sie mich doch vor, bitte ...“

Ganjä, der gänzlich den Kopf verloren hatte, stellte sie zuerst seiner Schwester vor, und beide Frauen maßen einander, bevor sie sich die Hand reichten, mit seltsamem Blick. Nastassja Filippowna lachte übrigens und markierte Fröhlichkeit, doch Warjä wollte sich nicht verstellen und sah sie finster und unverwandt an; nicht einmal der Schatten eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. Ganjä erbleichte; sie bitten oder bereden war unmöglich, und so blickte er sie nur so drohend an, daß sie aus seinem Blick wohl begreifen mußte, was die Minute für sie bedeutete. Da entschloß sie sich denn, nachzugeben, und sie lächelte Nastassja Filippowna kaum merklich zu. Der schlechte Eindruck wurde etwas wieder gutgemacht durch Nina Alexandrowna, welcher Ganjä in seiner Verwirrung Nastassja Filippowna nach der Schwester vorstellte. Doch kaum begann Nina Alexandrowna etwas von ihrem „besonderen Vergnügen“ zu sprechen, als Nastassja Filippowna, ohne sie bis zu Ende anzuhören, sich schon an Ganjä wandte, den sie, sich unaufgefordert auf ein kleines Sofa in der Ecke am Fenster setzend, lachend fragte:

„Wo ist denn Ihr Bureau? Und ... und wo sind denn die Pensionäre? Sie vermieten doch möblierte Zimmer mit Kost und Bedienung?“

Ganjä wurde feuerrot und wollte etwas erwidern, doch Nastassja Filippowna ließ ihn nicht zu Worte kommen:

„Aber wie können Sie denn hier Pensionäre halten? Sie haben ja nicht einmal ein Arbeitszimmer für sich! Bringt denn das auch viel ein?“ wandte sie sich an Nina Alexandrowna.

„Es macht ein wenig Mühe,“ antwortete diese, „aber selbstverständlich muß es doch etwas einbringen. Wir haben übrigens erst ...“

Doch Nastassja Filippowna hörte ihr schon wieder nicht mehr zu: sie betrachtete Ganjä, lachte und fragte:

„Was machen Sie denn für ein Gesicht? Oh, mein Gott, sehen Sie doch nur, was für ein Gesicht er macht!“

Während sie noch lachte, ging in Ganjäs Gesicht eine große Veränderung vor sich: die Starrheit, die lächerliche, feige Fassungslosigkeit verließen ihn ganz plötzlich; er erbleichte unheimlich, seine Lippen verzogen sich wie in einem krampfartigen Zucken, und schweigend, unverwandt und ruhig sah er mit Böses verheißendem Blick seinem lachenden Gast in die Augen.

Es war aber noch ein Beobachter anwesend, dem, wenn er auch immer noch auf demselben Fleck an der Tür des Empfangszimmers stand, doch plötzlich die Blässe und die unheilverkündende Veränderung in Ganjäs Gesicht auffiel, und den sie erschrecken machte. Dieser Beobachter war der Fürst. Fast mechanisch trat er vor und näherte sich Ganjä:

„Trinken Sie Wasser ... und sehen Sie nicht so ...“ stieß er leise hervor.

Man sah es ihm an, daß er es ohne jede Überlegung oder gar Berechnung sagte, sondern daß einfach sein Instinkt aus ihm sprach. Doch seine Worte machten einen entsetzlichen Eindruck. Wie es schien, wandte sich Ganjäs ganze Wut plötzlich gegen den Fürsten: er packte ihn an der Schulter und blickte ihn mit unsäglichem Haß an, mit einem Haß, der ihn kein Wort hervorbringen ließ. Alle fuhren zusammen. Nina Alexandrowna schrie sogar leise auf. Ptizyn näherte sich schnell. Koljä und Ferdyschtschenko, die in der offenen Tür erschienen, blieben verwundert stehen. Nur Warjä blickte unverändert unter der Stirn hervor und beobachtete aufmerksam. Sie setzte sich absichtlich nicht, sondern stand, die Arme über der Brust gekreuzt, etwas abseits neben dem Stuhl der Mutter.

