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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 35: I.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

Dritter Teil

I.

Es wird bei uns so oft geklagt, daß wir keine praktischen Leute hätten; Staatsmänner zum Beispiel gäbe es unzählige, Generäle nicht minder; Beamte und alle möglichen Räte könne man sogleich in beliebiger Anzahl zur Stelle schaffen – aber praktische Leute gäbe es bei uns trotzdem nicht. Wenigstens klagen alle, daß es sie nicht gäbe. Nicht einmal ein anständiges Eisenbahnpersonal hätten wir auf manchen Strecken aufzuweisen, und die Administration irgendeiner Dampfschiffahrtsgesellschaft zustande zu bringen, sei, wenn man sich eine auch nur einigermaßen erträgliche wünsche, bei uns in Rußland ganz unmöglich. Dort, hört man, sind zwei Eisenbahnzüge zusammengestoßen, oder auf einer neueröffneten Strecke ist eine ganze Brücke mitsamt einigen Waggons eingestürzt; hier, heißt es, hat ein Zug auf offenem Felde fast überwintert: die Fahrt sollte nur ein paar Stunden dauern, man blieb aber ganze fünf Tage im Schnee stecken. Dort, wird erzählt, faulen mehrere Tausend Pud Fracht in den Waggons auf ein und derselben Station und warten drei Monate vergeblich auf Weiterbeförderung, und als ein Kaufmann – es klingt fast unglaublich! – einem der „Administratoren“ oder Oberaufseher mit den Bitten um Zustellung der Waren seines Lieferanten lästig geworden war, da hat ihm dieser statt der lagernden Ware eine administrative Ohrfeige verabfolgt und seine Handlungsweise nachher noch damit zu rechtfertigen gesucht, daß er es „im Eifer“ getan habe. Man sollte meinen, daß wir doch nachgerade genügend Amts-, Rats-, Gerichts- und noch andere Personen im Staatsdienst haben – in Wirklichkeit kann einem geradezu angst und bange werden vor ihrer unabsehbaren Anzahl! – alle haben im Staatsdienst gestanden, alle stehen darin, und alle haben die Absicht, in Staatsdienste zu treten –, wie sollte man da aus einem solchen Material nicht eine gute Administration zustande bringen, selbst wenn es sich nur um eine Dampfschiffahrtsgesellschaft handelt?!

Auf diese Frage wird uns aber eine so einfache Antwort zuteil, eine so einfache, daß man dieser Antwort überhaupt nicht glauben will.

Freilich, heißt es, freilich stehen bei uns alle im Staatsdienst, oder wenn sie im Augenblick nicht darin stehen, dann haben sie darin gestanden oder werden sie darin stehen, und das geht bei uns schon so seit zweihundert Jahren nach dem schönsten deutschen Vorbild von den Urgroßvätern bis zu den Ururenkeln, – aber gerade die Staatsbeamten, gerade die sind die unpraktischsten Leute der Welt, und es ist ja bei uns sogar so weit gekommen, daß die „Abstraktheit“, wenn man sich so ausdrücken darf, und die Mangelhaftigkeit des praktischen Wissens unter den Staatsdienern selbst noch vor kurzem fast als größte Tugend und beste Empfehlung betrachtet wurden. Übrigens sind wir da vom Thema etwas abgekommen, wir wollten ja nur von den „praktischen“ Leuten reden. Was nun diese betrifft, so wird wohl niemand leugnen wollen, daß Zaghaftigkeit und der absoluteste Mangel an eigener Initiative bei uns stets für das sicherste und beste Anzeichen eines praktischen Menschen gehalten worden sind, – und sogar jetzt noch gehalten werden. Doch weshalb immer nur sich selbst beschuldigen und sich Vorwürfe machen ... das heißt, wenn diese Ansicht überhaupt einen Vorwurf in sich schließt? Der Mangel an Originalität wird doch von jeher in der ganzen Welt für die beste Eigenschaft und beste Empfehlung eines tüchtigen, brauchbaren und praktischen Menschen gehalten, und wenigstens neunundneunzig Prozent der ganzen Menschheit – es ist das sogar noch sehr niedrig gegriffen – sind immer dieser Ansicht gewesen, und höchstens einer vom Hundert hat beständig anders geurteilt, und urteilt auch jetzt noch anders.

Die größten Erfinder und Genies sind fast immer zu Beginn ihrer Laufbahn – sehr oft aber auch noch zu Ende derselben – von der Gesellschaft für nichts weniger als ausgesprochene Dummköpfe gehalten worden: dazu bedarf es keiner Beweise. Wenn nun im Laufe von mehreren Jahrzehnten alle Welt ihr Geld auf die Bank schleppte und Milliarden dort zu vier Prozent zusammensparte, so mußte, versteht sich, als es mit der Bank schließlich einmal ein Ende nahm und die guten Leute sich wieder auf ihre eigene Initiative angewiesen sahen, die Mehrzahl dieser Millionen im Aktionärfieber oder in den Händen von Betrügern verloren gehen –, und da hatte man denn, was Anstand und Sittlichkeit verlangen! Gerade die Sittlichkeit: denn, wenn die „sittliche“ Zaghaftigkeit und der „anständige“ Mangel an Originalität bei uns bis jetzt nach allgemeiner Überzeugung die notwendigsten Eigenschaften eines tüchtigen und brauchbaren Menschen sind, so wäre es doch gar zu unanständig und unsittlich, seine Überzeugung plötzlich zu verändern! Welche zärtlich liebende Mutter wird nicht erschrecken und vor Angst womöglich erkranken, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter auch nur ein wenig aus dem Gleise gerät? „Nein, mag es lieber glücklich sein und ohne Originalität in Zufriedenheit und Wohlstand leben,“ denkt eine jede Mutter, wenn sie ihr Kind wiegt. Und unsere Ammen singen doch mit Vorliebe Wiegenlieder, in denen sie die Zukunft des Kindes so schön wie nur möglich ausmalen: „Wirst noch goldene Kleider tragen, wirst einst ein großer General sein!“ Wenn aber unseren Kinderfrauen das General-sein als höchstes russisches Glück erscheint, so muß das doch das populärste nationale Ideal ruhiger, ungetrübter Seligkeit sein! Und in der Tat: wer konnte bei uns, wenn er vorschriftsmäßig die Examina bestanden und fünfunddreißig Jahre abgedient hatte, schließlich nicht General werden und sich auf der Bank eine gewisse Summe zusammensparen? So hat sich denn der Russe fast ohne jede Anstrengung seinerseits schließlich den Ruf eines praktischen Menschen erworben. Genau genommen konnte ja bei uns nur der originelle d. h. der unruhige Mensch nicht General werden ... Vielleicht hat sich hier ein kleines Mißverständnis eingeschlichen, im allgemeinen jedoch scheint es mit der Wahrheit übereinzustimmen, und somit kann man unserer Gesellschaft wegen ihres Ideals eines praktischen Menschen keinen Vorwurf machen.

