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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 16: XII.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

XII.

Koljä führte den Fürsten nicht weit: nur bis zur Liteinaja, in ein Café-Billard, das zu ebener Erde lag und seinen besonderen Eingang von der Straße hatte. Hier hatte sich Ardalion Alexandrowitsch in der Ecke eines kleinen Raumes als alter Stammgast niedergelassen, vor sich auf dem Tisch eine Flasche und in der Hand seine Zeitung. Er erwartete den Fürsten. Kaum hatte er ihn erblickt, als er die Zeitung auch schon beiseite legte und eine wortreiche Erklärung begann, von der der Fürst so gut wie nichts begriff; denn der General befand sich bereits in „vorgerücktem Stadium“.

„Zehn Rubel habe ich nicht,“ unterbrach ihn der Fürst, „doch hier sind fünfundzwanzig. Wechseln Sie das Geld und geben Sie mir fünfzehn zurück; denn sonst bleibe ich selbst ohne eine Kopeke.“

„Oh, sofort, sofort, sofort! Seien Sie überzeugt, daß ich sogleich ...“

„Ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen, General. Sind Sie niemals bei Nastassja Filippowna gewesen?“

„Ich? Ich nicht bei ihr gewesen? Fragen Sie das mich? Unzähligemal, unzähligemal, mein Lieber!“ rief der General wie in einem Anfall mit selbstzufriedener und stolzer Miene aus. „Doch habe ich schließlich selbst diese Beziehungen abgebrochen; denn ich will diese unanständige Verbindung nun einmal nicht zulassen. Sie haben doch selbst gesehen, Sie waren doch Zeuge heute: ich tat alles, was ein Vater tun konnte, und nicht wahr, ein guter und nachsichtiger Vater! Jetzt jedoch wird ein ganz anderer Vater auf die Szene treten, und dann – wollen wir sehen, ob dann der verdienstvolle alte Soldat die Intrige zerstören oder ob eine schamlose Kamelie in die vornehmste Familie eindringen wird!“

„Ich wollte Sie gerade bitten, ob Sie mich nicht, als Bekannter, bei Nastassja Filippowna heute abend einführen könnten? Es muß unbedingt noch heute geschehen, und ich weiß keine andere Möglichkeit, hinzugelangen. Ich wurde ihr heute zwar vorgestellt, doch hat sie mich nicht aufgefordert, und heute abend empfängt sie nur geladene Gäste. Ich würde sogar bereit sein, mich über gewisse gesellschaftliche Formen hinwegzusetzen, selbst wenn man sich auch über mich lustig machen sollte. Wenn ich nur nicht abgewiesen werde!“

„Ich habe genau, genau denselben Gedanken gehabt, mein junger Freund!“ rief der General begeistert aus. „Ich habe Sie nicht etwa dieses lumpigen Geldes wegen gerufen,“ fuhr er fort, indem er das Geld in die Tasche steckte, „sondern ich wollte Sie gerade zu diesem Gang zu Nastassja Filippowna auffordern, oder besser gesagt, zu diesem Feldzuge. General Iwolgin und Fürst Myschkin! Wie das klingt! Wird es ihr nicht imponieren? Und ich werde dann in aller Liebenswürdigkeit an ihrem Geburtsfest endlich meinen Willen aussprechen, – durch die Blume, versteht sich, nicht geradeaus ... aber es wird doch ebensogut wie geradeaus sein. Mag dann Ganjä selbst entscheiden, zu wem er halten will: zum alten verdienstvollen Vater und ... sozusagen ... und so weiter, oder ... Doch wir werden ja sehen. Ihr Einfall ist im höchsten Grade fruchtbar. Um neun Uhr brechen wir auf; bis dahin haben wir noch Zeit.“

„Wo wohnt sie?“

„Ziemlich weit von hier: neben dem Großen Theater, im Hause der Mytowzowa in der Beletage, gleich am Platz ... Es werden nicht viele Gäste bei ihr sein, – obschon sie heute ihren Geburtstag feiert, – und auch die werden früh aufbrechen.“

