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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 39: V.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

V.

Hippolyt, der gegen Ende des Lebedeffschen Vortrags auf dem Diwan eingeschlafen war, erwachte plötzlich: ganz als ob ihn jemand in die Seite gestoßen hätte, fuhr zusammen, erhob sich, sah sich um und erbleichte. Mit einem Ausdruck des Schreckens ließ er seine Augen durchs Zimmer schweifen und eine furchtbare Angst lag in seinen Gesichtszügen, als er sich wieder zu besinnen schien.

„Wie, sie gehen fort? Ist alles aus? Alles schon zu Ende? Ist die Sonne schon aufgegangen?“ fragte er erregt, indem er die Hand des Fürsten erfaßte. „Wieviel ist die Uhr, um Gottes willen, die Uhr? Ich habe mich verschlafen. Habe ich lange geschlafen?“ fügte er verzweifelt hinzu, als hätte er etwas verschlafen, wovon sein ganzes Schicksal abhing.

„Sie haben im ganzen sieben oder acht Minuten geschlafen,“ antwortete Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an und dachte einen Augenblick nach.

„Nur! Also habe ich nichts verloren ...“

Und er atmete auf, als ob eine unendlich schwere Last von ihm genommen wäre. Er begriff endlich, daß „nichts verloren“ war, daß die Sonne noch nicht aufgegangen, daß die Gäste nur ihre Stühle verließen, um einen Imbiß einzunehmen, und daß lediglich das Geschwätz Lebedeffs zu Ende war. Er lächelte und ein schwindsüchtiges Rot in Gestalt zweier Flecke erschien auf seinen Wangen.

„Sie haben also die Minuten gezählt, während ich schlief, Jewgenij Pawlowitsch,“ griff er spöttisch auf. „Sie haben sich den ganzen Abend nicht von mir losreißen können, ich habe es gesehen ... Ah! Rogoshin! Ich habe ihn soeben im Traume gesehen,“ flüsterte er dem Fürsten zu und sah stirnrunzelnd zu Rogoshin hinüber. „Ach, ja, wo ist denn der Redner geblieben,“ sprang er wieder auf etwas anderes über, „wo ist Lebedeff? Lebedeff hat also seine Rede beendet? Wovon sprach er? Ist es wahr, Fürst, daß Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schönheit erlöst werden? Meine Herren,“ wandte er sich mit lauter Stimme an alle, „der Fürst behauptet, daß Schönheit die Welt erlösen werde! Doch ich behaupte, daß er nur deshalb so sonderbare Gedanken hat, weil er verliebt ist. Meine Herren, der Fürst ist verliebt. Vorhin, als er eintrat, habe ich mich davon überzeugt. Erröten Sie nicht, Fürst, sonst muß ich Sie bedauern. Welche Schönheit wird die Welt erlösen? Mir hat es Koljä gesagt ... Sie sind ein eifriger Christ? Koljä sagt, daß Sie sich selbst einen Christen genannt haben.“

Der Fürst sah ihn durchdringend an und antwortete ihm nicht.

„Sie antworten mir nicht? Sie denken vielleicht, daß ich Sie sehr liebe,“ fügte plötzlich Hippolyt wie abgebrochen hinzu.

„Nein, das denke ich nicht. Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben.“

„Wie, auch nicht nach dem gestrigen Vorfall? Gestern war ich doch aufrichtig gegen Sie?“

„Ich wußte auch gestern, daß Sie mich nicht lieben.“

„Das heißt, weil ich Sie beneide, beneide? Sie dachten es schon immer und denken es auch jetzt, doch ... doch warum sage ich Ihnen das? Ich möchte noch Champagner trinken, schenken Sie mir ein, Keller.“

„Sie dürfen nicht mehr trinken, Hippolyt, ich gebe Ihnen keinen.“

Und der Fürst nahm ihm das Glas fort.

„Nun, meinetwegen ...“ willigte Hippolyt sofort ein, wie in Gedanken versunken. „Sie werden noch alle sagen ... doch, den Teufel auch! was geht’s mich an, was sie sagen werden! Nicht wahr, nicht wahr? Mögen sie nachher sagen, was sie wollen, nicht, Fürst? Und was geht es uns alle an, was dann sein wird! ... Ich glaube, ich bin noch verschlafen. Was für einen furchtbaren Traum ich hatte – jetzt erst erinnere ich mich ... Ich wünsche Ihnen solche Träume nicht, Fürst, obgleich ich Sie vielleicht wirklich nicht liebe. Übrigens, wenn man einen Menschen auch nicht liebt, warum soll man ihm Schlechtes wünschen, nicht wahr? Doch was frage ich Sie denn, immer frage ich Sie! Geben Sie mir Ihre Hand, ich werde Sie Ihnen kräftig drücken, so ... Sie haben mir also gleich Ihre Hand gegeben! Also müssen Sie wissen, daß ich sie aufrichtig drücke? ... Übrigens, ich werde nicht mehr trinken. Wieviel ist die Uhr? Nein, es ist nicht nötig, ich weiß, wieviel die Uhr ist. Es ist Zeit! Die Stunde ist gekommen. Was, dort in der Ecke wird der Imbiß eingenommen? Also wird dieser Tisch hier frei? Vorzüglich! Meine Herren, ich ... doch alle diese Herren hören ja gar nicht ... ich bin bereit, Ihnen etwas vorzulesen, Fürst; der Imbiß ist natürlich interessanter, aber ...“

Und plötzlich zog er ganz unerwartet aus seiner Seitentasche ein großes rotversiegeltes Paket hervor und legte es vor sich hin auf den Tisch.

