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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 22: I.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

Zweiter Teil

I.

Am zweiten Tage nach den sonderbaren Vorgängen in der Wohnung Nastassja Filippownas reiste Fürst Myschkin nach Moskau, um dort alles Nötige in seiner Erbschaftsangelegenheit persönlich zu erledigen. Es wurde damals davon gesprochen, daß er auch noch aus anderen Gründen seine Abreise so beschleunigt hätte; doch können wir sowohl darüber, wie auch über alle weiteren Erlebnisse des Fürsten in Moskau oder überhaupt während seiner Abwesenheit aus Petersburg nicht sehr viel Näheres berichten. Der Fürst war ganze sechs Monate von Petersburg abwesend, und in dieser Zeit konnten selbst diejenigen, die Ursache hatten, sich für sein Schicksal zu interessieren, fast nichts über seinen Verbleib oder sein Tun und Treiben erfahren. Freilich drangen diesem und jenem bisweilen Gerüchte zu Ohren, doch waren dieselben größtenteils recht seltsamer Art und widersprachen sich außerdem in der Regel sehr. Das größte Interesse hatte man für den Fürsten im Hause des Generals Jepantschin, wo der Fürst, nebenbei bemerkt, nicht einmal seinen Abschiedsbesuch gemacht hatte. Der General war mit ihm allerdings noch zwei- oder dreimal zusammengekommen, und sie hatten beide sogar sehr ernst miteinander gesprochen, doch hatte der General in der Familie kein Wort davon verlauten lassen. Und überhaupt wurde bei Jepantschins in der ersten Zeit, d. h. fast einen ganzen Monat nach der Abreise des Fürsten, nicht von diesem gesprochen. Nur die Generalin Lisaweta Prokofjewna äußerte ganz zu Anfang, daß sie sich im Fürsten „grausam getäuscht“ habe. Einige Tage später bemerkte sie, doch jetzt ohne den Fürsten zu nennen, sondern nur so im allgemeinen, ihr „auffallendster Charakterzug“ sei, daß sie sich beständig in den Menschen täusche. Und schließlich, nach Verlauf weiterer zehn Tage, schloß sie, durch die Töchter aus irgendeinem Anlaß in gereizte Stimmung versetzt, bereits in Form einer Sentenz: „Genug der Täuschungen! Jetzt werden keine mehr vorkommen.“ Das war ihr letztes Wort. Doch auch ganz abgesehen davon, herrschte in ihrem Hause, was hier nicht verschwiegen werden darf, ziemlich lange eine recht unangenehme Stimmung: es lag eine gewisse Spannung, eine Unzufriedenheit in der Luft, alle waren mißvergnügt und gereizt. Der General hatte namentlich im Dienst viel zu tun; er war vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, so daß ihn seine Angehörigen kaum zu Gesicht bekamen. Was aber die drei Mädchen betrifft, so ließ keine von ihnen in Gegenwart der Eltern ein Wort über den Fürsten fallen, und vielleicht hatten sie auch unter sich nur wenig über ihn gesprochen – vielleicht aber auch nicht einmal das. Sie waren stolze, hochmütige Mädchen, die auch dann, wenn sie unter sich waren, nicht ihre innersten Gefühle aussprachen.

Jedenfalls hätte aus oben Erwähntem ein Beobachter, falls ein solcher vorhanden gewesen wäre, mit ziemlicher Sicherheit das Richtige erraten können: daß der Fürst doch einen gewissen Eindruck im Hause des Generals hinterlassen hatte, obschon er nur ein einziges Mal und auch dann nur kurze Zeit dort gewesen war. Möglicherweise war dieser Eindruck nur durch die etwas seltsamen Erlebnisse des Fürsten zu erklären ... Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er Eindruck gemacht.

Die Gerüchte, die sich anfänglich über ihn in der Stadt verbreitet hatten, gerieten alsbald in Vergessenheit. Es war eine Zeitlang in gewissen Kreisen von irgendeinem recht beschränkten jungen Fürsten – den Namen wußte niemand genau – gesprochen worden, von einem, man kann wohl sagen, halben Idioten, der ein großes Vermögen geerbt und eine zugereiste Französin, eine bekannte Kankantänzerin aus dem Château des Fleurs zu Paris, geheiratet habe. Dann hatte es eine Zeitlang geheißen, das Vermögen hätte ein gewisser General geerbt, und die Französin habe ein ungeheuer reicher russischer Kaufmann geheiratet, der auf seiner Hochzeit einzig aus Prahlsucht für runde siebenhunderttausend Rubel Lotterielose an einer Stearinkerze verbrannt hätte, natürlich in der Trunkenheit. Doch alle diese Gerüchte verstummten sehr bald infolge der Veränderung der Verhältnisse selbst. So war zum Beispiel die ganze Rotte Rogoshins mit diesem selbst an der Spitze nach Moskau gereist – eine Woche nach der Orgie in Jekateringoff, an der auch Nastassja Filippowna teilgenommen hatte –, und somit waren gerade diejenigen, die am ehesten etwas hätten erzählen können, nicht mehr in Petersburg. Nur einige wenige, die wirklich Grund hatten, sich für die Angelegenheit zu interessieren, erfuhren dann später, daß Nastassja Filippowna schon am nächsten Tage nach jener Orgie geflüchtet und verschwunden und daß man ihr jetzt endlich auf die Spur gekommen sei: wie verlautet, hatte sie sich nach Moskau begeben, und als nun Rogoshin gleichfalls nach Moskau fuhr, brachte man den Zweck seiner Reise unwillkürlich mit Nastassja Filippowna in Zusammenhang.