Inzwischen wurde es Abend. Der Fürst saß immer noch, hörte zu und wartete, daß der General sich endlich erheben würde. Dieser jedoch war ins Erzählen hineingekommen und gab alle seine Geschichten zum besten, von denen er immer wieder eine neue begann, ohne die vorhergehende beendet zu haben. Als der Fürst gekommen war, hatte der General eine neue Flasche bestellt und im Verlauf einer Stunde ausgetrunken; dann bestellte er noch eine, die er gleichfalls allein leerte. Man hätte denken können, daß der General in dieser Zeit so ungefähr sein ganzes Leben erzählte. Endlich riß dem Fürsten die Geduld: er erhob sich und erklärte, daß er nicht länger warten könne. Der General trank noch den letzten Rest aus, erhob sich dann gleichfalls und schritt äußerst unsicher aus dem Zimmer. Der Fürst war der Verzweiflung nahe, als er ihn gehen sah. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich auf den alten Trinker verlassen und sich ihm anvertraut hatte. (Im Grunde vertraute er sich nie einem Menschen an.) Er bedurfte des Generals ja nur, um an diesem Abend zu Nastassja Filippowna gelangen zu können, wenn es auch einen kleinen Skandal kostete! Immerhin hatte er nicht mit einem so unvermeidlichen und so großen Skandal gerechnet. Was sollte er tun? Der General war vollkommen betrunken und von einer Redseligkeit, die ihn ohne Unterbrechung mit Gefühl und „Tränen in der Seele“ sprechen ließ. Es drehte sich zumeist darum, daß durch die schlechte Aufführung seiner Familie – er selbst war natürlich nicht darunter gemeint – alles zugrunde gehe, und daß er nun endlich eingreifen müsse.

Sie traten auf die Liteinaja hinaus. Das Tauwetter hielt noch immer an; ein wehmütiger, warmer, modriger Wind pfiff durch die Straßen, die Gummireifen der Equipagen klatschten im Straßenschmutz, und die Hufe der Traber und Droschkengäule klangen hier und da hell auf einem Pflasterstein auf. Die Fußgänger schoben sich in freudloser, durchnäßter Masse auf den Trottoirs durcheinander. Hin und wieder sah man einen Betrunkenen.

„Sehen Sie dort diese erleuchteten Beletagen,“ fuhr der General unermüdlich fort, „hier leben alle meine Freunde, ich aber, der ich dem Vaterlande am meisten gedient und für dasselbe gelitten habe, ich irre zu Fuß zum Großen Theater und begebe mich in die Wohnung eines zweideutigen Weibes! Ein Mensch, der dreizehn Kugeln in der Brust hat ... Sie glauben mir nicht? Mein Herr, einzig meinetwegen hat Pirogoff[8] nach Paris telegraphiert und das belagerte Sebastopol zeitweilig im Stich gelassen. Nélaton, dem Pariser Hofarzt, wirkte er im Namen der Wissenschaft freie Durchfahrt aus, worauf dieser persönlich im belagerten Sebastopol erschien, um mich zu untersuchen. Oh, selbst den höchsten Vorgesetzten war es bekannt. ‚Ah, das ist der Iwolgin mit den dreizehn Kugeln in der Brust! ...‘ hieß es allgemein. Sehen Sie, Fürst, dort jenes Haus? Dort wohnt in der Beletage mein alter Freund General Ssokolowitsch, mit seiner edlen und zahlreichen Familie. Diese Familie hier, drei, die am Newskij wohnen, und zwei in der Großen Morskaja – das ist mein ganzer Verkehr; denn Nina Alexandrowna hat sich schon längst den Verhältnissen gefügt, während ich noch fortfahre, mich ... sozusagen zu erholen im Kreise meiner früheren Bekannten, Freunde und Untergebenen, die auch jetzt noch nicht aufgehört haben, mich zu vergöttern. Dieser General Ssokolowitsch – eigentlich habe ich ihn lange nicht mehr besucht und auch Anna Fedorowna nicht gesehen ... Wissen Sie, lieber Fürst, wenn man selbst nicht empfängt, so gibt man es ganz unwillkürlich auf, andere zu besuchen. Indes ... hm! ... Sie, scheint es, glauben mir nicht ... Doch – da fällt mir eben ein! – weshalb soll ich nicht den Sohn meines besten Freundes und Jugendgespielen in diese bezaubernd liebenswürdige Familie einführen? General Iwolgin und Fürst Myschkin! Sie werden ein entzückendes, junges Mädchen kennen lernen, nein, nicht nur eines, sondern zwei, sogar drei! Eine schöner als die andere! Sie sind die Zierde der Residenz und der Gesellschaft. Schönheit, Bildung, Erziehung ... Frauenfrage, Poesie – alles das hat sich in ihnen zu einem tadellosen Ganzen glücklich vereinigt, ganz abgesehen von den achtzigtausend Rubeln Mitgift, die eine jede erhält – was ja doch kein Fehler und niemals überflüssig ist, weder bei sozialen noch bei Frauenfragen ... Mit einem Wort, ich muß Sie unbedingt, unbedingt dort einführen; es ist sogar meine Pflicht, Sie mit ihnen bekannt zu machen! General Iwolgin und Fürst Myschkin! Mit einem Wort ... Tableau!“

