Es war bereits zwölf Uhr. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in ihrer Stadtwohnung jetzt nur den General antreffen würde, und vielleicht nicht einmal diesen. Außerdem stand zu befürchten, daß der General ihn sogleich nach Pawlowsk würde mitnehmen wollen, er aber wollte vorher noch unbedingt einen bestimmten Menschen aufsuchen. Und so entschloß er sich, selbst auf die Gefahr hin, den General nicht mehr anzutreffen und die Fahrt nach Pawlowsk auf den nächsten Tag hinausschieben zu müssen, zuerst jenes Haus aufzusuchen, zu dem es ihn geradezu gewaltsam hinzog.
Dieser Besuch hatte indessen etwas Gewagtes für ihn. Er wußte eigentlich noch nicht, ob er gehen oder nicht gehen sollte. Die Adresse kannte er nicht genau; er wußte nur, daß das Haus in der Gorochowaja, nicht weit von der Ssadowaja lag, und so ging er in dieser Richtung weiter, während er sich innerlich beruhigte, daß er ja bis dahin noch Zeit genug haben würde, sich endgültig zu entscheiden.
Als er an die Kreuzung der beiden Straßen kam, wunderte er sich selbst über seine ungewöhnliche Aufregung: er hatte nicht gedacht, daß sein Herz so heftig schlagen würde. Ein Haus in der Gorochowaja zog, wahrscheinlich durch seine besondere Bauart, schon von weitem die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich, und er sagte sich: ‚Bestimmt ist es dieses Haus!‘ Mit fast schmerzhafter Neugier näherte er sich ihm, um sich zu überzeugen, ob seine Ahnung ihn nicht betrog; er fühlte, daß es ihm aus irgendeinem Grunde ganz besonders unangenehm sein würde, wenn er es erraten hätte. Es war ein großes, düsteres Haus von drei Stockwerken, ohne jeden architektonischen Schmuck, von dunkler, schmutziggrüner Farbe. Einige, übrigens nur sehr wenige Häuser dieser Art, die aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts stammen, haben sich noch hier und da unverändert erhalten, selbst hier in diesen Straßen Petersburgs, wo sich sonst doch alles so schnell verändert. Sie sind sehr dauerhaft gebaut, mit dicken Mauern und verhältnismäßig nur wenigen Fenstern, die in der unteren Etage bisweilen noch mit einem starken Eisengitter versehen sind. Im Erdgeschoß befindet sich gewöhnlich eine Wechselbank, und der Besitzer, ein Sektierer (in der Regel ist es einer von der Skopzensekte), hat seine Wohnung in einem der oberen Stockwerke. Von außen wie von innen scheinen diese Häuser in gewisser Weise ungastlich zu sein, dunkel und ernst, alles scheint sich gleichsam zurückziehen und verbergen zu wollen, hinter allem scheint ein Geheimnis zu stecken, weshalb das aber so scheint, nur aus der Physiognomie des Hauses heraus so scheint – das wäre schwer zu erklären. Die architektonischen Linien und Umrisse haben natürlich ihr eigenes Geheimnis. In solchen Häusern leben, wie gesagt, fast ausschließlich Kaufleute. Als der Fürst an den Eingang des Hauses kam, blickte er auf das Schild über der großen Tür und las: „Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoshin.“
Der Fürst hatte sich entschlossen. Er öffnete die Glastür, die geräuschvoll hinter ihm zuschlug, als er eingetreten war und auf der steinernen Treppe zum zweiten Stockwerk emporzusteigen begann. Das ganze Treppenhaus war dunkel, massiv aus Stein gebaut, ohne jeden Schmuck, und die Wände waren dunkelrot angestrichen. Er wußte, daß Parfen Rogoshin mit seiner Mutter und seinem Bruder Ssemjon das ganze zweite Stockwerk dieses düsteren Hauses bewohnte. Der Bediente, der dem Fürsten öffnete, führte ihn sogleich, ohne ihn vorher anzumelden, durch mehrere große und kleine Räume: zuerst gingen sie durch einen großen Saal, dessen Wände nach altem Stil marmorartig bemalt waren, mit kostbarem Eichenparkett und den schweren geradlinigen Möbeln aus den zwanziger Jahren; dann folgten kleinere Räume, einzelne fast wie Käfige so klein, doch der Diener führte ihn immer noch weiter, im Zickzack bald nach rechts, bald nach links; zu manchen Zimmern stiegen sie zwei oder drei Stufen hinauf, um dann bald wieder ebensoviel Stufen hinabzusteigen, bis der Bediente endlich vor einer Tür stehen blieb und anklopfte.
Man hörte Schritte und die Tür wurde geöffnet – von Parfen Rogoshin. Als er den Fürsten erblickte, wich alles Blut aus seinem Gesicht, und er blieb wie zu Stein erstarrt stehen und sah ihn mit seinem unbeweglichen, fragend erschrockenen Blick an, während sein Mund plötzlich zuckte, als wolle er sich zu einem Lächeln verziehen, und dann lächelte er auch wirklich, wie in höchster Verwunderung. Es war, als hätte Rogoshin den Besuch des Fürsten für etwas ganz Unmögliches, für ein tatsächliches Wunder gehalten. Der Fürst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, mußte sich nun aber doch selber darüber wundern.
„Parfen ... vielleicht komme ich dir nicht gelegen – dann will ich dich nicht stören,“ sagte er schließlich verwirrt.
„Doch! Doch!“ besann sich plötzlich Rogoshin, „bitte, tritt nur ein!“
Sie standen beide auf du und du. In Moskau waren sie oft und stundenlang zusammen gewesen, und es hatte in ihrem Zusammensein Augenblicke gegeben, die sich leider zu tief ins Herz geprägt hatten, um jemals von ihnen vergessen werden zu können. Jetzt hatten sie sich seit mehr als drei Monaten nicht gesehen.