Desgleichen wurde auch über Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, der in seinem Kreise durchaus nicht so unbekannt war, gar mancherlei gesprochen; doch auch hier trat bald ein Umstand ein, der alle für ihn nachteiligen Gerüchte vergessen ließ: er erkrankte und konnte daher nicht nur nicht in der Gesellschaft erscheinen, sondern auch nicht einmal die Arbeit, die er als Angestellter der Aktiengesellschaft zu verrichten hatte, fortsetzen. Nachdem er einen Monat das Bett gehütet, setzte er seine Bekannten dadurch in Erstaunen, daß er diese Anstellung aufgab, worauf seinen Posten ein anderer erhielt. Auch beim General Jepantschin erschien er nicht mehr, so daß ihn auch dort ein anderer ersetzen mußte. Seine Feinde hätten nun annehmen können, daß er sich schäme, sich auch nur auf der Straße zu zeigen, doch das war nicht der Fall. Er fühlte sich in der Tat nicht wohl, war fast zum Hypochonder geworden, war nachdenklich und sehr reizbar. Warwara Ardalionowna verheiratete sich noch im Laufe des Winters mit Iwan Petrowitsch Ptizyn. Alle Bekannten der Familie behaupteten, daß sie ihn einzig deshalb genommen habe, weil Ganjä seine frühere Arbeit nicht wieder aufnehmen wollte und daher auch die Familie nicht mehr unterstützen konnte; ja, er bedurfte sogar selbst der Unterstützung und wollte gepflegt sein.

Bei der Gelegenheit sei noch nebenbei bemerkt, daß im Hause des Generals Jepantschin auch Gawrila Ardalionytschs mit keinem Wort Erwähnung getan wurde, ganz als hätte es nie einen solchen Menschen in der Welt gegeben. Und doch hatten dort alle Damen bald etwas sehr Bedeutsames über ihn erfahren. Es war das folgendes: Als er in jener Nacht von Nastassja Filippowna zurückgekehrt war, hatte er sich nicht schlafen gelegt, sondern in fieberhafter Ungeduld die Rückkehr des Fürsten erwartet. Der Fürst nun war aus Jekateringoff erst um sechs Uhr morgens zurückgekehrt. Da war Ganjä zu ihm ins Zimmer gegangen und hatte das Geldpaket – die ihm, als er ohnmächtig auf dem Boden lag, von Nastassja Filippowna geschenkten hunderttausend Rubel – vor dem Fürsten auf den Tisch gelegt und ihn mit allem Nachdruck gebeten, bei nächster Gelegenheit dieses Geschenk Nastassja Filippowna zurückzugeben. Als Ganjä beim Fürsten eintrat, war er in feindseliger und verzweifelter Stimmung gewesen, doch, hieß es, waren dann zwischen ihm und dem Fürsten einige Worte gefallen, woran Ganjä noch ganze zwei Stunden bei jenem geblieben war und die ganze Zeit bitterlich geschluchzt hatte. Geschieden waren sie freundlich voneinander.

Und diese Nachricht beruhte auch vollkommen auf Wahrheit. Unverständlich war nur, daß Nachrichten dieser Art sich so schnell verbreiten konnten; so war zum Beispiel der Verlauf der ganzen Abendgesellschaft bei Nastassja Filippowna fast schon am nächsten Tage im Hause des Generals bekannt geworden, und sogar noch mit ziemlich genauen Einzelheiten. Man hätte annehmen können, daß Warwara Ardalionowna, die zum größten Erstaunen Lisaweta Prokofjewnas ganz plötzlich mit den drei jungen Mädchen enge Freundschaft pflegte, diesen alles Nähere erzählt habe. Doch wenn es Warwara Ardalionowna aus irgendeinem Grunde auch nötig erschienen war, mit Jepantschins Freundschaft zu schließen, so würde sie doch niemals ungebeten von ihrem Bruder erzählt haben. Sie war gleichfalls stolz, allerdings in ihrer Art – und obwohl sie jetzt Freundschaft dort anknüpfte, wo ihrem Bruder der Verkehr so gut wie abgesagt worden war. Sie war freilich schon früher mit den Schwestern bekannt gewesen, doch hatte sie dieselben nur wenige Male besucht. Übrigens zeigte sie sich auch jetzt nur selten in ihrem Empfangssalon, und gewöhnlich kam sie über die Hintertreppe, um dann nur eine kurze Zeit bei den jungen Mädchen zu verweilen. Die Generalin war ihr niemals besonders gewogen gewesen, obschon sie Warjäs Mutter sehr achtete. Über Warjäs Besuche ärgerte sie sich und schrieb diese neue Freundschaft ihrer Töchter den Launen „dieser Mädchen“ zu, die „selbst nicht mehr wüßten, was sie ihr noch zum Trotz antun sollten“. Doch ungeachtet ihres Ärgers setzte Warwara Ardalionowna auch nach ihrer Verheiratung mit Ptizyn die Besuche bei den Generalstöchtern fort.

