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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 33: XII.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

XII.

Es war sieben Uhr nachmittags; der Fürst schickte sich an, in den Park zu gehen. Plötzlich erschien Lisaweta Prokofjewna ganz allein bei ihm auf der Terrasse.

Erstens: Daß du mir nicht zu denken wagst,“ begann sie, „ich sei hergekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Unsinn! Du allein bist der Schuldige.“

Der Fürst schwieg.

„Bist du der Schuldige oder nicht?“

„In demselben Maße wie auch Sie. Übrigens bin weder ich es, noch sind Sie es. Wir sind beide in nichts bewußt die Schuldigen. Vor drei Tagen hielt ich mich allerdings für schuldig, doch jetzt habe ich nachgedacht und eingesehen, daß das nicht richtig ist.“

„Also so bist du! Nun gut; jetzt höre und setz’ dich, denn ich habe nicht die Absicht, noch lange so zu stehen.“

Sie setzten sich.

Zweitens: Kein Wort über die Bengel. Ich werde hier sitzen und zehn Minuten mit dir sprechen; ich bin gekommen, um mich bei dir nach etwas zu erkundigen (du dachtest wohl schon weiß Gott was?), aber wenn du auch nur mit einer Silbe die frechen Bengel erwähnst, stehe ich auf und gehe, und dann ist es ein für allemal aus zwischen uns, damit du’s weißt.“

„Gut, ich werde sie nicht erwähnen,“ sagte der Fürst.

„Jetzt erlaube die Frage: Hast du vor zwei oder zweieinhalb Monaten, so um Ostern herum, an Aglaja einen Brief zu schreiben versucht?“

„J–j–ja.“

„Zu welchem Zweck? Was stand im Brief? Zeig’ ihn mir!“

Lisaweta Prokofjewnas Augen glühten, sie zitterte beinahe vor Ungeduld.

„Ich habe den Brief nicht,“ sagte der Fürst verwundert, und ihm ward entsetzlich angst und bange zumute; „wenn er noch existiert und ganz ist, so befindet er sich im Besitze Aglaja Iwanownas.“

„Mach’ keine Flausen! Was hast du in diesem Brief geschrieben?“

„Ich mache durchaus keine Flausen und ich brauche mich vor nichts zu fürchten. Nur kann ich durchaus keinen Grund sehen, weshalb ich nicht hätte schreiben sollen ...“

„Schweig! Später kannst du reden. Was stand in dem Brief? Weshalb bist du rot geworden?“

Der Fürst dachte eine Weile nach.

„Ich kenne Ihre Gedanken nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich sehe nur, daß dieser Brief Ihnen sehr mißfällt. Sie werden aber doch einsehen, daß ich mich sehr wohl weigern könnte, auf diese Frage zu antworten. Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich nichts fürchte und durchaus nicht bereue, den Brief geschrieben zu haben, und auch keineswegs deshalb erröte,“ – der Fürst wurde fast noch einmal so rot – „werde ich Ihnen Wort für Wort den ganzen Brief hersagen, – ich glaube, daß ich den Inhalt behalten habe.“

Und der Fürst sagte tatsächlich aus dem Gedächtnis den ganzen Wortlaut des Briefes her.

„Solch ein Blödsinn! Was soll denn das alles bedeuten, deiner Meinung nach?“ fragte Lisaweta Prokofjewna schroff, nachdem sie ungeheuer aufmerksam die Wiedergabe des Briefes angehört hatte.

„Das weiß ich selbst nicht genau; ich weiß nur, daß ich gerade das empfand, was ich schrieb. Ich hatte dort bisweilen Augenblicke, in denen ich so voll Leben und voll ungeheurer Hoffnungen war ...“

„Was waren denn das für Hoffnungen?“

„Das ist schwer zu erklären, jedenfalls aber nicht eine solche, wie Sie jetzt vielleicht annehmen. Eine Hoffnung ... nun, mit einem Wort, Hoffnung auf die Zukunft und Freude darüber, daß ich in Rußland vielleicht kein Fremder bin, kein Ausländer. Es gefiel mir plötzlich ganz unsäglich im Vaterland. Und an einem sonnigen Morgen setzte ich mich hin und schrieb an sie diesen Brief; weshalb gerade an sie – das weiß ich nicht. Mitunter sehnt man sich doch nach einem Freunde ... so werde ich mich damals wohl auch nach einem Freunde gesehnt haben ...“ fügte der Fürst nach kurzem Schweigen hinzu.