Rogoshin war immer noch bleich, und von Zeit zu Zeit lief es wie ein plötzliches, kaum merkliches Zucken über sein Gesicht. Er hatte den Fürsten wohl aufgefordert, näher zu treten, doch seine ungewöhnliche Erregung und Verwirrung waren noch nicht vergangen. Während er den Fürsten zu einem der großen Lehnstühle am Tisch führte, blickte sich jener wie zufällig nach ihm um und blieb regungslos unter dem seltsamen Eindruck seines unbestimmbaren, schweren Blickes stehen. Es war dem Fürsten, als hätte ihn etwas durchbohrt, und gleichzeitig fühlte er sich an etwas erinnert – etwas Schweres, Finsteres, Düsteres ... vor ein paar Stunden Geschehenes. Regungslos, ohne sich zu setzen, blickte er Rogoshin unverwandt in die Augen; die waren im ersten Augenblick gleichsam noch mehr erglüht. Endlich lachte Rogoshin kurz und leise auf; doch aus diesem kurzen, fast lautlosen Lachen tönte eine gewisse Verwirrung hervor, lag etwas wie Verlorenes.
„Was siehst du mich so aufmerksam an?“ brummte er dann mit halblauter Stimme. „Setz dich!“
„Parfen,“ sagte er, „sage mir aufrichtig: Wußtest du, daß ich heute in Petersburg eintreffen würde?“
„Daß du kommen würdest, das hab’ ich mir gedacht, und da hab’ ich mich, wie du siehst, auch nicht geirrt,“ sagte jener mit ironischem Lächeln. „Aber wie sollte ich wissen, daß du gerade heute kommen würdest!“
Die gewisse schroffe Heftigkeit und seltsame Gereiztheit der Frage, die seine Antwort in sich schloß, machten den Fürsten noch stutziger.
„Und wenn du auch gewußt hast, daß ich heute kommen würde, weshalb braucht man sich denn da zu ärgern?“ fragte der Fürst leise und augenscheinlich verwirrt.
„Wozu stellst du denn diese Frage?“
„Als ich heute morgen aus dem Kupee stieg, sah ich ein Augenpaar, das genau so aussah und so blickte wie deine Augen, als du soeben hinter meinem Rücken auf mich sahst.“
„Sieh mal an! Wessen Augen waren denn das?“ fragte Rogoshin mißtrauisch.
Dem Fürsten schien es, als sei er zusammengezuckt.
„Ich weiß nicht, in der Menge irgendwo ... Es will mir sogar scheinen, daß es mir nur so vorgekommen ist – ich fange jetzt wieder an, alles mögliche zu sehen. Und überhaupt, weißt du, fühle ich mich fast ebenso wie damals vor fünf Jahren, als ich noch meine epileptischen Anfälle hatte.“
„Nu was, vielleicht hat es dir auch nur so geschienen; ich weiß nicht ...“ brummte Parfen, und er versuchte, freundlich zu lächeln, doch dieses Lächeln paßte in diesem Augenblick nicht zu ihm, es war, als hätte er gewaltsam etwas unterdrücken wollen, und das gelang ihm nicht, wie sehr er sich auch dazu zwang.
„Was, nun geht’s wieder ins Ausland?“ fragte er, und plötzlich lachte er: „Aber weißt du noch, wie wir im Waggon dritter Klasse damals im Herbst aus Pskow kamen, ich hierher, und du ... in dem Kapuzenmantel, weißt du noch, und den Gamaschen?“
Und Rogoshin lachte, doch tat er es diesmal mit unverhohlenem Ingrimm, und ganz als hätte es ihn gefreut, daß er diesen Ingrimm wenigstens in irgendeiner Weise ausdrücken konnte.
„Lebst du jetzt ganz hier?“ fragte der Fürst, indem er sich im Kabinett umsah.
„Ja, ich bin hier zu Hause. Wo sollte ich denn sonst sein?“
„Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe von dir Dinge gehört, die ich dir gar nicht zugetraut hätte.“
„Als ob wenig erzählt werden kann,“ bemerkte Rogoshin trocken.
„Aber du hast doch die ganze Bande fortgejagt; selbst sitzt du zu Hause und machst keine Geniestreiche mehr. Ich dachte – das ist gut. Gehört das Haus dir oder euch gemeinsam?“
„Das Haus gehört der Mutter. Zu ihr geht man hier durch den Korridor.“
„Und wo wohnt dein Bruder?“
„Mein Bruder Ssemjon Ssemjonytsch wohnt im Seitenflügel.“
„Ist er verheiratet?“
Der Fürst sah ihn an, ohne zu antworten. Er war plötzlich wie in Gedanken versunken und hörte die Frage nicht. Rogoshin bestand nicht auf der Antwort, er wartete. Beide schwiegen.
„Ich habe dieses Haus, als ich herkam, schon auf hundert Schritt als das deinige erkannt,“ sagte der Fürst.
„Woran denn das?“
„Das weiß ich selbst nicht. Dein Haus hat die Physiognomie eurer ganzen Familie und eures ganzen Rogoshinschen Lebens; wenn du aber fragen wolltest, woraus ich das schließe, so könnte ich es dir mit nichts erklären. Wahn, natürlich. Es ängstigt mich sogar, daß mich das so beunruhigt. Ich hätte früher nie gedacht, daß du in solch einem Hause wohnst; als ich es jedoch erblickte, kam mir sogleich der Gedanke: ‚Aber genau so muß ja doch sein Haus sein, es kann ja gar nicht anders sein!‘“
„Sieh mal!“ sagte Rogoshin unbestimmt, das Gesicht kurz zu einem Lächeln verziehend. Er hatte den unklaren Gedanken des Fürsten nicht ganz verstanden. „Dieses Haus hat noch mein Großvater gebaut,“ bemerkte er. „Hier haben beständig Sektierer gewohnt, Skopzen, eine Familie Chludjäkoff. Und auch jetzt noch leben sie hier zur Miete.“
„Wie düster es hier ist! Im Düstern sitzt du,“ sagte der Fürst, sich im Kabinett umschauend.