Im übrigen besann sich Ganjä sofort, fast schon im nächsten Augenblick. Dann lachte er nervös auf. Da war er bereits ganz zur Besinnung gekommen!

„Ja, sind Sie denn ein Arzt, Fürst?“ rief er aus, bemüht, möglichst heiter zu erscheinen. „Sie können einen ja wahrhaftig erschrecken! Nastassja Filippowna, gestatten Sie, Ihnen vorzustellen – ein kostbares Subjekt! Zwar kenne ich ihn selbst erst seit dem Morgen ...“

Nastassja Filippowna blickte erstaunt den Fürsten an.

„Fürst? Er ist ein Fürst? Denken Sie sich, ich hielt ihn, als ich eintrat, dort im Vorzimmer für den Diener und schickte ihn her, um mich anzumelden! Hahaha!“

„Kein Malheur, kein Malheur!“ fiel Ferdyschtschenko sofort nähertretend ein, sichtlich erfreut darüber, daß man zu lachen begann: „Das hat nichts zu sagen: se non è vero ...“

„Und ich habe Sie ja fast gescholten, Fürst. Verzeihen Sie, bitte. Aber wie kommen Sie denn, Ferdyschtschenko, zu dieser Tageszeit hierher? Haben Sie heute Feiertag? Ich glaubte, daß ich zum mindesten Sie hier nicht antreffen würde. Was? Wer? Was für ein Fürst? Myschkin?“ fragte sie Ganjä, der ihr inzwischen den Fürsten, den er immer noch an der Schulter hielt, vorgestellt hatte.

„Er wohnt bei uns,“ erläuterte Ganjä.

Augenscheinlich wurde der Fürst, (der als Retter aus der peinlichen Situation allen sehr gelegen kam) wie etwas Seltenes vorgestellt, ja, er wurde ihrer Aufmerksamkeit nahezu aufgedrängt. Der Fürst hörte sogar das Wort „Idiot“ hinter seinem Rücken flüstern, das wahrscheinlich Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna zur Erklärung zuraunte.

„Sagen Sie doch, warum klärten Sie mich vorhin nicht auf, als ich mich so unverzeihlich ... in Ihnen täuschte?“ fragte Nastassja Filippowna, die den Fürsten in der ungeniertesten Weise vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.

Sie erwartete ungeduldig, was er sagen würde, ganz, als wäre sie von vornherein überzeugt gewesen, eine so dumme Antwort zu erhalten, daß alle in schallendes Gelächter ausbrechen müßten.

„Ich war zu überrascht, als ich Sie so plötzlich vor mir sah ...“ begann der Fürst.

„Aber woher wußten Sie denn, wer ich bin? Wo haben Sie mich früher gesehen? Aber was ist das, wirklich, es scheint mir, daß ich Sie irgendwo gesehen habe ... Und erlauben Sie, – warum erstarrten Sie denn plötzlich, nachdem Sie mir die Tür aufgemacht hatten? Was ist denn an mir, das so erstarren machen kann?“

„Nun! na! los doch!“ rief ihm Ferdyschtschenko Grimassen schneidend in aufmunternd sein sollendem Tone zu. „Na, schießen Sie doch los! Herrgott! was ich auf eine solche Frage reden würde! Aber so ... na! Ach, bist du aber ein Tölpel, Fürst!“

„Oh, an Ihrer Stelle würde auch ich zu reden verstehen,“ wandte sich der Fürst lächelnd an Ferdyschtschenko. „Mich hat heute Ihre Photographie frappiert,“ fuhr er zu Nastassja Filippowna fort, „dann habe ich mit Jepantschins von Ihnen gesprochen ... und früh am Morgen, noch bevor ich in Petersburg angekommen war, hat mir im Eisenbahnzuge Parfen Rogoshin viel von Ihnen erzählt. Und in jenem Augenblick, als ich Ihnen die Tür aufmachte, dachte ich auch wieder an Sie – und da standen Sie plötzlich vor mir.“

„Aber wie haben Sie mich denn erkannt?“

„Nach der Photographie und ...“

„Und?“

„Und ... weil ich Sie mir gerade so vorstellte ... Ich glaube, Sie gleichfalls irgendwo gesehen zu haben.“

„Wo? Wo?“

„Ich glaube Ihre Augen irgendwo gesehen zu haben ... aber das kann ja nicht sein! Das ist nur so ... Ich bin nie hier gewesen. Vielleicht im Traum.“

„Eh–hee! Seht doch mal an!“ rief Ferdyschtschenko laut dazwischen. „Nein, ich nehme mein ‚se non è vero‘ zurück! Doch ... doch übrigens – das hat er ja alles nur aus Unschuld gesagt!“ fügte er mitleidig bedauernd hinzu.

