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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 36: II.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

II.

Plötzlich trat der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu.

„Jewgenij Pawlowitsch,“ sagte er in seltsamer Erregung und er streckte ihm die Hand entgegen, „seien Sie überzeugt, daß ich Sie für den edelsten und besten Menschen halte, trotz allem; seien Sie davon überzeugt ...“

Jewgenij Pawlowitsch trat sogar einen Schritt zurück vor Erstaunen. Einen Augenblick lang mußte er sich Gewalt antun, um nicht hell aufzulachen, doch nachdem er etwas aufmerksam den Fürsten angesehen, bemerkte er, daß dieser sich in einem ganz eigentümlichen Zustande befand: er war wie außer sich.

„Ich bin überzeugt,“ rief er aus, „daß Sie, Fürst, gar nicht das sagen wollten und vielleicht sogar auch gar nicht zu mir das sagen wollten ... Aber was ist Ihnen? Ist Ihnen schlecht?“

„Vielleicht, ja, es ist sogar sehr möglich, daß ich gar nicht, das ... Sie haben das sehr fein bemerkt, daß ich vielleicht gar nicht auf Sie zutreten wollte!“

Und nachdem er das gesagt, lächelte er sehr sonderbar, lächelte er fast lächerlich. Doch plötzlich ging ein Zusammenzucken über seine Gestalt, er rief laut aus:

„Erinnern Sie mich nicht daran, was ich damals tat, vor drei Tagen! Ich habe mich diese ganzen drei Tage unsäglich geschämt ... Ich weiß, daß ich schuldig bin ...“

„Ja ... ja aber, was haben Sie denn so Furchtbares begangen?“

„Ich sehe, daß Sie sich vielleicht am meisten für mich schämen, Jewgenij Pawlowitsch. Sie erröten, das ist das Zeichen eines guten Herzens. Ich werde sogleich fortgehen, seien Sie überzeugt.“

„Aber was hat er nur!“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna ganz erschrocken an Koljä. „Fangen etwa seine Anfälle so an?“

„Beunruhigen Sie sich nicht, Lisaweta Prokofjewna, ich habe keinen Anfall, ich werde sogleich gehen. Ich weiß, daß ich ... von der Natur zurückgesetzt bin. Ich war vierundzwanzig Jahre lang krank, jawohl, bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr. So ... müssen Sie mich auch jetzt als Kranken beurteilen. Ich werde sogleich fortgehen, sogleich, ich versichere Sie. Ich erröte nicht – denn es wäre doch sonderbar, deshalb zu erröten, nicht wahr? – aber in der Gesellschaft bin ich überflüssig ... Ich sage das nicht aus gekränkter Eigenliebe ... Ich habe in diesen drei Tagen nachgedacht und bin zu der Einsicht gekommen, daß ich, wenn ich mich jetzt ganz zurückziehe, Sie darüber bei der ersten Gelegenheit aufklären muß. Es gibt Ideen, es gibt hohe Ideen, von denen zu reden ich gar nicht anfangen darf, denn ich würde doch nur alle erheitern; Fürst Sch. hat mich soeben daran erinnert ... Ich habe kein Benehmen, ich kenne kein Maßhalten; meine Worte entsprechen nicht meinen Gedanken – das aber ist eine Erniedrigung dieser Gedanken. Und deshalb habe ich kein Recht ... Zudem bin ich noch mißtrauisch, ich ... ich bin überzeugt, daß mich in diesem Hause niemand kränken will und man mich mehr liebt, als ich es wert bin, aber ich weiß, ich weiß ja doch ganz genau, daß von einer vierundzwanzigjährigen Krankheit unbedingt etwas nachgeblieben sein muß, so daß man bisweilen ... unwillkürlich über mich lachen muß ... nicht wahr, so ist’s doch?“

Er schien eine Antwort, eine Entscheidung zu erwarten, indem er sich fragend im Kreise umsah. Doch alle standen noch ganz überrascht und verwundert unter dem Eindruck dieses unerwarteten, krankhaften, und wie man meinen sollte, in jedem Falle grundlosen Ausfalls, und niemand sagte ein Wort.

„Weshalb sagen Sie das hier?“ stieß plötzlich Aglaja zitternd hervor. „Weshalb sagen Sie das ihnen? ihnen! ihnen!“

Sie schien außer sich zu sein. Ihre Augen glühten. Ihr Blick blitzte. Der Fürst sah sie sprachlos an ... und plötzlich erbleichte er.