Es war das ein großes Zimmer mit hoher, dunkler Decke, und auch alles übrige war ziemlich dunkel gehalten. Das ganze Zimmer war voll von allerhand Möbelstücken: da waren große Arbeitstische, ein Pult und an den Wänden große Schränke, in denen verschiedene Geschäftspapiere und noch andere Papiere aufgestapelt lagen. Ein großes, breites Kanapee, das mit rotem Saffianleder überzogen war, diente Rogoshin augenscheinlich als Schlafstelle. Der Fürst bemerkte auf dem Tisch, an dem sie beide saßen, ein paar Bücher. Eines von denen, die Russische Geschichte Ssolowjoffs, war aufgeschlagen und mit einem Lesezeichen versehen. An den Wänden hingen in einstmals vergoldeten, doch nun matt und braun gewordenen Rahmen einige stark nachgedunkelte Ölgemälde, auf denen man nur schwer noch etwas unterscheiden konnte. Dagegen zog ein lebensgroßes Männerporträt sofort die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich: es stellte einen etwa fünfzigjährigen Mann dar in einem langschößigen Rock, der jedoch deutschen Schnitt verriet, mit zwei Medaillen auf der Brust, einem sehr spärlichen, kurzen, grauen Bart, runzligem und gelbem Gesicht und einem argwöhnischen, verschlossenen und leidenden Blick.
„Ist das nicht gar dein Vater?“ fragte der Fürst.
„Er selbst,“ antwortete Rogoshin mit einem unangenehmen einmaligen Auflachen, ganz, als hätte er sich im nächsten Augenblick irgendeinen unzeremoniellen Scherz über seinen verstorbenen Vater erlauben wollen.
„Er war doch kein Altgläubiger?“
„Nein, er ging in die Kirche; aber es ist schon wahr, er sagte, daß der alte Glaube richtiger sei. Die Skopzen hat er auch immer sehr geachtet. Das hier war ja sein Kabinett. Wozu hast du das gefragt, das von der Altgläubigkeit?“
„Wirst du die Hochzeit hier feiern?“
„Hi–ier,“ antwortete Rogoshin langsam, doch war er bei der unerwarteten Frage kaum merklich zusammengezuckt.
„Bald?“
„Du weißt doch selbst: hängt es denn von mir ab?“
„Parfen, ich bin nicht dein Feind und will dich an nichts verhindern. Ich sage es dir jetzt nochmals, wie ich es dir schon früher einmal gesagt habe, in einer ähnlichen Stunde. Als in Moskau deine Trauung vollzogen werden sollte, bin ich nicht dazwischengetreten, das weißt du. Das erstemal kam sie von selbst zu mir gestürzt, fast vom Altare fort, und flehte mich an, sie vor dir zu ‚retten‘. Ich wiederhole nur ihre eigenen Worte. Dann lief sie auch von mir fort. Du suchtest sie wieder auf und brachtest sie wieder zum Altar, und da, sagt man mir, sei sie wieder von dir fortgelaufen und habe sich hierher geflüchtet. Ist das wahr? So hat es mir Lebedeff geschrieben, und deshalb bin ich auch hergekommen. Daß ihr euch aber hier wieder halbwegs ausgesöhnt habt, habe ich erst gestern im Eisenbahnkupee von einem deiner früheren Freunde erfahren, von Saljosheff, wenn es dich interessiert. Hergereist aber bin ich mit einer ganz bestimmten Absicht: ich will sie bereden, ins Ausland zu fahren, um dort für ihre Gesundheit etwas zu tun; denn sie ist sowohl geistig wie körperlich sehr der Pflege bedürftig ... namentlich macht mir ihr seelischer Zustand Sorge. Ich selbst wollte sie nicht ins Ausland begleiten, sondern beabsichtigte, es irgendwie ohne mich zu arrangieren, mich selbst dabei ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich sage dir die volle Wahrheit. Wenn es aber wahr ist, daß ihr wieder einig seid, so werde ich mich überhaupt nicht mehr zeigen und auch zu dir werde ich dann nie mehr kommen. Du weißt, daß ich dich nicht betrügen werde; denn ich bin ja auch früher immer offen und ehrlich gegen dich gewesen. Ich habe dir auch meine Überzeugung nicht verschwiegen, daß die Heirat mit dir – ihr unbedingtes Verderben sein würde. Auch dein Verderben ... vielleicht sogar noch mehr als ihres. Wenn ihr wieder auseinandergehen solltet, wird es mich sehr beruhigen; doch habe ich deshalb noch nicht die Absicht, euch zu entzweien oder zwischen euch zu treten. Sei also in der Beziehung ganz ruhig und verdächtige mich nicht. Doch du weißt es ja selbst – bin ich denn jemals im Ernst dein Nebenbuhler gewesen, selbst damals, als sie von dir zu mir flüchtete? Da lachst du nun wieder dein kurzes Lachen! Ich weiß, weshalb du so kurz aufgelacht hast. Wir haben dort ganz getrennt gelebt, sogar in verschiedenen Städten, und das weißt du ja selbst ganz genau. Ich habe dir ja schon früher einmal erklärt, daß ich sie nicht ‚aus Liebe‘, sondern ‚aus Mitleid‘ liebe. Ich glaube es so ganz richtig zu bezeichnen. Du sagtest damals, daß du diese meine Worte begriffen hättest. Ist das nun wahr? Hast du sie wirklich begriffen? Du, weshalb siehst du mich jetzt so haßerfüllt an? Ich bin doch nur gekommen, weil auch du mir teuer bist. Ich liebe dich, Parfen. Ich werde jetzt fortgehen und niemals wiederkommen. Leb’ wohl.“
Der Fürst erhob sich.
„Bleib noch ein wenig bei mir,“ sagte Parfen leise, den Kopf in die rechte Hand gestützt, ohne sich zu erheben. „Ich habe dich lange nicht gesehen.“
Der Fürst setzte sich wieder. Beide schwiegen sie.