Das Unerwartete der Sache brachte einen großen Effekt in der Gesellschaft hervor. Auf so etwas war man gar nicht vorbereitet. Jewgenij Pawlowitsch sprang sogar von seinem Stuhl auf. Ganjä kam schnell an den Tisch heran. Rogoshin auch, doch mit geringschätziger, ärgerlicher Miene, als ob er wüßte, um was es sich handelte. Lebedeff, der in der Nähe beschäftigt war, kam auch herbei und betrachtete das Paket mit neugierigen Augen, als wollte er erraten, wovon es handelte.

„Was haben Sie denn da?“ fragte beunruhigt der Fürst.

„Sobald der äußerste Rand der Sonne am Horizont erscheint, werde ich zur Ruhe gehen, Fürst, ich habe es gesagt; mein Ehrenwort: Sie werden es sehen!“ rief Hippolyt. „Doch ... doch ... glauben Sie wirklich, daß ich nicht imstande sein werde, dieses Paket zu öffnen?“ fügte er hinzu, als forderte er sie alle heraus, und als wandte er sich ausnahmslos an alle.

Der Fürst bemerkte, daß er am ganzen Körper zitterte.

„Niemand von uns glaubt es,“ antwortete der Fürst für alle, „und warum glauben Sie, daß jemand von uns einen solchen Gedanken haben könne ... aber was ... was für eine sonderbare Idee von Ihnen, uns vorlesen zu wollen? Was ist Ihnen denn, Hippolyt?“

„Was fehlt ihm? Was ist wieder mit ihm passiert?“ fragte man ringsum.

Alle kamen herbei, einige aßen noch, doch das Paket mit dem roten Siegel zog alle wie ein Magnet an.

„Das habe ich gestern selbst geschrieben, gleich nachdem ich Ihnen das Wort gegeben, daß ich zu Ihnen übersiedeln würde, Fürst. Ich habe gestern den ganzen Tag daran geschrieben, die Nacht darauf, und beendet habe ich es heute morgen – in der Nacht gegen Morgen hatte ich einen Traum ...“

„Würde es nicht besser sein, wenn Sie es morgen ...“ unterbrach ihn schüchtern der Fürst.

„Morgen ‚wird keine Zeit mehr sein‘!“ lachte Hippolyt hysterisch auf. „Übrigens, beunruhigen Sie sich nicht, ich lese es in vierzig Minuten, vielleicht – in einer Stunde ... Und sehen Sie, wie sich alle dafür interessieren, alle sind gekommen, alle sehen nach meinem Paket. Ich glaube, wenn es nicht so versiegelt wäre, so hätte es gar keinen Effekt gemacht! Ha–ha! Sehen Sie, was ein Geheimnis bedeutet! Soll ich es öffnen, meine Herren, oder nicht?“ rief er mit eigentümlichem Lächeln und mit blitzenden Augen. „Ein Geheimnis! Ein Geheimnis! Doch entsinnen Sie sich, Fürst, wer hat es gesagt, daß ‚keine Zeit mehr sein wird‘? Das verkündet der große und mächtige Engel in der Apokalypse.“

„Lassen Sie bitte das Lesen!“ rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch, von solcher Unruhe ergriffen, daß es vielen sonderbar erschien.

„Lesen Sie nicht!“ rief auch der Fürst aus und legte die Hand aufs Paket.

„Warum lesen? Jetzt essen wir,“ bemerkte jemand.

„Einen Artikel? Aus der Zeitung, wie?“ erkundigte sich ein anderer.

„Vielleicht ist es langweilig?“ fügte ein dritter hinzu.

„Was ist denn eigentlich los?“ erkundigten sich die übrigen.

Die erschrockene Bewegung des Fürsten machte auf Hippolyt einen starken Eindruck.

„Also ... nicht lesen?“ stammelte er mit einem verzerrten Lächeln auf seinen blutleeren Lippen. „Nicht lesen?“ wandte er sich an alle, an das ganze Publikum und blickte jedem einzeln ins Gesicht. „Sie fürchten sich?“ wandte er sich wieder an den Fürsten.

„Weshalb?“ fragte dieser ganz verwundert.

„Hat jemand ein Zwanzigkopekenstück?“ Hippolyt sprang plötzlich vom Stuhle auf, als hätte er einen Stoß bekommen, „oder irgendeine Münze?“

„Hier!“ Lebedeff reichte ihm sofort eine. Ihm kam der Gedanke, daß der kranke Hippolyt den Verstand verloren habe.