„Wie, doch nicht jetzt? Heute? Sie vergessen ...“ begann der Fürst.

„Nichts, nichts vergesse ich, gehen wir! Hier, diese prachtvolle Treppe geht’s hinauf. Ich wundere mich nur, daß der Schweizer[9] nicht zu sehen ist ... Richtig, es ist ja heut Feiertag, da kann auch er sich einmal fortbegeben haben. Er ist übrigens ein alter Trinker, den man eigentlich schon längst hätte vor die Tür setzen müssen. Dieser Ssokolowitsch verdankt sein ganzes Lebensglück und seine ganze Karriere einzig mir, mir allein und keinem anderen, aber ... doch da sind wir ja schon.“

Der Fürst versuchte nichts mehr dagegen einzuwenden und folgte ergeben dem General, um ihn nicht zu reizen. Er war fest überzeugt, daß der General Ssokolowitsch mit seiner ganzen Familie alsbald wie eine Fata morgana verschwinden und sich als nie dagewesen erweisen werde, und daß ihnen somit nichts Schlimmes begegnen könne; und dann würden sie die Treppe wieder hinuntersteigen. Doch zu seinem Entsetzen mußte er diese Überzeugung bald aufgeben; denn der General stieg die Treppen mit einer Sicherheit hinauf, als habe er tatsächlich alte Bekannte in diesem Hause, und zwischendurch erzählte er noch die verschiedensten biographischen und topographischen Einzelheiten mit wahrhaft erdrückender, nahezu mathematischer Genauigkeit. Als sie dann schließlich im ersten Stock anlangten und der General bereits an der Tür einer hochvornehmen Wohnung die Hand nach dem Klingelzuge ausstreckte, beschloß der Fürst, sogleich zurückzugehen ... doch da fiel ihm plötzlich etwas auf:

„Sie haben sich geirrt, General,“ sagte er schnell, „hier an der Tür steht Kulakoff, und Sie wollen doch zu Ssokolowitsch!“

„Kulakoff ... Kulakoff beweist noch nichts. Die Wohnung hat Ssokolowitsch inne, und ich klingle bei Ssokolowitsch, zum Teufel mit Kulakoff ... Da kommt man schon!“

Die Tür wurde von einem Diener geöffnet, der sie fragend ansah und dann meldete, daß die Herrschaft nicht zu Hause sei.

„Wie schade, oh, wie schade, das ist ja wie vorherbestimmt!“ wiederholte Ardalion Alexandrowitsch mehrmals mit tiefstem Bedauern. „Dann melden Sie, daß General Iwolgin und Fürst Myschkin ihre Aufwartung zu machen wünschten und unendlich, unendlich bedauerten ...“

Durch die offene Zimmertür blickte plötzlich das Gesicht einer Haushälterin oder Gouvernante, eines etwa vierzigjährigen Frauenzimmers in einem dunklen Kleide. Neugierig und doch mißtrauisch näherte sie sich, als sie die Namen General Iwolgin und Fürst Myschkin hörte.