„Ich ... wenn ich dich nicht vor mir sehe, fühle ich gleich Haß gegen dich, Lew Nikolajewitsch. In diesen drei Monaten, da ich dich nicht gesehen habe, bin ich dir immerwährend, in jeder Minute böse gewesen, bei Gott. Ich hätte dich so genommen und erwürgt vor lauter Wut, sieh so! Und jetzt sitzt du noch keine Viertelstunde bei mir, und schon ist meine ganze Wut vergangen, und ich hab’ dich wieder so lieb wie früher. Bleib noch ein wenig bei mir ...“
„Wenn ich bei dir bin, dann glaubst du mir, und wenn ich nicht mehr da bin, dann hörst du sogleich auf mir zu glauben und verdächtigst mich wieder. Du bist wie dein Vater!“ sagte der Fürst mit freundschaftlichem Lächeln, bemüht, das Gefühl, das aus seinen Worten sprach, zu verbergen.
„Ich glaube deiner Stimme, wenn du bei mir bist. Ich begreife doch, daß man uns beide nicht vergleichen kann, dich und mich ...“
„Weshalb sagst du gerade das? Da bist du nun wieder gereizt,“ sagte der Fürst.
„Ach, hier, Freund, wird nicht nach unserer Meinung gefragt,“ entgegnete jener, „das ist schon ohne uns so bestimmt worden. Auch lieben tun wir ja beide ganz verschieden ... Ich will damit sagen, in allem ist eben ein Unterschied,“ fuhr er nach kurzem Schweigen leise fort. „Du liebst sie, sagst du, nur aus Mitleid. Ich aber empfinde nichts von Mitleid in mir, so was fühle ich gar nicht für sie. Und sie haßt mich ja auch nur, haßt mich mehr als alles andere. Jede Nacht träumt mir jetzt, daß sie mit einem anderen über mich lacht. Und so ist es auch, Freund. Sie wird mit mir zum Altar gehen; aber an mich auch nur dabei denken, das tut sie nicht, selbst das wird sie vergessen – es ist einfach so, wie wenn sie Schuhe wechselte. Glaubst du mir, ich habe sie schon seit fünf Tagen nicht gesehen; denn ich wage nicht hinzugehen: wenn sie nun fragt: ‚Wozu hast du dich herbemüht?‘ Hat sie mir denn wenig Schimpf angetan ...“
„Was – wieso Schimpf angetan? Was sagst du?“
„Als ob du’s selbst nicht weißt! Hast doch noch selbst vorhin ausgesprochen, daß sie ‚vom Altar‘ weg zu dir gelaufen ist.“
„Aber, du glaubst doch selbst nicht, daß ...“
„Und das mit dem Offizier, dem Semtjushnikoff in Moskau – war denn das kein Schimpf? Ich weiß es ganz genau, daß sie mir die Schande, die Schmach angetan hat, und das noch, nachdem sie schon selbst den Tag der Trauung bestimmt hatte.“
„Nicht möglich!“ rief der Fürst aus.
„Ich weiß es ganz genau,“ wiederholte Rogoshin in fester Überzeugung. „Was ‚keine solche‘, meinst du? Darüber, Bruder, darüber lohnt es sich gar nicht zu reden, daß sie keine solche ist. Mit dir wird sie keine solche sein und vielleicht wird sie vor diesen Sachen sogar Entsetzen empfinden, mit mir aber ist sie, siehst du, gerade eine solche. Das ist schon so. Sie hält mich für den letzten Pöbelkerl: als gehörte ich zum Gesindel. Mit Keller, mit diesem Leutnant, dem Boxer – hat sie, das weiß ich ganz genau, nur um über mich zu spotten angefangen ... Du weißt noch gar nicht alles, was sie in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld habe ich fortgeworfen ...“
„Ja, aber ... wie wirst du sie denn jetzt heiraten! ... Wie wird denn das später werden?“ fragte der Fürst ganz entsetzt.
Rogoshin sah ihm mit schwerem, furchtbarem Blick in die Augen und antwortete nichts.
„Jetzt bin ich schon fünf Tage nicht bei ihr gewesen,“ fuhr er nach einer Weile fort, als hätte er sein Schweigen vergessen. „Ich fürchte immer, daß sie mich hinausjagt. Ich bin immer noch meine eigene Herrin, sagt sie; wenn ich will, jage ich dich ganz von mir fort und fahre ins Ausland. – Das hat auch sie mir schon gesagt, daß sie ins Ausland fahren würde,“ fügte er plötzlich, wie zur Ergänzung noch hinzu, während er dabei dem Fürsten mit einem ganz besonderen Blick in die Augen sah.
„Manches Mal wiederum will sie mich nur erschrecken, immer bin ich ihr lächerlich. Ein anderes Mal aber verdüstert sich ihr Gesicht, sie runzelt die Stirn und spricht kein Wort mit mir. Das aber fürchte ich am meisten. Neuerdings dachte ich: ich werde von jetzt ab nicht mehr mit leeren Händen hinfahren, – da machte sie sich wieder nur lustig über mich und schließlich wurde sie sogar böse. Ihrer Kammerzofe, der Katjka, schenkte sie meinen Schal, den ich ihr als Geschenk mitgebracht hatte; aber wenn sie früher auch üppig gelebt und teure Sachen getragen hat, einen solchen Schal hatte sie vielleicht doch noch nie gesehen! Und davon, wann denn die Trauung sein soll, davon darf man überhaupt nicht zu sprechen anfangen. Was ist denn das für ein Bräutigam, der sich fürchtet, sie auch nur zu besuchen? So sitze ich denn hier, und wenn es unerträglich wird, dann gehe ich heimlich, schleichend an ihrem Hause vorüber, auf der Straße, oder ich verberge mich hinter einer Hausecke. Vor kurzem noch habe ich so eine ganze Nacht bis zum Morgen an ihrer Hofpforte Wache gestanden, – mir hatte damals so etwas geschienen ... Sie aber muß mich wohl aus dem Fenster beobachtet haben. ‚Was hättest du denn,‘ fragte sie später, ‚was hättest du denn mit mir getan, wenn du einem Betrug auf die Spur gekommen wärst?‘ Da hielt ich’s nicht aus und sagte: ‚Das weißt du selbst.‘“
„Was weiß sie denn?“
„Ja, wie soll ich’s denn wissen!“ lachte Rogoshin boshaft. „In Moskau hab’ ich sie damals mit keinem überraschen können, obschon ich ihr lange genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: ‚Du hast dein Wort gegeben, daß du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine ehrenwerte Familie; weißt du aber auch, was für eine du jetzt bist? Sieh, solch eine bist du!‘ sagte ich.“
„Das sagtest du ihr ins Gesicht?“
„Ja.“
„Und?“
„‚Ich werde dich,‘ antwortete sie, ‚ich werde dich jetzt vielleicht noch nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!‘ – ‚Und du glaubst, daß ich fortgehe?‘ fragte ich. – ‚Dann werde ich sofort Keller rufen,‘ sagte sie, ‚und ihm befehlen, dich hinauszuwerfen.‘ Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken hatte.“
„Nicht möglich! Das kann nicht sein!“ stieß der Fürst atemlos hervor.