„Wjera Lukjanowna!“ wandte sich Hippolyt hastig an das junge Mädchen, „nehmen Sie, werfen Sie es auf den Tisch: Adler oder Aufschrift? Adler – heißt lesen!“

Wjera sah erschrocken auf die Münze, auf Hippolyt und auf ihren Vater. Darauf warf sie das Geldstück auf den Tisch mit der Überzeugung, daß sie es gar nicht zu sehen brauchte. Der Adler lag oben.

„Lesen!“ flüsterte Hippolyt, als hätte wirklich das Schicksal gesprochen. Er hätte nicht stärker erblassen können, selbst wenn ihm das Todesurteil vorgelesen worden wäre. „Übrigens,“ fuhr er auf, nach einer halben Minute Schweigen. „Was soll das? Habe ich nicht soeben mein Los geworfen?“ wandte er sich von neuem an seine Umgebung, mit derselben fragenden Aufrichtigkeit. „Das ist ja wirklich ein sonderbarer, ein psychologischer Zug!“ rief er plötzlich und wandte sich mit aufrichtiger Verwunderung diesmal wieder an den Fürsten. „Das ist ... das ist ja ein ganz unfaßbares Moment, Fürst!“ bestätigte er sich den Gedanken selbst, und als käme er jetzt wieder ganz zu sich. „Das schreiben Sie sich auf, Fürst, denken Sie daran, Sie sammeln doch Material bezüglich der Todesstrafe ... man sagte es mir, ha, ha! O mein Gott, welch eine sinnlose Dummheit!“ Er fiel auf den Diwan zurück, stützte seine beiden Ellenbogen auf den Tisch und legte seinen Kopf in beide Hände. „Das ist ja geradezu schandbar! ... Zum Teufel, was geht es mich an, wenn es schandbar ist!“ er erhob sofort wieder seinen Kopf. „Meine Herren! meine Herren, ich öffne jetzt das Paket!“ entschied er mit plötzlicher Entschlossenheit. „Ich ... ich zwinge übrigens niemanden, zuzuhören! ...“

Mit vor Erregung zitternden Händen entsiegelte er das Paket, zog einige engbeschriebene Blätter Postpapier aus ihm heraus, legte sie vor sich hin und glättete sie.

„Was soll das? Was ist denn los? Was will er lesen?“ murmelten einige. Andere schwiegen.

Doch alle setzten sich und sahen ihm mit Neugierde zu. Vielleicht erwarteten sie wirklich etwas Außergewöhnliches. Wjera klammerte sich an den Stuhl ihres Vaters und hätte vor Angst beinahe zu weinen angefangen. Fast ebenso erschrocken war Koljä. Lebedeff, der sich soeben hingesetzt, erhob sich wieder, ergriff einen Leuchter und stellte ihn vor Hippolyt hin, damit er es heller zum Lesen hätte.

„Meine Herren, das ... das werden Sie gleich sehen, was das bedeutet,“ bemerkte Hippolyt aus irgendeinem Grunde und fing zu lesen an: „Eine notwendige Erklärung! Motto: Après moi le déluge[28] ... Pfui, zum Teufel!“ fuhr er plötzlich auf, als hätte er sich verbrannt. „Wie konnte ich denn im Ernst ein so dummes Motto wählen? ... Hören Sie, meine Herren! ... ich versichere Sie, es sind vielleicht zum Schluß nichts als Albernheiten! Nur einige meiner Ideen sind darin ... Wenn Sie vielleicht glauben, daß es ... irgend etwas Geheimnisvolles oder ... Verbotenes ist ... mit einem Wort ...“

„Wenn Sie doch ohne Vorreden lesen wollten,“ unterbrach ihn Ganjä.

„Er dreht und windet sich!“ fügte jemand hinzu.

„Viel zu viel Gerede!“ äußerte sich plötzlich Rogoshin, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte.

Hippolyt wandte sich zu ihm, und als ihre Blicke sich trafen, lächelte Rogoshin bitter und sprach langsam die sonderbaren Worte:

„Nicht so muß man die Sache anfassen, junger Mann, nicht so ...“

Was Rogoshin damit sagen wollte, begriff natürlich niemand, doch seine Worte machten trotzdem einen sonderbaren Eindruck auf alle. In einem jeden berührten sie eine ihnen allen gemeinsame Ahnung. Auf Hippolyt selbst machten die Worte einen geradezu schrecklichen Eindruck: er wankte so stark, daß der Fürst seine Hand nach ihm ausstreckte, um ihn zu halten, und er hätte aufgeschrien, wenn ihm nicht plötzlich die Stimme abgebrochen wäre. Eine ganze Minute konnte er kein Wort hervorbringen, er atmete schwer und sah unverwandt Rogoshin an. Endlich atmete er tief auf und sagte mit großer Anstrengung:

„Also das waren Sie ... Sie waren es ... Sie?“

„Wer war? Wo war?“ fragte sehr erstaunt Rogoshin.

Doch Hippolyt schrie plötzlich wie besessen auf:

„Sie waren bei mir in der vergangenen Woche, in der Nacht, um zwei Uhr, an dem Tage, als ich morgens zu Ihnen kam, Sie!!! Geben Sie es zu, Sie?“

„Vergangene Woche, in der Nacht? Du schliefst wohl und bist jetzt von Sinnen, junger Mann?“

Der junge Mann schwieg wieder eine Minute lang, legte seinen Finger an die Stirn und dachte nach, und in seinem bleichen, vor Furcht verzerrtem Lächeln tauchte etwas Schlaues, Triumphierendes auf.