Der Fürst hatte die wenigen Sätze mit einer unruhigen Stimme gesprochen, dazwischen in der Erregung oft Atem geschöpft oder kurz abgebrochen, weshalb seine Rede denn auch geradezu abgehackt klang. Nastassja Filippowna sah ihn interessiert an, doch hatte sie aufgehört zu lachen. Da ertönte plötzlich eine neue laute Stimme hinter der Gruppe, die Nastassja Filippowna umstand. Der Neueingetretene brach sich majestätisch Bahn und – vor Nastassja Filippowna verneigte sich das Oberhaupt der Familie in eigener Person. General Iwolgin war im Frack und in sauberem Vorhemd. Sein Schnurrbart war starr aufgewichst.

Doch das war zuviel für Ganjä:

Dieser selbstgefällige, bis zur Hypochondrie ehrgeizige Mensch, der in den ganzen zwei Monaten vergeblich nach einem Piedestal gesucht, auf dem er höher dastehen und sich edler ausnehmen könnte, mußte nun fühlen, daß er noch ein Neuling auf dem erwählten Wege war und vielleicht nicht einmal bis zum Ende aushalten würde; dieser Mensch, der sich dann in der Verzweiflung zur größten Gemeinheit entschlossen hatte, was er bei sich zu Hause, wo er als richtiger Despot herrschte, auch vollkommen eingestand, Nastassja Filippowna gegenüber jedoch – die geradezu unbarmherzig das Übergewicht behielt, was sie ihn auch fühlen ließ – nie und nimmer einzugestehen gewagt hätte; dieser „ungeduldige Bettler“, wie sie ihn einmal genannt, was ihm bald darauf hinterbracht worden war, hatte sich mit allen Schwüren geschworen, sie in der Folge bitter dafür büßen zu lassen, während er gleichzeitig wie ein Kind davon träumen konnte, wie er alles gutmachen, alle Widersprüche vereinen und nichts als Glück schaffen würde; – dieser Mensch mußte jetzt den furchtbarsten Kelch leeren! Ihm war auch noch diese schreckliche, für einen ehrgeizigen Menschen allerschrecklichste Folter zugedacht: die Qual, für seine Angehörigen erröten zu müssen, und das dazu noch in seinem eigenen Hause!

„Aber ist denn schließlich der verheißene Lohn auch all dieser Qualen wert?“ fuhr es ihm jetzt plötzlich durch den Kopf.

Und in eben diesem Augenblick geschah das, was in den letzten zwei Monaten wie ein Alpdruck auf ihm gelastet, ihn vor Entsetzen frösteln und vor Scham erglühen gemacht hatte: Nastassja Filippowna lernte seinen Vater kennen. Wenn er sich bisweilen selbst gereizt und gequält hatte, dann hatte er sich wohl den Vater während der Zeremonie der kirchlichen Trauung vorzustellen versucht, doch nie war er fähig gewesen, das peinigende Bild sich bis zu Ende vorzustellen, sondern hatte es immer schnell wieder verscheucht. Vielleicht sah er das Unglück viel zu schwarz – aber das pflegt ja bei ehrgeizigen Menschen immer der Fall zu sein! In diesen zwei Monaten hatte er sich die Sache mehrfach überlegt und dann doch beschlossen und sich das Wort gegeben, seinen Vater irgendwie „unschädlich“ zu machen, ihn wenigstens für eine kurze Zeit, falls das möglich war, ganz aus Petersburg fortzuschaffen, gleichviel, ob seine Mutter es billigte oder nicht. Vor zehn Minuten, nach Nastassja Filippownas unerwartetem Erscheinen, war er so bestürzt, so betäubt gewesen, daß er an die Möglichkeit, sein Vater könne gleichfalls erscheinen, gar nicht gedacht hatte. Und nun stand der General hier vor allen feierlich und lächerlich in Frack und weißer Binde, und das in einem Augenblick, in dem Nastassja Filippowna „offenbar nur eine Gelegenheit suchte, ihn und seine Familie zu verspotten“ – davon war Ganjä überzeugt. Denn in der Tat: was konnte dieser ihr Besuch anders bedeuten? War sie gekommen, um die Freundschaft seiner Mutter und Schwester zu suchen, oder um sie in ihren vier Wänden zu beleidigen? Ein Blick genügte, um zu erkennen, wie sich die beiden Parteien zueinander stellten, und dieser Blick schloß jeden Zweifel aus: seine Mutter und Schwester saßen abseits, wie erniedrigt und verhöhnt, während Nastassja Filippowna ganz vergessen zu haben schien, daß sie mit ihnen in ein und demselben Zimmer saß ... Wenn sie sich aber in dieser Weise aufführte, so mußte sie natürlich etwas Besonderes im Sinn haben.