„Sag’ mal: bist du etwa in sie verliebt?“

„N–nein. Ich ... ich habe an sie wie meine Schwester geschrieben; ich unterschrieb mich ja auch ‚Ihr Bruder‘.“

„Hmhm! absichtlich; ich verstehe.“

„Es fällt mir sehr schwer, Ihnen auf diese Fragen zu antworten, Lisaweta Prokofjewna.“

„Ich weiß, daß es dir schwerfällt, aber was geht das mich an, ob es dir schwerfällt. Höre, sag’ mir die Wahrheit, antworte mir wie deinem Gott: lügst du mir da was vor oder lügst du nicht?“

„Ich lüge nicht.“

„Ist es wirklich wahr, daß du nicht verliebt bist?“

„Ich ... ich glaube, daß es wahr ist.“

„Sieh mal an! – ‚ich glaube‘! Der Bengel hat ihn übergeben?“

„Ich hatte Nikolai Ardalionytsch gebeten ...“

„Der Bengel! Der Bengel!“ unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna zornig. „Einen Nikolai Ardalionytsch kenne ich überhaupt nicht! Der Bengel heißt er!“

„Nikolai Ardalionytsch ...“

„Der Bengel, sag’ ich dir!“

„Nein, er heißt nicht der Bengel, sondern Nikolai Ardalionytsch,“ widersprach fest, wenn auch ziemlich leise, der Fürst.

„Nun gut, mein Täubchen, gut! Das werde ich dir nicht vergessen!“

Sie kämpfte ihre Erregung nieder und erholte sich ein Weilchen.

„Aber was ist das mit dem ‚armen Ritter‘?“

„Das weiß ich nicht; davon habe ich keine Ahnung; wohl ein Scherz, denke ich.“

„Sehr angenehm, das plötzlich zu erfahren! Sollte sie es wirklich fertiggebracht haben, sich für dich zu interessieren? Hat dich doch selbst noch einen ‚Narren‘ und ‚Idioten‘ genannt.“

„Das hätten Sie mir auch nicht zu sagen brauchen,“ bemerkte der Fürst vorwurfsvoll, wenn auch sehr leise.

„Sei nicht bös. Sie ist ein eigenwilliges, verrücktes, verzogenes Mädchen, – liebt sie, so wird sie unbedingt vor den anderen über ihn herziehen und ihn verspotten; ich war genau so. Nur, bitte, triumphier’ deshalb noch nicht, mein Täubchen, noch ist sie nicht dein! Niemals werde ich das glauben! Ich sage es dir, damit du jetzt gleich deine Maßregeln ergreifen kannst. Hör’ mal, schwöre mir, daß du nicht mit jener verheiratet bist.“

„Lisaweta Prokofjewna! Was fällt Ihnen ein? Erbarmen Sie sich!“ Der Fürst sprang fast vom Stuhl auf.

„Aber fast hättest du sie doch geheiratet?“

„Fast hätte ich sie geheiratet,“ murmelte der Fürst, zu Boden blickend, und er senkte den Kopf tiefer.

„Was, bist du dann etwa in sie verliebt, wenn es so ist? Bist du jetzt ihretwegen hergekommen? Wegen jener?“

„Ich bin nicht deshalb hergekommen, um zu heiraten,“ antwortete der Fürst.

„Gibt es für dich etwas in der Welt, was dir heilig ist?“

„Ja.“

„Schwöre mir, daß du nicht deshalb gekommen bist, um jene zu heiraten.“

„Ich schwöre es!“

„Ich glaube dir; komm, gib mir einen Kuß. So, endlich kann man freier aufatmen. Doch wisse: Aglaja liebt dich nicht, richte dich danach, und solange ich lebe, wird sie nicht die Deine werden! Hast du gehört?“

„Ich habe gehört.“

Der Fürst errötete dermaßen, daß er Lisaweta Prokofjewna überhaupt nicht anzusehen wagte.