Nichtsdestoweniger haben wir hier viel Überflüssiges gesagt, denn im Grunde sollten es nur ein paar erklärende Worte über die uns bekannte Familie Jepantschin werden. Diese Familie, oder wenigstens die am meisten denkenden Angehörigen derselben, litten beständig unter einem ihnen fast allen mehr oder weniger eigenen Familienfehler, der ungefähr das gerade Gegenteil jener Tugenden war, über die wir soeben philosophiert haben. Ohne die Gründe davon vollkommen zu begreifen – und das war auch nicht so leicht – wurden sie von der Empfindung gepeinigt, daß in ihrer Familie alles ganz anders sei, als bei anderen Menschen und in deren Familien. Bei allen ging es glatt, nur bei ihnen ging es holprig; alle anderen fuhren hübsch im Gleise, nur sie entgleisten jeden Augenblick. Alle waren zaghaft, nur sie waren es nicht. Freilich ängstigte sich Lisaweta Prokofjewna mitunter sogar sehr, aber es war bei ihr doch nie jene sittsame Zaghaftigkeit, die Jepantschins so wertvoll fanden. Übrigens war es eigentlich auch nur Lisaweta Prokofjewna, die sich deshalb so beunruhigt fühlte: die Mädchen waren noch zu jung dazu – wenn auch gewiß nicht zu unintelligent. Der General aber pflegte, wenn er auch manches begriff – was übrigens nicht immer ohne Mühe ging – in allen schwierigen Fällen nur „Hm!“ zu sagen oder „Gewiß, gewiß, mein Freund!“ worauf er dann doch das weitere seiner Lisaweta Prokofjewna überließ. Damit lag dann auf ihr allein die ganze Verantwortung. Und doch sprang diese Familie durchaus nicht etwa aus bewußtem Hang zur Originalität aus dem Gleise, was allerdings höchst unanständig gewesen wäre, o nein! Davon konnte überhaupt nicht die Rede sein, ich meine, von einem mit Bewußtsein gesetzten Ziel! Aber wie dem auch sein mochte, jedenfalls war das Resultat: daß die Familie Jepantschin, wenn sie auch noch so achtbar erscheinen mußte, doch irgendwie nicht so war, wie sonst alle ehrenwerten Familien zu sein pflegen. In der letzten Zeit hatte nun Lisaweta Prokofjewna begonnen, die Schuld daran nur sich allein oder vielmehr nur ihrem „unseligen“ Charakter zuzuschreiben, weshalb sich denn auch ihre Gewissensqualen um ein Beträchtliches vergrößerten. Sie nannte sich selbst täglich dumm und hypochondrisch, quälte sich mit ihrem Mißtrauen, fand oft in den einfachsten Dingen keinen Ausweg und hielt jedes Unglück für größer als es war.

Wie bereits früher erwähnt, waren Jepantschins eine überall sehr geachtete Familie. Wenn der General auch nicht vornehmer Herkunft und auch sicherlich nicht sehr geistreich war, so war er doch ein reicher und „durch und durch anständiger“ Mann, der als General „durchaus nicht zu den Letzten“ zählte. Übrigens scheint eine gewisse geistige Stumpfheit fast ein unvermeidliches Attribut jedes Tatmenschen zu sein. Die Hauptsache war, daß Iwan Fedorowitsch gute Protektion hatte. Im übrigen war wenigstens Lisaweta Prokofjewna eine geborene Fürstin Myschkin, und das war immerhin nicht zu verachten, obschon man bei uns auf vornehme Herkunft nicht viel gibt, wenn die Herkunft nicht von Protektion unterstützt wird. Lisaweta Prokofjewna aber war schließlich von so hochstehenden Personen liebgewonnen worden, daß deren ganzer Bekanntenkreis sie gleichfalls zu achten und hochzuschätzen begonnen hatte. Selbstverständlich quälte sie sich ihres Mannes und ihrer Töchter wegen ganz grundlos; die kleinsten Dinge konnte sie bis zur Lächerlichkeit vergrößern. Doch das ist ja gewöhnlich so: hat man eine Warze auf der Stirn oder auf der Nase, so scheint es einem unwillkürlich, daß alle Menschen nichts weiter in der Welt zu tun haben, als diese Warze anzusehen, über sie zu lachen und einen ihretwegen zu verachten, selbst wenn man dabei Amerika entdeckt hätte. Zweifellos wurde Lisaweta Prokofjewna auch in der Gesellschaft als etwas wunderliche Dame betrachtet, doch, wie gesagt, nichtsdestoweniger sehr geachtet. Das Unglück war nur, daß Lisaweta Prokofjewna schließlich an diese Achtung nicht mehr glauben wollte. Und wenn sie ihre Töchter ansah, quälte sie sich mit der Angst, daß sie deren Lebenslauf verderbe, weil ihr Charakter „lächerlich, unanständig und unerträglich“ sei, was sie wiederum täglich diesen ihren Töchtern und ihrem treuen Gatten Iwan Fedorowitsch zum Vorwurf machte, oder weshalb sie tagelang mit ihnen stritt, während sie sie gleichzeitig doch bis zur völligen Selbstverleugnung, wenn nicht bis zur Leidenschaft, liebte.

Am meisten quälte sie die Angst, daß ihre Töchter ebenso werden könnten, wie sie, ihre Mutter, und daß es solche jungen Mädchen, wie ihre drei, in der ganzen Welt nicht gäbe und auch gar nicht geben könne. „Nihilistinnen sind sie, weiter nichts!“ Dieser traurige Gedanke, der sie schon ein ganzes Jahr gefoltert hatte, ließ ihr namentlich in der letzten Zeit keine Ruhe mehr. „Erstens: weshalb heiraten sie nicht?“ fragte sie sich fortwährend. „Um ihre Mutter zu quälen, – darin sehen sie doch alle drei ihren Lebenszweck, und das kommt natürlich nur daher, weil sie sich alle diese neuen Ideen in den Kopf gesetzt haben! Schuld ist nichts anderes, als diese verwünschte Frauenfrage! Fiel es denn Aglaja nicht vor einem halben Jahre ein, sich ihr wundervolles Haar abzuschneiden? Großer Gott, selbst ich habe zu meiner Zeit nicht solches Haar gehabt! – Hatte sie doch die Schere schon in der Hand, mußte ich sie doch auf den Knien anflehen, um sie davon abzubringen! ... Nun, Aglaja tat es natürlich nur aus Bosheit, um ihre Mutter zu martern, denn sie ist böse, eigensinnig, verwöhnt und vor allem böse, böse, böse! Aber wollte denn diese Alexandra es ihr nicht schon nachmachen? Die aber wollte es sicher nicht aus Bosheit; nicht aus Launenhaftigkeit, sondern in aufrichtiger Einfalt, wie eine dumme Gans, die sich von Aglaja einreden läßt, daß sie mit kurzem Haar besser werde schlafen können und daß der Kopf ihr nicht mehr weh tun würde? Und wie oft, wie oft, wie oft, – nun schon seit fünf Jahren –, wie oft hätten sie heiraten können! Und es waren doch alles wirklich tadellose Partien, und einzelne doch wirklich reizende Menschen! Worauf warten sie denn, wenn sie nicht heiraten? Was wollen sie eigentlich? Warum wollen sie nicht heiraten? Nur um ihre Mutter zu ärgern – einen anderen Grund haben sie doch nicht! Das ist es! Nur das ist es!“