„Marja Alexandrowna ist nicht zu Hause,“ sagte sie mit kritischem Blick auf den General, „sie ist mit dem Fräulein, mit Alexandra Michailowna, zur Großmutter gefahren.“

„So ist auch Alexandra Michailowna nicht zu sprechen? O Gott, welches Pech! Und das passiert mir wirklich jedesmal! Haben Sie die Güte, meinen ergebensten Gruß zu bestellen, und Alexandra Michailowna sagen Sie, daß sie nicht vergessen soll ... mit einem Wort, sagen Sie ihr, daß ich ihr von Herzen die Erfüllung dessen wünsche, was sie sich Donnerstag abend bei den Klängen der Chopinschen Ballade gewünscht hat. Sie wird es schon selbst wissen ... Also meinen herzlichsten Gruß! General Iwolgin und Fürst Myschkin!“

„Schön, ich werde es ausrichten,“ sagte die Person, die etwas Zutrauen gefaßt hatte, mit einer leichten Verbeugung.

Als sie die Treppe hinunterstiegen, bedauerte der General noch aufs lebhafteste, daß sie die Familie nicht angetroffen und der Fürst nun die Bekanntschaft so entzückender Menschen nicht hatte machen können.

„Wissen Sie, mein Lieber, ich bin im Grunde dichterisch veranlagt, ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Doch übrigens ... übrigens ... übrigens sind wir, wie mir scheint, nicht ganz richtig gegangen,“ schloß er plötzlich selbst völlig überrascht. „Ssokolowitschs wohnen – jetzt fällt’s mir ein! – in einem ganz anderen Hause, ich glaube sogar in ... Moskau. Ja, ich habe mich ein wenig versehen, doch ... doch das hat nichts zu sagen.“

„Ich würde jetzt nur eines wissen wollen,“ bemerkte der Fürst resigniert, „ob ich mich überhaupt noch auf Sie verlassen kann, oder ob ich besser tue, wenn ich allein zu ihr gehe?“

„Allein? Zu ihr? Ohne mich? Aber weshalb denn das, wenn es doch für mich ein großes Unternehmen ist, von dem soviel für mich und meine ganze Familie abhängt? Nein, mein junger Freund, dann kennen Sie Iwolgin schlecht! Wer ‚Iwolgin‘ sagt, der sagt so viel wie ‚Mauer‘. ‚Verlaß dich auf Iwolgin wie auf eine Mauer!‘ – sehen Sie, so sagte man schon in der Schwadron, bei der ich einst meinen Dienst begann. Ich muß jetzt nur hier auf einen Augenblick in ein Haus eintreten, wo meine Seele von den Aufregungen und Schicksalsschlägen nun schon seit mehreren Jahren Erholung findet ...“

„Wie, Sie wollen nach Hause gehen?“

„Nein! Ich will ... zu Frau Terentjewa, der Witwe des Hauptmanns Terentjeff, meines ehemaligen Untergebenen ... und sogar Freundes ... Hier bei dieser Kapitanscha[10] lebt meine Seele wieder auf, und hierher trage ich mein Lebens- und Familienunglück und lasse mich von meinem Kummer erlösen ... Und da ich heute gerade soviel auf dem Herzen habe, will ich die große Last ...“

„Ich sehe, daß ich eine ungeheure Dummheit begangen habe,“ brummte der Fürst, „als ich Sie vorhin mit meiner Bitte belästigte. Zudem sind Sie ja jetzt ... Leben Sie wohl.“

„Aber ich kann, ich kann Sie nicht von mir fortlassen, mein junger Freund!“ rief der General beschwörend aus und hielt ihn krampfhaft fest. „Sie ist Witwe, Mutter einer Familie! Nur sie allein versteht, in ihrem Herzen jene Saiten anzuschlagen, die in dem meinen einen Widerhall finden. Der Besuch bei ihr wird nur fünf Minuten dauern. In diesem Hause kann ich ganz ohne Formalitäten ein- und ausgehen, ich lebe ja hier so gut wie ganz, wasche mich, kleide mich an ... und dann fahren wir sofort zum Großen Theater. Glauben Sie mir, ich kann Sie den ganzen Abend nicht entbehren ... Hier in diesem Hause ... wir sind schon da ... Ah, Koljä, du bist auch schon hier? Ist Marfa Borissowna zu Hause? Oder bist du selbst erst im Augenblick gekommen?“