Da erhielt die Generalin eines Tages – es war ungefähr ein Monat nach der Abreise des Fürsten vergangen – von der alten Fürstin Bjelokonskaja, die vor etwa zwei Wochen nach Moskau zu ihrer ältesten, verheirateten Tochter gefahren war, einen Brief, und dieser Brief machte auf die Generalin Jepantschin offenbar einen nicht geringen Eindruck. Zwar teilte sie von seinem Inhalt weder ihren Töchtern, noch ihrem Gemahl Iwan Fedorowitsch etwas mit; doch konnte man aus untrüglichen Anzeichen schließen, daß sie sich durch ihn in merkwürdig gehobener Stimmung befand. Sie knüpfte mit den Töchtern Gespräche über die seltsamsten Dinge an, über Dinge, die, wie man meinen sollte, ganz fern lagen. Allem Anscheine nach hatte sie etwas auf dem Herzen, das sie jedoch vorläufig noch für sich behalten wollte. Am ersten Tage nach dem Empfang des Briefes war sie sogar sehr lieb zu ihren Töchtern, küßte Aglaja und Adelaida und erklärte sich in irgend etwas für schuldig vor ihnen – doch worin gerade, das konnten beide nicht verstehen. Selbst gegen Iwan Fedorowitsch, der jetzt einen Monat in Acht und Bann war, ward sie plötzlich gnädig gestimmt. Versteht sich: schon am nächsten Tage ärgerte sie sich wieder unsäglich über ihre „Sentimentalität“ und fand bereits vor Tisch Zeit und Gelegenheit, sich mit allen von neuem zu überwerfen, doch zum Abend klärte sich der Horizont wieder auf. Diese freundlichere Stimmung hielt sogar eine ganze Woche an, was man eigentlich lange nicht mehr erlebt hatte.

Es vergingen acht Tage, und die Generalin erhielt einen zweiten Brief von der Bjelokonskaja, worauf sie sich dann doch entschloß, ihr Schweigen zu brechen. Nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit hub sie ihre Mitteilung an: daß die „alte Bjelokonskaja“ – sie nannte sie nie Fürstin, wenn sie mit anderen von ihr sprach – ihr äußerst beruhigende Dinge über diesen ... „nun, diesen da, diesen Sonderling, den Fürsten“ mitgeteilt habe. Die alte Dame hatte in Moskau Erkundigungen über ihn eingezogen und, wie sie schrieb, etwas sehr Gutes über ihn erfahren. Schließlich sei auch der Fürst selbst bei ihr erschienen und habe einen fast ungeheuren Eindruck auf sie gemacht. Ferner habe sie ihn eingeladen, sie täglich zwischen eins und zwei zu besuchen, „und jener schleppt sich auch täglich zu ihr hin und ist ihr bis jetzt noch nicht langweilig geworden,“ schloß die Generalin, worauf sie noch kurz hinzufügte, daß der Fürst dank der „alten Bjelokonskaja“ auch in zwei oder drei anderen sehr angesehenen Familien empfangen worden sei. – „Gut wenigstens, daß er nicht nur in seinen vier Wänden hockt und sich nicht wie ein Tölpel vor den Menschen fürchtet.“

Den jungen Mädchen fiel es nach diesen Mitteilungen sogleich auf, daß die Mutter ihnen lange nicht alles gesagt hatte, was die Briefe enthielten. Vielleicht hatten sie bereits viel mehr von anderer Seite erfahren, etwa von Warwara Ardalionowna, die ja doch alles wissen konnte, was Ptizyn wußte. Ptizyn aber wußte höchstwahrscheinlich mehr als alle anderen, und wenn er auch als Geschäftsmann einem jeden gegenüber sehr verschwiegen war, so machte er doch in der Beziehung mit Warjä eine Ausnahme, weshalb sich denn auch die Generalin nicht wenig über deren Besuche ärgerte.