Endlich aber sollte auch ihr Mutterherz eine Freude erleben: Adelaida verlobte sich. „Gott sei Dank, wenigstens eine vom Halse!“ sagte Lisaweta Prokofjewna, wenn sie sich laut über dieses Ereignis äußerte. (Im Herzen drückte sie sich unvergleichlich zärtlicher aus.) Und wie gut, wie tadellos sich das alles abgewickelt hatte! Auch in der Gesellschaft war man des Lobes voll: eine bekannte Persönlichkeit, ein Fürst, reich, ein guter Charakter, und außerdem war noch von beiden Seiten Liebe vorhanden. Was wollte man mehr? Doch um Adelaida hatte sie sich stets am wenigsten gesorgt, wenn auch deren künstlerische Neigungen oft genug ihr stets Unheil fürchtendes Herz beunruhigt hatten. „Dafür hat sie ein heiteres Gemüt und ist nicht so unvernünftig wie die anderen, – die wird nicht untergehen,“ beruhigte sie sich schließlich. Am meisten jedoch ängstigte sie sich um Aglaja. Was sie aber von der ältesten, Alexandra, denken sollte, wußte sie selbst nicht: sollte sie sich auch um diese ängstigen oder war das überflüssig? Mitunter schien es ihr, daß sie „schon ganz verloren“ sei, – „fünfundzwanzig Jahre alt – natürlich bleibt sie unverheiratet! Und das bei ihrer Schönheit!“ Lisaweta Prokofjewna weinte sogar ihretwegen nachts, während Alexandra Iwanowna in denselben Nächten den ruhigsten und sorglosesten Schlaf schlief. „Was ist sie eigentlich – Nihilistin, oder ist sie einfach dumm?“ Daß sie in Wirklichkeit nicht dumm war, daran zweifelte Lisaweta Prokofjewna selbst keinen Augenblick: sie schätzte selbst Alexandras Urteil sehr und fragte sie gern um Rat. Doch ebensowenig zweifelte sie daran, daß „diese Alexandra“ einfach „jedes Temperamentes entbehrte“. „Sie ist so ruhig, daß man sie überhaupt nicht in Bewegung bringen kann! Ich weiß wirklich nicht, was ich mit ihnen allen anfangen soll!“ Lisaweta Prokofjewna empfand für ihre Älteste eine ganz unerklärliche Sympathie, in der vielleicht das Mitleid keine so geringe Rolle spielte, und fühlte sich zu ihr fast noch mehr hingezogen, als zu Aglaja, ihrem Abgott. Doch alle ihre bissigen Bemerkungen – in denen sich ihre ganze mütterliche Sorge und Sympathie äußerte – erheiterten nur Alexandra; konnten doch mitunter die nichtigsten Dinge Lisaweta Prokofjewna „einfach rasend machen“! So liebte es z. B. Alexandra Iwanowna sehr, lange zu schlafen, und gewöhnlich hatte sie in der Nacht viele Träume; diese Träume jedoch zeichneten sich alle durch ganz besondere Sinnlosigkeit aus und waren von einer Unschuld und Naivität, daß man sie für Träume eines siebenjährigen Kindes hätte halten können. Diese Naivität der Träume ihrer Ältesten nun begann aber Lisaweta Prokofjewna aus irgendeinem Grunde geradezu zu empören. Einmal hatte Alexandra neun Hühner im Traume gesehen, und das Resultat war, daß die Mutter sich mit ihr ernstlich entzweite, – weshalb? – das ließe sich schwer erklären. Nur ein einziges Mal gelang es ihr, „etwas Originelles“ im Traum zu sehen, einen Mönch in einer dunklen Zelle, in die einzutreten sie sich gefürchtet hatte. Der Traum ward sogleich von den zwei jüngeren Schwestern lachend und triumphierend der Mutter erzählt, doch diese ärgerte sich wieder und nannte sie alle beide dumm. „Hm!“ dachte sie dann später bei sich, „Temperament hat sie nicht, und in Bewegung bringen kann man sie auch nicht, aber es ist doch eine Trauer in ihr, weiß Gott, mitunter hat sie ganz traurige Augen! Was mag sie nur haben, was?“ Bald darauf stellte sie diese Frage auch an ihren Gatten Iwan Fedorowitsch, was sie wie gewöhnlich schroff, ungeduldig und beinah wie drohend tat, in offenkundiger Erwartung einer sofortigen entscheidenden Antwort. Iwan Fedorowitsch sagte etliche Male „Hm!“ und legte die Stirn in nachdenkliche Falten, bis er dann schließlich die Schultern in die Höhe zog, die Hände auseinanderspreizte und ein etwas lakonisches Urteil sprach:

„Muß heiraten!“

„Nur gebe ihr Gott nicht einen solchen Mann, wie Sie sind, Iwan Fedorowitsch!“ platzte Lisaweta Prokofjewna zornig heraus; „nicht einen so unfähigen Menschen, der nicht einmal ein Urteil zu fällen versteht, nicht einen so rohen Grobian wie Sie, Iwan Fedorowitsch ...“

Iwan Fedorowitsch brachte sich schleunigst in Sicherheit, indem er mit durch Übung erlangter Geschicklichkeit einen glänzenden Rückzug ausführte, und Lisaweta Prokofjewna beruhigte sich nach dem Ausbruch wieder sehr schnell. Selbstverständlich wurde sie noch bis zum Abend desselben Tages äußerst aufmerksam, still, freundlich und liebenswürdig zu Iwan Fedorowitsch, zu ihrem „rohen Grobian“ Iwan Fedorowitsch, zu ihrem guten und lieben, ihrem vergötterten Iwan Fedorowitsch, denn sie liebte ihn nicht nur ihr ganzes Leben lang, sie war sogar direkt verliebt in ihren Iwan Fedorowitsch, was Iwan Fedorowitsch selbst sehr wohl wußte und wofür er seine Lisaweta Prokofjewna um keinen Deut weniger liebte und weniger hoch hielt.

Doch die größten Sorgen bereitete ihr von jeher Aglaja.

„Ganz, ganz wie ich, mein Ebenbild in jeder Beziehung!“ sagte sich Lisaweta Prokofjewna, „ein eigensinniges, schlechtes, vom Teufel besessenes Ding! Eine Nihilistin, sonderbar in allem, was sie tut – ganz wie ich! – und böse, böse, böse! O, Gott, wie unglücklich sie sein wird!“

Da sollte sie die Freude erleben, daß Adelaida sich verlobte, und fast einen ganzen Monat verbrachte sie ohne Sorgen. Nach der Verlobung Adelaidas hatte man in der Gesellschaft auch mehr über Aglaja zu sprechen begonnen, doch Aglaja hatte sich überall so vortrefflich aufgeführt, so gleichmäßig und klug, so sicher und ... ein wenig stolz vielleicht, aber das stand ihr doch so vorzüglich! Und zur Mutter war sie den ganzen Monat über so nett und lieb gewesen! („Nein, diesen Jewgenij Pawlowitsch muß man sich doch noch genauer ansehn ... übrigens scheint ihm Aglaja noch gar nicht so besonders gewogen zu sein.“) Jedenfalls war sie eine ganz prächtige Tochter gewesen – „und wie schön sie dabei ist, Gott, wie schön sie ist, und mit jedem Tage wird sie noch schöner! Und nun plötzlich ...“

Kaum war nämlich dieser Fürst, dieser „jammervolle Idiot“ aufgetaucht, als plötzlich wieder alles im Hause auf dem Kopf stand!