„Oh, nein,“ sagte Koljä, der gleichzeitig mit ihnen an der Tür angelangt war. „Ich bin schon lange hier bei Hippolyt. Er fühlt sich schlecht, liegt seit dem Morgen zu Bett. Ich war soeben nur in den Krämerladen gegangen und habe ein Spiel Karten gekauft. Marfa Borissowna erwartet Sie, Papa. Nur ... ach Gott, Papa, wie haben Sie sich ...“ rief Koljä vorwurfsvoll und erschrocken aus, indem er prüfend die Haltung des Generals betrachtete. „Ach nun, gehen wir, gleichviel!“

Die Begegnung mit Koljä bewog den Fürsten, den General zu Marfa Borissowna zu begleiten, doch wollte er dort nur eine Minute bleiben. Er mußte mit Koljä sprechen. Den General beschloß er unbedingt zu verlassen. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich ihm überhaupt anvertraut hatte. Langsam stiegen sie auf der Hintertreppe bis zum vierten Stockwerk empor.

„Wollen Sie den Fürsten mit ihr bekannt machen?“ fragte Koljä.

„Jawohl, mein Freund, gewiß bekannt machen. General Iwolgin und Fürst Myschkin! Aber wie ... was sagt ... Marfa Borissowna?“

„Wissen Sie, Papa, es wäre besser, Sie gingen jetzt nicht zu ihr! Sie wird Sie zerreißen vor Wut! Sie haben sich drei Tage lang nicht gezeigt, sie aber wartet auf Geld. Weshalb haben Sie ihr denn wieder Geld versprochen? Das tun Sie immer wieder. Sehen Sie jetzt zu, wie Sie sich herausreden.“

Im vierten Stockwerk angelangt, machten sie vor einer niedrigen Tür halt. Dem General wurde ersichtlich bange, und er schob den Fürsten vor.

„Ich werde mich hier verstecken,“ flüsterte er, „um sie dann zu überraschen ...“

Koljä trat als erster ins Vorzimmer. Eine stark geschminkte und gepuderte Dame von etwa vierzig Jahren, in Pantoffeln und einer alten Hausjacke, die Haare in dünne Zöpfchen geflochten, blickte aus dem Zimmer durch die Türspalte und – die Überraschung des Generals fiel ins Wasser. Kaum hatte sie ihn erblickt, als sie auch schon ein großes Geschrei erhob.

„Da ist er, da ist er, dieser niedrige, dieser gemeine Mensch, das ahnte mein Herz!“

„Treten wir ein, das ist nur so,“ flüsterte der General noch harmlos lächelnd dem Fürsten zu.

Doch er täuschte sich sehr. Die Hausfrau ließ ihnen kaum Zeit, durch das dunkle, niedrige Vorzimmer in die „bessere Stube“ einzutreten – ein schmales Zimmer, in dem ein halbes Dutzend Rohrstühle und zwei einfache Tische standen –, als sie auch schon von neuem mit ihrer gleichsam eingeübt weinerlichen und ordinär klingenden Stimme fortfuhr:

„Und du schämst dich nicht, du schämst dich gar nicht, du Barbar und Tyrann meiner Familie, du Barbar und Heide! Bestohlen hast du mich bis aufs Letzte, all meine Säfte hast du mir ausgesogen, und immer hast du noch nicht genug! Wie lange werde ich dich noch ertragen, du schamloser, du ehrloser Mensch?“

„Marfa Borissowna, Marfa Borissowna! Das ... hier ist Fürst Myschkin. General Iwolgin und Fürst Myschkin ...“ stotterte der zitternde und ganz kleinlaut gewordene General.

