Als der Fürst sich mit Rogoshin seiner Villa näherte, bemerkte er zu seiner nicht geringen Verwunderung, daß sich auf der hellerleuchteten Terrasse eine zahlreiche und geräuschvolle Gesellschaft versammelt hatte. Lachen und lautes Stimmengewirr drang hinaus in den dunklen Park. Jedenfalls sah man auf den ersten Blick, daß der Gesellschaft die Zeit nicht lang wurde: man war in freudiger Stimmung und disputierte fast schreiend laut. Freilich war das nur zu erklärlich: als der Fürst die Stufen der Treppe hinanstieg, sah er, daß alle tranken, und zwar Champagner tranken, und das offenbar schon seit einiger Zeit, denn viele schienen bereits nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sämtliche Gäste waren dem Fürsten bekannt, doch wunderte es ihn nichtsdestoweniger, daß sie sich alle gleichzeitig versammelt hatten, als wären sie gerufen worden, obschon der Fürst keinen einzigen aufgefordert und er sich selbst seines Geburtstages erst soeben ganz zufällig erinnert hatte.
„Mußt wohl jemandem gesagt haben, daß du Champagner auffährst,“ brummte Rogoshin, als er hinter dem Fürsten zur Terrasse hinaufstieg.
„Das kennt man; da braucht man nur zu pfeifen ...“ fügte er fast haßerfüllt hinzu, natürlich in Gedanken an seine eigene jüngste Vergangenheit.
Mit Freudengeschrei und Glückwünschen wurde der Fürst empfangen und sogleich von allen umringt. Einzelne benahmen sich recht geräuschvoll, andere wiederum viel ruhiger, doch alle beeilten sich, ihm Glück zu wünschen, da sie von seinem Geburtstage gehört hätten. Ein jeder wartete ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Die Anwesenheit einiger überraschte den Fürsten besonders; so hätte er z. B. Burdowskij sicherlich nicht vorzufinden erwartet; doch am meisten setzte ihn in Erstaunen, inmitten dieser Schar plötzlich Jewgenij Pawlowitsch Radomskij zu entdecken: er wollte zuerst kaum seinen Augen trauen und erschrak fast, als er ihn erblickte.
Inzwischen war Lebedeff mit seinen Erklärungen glücklich zu Wort gekommen; er war rot und begeistert und in nicht geringem Maße das, was man „fertig“ nennt. Aus seinem Geschwätz ging hervor, daß sich alle ganz zufällig eingefunden hatten. Ganz zuerst, noch vor Abend, war Hippolyt gekommen, und da er sich so wohl gefühlt, habe er gewünscht, den Fürsten auf der Terrasse zu erwarten. Er hatte sich also dort auf dem Diwan niedergelassen. Darauf hatte sich Lebedeff zu ihm gesellt, und diesem war seine ganze Familie gefolgt, d. h. seine Töchter und der alte General Iwolgin. Burdowskij war mit Hippolyt und Koljä gekommen, sozusagen als Begleiter des Kranken. Ganjä und Ptizyn waren erst vor kurzer Zeit, beim Vorübergehen, eingetreten – ihr Erscheinen fiel zusammen mit dem Ereignis vor dem Kurhaus –; bald darauf war auch Keller erschienen, hatte mitgeteilt, daß am nächsten Tage des Fürsten Geburtstag sei, und mit dieser Begründung Champagner verlangt. Jewgenij Pawlowitsch war erst vor knapp einer halben Stunde gekommen. Auf der Bewirtung mit Champagner und der Feier des Geburtstages hatte namentlich Koljä mit allem Nachdruck bestanden, worauf Lebedeff denn auch mit Gläsern und dem nötigen Stoff bereitwillig herausgerückt war.
„Aber es ist mein eigener, mein eigener!“ flüsterte er in lächelnder Seligkeit dem Fürsten zu, „auf meine Kosten, um den Geburtstag zu feiern und um zu gratulieren ... es wird auch einen Imbiß, einen Imbiß geben, meine Tochter sorgt schon dafür ... Aber, Fürst, wenn Sie wüßten, was für ein Thema sie jetzt vorhaben. Entsinnen Sie sich – im ‚Hamlet‘: ‚Sein oder Nichtsein?‘ Ein aktuelles Thema, ein höchst aktuelles Thema. Fragen und Antworten ... Und Herr Terentjeff will auf keinen Fall ... zu Bett gehn! Vom Champagner aber hat er nur einen Schluck, nur ’n Schlückchen geschlürft, das schad’t nichts ... Treten Sie näher, Fürst, und entscheiden Sie! Alle haben Sie erwartet, nur auf Ihren scharfsinnigen Verstand gewartet ...“
Der Fürst bemerkte den lieben, freundlichen Blick Wjera Lebedeffs, die sich gleichfalls bemühte, an ihn heranzukommen. Über alle hinweg reichte er ihr zuerst die Hand; sie wurde ganz rot vor Freude und wünschte ihm „von diesem Tage an ein glückliches Leben“. Darauf lief sie eilig in die Küche, um dort den Imbiß vorzubereiten, doch so oft sie nur auf eine Minute Zeit fand, erschien sie wieder auf der Terrasse, um dem leidenschaftlichen Gespräch über die abstraktesten und für sie seltsamsten Dinge, das unter den Gästen niemals verstummte, zuzuhören. So hatte sie es schon vor dem Erscheinen des Fürsten getan. Ihre jüngere Schwester, die, welche immer so weit den Mund aufriß, war im Nebenzimmer, auf einem Koffer sitzend, eingeschlafen. Ihr Bruder, der Sohn Lebedeffs, stand dagegen zwischen Koljä und Hippolyt und allein der Ausdruck seines lebhaften Gesichts verriet es, daß er bereit war, auf demselben Platz stehend, noch ganze zehn Stunden zuzuhören.