„Das waren Sie!“ wiederholte er kaum hörbar, doch mit fester Überzeugung. „Sie kamen zu mir und saßen schweigend bei mir auf dem Stuhl, am Fenster, eine ganze Stunde und noch länger; um ein oder zwei Uhr nachts; Sie standen dann auf und gingen um drei Uhr fort ... Das waren Sie, Sie! Warum haben Sie mich erschreckt, Sie kamen, um mich zu quälen, – ich verstehe es nicht, doch das waren Sie!“

Und in seinen Augen blitzte ein grenzenloser Haß auf, obgleich noch Angst und Schrecken in ihnen lagen.

„Sie werden sofort, meine Herren, alles erfahren, ich ... ich ... hören Sie ...“

Er griff wieder, sich jetzt schrecklich beeilend, nach seinen Blättern, sie waren durcheinander gekommen, er suchte sie wieder zusammen; sie zitterten in seinen schwachen Händen, er konnte lange nicht mit ihnen in Ordnung kommen.

„Er ist wahnsinnig, oder er phantasiert!“ murmelte kaum hörbar Rogoshin.

Endlich begann er doch vorzulesen. Zu Anfang, in den ersten fünf Minuten rang der Autor der Abhandlung nach Atem und las ungleich und abgebrochen; doch wurde seine Stimme immer fester und gleichmäßiger, so daß er die niedergeschriebenen Gedanken vollkommen ausdrücken konnte. Hin und wieder unterbrach ihn nur ein heftiger Husten und in der Mitte der Vorlesung wurde er vollständig heiser. Er belebte sich aber während des Lesens immer mehr und mehr und war zum Schluß so mitgerissen, daß er einen schmerzlichen, krampfhaften Eindruck bei den Zuhörern hervorrief.

Hier folgt die „Abhandlung“ in ihrem ganzen Umfange:

„Meine notwendige Erklärung.“

Après moi le déluge![28]

„Gestern früh war der Fürst bei mir; unter anderem beredete er mich, zu ihm auf die Datsche zu ziehen. Ich wußte es und war überzeugt, daß er darauf bestehen würde, mit der Begründung, daß für mich ‚unter Menschen und Bäumen leichter zu sterben wäre‘, wie er sich ausdrückt. Doch heute sagte er nicht sterben, sondern er sagte ‚leichter zu leben‘, was für mich und in meiner Lage ungefähr dasselbe ist. Ich fragte ihn, was er denn mit seinen ‚Bäumen‘ eigentlich wolle und warum er immer von den ‚Bäumen‘ erzähle, – und da hörte ich denn zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß ich selbst an dem Abend in Pawlowsk geäußert hätte, ich sei gekommen, um zum letzten Mal Bäume zu sehen. Als ich darauf die Bemerkung machte, daß es doch ganz gleichgültig wäre, ob ich unter Bäumen sterbe oder hier durch das Fenster auf meine Backsteinmauer sehe, und daß es sich wegen dieser zwei Wochen nicht weiter lohne, gab er mir das sofort zu. Doch würde das frische Grün und die reine Luft auf mich physisch sehr gut wirken, meinte er, ich würde ruhiger werden und schwere Träume würden mich nicht mehr quälen. Ich bemerkte ihm wieder lachend, daß er ein Materialist sei. Da er niemals spottet, so mußten seine Worte etwas bedeuten. Sein Lächeln war so gütig, ich betrachtete ihn jetzt aufmerksamer. Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, doch darüber nachzudenken, habe ich jetzt keine Zeit mehr. Mein fünfmonatlicher Haß auf ihn, ich muß es gestehen, hatte sich im letzten Monat vollständig beruhigt. Wer kann’s wissen, vielleicht fuhr ich nur nach Pawlowsk, um hauptsächlich ihn zu sehen. Doch ... warum hatte ich nur damals mein Zimmer verlassen?! Ein zum Tode Verurteilter muß seinen Winkel nicht verlassen; und wenn ich mich jetzt nicht endgültig zu etwas entschlossen hätte, statt auf meine letzte Stunde zu warten, so hätte ich freilich mein Zimmer niemals verlassen und wäre nicht hierher übergesiedelt, um zu sterben. Ich muß mich beeilen, um mit dieser ganzen ‚Erklärung‘ bis morgen fertig zu werden. Wahrscheinlich werde ich keine Zeit haben, sie durchzulesen und zu korrigieren. Ich werde sie morgen dem Fürsten und zwei bis drei Personen, die ich dort anzutreffen gedenke, vorlesen. Da ich keine einzige Lüge schreiben werde, sondern nur die Wahrheit, die letzte, feierliche Wahrheit, so bin ich neugierig, welchen Eindruck dieses Schriftstück in der Stunde und Minute, da ich es vorlesen werde, auf mich selbst machen wird? Übrigens habe ich unnütz die Worte ‚letzte und feierliche Wahrheit‘ geschrieben. Wegen zweier Wochen lohnt es sich sowieso nicht, zu lügen, weil es sich auch zwei Wochen zu leben nicht lohnt; der Beweis dafür ist ja, daß ich nur die Wahrheit schreibe. (NB. Vergesse ich nicht am Ende meine Gedanken? Bin ich nicht vielleicht wahnsinnig in dieser Minute, d. h. minutenlang wahnsinnig? Man hat es mir bestätigt, daß Schwindsüchtige im letzten Stadium ihrer Krankheit zeitweise den Verstand verlieren. Ich werde mich morgen davon beim Eindruck auf die Zuhörer überzeugen. Dieser Frage muß mit der größten Genauigkeit nachgespürt werden, sonst kann man zu keiner Überzeugung kommen.)