„Werden Sie es mir glauben,“ wandte sich die Kapitanscha sogleich an den Fürsten, „werden Sie es mir glauben, daß dieser schamlose Mensch nicht einmal meine verwaisten Kinderchen verschont hat? Alles hat er uns geraubt, alles hat er fortgeschleppt, alles hat er verkauft und verpfändet, nichts hat er uns gelassen! Was soll ich denn mit deinen Schuldverschreibungen anfangen, du schlauer, du gerissener Mensch? So antworte doch wenigstens, du Betrüger, antworte mir doch, du nimmersatter, gemeiner Mensch! Sag’ mir doch, womit soll ich, womit soll ich jetzt meine verwaisten Kinderchen ernähren? Da kommt er nun betrunken angetorkelt, kann kaum auf den Beinen stehen ... Womit ich wohl den Zorn Gottes erregt haben mag, daß er mich so bitter straft! – So antworte, du schändlicher, du schamloser Mensch, so antworte doch wenigstens!“

Der General jedoch war nicht gerade aufgelegt zum Antworten, er hatte anderes im Sinn.

„Hier, Marfa Borissowna, hier sind fünfundzwanzig Rubel ... alles, was ich dank der Großmut meines Freundes Ihnen geben kann. Fürst! Ich habe mich grausam geirrt! So ... ist das Leben ... Jetzt aber ... Verzeihung, ich bin schwach,“ fuhr der General, der mitten im Zimmer stand, sich nach allen Seiten verbeugend, mit schwacher Stimme fort. „Ich ... bin schwach, verzeiht! Lenotschka! ein Kissen ... Kleine!“

Lenotschka, das achtjährige Töchterchen der Witwe, lief flink nach einem Kissen, das sie dann auf das harte, zerrissene Wachstuchsofa legte. Der General setzte sich darauf nieder, mit der Absicht, noch vieles zu sagen, doch kaum saß er, als sein Haupt auch schon aufs Kissen sank und er – einschlief.

Marfa Borissowna sah kummervoll den Fürsten an, deutete zeremoniell auf einen Stuhl am Tisch, setzte sich selbst ihm gegenüber, stützte das Kinn in die rechte Hand und begann den Gast, nur ab und zu aufseufzend, stumm zu betrachten. Ihre drei kleinen Kinder (zwei Mädchen und ein Knabe), von denen Lenotschka das ältere war, traten auch an den Tisch heran, legten alle drei die Händchen auf die Tischkante und begannen gleichfalls alle drei stumm und aufmerksam den Fürsten anzusehen. Da erschien Koljä in der Tür.

„Koljä! Es freut mich sehr, daß ich Sie hier angetroffen habe,“ wandte sich der Fürst an ihn, „vielleicht können Sie mir helfen. Ich muß unbedingt heute noch zu Nastassja Filippowna. Ich hatte Ardalion Alexandrowitsch gebeten, mich hinzuführen, und er wollte mir auch den Dienst erweisen, aber nun ist er mir, wie Sie sehen, eingeschlafen. Würden Sie mich hinbegleiten; denn ich kenne hier weder die Straßen, noch den Weg zu ihr. Zum Glück habe ich durch ihn wenigstens ihre Adresse erfahren: am Großen Theater, im Hause der Mytowzowa.“

„Nastassja Filippowna? Aber die hat doch nie im Leben dort gewohnt, und mein Vater ist niemals bei ihr gewesen, wenn Sie’s wissen wollen. Mich wundert nur, daß Sie ihm überhaupt ein Wort geglaubt haben. Nastassja Filippowna wohnt nicht weit von den ‚Fünf Ecken‘, in der Gegend der Wladimirskaja, das ist viel näher von hier. Wollen Sie jetzt gleich hin? Es ist halb zehn. Schön, ich werde Sie hinbegleiten.“

Der Fürst und Koljä machten sich sofort auf den Weg. Der Fürst hatte kein Geld mehr, um eine Droschke zu bezahlen. So mußten sie zu Fuß gehen.