„Ich habe Sie ganz besonders erwartet und bin sehr froh, daß Sie so glücklich sind,“ sagte Hippolyt zum Fürsten, als dieser gleich nach Wjera ihm die Hand reichte.
„Woher wissen Sie, daß ich ‚so glücklich‘ bin?“
„Man sieht es Ihrem Gesicht an. Begrüßen Sie sich mit den Herren und kommen Sie schnell und setzen Sie sich hierher zu mir. Ich habe sehr auf Sie gewartet,“ fügte er hinzu und betonte es besonders, daß er gewartet habe. Auf die Bemerkung des Fürsten: ob ihm das späte Aufsein nicht schade, antwortete er, daß er sich selbst wundere – er, der noch vor drei Tagen zu sterben glaubte – wie wohl er sich an diesem Abend fühle.
Burdowskij sprang von seinem Platz auf und brummte, daß er „nur so“ gekommen ... daß er Hippolyt „begleitet“ und daß auch er sehr froh sei ... Im Briefe habe er nur „Unsinn“ geschrieben, jetzt aber sei er „einfach froh ...“ Er beendete seinen Satz nicht, drückte nur kräftig dem Fürsten die Hand und setzte sich auf seinen Stuhl.
Ganz zuletzt ging der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu. Dieser nahm ihn einfach unter den Arm.
„Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen,“ sagte er halblaut – „und in einer sehr wichtigen Angelegenheit; kommen Sie, auf eine Minute.“
„Ein paar Worte,“ flüsterte eine andere Stimme dem Fürsten ins andere Ohr und eine andere Hand packte den Fürsten an der anderen Seite am Arm.
Der Fürst bemerkte zu seiner Verwunderung ein vom Wein gerötetes, lachendes Gesicht, das er sofort als das Ferdyschtschenkos erkannte. Gott weiß, woher der sich eingefunden hatte.
„Erinnern Sie sich noch Ferdyschtschenkos?“ fragte ihn dieser.
„Woher sind Sie denn gekommen?“ rief der Fürst aus.
„Er hatte sich versteckt!“ sagte hinzutretend Keller. „Er hatte sich versteckt und wollte sich nicht zeigen, dort in der Ecke hatte er sich versteckt, er bereut es, Fürst, er fühlt sich vor Ihnen schuldig.“
„Ja, worin denn, worin?“
„Ich begegnete ihm, Fürst, soeben begegnete ich ihm und habe ihn hierhergebracht; er ist der beste meiner Freunde, – doch bereut er sehr ...“
„Ich freue mich sehr, meine Herren, doch setzen Sie sich, bitte, dahin zu den anderen, ich werde gleich wiederkommen.“ Der Fürst machte sich von ihnen los und beeilte sich, Jewgenij Pawlowitsch einzuholen.
„Hier bei Ihnen ist es sehr interessant,“ bemerkte dieser, „ich habe mit vielem Vergnügen eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Wissen Sie, mein bester Lew Nikolajewitsch, ich habe mit Kurmyschoff alles geordnet, ich bin gekommen, um Sie zu beruhigen. Machen Sie sich keine Sorgen, er hat die Sache sehr vernünftig aufgefaßt, um so mehr, da er meiner Meinung nach selbst schuld daran war ...“
„Was für ein Kurmyschoff?“
„Dieser da, den Sie vorhin an den Armen packten. Er war so außer sich, daß er Ihnen morgen seine Forderung schicken wollte.“
„Aber ich bitte Sie, welch ein Unsinn!“
„Versteht sich, Unsinn, und mit einem Unsinn hätte es auch geendet, doch ...“
„Sie sind, vielleicht, doch noch aus einem anderen Grunde gekommen, Jewgenij Pawlowitsch?“
„Oh, versteht sich, noch aus einem anderen Grunde,“ lachte dieser. „Ich, lieber Fürst, fahre noch morgen, bevor es tagt, nach Petersburg, wegen der unseligen Geschichte mit meinem Onkel. Stellen Sie sich vor, alles ist wahr und alle wissen es, nur ich wußte es nicht. Mich hat das alles so erschüttert, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, dahin zu gehen, zu Jepantschins, meine ich. Morgen werde ich auch nicht hingehen, denn ich werde ja in Petersburg sein, verstehen Sie mich? Vielleicht werde ich zwei, drei Tage dort bleiben, mit einem Wort, meine Sache ist verloren. Ich habe mich darum entschlossen, mich mit Ihnen offen auszusprechen, ohne Zeit zu verlieren, noch vor meiner Abfahrt. Ich werde hier sitzen und werde warten, bis die ganze Gesellschaft sich verabschiedet, sonst weiß ich nicht, wo ich bleiben soll, ich bin so aufgeregt und schlafen kann ich nicht. Freilich ist es gewissenlos, einen Menschen so zu belästigen, doch ich werde Ihnen aufrichtig sagen: ich bin gekommen, um mit Ihnen, mein lieber Fürst, Freundschaft zu schließen. Sie sind ein unvergleichlicher Mensch, das heißt, Sie sind aufrichtig, Sie lügen niemals, vielleicht überhaupt nicht und ich habe in einer Sache einen Freund und Ratgeber nötig, denn ich gehöre jetzt zu den Unglücklichen ... jawohl!“
Er lachte.