„Merk’ dir’s. Ich habe dich wie die Vorsehung selbst erwartet – bist es natürlich nicht wert gewesen! Ich habe mein Kissen in jeder Nacht mit Tränen benetzt – nicht deinetwegen, mein Täubchen, beunruhige dich nicht, ich habe noch ein ganz anderes, mein eigenes Leid, ewig ein und dasselbe. Nein, da gab es einen anderen Grund, weshalb ich dich mit einer solchen Ungeduld erwartete: ich glaube immer noch, daß dich Gott der Herr selbst zu mir gesandt hat, als Freund und leiblichen Bruder. Ich habe doch keine Menschenseele außer der alten Bjelokonskaja, aber auch die ist jetzt fortgeflogen, und außerdem ist sie vor Alter auch noch dumm geworden. Jetzt antworte mir einfach ja oder nein: Weißt du, weshalb sie an jenem Abend Jewgenij Pawlowitsch das zurief?“

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich weder daran irgendwie beteiligt bin, noch sonst etwas von ihren Beweggründen weiß.“

„Genug, ich glaube es dir. Jetzt denke ich auch anders darüber, aber gestern noch, gestern morgen noch beschuldigte ich in allem Jewgenij Pawlowitsch. Die ganzen ersten vierundzwanzig Stunden bis gestern morgen, den Morgen noch mitgerechnet. Jetzt muß ich den anderen natürlich beistimmen: es liegt ja doch auf der Hand, daß man ihn hier aus irgendeinem Grunde und zu irgendeinem Zweck zum Narren gehabt hat. Das allein ist schon verdächtig! – und kann auch nichts Gutes verheißen! Aber Aglaja bekommt er doch nicht, das sage ich dir! Mag er hundertmal ein guter Mensch sein, aber dabei bleibt es. Früher war ich noch unschlüssig, aber jetzt steht es fest: ‚Legt mich zuerst in den Sarg und begrabt mich, dann könnt ihr sie verheiraten!‘ – sieh, das habe ich heute in kurzen Worten Iwan Fedorowitsch erklärt. Siehst du jetzt, daß ich dir vertraue, siehst du es?“

„Ich sehe es und verstehe es.“

Lisaweta Prokofjewna blickte den Fürsten durchdringend an: vielleicht wollte sie gar zu gern erfahren, welch einen Eindruck diese Mitteilung betreffs Jewgenij Pawlowitsch auf ihn gemacht hatte.

„Von Gawrila Iwolgin weißt du nichts?“

„Doch ... ich weiß sehr vieles.“

„Weißt du oder weißt du es noch nicht, daß er mit Aglaja korrespondiert?“

„Nein, davon wußte ich noch nichts!“ Der Fürst war im ersten Augenblick sogar ein wenig zusammengezuckt. „Wie, Sie sagen, Gawrila Ardalionytsch korrespondiere mit Aglaja Iwanowna? Unmöglich!“

„Erst seit kurzem. Hier hat die Schwester ihm den ganzen Winter den Weg gebahnt, wie eine Ratte hat sie gearbeitet und genagt.“

„Ich glaube es nicht,“ sagte der Fürst überzeugt nach kurzem Nachdenken, und seine Aufregung legte sich. „Wenn es wahr wäre, würde ich es bestimmt gewußt haben.“

„Du glaubst wohl, daß er dann zu dir gekommen wäre, um an deiner Brust unter Tränen sein Herz auszuschütten! Du bist mir mal eine heilige Unschuld! Alle betrügen dich doch wie ... wie ... Und du schämst dich gar nicht, ihm dein Vertrauen zu schenken? Siehst du denn wirklich nicht, daß er dich wie einen dummen Jungen betrogen hat?“

„Ich weiß es, daß er mich bisweilen betrügt,“ gab der Fürst wider Willen halblaut zu, „und er weiß, daß ich es weiß ...“ fügte er noch hinzu.

„Wissen, daß man betrogen wird, und dabei doch vertrauen! Das fehlte gerade noch! Übrigens, von dir war auch nichts anderes zu erwarten. Worüber wundere ich mich noch? Großer Gott! Hat man jemals solch einen Menschen gesehen! Pfui! Aber weißt du auch, daß dieser Ganjka oder diese Warjka sie mit Nastassja Filippowna in Beziehungen gebracht haben?“

„Wen?!“ stieß der Fürst entsetzt hervor.