Ferdyschtschenko sprang sofort herbei, um den General vorzustellen, doch dieser kam ihm zuvor.

„Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin,“ sagte er pathetisch, sich verbeugend und lächelnd, „ein alter, unglücklicher Soldat und Vater einer Familie, die glücklich ist in der Hoffnung, in ihrem Schoß eine so bezaubernde ...“

Er sprach nicht zu Ende: Ferdyschtschenko schob ihm von hinten ganz unverhofft einen Stuhl unter, und zwar tat er das so schwungvoll, daß der General, der nach dem Essen gewöhnlich etwas schwach auf den Füßen war, bei diesem plötzlichen Stoß in die Kniekehlen wie ein Sack auf den Sitz plumpste, was ihn im übrigen durchaus nicht aus dem Konzept brachte. So saß er denn jetzt Nastassja Filippowna gegenüber, zog mit süßem Lächeln ihre Hand an die Lippen und küßte sie langsam und effektvoll. Überhaupt war es ziemlich schwer, den General aus der Fassung zu bringen. Sein Äußeres war, abgesehen von einer gewissen Nachlässigkeit in der Kleidung, immer noch ganz anständig, was er selbst wohl wußte. Er hatte früher nur in guter Gesellschaft verkehrt, von der er erst seit zwei oder drei Jahren endgültig ausgeschlossen war. Seit dieser Zeit hatte er sich auch erst angewöhnt, etwas gar zu zügellos gewissen Schwächen nachzugeben, doch die einmal erworbenen Manieren hatte er deshalb nicht eingebüßt. Nastassja Filippowna schien höchst erfreut über das Erscheinen Ardalion Alexandrowitschs zu sein, von dem sie natürlich schon viel gehört hatte.

„Ich habe gehört, daß mein Sohn ...“ begann Ardalion Alexandrowitsch.

„Ja, Ihr Sohn! Aber auch Sie sind mir mal einer! Warum sieht man Sie denn nie bei mir? Sie sind doch sein Vater? Verstecken Sie sich selbst oder werden Sie von Ihrem Sohn versteckt? Sie können doch wirklich zu mir kommen, ohne daß sich deshalb jemand kompromittiert zu glauben braucht.“

„Die Kinder des neunzehnten Jahrhunderts und deren Eltern ...“ wollte wieder der General beginnen.

„Nastassja Filippowna! Entschuldigen Sie, bitte, Ardalion Alexandrowitsch auf einen Augenblick, es wird nach ihm verlangt,“ unterbrach ihn plötzlich Nina Alexandrowna laut.

„Verlangt? Aber ich bitte Sie, ich habe soviel von ihm gehört und ihn schon lange einmal sehen wollen! Und was hat er denn so Unaufschiebbares vor? Er ist doch verabschiedet? Nicht wahr, Sie werden mich nicht verlassen, Ardalion Alexandrowitsch, Sie werden doch nicht fortgehen?“

„Ich verspreche Ihnen, daß er Sie selbst aufsuchen wird, doch jetzt bedarf er dringend der Ruhe.“

„Ardalion Alexandrowitsch, Sie sollen der Ruhe bedürfen!“ rief Nastassja Filippowna mit einer pikierten kleinen Grimasse aus, ganz wie ein leichtfertiges, dummes Gänschen, dem man ein Spielzeug fortnimmt.

