Der Fürst zog sich gleichfalls zurück und schloß sich in seinem Zimmer ein. Doch es dauerte nicht lange und Koljä klopfte an die Tür. Der arme Knabe konnte sich gar nicht mehr von ihm trennen und wollte ihn jetzt wenigstens trösten.
„Das war gut von Ihnen, daß Sie fortgingen,“ sagte er, „dort wird jetzt der Skandal noch heftiger losgehen als vorher. So geht es jetzt bei uns tagaus, tagein, und alles das hat uns nur diese Nastassja Filippowna eingebrockt!“
„Hier gibt es viel Krankes, das sich mit der Zeit aufgespeichert hat, Koljä,“ bemerkte der Fürst.
„Ja, viel Krankes. Aber von uns lohnt es sich gar nicht zu reden. Es ist unsere eigene Schuld. Ich habe einen kranken Freund, der ist noch viel unglücklicher. Wollen Sie, so werde ich Sie mit ihm bekannt machen?“
„Sehr gern. Es ist Ihr Schulkamerad?“
„Ja, so gut wie mein Schulkamerad. Ich werde Ihnen das später erzählen ... Aber ist Nastassja Filippowna nicht schön, was meinen Sie? Ich hatte sie ja bis jetzt noch nie gesehen, obschon ich mich sehr darum bemühte. Sie war wie ein Glanz! Ich würde Ganjka alles verzeihen, wenn er es aus Liebe täte; aber weshalb nimmt er Geld, das ist das Unglück!“
„Ja, Ihr Bruder gefällt mir nicht sehr.“
„Nun, das fehlte noch, daß er Ihnen gefiele! Ihnen, nachdem er ... Aber wissen Sie, ich kann alle diese verschiedenen Ansichten nicht ausstehen! Irgendein Verrückter oder Esel oder Räuber in verrücktem Zustande gibt eine Ohrfeige, und der Mensch ist dann für sein Leben lang entehrt und kann die Schmach nicht anders abwaschen als mit Blut, oder es sei denn, daß er kniend um Verzeihung gebeten wird. Meiner Meinung nach ist das einfach Unsinn! Darauf ist auch Lermontoffs Drama ‚Die Maskerade‘ aufgebaut, und deshalb ist es auch – dumm, meiner Meinung nach, vielmehr ... ich will damit nur sagen – es ist nicht natürlich. Aber er hat es ja fast noch in seiner Kindheit geschrieben.“
„Ihre Schwester gefällt mir sehr.“
„Wie sie Ganjka anspie, was? Bravo, Warjka! Sie hätten nicht gespien, aber nicht etwa aus Mangel an Mut, davon bin ich überzeugt. Ah, da ist sie ja selbst, hat es nicht vergessen. Ich wußte, daß sie kommen würde: sie ist edelmütig, wenn sie auch sonst ihre Mängel hat.“
„Du hast hier nichts zu suchen, Koljä,“ wandte sich Warjä zuerst an ihn. „Geh zum Vater. Langweilt er Sie nicht, Fürst?“
„Durchaus nicht, im Gegenteil.“
„Da hörst du es, Warjä! Sehen Sie, das ist das Schändlichstes an ihr: daß sie mich behandelt, als ob ich ein Baby wäre! Übrigens – ich dachte, daß der Vater bestimmt mit Rogoshin weggehen würde. Bereut jetzt wahrscheinlich. Nein, wirklich, man muß doch sehen, was er jetzt tut,“ meinte Koljä und ging hinaus.