„Ich wollte Sie gerade mit Hippolyt bekannt machen,“ sagte Koljä, als sie auf die Straße traten, „das ist der älteste Sohn dieser Kapitanscha mit den Rattenschwänzen auf dem Kopf. Er wohnt hinten, im anderen Zimmer. Heute hat er den ganzen Tag gelegen, er fühlte sich bedeutend schlechter. Er ist aber so sonderbar, ist entsetzlich empfindlich. Ich glaube, er würde sich vor Ihnen schämen, weil Sie in einem solchen Augenblick gekommen sind ... Mir ist es doch immerhin weniger peinlich als ihm; denn bei mir ist es ja nur der Vater, bei ihm aber die Mutter, das ist doch noch ein Unterschied! Männern geht so etwas nicht gleich an die Ehre. Doch ist das vielleicht nur ein Vorurteil, das sich aus dem Vorrecht des männlichen Geschlechts entwickelt haben mag. Hippolyt ist ein famoser Junge, bloß in manchen Dingen ist er einfach Sklave seiner Vorurteile.“

„Sie sagten, er sei schwindsüchtig?“

„Ja, wahrscheinlich. Es wäre besser, er stürbe bald. Ich würde an seiner Stelle unbedingt sterben wollen. Ihm tun aber die kleinen Geschwister leid, die drei Gören, – Sie haben sie ja gesehen. Wenn es nur ginge, wenn wir nur das Geld dazu hätten, würden wir uns eine eigene Wohnung mieten und uns von unseren Verwandten einfach lossagen. Das ist unser Ideal! Aber wissen Sie, als ich ihm vorhin von Ihrer Szene erzählte, wurde er in seiner Reizbarkeit ganz wild und behauptete, daß jeder, der eine Ohrfeige erhält und seinen Beleidiger nicht fordert, einfach ein Lump sei. Er war aber in sehr gereizter Stimmung, daher wollte ich auch weiter nicht mit ihm streiten. Also Nastassja Filippowna hat Sie denn auch richtig gleich eingeladen zu sich?“

„Das ist es ja, daß sie mich nicht eingeladen hat.“

„Wie? Aber wie können Sie dann zu ihr gehen?“ fragte Koljä fast erschrocken und blieb vor Verwunderung mitten auf dem Trottoir stehen. „Und ... und in diesem Anzuge? Dort ist doch geladener Besuch!“

„Bei Gott, ich weiß es selbst nicht, wie ich eintreten werde. Werde ich empfangen – gut, wenn nicht – dann nicht: dann ist eben nichts daraus geworden. Und was den Anzug betrifft – ja, was ist da zu machen?“

„Ah so, Sie haben wohl einen ernsten Grund, hinzugehen? Oder gehen Sie nur, pour passer le temps[8] in ‚gute Gesellschaft‘?“

„Nein, im Grunde ... ja, doch, ich habe ... das läßt sich schwer erklären, Koljä ...“

„Nun, gleichviel was das für ein Grund ist, das ist Ihre Sache. Ich meine nur, – Sie wollen sich doch nicht dieser Gesellschaft aufdrängen, den Kameliendamen, Generälen und Wucherern ... Wenn das der Fall wäre – verzeihen Sie, Fürst – dann müßte ich Sie auslachen und verachten! Hier gibt es nur sehr wenige Menschen, die ehrenwert sind, wirklich, es gibt hier keinen, den man achten kann. Da blickt man unwillkürlich auf sie herab, wenn sie auch alle geachtet sein wollen. Warjä ist die erste, die’s tut. Und ist es Ihnen nicht aufgefallen, Fürst, daß in unserem Jahrhundert alle Abenteurer sind! Und namentlich noch bei uns in Rußland, in unserem lieben Vaterlande. Woher das nur alles kommen mag – wirklich, ich begreife es nicht. Man sollte meinen, daß alles fest stand – aber jetzt? Das sagen und schreiben alle Menschen. Bei uns wollen alle ‚alles entlarven‘! Die Eltern sind die ersten, die sich ihrer früheren ‚alten‘ Moral schämen. In Moskau zum Beispiel hat ein Vater seinen Sohn gelehrt, vor nichts zurückzuschrecken, wenn es sich um Gelderwerb handelt – tatsächlich! Es stand in der Zeitung. Und nehmen Sie doch zum Beispiel meinen General. Was ist aus ihm geworden? Aber wissen Sie was, ich glaube, daß mein General ein ehrlicher Mensch ist. Bei Gott, er ist es. Das ist ja alles nur die Unordnung und der Alkohol. Bei Gott! Er kann einem sogar leid tun. Ich will es nur nicht jedem sagen; denn sie würden mich ja alle auslachen. Aber er tut mir wirklich leid, glauben Sie mir. Und was ist denn schließlich an den anderen dran? – an diesen sogenannten Klugen? Alle sind sie Wucherer, alle, vom ersten bis zum letzten. Hippolyt verteidigt die Wucherer, er sagt, so müsse es sein, es wäre ökonomische Umwälzung, Ebbe und Flut, oder so etwas Gutes, hol’s der Teufel. Mich ärgert es scheußlich, daß er so etwas sagt. Aber was, er ist ja doch krank und verbittert. Stellen Sie sich vor, seine Mutter, die Kapitanscha, erhält von meinem Vater Geld, und dieses Geld borgt sie ihm dann gegen Wucherzinsen! Ist das nicht eine Gemeinheit? Aber wissen Sie, Mama, das heißt, meine Mama, Nina Alexandrowna, hilft Hippolyt mit Geld, Kleidern, Wäsche und was sonst noch nötig ist, und sogar den drei Kleinen hilft sie, durch Hippolyt; denn die Kapitanscha vernachlässigt sie ganz und gar. Auch Warjä hilft ihnen.“