„Hier gibt es keinen einzigen, der dieser Worte wert wäre!“ fuhr Aglaja wie rasend fort. „Alle diese hier, alle, alle, sind nicht einmal Ihres kleinen Fingers wert, geschweige denn Ihres Verstandes oder Herzens! Sie sind ehrlicher als alle, Sie sind edler als alle, Sie sind besser, Sie sind reiner, Sie sind klüger als alle! Kein einziger von ihnen ist wert, dieses Taschentuch da, das Sie haben fallen lassen, aufzuheben ... Weshalb erniedrigen Sie sich, weshalb stellen Sie sich niedriger als alle anderen? Weshalb haben Sie das alles hier vorgebracht, weshalb haben Sie so gar keinen Stolz?“

„Großer Gott, wer hätte das je ahnen können!“ rief Lisaweta Prokofjewna, die Hände zusammenschlagend, aus.

„Der arme Ritter! Hurra!“ schrie Koljä begeistert.

„Schweigen Sie! ... Wie darf man es wagen, mich hier in Ihrem Hause zu beleidigen!“ brachte Aglaja zornbebend hervor und stürzte zur Mutter. Sie befand sich bereits in jenem hysterischen Zustande, in dem man alle Grenzen vergißt. „Alle, alle, alle quälen mich! Und weshalb? Fürst, weshalb werde ich die ganze Zeit, ganze drei Tage schon, Ihretwegen gequält? Unter keiner Bedingung werde ich Sie heiraten! Hören Sie? Unter keiner Bedingung, nie, niemals! Damit Sie es nur wissen! Kann man denn einen so lächerlichen Menschen wie Sie überhaupt lieben? So blicken Sie doch nur einmal in den Spiegel, sehen Sie doch, wie Sie dastehen und wie Sie jetzt aussehen! Weshalb, weshalb necken mich alle, weshalb ziehen sie mich immer damit auf, daß ich Sie heiraten würde? Sie müssen es wissen! Sie sind gleichfalls mit ihnen im Bunde, alle haben sie sich gegen mich verschworen!“

„Niemand hat sie aufgezogen, was redet sie!“ stotterte Adelaida aufrichtig erschrocken.

„Es ist uns überhaupt nicht in den Sinn gekommen, auch nur ein Wort davon zu sagen!“ versicherte Alexandra Iwanowna sichtlich bestürzt.

„Wer hat sie aufgezogen? Wann denn? Wer hat ihr so etwas sagen können? Phantasierst du, bist du krank?“ brachte Lisaweta Prokofjewna zitternd vor Empörung hervor.

„Alle, alle haben mich aufgezogen, diese ganzen drei Tage! Niemals, niemals werde ich ihn heiraten!“ raste Aglaja, und plötzlich brach sie in bittere Tränen aus, preßte ihr Taschentuch vor das Gesicht und sank auf einen Stuhl.

„Ja aber ... er hat dich ja noch gar nicht darum geb...“

„Ich habe Sie gar nicht darum gebeten, Aglaja Iwanowna,“ entfuhr es plötzlich ganz unwillkürlich dem Fürsten.

„Wa–as?“ fragte erstaunt und fast entsetzt Lisaweta Prokofjewna. „Wa–as war das?“

Sie traute ihren Ohren nicht.

„Ich wollte sagen ... ich wollte nur sagen,“ stammelte der Fürst zitternd, „ich wollte Aglaja Iwanowna nur erklären ... die Ehre haben, ihr zu erklären, daß ich durchaus nicht die Absicht gehabt habe ... die Ehre gehabt habe, um Ihre Hand anzuhalten ... Ich bin hier wirklich, bei Gott, ganz unschuldig, Aglaja Iwanowna! Ich habe es niemals gewollt, es ist mir nie in den Sinn gekommen, und ich werde es auch niemals wollen, Sie werden sehen, Sie können vollkommen ruhig sein, ich versichere Sie! Es muß mich hier ein mir übelwollender Mensch verleumdet haben! Sie können wirklich ganz ruhig sein!“

Während er das sprach, hatte er sich Aglaja genähert. Plötzlich nahm sie das Taschentuch vom Gesicht, blickte ihn schnell an, dachte einen Augenblick nach und – brach in helles Gelächter aus, in ein so fröhliches, unbezwingbares, ansteckendes Lachen, daß Adelaida als erste nicht widerstehen konnte, namentlich nach einem Blick auf den Fürsten, schnell zur Schwester lief, sie umarmte und in ein ebenso unbezwingbares Lachen ausbrach wie diese. Beim Anblick der beiden, wie die Schulrangen lachenden Schwestern mußte plötzlich auch der Fürst lächeln, und erleichtert, froh und glücklich sagte er:

„Gott sei Dank, nun, Gott sei Dank!“

Da hielt es auch Alexandra nicht aus und begann gleichfalls von ganzem Herzen zu lachen. Das Gelächter der drei schien gar kein Ende mehr nehmen zu wollen.