„Gott sei Dank, Mama hat sich hingelegt und es ist zu keiner neuen Szene gekommen. Ganjä ist verwirrt und scheint ganz nachdenklich geworden zu sein. Hat auch allen Grund dazu. Die Lehre war nicht schlecht! ... Ich bin gekommen, um Ihnen zu danken, Fürst. Und dann wollte ich Sie noch eines fragen: Haben Sie Nastassja Filippowna bisher wirklich nicht gekannt?“
„Nein, ich habe sie nicht gekannt.“
„Wie kamen Sie dann darauf, ihr ins Gesicht zu sagen, daß sie nicht ‚so‘ sei? Und Sie haben auch, glaube ich, die Wahrheit erraten. Es zeigte sich, daß sie vielleicht wirklich nicht ‚so‘ ist. Übrigens werde ich aus ihr nicht klug. Natürlich hatte sie die Absicht, uns zu beleidigen, das ist klar! Ich habe auch früher schon viel Sonderbares von ihr gehört. Aber wenn sie wirklich gekommen war, uns einzuladen, wie konnte sie dann Mama so beleidigend behandeln? Ptizyn kennt sie sehr gut, auch er sagt, er habe vorhin nicht aus ihr klug werden können. Aber das mit Rogoshin? Wenn man sich selbst achtet, kann man so nicht reden im Hause seines ... Mama beunruhigt sich Ihretwegen sehr.“
„Ach, nichts!“ Der Fürst winkte abwehrend mit der Hand.
„Aber wie sie Ihnen gehorchte ...“
„Inwiefern gehorchte?“
„Sie sagten, sie solle sich schämen, und da war sie plötzlich ganz verändert. Sie haben einen Einfluß auf sie, Fürst,“ fügte Warjä mit kaum merklichem Lächeln hinzu.
Die Tür öffnete sich und ganz unerwartet erschien Ganjä.
Er trat nicht zurück, als er Warjä erblickte, stand eine Weile auf der Schwelle, und plötzlich näherte er sich entschlossen dem Fürsten.
„Fürst, ich habe schlecht gehandelt, verzeihen Sie es mir, lieber Mensch,“ sagte er mit tiefem Gefühl. Seine Züge drückten Schmerz aus. Der Fürst blickte ihn verwundert an und antwortete nicht sogleich.
„Nun, verzeihen Sie, nun, verzeihen Sie mir doch!“ drängte Ganjä ungeduldig. „Wenn Sie wollen, küsse ich Ihnen sofort die Hand!“
Der Fürst war ganz betroffen und traute seinen Ohren nicht. Doch besann er sich, und schweigend umarmte er ihn. Sie küßten sich herzlich.
„Ich hätte nie, nie gedacht, daß Sie dazu imstande wären,“ sagte endlich der Fürst erregt. „Ich glaubte, Sie wären unfähig ...“
„Um Verzeihung zu bitten? ... Wie ich vorhin nur darauf gekommen bin, Sie für einen Idioten zu halten! Sie bemerken Dinge, die andere nie bemerken. Mit Ihnen könnte man reden ... doch lieber nicht!“
„Hier ist noch jemand, den Sie um Verzeihung bitten müssen,“ sagte der Fürst, auf Warjä weisend.
„Nein, die gehört zu meinen Feinden. Glauben Sie mir, Fürst, es hat der Versuche nachgerade genug gegeben. Hier wird nicht aufrichtig verziehen!“ stieß Ganjä heftig hervor und wandte sich von seiner Schwester ab.
„Doch! ich werde verzeihen!“ sagte Warjä plötzlich ganz unerwartet.
„Und wirst heute auch zu Nastassja Filippowna kommen?“
„Ich werde kommen, wenn du es befiehlst, nur – sage selbst: besteht denn jetzt auch nur noch irgendeine Möglichkeit, daß ich zu ihr gehe?“
„Sie ist ja doch nicht so! Du siehst doch, was für Rätsel sie aufgibt! Launen, weiter nichts!“
Und Ganjä lachte böse.