„Ich sage: es war so,“ sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin. „Zwei Tage aß ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. ‚Ich sterbe, aber ich gehe nicht eher fort,‘ sagte ich, ‚ich gehe nicht eher fort, als bis du mir verziehen hast; läßt du mich aber hinauswerfen, so ertränke ich mich, denn – was bin ich jetzt noch ohne dich?‘ Wie eine Wahnsinnige war sie den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine Rasende zu beschimpfen, – jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller, Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und begann mich wieder zu schmähen. ‚Gehen wir, meine Herren,‘ sagte sie dann, ‚gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn er nicht fortgehen will, ich bin für ihn nicht angebunden. Ihnen aber, Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen, Sie müssen ja ganz hungrig sein.‘ Aus dem Theater kehrte sie allein zurück. ‚Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,‘ sagte sie, ‚alle haben sie Angst vor dir und da wollen sie natürlich auch mir Angst einflößen: sie behaupten, du würdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein Schlafzimmer gegangen bin, die Tür nicht hinter mir zuschließen, sieh, so wenig fürchte ich dich! Damit du das ein für allemal weißt und siehst! Hast du Tee getrunken?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich, ‚und ich werde es auch nicht.‘ – ‚Wenn das dir Ehre einlegen würde, wäre es etwas anderes, aber so – wenn du wüßtest, wie wenig das zu dir paßt.‘ Und wie sie gesagt hatte, so tat sie’s auch: die Tür zu ihrem Schlafzimmer blieb offen. Am nächsten Morgen kam sie – lachte. ‚Bist du denn ganz von Sinnen, sag’ doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.‘ – ‚Vergib,‘ sagte ich. ‚Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht; es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?‘ – ‚Nein, ich habe nicht geschlafen,‘ sagte ich. – ‚Ach, wie klug! Und Tee trinken und essen wirst du wieder nicht?‘ – ‚Ich habe doch gesagt: Vergib!‘ – ‚Wenn du wüßtest, wie schlecht das zu dir paßt, wie ein Sattel zu einer Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und daß du hier hungrig sitzt, ach, wie entsetzlich du mich damit einschüchterst!‘ Dann wurde sie böse, aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu sticheln. Da wunderte ich mich über sie, daß doch eigentlich keine Bosheit in ihr war. Sonst vergißt sie doch Böses nicht so leicht, vergißt es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, daß sie mich wohl für so niedrig hält, daß sie nicht einmal große Wut über mich empfinden kann. Und das ist wahr. ‚Weißt du auch, wer das ist: der römische Papst?‘ fragte sie. – ‚Ja, ich habe gehört, wer das ist,‘ sage ich. ‚Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht viel gelernt!‘ sagt sie. – ‚Ich habe überhaupt nichts gelernt,‘ sage ich. – ‚Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hör’ zu: Es war einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser böse, und dieser Kaiser lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfuß auf den Knien vor dem Schloß des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du – was hat wohl der Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfuß dort kniete, bei sich gedacht und welche Rache dem Papst geschworen? ... Doch warte, ich werde es dir selbst vorlesen!‘ sagte sie und stand auf und brachte das Buch. ‚Es sind Verse,‘ sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rächen. ‚Gefällt dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?‘ fragte sie. – ‚Das stimmt alles, was du da gelesen hast,‘ sage ich. – ‚Aha,‘ rief sie aus, ‚du gibst also selbst zu, daß es stimmt, dann schwörst auch du jetzt Rache und sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon alles heimzahlen, dann werde ich mich dafür entschädigen!‘ – ‚Ich weiß nicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denk’ auch ich so!‘ – ‚Wie, weißt du das denn nicht?‘ – ‚Ach,‘ sag’ ich ‚ich weiß es nicht, nicht daran denke ich jetzt.‘ – ‚Woran denkst du denn jetzt?‘ – ‚Wenn du aufstehst vom Stuhl, gehst du an mir vorüber, und ich sehe auf dich und folge dir mit dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen, und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest ...‘ – ‚Ja, dann denkst du ja vielleicht,‘ lachte sie, ‚dann denkst du ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, daß du mich geschlagen hast?‘ – ‚Vielleicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denke ich auch daran nicht mehr, ich weiß nicht.‘ – ‚Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht heirate?‘ – ‚Ich habe gesagt, ich ertränke mich.‘ – ‚Schlägst mich aber vorher wahrscheinlich noch tot ...‘ Sagte es und wurde nachdenklich. Dann wurde sie böse und ging aus dem Zimmer. Nach einer Stunde kommt sie wieder zu mir zurück, ernst, düster. ‚Ich werde dich heiraten, Parfen Ssemjonytsch,‘ sagt sie, ‚doch nicht deshalb, weil ich dich etwa fürchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man umkommt. Wo ist’s denn besser? Setz’ dich,‘ sagt sie, ‚man wird dir gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,‘ fügte sie hinzu, ‚werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu zweifeln, kannst ruhig sein.‘ Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte sie noch: ‚Du bist doch kein Lakai – ich dachte früher, du seist ein echter, ein ganzer Lakai.‘ Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir fort und flüchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte sie: ‚Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur noch aufschieben, solange es mir paßt; denn ich bin ja doch noch ganz Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.‘ Siehst du, so stehen wir jetzt miteinander ... Was meinst du zu alledem, Lew Nikolajewitsch?“
„Wie denkst du selbst darüber?“ fragte der Fürst mit traurigem Blick auf Rogoshin.