„Verrückt seid ihr!“ brummte Lisaweta Prokofjewna. „Zuerst erschreckt ihr einen – ich weiß nicht wie, und dann ...“

Da lachte auch schon Fürst Sch., und lachten Jewgenij Pawlowitsch und Koljä, und beim Anblick so vieler Lachenden mußte schließlich auch der Fürst lachen.

„Gehen wir spazieren, gehen wir spazieren!“ rief Adelaida. „Alle, alle, auch der Fürst muß mitkommen! Nein, Sie dürfen jetzt nicht fortgehen, Sie lieber Mensch, Sie! Nein, wie reizend er doch ist, Aglaja! Nicht wahr, maman? Nein, ich muß ihm jetzt unbedingt, unbedingt einen Kuß dafür geben, für ... für den Korb, den er Aglaja gegeben hat! Maman, liebe, gute, Sie erlauben mir doch, ihn zu küssen? Aglaja, erlaubst du, daß ich deinen Fürsten küsse?“ rief die Unartige in ihrem Übermut, lief schnell zum Fürsten und küßte ihn auch tatsächlich auf die Stirn.

Fürst Lew Nikolajewitsch ergriff ihre beiden Hände, preßte sie so fest zusammen, daß Adelaida fast aufschreien wollte, blickte sie mit unendlicher Freude an, und plötzlich führte er schnell ihre Hand an seine Lippen und küßte sie dreimal.

„Gehen wir!“ rief Aglaja. „Fürst, Sie werden mit mir gehen. Darf ich, maman? Er hat mir doch einen Korb gegeben! Sie haben sich doch auf ewig von mir losgesagt, Fürst? Aber doch nicht so, doch nicht so reicht man einer Dame den Arm! Wissen Sie denn noch nicht, wie man einer Dame den Arm reicht? So, sehen Sie, so macht man das. Nun, gehen wir jetzt, gehen wir! Und wir sind das erste Paar, wir wollen vorausgehen! Wollen Sie so mit mir gehen – tête-à-tête?

Sie sprach ohne Unterlaß, und immer noch konnte sie ihr Lachen nicht ganz bezwingen.

„Gott sei Dank! Nun, Gott sei Dank!“ atmete Lisaweta Prokofjewna wie erlöst auf, ohne selbst so recht zu wissen, worüber sie sich eigentlich freute und wofür sie dankte.

„Sonderbare Menschen!“ dachte Fürst Sch., vielleicht zum hundertsten Male schon, seit er sie kennen gelernt hatte ... sie gefielen ihm, diese sonderbaren Menschen. Nur der Fürst gefiel ihm bedeutend weniger. Fürst Sch. fühlte sich sehr beunruhigt, als sie alle zusammen den Spaziergang antraten.

Jewgenij Pawlowitsch war scheinbar in der heitersten Laune. Auf dem ganzen Wege bis zum Kurhaus scherzte er mit Alexandra und Adelaida, die ihrerseits mit so auffallender Bereitwilligkeit auf seine Späße eingingen, daß er den Verdacht schöpfte, sie könnten ihm überhaupt nicht zuhören. Bei diesem Gedanken lachte er dann plötzlich, ohne einen Grund anzugeben, laut auf, und zwar aufrichtig, von ganzem Herzen, – das war schon so sein Charakter! Die Schwestern befanden sich beide in gehobener Stimmung, ununterbrochen beobachteten sie Aglaja und den Fürsten, die ihnen vorangingen; augenscheinlich kam ihnen ihre jüngste Schwester sehr rätselhaft vor. Fürst Sch. wiederum gab sich Mühe, Lisaweta Prokofjewna mit nebensächlichen Dingen zu unterhalten, vielleicht um sie von gewissen anderen Dingen abzulenken, und langweilte und ärgerte sie schrecklich damit. Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, antwortete zerstreut und manchmal überhaupt nicht. Doch das rätselhafte Benehmen Aglaja Iwanownas sollte an diesem Abend noch nicht sein Ende finden. Als man sich ungefähr hundert Schritt von der Datsche entfernt hatte, flüsterte Aglaja halblaut ihrem schweigsamen Begleiter zu:

„Sehen Sie nach rechts.“

Der Fürst blickte hin.

„Sehen Sie diese Bank im Park, dort wo die drei großen Bäume stehen ... die grüne Bank?“

Der Fürst bejahte.