Der General aber war im besten Zuge, sich wieder lächerlich zu machen.

„Aber mein Schatz! Du siehst doch!“ sagte er, sich feierlich an seine Gattin wendend, in vorwurfsvollem Tone und die Hand aufs Herz gepreßt.

„Werden Sie nicht von hier fortgehen, Mama?“ fragte Warjä laut.

„Nein, Warjä, ich bleibe bis zu Ende.“

Nastassja Filippowna konnte unmöglich diese Frage und Antwort nicht hören, doch ihre Fröhlichkeit schien nur noch zuzunehmen. Sie überschüttete den General mit Fragen, und binnen fünf Minuten war dieser in der siegesbewußtesten Stimmung und redete äußerst schwungvoll.

Koljä zupfte den Fürsten am Rockschoß.

„So bringen Sie ihn doch irgendwohin fort! Das geht doch nicht! Bitte!“ Dem armen Jungen standen vor Unwillen Tränen in den Augen. „Oh, dieser verwünschte Ganjä!“ fügte er bei sich noch hinzu.

„Mit Iwan Fedorowitsch Jepantschin war ich einstmals allerdings eng befreundet,“ erzählte der General in bester Laune auf eine Frage Nastassja Filippownas. „Ich, er und der verstorbene Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, dessen Sohn ich heute nach zwanzigjähriger Trennung in meine Arme geschlossen habe, – wir drei waren eine sozusagen unzertrennliche Kavalkade: Athos, Portos und Aramis. Aber ach, der eine liegt im Grabe, gefällt von Kugeln und Verleumdungen, der andere sitzt vor Ihnen und kämpft noch mit Verleumdungen und Kugeln ...“

„Kugeln?“ fragte Nastassja Filippowna, scheinbar sehr erstaunt.

„Hier in meiner Brust, beim Sturm auf Kars erhalten, und wenn das Wetter umschlägt, fühle ich jede einzeln. In allen anderen Beziehungen lebe ich als Philosoph, gehe spazieren, mache in meinem Café ein Spielchen, wie ein vom Geschäft zurückgezogener Bourgeois, und lese die Zeitung. Doch mit unserem Portos Jepantschin habe ich nach jener vor drei Jahren im Eisenbahncoupé passierten Geschichte mit dem Bologneserhündchen ein für allemal die Freundschaft gebrochen.“

„Einem Bologneserhündchen? Was war denn das für eine Geschichte?“ fragte Nastassja Filippowna mit ganz besonderem Interesse. „Mit einem Bologneserhündchen sagen Sie? Erlauben Sie, und im Eisenbahncoupé ...“ sie schien in ihrem Gedächtnisse irgend etwas zu suchen.

„Oh, nichts Besonderes, eine dumme Geschichte, die zu wiederholen sich gar nicht lohnt: die Schuld an allem trug die Gouvernante der Fürstin Bjelokonskaja, eine Mrs. Smith, doch ... es lohnt sich nicht, sie zu erzählen.“

„Aber unbedingt müssen Sie sie uns erzählen!“ bestand Nastassja Filippowna fröhlich auf ihrem Wunsch. „Auch ich habe sie noch nie vernommen!“ bemerkte Ferdyschtschenko. „C’est du nouveau![7]

„Ardalion Alexandrowitsch!“ ertönte wieder beschwörend Nina Alexandrownas Stimme.

„Papa, jemand will Sie sprechen!“ rief Koljä.