„Aglaja.“

„Das glaube ich nicht! Das kann nicht sein! Zu welchem Zweck denn eigentlich?“

Er sprang vom Stuhle auf.

„Auch ich glaube nicht daran, obwohl es Beweise dafür gibt. Sie ist doch ein eigenwilliges Mädchen, ein phantastisches Mädchen, ein verrücktes Mädchen! Und böse, böse, böse ist sie! Tausend Jahre werde ich behaupten, daß sie böse ist! Alle sind sie jetzt bei mir so, selbst diese Alexandra, dieses begossene Huhn, – doch die ist mir schon entwachsen. Aber auch ich glaube noch nicht daran! Vielleicht weil ich nicht glauben will,“ fügte sie wie zu sich selbst hinzu. „Weshalb bist du nicht gekommen?“ wandte sie sich plötzlich wieder an den Fürsten. „Weshalb bist du in diesen drei Tagen nicht zu uns gekommen?“ wiederholte sie in höchster Ungeduld ihre Frage.

Der Fürst begann seine Gründe aufzuzählen, doch sie unterbrach ihn wieder.

„Alle halten sie dich für dumm und betrügen dich, daß man es nicht mit ansehen kann! Du bist gestern in der Stadt gewesen, – ich könnte wetten, daß du diesen Spitzbuben auf den Knien gebeten hast, die zehntausend Rubel anzunehmen!“

„Durchaus nicht, ich habe nicht einmal daran gedacht. Ich habe ihn überhaupt nicht gesehen ... und außerdem ist er kein Spitzbube. Ich habe von ihm einen Brief erhalten.“

„Zeig’ ihn her!“

Der Fürst zog seine Brieftasche hervor, entnahm ihr den Brief und reichte ihn ihr. Lisaweta Prokofjewna las folgendes:

„Sehr geehrter Herr!

Ich habe natürlich in den Augen der Leute nicht das geringste Recht, Eigenliebe zu besitzen. Nach ihrer Meinung bin ich viel zu gering dazu. Doch das ist die Meinung der Leute, nicht Ihre Meinung. Ich habe mich überzeugt, daß Sie, geehrter Herr, vielleicht besser sind als alle anderen. Ich bin nicht mehr mit Doktorenko einverstanden, in diesem Punkt sind unsere Ansichten jetzt ganz verschieden. Ich werde niemals auch nur eine Kopeke von Ihnen annehmen, doch Sie haben meiner Mutter geholfen, und so muß ich Ihnen dankbar sein, wenn auch nur aus Schwäche. Ich beurteile Sie jetzt anders und habe es für nötig befunden, Sie davon zu benachrichtigen. Ich nehme an, daß es zwischen uns nach dem Vorgefallenen keinerlei Beziehungen mehr geben kann.

Antip Burdowskij.

P. S. Die an den zweihundertfünfzig Rubeln fehlende Summe wird Ihnen mit der Zeit sicher zurückgezahlt werden.“

„Solch ein Blödsinn!“ sagte Lisaweta Prokofjewna verächtlich und warf den Brief auf den Tisch. „Nicht der Mühe wert, daß man’s liest. Was lachst du?“

„Gestehen Sie es doch nur, daß es Ihnen sehr lieb war, diesen Brief zu lesen.“

„Was! Diesen von Eitelkeit durchtränkten Blödsinn? Ja, siehst du denn nicht, daß sie vor Stolz, Ehrgeiz und Ruhmsucht alle einfach den Verstand verloren haben?“

„Ja, aber er hat doch gewissermaßen um Entschuldigung gebeten, und das ist ihm um so schwerer gefallen, je größer sein Stolz und sein Ehrgeiz sind. Oh, was für ein kleines Kind Sie sind, Lisaweta Prokofjewna!“

„Wa... du willst wohl eine Ohrfeige von mir haben?!“

„Nein, das will ich durchaus nicht. Ich sage es deshalb, weil Sie sich über den Brief freuen und Ihre Freude doch nicht eingestehen wollen. Weshalb schämen Sie sich Ihrer Gefühle? Und das ist doch bei Ihnen in allem so.“

„Daß du deinen Fuß jetzt nicht mehr über meine Schwelle setzt!“ Lisaweta Prokofjewna fuhr, bleich vor Zorn, vom Stuhle auf. „Daß du mir nie im Leben mehr unter die Augen kommst!“

„Aber nach drei Tagen werden Sie doch selbst kommen und mich zu sich auffordern ... Nun, schämen Sie sich denn nicht? Das sind doch Ihre besten Gefühle, weshalb verleugnen Sie sie? Damit quälen Sie sich doch nur selbst.“

„Ich sterbe eher – als daß ich zu dir komme! Auch deinen Namen werde ich vergessen!! Hab’ es schon!!!“

Und fast rasend vor Zorn wandte sie sich zur Treppe.