„Das weiß ich selbst, daß sie nicht ‚so‘ ist und Launen hat, aber was für Launen?! Und dann noch eins, Ganjä, sieh: wofür hält sie dich selbst? Gut, sie hat Mama die Hand geküßt, mag das auch wiederum eine Laune sein, aber sie hat sich doch über dich lustig gemacht! Das aber, bei Gott, wiegen die Fünfundsiebzigtausend nicht auf, Bruder! Du bist noch edler Gefühle fähig, das weiß ich, deshalb rede ich auch noch. Hör’ auf mich, fahr’ auch selbst nicht zu ihr! Sei vorsichtig, nimm dich in acht, Bruder! Das kann kein gutes Ende nehmen.“
Erregt wandte sich Warjä schnell von ihm ab und verließ das Zimmer.
„So sind sie alle!“ sagte Ganjä mit ironischem Lächeln. „Ich möchte bloß wissen, ob sie wirklich glauben, daß ich es nicht selbst weiß? Ich weiß es ja noch hundertmal besser als sie.“
Ganjä setzte sich auf das Sofa, augenscheinlich in der Absicht, seinen Besuch noch länger auszudehnen.
„Wenn Sie es selbst wissen,“ begann der Fürst etwas unsicher, „wie haben Sie dann eine solche Qual auf sich nehmen können? Dann müssen Sie doch auch wissen, daß die Fünfundsiebzigtausend diese Qual nicht aufwiegen?“
Ganjä wandte sich mit einer hastigen Bewegung zum Fürsten.
„Ich rede nicht davon,“ brummte Ganjä. „Doch übrigens, sagen Sie mir Ihre Meinung, ich will gerade Ihre Meinung wissen: wiegen fünfundsiebzigtausend Rubel diese Qual auf oder nicht?“
„Meiner Meinung nach – nicht.“
„Nun, das konnt’ ich mir denken. Und so zu heiraten, ist beschämend?“
„Sehr beschämend.“
„Nun, so hören Sie denn, daß ich sie heiraten werde, und zwar jetzt unbedingt. Vorhin war ich noch unschlüssig, jetzt aber bin ich’s nicht mehr! Sagen Sie nichts! Ich weiß, was Sie sagen wollen ...“
„Ich werde nicht von dem sprechen, was Sie meinen, mich wundert nur Ihre feste Überzeugung ...“
„Überzeugung? Was für eine Überzeugung?“
„Ihre Überzeugung, daß Nastassja Filippowna Ihren Antrag so unfehlbar annehmen wird, was Sie ja geradezu für bereits entschieden und unterschrieben zu halten scheinen. Und zweitens, daß Sie glauben, die fünfundsiebzigtausend Rubel, selbst wenn sie Sie heiraten sollte, würden dann in Ihren alleinigen Besitz gelangen, und Sie würden sich das Geld sofort in die Tasche stecken können ... Im übrigen kenne ich die Verhältnisse nicht so genau ...“
„Natürlich wissen Sie nicht alles,“ sagte er, „weshalb sollte ich mir denn wohl diese ganze Bürde aufladen?“
„Ich glaube, daß es bei solchen Heiraten immer auf eins hinauskommt: das Geld wird geheiratet, doch die Besitzerin des Geldes bleibt die Frau.“
„N–nein, bei uns wird es nicht so sein ... Hier ... hier gibt es besondere Umstände ...“ brummte Ganjä, erregt seinen Gedanken nachhängend. „Und was ihre Antwort betrifft, so kann doch wohl darüber kein Zweifel mehr bestehen,“ fügte er schnell hinzu. „Oder woraus schließen Sie, daß Nastassja Filippowna mir einen Korb geben wird?“
„Oh, ich weiß nichts außer dem, was ich gesehen habe; aber auch Warwara Ardalionowna sagte ja ...“
„Ach! Das sagen sie alle nur so, wissen selbst nicht, was sie reden. Und über Rogoshin hat sie sich einfach nur lustig gemacht, das können Sie mir glauben, ich habe sie durchschaut. Das war ja ganz klar! Vorhin bekam ich allerdings einen Schrecken, aber jetzt weiß ich, woran ich bin. Oder schließen Sie es etwa daraus, wie sie meine Mutter und meinen Vater und Warjä behandelt hat?“