Doch wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls war das Eis gebrochen, und in der Familie konnte man wieder von dem Fürsten sprechen: und da zeigte es sich denn nur zu deutlich, einen wie großen Eindruck der Fürst im Hause des Generals hinterlassen hatte. Die Generalin wunderte sich auch nicht wenig über den Eindruck, den ihre Moskauer Nachrichten auf die drei Mädchen machten, und diese wiederum wunderten sich ebenfalls nicht wenig über ihre Mutter, die doch so feierlich erklärt hatte, daß ihr „auffallendster Charakterzug“ das ewige Sichtäuschen in Menschen sei, und die dabei gleichzeitig den Fürsten der Aufmerksamkeit der „allmächtigen“ Fürstin empfahl – wobei nicht zu vergessen war, daß man deren Aufmerksamkeit mit endlosen Reden erkaufen mußte, denn die alte Dame war etwas schwer von Begriff. Doch da nun, wie gesagt, das Eis gebrochen war und ein neuer Wind in der Familie wehte, entschloß sich auch der General, seine Meinung zu äußern, und so zeigte es sich, daß auch er sich in ganz erstaunlicher Weise für den Fürsten interessierte. Was er mitteilte, bezog sich übrigens nur auf die „geschäftliche Seite“ der Angelegenheit. Zur nicht geringen Verwunderung der Gattin und Töchter hatte der General zwei zuverlässige und in ihrer Art einflußreiche Herren in Moskau beauftragt, über den Fürsten und namentlich über Ssalaskin, seinen Rechtsbeistand, Erkundigungen einzuziehen und ihn auch gewissenhaft zu überwachen. Die Erbschaft, „das heißt die Tatsache der Erbschaft“, habe ihre Richtigkeit, doch das Vermögen sei schließlich gar nicht so groß, wie man zuerst angenommen hatte; die Hälfte desselben liege fest; da seien Schulden; da seien weiß Gott was für Prätendenten; und der Fürst selbst verführe trotz aller Ratgeber und Beiräte in einer Weise mit dem Kapital, die bei jedem Geschäftsmann nur ein Kopfschütteln hervorrufen könne. „Ich wünsche ihm selbstverständlich nur das Beste,“ sagte der General, und da jetzt der Bann aufgehoben war, konnte er es sogar „von ganzem Herzen wünschen“; denn „wenn der Junge auch so ... nun ja ... etwas so ist, so ist er es doch wert, daß man ihm Gutes wünscht“. Kurz und gut, der Junge habe aber bei dieser Gelegenheit doch eine große Dummheit begangen: es seien da verschiedene Gläubiger des alten Kaufmanns gekommen, mit ganz ungenügenden Dokumenten, mit Dokumenten, deren Ungültigkeit auf der Hand lag, und manche, die von dem fürstlichen Erben Wind bekommen hatten, seien sogar ohne Dokumente gekommen, und was war geschehen? – der Fürst hatte ihre Forderungen beglichen, trotz aller Vorhaltungen seiner Freunde, die ihm vergeblich versicherten, daß alle diese Leutchen ganz rechtlos wären. Und zwar hätte er ihnen nur deshalb gezahlt, weil einige von ihnen andernfalls ihr tatsächlich geliehnes Geld verloren oder sonstwie „durch Papuschin“ gelitten hätten.

Die Generalin bemerkte hierauf, daß auch die Bjelokonskaja ihr in diesem Sinne schriebe, und das sei natürlich „sehr dumm von ihm, sehr dumm, aber einen Dummen kann man nicht klug machen,“ fügte sie schroff hinzu; doch ihrem Gesicht sah man es an, wie sehr ihr die Handlungsweise dieses „Dummen“ innerlich gefiel. Jedenfalls fiel es dem General plötzlich auf, daß seine Lisaweta Prokofjewna „für diesen Fürsten eine Teilnahme übrighabe, als wäre er ihr leiblicher Sohn“, und daß sie zu Aglaja doch etwas auffallend zärtlich war. Nach Beendigung dieses Gedankenganges und einem nochmaligen prüfenden Blick auf seine Gattin beschloß der General, zeitweilig die Haltung eines vielbeschäftigten Mannes anzunehmen.