„Gefällt Ihnen dieser Platz? Dorthin gehe ich bisweilen des Morgens gegen sieben Uhr, allein, wenn die anderen noch schlafen.“

Der Fürst antwortete verwirrt, daß der Platz in der Tat sehr schön sei.

„Doch jetzt gehen Sie fort von mir, ich will nicht mehr mit Ihnen Arm in Arm gehen. Oder bleiben Sie, doch sprechen Sie mit mir kein Wort. Ich will mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen ...“

Diese Aufforderung war jedenfalls sehr überflüssig; der Fürst hätte sicher auch ohne diesen Befehl auf dem ganzen Wege zu ihr nicht ein einziges Wort gesprochen. Sein Herz klopfte so heftig, als sie ihm die Bank zeigte, doch beruhigte er sich bald darauf wieder und wies die dummen Gedanken, die ihm kamen, mit Entrüstung von sich.

Bei den Pawlowsker Kurhauskonzerten[22] ist das Publikum bekanntlich an Wochentagen ein besseres und gewählteres, als an den Sonn- und Feiertagen, an denen alle Welt aus Petersburg dorthin kommt. Die Toiletten sind nicht so auffallend, doch eleganter, und es gehört zum guten Ton, dorthin zur Musik zu gehen. Das Orchester ist in der Tat das beste von allen unseren Sommerorchestern und setzt immer die neuesten Kompositionen auf das Programm. Der gesellschaftliche Ton ist vorzüglich, der Besuch des Publikums trägt einen intimeren Charakter. Die Datschenbewohner geben sich hier ihr Rendezvous. Viele finden sich mit Vergnügen nur um des Rendezvous’ willen hier ein; doch gibt es auch andere, die wirklich der Musik wegen kommen. Skandalgeschichten ereignen sich an diesen Tagen äußerst selten, doch pflegen auch sie manchmal vorzukommen. Ganz ohne Skandal scheint es denn doch einmal in der Welt nicht abzugehen.

Der Abend war diesmal wunderschön, und es hatte sich viel Publikum versammelt. Um das Orchester herum waren alle Plätze besetzt. Unsere Gesellschaft nahm auf einigen Stühlen am linken Ausgange des Saales Platz. Das Wogen der Menge und die Musik belebte Lisaweta Prokofjewna und erheiterte auch die jungen Damen; sie nickten freundlich Bekannten zu, die sie erblickten, kritisierten die Toiletten und machten sich über manche auffallende Einzelheiten an ihnen lustig. Auch Jewgenij Pawlowitsch grüßte des öfteren. Aglaja und der Fürst, die immer noch zusammen waren, lenkten die Aufmerksamkeit der Anwesenden ersichtlich auf sich. Bald kamen bekannte junge Leute zu ihnen, meistenteils Leutnants und Freunde Jewgenij Pawlowitschs, die bei der Mutter und den jungen Damen ihre Aufwartung machten. Unter diesen befand sich auch ein junger, sehr schöner, sehr lustiger und unterhaltender Offizier: er bemühte sich, die Aufmerksamkeit Aglajas auf sich zu lenken und sie in ein Gespräch zu ziehen. Aglaja war sehr liebenswürdig und heiter zu ihm. Jewgenij Pawlowitsch stellte seinen Freund auch dem Fürsten vor.

Der Fürst begriff kaum, was um ihn vorging, er reichte fast unbewußt dem Leutnant seine Hand. Der Freund Jewgenij Pawlowitschs richtete an ihn eine Frage, doch der Fürst beantwortete sie nicht oder murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, so daß der Leutnant ihn befremdet musterte, darauf Jewgenij Pawlowitsch ansah und sofort begriff, warum der sie miteinander bekannt gemacht hatte. Lächelnd wandte er sich dann wieder Aglaja zu. Nur Jewgenij Pawlowitsch war es aufgefallen, daß Aglaja plötzlich darüber errötete.