Aber was war denn geschehen?

Nach der Überzeugung aller Unbefangenen war sicher nichts geschehen. Doch dadurch gerade zeichnete sich ja Lisaweta Prokofjewna aus, daß sie infolge ihrer inneren Unruhe auch in den gewöhnlichsten Dingen ein Etwas zu entdecken vermochte, das sie mit der argwöhnischsten, der unerklärlichsten, und das heißt soviel wie furchtbarsten Angst erfüllte. Wie mußte ihr aber nun zumute sein, als sie plötzlich in dem Wirrwarr vollkommen unbegründeter Befürchtungen etwas erblickte, das tatsächlich wichtig zu sein schien und tatsächlich ihrer Zweifel, ihres Mißtrauens und der Beängstigungen wert war?

„Nein, wie hat man sich nur unterstehen können, diesen gemeinen anonymen Brief an mich zu schreiben? – daß jenes Geschöpf mit Aglaja in Beziehung stehe!“ dachte Lisaweta Prokofjewna ununterbrochen, während sie den Fürsten an der Hand zu ihrer Villa zog und dort auf einen der Stühle am runden Tisch, um den sich die ganze Familie versammelt hatte, Platz zu nehmen nötigte. „Wie hat man daran überhaupt nur zu denken gewagt? Ich müßte ja sterben vor Scham, wenn ich auch nur ein Wort geglaubt und den Brief Aglaja gezeigt hätte! Und so etwas erlaubt man sich uns gegenüber! An allem, allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Ach, warum sind wir in diesem Sommer nicht nach Jelagin gezogen! Ich wollte doch unbedingt dorthin und nicht hierher nach Pawlowsk! Diesen Brief kann vielleicht die Warjka geschrieben haben, oder vielleicht ... nein, an allem, an allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Nur um ihn zum besten zu haben, hat uns dieses Geschöpf das eingebrockt! – zum Andenken an ihre frühere Bekanntschaft, als er ihr noch Perlen schenkte ... Aber genau genommen sind wir doch alle hineingezogen, mein bester Iwan Fedorowitsch, sowohl Sie wie Ihre Gattin und Töchter, – junge Damen der besten Gesellschaft, Bräute! – und sie standen keine zehn Schritt vom Wagen, alles haben sie gehört, und auch jene schmutzige Geschichte haben sie mit angehört! Sie können sich jetzt freuen, Iwan Fedorowitsch! Niemals, niemals werde ich das diesem elenden Fürsten verzeihen, niemals! Weshalb ist Aglaja seit drei Tagen hysterisch, weshalb hat sie sich mit beiden Schwestern verzankt, sogar mit Alexandra, der sie doch sonst immer die Hand küßte – so hat sie sie geachtet! Weshalb gibt sie uns seit drei Tagen ein Rätsel nach dem anderen auf? Was hat das mit Gawrila Iwolgin zu bedeuten? Weshalb hat sie ihn gestern und heute so auffallend gelobt, um dann wiederum in Tränen auszubrechen? Weshalb ist auch in dem anonymen Brief von diesem verwünschten ‚armen Ritter‘ die Rede? Sie aber hat den Brief des Fürsten nicht einmal ihren Schwestern gezeigt! Und weshalb ... mein Gott, weshalb, weshalb bin ich jetzt zu ihm gelaufen, und weshalb habe ich ihn jetzt wieder zu mir geschleppt? Mein Gott, was habe ich getan, bin ich nicht von Sinnen? Mit einem jungen Herrn über die Geheimnisse der eigenen Tochter zu reden, und noch dazu ... über solche Geheimnisse, die womöglich ihn selbst angehen! Gott, ein Glück noch, daß er ein Idiot ist und ... und ... ein Freund unseres Hauses! Nur ... sollte sich Aglaja denn wirklich in diesen Kranken verliebt haben? Gott, was ist mit mir heute! Pfui! Originale sind wir ... Unter Glas müßte man uns setzen, mich als erste, auf einer Ausstellung, für zehn Kopeken Entree ... Nein, das verzeihe ich Ihnen niemals, Iwan Fedorowitsch, niemals werde ich Ihnen das verzeihen! Weshalb zieht sie ihn jetzt nicht durch die Hechel, wie sie’s versprochen? Was versprach sie’s denn, wenn sie jetzt ihr Wort nicht hält? – Da! wie sie ihn ansieht! Weshalb geht sie denn nicht fort, wenn sie ihm selbst verboten hat, herzukommen? Jetzt steht sie, schweigt und sieht ihn an ... Und er ist auch ganz bleich geworden ... O, dieser verwünschte Schwätzer Jewgenij Pawlowitsch – hat sich des ganzen Gesprächs bemächtigt! Er läßt einen ja überhaupt nicht zu Wort kommen! Ich würde sofort alles erfahren, wenn ich nur endlich sprechen könnte ...“

Der Fürst saß allerdings ganz bleich am Tisch, und wie es schien war er in großer Erregung; doch gleichzeitig befand er sich wie in einem ihm selbst unerklärlichen, fast atemraubenden Rausch des Entzückens. O, wie fürchtete er sich, in jenen Winkel zu schauen, von wo aus ein Paar bekannter dunkler Augen auf ihn gerichtet waren, deren aufmerksamen, forschenden, prüfenden Blick er fast körperlich zu fühlen meinte. Und wie selig war er doch darüber, daß er jetzt wieder hier unter ihnen sitzen konnte, daß er wieder ihre Stimme hören würde, – selbst nach dem, was sie an ihn geschrieben. „Was wird sie nur jetzt sagen, was wird sie sagen!“ Er selbst hatte noch kein Wort gesprochen und bemühte sich krampfhaft, den unaufhaltsam redenden Jewgenij Pawlowitsch zu verstehen, der sich wohl nur selten in einer so zufriedenen und angeregten Stimmung befunden haben mochte, wie an diesem Abend. Der Fürst hörte ihm lange zu, ohne auch nur ein Wort zu begreifen. Außer dem Familienoberhaupt Iwan Fedorowitsch, der noch in der Stadt weilte, waren alle versammelt. Auch Fürst Sch. war zugegen. Wie es schien, hatte man die Absicht, nach einer Weile zu einem Spaziergang aufzubrechen, da am Abend die Militärkapelle spielen sollte. Das Gespräch, in dem man sich befand, mußte bereits vor dem Erscheinen des Fürsten begonnen worden sein. Plötzlich erschien auch noch Koljä auf der Veranda. „Nun, dann hat man ihn hier wieder gut empfangen,“ dachte der Fürst bei sich.

Die Villa Jepantschin war im Schweizerstil erbaut, machte einen wohlhabenden Eindruck und war von einem wundervollen, zwar nicht sehr großen, doch dafür um so schöneren Blumengarten umgeben. Man saß auf der verandenartigen Terrasse, die ähnlich der Terrasse der Villa Lebedeffs gebaut war, nur, versteht sich, größer und eleganter.