„Und Sie?“
„Nun, auch mich. Doch das ist ja nur Weiberart. Sie ist ein entsetzlich reizbares, argwöhnisches und selbstgefälliges Weib. Wie ein bei der Beförderung übergangener Beamter. Sie wollte sich selbst zeigen und die ganze Geringschätzung äußern, die sie für meine Familie empfindet ... nun, und, versteht sich auch für mich! Das ist wahr, ich will es nicht leugnen ... Doch ganz abgesehen davon, – heiraten wird sie mich! Sie ahnen gar nicht, zu welchen Stückchen die menschliche Eigenliebe fähig ist: da hält sie mich nun für einen Schuft, weil ich sie, die Geliebte eines anderen, so offenkundig um des Geldes willen nehme, und sagt sich nicht einmal, daß ein anderer sie noch viel gemeiner betrügen würde, – ihr den Hof machen und verschiedenes, liberal-fortschrittliches Zeug vorschwatzen würde, sämtliche Frauenfragen aufrollen und in diesem gewissen Sinne beleuchten, bis er sie schließlich wie einen Faden durchs Nadelöhr zieht. Er würde der selbstgefälligen Närrin versichern – nichts leichter als das! – daß er sie einzig wegen ihres ‚edlen Herzens‘ und ‚Unglücks‘ nehme. In Wirklichkeit aber will er nur ihr Geld haben. Ich gefalle ihr nicht, weil ich nicht schmeicheln will – das wäre aber nötig. Und aus welchem Grunde heiratet sie mich? Ist das bei ihr nicht ganz dieselbe Sache? Also mit welchem Recht darf sie mich dann verachten? Und weshalb spielt sie alle diese Stückchen? Doch nur, weil ich mich nicht unterwerfe und meinen Stolz zeige. Nun, wir werden ja sehen!“
„Haben Sie sie wirklich einmal geliebt?“
„Anfangs, ja, da habe ich sie geliebt. Doch genug davon ... Es gibt Weiber, die nur zu Geliebten taugen und zu nichts weiter. Ich will damit nicht sagen, daß sie meine Geliebte gewesen sei. Wenn sie vernünftig leben will, werde auch ich vernünftig leben. Fällt es ihr aber ein, rebellisch zu werden, so verlasse ich sie sofort und ziehe mit dem Gelde los. Ich will mich nicht lächerlich machen lassen – das vor allen Dingen nicht.“
„Es will mir immerhin scheinen,“ begann der Fürst vorsichtig, „daß Nastassja Filippowna klug ist. Weshalb sollte sie dann, wenn sie doch diese Qualen voraussieht, in die Falle gehen? Sie könnte ja ebensogut einen anderen heiraten. Das ist es, was mich wundert.“
„Aber da liegt doch gerade die Berechnung! Sie wissen nicht alles, Fürst ... hier ... und außerdem ist sie überzeugt, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, das schwöre ich Ihnen, und wissen Sie, ich vermute stark, daß auch sie mich liebt, auf ihre Art, versteht sich, etwa nach dem Sprichwort: ‚Wen ich liebe, den schlage ich.