Mir scheint es, daß ich soeben eine furchtbare Dummheit geschrieben habe, doch sie zu verbessern, habe ich keine Zeit, außerdem habe ich mir das Wort gegeben, in diesem Handschreiben keine einzige Zeile zu verbessern, selbst wenn ich bemerken sollte, daß ich mir auf jeder fünften Zeile widerspreche. Ich möchte mich ja gerade morgen beim Lesen von dem richtigen logischen Fluß meiner Gedanken überzeugen; und ob ich meine Fehler bemerke und ob es möglich ist, daß alles, was ich in diesen sechs Monaten in diesem Zimmer gedacht habe, nur Fieberphantasien sind?

Wenn ich vor zwei Monaten, wie jetzt, mein Zimmer hätte verlassen und von der Meyerschen Wand mich verabschieden müssen, so, ich muß es gestehen, so wäre es mir sehr schwer gefallen. Jetzt empfinde ich nichts mehr, und verlasse doch dieses Zimmer und diese Wand auf ewig! Also muß meine Überzeugung, daß es sich für zwei Wochen nicht mehr lohnt, diese Gefühle aufkommen zu lassen, meine ganze Natur beherrschen. Verhält es sich nun wirklich so? Ist meine Natur wirklich vollständig besiegt? Wenn man mich jetzt auf die Folter spannte, so würde ich doch sicher schreien, und würde nicht sagen, daß es sich nicht lohnte, zu schreien oder Schmerz zu empfinden, nur weil zwei Wochen schon nichts mehr bedeuten.

Sind es denn wirklich nur vierzehn Tage, die mir zum Leben verblieben sind, und nicht mehr? Damals in Pawlowsk hatte ich gelogen: B–n hatte mir nichts gesagt und hat mich überhaupt nicht gesehen. Doch vor acht Tagen besuchte mich ein Student Kißlorodoff; nach seiner Überzeugung ist er Materialist, Atheist und Nihilist, und das war es, warum ich ihn rufen ließ. Ich hatte einen Menschen nötig, der mir endlich die nackte Wahrheit sagen konnte, ohne alle Rücksichten und Umstände. Das tat er denn auch, und nicht nur aus Gefälligkeit und ohne Umstände, sondern mit sichtlichem Vergnügen (was ich meinerseits schon überflüssig fand). Er sagte mir auch gerade ins Gesicht, daß ich noch ungefähr einen Monat leben könnte; vielleicht auch etwas länger, wenn die Umstände günstig seien, doch vielleicht auch noch nicht einmal so lange. Seiner Meinung nach könnte ich auch ganz plötzlich sterben, zum Beispiel morgen; solche Fälle habe es oft gegeben und erst vorgestern sei eine junge Frau in Kolomna, deren Zustand dem meinen ganz gleich gewesen, gestorben. Sie habe auf den Markt gehen wollen, plötzlich sich schlecht gefühlt, habe sich auf den Diwan gelegt, einmal noch geatmet und – sei gestorben. Alle diese Mitteilungen machte mir Kißlorodoff mit einer gewissen schneidigen Gefühlslosigkeit, als hätte er mir damit eine Ehre angetan und als hielte er mich für ein ebenso höheres, alles verneinendes Geschöpf, wie er es selbst zu sein glaubte, und den zu sterben selbstverständlich nichts kostete. Ich hatte also jetzt wirklich die Gewißheit: noch einen Monat und nicht länger zu leben! Daß er sich nicht geirrt hat, davon bin ich fest überzeugt.