Das Thema des Gesprächs schien nicht allen sonderlich zuzusagen, doch Jewgenij Pawlowitsch, den ein heftiger Disput mit Fürst Sch. auf dieses Thema gebracht hatte, kümmerte sich nicht um die Wünsche der übrigen, die wohl lieber von etwas anderem gesprochen hätten, sondern fuhr in seinen Widerlegungen fort, wozu ihn das Erscheinen des Fürsten noch mehr anzuregen schien. Lisaweta Prokofjewna ärgerte sich über ihn und seine Reden, wenn sie auch kaum ein Wort von dem ganzen Gespräch verstand. Aglaja, die sich etwas abseits hingesetzt hatte, in einen Winkel, blieb dort, hörte zu und schwieg.

„... Erlauben Sie,“ widersprach Jewgenij Pawlowitsch eifrig, „ich habe gegen den Liberalismus nichts einzuwenden. Liberalismus ist keine Sünde, sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, das ohne ihn zerfallen oder absterben würde; der Liberalismus hat dieselbe Existenzberechtigung wie der wohlgesittetste Konservatismus; ich greife aber doch nur den russischen Liberalismus an, und, ich wiederhole, greife ihn nur deshalb an, weil der russische Liberale nicht ein russischer Liberaler, sondern eben ein nichtrussischer Liberaler ist. Geben Sie mir einen wirklich russischen Liberalen und ich werde ihm in Ihrer aller Gegenwart sogleich einen Kuß geben.“

„Vorausgesetzt, daß er sich von Ihnen küssen läßt,“ versetzte Alexandra Iwanowna, die ungewöhnlich angeregt zu sein schien. Sogar ihre Wangen hatten sich gerötet.

„Seht doch mal!“ dachte Lisaweta Prokofjewna bei sich, „sonst versteht sie nur zu schlafen und zu essen, und jetzt plötzlich tut sie auch zum Sprechen den Mund auf!“

Der Fürst bemerkte flüchtig, daß Alexandra Iwanowna Jewgenij Pawlowitschs Heiterkeit, mit der er über ein so ernstes Thema sprach, sehr zu mißfallen schien, denn wenn sich dieser auch scheinbar ereiferte, so konnte man andererseits doch fast glauben, daß er nur scherze.

„Ich behauptete soeben – kurz bevor Sie kamen, Fürst –“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, „daß wir bis jetzt nur Liberale aus zwei Gesellschaftsklassen gehabt haben: aus dem Kreise der Intellektuellen, aus dem Stande der ehemaligen Gutsbesitzer und der Klasse der Seminaristen, Popensöhne, Lehrer. Da sich aber nun jeder dieser Stände mit der Zeit zu einer richtigen Kaste ausgebildet hat, zu etwas von der übrigen Nation ganz Abgesondertem, und dieser Zustand sich von Generation zu Generation noch verschärft, so ist folglich auch alles das, was sie getan haben oder noch tun, im höchsten Grade nicht national ...“

„Was? Alles, was getan worden ist, alles das – sei nicht russisch?“ unterbrach ihn Fürst Sch.

„Nicht national; wenn es auch russisch ist, so ist es doch nicht national; die Liberalen sind bei uns nicht russisch und auch die Konservativen sind bei uns nicht russisch. Und Sie können überzeugt sein, daß die Nation nichts von dem anerkennt, was von den Gutsbesitzern und Seminaristen getan worden ist, – weder tut sie es jetzt, noch wird sie es später tun ...“

„Das ist mal gut! Wie kannst du ein solches Paradox behaupten? wenn du es im Ernst tust! Ich kann solche Angriffe auf den russischen Gutsbesitzer nicht zulassen; du bist doch selbst ein russischer Gutsbesitzer,“ widersprach ihm Fürst Sch. eifrig.

„Aber ich rede ja doch nicht in dem Sinne vom russischen Gutsbesitzer, wie du es auffaßt. Es ist ein überaus ehrenwerter Stand, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, weil ich zu ihm gehöre; namentlich jetzt, nachdem er aufgehört hat, Kaste zu sein ...“

„Sollte denn wirklich auch in der Literatur nichts Nationales geschaffen worden sein?“ unterbrach ihn Alexandra Iwanowna.

„Ich bin in der Literatur nicht sehr bewandert, aber meiner Meinung nach ist auch unsere ganze Literatur nicht russisch, ausgenommen höchstens Lomonossoff, Puschkin und Gogol.“

„Erstens war das nicht wenig, und zweitens war der eine aus dem Volk und die zwei anderen waren – Gutsbesitzer!“ bemerkte Adelaida lachend.

„Ganz recht, doch triumphieren Sie nicht zu früh. Da es nur diesen dreien von allen russischen Schriftstellern gelungen ist, etwas tatsächlich Eigenes, ihr Eigenstes zu sagen, etwas, das sie von keinem anderen entlehnt haben, so sind diese drei sogleich auch national geworden; wer von uns Russen etwas Eigenes, etwas unanfechtbar Eigenes, von keinem Entlehntes sagt, wird unfehlbar sogleich national, und wenn er auch nur schlechtes Russisch spräche. Das ist für mich ein Axiom. Doch wir wollten ja nicht von der Literatur sprechen, wir sprachen von den Sozialisten. Und so behaupte ich denn nochmals, daß wir keinen einzigen russischen Sozialisten haben; weder jetzt noch früher, denn alle unsere sogenannten Sozialisten sind ausnahmslos aus den Gutsbesitzern und Intellektuellen hervorgegangen. Selbst unsere überzeugtesten, verschriensten Sozialisten, sowohl die hiesigen wie die im Auslande lebenden, sind nichts anderes, als liberale Gutsbesitzer aus der Zeit der Leibeigenschaft. Weshalb lachen Sie? Geben Sie mir ihre Bücher, geben Sie mir ihre Theorien, geben Sie mir alle ihre Memoiren, und ich werde, ohne Literaturkritiker zu sein, die überzeugendste literarische Kritik schreiben, in der ich sonnenklar beweisen werde, daß jede Seite ihrer Bücher, Broschüren und Memoiren in erster Linie von dem ehemaligen russischen Gutsbesitzer geschrieben ist. Ihr Unwille, ihre Wut, ihr Esprit – alles ist gutsbesitzerhaft; ihr Entzücken, ihre Ekstase, ihre Tränen, ihre vielleicht sogar aufrichtigen Tränen – sind gutsbesitzerhaft! Oder seminaristenhaft ... Sie lachen wieder, und auch Sie lachen, Fürst? Sie sind gleichfalls nicht damit einverstanden?“

Da alle lachten, hatte auch der Fürst gelächelt.

„Das kann ich so direkt noch nicht sagen, ob ich einverstanden bin oder nicht,“ sagte der Fürst, indem er sogleich ernst wurde – er war sogar wie ein ertappter Schüler zusammengezuckt, als sich Jewgenij Pawlowitsch plötzlich an ihn gewandt hatte – „aber ich versichere, daß ich Ihnen sehr gespannt zuhöre ...“ brachte er fast atemlos hervor, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Es waren das die ersten Worte, die er hier sprach, und instinktiv wollte er sich umschauen, doch wagte er es nicht. Jewgenij Pawlowitsch erriet es und lächelte.