Der Fürst bemerkte es nicht einmal, daß andere sich um die Gunst Aglajas bewarben, ja, er vergaß sogar minutenlang, daß er neben ihr saß. Am liebsten wäre er irgendwohin entflohen, an einen düsteren, öden Ort, nur um mit seinen Gedanken allein sein zu können, und so, daß niemand wußte, wo er sich befand. Oder, wäre er wenigstens bei sich allein zu Hause auf der Terrasse gewesen, ohne Lebedeff, ohne die Kinder, könnte er wenigstens allein in seinem Zimmer sich auf seinem Diwan ausstrecken, sein Gesicht in die Kissen drücken und so liegen Tag und Nacht und noch einen Tag! Für Augenblicke sehnte er sich nach den Bergen und dachte an seinen Lieblingsplatz an der Trift: wohin er, als er dort lebte, immer zu gehen pflegte, um von ihm aus hinunter ins Dorf sehen zu können, auf den nebligen weißen Strich des Wasserfalls, auf die weißen Wolken und die alte Schloßruine. Oh, wie gerne wäre er jetzt dort, um nur an das eine zu denken, – oh, sein ganzes Leben lang nur daran –, und auf tausend Jahre hätte es gereicht! Und möge man, möge man ihn hier ganz vergessen. Oh, es müßte sogar so sein, und es wäre besser, wenn sie ihn überhaupt nicht gekannt hätten und wenn alles, was er hier erlebt, nur ein Traum gewesen wäre. Aber ist es denn nicht einerlei, ob Traum, ob Wirklichkeit! Plötzlich starrte er Aglaja an und wandte ganze fünf Minuten lang seinen Blick von ihrem Gesicht nicht ab. Doch sonderbar war dieser Blick von ihm: es schien, als sehe er auf sie wie einen Gegenstand, der sich weit, weit von ihm befände, oder wie auf ihre Photographie, und nicht auf sie selbst.

„Weshalb sehen Sie mich so an, Fürst?“ fragte sie ihn plötzlich, das Gespräch mit ihrer Umgebung abbrechend. „Ich fürchte mich vor Ihnen; mir scheint es, als wollten Sie Ihre Hand ausstrecken, um mit einem Finger mein Gesicht zu berühren. Genau so sieht er mich an, nicht wahr, Jewgenij Pawlowitsch?“

Der Fürst hörte sie an und schien ganz verwundert, daß sie sich an ihn gewandt hatte, auch verstand er sie gar nicht, denn er antwortete nichts darauf. Als er aber sah, daß sie und alle lachten, da verzog auch er seinen Mund zu einem Lächeln. Das Gelächter um ihn herum verstärkte sich; der Leutnant, offenbar ein sehr lachlustiger Mensch, platzte vor Lachen. Aglaja murmelte plötzlich wütend vor sich hin:

„Idiot!“

„Großer Gott, könnte sie denn wirklich solch einen ... hat sie wirklich ganz ihren Verstand verloren!“ murmelte knirschend vor Wut Lisaweta Prokofjewna.

„Das ist nur Scherz, wie das mit dem armen Ritter,“ flüsterte ihr Alexandra ins Ohr, „und nichts mehr! Sie hat ihn wieder aufs Korn genommen. Doch dieser Spaß geht wirklich zu weit, maman, man muß dem ein Ende machen. Vorhin am Abend gebärdete sie sich ja wie eine Schauspielerin, hat uns nur erschrecken wollen ...“

„Es ist doch gut, daß sie auf einen solchen Idioten gestoßen ist,“ antwortete ihr leise Lisaweta Prokofjewna.

Der Fürst hatte es gehört, daß man ihn einen Idioten nannte und zuckte zusammen – doch nicht eigentlich, weil man ihn so genannt hatte. Das Wort „Idiot“ vergaß er sofort. Aber im Gedränge, nicht weit davon entfernt, wo er saß – er hätte nicht sagen können, an welcher Stelle –, tauchte plötzlich wieder ein Gesicht auf, ein bleiches Gesicht mit dunklen lockigen Haaren, mit dem bekannten, nur zu bekannten Lächeln und dem Blick, – tauchte auf und verschwand. Vielleicht hatte ihm alles das nur so geschienen. Von der ganzen Erscheinung blieben ihm nur die Augen, das Lächeln und das hellgrüne Halstuch haften, das die vor ihm auftauchende Erscheinung getragen. Verlor sich dieser Mensch in der Menge? oder war er zum Saal hinausgegangen? Das konnte der Fürst nicht sagen.

Eine Minute nachher sprang er plötzlich auf und blickte unruhig um sich; wie wenn die erste Erscheinung der Vorläufer einer zweiten wäre? So mußte es sicher kommen. Hatte er wirklich die Möglichkeit einer Begegnung so ganz vergessen, daß er hierher gekommen war? Wirklich, als er hierher gekommen war, hatte er überhaupt nicht gewußt, wohin er ging, in einem solchen Zustande befand er sich. Wenn er nur etwas aufmerksamer gewesen wäre, so hätte er noch vor einer Viertelstunde bemerken können, mit welcher Unruhe und Erwartung Aglaja um sich geblickt hatte, als ob sie jemanden suchte, erwartete. Jetzt, als sie seine Unruhe bemerkte, wuchs auch ihre Aufregung, und als er sich umblickte, folgte auch sie seinen Blicken. Die Katastrophe sollte nicht ausbleiben.