„Eine ganz dumme Geschichte, nur zwei Worte,“ begann der General mit großer Selbstzufriedenheit. „Vor zwei Jahren, ja fast vor zwei Jahren – auf der neuen Eisenbahnlinie Petersburg–Warschau mußte ich in einer für mich äußerst wichtigen Angelegenheit, die mit meinem Austritt aus dem Dienst in Zusammenhang stand – ich trug bereits Zivil – eine Reise unternehmen. Ich löse also ein Billett erster Klasse, steige ein, setze mich, rauche. Oder vielmehr, fahre fort zu rauchen; denn ich hatte mir die Zigarre schon früher angesteckt. Bin ganz allein im Coupé. Das Rauchen ist nicht verboten, ist aber auch nicht gerade gestattet, sondern so–o ... halb und halb, wie gewöhnlich, und natürlich – je nachdem. Das Fenster ist heruntergelassen. Plötzlich, kurz vor dem letzten Pfiff, steigen zwei Damen mit einem kleinen Bologneser ein und setzen sich mir vis-à-vis. Hatten sich etwas verspätet. Die eine pompös gekleidet, ganz in Hellblau; die andere etwas bescheidener in schwarzer Seide mit einer kleinen Pelerine. Beide, nicht gerade häßliche Frauenzimmer, scheinen nur im allgemeinen etwas sehr ‚von oben herab‘ zu sein, sprechen englisch. Ich natürlich verhalte mich ganz ruhig; rauche meine Zigarre. Das heißt, im ersten Augenblick dachte ich wohl so bei mir, aber schließlich – das Fenster war heruntergelassen, weshalb soll ich nicht zum Fenster hinausrauchen? Der kleine Bologneser ruht auf dem Schoß der Hellblauen so ’n kleines Tierchen, nicht größer als meine Faust, pechschwarz, weiße Pfötchen – eine Seltenheit zweifellos. Das Halsbändchen war aus Silber und mit einer Inschrift versehen. Nun, ich – merke nichts. Bemerke nur, daß die Damen sich über mich zu ärgern scheinen, natürlich wegen der Zigarre. Die eine betrachtet mich durchs Lorgnon – aus echtem Schildpatt, versteht sich. Ich jedoch – merke nichts. Weshalb sagen sie denn nichts? So sollen sie doch den Mund auftun! Hätten sie mich darauf aufmerksam gemacht, etwas gesagt, mich gebeten, sie waren doch nicht stumm! Aber so – wie soll ich’s denn wissen? ... Plötzlich – und zwar ohne die geringste Vorbereitung, ich sage Ihnen, ohne die allergeringste, als wäre sie übergeschnappt – reißt mir die Hellblaue, schwaps! die Zigarre aus der Hand und wirft sie zum Fenster hinaus. Na, die war gewesen, den Zug hält man nicht auf. Ich mache ein dummes Gesicht, staune sie an: ein wildes Weib, ich sage Ihnen, ein vollkommen wildes Weib! Stattlich, groß, üppig, blond, rosig – vielleicht etwas zu rosig – und die Augen blitzen mich nur so an. Ich – ohne ein Wort zu verlieren, strecke mit der größten Höflichkeit, mit der feinsten Höflichkeit langsam meine Hand nach dem Bologneser aus, fasse ihn delikat mit zwei Fingern am Schopf und – wups! werfe ihn gleichfalls zum Fenster hinaus, dorthin, wo die Zigarre lag! Er quiekte nur einmal, zum Kläffen kam er gar nicht. Na, der Bologneser war auch gewesen! Den Zug hält man nicht auf, der geht.“

„Sie Ungeheuer!“ rief Nastassja Filippowna köstlich amüsiert aus, klatschte Beifall und lachte wie ein kleines Mädchen über den gelungenen Streich.

„Bravo, bravo!“ rief Ferdyschtschenko.

Auch Ptizyn lachte, obgleich ihm das Erscheinen des Generals nicht minder unangenehm war, und sogar Koljä lachte und rief seinem Vater ein Bravo zu.

„Und ich war doch im Recht, im Recht, doppelt und dreifach im Recht!“ fuhr der triumphierende General fort; „denn wenn im Coupé das Rauchen verboten ist, so sind es Hunde erst recht!“

„Bravo, Papa!“ rief Koljä begeistert aus, „das war großartig! Ich hätte es unbedingt ebenso gemacht!“

„Aber was tat denn die Dame?“ fragte in ungeduldiger Neugier Nastassja Filippowna.