‘ Sie wird mich ihr Leben lang für einen dummen Jungen halten – das ist ja aber vielleicht gerade das, was sie haben will! – und mich dabei doch auf ihre Art lieben; wenigstens bereitet sie sich dazu vor, das ist nun einmal ihr Charakter. Sie ist eine echt russische Frau, das können Sie mir glauben. Nun, ich aber habe auch schon meine Überraschung für sie in Bereitschaft. Diese Szene vorhin mit Warjä kam ganz unerwartet, doch kann sie für mich nur vorteilhaft sein: jetzt hat sie selbst gesehen und sich überzeugt, daß ich zu ihr halte und um ihretwillen mit allem zu brechen bereit bin. Ja, ja, auch wir sind nicht ganz so dumm, wie es vielleicht den Anschein hat, ich versichere Sie. Oder glauben Sie am Ende gar, daß ich nichts als ein leerer Schwätzer bin? Lieber Fürst, es ist vielleicht tatsächlich dumm von mir, daß ich mich Ihnen anvertraue. Ich tue es ja nur, weil Sie der erste edle Mensch sind, der mir begegnet ist, deshalb habe ich mich nun sofort auf Sie gestürzt ... das heißt, das sollte keine Anspielung sein. Sie sind mir doch wegen des Vorgefallenen nicht mehr böse, wie? Ich spreche vielleicht jetzt nach zwei Jahren wieder zum erstenmal frei vom Herzen. Hier gibt es furchtbar wenig ehrliche Menschen; Ptizyn ist noch der ehrlichste unter ihnen. Wie, Sie lachen, scheint es, oder nicht? Schufte haben immer ehrliche Menschen gern – wußten Sie das noch nicht? Ich aber bin doch ... Übrigens, inwiefern bin ich denn ein Schuft, sagen Sie mir das doch auf Ehre und Gewissen? Weshalb nennen mich alle, nachdem sie’s einmal getan hat, einen Schuft? Und wissen Sie, weil sie es gesagt hat und die anderen es nachschwätzen, nenne auch ich mich so! Sehen Sie, das ist gemein von mir, – das ist so scheußlich gemein!“
„Ich werde Sie jetzt nie mehr so beurteilen,“ sagte der Fürst. „Vorhin hielt ich Sie bereits für einen ausgesprochenen Verbrecher ... Doch da kamen Sie und bereiteten mir diese Freude. Das war eine gute Lehre: Nicht urteilen, ohne geprüft zu haben. Jetzt sehe ich, daß man Sie nicht nur nicht für einen Verbrecher, sondern nicht einmal für einen allzu verdorbenen Menschen halten kann. Sie sind meiner Ansicht nach einfach der gewöhnlichste Mensch, den es nur geben kann, abgesehen höchstens von dem einen, daß Sie so ungemein schwach sind und so gar nicht originell.“
Ganjä lächelte spöttisch in sich hinein, schwieg aber. Als der Fürst sah, daß seine Äußerung ihre Wirkung verfehlt hatte, blickte er verwirrt zu Boden und schwieg gleichfalls.
„Hat mein Vater Sie schon um Geld gebeten?“ fragte plötzlich Ganjä.
„Nein.“
„Dann wird er Sie noch bitten, geben Sie ihm aber nichts. Und doch war er einmal ein anständiger Mensch, ich weiß, ich entsinne mich. Er verkehrte mit angesehenen Leuten. Wie schnell doch diese Leute alle verschwinden! Kaum hatten sich die Verhältnisse geändert, und aus war es mit ihnen, wie wenn Pulver verbrennt! Früher log er nicht so wie jetzt, ich versichere Sie. Früher war er nur ein begeisterungsfähiger Mensch, jetzt aber – Sie sehen, was aus ihm geworden ist. Natürlich hat auch der Wein seine Schuld daran. Wissen Sie schon, daß er eine Geliebte hier unterhält? O ja, er ist nicht nur so ein unschuldiger kleiner Lügner. Ich kann bloß die Langmut meiner Mutter nicht begreifen. Hat er Ihnen von der Belagerung der Festung Kars erzählt?“ Ganjä lachte. „Oder wie sein Schimmel das Maul auftat und sprach? Bisweilen kommt es sogar so weit!“ Und Ganjä hielt sich beinahe die Seiten vor Lachen.
„Weshalb sehen Sie mich so an?“ fragte er den Fürsten nach einer Weile verwundert.