In demselben Eingange, in dessen Nähe Jepantschins sich niedergelassen hatten, erschien plötzlich ein Schwarm von etwa zehn Menschen. Ihnen voran gingen drei Damen, zwei von ihnen waren von ungewöhnlicher Schönheit, so daß es weiter nicht wunderlich schien, wenn ihnen so viele Verehrer folgten. Doch sie selbst wie ihr Gefolge waren etwas außergewöhnlicher Art und in Haltung und Auftreten gar nicht dem sonst anwesenden Publikum ähnlich. Alle bemerkten sie sofort, doch der größte Teil des Publikums bemühte sich auch sogleich, sie nicht zu beachten, und nur einige jüngere Herren schauten ihnen lächelnd nach oder sprachen miteinander halblaut über sie. Die Neuangekommenen überhaupt nicht zu bemerken, war eigentlich unmöglich, da sie sich laut benahmen und lachten. Einige aus dieser sonderbaren Gesellschaft schienen schon recht angeheitert zu sein, obgleich die meisten von ihnen elegant und stutzerhaft gekleidet waren. Doch befanden sich unter ihnen auch Leute von zweifelhaftem Aussehen und zweifelhafter Kleidung und mit hochgeröteten Gesichtern. Auch etliche niedere Militärpersonen waren dabei und Gentlemen in älteren Jahren, mit schwarzen, glänzenden Perücken, mit prächtigen Backenbärten, goldenen Ringen und kostbaren Busennadeln, eine Sorte von Menschen, deren Bekanntschaft Leute aus guter Gesellschaft wie die Pest scheuen.

Um vom Kurhaus auf den freien Platz zu gelangen, wo die Musikhalle sich befand, mußte man einige Stufen hinabsteigen. Bei diesen Stufen jedoch blieb die Gesellschaft stehen; offenbar wagte man sich nicht recht vor, nur eine von den Damen ging weiter, gefolgt von zwei Herren aus ihrer Gesellschaft. Der eine von ihnen war ein Mann in mittleren Jahren, von bescheidenem, anständigem Äußeren. Doch machte er den Eindruck eines Menschen, der niemand kennt und von niemandem gekannt wird. Der andere dagegen, der ihr folgte, machte in jedem Sinne einen gänzlich zerlumpten Eindruck. Sonst folgte keiner der exzentrischen Dame, doch schien ihr das vollständig gleichgültig zu sein, denn als sie die Treppe hinabstieg, sah sie sich nicht einmal nach den anderen um. Sie lachte und unterhielt sich mit lauter Stimme wie vorher; gekleidet war sie kostbar und geschmackvoll, wenn auch etwas auffallender, als es sich schickte. Sie ging die Estrade entlang auf die andere Seite hinüber, wo vor dem Ausgang eine Equipage auf sie zu warten schien.

Der Fürst hatte sie bereits drei Monate nicht mehr gesehen. Alle diese Tage, seit seiner Ankunft in Petersburg, hatte er zu ihr gehen wollen, doch ein geheimes Vorgefühl hielt ihn immer wieder davon zurück. Wenigstens konnte er sich ein Wiedersehen mit ihr gar nicht vorstellen, und vor dem Eindruck, den diese Begegnung auf ihn machen würde, hatte er gezittert. Eines war ihm klar – diese Begegnung, wenn sie stattfand, würde eine verhängnisvolle sein. Wie oft dachte er in diesen sechs Wochen an den ersten Eindruck, den das Gesicht dieser Frau auf ihn gemacht hatte, damals, als er es auf der Photographie gesehen: es war ein schwerer, ein quälender Eindruck gewesen. Und dieser Monat, den er mit ihr in der Provinz verlebt, wo er sie jeden Tag gesehen hatte, war für ihn eine so quälende Erinnerung, daß er an diese jüngste Vergangenheit gar nicht zu denken wagte. Das Gesicht dieser Frau machte ihn leiden. Er hatte diese Empfindung Rogoshin gegenüber Mitleid genannt, endloses Mitleid, und so war es auch: schon das Gesicht auf der Photographie hatte in seinem Herzen eine Qual von Mitleid entzündet, und diese qualvolle Mitleidenschaft würde ihn nie mehr verlassen und verließ ihn auch jetzt nicht, das wußte er. O, es hatte sogar noch zugenommen! Doch jetzt, in diesem Augenblick, als sie so plötzlich erschien, begriff er oder vielmehr fühlte er unbewußt, daß auch diese Erklärung seines Gefühls Rogoshin gegenüber allein nicht ausreichte. Denn es fehlten ihm die Worte, dieses Entsetzen, ja, dieses Entsetzen, diese Angst auszudrücken! Jetzt, in dieser Minute fühlte er es wieder, ja, er war überzeugt, vollständig überzeugt, aus seinen eigenen besonderen Gründen überzeugt, daß diese Frau – wahnsinnig sei! Er empfand dasselbe, wie jemand, der eine Frau über alles in der Welt liebt oder die Möglichkeit einer solchen Liebe versteht – und plötzlich diese Frau angekettet hinter Eisengittern und unter dem Stock des Aufsehers sieht.