„Ich werde Ihnen, meine Damen und Herren, eine Tatsache mitteilen,“ fuhr er im selben Ton fort, so, als wäre er mit ungeheurem Eifer bei der Sache und mache doch dabei gleichzeitig sich fast lustig, lache womöglich über seine eigenen Worte, „eine Tatsache, deren Beobachtung und sogar Entdeckung ich die Ehre habe, mir, und zwar mir ganz allein, zuschreiben zu dürfen; wenigstens ist davon noch niemals gesprochen oder geschrieben worden. In dieser Tatsache drückt sich das ganze Wesen jenes Liberalismus, jener Art von Liberalismus aus, von der ich rede. Erstens: was ist denn der Liberalismus anderes, im allgemeinen gesprochen, als ein Herfallen – ob ein vernünftiges oder unvernünftiges ist eine andere Frage –, ein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge? So ist es doch? Nun, diese meine Beobachtung besteht aber darin, daß der russische Liberalismus kein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge ist, sondern ein Herfallen über das Wesen unserer Dinge, über die Dinge selbst – nicht nur über deren Ordnung, nicht über die russischen ‚Ordnungen‘, wenn man sich so ausdrücken darf, sondern über Rußland. Unser Liberaler ist schließlich so weit gekommen, daß er Rußland selbst verneint, also seine eigene Mutter haßt und schlägt; jede mißglückte russische Tat erweckt in ihm Gelächter, wenn nicht gar Entzücken. Er haßt die Volksbräuche, die russische Geschichte, alles. Wenn es eine Rechtfertigung für ihn gibt, so kann es höchstens die sein, daß er selbst nicht weiß, was er tut, und seinen Haß für den fruchtbarsten Liberalismus hält. O, Sie können bei uns oft einen Liberalen sehn, dem die übrigen begeistert Beifall spenden, und der vielleicht im Grunde genommen der unsinnigste, stumpfste und gefährlichste Konservative ist, ohne es selbst auch nur zu ahnen! Dieser Haß auf Rußland wurde vor noch nicht allzu langer Zeit von manchen unserer Liberalen fast für die wirkliche Liebe zum Vaterlande gehalten, und sie taten noch groß damit, daß sie besser sähen, als die anderen, worin diese Liebe bestehen müsse; jetzt jedoch sind sie bereits aufrichtiger geworden, jetzt schämen sie sich des Wortes ‚Vaterlandsliebe‘, ja, sie wollen sogar den Begriff desselben als schädlich und dumm ausrotten und aus der Welt schaffen; diese Tatsache ist an sich vollkommen richtig, dafür komme ich auf und, einmal wenigstens muß man doch die Wahrheit ganz aussprechen, einfach und offen. Gleichzeitig ist aber diese Tatsache in keinem anderen Jahrhundert und bei keinem anderen Volke zu finden, folglich ist sie eine zufällige und vorübergehende, ich gebe es zu. Kann es doch in keinem Lande einen Liberalen geben, der sein eigenes Vaterland haßt. Womit nun läßt sich das bei uns erklären? Ich denke, nur damit, worauf ich bereits vorhin hinwies: daß der russische Liberale vorläufig noch gar kein russischer Liberaler ist. Und zwar ist das die einzige Erklärung, meine ich.“

„Ich fasse alles, was du da gesagt hast, als Scherz auf, Jewgenij Pawlowitsch,“ bemerkte der Fürst Sch. sehr ernst.

„Ich habe nicht alle Liberalen gesehen und kann daher auch nicht urteilen,“ sagte Alexandra Iwanowna, „aber ich habe mit Unwillen Ihre Auffassung angehört: Sie haben einen einzelnen Fall zur allgemeinen Regel erhoben, folglich haben Sie verleumdet.“

„Einen einzelnen Fall? A–a! Weil das Wort jetzt ausgesprochen ist!“ griff sogleich Jewgenij Pawlowitsch auf. „Fürst, wie denken Sie darüber, ist es ein einzelner Fall oder nicht?“

„Ich muß zwar gleichfalls sagen, daß ich wenig ... Liberale gesehen und auch nur wenig mit solchen gesprochen habe,“ sagte der Fürst, „doch will es mir trotzdem scheinen, daß Sie vielleicht in gewissem Sinne recht haben ... daß jener russische Liberalismus, von dem Sie sprechen, allerdings geneigt ist, Rußland selbst zu hassen, und nicht nur etwa die staatliche Ordnung der Dinge bei uns. Natürlich ist das nur zum Teil wahr ... selbstverständlich kann man das nicht von allen sagen ...“

Er stockte und verstummte, ohne seinen Gedanken ganz auszusprechen. Man sah es ihm jedoch an, daß das Gespräch sein Interesse in hohem Maße erweckt hatte, ungeachtet seiner sonstigen inneren Erregung. Die ungewöhnliche Naivität der Aufmerksamkeit, mit der der Fürst allem zuhörte, was ihn auch nur einigermaßen interessierte, und mit der er dann auch seine Antworten gab, wenn man sich an ihn wandte, machte mitunter einen ganz eigentümlichen Eindruck. Diese Naivität, dieses blinde Vertrauen, das von Spott und Scherz nichts zu ahnen schien, drückte sich nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seiner ganzen Körperhaltung aus.

Jewgenij Pawlowitsch hatte sich noch nie anders als mit einem feinen, ganz feinen Spottlächeln an ihn gewandt, doch jetzt, nachdem ihm diese Antwort zuteil geworden, blickte er ihn zum erstenmal mit völlig ernstem Gesicht an, ganz als hätte er nie und nimmer eine solche Antwort von ihm erwartet.

„Also ... wie Sie das doch sonderbar ...“ begann er verwundert, „... Und Sie haben mir wirklich im Ernst geantwortet, Fürst?“

„Ja, haben Sie denn nicht auch im Ernst gefragt?“ versetzte der Fürst erstaunt.

Alle lachten.

„Glauben Sie das doch nicht,“ Adelaida lachte, „Jewgenij Pawlowitsch treibt mit allem und allen nur seinen Spott! Wenn Sie erst wüßten, von was für Dingen er bisweilen wie von etwas durchaus Ernstzunehmendem redet!“

„Ich finde, daß man mit so ernsten Dingen nicht scherzen sollte, lassen wir daher dieses Gespräch,“ versetzte Alexandra unwillig. „Wir wollten doch spazieren gehen.“