„Mir ist ja ohnehin verboten, Ihr Haus zu besuchen!“ rief ihr der Fürst nach.

„Wa–as? Wer hat’s dir verboten?“

Wie mit der Nadel gestochen, fuhr sie zusammen und im Augenblick kehrte sie sich zurück.

Der Fürst war etwas unschlüssig: er fühlte, daß er sich unbedacht verraten hatte.

„Wer hat es dir verboten?“ fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna in höchster Empörung an.

„Aglaja Iwanowna ...“

„Wann? So sprich doch!!!“

„Heute morgen schickte sie mir einen Zettel; ich dürfe es nicht mehr wagen, bei Ihnen zu erscheinen.“

Lisaweta Prokofjewna stand wie erstarrt vor ihm, doch ihre Gedanken arbeiteten.

„Was hat sie geschickt? Durch wen? Den Bengel? Mündlich?“ fuhr sie plötzlich wieder auf.

„Ich habe einen Zettel erhalten,“ sagte der Fürst.

„Wie? Gib ihn her! Sofort!“

Der Fürst dachte einen Augenblick nach, zog aber dann doch aus seiner Westentasche ein gewöhnliches Stück Papier hervor, auf dem geschrieben stand:

„Fürst Lew Nikolajewitsch!

Wenn Sie nach allem, was geschehen ist, mich noch durch den Besuch unserer Villa in Erstaunen setzen sollten, so werden Sie mich, dessen können Sie sicher sein, nicht unter der Zahl der Erfreuten finden.

Aglaja Jepantschina.“

Lisaweta Prokofjewna überlegte eine Weile. Plötzlich faßte sie den Fürsten bei der Hand und zog ihn mit sich fort.

„Sofort! Du kommst jetzt sofort! Unverzüglich!“ befahl sie in ungewöhnlicher Aufregung und Ungeduld.

„Aber Sie setzen mich doch den größten ...“

„Was? Wem setze ich dich aus? Du unschuldige Einfalt! Gott, das soll ein Mann sein! Nun werde ich selbst alles sehen, mit eigenen Augen ...“

„Aber meinen Hut lassen Sie mich doch wenigstens nehmen ...“

„Hier hast du deinen elenden Hut, gehen wir! Nicht mal eine Fasson hast du dir mit Geschmack aussuchen können! ... Das hat sie ... Das hat sie nach jenem Auftritt ... das hat sie in der ersten Wut ...“ murmelte Lisaweta Prokofjewna, den Fürsten, dessen Hand sie keinen Augenblick losließ, hinter sich herziehend. „Vorhin trat ich für dich ein, sagte laut, daß du ein Esel seist, weil du nicht kämst ... sonst hätte sie nicht diesen Zettel –! Wie sie als wohlerzogenes, kluges Mädchen überhaupt so etwas fertiggebracht hat! ... Hm!“ fuhr sie in ihrem Gedankengang fort, „oder ... vielleicht ... vielleicht hat sie sich selbst darüber geärgert, daß er nicht kam, nur hat sie vergessen, daß man an einen Idioten so nicht schreiben darf; denn der nimmt es ja doch wörtlich, wie er es nun auch getan hat. Was horchst du?“ fuhr sie plötzlich zusammen, als sie gewahr wurde, daß sie ihre Gedanken immerhin hörbar ausgesprochen hatte. „Einen Narren braucht sie, gerade solch einen wie du einer bist, hat dich lange nicht gesehen, deshalb schreibt sie! Aber mich freut es, mich freut es, daß sie dich jetzt durch die Hechel ziehen wird, das freut mich! Gerade das hast du verdient! Geschieht dir recht. Und sie versteht es, oh, sie versteht es, das kannst du mir glauben!“