„Ich wundere mich nur, daß Sie so aufrichtig lachen können. Sie haben ja noch ein ganz harmloses Kinderlachen. Als Sie mich um Verzeihung baten, sagten Sie: ‚Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen die Hand küssen‘ – ganz wie kleine Kinder sagen, wenn sie um Verzeihung bitten. So sind Sie also doch noch fähig zu solchen Worten und Regungen! Und dann plötzlich beginnen Sie einen ganzen Vortrag über die Finsternis in Ihrer Seele und jene fünfundsiebzigtausend Rubel – wirklich, alles das hat etwas so Ungereimtes an sich und Unmögliches, das kann ja gar nicht sein!“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Ob Sie nicht doch gar zu leichtsinnig handeln, und es nicht besser wäre, wenn Sie sich die Sache vorher noch etwas überlegen würden? Warwara Ardalionowna hat vielleicht so unrecht nicht.“
„Ah, die Moral! Daß ich noch ein ganzer Knabe bin, weiß ich selbst,“ fiel Ganjä lebhaft ein, „und wenn auch nur deshalb, weil ich mit Ihnen ein solches Gespräch angeknüpft habe. Ich, sehen Sie, Fürst, ich trete nicht aus Berechnung in die Ehe,“ fuhr er fort, wie ein in seiner Eigenliebe verletzter junger Mann. „Wenn ich es aus Berechnung täte, würde ich mich unfehlbar verrechnet haben, denn ich bin vorläufig weder als Charakter noch als Mensch im allgemeinen genügend gefestigt. Ich tue es jedoch aus Leidenschaft, aus innerem Triebe, denn ich habe ein großes Ziel im Auge. Sie denken, daß ich, wenn ich die fünfundsiebzigtausend erhalte, mir dann sofort eine eigene Kutsche zulegen werde? Nein, lieber Fürst, dann werde ich meinen ältesten, vor drei Jahren getragenen Rock hervorholen und ihn so lange tragen, wie er nur noch hält, und mit meinen Klubbekanntschaften ist es dann aus. Bei uns gibt es nur wenige Leute, die durchzuhalten verstehen, wenn sie auch alle Wucherer sind, ich aber will durchhalten. Hier ist die Hauptsache, daß man durchführt, was man beginnt – das ist das ganze Problem! Ptizyn hat mit siebzehn Jahren auf der Straße geschlafen und mit Federmessern gehandelt: er hat mit Kopeken angefangen. Jetzt besitzt er sechzigtausend Rubel, aber bedenken Sie, nach welch einer ... sagen wir Gymnastik! Nun, und ebendiese Gymnastik werde ich dann überspringen und gleich mit dem Kapital beginnen. Nach fünfzehn Jahren wird man sagen: ‚Sieh da, das ist Iwolgin, der Krösus!‘ Sie sagen mir, ich sei kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber Fürst, daß es für einen Menschen unserer Zeit und unseres Volkes nichts Beleidigenderes gibt, als wenn man zu ihm sagt, daß er nicht originell, nicht talentvoll, kurzum ein Dutzendmensch sei. Sie haben mich nicht einmal für einen gutmütigen Schuft zu halten geruht und wissen Sie, dafür hätte ich Sie vorhin töten mögen! Sie haben mich noch mehr beleidigt als Jepantschin, der mich für fähig hält – und zwar ohne viel Gerede, ohne Versuche, einfach in seiner Herzenseinfalt, merken Sie sich das – ja, für fähig hält, ihm für Geld meine Frau zu verkaufen! Das bringt mich schon lange aus der Haut. Geld will ich haben, Geld! Wenn ich erst Geld habe, wissen Sie, werde ich sofort im höchsten Grade originell sein. Das ist ja das Gemeinste und Verächtlichste am Gelde, daß es sogar Talente schafft! Und es wird sie schaffen, wird Talente schaffen, solange die Welt steht! Sie werden vielleicht sagen, daß alles das kindisch von mir sei, poetisch-sentimental womöglich, – nun gut, was ficht’s mich an, mir soll’s um so amüsanter sein; denn die Sache wird gemacht, da seien Sie unbesorgt! Ich werde sie durchführen! Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Weshalb beleidigt mich denn Jepantschin so in aller Harmlosigkeit? Aus Bosheit etwa? Nicht die Spur! Einfach, weil ich gesellschaftlich gar zu unbedeutend bin. Nun, dann aber ... Doch genug davon, und es ist auch Zeit. Koljä hat schon zweimal seine Nase hereingesteckt. Das bedeutet, daß er Sie zum Essen rufen will. Ich gehe fort. Ich werde hin und wieder bei Ihnen vorsprechen. Sie werden es bei uns nicht schlecht haben – man wird Sie jetzt mit offenen Armen in die Familie aufnehmen. Nur sehen Sie sich vor, daß Sie nichts ausplaudern. Ich glaube, wir zwei werden entweder sehr gute Freunde oder – bittere Feinde werden. Aber was meinen Sie, Fürst, wenn ich Ihnen vorhin die Hand geküßt hätte – wäre ich deshalb nachher Ihr Feind geworden?“
„Zweifellos, nur nicht für immer, lange würden Sie es doch nicht ausgehalten haben, und dann hätten Sie verziehen,“ entschied der Fürst nach einer Weile und er lachte.
„Oho! Mit Ihnen muß man ja wahrhaftig vorsichtig sein. Weiß der Teufel, Sie haben auch hier Gift hineingeträufelt. Wer weiß, vielleicht sind Sie auch mein Feind? Übrigens, haha! – ich vergaß ganz zu fragen: habe ich recht gesehen, wenn mir scheint, daß Nastassja Filippowna auch Ihnen – gefällt, wie?“
„Ja ... sie gefällt mir.“
„Verliebt?“
„N–nein.“
„Und dabei ist er feuerrot geworden und leidet! Nun tut nichts, tut nichts, ich werde nicht lachen, – auf Wiedersehen. Aber wissen Sie, sie ist ja doch ein tugendhaftes Weib – können Sie das glauben? Sie denken vielleicht, daß sie mit Tozkij lebt? Denkt nicht daran! Schon lange nicht mehr! Aber haben Sie bemerkt, daß sie selbst sehr leicht verlegen wird? Vorhin war sie in manchen Augenblicken ganz betreten! Nein wirklich. Gerade solche lieben dann das Herrschen. Nun, leben Sie wohl.“
Ganetschka verließ das Zimmer weit aufgeräumter, als er es betreten hatte. Er war sogar sehr guter Laune. Der Fürst blieb lange Zeit regungslos und in Gedanken versunken sitzen.
Koljä steckte wieder den Kopf durch die Türspalte.
„Ich will nicht essen, Koljä, ich habe bei Jepantschins gut gefrühstückt.“
Da trat Koljä ins Zimmer und reichte dem Fürsten einen zusammengefalteten versiegelten Zettel. Man sah es dem Gesicht des Knaben an, wie peinlich es ihm war, den Brief zu übergeben. Der Fürst las ihn, erhob sich und nahm seinen Hut.
„Es ist nur zwei Schritte von hier,“ sagte Koljä verwirrt. „Er sitzt jetzt bei der Flasche. Ich kann nur nicht begreifen, wie er sich dort Kredit verschafft hat! Aber lieber, guter Fürst, sagen Sie es dann nur nicht hier den anderen, daß ich Ihnen den Brief überbracht habe! Ich habe tausendmal geschworen, daß ich seine Briefe nicht mehr überbringen würde, aber er tut mir leid! Nur, wissen Sie, machen Sie keine Umstände mit ihm, geben Sie ihm irgendeine Kleinigkeit und damit abgemacht.“
„Ich hatte selbst die Absicht, ihn aufzusuchen, Koljä. Ich muß Ihren Vater sprechen ... in einer gewissen Angelegenheit ... also gehen wir.“