„Was ist Ihnen?“ flüsterte Aglaja erschrocken und berührte naiv seine Hand.

Er wandte den Kopf nach ihr um, sah sie an, blickte in ihre schwarzen, für ihn unverständlich blitzenden Augen und versuchte zu lächeln. Doch in demselben Augenblick vergaß er sie schon wieder, und wieder schweiften seine Augen nach rechts und suchten diese außergewöhnliche Erscheinung. Nastassja Filippowna ging in diesem Augenblick gerade an den Stühlen der jungen Damen vorüber, in deren Gesellschaft Jewgenij Pawlowitsch lachte und scherzte. Der Fürst erinnerte sich noch, wie Aglaja plötzlich halblaut ausrief: „Welche ...“

Sie sprach das Wort nicht aus, doch hatte es genügt. Nastassja Filippowna, die tat, als ob sie bis dahin niemand bemerkt hätte, wandte sich plötzlich nach ihnen um, und, als ob sie jetzt erst Jewgenij Pawlowitsch sähe, rief sie aus:

„Bah, da ist er ja!“ zugleich blieb sie stehen. „Sonst kann man ihn vergeblich suchen, kein Bote erreicht ihn. Da sitzt er jetzt, wo man ihn am wenigsten vermutet ... Ich dächte, du solltest dort sein bei ihm ... bei deinem Onkel.“

Jewgenij Pawlowitsch fuhr jäh auf und blickte Nastassja Filippowna wütend an, doch wandte er ihr sogleich wieder den Rücken zu.

„Wie? Weißt du es denn noch nicht? Stellt euch doch nur vor, er weiß es noch nicht! Er hat sich ja erschossen! Heute morgen hat dein Onkel sich erschossen! Heute um zwei Uhr habe ich es erfahren, die halbe Stadt weiß es bereits – dreihundertfünfzigtausend Rubel fehlen in der Kronskasse, andere sagen: fünfhunderttausend. Und ich rechnete darauf, daß du noch mal erben würdest, – alles hat er durchgebracht. Der allerverkommenste Lebemann war dein Alter ... Nun, leb wohl, bonne chance![27] Willst du denn wirklich nicht hinfahren? Hast also zur rechten Zeit deinen Abschied genommen, du Schlaukopf! Doch Unsinn, er wußte es sicher schon früher; vielleicht schon gestern ...“

Mit der falschen Vorspiegelung einer intimen Bekanntschaft, die gar nicht existierte, schien Nastassja Filippowna sicher eine besondere Absicht zu verfolgen, das wußte Jewgenij Pawlowitsch, und er hatte daher zuerst versucht, sich so zu stellen, als ob er sie überhaupt nicht bemerkte. Doch ihre Worte trafen ihn wie Keulenschläge; als er vom Tode des Onkels hörte, wurde sein Gesicht so weiß wie ein Tuch, und er wandte sich unwillkürlich zu der Sprechenden. In dem Augenblick erhob sich auch Lisaweta Prokofjewna von ihrem Stuhl, forderte die anderen auf, ihr zu folgen, und verließ so schnell als möglich den Saal. Nur der Fürst Lew Nikolajewitsch blieb unentschlossen stehen, als besänne er sich noch eine Sekunde, und auch Jewgenij Pawlowitsch stand noch immer wie besinnungslos da. Doch hatten sich Jepantschins kaum auf zwanzig Schritt entfernt, als es zu einem schrecklichen Skandal kam.

Der Leutnant und Freund Jewgenij Pawlowitschs, der sich mit Aglaja unterhalten hatte, geriet plötzlich außer sich.

„Hier ist einfach eine Peitsche nötig, sonst wird man dieses Geschöpf nicht los werden!“ rief er laut. Wie es schien, mußte auch er schon vorher ein Vertrauter Jewgenij Pawlowitschs gewesen sein.