Doch diese gute Stimmung sollte wiederum nicht lange dauern. Es vergingen nur kurze zwei Wochen, und plötzlich „schlug das Wetter wieder um“, wie der General bei sich sagte: die Generalin war wieder schlechter Laune und er selbst mußte sich, nachdem er ein paarmal die Schultern in die Höhe gezogen, schließlich doch drein fügen, daß über gewisse Vorgänge und Personen fortan eisiges Schweigen herrschte. Vor zwei Wochen hatte er die kurze und deshalb etwas unklare, doch nichtsdestoweniger glaubwürdige Nachricht erhalten, daß Nastassja Filippowna, die anfangs in Moskau gelebt, und die Rogoshin nach langem Suchen endlich dort gefunden, wieder geflohen und wieder von Rogoshin aufgesucht worden war, zu guter Letzt doch eingewilligt habe, diesen zu heiraten. Das war die erste Nachricht. Und nun, nach kaum vierzehn Tagen, hatte Seine Exzellenz wieder eine Nachricht erhalten, die ihn nicht weniger erregte: Nastassja Filippowna war zum drittenmal geflohen, fast vom Altare fort, und diesmal sollte sie irgendwo in einer Provinz verschwunden sein. Nun aber war plötzlich auch Fürst Myschkin aus Moskau verschwunden, nachdem er alle seine Erbschaftsangelegenheiten Ssalaskin übertragen hatte; „ob nun mit ihr zusammen oder hinter ihr her, das weiß man nicht, doch steht seine Abreise zweifellos mit ihrer Flucht in Zusammenhang,“ schloß der General. Auch die Generalin hatte unangenehme Nachrichten erhalten. So kam es, daß man nach zwei Monaten in Petersburg nichts mehr vom Fürsten wußte, und im Hause des Generals Jepantschin wurde „das Eis des Schweigens“ hinfort nicht mehr gebrochen. Doch Warwara Ardalionowna besuchte immer noch ab und zu die drei jungen Mädchen ...

Um nun mit all diesen Gerüchten, Nachrichten und Stimmungen abzuschließen, sei hier noch erwähnt, daß sich bei Jepantschins zum Frühling hin sehr vieles veränderte, so daß es schließlich nur natürlich war, wenn man den Fürsten, der nichts von sich hören ließ und vielleicht auch sogar selbst vergessen sein wollte, mit der Zeit tatsächlich ganz vergaß. Im Laufe des Winters hatte man sich allmählich entschlossen, im Sommer eine Reise ins Ausland zu machen, das heißt, nur Lisaweta Prokofjewna und die drei Töchter. Der General dagegen hatte keine Zeit für „nutzlose Zerstreuungen“. Der Beschluß war gefaßt worden, weil die drei jungen Mädchen sich eingeredet hatten, daß die Eltern sie nur deshalb nicht ins Ausland bringen wollten, weil sie sie sobald als möglich an den Mann zu bringen wünschten. Vielleicht waren nun die Eltern zur Überzeugung gekommen, daß es ja auch im Auslande Männer gab, und die Reise ins Ausland nicht nur nichts „verderben“, sondern sogar sehr „zustatten“ kommen könnte. Hier muß noch erwähnt werden, daß die einstmals projektierte Heirat zwischen Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Alexandra Jepantschin ganz ins Wasser gefallen und es zu einem formellen Antrag seinerseits gar nicht gekommen war. Es hatte sich das ganz von selbst gemacht, ohne viele Worte oder gar Familienszenen. Seit der Abreise des Fürsten war von beiden Seiten nicht mehr davon gesprochen worden, aber wenn die Generalin auch damals schon gesagt hatte, daß es sie nur freue und sie mit beiden Händen ein Kreuz schlage, so war das doch den Winter über mit ein Grund der schlechten Stimmung gewesen, in der sich die Familie befunden. Der General fühlte zwar, daß er selbst daran schuld war, spielte aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb den Stolzen. Ihm tat nur Freund Tozkij leid – „wenn man bedenkt: ein solches Vermögen und dazu ein so gewandter Mensch!“ Doch es dauerte nicht lange, und der General erfuhr, daß „Freund Tozkij“ sich von den Reizen einer vor kurzem in Petersburg eingetroffenen Französin hatte bestricken lassen, einer Marquise und Legitimistin, und daß Freund Tozkij sie baldigst heiraten würde, worauf sie mit ihm nach Paris und von dort nach der Bretagne zu fahren gedächte. „Nun, wenn du dich schon mit Französinnen einläßt, ist es aus mit dir, Freund!“ dachte der General bei sich.

Und so stand es denn fest, daß Jepantschins im Sommer verreisen würden. Doch siehe, plötzlich kam wieder etwas dazwischen, das abermals alle Pläne umwarf und die Reise zur größten Freude des Generals und der Generalin hinausschob.