„Schade nur, daß Sie warten wollen, bis die da fortgehen,“ meinte nachdenklich der Fürst, „weiß Gott, wann das sein wird. Wäre es nicht besser, wenn wir jetzt in den Park gingen? Die da können wirklich warten. Ich werde mich entschuldigen.“
„Nein, nein, ich habe meine Gründe, jedem Verdacht ihrerseits zuvorzukommen, denn unter ihnen gibt es Leute, die sich sehr für unsere Beziehungen interessieren. Sie wissen das nicht, Fürst. Und es ist viel besser, daß sie nichts Auffälliges in unseren Beziehungen bemerken – verstehen Sie? Sie werden in zwei Stunden fortgehen, ich werde Sie dann nur zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.“
„Wie Sie wünschen, bitte; ich werde sehr froh darüber sein, und für Ihre guten Worte und für Ihre Freundschaftsversicherung danke ich Ihnen noch besonders. Entschuldigen Sie, daß ich heute zerstreut bin, ich kann in diesem Moment nicht so aufmerksam sein, wie –“
„Ich sehe, ich sehe es,“ lächelte Jewgenij Pawlowitsch etwas ironisch. Er war überhaupt recht lachlustig diesen Abend.
„Was sehen Sie?“ beeilte sich der Fürst zu fragen.
„Und Sie ahnen gar nicht, lieber Fürst,“ versetzte immer noch lachend Jewgenij Pawlowitsch, ohne direkt auf die Frage des Fürsten zu antworten, „Sie ahnen gar nicht, daß ich einfach gekommen bin, um Sie zu betrügen und alles über Sie zu erfahren, ah?“
„Daß Sie gekommen sind, um mich auszuforschen, nun, darüber besteht kein Zweifel,“ scherzte jetzt auch der Fürst, „und vielleicht haben Sie sich sogar vorgenommen, mich zum besten zu halten. Doch was tut’s, ich fürchte Sie nicht, überdies ist mir das jetzt ganz gleichgültig, glauben Sie es mir? Und ... und ... und da ich vor allem überzeugt bin, daß Sie doch ein außergewöhnlicher Mensch sind, so wird es damit enden, daß wir uns sehr anfreunden werden. Sie haben mir sehr gefallen, Jewgenij Pawlowitsch, Sie ... sind, meiner Meinung nach, ein sehr, sehr anständiger Mensch!“
„Nun, mit Ihnen ist es wenigstens sehr angenehm, etwas zu tun zu haben, was es auch sei,“ schloß Jewgenij Pawlowitsch. „Kommen Sie, ich werde auf Ihre Gesundheit ein Glas leeren, ich bin sehr zufrieden, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ah!“ brach er plötzlich ab. „Dieser Herr Hippolyt wird jetzt bei Ihnen leben?“
„Ja.“
„Er wird nicht so bald sterben, denke ich?“
„Und, was weiter?“
„Weiter nichts; ich war hier mit ihm eine halbe Stunde zusammen ...“
Hippolyt wartete die ganze Zeit über auf den Fürsten und sah ununterbrochen nach ihm und Jewgenij Pawlowitsch hin, als diese miteinander sprachen. Er belebte sich fieberhaft, als sie an den Tisch traten. Er war unruhig und aufgeregt, Schweiß trat auf seine Stirn. An seinen blitzenden Augen bemerkte man eine große Unruhe und eine unerklärliche Ungeduld; sein Blick schweifte ziellos von einem Gegenstand zum andern, von einem Gesicht zum andern. Obgleich er am allgemeinen, lebhaften Gespräch teilnahm, so war seine Lebhaftigkeit doch nur eine kranke, unnatürliche. Dem Gespräche selbst folgte er nur zerstreut, stritt sich ganz sinnlos mit den anderen herum, spottete über alles und äußerte nur Paradoxes. Er sprach nicht zu Ende, was er soeben mit großem Feuer begonnen. Der Fürst sollte mit Verwunderung und Bedauern erfahren, daß man ihm heute zwei Glas Champagner zu trinken erlaubt hatte, und daß das gefüllte Glas vor ihm schon das dritte war. Doch das erfuhr er erst später, in diesem Augenblick war er zunächst selbst unaufmerksam und zerstreut.
„Wissen Sie auch, daß ich sehr froh bin, daß gerade heute Ihr Geburtstag ist!“ rief Hippolyt aus.
„Warum?“
„Sie werden es sehen; setzen Sie sich nur schnell! Erstens schon darum, weil hier so viel Menschen sind. Darauf hatte ich gerechnet, daß alle hier sein würden. Zum erstenmal in meinem Leben stimmt meine Rechnung! Schade, daß ich nichts von Ihrem Geburtstag wußte, sonst wäre ich mit einem Geschenk gekommen ... Ha, ha! Ja, vielleicht wäre ich mit einem Geschenk gekommen! Was kann nicht alles in der Welt passieren?“
„Es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang,“ bemerkte Ptizyn und sah nach der Uhr.
„Was will denn das jetzt sagen, wo es draußen so hell ist, daß man lesen kann?“ äußerte jemand.
„Ich möchte nur den Rand der Sonne sehen, man kann dann auf Ihre Gesundheit trinken, was meinen Sie, Fürst?“
Hippolyt wandte sich damit an alle, er tat es ohne jegliche Zeremonie, aber in einem Tone, als kommandiere er, doch ohne es selbst zu bemerken.
„Schön, trinken wir auf die Sonne, nur werden Sie ruhiger, Hippolyt.“
„Sie reden immer vom Schlafen, Sie sind meine Njänjä,[23] Fürst! Wenn nur die Sonne erscheint und es ‚erklingt‘ am Himmel (wer hat es doch in einem Gedicht gesagt: ‚am Himmel erklang die Sonne?‘ Sinnlos, aber schön) – so gehen wir schlafen. Lebedeff! Was bedeuten die Quellen des Lebens in der Apokalypse? Haben Sie von dem Stern gehört, Fürst?“
„Ich habe gehört, daß Lebedeff unter dem ‚Stern‘ das Eisenbahnnetz versteht, das sich über ganz Europa ausbreiten wird.“
„Nein, erlauben Sie, das geht nicht an!“ schrie Lebedeff, sprang vom Stuhl und fuchtelte und zappelte mit Händen und Füßen, als wollte er das Gelächter aller verstummen machen. „Erlauben Sie doch! Mit diesen Herren ... alle diese Herren,“ wandte er sich plötzlich an den Fürsten, „sind in gewissen Punkten, ich weiß nicht was ...“ und er schlug ganz unzeremoniell mit den Fäusten auf den Tisch, so daß sich das allgemeine Gelächter noch verstärkte.