Sehr erstaunt war ich darüber, daß der Fürst vorhin bemerkte, daß mich ‚schlechte Träume‘ quälen; er sagte buchstäblich, in Pawlowsk würden ‚meine Erregung und meine Träume‘ nachlassen. Wie kommt er darauf? Ist er Mediziner oder hat er wirklich einen außergewöhnlichen Verstand und kann vieles erraten? (Daß er am Ende doch ein ‚Idiot‘ ist, darüber besteht kein Zweifel.) Gerade vor seinem Erscheinen hatte ich einen jener reizenden Träume, wie sie mich, übrigens, jetzt zu Tausenden heimsuchen. Ich schlief ein – ich denke, eine Stunde vor seiner Ankunft, und befand mich in einem Zimmer, das größer und höher war, als das meinige, besser möbliert und auch heller. In ihm stand ein Schrank, eine Kommode, ein Diwan und mein Bett, nur größer und breiter und bedeckt mit einer grünseidenen Steppdecke. Doch bemerkte ich in diesem Zimmer ein schreckliches Tier, eine Art Skorpion und doch kein Skorpion, sondern viel widerwärtiger und schrecklicher, unheimlicher. Es war, glaube ich, um so ekelhafter, weil es solche Tiere in der Natur nicht gibt und weil es gerade zu mir gekommen war, mit einer geheimnisvollen Absicht, als enthielte es selbst ein furchtbares Geheimnis. Ich habe es sehr genau betrachtet: es war ein braunes, kriechendes, amphibienartiges Krustentier, etwa vier Zoll lang, am Kopfe vielleicht zwei Finger breit, zum Schwanze hin verdünnte es sich immer mehr, so daß die äußerste Spitze desselben nicht dicker als ein Zehntel Zoll war. Einen Zoll tiefer unter dem Kopf, traten in einem Winkel von etwa fünfundvierzig Grad zwei Pfoten aus dem Rumpfe hervor, jede ungefähr zwei Zoll lang, so daß das Tier von oben gesehen die Form eines Dreizackes hatte. Den Kopf konnte ich nicht sehen, doch sah ich zwei Fühler, nicht sehr lang, wie zwei große Nadeln, von rotbrauner Farbe. Solche zwei Fühler hatte es auch am Ende des Schwanzes und am Ende jeder Pfote, im ganzen also acht Fühler. Das Tier lief wahnsinnig schnell über das ganze Zimmer und stützte sich dabei auf Pfoten und Schwanz, und wenn es lief, so dehnte sich der ganze Körper und der Schwanz in ringelnden Bewegungen, wie bei einer Schlange, ungeachtet seiner Kruste, was ein widerwärtiger Anblick war. Ich hatte furchtbare Angst, daß es mich stechen würde, man hatte mir gesagt, es wäre giftig, doch quälte ich mich am meisten darüber, was man mir damit antun wolle, warum man es mir ins Zimmer gesetzt und worin sein Geheimnis bestand? Es kroch unter die Kommode, unter den Schrank, in alle Ecken. Ich saß auf dem Stuhl und hatte die Füße hochgezogen. Es lief schnell über das ganze Zimmer und verschwand plötzlich unter meinem Stuhl. Angstvoll suchte ich es mit meinen Augen, die Füße hatte ich, wie gesagt, hochgezogen und ich hoffte im stillen, daß es nicht an dem Stuhl hinaufklettern würde. Plötzlich hörte ich hinter mir fast an meinem Kopfe ein knisterndes Geräusch: ich blicke mich um und sehe, daß das Reptil an der Wand emporkriecht in gleicher Höhe mit meinem Kopfe. Mit seinem Schwanze, den es mit großer Schnelligkeit wand und drehte, berührte es schon mein Haar. Ich sprang vom Stuhl und – auch das Tier verschwand. Ich fürchtete mich, mich aufs Bett zu legen, da es vielleicht unter das Kissen gekrochen. Ins Zimmer traten meine Mutter und irgendein Bekannter von ihr. Sie versuchten, das Scheusal zu fangen, waren viel ruhiger als ich, und fürchteten sich nicht einmal. Doch verstanden sie nichts davon. Plötzlich kroch das Tier wieder hervor, diesmal sehr langsam, als hätte es eine besondere Absicht, sich langsam über das Zimmer zur Tür hin dehnend, was noch widerwärtiger war. Da öffnete meine Mutter die Tür und rief Norma, unseren Hund, einen großen, schwarzen, zottigen Neufundländer – er starb vor fünf Jahren. Norma stürzte ins Zimmer und blieb wie angewurzelt vor dem Reptil stehen, das gleichfalls im Laufe einhielt, doch sich weiter wand und mit Schwanz und Pfoten auf den Boden schlug. Tiere empfinden keinen mystischen Schrecken, wenn ich mich nicht irre; in dieser Minute jedoch schien es mir, daß auch Norma diesen außergewöhnlichen, diesen fast mystischen Schrecken empfand, ganz als ob er, wie ich, geahnt hätte, daß in diesem Tier etwas Verhängnisvolles, etwas Geheimnisvolles enthalten war. Norma zog sich langsam vor dem Reptil zurück, das nun seinerseits vorsichtig auf ihn loskam. Plötzlich wollte das Reptil sich auf ihn werfen und ihn beißen. Trotz seiner Angst und trotzdem er an allen Gliedern zitterte, wich der Hund nicht zurück: er fletschte seine großen weißen Zähne, öffnete seinen großen roten Rachen, legte sich sprungbereit und entschloß sich dann mit einem Mal, das Reptil mit seinen Zähnen zu packen. Das Reptil wand sich und zappelte so heftig, daß es loskam, und Norma mußte es noch einmal im Falle packen. Zweimal nacheinander tat er es und schnappte nach ihm. Die Kruste knackte unter seinen Zähnen, Schwanz und Pfoten des Reptils zappelten mit wahnsinniger Schnelligkeit. Plötzlich heulte Norma kläglich auf. Das Scheusal hatte ihn doch in die Zunge gestochen. Der Hund winselte und schrie vor Schmerz und ich sah, wie das zerbissene Reptil ihm quer im Rachen lag und wie eine große Menge weißen Saftes, ähnlich dem Safte einer zertretenen, großen Schabe, aus dem zerquetschten Leib sich auf die Zunge des Hundes ergoß ... Da erwachte ich und erblickte den Fürsten, der soeben eingetreten war.“

„Meine Herren,“ unterbrach sich Hippolyt, als schäme er sich, „ich habe das Geschriebene nicht durchgelesen, es ist da viel Unnützes ... Dieser Traum ...“

„Stimmt,“ beeilte sich Ganjä zu bemerken.