Vor nicht langer Zeit war in Petersburg ein gewisser Fürst Sch. eingetroffen, ein Moskauer Aristokrat, der sich eines sehr, sehr guten Rufes erfreute. Er war einer jener Leute oder man kann sogar sagen Tatmenschen der „neuen Zeit“, die ehrlich und bescheiden sind, die sich niemals vordrängen, die aufrichtig und bewußt das Nützliche wollen und durchführen, immer arbeiten und sich auch noch durch die seltene und glückliche Eigenschaft auszeichnen, daß sie immer Arbeit finden. Ohne sich um die Zwietracht und die Händel der großredenden Parteien zu kümmern, ohne sich zu überheben oder zu den Ersten zählen zu wollen, faßte der Fürst doch vieles von dem jüngst Geschehenen oder sich noch Vollziehenden in höchst verständiger Weise auf. Er hatte zuerst im Staatsdienst gestanden und sich dann mit den Agrarfragen zu beschäftigen begonnen. Außerdem war er ein geschätzter Mitarbeiter mehrerer gelehrter Verbände. In Gemeinschaft mit einem bekannten Techniker hatte er auf Grund eingehender Untersuchungen einer gerade projektierten, sehr wichtigen Eisenbahnlinie die Baukommission derselben auf verschiedene Fehler im Projekt aufmerksam gemacht und gleichzeitig das Projekt einer mit Rücksicht auf die Ortsverhältnisse weit zweckmäßigeren Linie eingereicht. Er war fünfunddreißig Jahre alt, gehörte zur vornehmsten Gesellschaft und besaß ein „gutes, sicheres Vermögen“, wie der General verlauten ließ, der den Fürsten in einer ziemlich schwierigen Sache beim Grafen, seinem Vorgesetzten, kennen gelernt hatte. Der Fürst machte seinerseits wiederum sehr gern die Bekanntschaft von russischen „Tatmenschen“. Kurzum, der Fürst wurde mit der Familie des Generals bekannt und Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte einen so großen Eindruck auf ihn, daß er zu Ende des Winters bei den Eltern um ihre Hand anhielt. Und da er sowohl Adelaida Iwanowna wie auch der Generalin sehr gefiel, wurde die Hochzeit auf das Frühjahr festgesetzt. Der General freute sich von Herzen und war in sehr gehobener Stimmung. Selbstverständlich mußte nun die Reise ins Ausland vorläufig aufgeschoben werden.

Freilich hätte die Generalin deshalb immer noch im Sommer oder zu Ende des Sommers auf ein bis zwei Monate mit Alexandra und Aglaja reisen können, allein schon um der Zerstreuung willen: nach der Trauer um den Verlust Adelaidas! Doch da kam wieder etwas dazwischen: gegen Ende des Frühlings führte Fürst Sch. – die Hochzeit war auf die Mitte des Sommers verschoben worden – seinen entfernten Verwandten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij bei Jepantschins ein. Es war das ein noch junger Offizier, Flügeladjutant des Zaren, eine auffallend schöne Erscheinung, vornehmer Herkunft, geistreich, glänzend, „modern in jeder Beziehung und unerhört gebildet“, wie es hieß, und zum Überfluß noch enorm reich. In betreff dieses letzten Punktes pflegte der General stets etwas skeptisch zu sein. Er zog Erkundigungen ein, aber das Ergebnis derselben war zufriedenstellend: „Es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein, doch, wie gesagt, man muß sich noch vergewissern“, äußerte sich der General. Dieser junge Offizier, dem eine „glänzende Zukunft“ bevorstand, war von der alten Bjelokonskaja in einem Brief aus Moskau in den siebenten Himmel gehoben worden. Nur ein einziger Punkt war dabei etwas kitzliger Art: man sprach von gewissen Verbindungen, von gewissen Siegen und Eroberungen und von unglücklichen Herzen. Nachdem er aber Aglaja erblickt und kennen gelernt hatte, wurde er auffallend seßhaft im Hause Jepantschin. Es war allerdings noch von nichts gesprochen worden, selbst Andeutungen hatte noch niemand gehört, doch den Eltern wurde es trotzdem klar, daß man in diesem Sommer an eine Reise ins Ausland wirklich nicht denken konnte. Aglaja selbst war vielleicht die einzige, die anders dachte.

Alles das geschah kurz vor der abermaligen Ankunft unseres Helden in Petersburg, zu einer Zeit, als dem Anscheine nach bereits alle den armen Fürsten Myschkin vergessen hatten. Wäre er jetzt plötzlich unter seinen Bekannten aufgetaucht, so hätten sie ihn wie einen vom Himmel Herabgefallenen überrascht und verwundert angestarrt. Indes – es muß doch noch eines Faktums Erwähnung getan werden, bevor wir die Einleitung abschließen.