„Denk’ ich denn überhaupt!“ entfuhr es diesem ganz unwillkürlich.
Er wollte noch etwas hinzufügen, doch dann senkte er den Blick und schwieg.
Der Fürst erhob sich von neuem, um fortzugehen.
„Trotzdem werde ich dir nicht in den Weg treten,“ sagte er leise, fast wie in Gedanken versunken, und es war, als hätte er auf einen eigenen inneren Gedanken geantwortet.
„Weißt du, was ich dir sagen werde?“ wandte sich plötzlich Rogoshin erregt an ihn, und seine Augen blitzten auf. „Wie kannst du sie mir nur so abtreten, das verstehe ich nicht! Oder hast du schon ganz aufgehört, sie zu lieben? Früher warst du doch immerhin noch traurig, ich weiß es, ich habe es doch gesehen. Wozu bist du denn jetzt so Hals über Kopf hergereist? Aus Mitleid?“ (Sein Gesicht verzog sich in boshaftem Spott) „He–he!“
„Du glaubst, daß ich dich betrüge?“ fragte der Fürst.
„Nein, ich glaube dir, nur verstehe ich davon nichts. Am wahrscheinlichsten ist wohl, daß dein Mitleid noch größer ist als meine Liebe!“
Etwas Böses, das gleichsam herausdrängte, das sich unbedingt sogleich äußern wollte, war in seinem Gesicht aufgeflammt.
„Deine Liebe kann man vom Haß kaum unterscheiden,“ lächelte der Fürst, „und wenn sie vergeht, Bruder, wird das Unglück vielleicht noch größer sein. Ich sage dir nur das eine, Parfen ...“
„Daß ich sie ermorden werde?“
Der Fürst zuckte zusammen.
„Du wirst sie um dieser Liebe, dieser Qual willen, mit der du dich jetzt quälst, gar zu sehr hassen. Am meisten wundert mich aber, wie sie überhaupt wieder zu dir zurückkehren kann. Als ich es gestern hörte, wollte ich es kaum glauben, so schwer wurde es mir ... Zweimal ist sie schon von dir fortgelaufen, fast vom Altar weg, also muß sie doch eine Vorahnung haben! ... Weshalb will sie dich denn jetzt noch nehmen? Doch nicht deines Geldes wegen? Das ist ja doch Unsinn! Und von deinem Gelde hast du ja auch schon so viel vergeudet. Und doch auch nicht, um nur einen Mann zu bekommen? Denn du bist doch nicht der einzige, den sie heiraten könnte! Da wäre doch jeder andere besser als du, denn du wirst sie ja vielleicht wirklich ermorden, und das begreift sie doch selbst nur zu gut! Oder weil du sie so leidenschaftlich liebst? Ja, es sei denn dieses eine ... Ich habe gehört, daß es welche geben soll, die gerade eine solche Liebe suchen ... nur ...“
Der Fürst hielt nachdenklich inne.
„Was lächelst du wieder über meines Vaters Bild?“ fragte Rogoshin, der seinen Blick nicht vom Gesicht des Fürsten abwandte und aufmerksam jede Veränderung im Gesicht, jeden Blick des Fürsten verfolgte.
„Weshalb ich soeben lächelte? Es kam mir in den Sinn, daß du, wenn dir nicht dieses Unglück zugestoßen, wenn nicht diese Liebe über dich gekommen wäre, daß du dann auf ein Haar wie dein Vater geworden wärst, und das sogar in sehr kurzer Zeit. Du würdest dich schweigend hier in diesem Hause niederlassen mit deiner Frau, einem gehorsamen, verschüchterten Wesen, würdest nur wenig und jedes Wort in strengem Tone sprechen, würdest keinem Menschen trauen, keines Menschen Vertrauen brauchen und nur schweigend und finster dein Geld aufhäufen. Viel wäre es, wenn du einmal die alten Bücher loben und dich für das Bekreuzen mit zwei Fingern aussprechen würdest,[13] aber auch das höchstens im Alter ...“
„Spotte nur. Genau dasselbe hat auch sie mir vor nicht langer Zeit gesagt, gleichfalls als sie dieses Porträt betrachtete. Das ist doch wunderlich, wie jetzt bei euch alles übereinstimmt ...“
„Ja, ist sie denn schon einmal bei dir gewesen?“ fragte der Fürst überrascht.