„Sie? Ja, hier erst beginnt das Unangenehme an der ganzen Geschichte,“ fuhr der General stirnrunzelnd fort. „Ohne ein Wort zu sagen und ohne die geringste Vorbereitung, gab sie mir eine schallende Ohrfeige! Ein wildes Weib, ein vollkommen, ein selten wildes Weib, sage ich Ihnen.“

„Und Sie?“

Der General schlug die Augen nieder, zog die Brauen in die Höhe, preßte die Lippen zusammen, hob die Schultern, während er die Hände gleichsam entschuldigend auseinanderführte – es war eine Kunstpause – und sagte dann plötzlich nur kurz:

„Ließ mich hinreißen!“

„Oh! Und stark? Wirklich stark?“

„Bei Gott, durchaus nicht stark! Es kam zwar zu einem großen Skandal, aber ich hatte ja nur ein einziges Mal den Schlag zurückgegeben, eben nur – nun, um ihn zurückzugeben. Da kam aber der Teufel dazwischen und steckte seine Hand ins Spiel: die Hellblaue war, wie es sich herausstellte, die Gouvernante oder Engländerin oder gar Freundin der Fürstin Bjelokonskaja, die Dame in Schwarz aber war die älteste Tochter der Fürstin, ein älteres Mädchen von fünfunddreißig Jahren. Und wie die Generalin Jepantschin zum Hause Bjelokonskij steht, ist ja bekannt. Alle Damen fielen in Ohnmacht, Tränen, Trauer um den geliebten Schoßhund, Jammer und Geschrei aller sechs Töchter, und als siebente die Engländerin noch dazu – kurz, das Ende der Welt war nahe. Nun, versteht sich: ich wollte meine Entschuldigung machen, machte einen Besuch, um Verzeihung zu erbitten, schrieb sogar einen Brief, doch wurde weder ich, noch der Brief angenommen, und mit Jepantschin gab es Auseinandersetzungen, Kündigung der Freundschaft und darauf ewige Feindschaft!“

„Aber erlauben Sie, wie ist denn das?“ begann plötzlich Nastassja Filippowna, „vor fünf oder sechs Tagen habe ich in der Zeitung genau dieselbe Geschichte gelesen! Es war auf ein Haar dieselbe! Sie hatte sich am Rhein in einem Eisenbahncoupé zwischen einem Franzosen und einer Engländerin zugetragen: genau so hatte sie ihm die Zigarre aus der Hand gerissen, genau so hatte er ihr Hündchen aus dem Fenster geworfen, und genau so hatte es auch zwischen ihnen geendet. Sogar das hellblaue Kleid stimmt mit dem Bericht der Zeitung überein!“

Der General wurde über und über rot, und auch Koljä errötete und bedeckte vor Scham das Gesicht mit den Händen. Ptizyn wandte sich schnell ab. Nur Ferdyschtschenko lachte. Ganjä aber stand und ertrug stumm seine unerträgliche Qual.

„Ich ... ich kann Sie versichern,“ stotterte der General, „daß auch mir genau dasselbe passiert ist ...“

„Papa hatte wirklich einmal eine Unannehmlichkeit mit Mrs. Smith, der Gouvernante von Bjelokonskijs,“ rief Koljä dazwischen, „ich entsinne mich dessen noch sehr gut.“

„Wie! Ein und dieselbe Geschichte sollte an zwei verschiedenen Punkten Europas sich mit einer solchen Übereinstimmung aller Einzelheiten zutragen? Auch die Dame am Rhein hatte ein hellblaues Kleid!“ fuhr Nastassja Filippowna erbarmungslos fort. „Aber ich werde Ihnen doch die Zeitung – zuschicken!“

„Vergessen Sie nur nicht,“ bemerkte der General, „daß die Geschichte mir zwei Jahre früher passiert ist!“

„Ah, so, richtig, das wäre dann doch wenigstens ein Unterschied!“ Und Nastassja Filippowna lachte hellauf.

„Papa, ich bitte Sie, auf zwei Worte mit mir hinauszukommen,“ sagte jetzt mit zitternder, gequälter Stimme Ganjä, der den Vater mechanisch an der Schulter faßte.

In seinen Augen lag grenzenloser Haß.

Da ertönte plötzlich und jetzt erschreckend laut die Glocke im Vorzimmer. Ein Wunder, daß der Klingelzug nicht abgerissen wurde! Es mußte ein besonderer Besuch sein. Koljä eilte hinaus, um zu öffnen.