Koljä Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten sein früheres Leben unverändert fort, d. h. er besuchte das Gymnasium, besuchte seinen Freund Hippolyt, beaufsichtigte den General und half Warjä in der Wirtschaft, indem er gewissermaßen als Laufbursche in ihren Diensten stand. Mit den Mietern war es übrigens bald zu Ende. Ferdyschtschenko verschwand am dritten Tage nach der Orgie in Jekateringoff, und bald war er ganz verschollen; anfangs hatte es noch geheißen, er „trinke dort irgendwo“, aber Genaueres wußte niemand von ihm. Fürst Myschkin fuhr, wie gesagt, nach Moskau, und weitere Pensionäre hatten sie nicht gehabt. Späterhin, als Warjä heiratete, zogen mit ihr auch Nina Alexandrowna und Ganjä zu Ptizyn, der in dem Stadtteil Ismailowskij Polk lebte. Was jedoch den alten verabschiedeten General Iwolgin betrifft, so war ihm etwas sehr Seltsames zugestoßen: er kam nämlich in das Schuldgefängnis. Hineingebracht hatte ihn seine ehemalige „Seelenfreundin“, die Kapitanscha, auf Grund seiner ihr zu verschiedenen Zeiten ausgestellten Schuldverschreibungen, alle zusammen in der Höhe von zirka zweitausend Rubeln. Diese Einforderung der Schuld kam für den armen General vollkommen unerwartet, er war „entschieden das Opfer seines unbeschränkten Glaubens an den Edelmut des Menschenherzens, im allgemeinen gesprochen“, wie er sich ausdrückte. Es war ihm zur beruhigenden Gewohnheit geworden, Pfandbriefe und Wechsel zu unterzeichnen, da er nicht einmal an die Möglichkeit, daß die verschriebenen Summen eingefordert werden könnten, dachte, sondern vielmehr überzeugt war, daß das alles „nur so“ sei. „Traue jetzt noch den Menschen, bekunde jetzt noch Zutrauen!“ rief er pathetisch im Kreise seiner neuen Freunde im Gefängnis aus und erzählte ihnen dann bei einer Flasche Rotspon die Belagerung von Kars und die Geschichte vom auferstandenen Soldaten. Übrigens hatte er sich dort sehr schnell und vorzüglich eingelebt. Ptizyn und Warjä sagten, daß diese Unterkunft für ihn wie geschaffen sei, und Ganjä war ungefähr derselben Ansicht. Nur die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich – was ihre Angehörigen eigentlich recht wunderte –, und obschon sie kränkelte, machte sie sich doch immer wieder auf und ging zu ihrem Mann ins Schuldgefängnis.

Seit dieser „Generalüberraschung“, wie Ganjä sie nannte, und der Verheiratung Warjäs hatte sich Koljä immer mehr von der Familie losgemacht und in der letzten Zeit brachte er es sogar so weit, daß er selbst zur Nacht nicht nach Hause kam, sondern es vorzog, bei seinen Freunden zu schlafen. Wie man hörte, hatte er viele neue Freundschaften angeknüpft und war auch im Schuldgefängnis ein fast täglicher Besucher geworden. Nina Alexandrowna konnte dort gar nicht ohne ihn auskommen, zu Hause aber wurde er nicht einmal mit Neugier belästigt, obschon eine solche bei seinem Treiben doch ganz verständlich gewesen wäre. Selbst Warjä, die früher so strenge Warjä, nahm ihn jetzt nie ob seiner Lebensweise ins Verhör. Und auch Ganjä begann, zur größten Verwunderung der Familie, ganz freundschaftlich mit ihm zu reden und umzugehen – trotz seiner Hypochondrie –, was gegen sein früheres Verhältnis zum Bruder sehr abstach. Hatte doch der siebenundzwanzigjährige Ganjä den fünfzehnjährigen Koljä nicht der geringsten freundschaftlichen Beachtung gewürdigt, ihn „einfach grob“ behandelt, von allen anderen wie auch von sich selbst nur Strenge ihm gegenüber verlangt und ewig gedroht, „einmal noch mit seinen Ohren in nähere Berührung zu kommen,“ was dann Koljä „aus den letzten Grenzen menschlicher Geduld“ brachte. Man konnte sogar glauben, daß der jüngere Bruder Ganjä gewisse Dienste leistete und diesem daher unentbehrlich wurde. Koljä war sehr erstaunt darüber gewesen, daß Ganjä das Geld zurückgegeben hatte, und war deshalb bereit, ihm vieles zu verzeihen.

Etwa im dritten Monat nach der Abreise des Fürsten erfuhr man in der Familie Iwolgin, daß Koljä inzwischen auch mit Jepantschins bekannt geworden war und von den jungen Mädchen sehr nett behandelt wurde. Das hatte Warjä bald in Erfahrung gebracht. Übrigens war Koljä nicht durch Warjä bekannt geworden, sondern „von sich aus“, wie er sagte. Allmählich gewannen ihn Jepantschins sehr gern. Die Generalin war ihm anfänglich nicht sehr geneigt gewesen. Doch bald wurde er fast ihr Liebling, „weil er aufrichtig ist und nicht schmeichelt,“ wie sie behauptete. Daß Koljä nicht schmeichelte, war richtig: er hatte es verstanden, als gesellschaftlich vollkommen gleichstehender, unabhängiger junger Mann aufzutreten, und dabei blieb es auch, selbst wenn er der Generalin Zeitungen oder Bücher vorlas – er war eben gern gefällig. Zweimal hatte er sich aufs heftigste mit Lisaweta Prokofjewna überworfen, hatte ihr erklärt, daß sie eine Despotin sei und er seinen Fuß nicht mehr in ihr Haus setzen werde. Das erstemal war der Grund des Streites die Frauenfrage gewesen und das zweitemal die Frage, welche Jahreszeit zum Zeisigfang die beste sei. Wie unwahrscheinlich es nun auch scheinen mag, so ist es doch Tatsache, daß Lisaweta Prokofjewna ihm am dritten Tage nach dem Zerwürfnis mit dem Diener einen Brief sandte, in dem sie ihn bat, unbedingt zu ihr zu kommen, worauf Koljä sich nicht lange zierte und ohne Aufschub hinging. Nur Aglaja allein schien ihm nicht ganz wohlgeneigt zu sein und behandelte ihn von oben herab. Gerade sie aber sollte er einmal in Erstaunen setzen.