„Einmal. Das Porträt betrachtete sie lange, fragte mich über den Verstorbenen aus. ‚Du würdest genau so sein,‘ sagte sie dann lachend, ‚du hast mächtige Leidenschaften, Parfen Ssemjonytsch,‘ sagte sie, ‚solche Leidenschaften, daß du unentgeltlich nach Sibirien mit ihnen kämst, wenn du nicht – wenn du nicht deinen Verstand hättest, und du hast einen großen Verstand,‘ sagte sie – geradeso sagte sie’s, wirst du’s mir glauben! Zum erstenmal hörte ich von ihr ein solches Wort! – ‚Du würdest diesen ganzen Unsinn bald lassen. Und da du ein ganz ungebildeter Mensch bist, so würdest du dich einfach aufs Geldverdienen verlegen und würdest dich ganz wie dein Vater in diesem Hause hier festsetzen, mit deinen Skopzen natürlich. Vielleicht würdest du zum Schluß auch noch zu ihrem Glauben übertreten. Das Geld aber, das würdest du so liebgewinnen, daß du nicht nur zwei Millionen, sondern vielleicht ganze zehn Millionen zusammenscharrtest, um dann auf deinen Goldsäcken am Ende Hungers zu sterben; denn du bist in allem leidenschaftlich, ja, bei dir wird alles, was du beginnst, zur Leidenschaft.‘ Genau so sagte sie, mit denselben Worten. Niemals noch hatte sie so zu mir gesprochen! Denn sonst hat sie nur Albernheiten mit mir geredet oder über mich gespottet. Auch hier hatte sie lachend begonnen, dann aber wurde sie plötzlich sehr ernst. Durch das ganze Haus ging sie, alles besah sie, ganz als fürchte sie sich immer vor etwas. ‚Ich werde das alles hier verändern,‘ sage ich, ‚alles verschönern oder auch zur Hochzeit ein neues Haus kaufen.‘ Da war sie ganz erschrocken: ‚Nein, nein, um Gottes willen nicht!‘ sagte sie; ‚alles muß so bleiben, wie es ist, gerade so wollen wir hier leben. Ich will neben deiner Mutter leben,‘ sagte sie, ‚wenn ich deine Frau sein werde.‘
Dann führte ich sie zu meiner Mutter – sie war ehrerbietig gegen sie wie eine leibliche Tochter. Meine Mutter ist nun schon seit zwei Jahren nicht ganz bei vollem Verstande – krank ist sie – und nun seit dem Tode des Vaters ist sie ganz wie ein Kind geworden, spricht gar nicht mehr, kann nicht mehr gehen, die Füße tragen sie nicht, und so sitzt sie und grüßt nur vom Platz aus einen jeden, den sie sieht. Wenn man ihr nicht zu essen geben wollte, würde sie es drei Tage lang nicht merken, so steht’s mit ihr. Ich nahm die rechte Hand meiner Mutter, legte die drei Finger zum Segen zusammen und sagte: ‚Mütterchen, segnet sie, sie geht mit mir zum Altar,‘ und da küßte sie meiner Mutter die Hand, aber nicht nur so, sondern wirklich innig. ‚Viel Leid,‘ sagte sie, ‚muß deine Mutter erduldet haben.‘ Dieses Buch hier sah sie: ‚Was ist das,‘ fragte sie, ‚fängst du an, russische Geschichte zu lesen?‘ Sie selbst hatte mir einmal in Moskau gesagt: ‚Wenn du dich doch wenigstens etwas bilden würdest, lies doch wenigstens Ssolowjoffs Russische Geschichte, du weißt ja doch gar nichts;‘ ja, das hatte sie mir schon in Moskau gesagt. ‚Das ist gut,‘ sagte sie jetzt, ‚lies nur weiter. Ich werde dir ein kleines Verzeichnis aufschreiben von Büchern, die du ganz zuerst lesen mußt. Willst du, soll ich?‘ Nie, nie hatte sie vorher so mit mir gesprochen, ich war ganz erstaunt; zum erstenmal atmete ich auf, wie ein lebendiger Mensch.“
„Das freut mich, das freut mich sehr, Parfen,“ sagte der Fürst warm, „ich bin sehr froh darüber. Wer weiß, vielleicht hat Gott euch doch noch zu einem gemeinsamen Leben bestimmt.“
„Nein, das ist unmöglich!“ rief Rogoshin heftig aus.
„Höre, Parfen, wenn du sie so liebst – willst du dann nicht ihre Achtung erwerben? Und wenn du es willst – weshalb willst du dann nicht auch hoffen? Ich sagte vorhin, daß es für mich unbegreiflich sei: weshalb sie dich überhaupt noch heiraten will? Doch wenn ich es mir auch jetzt noch nicht ganz erklären kann, so sehe ich doch eines ein: daß sie dazu einen genügenden Grund, einen vernünftigen Grund haben muß. Von deiner Liebe ist sie überzeugt, doch ganz gewiß ist sie es auch von deinen Vorzügen, wenigstens von einigen. Anders kann es ja gar nicht sein! Und was du soeben erzähltest, bestätigt meine Annahme vollkommen. Du sagst doch selbst, daß es ihr möglich gewesen ist, in einer ganz anderen Weise mit dir zu reden, als sie früher getan. Du bist argwöhnisch und eifersüchtig, deshalb vergrößerst du auch alles, was du Schlechtes von ihr erfahren hast. Es liegt doch auf der Hand, daß sie lange nicht so schlecht von dir denkt, wie du erzählst; denn sonst müßte man ja doch von ihr sagen, daß sie mit vollem Bewußtsein ins Wasser geht oder unter das Messer, wenn sie dich heiratet. Ist denn das möglich? Wer geht denn bewußt aufs Messer los?“
Mit bitterem Spottlächeln hörte Rogoshin den Fürsten an. Seine Überzeugung schien schon unerschütterlich festzustehen.
„Wie schwer dein Blick ist, mit dem du mich ansiehst, Parfen!“ stieß plötzlich der Fürst unter einem erdrückenden Gefühl hervor.