„Ich gebe es zu, es ist zu viel Persönliches ...“

Als Hippolyt das sagte, hatte er ein müdes, erschöpftes Aussehen. Er wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Tja, Sie interessieren sich schon zu sehr für sich,“ lispelte Lebedeff.

„Ich, meine Herren, zwinge niemanden, zuzuhören, wer da will, kann sich entfernen.“

„Er jagt uns fort ... aus einem fremden Hause,“ brummte, kaum hörbar, Rogoshin.

„Wie? Sollen wir denn alle plötzlich aufstehen? und uns entfernen?“ bemerkte ganz unerwartet Ferdyschtschenko, der bis jetzt nicht laut zu sprechen gewagt hatte.

Hippolyt senkte die Augen und griff nach seinem Schriftstück, doch in demselben Augenblick erhob er wieder seinen Kopf und sagte mit blitzenden Augen und roten Flecken auf beiden Wangen, Ferdyschtschenko scharf ansehend:

„Sie lieben mich wohl gar nicht!“

Lachen erscholl. Übrigens – die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt errötete über und über.

„Hippolyt,“ sagte der Fürst, „legen Sie die Blätter zusammen und geben Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem Zimmer. Wir können ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter der Bedingung, daß wir diese Blätter da nicht mehr anrühren. Wollen Sie?“

„Wie ist denn das möglich?“ fragte ihn Hippolyt mit strenger Verwunderung. „Meine Herren,“ rief er aus, sich wieder fieberhaft belebend, „das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht recht fertigzuwerden gewußt habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen nicht mehr unterbrechen. Wer hören will, der höre ...“

Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, stützte sich auf den Tisch, wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein Lesen hartnäckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich übrigens bald ...

Er las weiter: „Die Idee, daß es sich gar nicht lohnte, noch einige Wochen zu leben, überkam mich ungefähr vor einem Monat, damals, als man mir gesagt hatte, daß ich jetzt nur noch vier Wochen leben könne. Doch beherrschte sie mich erst vollständig, als ich vor drei Tagen, an jenem Abend, aus Pawlowsk zurückkehrte. Zum absoluten Bewußtsein dieses Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Fürsten, in demselben Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen und Bäume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand für das Recht Burdowskijs, ‚meines Nächsten‘, ein und träumte davon, wie alle mir plötzlich die Hände reichen, mich umarmen und mich wegen irgend etwas um Verzeihung bitten würden, und wie – wir es gegenseitig tun würden; mit einem Wort, ich dachte und träumte recht wie ein Narr. In diesen Stunden kam ich dann zu dieser ‚letzten Überzeugung‘. Jetzt wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese ‚Überzeugung‘ überhaupt habe leben können! Ich wußte doch zu genau, daß ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff, desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine Fliege zerdrücken wollte, ohne daß ich wußte, warum? Doch warum verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als ich wußte, daß ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es, als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bücher mehr lesen, ich hörte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bücher wieder fortzuwerfen.

Ja, diese Meyersche Backsteinwand könnte viel erzählen! Viel habe ich ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als alle Bäume von Pawlowsk, das heißt, sie müßte mir teurer sein, wenn mir jetzt nicht alles ganz gleichgültig wäre!

Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, ihr Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Koljä erwartete ich ihn, als ich so erkrankte, daß ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte. Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich für alle Gerüchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so großen Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionäre zu werden (übrigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hörte von einem Armen, der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, daß ich ganz außer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wäre, ich glaube, ich hätte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder tagelang besser und ich konnte auf die Straße gehen. Doch das Treiben auf der Straße erbitterte mich dermaßen, daß ich mich wieder tagelang auf mein Zimmer zurückzog, obgleich ich wie die anderen hätte ausgehen können. Ich konnte diese hastenden, ewig bekümmerten, finsteren, aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr unaufhörlicher Ärger! Weil sie böse, böse, böse sind. Wer ist schuld daran, daß sie unglücklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen lassen, daß er vor Hunger sterben mußte, während er noch sechzig Jahre hätte leben können? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine abgearbeiteten Hände, ärgert sich und schreit: ‚Wir arbeiten wie Ochsen und mühen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wölfe! Andere arbeiten nicht und mühen sich nicht und sind reich!‘ Das alte Klagelied! Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause über uns lebte und ewig mit durchlöcherten Ellenbogen und abgerissenen Knöpfen umherläuft, der immer für andere Leute unterwegs und beständig auf den Beinen ist, Tag und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im Winter erfror ihm ein Kind ... die älteste Tochter muß mitverdienen ... ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht früher – mit Stolz sage ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld daran, daß er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, daß er nicht Berge von Imperialen und Napoleondors aufhäufen kann, solche Berge, wie man sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirmeß aufbaut. Er lebt und kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran, daß er dies nicht begreift?

Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgültig, jetzt habe ich keinen Grund, mich zu ärgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich buchstäblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wünschte ich, daß man mich Achtzehnjährigen, kaum angezogen, plötzlich auf die Straße jagte und mich allein ließe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stück Brot, ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund, gesund ... dann würde ich zeigen.“

„Was zeigen?“

„O glauben Sie wirklich, daß ich es nicht weiß, wie ich mich schon sowieso mit meiner Erklärung erniedrige! Wer wird mich nicht für einen dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch nicht kennt. Doch er vergißt, daß so leben, wie ich diese sechs Monate gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben – bis zum Greisenalter! Möge man doch lachen, möge man sagen, daß es Märchen sind, denn es ist wahr, ich habe mir selbst Märchen vorerzählt, ganze Tage und Nächte lang, und ich erinnere mich jetzt ihrer aller.

Soll ich sie mir denn jetzt wieder erzählen, jetzt, wo es Zeit ist, auch die Märchen zu lassen? Und wozu noch? Ich vertrieb mir die Zeit mit ihnen, damals, als ich einsah, daß es mir sogar versagt war, die griechische Grammatik zu lernen, da ich, wie ich mir sagen mußte, ‚kaum bis zur Syntax kommen würde, bevor ich stürbe‘. Ich warf das Buch unter den Tisch – dort liegt es jetzt noch. Matrjona wollte es aufheben, ich habe es ihr verboten.

Möge der, dem meine Erklärung in die Hände fällt, und der die Geduld hat, sie durchzulesen, möge er mich für einen Wahnsinnigen oder, noch schlimmer, für einen Gymnasiasten halten – oder richtiger: für einen zum Tode Verurteilten, dem es nur zu natürlich schien, daß alle Menschen, nur er selbst ausgenommen, das Leben nicht zu schätzen wissen, es leichtsinnig verschwenden, faul und gewissenlos sich seiner bedienen, und daß alle, bis auf den letzten, es nicht verdienen! Doch ich erkläre, daß der Leser sich irrt, wenn er glaubt, diese meine Überzeugung sei abhängig von meinem Todesurteil. Fragen Sie, fragen Sie sie doch nur, vom ersten bis zum letzten, worin ihrer Meinung nach das Glück besteht? Oh, seien Sie überzeugt, daß Kolumbus nicht damals glücklich war, als er Amerika entdeckt hatte, sondern als er es entdecken wollte; seien Sie überzeugt, daß der Augenblick seines höchsten Glückes vielleicht damals war, als drei Tage vor der Entdeckung der Neuen Welt seine Mannschaft meuterte und in der Verzweiflung schon nach Europa zurückkehren wollte! Nicht auf die Neue Welt kommt es hierbei an – hol sie der Henker! Und Kolumbus starb ja auch, fast ohne sie zu sehen, ja im Grunde genommen, ohne zu wissen, was er entdeckt hatte. Sondern auf das Leben kommt es an, einzig auf das Leben – auf das Entdecken des Lebens, das ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das Entdeckte selbst! Doch was rede ich! Ich fürchte, daß alles, was ich soeben gesagt habe, allgemein bekannten Phrasen ähnlich ist, daß man mich für einen Schüler der unteren Klassen halten wird, der seinen Aufsatz über den ‚Sonnenaufgang‘ schreibt. Oder man wird sagen, daß ich etwas habe sagen wollen, doch bei aller Anstrengung mich nicht habe ... ‚auszudrücken‘ verstanden. Ich möchte indessen bemerken, daß von jeder neuen und genialen menschlichen Idee, oder sogar von jedem ernsten Gedanken, der in einem Menschenhirn entsteht, immer noch irgend so etwas nachbleibt, was sich auf keine Weise andern Menschen mitteilen läßt, selbst wenn man ganze Bände darüber schriebe und den Gedanken fünfunddreißig Jahre lang auslegte. Dieses eine Unbestimmbare wird um keinen Preis aus Ihrem Schädel hinausgehen wollen und wird ewig in Ihnen verbleiben. Und damit sterben Sie zu guter Letzt und nehmen so vielleicht gerade das Wichtigste von Ihrer ganzen Idee mit ins Grab. Und wenn auch ich jetzt nicht alles das wiederzugeben verstanden habe, was mich in diesen sechs Monaten gequält hat, so wird man jetzt doch wenigstens einsehen, daß ich, indem ich diese meine ‚letzte Überzeugung‘ erwarb, sie vielleicht zu teuer habe bezahlen müssen. Sehen Sie, das ist es, was ich – aus gewissen, nur mir bekannten Gründen – in meiner ‚Erklärung‘ sichtbar zu machen für notwendig hielt.

Ich fahre also fort.“