Eines Tages, es war in der Osterwoche, benutzte Koljä, als sie einmal allein im Zimmer waren, die Gelegenheit, um ihr einen Brief zu überreichen. Er sagte nur, es sei ihm aufgetragen, den Brief zu übergeben. Aglaja maß den „eingebildeten Bengel“ mit zornigem Blick vom Kopf bis zu den Füßen, doch Koljä kümmerte sich weiter nicht um sie und ging hinaus. Aglaja entfaltete den Brief und las:

„Eines Tages würdigten Sie mich Ihres Vertrauens. Doch vielleicht haben Sie mich jetzt schon ganz vergessen? Wie komme ich nun darauf, an Sie zu schreiben? Ich weiß es nicht; aber ich habe plötzlich ein unbezwingbares Verlangen, Sie, gerade Sie an mich zu erinnern. Wie oft habe ich mich nach Ihrer aller Gegenwart gesehnt, doch von allen dreien sah ich immer nur Sie vor mir stehen. Ich bedarf Ihrer, ich bedarf Ihrer unsäglich. Von mir habe ich Ihnen nichts zu schreiben, nichts zu erzählen. Nicht deshalb schreibe ich an Sie; ich würde nur unendlich gern Sie glücklich wissen. Sind Sie glücklich? Das ist alles, was ich Sie fragen wollte.

Ihr Bruder Fürst Lew Myschkin.“

Als Aglaja diesen kurzen und eigentlich recht sinnlosen Brief zu Ende gelesen hatte, wurde sie plötzlich dunkelrot, biß sich dann auf die Lippe und wurde nachdenklich. Ihren Gedankengang wiederzugeben, würde nicht leicht fallen. Unter anderem fragte sie sich auch, ob sie den Brief jemandem zeigen solle. Es war ihr doch ein wenig so zumute, als schämte sie sich. Schließlich warf sie den Brief mit einem spöttischen und seltsamen Lächeln in das Schubfach ihres Tischchens. Am nächsten Tage jedoch nahm sie ihn von dort heraus und legte ihn in ein dickes, in Leder eingebundenes Buch, wie sie es mit allen ihren Papieren tat, um sie „schneller zu finden“, wenn sie sie suchte. Erst nach einer Woche sah sie zufällig auf das Titelblatt des Buches: es stand darauf in dicken Lettern: „Don Quijote de la Mancha“. Aglaja lachte hellauf – der Grund ihres Lachens blieb aber unaufgeklärt. Auch wäre es schwer, festzustellen, ob sie den Brief jemals den Schwestern gezeigt hat. Während sie ihn aber noch las, kam ihr plötzlich ein Gedanke: sollte dieser eingebildete Bengel vom Fürsten zum Vertrauensmann erkoren sein, und war er vielleicht gar sein einziger Korrespondenzvermittler? Sie beschloß, Koljä auf den Zahn zu fühlen. Sie setzte eine möglichst geringschätzige Miene auf und fragte ihn wie von ungefähr, wie er denn zu diesem Brief gekommen sei. Doch der sonst stets empfindliche „Bengel“ übersah diesmal ihre Geringschätzung und erklärte, allerdings ziemlich kurz und trocken, daß er dem Fürsten vor dessen Abreise zwar seine ständige Adresse mitgeteilt und seine Dienste angeboten habe, doch sei dies der erste Auftrag, der ihm vom Fürsten zuteil geworden, worauf er als Beweis den Brief hervorzog, den der Fürst an ihn persönlich gerichtet hatte. Aglaja wollte den Brief zuerst nicht lesen, nahm ihn dann aber doch und las folgendes:

„Lieber Koljä, seien Sie so freundlich und übergeben Sie das beigefügte Schreiben Aglaja Iwanowna. Ich wünsche Ihnen das Beste.

Ihr Sie liebender Fürst L. Myschkin.“

„Es ist aber doch lächerlich, sich einem so kleinen Bengel anzuvertrauen,“ sagte Aglaja, indem sie Koljä den Brief zurückgab, in beleidigendem Tone und ging mit verächtlicher Miene an ihm vorüber.

Das aber war denn doch zu empörend für Koljä! Er hatte sich noch absichtlich zu diesem Nachmittage von Ganjä dessen neue Krawatte ausgebeten, ohne einen Grund anzugeben, und nun wurde er so behandelt! Er fühlte sich tief und grausam beleidigt.