„Ins Wasser oder unter das Messer!“ sprach Rogoshin endlich langsam nach. „He–he! Ja, einzig deshalb nimmt sie mich doch, weil sie überzeugt ist, daß sie bei mir der Dolch erwartet! Solltest du denn bis jetzt wahrhaftig noch nicht erraten haben, Fürst, um was es sich hier handelt?“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Was, vielleicht begreift er’s auch wahrhaftig nicht, he–he! Sagt man doch von dir, daß du ... nun, jenes! ... Einen anderen liebt sie! – begreifst du’s jetzt? Ganz so, wie ich sie jetzt liebe, genau so liebt sie jetzt einen anderen. Und dieser andere ist – weißt du, wer? Das bist du! Was, wußtest du das noch nicht?“
„Ich?“
„Ja, du. Sie hat sich gleich damals, damals an ihrem Geburtstage in dich verliebt – und seit der Stunde liebt sie dich. Nur glaubt sie jetzt, daß sie dich nicht heiraten darf, weil sie dir damit eine Schande antun und dein Leben verderben würde. ‚Man weiß ja doch, was für eine ich bin,‘ sagte sie. Und davon ist sie nicht abzubringen. Alles das hat sie mir selbst ins Gesicht gesagt. Dich zu verderben und dir Schande anzutun – das fürchtet sie, mich aber, siehst du, mich kann man heiraten, bei mir macht’s nichts aus – sieh, so hoch schätzt sie mich ein! – das kannst du dir gleichfalls merken!“
„Aber wie ist sie denn ... wie ist sie denn von dir zu mir und ... von mir wieder ...“
„Von dir wieder zu mir zurückgekehrt! Haha! Als ob ihr wenig in den Kopf kommt! Sie ist ja doch jetzt ganz wie im Fieber, wie im Delirium. Bald schreit sie mir zu: ‚Dich heiraten oder ins Wasser – ist eins! Die Hochzeit so schnell wie möglich!‘ sie drängt selbst, bestimmt den Tag, rückt aber die Zeit heran, dann – erschrickt sie, oder es kommen ihr andere Gedanken. Gott weiß – du hast sie doch gesehen: weint, lacht, gebärdet sich wie in Raserei. Was Wunder, wenn sie da auch von dir wieder fortgelaufen ist? Sie ist ja doch nur deshalb von dir fortgelaufen, weil es ihr plötzlich zum Bewußtsein kam, wie sehr sie dich liebt. Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe zu dir nicht mehr aus. Du sagtest, ich hätte sie damals in Moskau aufgesucht. Das ist ja gar nicht wahr – sie selbst kam von dir zu mir gelaufen. ‚Bestimme den Tag,‘ sagte sie, ‚ich bin bereit! Gib Champagner her! Fahren wir zu den Zigeunerinnen!‘ schrie sie ... Wäre ich nicht gewesen, so hätte sie sich schon längst ertränkt. Glaube mir! Nur deshalb tut sie es nicht, weil ich vielleicht noch furchtbarer bin als der Tod im Wasser. Nur aus Bosheit will sie mich heiraten ... Wenn sie mich heiratet, so kannst du sicher sein, daß sie es nur aus Bosheit tut.“
„Ja, aber wie kannst du dann ... wie kannst du dann! ...“ rief der Fürst ganz bestürzt aus, doch sprach er nicht zu Ende, was er sagen wollte.
Ganz entsetzt sah er Rogoshin an.
„Warum sprichst du’s denn nicht aus?“ fragte jener spöttisch, und man sah seine Zähne zwischen den Lippen. „Willst du, so werde ich dir sagen, was du in diesem Augenblick bei dir denkst? – ‚Nun, wie kann sie dann jetzt noch zu ihm gehen? Wie kann man das zulassen?‘ Ich weiß schon, was du denkst.“
„Ich bin nicht deshalb hergekommen, Parfen, ich schwöre es dir, glaub’ mir, ich hatte nicht das im Sinn ...“
„Schon möglich, daß du nicht deshalb gekommen bist, und daß du nicht das im Sinn hattest; nur ist es jetzt schon ganz sicher geworden, daß du doch deshalb gekommen bist, he–he! ... Nun, genug! Was bist du so bestürzt? Wußtest du es denn wahrhaftig nicht? Du wunderst mich!“
„Das ist alles nur deine Eifersucht, Parfen, deine Krankheit, du vergrößerst alles unendlich, du übertreibst ...“ stotterte der Fürst in unbeschreiblicher Erregung. „Was willst du?“
„Laß!“ sagte Rogoshin herrisch, indem er dem Fürsten das Messer aus der Hand riß, das jener vom Tisch genommen hatte. Rogoshin legte es neben das Buch auf dieselbe Stelle zurück, wo es gelegen.
„Es ist mir, als hätte ich es bei der Einfahrt in Petersburg schon gewußt, als hätte ich es vorausgefühlt ...“ fuhr der Fürst fort. „Ich wollte nicht herfahren! Ich wollte alles das hier vergessen, aus dem Herzen herausreißen! Nun, aber jetzt leb’ wohl ... Was hast du?“
In seiner Zerstreutheit hatte der Fürst beim Sprechen wieder das Messer in die Hand genommen, und wieder riß es ihm Rogoshin aus der Hand, um es auf den Tisch zurückzuwerfen. Es war das ein ganz einfaches Messer, nicht zusammenlegbar, mit einem Griff aus Hirschhorn und einer etwa dreieinhalb Zoll langen und dementsprechend breiten Klinge.
Als Rogoshin sah, daß der Fürst stutzig wurde – denn das Messer mußte ihm doch auffallen, wenn es ihm zweimal in dieser Weise aus der Hand gerissen wurde –, nahm er es sichtlich ärgerlich und legte es ins Buch, das er mit einer kurzen Bewegung auf den anderen Tisch schleuderte.
„Schneidest du damit die Blätter auf?“ fragte der Fürst, doch war seine Frage immer noch wie in Zerstreutheit gestellt, als wäre er nach wie vor noch in seine Gedanken versunken.
„Ja, die Blätter ...“
„Das ist doch ein Gartenmesser?“
„Ja, ein Gartenmesser. Darf man denn mit einem Gartenmesser keine Blätter aufschneiden?“
„Ja, aber ... es ist ganz neu.“
„Was ist denn dabei, daß es neu ist? Darf ich mir denn nicht, wenn ich will, ein neues Messer kaufen?“ schrie Rogoshin schließlich wütend heraus, jedes Wort hatte ihn immer mehr gereizt und aufgebracht.
Der Fürst fuhr zusammen und blickte ihm aufmerksam ins Gesicht.
„Ach, wir sind aber auch!“ lachte er dann auf, plötzlich zur Besinnung gekommen. „Verzeih mir, Bruder, mein Kopf ist mir jetzt so schwer, und diese Krankheit ... ich bin jetzt immer so zerstreut und lächerlich. Ich wollte das ja gar nicht fragen ... ich weiß nicht mehr, was es war. Leb’ wohl!“
„Nicht durch diese Tür,“ sagte Rogoshin.
„Ich – ...“
„Hier, hier, komm, ich werde dir den Weg zeigen.“