„Gewiß, gehen wir, der Abend ist wundervoll!“ rief Jewgenij Pawlowitsch lebhaft aus. „Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich diesmal im Ernst gesprochen habe, um es vor allem Ihnen zu beweisen, Fürst – Sie haben mich in der Tat außerordentlich zu interessieren gewußt, Fürst, und ich versichere Sie, daß ich denn doch noch nicht ein so leerer Mensch bin, wie es den Anschein haben muß ... obschon ich in der Tat ein leerer Mensch bin! – und ... wenn Sie erlauben, meine Damen und Herren, werde ich nur noch eine, meine letzte Frage an den Fürsten stellen, nur aus besonderem Interesse, und damit wollen wir dann die Sache beenden. Diese Frage ist mir erst vor etwa zwei Stunden in den Sinn gekommen – wie Sie sehen, Fürst, denke ich bisweilen auch über ernste Dinge nach; ich selbst habe mir meine Frage bereits beantwortet, doch wollen wir sehen, was nun der Fürst zu ihr sagen wird. Soeben ist hier von einem ‚einzelnen Fall‘ gesprochen worden. Dieses Wort ist bei uns sehr bedeutungsvoll, man hört es gar zu oft. Vor nicht langer Zeit wurde so viel geschrieben und gesprochen von diesem entsetzlichen Morde der sechs Menschen ... den ein ganz junger Mann begangen hatte, und von der wunderlichen Rede des Verteidigers, in der dieser es ganz natürlich fand, daß dem Angeklagten infolge seiner Armut der Gedanke gekommen war, diese sechs Menschen zu ermorden. Er hat es zwar nicht so kurz und mit diesen Worten gesagt, doch der Sinn seiner Rede war kein anderer. Meiner persönlichen Ansicht nach ist der Verteidiger, als er diesen so seltsamen Gedanken ausgesprochen, fest überzeugt gewesen, daß er das Liberalste, Humanste und Fortgeschrittenste gesagt habe, das man in unserer Zeit überhaupt sagen könnte. Nun, was aber meinen Sie, welches wäre Ihre Meinung: ist diese Entstellung unserer bisherigen Begriffe und Überzeugungen, die Möglichkeit einer so schiefen Auffassung der Sache ein einzelner Fall oder ein allgemeiner Ausdruck?“

Wieder lachten alle.

„Ein einzelner, selbstverständlich ein einzelner!“ sagten Alexandra und Adelaida lachend.

„Erlaube mir, zu bemerken, Jewgenij Pawlowitsch,“ wandte Fürst Sch. ein, „daß dieser Prozeßscherz schon mehr als alt ist ...“

„Was meinen Sie, Fürst?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch, ohne den anderen anzuhören, als er den neugierigen ernsten Blick des Fürsten Lew Nikolajewitsch auffing, mit dem ihn dieser ansah. „Wie scheint es Ihnen: ist es ein einzelner, sozusagen ein Privatfall, oder ein typischer? Ich habe, offen gestanden, nur für Sie diese Frage ausgedacht.“

„Nein, kein einzelner Fall,“ sagte leise, doch fest der Fürst.

„Aber ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch!“ rief fast unwillig Fürst Sch. aus, „sehen Sie denn nicht, daß er Ihnen nur Fallen stellt! Er treibt doch nur Scherz und will Sie fangen.“

„Ich dachte, Jewgenij Pawlowitsch habe im Ernst gesprochen,“ entschuldigte sich der Fürst; das Blut stieg ihm heiß ins Gesicht, und er senkte den Blick zu Boden.

„Mein lieber Fürst,“ fuhr Fürst Sch. fort, „entsinnen Sie sich noch dessen, was wir einmal vor drei Monaten sprachen? Wir sprachen gerade über unser Rechtswesen und meinten, daß wir unter unseren Juristen eine ganze Reihe von wirklich bemerkenswerten und talentvollen Verteidigern hätten, und auf wie viele, wie viele im höchsten Grade bemerkenswerte Urteile der Geschworenen könne man nicht bereits hinweisen! Und wie Sie sich darüber freuten, und wie ich mich über Ihre Freude freute! ... Wir sagten noch, daß wir stolz sein könnten ... Diese ungeschickte Verteidigungsrede aber ist selbstverständlich ein Ausnahmefall, eine Eins unter Tausenden ...“

Fürst Lew Nikolajewitsch dachte nach und antwortete dann offenbar fest überzeugt, wenn er auch nur leise und fast schüchtern sprach:

„Ich wollte nur sagen, daß die Entstellung der Ideen und Begriffe, wie sich Jewgenij Pawlowitsch ausdrückte, sehr oft vorkommt und weit mehr ein typischer als ein einzelner Fall ist, leider. Und das sogar in dem Maße, daß es vielleicht, wenn diese Entstellung nicht so allgemein wäre, vielleicht auch weniger solche unmöglichen Verbrechen geben würde, wie jetzt.“

„Unmögliche Verbrechen? Aber ich versichere Sie, daß es genau solche Verbrechen und noch viel schrecklichere auch früher gegeben hat, und nicht nur bei uns, sondern überall, und meiner Ansicht nach werden sie sich auch noch sehr lange fortsetzen und wiederholen. Der Unterschied besteht nur darin, daß sie früher weniger bekannt wurden, während jetzt alle Zeitungen spaltenlange Berichte von jeder neuen Mordtat bringen, und deshalb scheint es dann, daß diese Verbrechen erst jetzt aufgetaucht sind. Sehen Sie, das ist Ihr ganzer Irrtum, lieber Fürst, ein sehr naiver Irrtum, kann man sagen,“ schloß mit etwas spöttischem Lächeln Fürst Sch.

„Ich weiß es selbst, daß es auch früher sehr viele Verbrechen gegeben hat,“ entgegnete Lew Nikolajewitsch, „und zwar ebenso entsetzliche wie jetzt. Ich bin noch vor kurzem in Gefängnissen gewesen und es ist mir sogar gelungen, mit einzelnen Verbrechern und Angeklagten näher bekannt zu werden. Es gibt sogar noch viel entsetzlichere Mörder als diese hier, Verbrecher, die ganze zehn Menschen ermordet haben und ihre Tat nicht im geringsten bereuen. Aber es ist mir bei der Gelegenheit doch eines aufgefallen: daß selbst der eingefleischteste und kälteste Mörder, der nicht die geringste Reue empfindet, dennoch weiß, daß er ein Verbrecher ist, vor seinem Gewissen weiß, daß er schlecht gehandelt hat, wenn er dabei vielleicht auch keine Reue empfindet. Und so ist ein jeder von ihnen. Diese aber, von denen Jewgenij Pawlowitsch spricht, wollen sich nicht für Verbrecher halten und sind innerlich fest überzeugt, daß sie das Recht dazu gehabt und sogar etwas sehr Gutes getan haben oder doch fast etwas Gutes. Und darin besteht eben, meiner Ansicht nach, der ganze furchtbare Unterschied. Und nicht zu vergessen, daß diese Verbrecher noch alle sehr jung sind, sich gewöhnlich in einem Alter befinden, in dem man am leichtesten und wehrlosesten den Entstellungen gewisser Ideen gegenübersteht.“

Fürst Sch. hatte aufgehört zu lachen und hörte verwundert dem Fürsten zu. Alexandra Iwanowna, die noch etwas hatte bemerken wollen, sagte nichts mehr, als hätte sie ein besonderer Gedanke davon zurückgehalten. Jewgenij Pawlowitsch sah aber den Fürsten ganz verblüfft an, und diesmal war tatsächlich keine Spur von einem Lächeln in seinem Gesicht zu bemerken.