Lebedeff war, wenn auch in seinem „gewöhnlichen“, „allabendlichen“ Zustande, diesmal doch ganz besonders aufgeregt und durch den langen vorausgegangenen „wissenschaftlichen“ Disput obendrein gereizt. Bei solcher Gelegenheit hatte er für seine Opponenten nur eine unendliche, im höchsten Grade offenherzige Verachtung übrig.
„Das geht nicht an! Wir haben, Fürst, vor einer halben Stunde beschlossen, niemanden zu unterbrechen, nicht zu lachen, während einer spricht, damit er alles frei heraussagen kann, was er sich denkt. Mögen die Atheisten, wenn sie wollen, erwidern! Wir haben den General zum Präsidenten erwählt, sehen Sie’s. Denn sonst? Kann man jeden an seiner hohen Idee, an seiner tiefen Idee, verhindern ...“
„Reden Sie nur, reden Sie nur, niemand wird Sie verhindern!“ ließen sich verschiedene Stimmen hören.
„Reden Sie doch, machen Sie keine Umstände.“
„Was ist das für ein ‚Stern‘?“ erkundigte sich jemand.
„Habe keine Ahnung!“ antwortete General Iwolgin, mit wichtiger Miene seine Stelle „eines Präsidenten“ vertretend.
„Ich liebe außerordentlich solche Dispute und Auseinandersetzungen, Fürst, natürlich nur wissenschaftliche ...“ murmelte währenddessen Keller, der vor Entzücken und Ungeduld auf seinem Stuhle hin und her rückte, „wissenschaftliche, und natürlich politische,“ wandte er sich plötzlich ganz unerwartet an Jewgenij Pawlowitsch, der fast mit ihm in einer Reihe saß. „Wissen Sie, ich liebe furchtbar in den Zeitungen vom englischen Parlament zu lesen, d. h. nicht eigentlich um zu erfahren, um was es sich da handelt (ich, wissen Sie, bin kein Politiker), sondern wie sie sich aufführen, wie sie miteinander verhandeln als Politiker, die äußere Form: der ehrenwerte Herr Viscount von der Gegenseite, der ehrenwerte Herr Graf, der meine Ansicht teilt, mein ehrenwerter Opponent, der ganz Europa mit seinem Vorschlag in Erstaunen gesetzt hat, d. h. alle diese Ausdrücke, dieser ganze Parlamentarismus eines freien Volkes, das ist es, was unsereinem verlockend erscheint! Ich bin entzückt davon, Fürst. Ich war immer im Grunde meiner Seele ein Künstler, Jewgenij Pawlowitsch.“
„Und was ergibt sich denn daraus?“ ereiferte sich in einer anderen Ecke Ganjä. „Ihrer Meinung nach sind die Eisenbahnen ein Fluch, das Verderben der Menschheit, eine Pest, die auf die Erde gefallen ist, um die ‚Quellen des Lebens‘ zu trüben.“
Gawrila Ardalionytsch war an diesem Abend ganz besonders guter Laune, in einer ausgelassenen, fast triumphierenden Stimmung, wie es dem Fürsten schien. Mit Lebedeff scherzte er natürlich, um ihn anzufeuern, geriet aber selbst dabei in Feuer.
„Nein, nicht die Eisenbahn!“ ereiferte sich wieder Lebedeff, außer sich geratend und ganz berauscht von Entzücken. „Die Eisenbahnen allein trüben nicht die Quellen des Lebens, aber alles das zusammen ist verflucht, die ganze Richtung unserer letzten Jahrhunderte in Wissenschaft und Praxis ist, wie mir scheint, verflucht.“
„Ob wirklich verflucht, oder nur für unser Empfinden: Das wäre in diesem Falle sehr wichtig zu wissen,“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.
„Verflucht, verflucht, wirklich verflucht!“ beteuerte Lebedeff bombensicher.
„Überstürzen Sie sich nicht, Lebedeff, Sie sind am anderen Morgen immer viel vorsichtiger,“ bemerkte lächelnd Ptizyn.
„Dafür bin ich aber am Abend um so aufrichtiger! Am Abend bin ich seelenvoller und aufrichtiger!“ wandte sich Lebedeff feurig an ihn. „Aufrichtiger und bestimmter, ehrenhafter und ehrenwerter, damit würde ich Ihnen schon ein Bein stellen, doch ich spucke drauf: ich fordere euch jetzt alle heraus, euch Atheisten alle: womit errettet ihr die Welt und worin habt ihr dieser Welt einen Weg gewiesen, ihr Männer der Wissenschaft und des Handels, der Verbände und der Nationalökonomie? Womit? Mit dem Kredit etwa? Was ist das: Kredit? Wozu führt euch der Kredit?“
„Sehen Sie doch, wie der neugierig ist!“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.
„Meiner Meinung nach ist einer, der sich nicht für diese Fragen interessiert, nur ein Geck und Salonheld!“ schrie Lebedeff.
„Kredit führt zur allgemeinen Solidarität und zur Statik der Interessen,“ bemerkte Ptizyn.