Nastassja Filippowna wandte sich blitzschnell nach ihm um. Ihre Augen flammten. Sie stürzte sich auf den ersten jungen ihr gänzlich unbekannten Mann, der zwei Schritte von ihr entfernt stand und in der Hand ein dünnes geflochtenes Rohrstöckchen hielt, riß es ihm aus der Hand und schlug damit ihrem Beleidiger quer übers Gesicht. Das alles geschah in einem Augenblick ... Der Leutnant, außer sich, stürzte sich auf sie. Nastassja Filippowna stand ganz allein da, ihr Gefolge hatte sie verlassen. Auch der anständige Herr in den mittleren Jahren war nicht mehr zu sehen. In einer Minute freilich wäre die Polizei erschienen, aber diese eine Minute würde Nastassja Filippowna gefährlich geworden sein, wenn ihr nicht unerwartet Hilfe gekommen wäre. Der Fürst, einige Schritte nur vom Leutnant entfernt, packte diesen hinterrücks an beiden Armen. Der Leutnant riß sich jedoch sofort los und stieß den Fürsten so heftig vor die Brust, daß er in einer Entfernung von drei Schritt auf einen Stuhl fiel. Unterdessen hatte aber Nastassja Filippowna andere Hilfe erhalten: vor dem Leutnant stand plötzlich der Boxer und Autor des Zeitungsartikels, einstiger Genosse der früheren Rogoshinschen Rotte.

„Mein Name ist Keller, Leutnant a. D.,“ stellte sich dieser vor. „Wenn Sie einen Faustkampf wünschen, Herr Hauptmann, so stehe ich, in Vertretung der Dame, Ihnen zu Diensten. Verstehe mich vortrefflich auf die englische Boxkunst. Beruhigen Sie sich, Herr Hauptmann! Ich bedaure sehr, daß man Sie so beleidigt hat, doch kann ich es nicht erlauben, daß Sie einer Dame gegenüber, noch dazu vor den Augen des Publikums, von Ihrem Faustrecht Gebrauch machen wollen. Wenn Sie sonst auf andere, anständigere Weise von mir Rechenschaft zu fordern wünschen, so werde ich selbstverständlich, Herr Hauptmann ...“

Doch der Hauptmann-Leutnant war schon wieder zu sich gekommen und hörte ihn gar nicht mehr an. In diesem Augenblick tauchte plötzlich Rogoshin aus der Menge auf, reichte Nastassja Filippowna den Arm und führte sie fort. Er war blaß vor Erregung und zitterte. Doch konnte er sich nicht enthalten, im Vorübergehen dem Leutnant ins Gesicht zu lachen und höhnisch-triumphierend zu rufen:

„Das hat gezogen! Das ganze Gesicht blutunterlaufen! Ha!“

Dem Leutnant kam zum Bewußtsein, mit wem er es zu tun hatte, er bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch und wandte sich höflich an den Fürsten:

„Fürst Myschkin, ich hatte die Ehre, mit Ihnen bekannt zu sein?“

„Sie ist wahnsinnig! wahnsinnig! Ich versichere es Ihnen,“ antwortete ihm der Fürst mit bebender Stimme und streckte ihm seine zitternden Hände entgegen.

„Ich kann mir freilich mit solchen Kenntnissen nicht schmeicheln; Ihren Namen jedoch muß ich wissen.“

Er verneigte sich leicht und ging davon. Die Polizei erschien genau fünf Sekunden nachher, als die letzten Beteiligten des Skandals verschwunden waren. Übrigens dauerte das Ganze nur fünf Minuten. Ein Teil des Publikums hatte sich von seinen Stühlen erhoben und verließ das Konzert; ein anderer wieder wechselte nur die Plätze; ein dritter freute sich über den Skandal, und alle sprachen interessiert und lebhaft darüber. Mit einem Wort, es endete wie gewöhnlich. Das Orchester spielte wieder. Der Fürst war bereits Jepantschins gefolgt. Hätte er sich während des Vorfalles umgesehen, so hätte er bemerkt, wie Aglaja, zwanzig Schritt von ihm entfernt, der Szene zuschaute, ohne auf die Zurufe ihrer Mutter und ihrer Schwestern zu achten, die weitergingen. Fürst Sch. kehrte zu ihr zurück und bat sie, ihm zu folgen. Lisaweta Prokofjewna fiel es auf, daß Aglaja, als sie in höchster Erregung zu ihnen zurückkehrte, ihre Vorwürfe überhaupt nicht beachtete. Doch nach zwei Minuten, als die Gesellschaft in den Park trat, sagte sie bereits mit der allergleichgültigsten und launenhaftesten Stimme:

„Ich wollte nur sehen, wie die Komödie enden würde.“