„Nun, warum sind Sie denn so erstaunt, mein Herr?“ trat ganz plötzlich Lisaweta Prokofjewna für den Fürsten ein. „Meinten Sie, daß er zu dumm sei, um ebenso wie Sie denken zu können?“

„N–nein, das nicht,“ brachte Jewgenij Pawlowitsch etwas verwirrt hervor, „nur ... wie haben Sie denn, Fürst – verzeihen Sie meine Frage – wenn Sie das selbst sehen und bemerken, wie haben Sie dann, Verzeihung, in dieser sonderbaren Angelegenheit ... die da vor ein paar Tagen ... Burdowskij hieß der Mann, wenn ich nicht irre ... wie haben Sie dann in dieser Affäre dieselbe Entstellung der Ideen und sittlichen Überzeugungen nicht gesehen? Das war doch ganz genau dasselbe! Es schien mir damals, daß Sie es überhaupt nicht bemerkt hätten.“

„Hören Sie mal, mein Lieber,“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna mit geröteten Wangen an Jewgenij Pawlowitsch, „wir hier haben es alle bemerkt und sitzen jetzt und tun groß vor ihm, er aber hat heute einen Brief von dem Hauptanführer erhalten, von dem finnigen, entsinnst du dich, Alexandra? In diesem Brief bittet er ihn um Verzeihung, wenn auch auf seine Art, und teilt mit, daß er mit jenem Freunde gebrochen habe, der ihn da aufhetzte, – entsinnst du dich, Alexandra? Und daß er dem Fürsten jetzt mehr Glauben schenkt als ihnen. Nun, wir aber haben einen solchen Brief noch nicht erhalten, und da ist es vielleicht etwas wenig am Platz, wenn wir hier vor ihm unsere Nasen hochheben.“

„Und Hippolyt ist soeben gleichfalls beim Fürsten eingetroffen!“ rief Koljä.

„Wie? Ist er schon hier?“ fuhr der Fürst fast erschrocken auf.

„Ja, Sie waren gerade mit Lisaweta Prokofjewna fortgegangen; ich brachte ihn.“

„Da haben wir’s!“ fuhr Lisaweta Prokofjewna sogleich empört auf, ohne daran zu denken, daß sie soeben erst den Fürsten gelobt hatte. „Ich wette, daß er gestern in seine Dachstube geklettert ist und ihn auf den Knien um Verzeihung gebeten hat, damit diese giftige Fliege sich dazu herabließe, hierherzukommen und bei ihm zu wohnen! Du bist doch gestern bei ihm gewesen? Du hast es doch vorhin schon gestanden! Ja oder nein? Hast du vor ihm auf den Knien gelegen, sprich!“

„Durchaus nicht!“ rief Koljä ebenso empört wie Lisaweta Prokofjewna. „Ganz im Gegenteil: Hippolyt hat seine Hand erfaßt und sie zweimal geküßt, ich habe es selbst gesehen, und damit endete die ganze Unterredung! Der Fürst hatte ihm nur gesagt, daß er es hier in Pawlowsk leichter haben würde, und Hippolyt war sofort einverstanden, herüberzufahren, sobald er sich nur etwas besser fühle ...“

„Das haben Sie ganz unnötigerweise gesagt, Koljä“ ... murmelte der Fürst betreten, indem er nach seinem Hut griff, „weshalb erzählen Sie das, ich ...“

„Wohin?“ hielt ihn Lisaweta Prokofjewna auf.

„Lassen Sie sich nicht stören, Fürst,“ fuhr Koljä fort, „gehen Sie jetzt nicht zu ihm, es würde ihn nur aufregen, die Fahrt hat ihn sowieso schon so angegriffen, daß er sogleich eingeschlafen ist. Er ist sehr froh. Und wissen Sie, Fürst, ich glaube, es ist viel besser so, daß er Sie nicht sogleich sieht, schieben Sie es noch bis morgen auf, sonst würde er sich ja doch unbedingt wieder so tief vor Ihnen schämen. Heute morgen sagte er, daß er sich lange nicht so gut und so leicht gefühlt habe, und er hustete auch viel weniger.“

Der Fürst bemerkte, daß Aglaja sich plötzlich erhob und an den Tisch trat. Er wagte nicht, hinzusehen, aber er fühlte mit jeder Fiber, daß sie ihn ansah, vielleicht sogar zornig ansah, mit einem deutlichen Unwillen in ihrem dunklen Blick, und mit gerötetem Gesicht.

„Mir will es aber scheinen, daß Sie ihn ganz unnütz hierhergebracht haben, Nikolai Ardalionowitsch, wenn Sie nur von demselben schwindsüchtigen Knaben sprechen, der damals auf der Terrasse zu weinen begann und uns alle zu seiner Beerdigung einlud,“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch. „Er sprach damals so schön von der Brandmauer des Nachbarhauses, daß er sich bald nach ihr zurücksehnen wird, dessen können Sie sicher sein.“

„Natürlich! – er wird launisch werden, wird mit dir streiten, ihr werdet euch in die Haare geraten und dann fährt er fort und läßt dich sitzen – da hast du’s dann!“

Und Lisaweta Prokofjewna zog würdevoll ihr Handarbeitstäschchen zu sich heran, ohne daran zu denken, daß sich alle bereits zum Spaziergang erhoben hatten.

„Soviel mir erinnerlich ist, prahlte er sogar sehr mit dieser Wand,“ bemerkte wieder Jewgenij Pawlowitsch. „Ohne diese Wand wird er nicht ‚schön‘ sterben können, er aber will doch vor allen Dingen gerade ‚schön‘ sterben.“

„Nun, was ist denn dabei?“ murmelte der Fürst. „Wenn Sie ihm nicht vergeben wollen, so wird er doch auch ohne Ihre Vergebung sterben ... Jetzt ist er wegen der Bäume hergekommen.“

„O, was mich betrifft, so bin ich gern bereit, ihm alles zu vergeben, dessen können Sie ihn versichern.“

„Nein, das ist nicht so zu verstehen,“ sagte leise und gleichsam widerstrebend der Fürst, indem er fortfuhr, unbeweglich auf einen Punkt des Fußbodens zu sehen, ohne den Blick zu erheben, „sondern so, daß auch Sie bereit waren, von ihm die Vergebung zu empfangen.“

„Ich? Wozu denn das? Was habe ich denn verbrochen?“

„Wenn Sie das nicht verstehen, so ... aber Sie verstehen es doch. Er wollte damals ... Sie alle segnen und auch von Ihnen Segen empfangen, und das war alles ...“

„Lieber Fürst,“ unterbrach ihn Fürst Sch. etwas furchtsam, wie es schien, als wolle er schnell vorbeugen, nachdem er mit jemand einen Blick ausgetauscht hatte, „das Paradies ist auf Erden nicht so leicht zu erwerben, Sie aber rechnen doch auch ein wenig auf ein irdisches Glück. Nein, das Paradies ist eine schwere Sache, lieber Fürst, viel schwerer, als es Ihrem prächtigen Herzen scheint. Doch brechen wir ab, sonst geraten wir wieder in eine Debatte und dann ...“

„Gehen wir, wir wollten doch die Musik anhören,“ sagte Lisaweta Prokofjewna schroff und erhob sich ärgerlich.

Ihrem Beispiel folgten auch die anderen.