„Und nur das, nur das! Ohne jegliche sittliche Grundlage nur zur Befriedigung des persönlichen Egoismus und der materiellen Notwendigkeiten? Das ganze All, das allgemeine Glück nur – materielle Notwendigkeit? So ist’s, wenn ich Sie zu fragen wage, wenn ich Sie verstanden habe, mein werter Herr?“
„Nun ja, die allgemeine Notwendigkeit zu leben, zu trinken und zu essen und die volle wissenschaftliche Überzeugung, daß man diese Notwendigkeit ohne eine allgemeine Assoziation und die Solidarität der Interessen nicht befriedigen kann, – das, scheint mir, ist eine Idee, groß genug, und Grundlage, fest genug für die kommenden Jahrhunderte, um der Menschheit als ‚Quelle des Lebens‘ zu dienen,“ bemerkte Ganjä diesmal in vollem Ernst.
„Die Notwendigkeit zu trinken und zu essen, also nur das Gefühl der Selbsterhaltung ...“
„Ja, ist denn das etwa zu wenig? Das Gefühl der Selbsterhaltung ist doch das Grundgesetz der Menschheit ...“
„Wer hat Ihnen das gesagt?“ rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch aus. „Ein Gesetz – das mag sein, aber nicht weniger ist es das Gesetz der Zerstörung, und meinetwegen auch der Selbstzerstörung. Liegt denn in der Selbsterhaltung wirklich das ganze Grundgesetz der Menschheit?“
„Aha!“ rief Hippolyt, wandte sich schnell nach Jewgenij Pawlowitsch um und betrachtete ihn mit wilder Neugier. Als er aber sah, daß dieser lachte, da lachte er selbst auch, stieß den neben ihm stehenden Koljä an und fragte ihn wieder, wieviel Uhr es sei, er zog sogar selbst Koljä die silberne Uhr aus der Tasche und sah nach dem Zeiger. Darauf blickte er ganz verloren um sich, streckte sich auf dem Diwan aus, legte die Hände unter den Kopf und starrte zur Decke. Nach einer halben Minute setzte er sich schon wieder an den Tisch, hielt sich stramm aufrecht und hörte dem Gespräch Lebedeffs zu, der jetzt glücklich bis zum äußersten erregt war.
„Ein hinterlistiger, ein spitzfindiger Gedanke,“ griff Lebedeff mit wahrer Gier das Paradox Jewgenij Pawlowitschs auf. „Ein Gedanke, der nur ausgesprochen wurde, um die Gegner aufeinander zu hetzen – aber welch ein wahrer Gedanke! Sie sind ein Spötter und Weltverächter, wenn auch nicht ohne Fähigkeiten! Doch wissen Sie selbst nicht, bis zu welchem Grade Ihr Gedanke tief und wahr ist. Ja–a. Das Gesetz der Selbsterhaltung und das Gesetz der Selbstzerstörung, sie sind beide gleich stark im Menschen! Der Teufel beherrscht noch immer die Menschheit, und er wird sie beherrschen bis zu einer Zeit, die uns unbekannt ist. Sie lachen? Sie glauben nicht an den Teufel? Der Unglaube an den Teufel ist ein französischer Gedanke, ist ein leichtsinniger Gedanke. Wissen Sie denn auch, wer der Teufel ist? Kennen Sie denn seinen Namen? Und ohne seinen Namen zu kennen, lachen Sie über seine Form, nach dem Beispiel Voltaires, über seinen Huf, seinen Schwanz und seine Hörner, wie man ihn euch geschildert hat. Denn der unreine Geist ist ein großer, ein furchtbarer Geist, aber Hörner und Hufe hat er nicht. Doch nicht davon ist jetzt die Rede.“
„Woher wissen Sie, daß jetzt nicht davon die Rede ist?“ lachte Hippolyt laut auf wie in einem Krampfanfall.
„Eine sehr feine und geschickte Anspielung!“ lobte ihn Lebedeff. „Und doch ist die Rede nicht davon. Die Frage bei uns war vielmehr die, ob die ‚Quellen des Lebens‘ nicht versiegen infolge ...“
„Der Eisenbahnen?!“ rief Koljä.
„Nicht der Eisenbahnen, junger, aber kühner Mann, doch infolge der ganzen Richtung, der auch die Eisenbahnen dienen, sozusagen als Bild, als künstlerischer Ausdruck. Sie rasen, sie hämmern, sie dröhnen für das Glück der Menschheit, wie man sagt. ‚Zu lärmend, zu tätig wird die Menschheit, wenig geistige, seelische Ruhe hat sie‘, beklagte sich bereits ein einsamer Denker. ‚Möglich, doch das Dröhnen der Wagen, die der hungernden Menschheit Brot bringen, ist vielleicht wertvoller als die Ruhe des Geistes‘, antwortete ihm ein anderer triumphierend, einer, der überall herumfährt. Ich glaube es ihnen nicht, ich erbärmlicher Kerl Lebedeff: die Wagen, die der Menschheit Brot bringen sollen! Denn die Wagen, die ohne sittliche Grundlagen der Menschheit Brot bringen, könnten ebensogut kaltblütig einen bedeutenden Teil der Menschheit von dem Genuß des Brotes ausschließen, was ja auch schon vorgekommen ist ...“
„Diese Wagen können kaltblütig jemand ausschließen?“ griff jemand auf.