„Nun sehen Sie, Sie sagen, es gäbe keine ehrenwerten und starken Menschen, alle seien Wucherer. Da haben Sie doch Ihre Mutter und Warjä. Ist denn das kein Beweis sittlicher Kraft, wenn sie hier unter solchen Umständen helfen?“

„Warjä tut es nur aus Eigenliebe, bei ihr ist es Prahlerei, sie will der Mutter nicht nachstehen. Aber Mama allerdings ... ich muß sagen, da hat man alle Hochachtung. Jawohl, das achte ich an ihr und diese Achtung ist gerechtfertigt. Selbst Hippolyt fühlt es, aber er ist ja schon ganz verbittert. Anfangs lachte er darüber und nannte es von seiten meiner Mutter eine Gemeinheit. Aber jetzt fängt er schon an, zu fühlen, daß ... Also Sie nennen so etwas Kraft? Das werde ich mir merken. Ganjä weiß nichts davon, sonst würde er es unnütze Verwöhnung nennen.“

„Ganjä weiß es nicht? Ich glaube, Ganjä weiß noch sehr vieles nicht,“ kam es dem nachdenklichen Fürsten unwillkürlich über die Lippen.

„Wissen Sie Fürst, Sie gefallen mir sehr. Ich kann es noch immer nicht vergessen, wie Sie sich da vorhin verhielten.“

„Auch Sie gefallen mir sehr, Koljä.“

„Hören Sie, wie beabsichtigen Sie hier zu leben? Ich werde mir irgendeine Beschäftigung suchen und Geld verdienen – wollen wir dann alle drei zusammen, Sie, Hippolyt und ich, eine Wohnung mieten?! – und der General kann uns dann besuchen!“

„Mit dem größten Vergnügen. Doch wir werden ja übrigens noch sehen ... Ich bin sehr ... sehr zerstreut. Was? Wir sind schon da? In diesem Hause? ... Was für eine prächtige Vorfahrt! Der Schweizer öffnet schon ... Nun, Koljä, ich weiß nicht, was daraus werden wird ...“

Der Fürst stand wie verloren vor der Tür.

„Nun, morgen werden Sie mir alles erzählen! Lassen Sie den Mut nicht sinken. Gott gebe Ihnen guten Erfolg. Ich bin in allem ganz Ihrer Meinung. Leben Sie wohl. Ich kehre wieder dorthin zurück und werde Hippolyt alles erzählen. Daß Sie empfangen werden, ist bombensicher, eine Abweisung brauchen Sie bestimmt nicht zu fürchten! Sie ist unglaublich originell. Hier, diese Treppe geht’s hinauf, im ersten Stock, der Schweizer wird Ihnen schon Bescheid sagen.“