„Was auch schon vorgekommen ist,“ bestätigte Lebedeff, ohne weiter dem Frager Beachtung zu schenken, „wir hatten schon einen Malthus, einen Freund der Menschheit. Doch dieser Freund der Menschheit ist mit seinen wankenden sittlichen Grundlagen in Wahrheit ein Menschenfresser der Menschheit, ganz zu schweigen von seiner Eitelkeit. Denn beleidigen Sie die Eitelkeit eines dieser zahllosen Freunde der Menschheit und er ist sofort bereit, aus kleinlicher Rachsucht die Welt an ihren vier Enden anzuzünden, – übrigens genau so, wie es jeder von uns auch tun würde, und, der Gerechtigkeit die Ehre, genau wie ich, der allererbärmlichste von allen, der vielleicht als erster das Holz dazu herbeischleppen, selbst aber davonlaufen würde. Doch nicht davon ist die Rede!“
„Ja, wovon denn eigentlich?“
„Wirklich langweilig!“
„Es handelt sich um eine Anekdote aus dem vergangenen Jahrhundert. In unserer Zeit, in unserem Vaterlande, das Sie, meine Herren, hoffe ich, ebenso lieben wie ich, denn ich bin meinerseits bereit, mein Blut für das Vaterland zu vergießen ...“
„Weiter, weiter!“
„In unserem Vaterlande, wie in Europa, pflegen schreckliche, verheerende Hungersnöte – jetzt, in unserer Zeit – die Menschheit nur einmal im Vierteljahrhundert heimzusuchen, wenn ich mich nicht irre und so weit ich mich entsinnen kann, mit anderen Worten, alle fünfundzwanzig Jahre. Ich will mich ja nicht auf die genaue Zahl versteifen. Nur, meine ich, ist es verhältnismäßig sehr selten –“
„Im Vergleich womit?“
„Im Vergleich zum zwölften Jahrhundert mit seinen Ausläufern nach vorne und nach hinten. Denn damals herrschte, wie die Schriftsteller jener Zeit behaupten, die Hungersnot einmal in zwei Jahren, jedenfalls einmal in drei Jahren, so daß unter solchen Umständen die Menschen schon zur Menschenfresserei ihre Zuflucht nahmen, wenn auch nur heimlich. Einer dieser Menschenfresser, als er sich seinem Ende näherte, hat selbst und ohne Zwang eingestanden, daß er im Laufe seines langen, mühevollen Lebens im geheimen sechzig Mönche und einige weltliche Jünglinge selbst getötet und sie aufgegessen habe. Im ganzen nur sechs weltliche Jünglinge, das ist wenig im Vergleich mit der Anzahl Geistlicher, die er verspeist hat. Erwachsene weltliche Leute hat er, wie es scheint, zu diesem Zwecke überhaupt nicht verwendet.“
„Das ist einfach unmöglich!“ rief hier der „Präsident“ in fast beleidigtem Tone. „Ich habe mich des öfteren, meine Herren, mit ihm darüber gestritten, und immer über dieselben Dinge. Er redet solch unglaubliches Zeug, daß einem die Ohren davon welk werden. Nicht für einen Groschen Wahrheit!“
„General! Denken Sie an die Belagerung von Kars, und Sie, meine Herren, Sie wissen, daß meine Anekdote die – volle Wahrheit ist. Ich bemerke nur von mir aus, daß die Wirklichkeit, die durchaus ihre unleugbaren Gesetze hat, uns immer als unwahrscheinlich und unwahr erscheint, und je wirklicher sie ist, um so unwahrscheinlicher erscheint sie uns.“
„Ja, kann man denn sechzig Mönche aufessen?“ lachte alles ringsum.
„Daß er sie nicht auf einmal gegessen hat, das ist doch selbstverständlich, aber in fünfzehn bis zwanzig Jahren ist es ganz verständlich und natürlich ...“
„Und natürlich?“
„Und natürlich!“ verteidigte sich Lebedeff eigensinnig. „Und außerdem ist der katholische Mensch schon von Natur aus neugierig und zutraulich, und man kann ihn nur zu leicht in den Wald locken oder an irgendeinen verborgenen Ort und mit ihm in erwähnter Weise verfahren. Doch bestreite ich durchaus nicht, daß die Anzahl der verspeisten Menschen ungeheuerlich erscheint, bis zum ...“
„Vielleicht hat er recht, meine Herren,“ bemerkte plötzlich der Fürst.
Er hatte bisher den Streitenden schweigend zugehört und sich nicht am Gespräch beteiligt, nur oft von ganzem Herzen gelacht, sobald auch die anderen lachten. Er war offenbar sehr froh darüber, daß alle so heiter, so lärmend waren; sogar darüber, daß sie alle soviel tranken. Vielleicht hätte er den ganzen Abend kein Wort gesprochen. Doch plötzlich fiel es ihm ein, zu reden. Er sprach sogar mit außergewöhnlichem Ernst, so daß sich alle mit Neugier ihm zuwandten.
„Ich, meine Herren, rede davon, daß damals die Hungersnöte wirklich sehr häufig waren. Davon habe auch ich gehört, obgleich ich die Geschichte wenig kenne. Doch scheint es mir, daß es wohl gar nicht anders hätte sein können. Als ich in die Schweizer Berge kam, war ich sehr erstaunt über die Ruinen alter Ritterburgen, die an den Abhängen der Berge erbaut waren, auf steilen Felsen, oft von einer halben Werst Höhe, was dann auf schmalen Fußpfaden etliche Werst ausmacht. Das Schloß selbst ist ja, wie bekannt, ein ganzer Berg von Stein. Eine schreckliche, fast unmögliche Arbeit! Und diese Arbeit wurde natürlich von den armen Leuten, den Fronleuten der Ritter, verrichtet. Außerdem mußten sie Steuern zahlen und die Geistlichkeit erhalten. Wie konnten sie sich da selbst ernähren und ihre Erde bebauen! Die Bevölkerung war damals nicht zahlreich und viele müssen vor Hunger gestorben sein, denn zu essen gab es vielleicht wirklich buchstäblich nichts. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wie es doch nur möglich war, daß das Volk nicht ganz zugrunde ging, und wie es alledem Widerstand leisten konnte? Daß es Menschenfresser gegeben hat, und sogar sehr häufig, darin hat Lebedeff zweifellos recht; nur weiß ich nicht, warum er gerade die Mönche herbeigezogen hat, und was er damit sagen will?“
„Wahrscheinlich ist er der Meinung, daß im zwölften Jahrhundert nur die Mönche sich zum Verzehren eigneten, da nur sie fett waren,“ bemerkte Gawrila Ardalionytsch.
„Ein prächtiger Gedanke,“ schrie Lebedeff voll Begeisterung. „Denn die Weltlichen hat er ja überhaupt nicht angerührt. Nicht ein einziges weltliches Exemplar, im Verhältnis zu sechzig Geistlichen. Es ist ein welthistorischer Gedanke, ein statistischer Gedanke! Aus solchen Fakten ergeben sich für den Fachmann die überraschendsten geschichtlichen Schlüsse; denn mit zahlenmäßiger Genauigkeit ist dadurch nachgewiesen, daß die Geistlichkeit damals wenigstens sechzigmal glücklicher und freier lebte, als die ganze übrige Menschheit.“
„Übertreibung, Übertreibung, Lebedeff!“ Man lachte ringsum.
„Ich bin damit einverstanden, daß es ein welthistorischer Gedanke ist, doch was wollen Sie daraus schließen?“ stellte der Fürst eine weitere Frage an Lebedeff, über den alle lachten, und zwar tat er es mit solchem Ernst, ohne jeglichen Spott, daß sein Ton bei der heiteren Stimmung der ganzen Gesellschaft unwillkürlich gleichfalls komisch wirkte. Es fehlte nicht viel, und man hätte auch über ihn gelacht. Doch bemerkte er das gar nicht.
„Sehen Sie denn nicht, Fürst, daß der Mann verrückt ist?“ Jewgenij Pawlowitsch beugte sich vor und wandte sich an den Fürsten. „Man sagte mir neulich, er habe sich in den Kopf gesetzt, Advokat zu werden, und seine Reden seien ihm zu Kopf gestiegen. Er soll ein Examen machen wollen. Nun, ich erwarte eine famose Parodie.“
„Ich werde einen grandiosen Schluß daraus ziehen,“ rief Lebedeff unterdessen mit Donnerstimme. „Doch analysieren wir zuerst den psychologischen und den juridischen Zustand des Verbrechers. Wir sehen, daß der Verbrecher, oder sozusagen mein Klient, ungeachtet dessen und obschon es ihm unmöglich war, andere Nahrungsmittel aufzutreiben, des öfteren während seiner interessanten Karriere den Wunsch empfand, sich zu bessern und von der Geistlichkeit abzulassen. Wir ersehen es aus verschiedenen Tatsachen: wir erinnern uns, daß er wenigstens fünf bis sechs Jünglinge weltlichen Standes verzehrt hat, eine verhältnismäßig geringe Anzahl, dafür aber bemerkenswert in anderer Beziehung. Offenbar von schrecklichen Gewissensbissen gequält (denn mein Klient ist ein religiöser und gewissenhafter Mensch, was ich Ihnen gleich beweisen werde) und um nach Möglichkeit seine Schuld zu verringern, ersetzte er, wenigstens zur Probe, sechsmal seine mönchische Nahrung durch eine weltliche. Unzweifelhaft zur Probe, denn wenn er es nur um der gastronomischen Abwechslung getan hätte, so würde die Zahl sechs viel zu gering sein: warum denn nur sechsmal, warum nicht dreißigmal? (Ich nehme nur die Hälfte, die Hälfte von der Hälfte.) Doch wenn es etwa nur zur Probe geschehen wäre, und aus Verzweiflung und Angst vor dem Verbrechen der Kirchenschändung, dann wird die Zahl sechs um so verständlicher; denn sechs Proben genügen doch wohl zur Beruhigung der Gewissensbisse, da die Proben ja nicht von Erfolg begleitet waren. Erstens waren meiner Meinung nach die Knaben viel zu klein, d. h. nicht dick und groß genug, so daß er der weltlichen Knaben wenigstens um das Doppelte, um das Fünffache bedurft hätte, als der Geistlichen. Wenn die Sünde sich also einerseits auch verringert hätte, so hätte sie sich andererseits nur vergrößert, wenn nicht qualitativ, so doch quantitativ. Wenn ich die Sache so beurteile, meine Herren, so versetze ich mich natürlich in die Seele eines Verbrechers des zwölften Jahrhunderts. Was mich nun betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, so würde ich ganz anders urteilen, was ich hier Ihnen gegenüber betone, damit Sie durchaus nicht das Recht haben, meine Herren, mir die Zähne zu zeigen, wie es denn von Ihnen, Herr General, direkt unanständig ist. Zweitens, meiner persönlichen Ansicht nach, ist ein Knabe auch nicht genügend nahrhaft, zu süß und widerlich im Geschmack, ohne die Bedürfnisse zu befriedigen, verursacht er nur Gewissensbisse. Und jetzt der Schluß, das Finale, meine Herren, das Finale, in dem die Antwort aller damaligen und heutigen großen Fragen enthalten ist. Der Verbrecher endet damit, daß er hingeht und sich selbst der Geistlichkeit und der Gerechtigkeit ausliefert. Man stelle sich vor, welche Qualen ihn in jener Zeit erwarteten, welche Folter, Räder und Scheiterhaufen? Wer hat ihn dazu getrieben, sich selbst anzuzeigen? Warum nicht einfach bei der Zahl sechzig verbleiben, das Geheimnis bewahren bis zum letzten Atemzuge? Warum nicht einfach von den Mönchen ablassen und als Einsiedler der Reue leben? Warum ist er denn schließlich nicht selbst Mönch geworden? Sehen Sie, da steckt das Rätsel! Also muß da doch etwas gewesen sein, das stärker war als Flammen und Scheiterhaufen, und selbst stärker als eine zwanzigjährige Gewohnheit! Also gab es eine Idee, die stärker war als alles Unglück wie Mißernten, Foltern, Pestilenzen, diese ganze Hölle, die die Menschheit nicht hätte ertragen können, ohne eine das Herz beherrschende und die Lebensquelle befruchtende Idee! Zeigen Sie mir, bitte, doch irgend etwas, das eine derartige Kraft in unserem Jahrhundert der Laster und Eisenbahnen besitzt ... das heißt, man müßte sagen, in unserem Zeitalter der Dampfschiffe und Eisenbahnen, doch ich sage: in unserem Zeitalter der Laster und Eisenbahnen – wenn ich auch betrunken bin, so bin ich doch gerecht! Zeigen Sie mir eine Idee, die uns auch nur mit der Hälfte der Kraft beherrschte, wie die jener Jahrhunderte. Und wagen Sie es noch zu behaupten, daß die ‚Quellen des Lebens‘ unter diesem ‚Sterne‘, unter diesem Netze, worin die Menschheit sich verstrickt hat, nicht versiegt und getrübt worden sind! Und widerlegen Sie mir das nicht durch Hinweise auf unseren Wohlstand, unseren Reichtum, durch die Seltenheit der Hungersnöte und die Geschwindigkeit unserer Verkehrsmittel! Der Reichtum ist größer, aber die Kraft ist geringer, die einigende Idee fehlt uns; alles ist wie Gummi; alles ist nüchtern, und die Menschen sind auch nüchtern geworden! Alle, alle, alle sind wir nüchtern! ... Doch genug: Nicht davon ist die Rede, sondern davon, ob wir jetzt nicht, ehrenwerter Fürst, unsere Gäste zu einem kleinen Imbiß einladen wollen?“
Lebedeff, der einige seiner Zuhörer schon bis zur äußersten Ungeduld gebracht hatte, versöhnte aber alle seine Gegner mit dem unerwarteten Schluß seiner Rede. Er selbst nannte einen solchen Schluß „einen sehr geschickten Advokatenkniff“, die Gäste belebten sich, fröhliches Lachen ertönte wieder, alle erhoben sich, um ihre Glieder zu strecken und sich auf der Terrasse zu ergehen. Nur Keller war mit Lebedeffs Rede sehr unzufrieden und benahm sich ungewöhnlich erregt.
„Er ist gegen die Aufklärung, er predigt den Aberglauben des zwölften Jahrhunderts, er will sich zeigen, von Unschuld des Herzens weiß er nichts: womit hat er sich ein Haus erworben, wenn man fragen darf?“ tief er laut und hielt die Gäste zurück.
„Ich habe einen ganz anderen Interpreten der Apokalypse gekannt,“ wandte sich der General in der anderen Ecke an andere Zuhörer und insbesondere zu Ptizyn, den er am Knopf festhielt –, „den verstorbenen Grigorij Ssemjonowitsch Burmistroff, der verstand es, die Herzen zu entzünden. Erstens, setzte er sich die Brille auf, schlug ein großes schwarzes Buch in schwarzem Ledereinband auf, dabei hatte er einen weißen Bart und zwei Rettungsmedaillen auf der Brust. Er legte sie streng und ernst aus. Vor ihm beugten sich Generäle, Damen fielen in Ohnmacht, aber dieser da – endet mit einer Einladung zum Imbiß! Das ist unerhört!“
Ptizyn hörte dem General lächelnd zu und griff nach seinem Hut, um fortzugehen, doch schien er sich dann doch nicht dazu entschließen zu können oder vergaß wenigstens immer wieder seine Absicht. Ganjä hatte schon vorhin, als man sich vom Tisch erhob, seinen Pokal von sich gestoßen: ein finsterer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als man vom Tische aufstand, ging er zu Rogoshin und setzte sich zu ihm. Man hätte denken können, daß die beiden in den freundschaftlichsten Beziehungen zueinander stünden. Auch Rogoshin, der sich zu Anfang ein paarmal anschickte, leise fortzugehen, saß jetzt unbeweglich da wie in Gedanken versunken, als hätte er ganz vergessen, wo er war. Den ganzen Abend über hatte er keinen Tropfen Wein getrunken und war sehr nachdenklich. Hin und wieder hob er seinen Blick und betrachtete alle und jeden. Es schien, als ob er hier etwas erwartete, etwas für ihn außerordentlich Wichtiges.
Der Fürst hatte im ganzen zwei oder drei Glas getrunken und war nur einfach heiter. Als er sich vom Tisch erhob, begegnete er dem Blick Jewgenij Pawlowitschs, erinnerte sich der ihnen beiden bevorstehenden Aussprache und lächelte entgegenkommend. Jewgenij Pawlowitsch winkte ihm zu und zeigte auf Hippolyt, den er soeben aufmerksam betrachtet hatte. Hippolyt lag auf dem Diwan ausgestreckt und schlief.
„Weshalb hat dieses Bürschchen sich so an Sie gehängt, Fürst?“ sagte er plötzlich mit ersichtlichem Ärger, so daß der Fürst erstaunte. „Ich wollte wetten, Fürst, er hat nichts Gutes im Sinne!“
„Ich habe bemerkt,“ erwiderte der Fürst, „oder es scheint mir wenigstens so, daß er Sie, Jewgenij Pawlowitsch, heute ganz besonders interessiert; ist das wahr?“
„Denken Sie sich, ich wundere mich selbst darüber. Während ich Grund genug hätte, über meine eigene Lage nachzudenken, beschäftige ich mich den ganzen Abend mit ihm und kann meinen Blick von diesem widerwärtigen Gesicht gar nicht losreißen.“
„Sein Gesicht ist doch hübsch ...“
„Da, da, sehen Sie nur!“ rief Jewgenij Pawlowitsch und packte die Hand des Fürsten. „Da ...!“
Der Fürst betrachtete Jewgenij Pawlowitsch nochmals mit Erstaunen.