„Ich will nicht lügen: In diesen sechs Monaten hat die Wirklichkeit auch mich geködert und manches Mal dermaßen gepackt, daß ich mein Todesurteil vollständig vergaß, oder besser gesagt, nicht daran denken wollte und sogar eine Tat ausführte.
Als ich vor acht Monaten sehr schwer erkrankte, gab ich alle meine Beziehungen zu meinen früheren Kameraden auf. Da ich ein verschlossener Mensch bin, so vergaßen meine Kameraden mich bald: freilich hätten sie mich auch sowieso vergessen. Mein Leben im Hause, das heißt ‚in der Familie‘, war ein vollständig einsames. Vor fünf Monaten schloß ich mich ganz in mein Zimmer ein, niemand durfte hereinkommen, außer wenn das Zimmer aufgeräumt wurde, oder wenn man mir das Essen brachte. Meine Mutter zitterte vor mir und wagte nicht einmal zu weinen oder zu klagen, wenn ich sie zu mir hereinließ. Die kleinen Geschwister wurden von ihr geprügelt, wenn sie lärmten und mich störten, denn ich beklagte mich oft über sie; ich kann mir denken, wie sehr sie mich dafür lieben! Den ‚treuen Koljä‘, wie ich ihn nannte, habe ich wohl auch sehr gequält. In der letzten Zeit freilich hat aber auch er mich recht gepeinigt: das ist ja ganz natürlich, die Menschen sind ja auch nur dazu geschaffen, um sich gegenseitig zu quälen. Doch ich wußte, daß er meine Reizbarkeit ertrug, wie ein Mensch, der sich das Versprechen gegeben hat, einen Kranken zu schonen. Natürlich reizte mich das um so mehr: er schien dem Fürsten ‚in christlicher Demut‘ nachzueifern, was auf mich jedoch nur lächerlich wirkte. Dieser junge und feurige Knabe wird natürlich alles nachahmen; doch scheint es mir manchmal, daß es für ihn allmählich Zeit wäre, nach seinem eigenen Verstande zu leben. Ich liebe ihn sehr. Ich habe auch Ssurikoff gequält, der über uns wohnte und im Auftrage anderer Leute Tag und Nacht herumlief; ich bewies ihm jedesmal, daß er ganz allein an seinem Elend schuld sei, so daß er zuletzt seine Besuche bei mir einstellte. Er ist ein sehr demütiger Mensch, der Demütigste aller Demütigen. (NB. Man sagt, daß Demut eine furchtbare Kraft sei: man muß den Fürsten darüber befragen, denn das ist ein Ausspruch von ihm.) Doch als ich im März zu ihm hinauf ging, um nach seinem, wie Sie sagten, ‚erfrorenem‘ Kinde zu sehen und über der Leiche des Kindes zufällig zu lachen begann, während ich dem Ssurikoff wiederum bewies, daß er selbst daran ‚schuld‘ sei, da sah ich die Lippen des armen Wichtes plötzlich erzittern. Er erhob sich, faßte mich mit der einen Hand an der Schulter, mit der anderen wies er mir die Tür und leise, fast flüsternd sagte er zu mir: ‚Gehen Sie!‘ Ich ging hinaus und die Szene gefiel mir furchtbar, auch in dem Moment, als er mich hinauswarf. Aber in der Erinnerung machten seine Worte einen schweren Eindruck auf mich; ich empfand für ihn ein sonderbares, mit Verachtung gemischtes Mitleid, das ich dabei durchaus nicht empfinden wollte. Selbst in dem Augenblick einer solchen Beleidigung – ich fühlte es ja, daß ich ihn beleidigt hatte, obgleich es durchaus nicht meine Absicht gewesen war – selbst in jenem Augenblick konnte er nicht zornig werden. Seine Lippen zitterten durchaus nicht aus Zorn, ich kann es schwören: er faßte mich am Arm und sprach sein wunderbares ‚Gehen Sie‘, ohne irgendwie erzürnt zu sein. Es lag viel Würde darin, die ihm aber leider durchaus nicht stand, so daß eigentlich viel Komik dabei war. Vielleicht verachtete er mich auch nur ganz plötzlich. Seit der Zeit zog er, wenn er mir mal auf der Treppe begegnete, den Hut vor mir, was er sonst nie getan hatte, blieb aber nicht stehen wie früher, sondern lief ganz konfus an mir vorüber. Wenn er mich auch verachtete, so tat er es doch auf seine Art: er verachtete mich sozusagen ‚demütig‘. Vielleicht zog er auch seinen Hut bloß aus Furcht vor mir, weil ich der Sohn seiner Gläubigerin war, denn er schuldete meiner Mutter beständig und war niemals imstande, aus seinen Schulden herauszukommen. Und das ist sogar viel wahrscheinlicher. Ich wollte mich mit ihm aussprechen und wußte, daß er mich wohl schon nach zehn Minuten um Entschuldigung bitten würde; doch entschloß ich mich zuletzt, mich nicht weiter mit ihm abzugeben und ihn zu lassen, wie er war.
Um dieselbe Zeit, das heißt um die Zeit, in der Ssurikoff sein Kind verlor, ungefähr Mitte März, fühlte ich mich plötzlich sehr wohl und das dauerte ungefähr zwei Wochen lang. Ich ging öfters aus, besonders in der Dämmerstunde. Ich liebe diese Dämmerstunden im März, wenn die Sonne untergeht, es wieder zu frieren anfängt, und man das Gas auf den Straßen anzündet; ich ging oft sehr weit. Eines Tages hätte mich auf der Schestilawotschnaja in der Dunkelheit fast ein Herr überrannt. Ich betrachtete ihn mir genauer und bemerkte, daß er einen kurzen Sommerpaletot trug, der viel zu dünn für die Jahreszeit war. Unter dem Arm hielt er ein in Papier eingewickeltes Paket. Als er an der nächsten Straßenlaterne, ungefähr zehn Schritte vor mir, vorüberging, bemerkte ich, daß ihm etwas aus der Tasche fiel.
Ich beeilte mich, es aufzuheben und – es war die höchste Zeit, denn außer mir stürzte sich noch ein Mensch im langen Kaftan auf das Beutestück, und nur der Umstand, daß ich es schon in den Händen hielt, ließ ihn auf den Fund verzichten: nach einem flüchtigen Blick auf den Gegenstand schlüpfte er an mir vorüber. Der Gegenstand selbst war eine große saffianlederne Brieftasche, die ganz mit Papieren angefüllt war; auf den ersten Blick erkannte ich sonderbarerweise sofort, daß in ihr alles, nur kein Geld enthalten war. Der Herr hatte sich währenddessen schon auf vierzig Schritt von mir entfernt, und entschwand in der Menge alsbald meinen Blicken. Ich lief ihm nach und fing an, ihn zu rufen, doch da ich nichts anderes als ‚Hallo!‘ schreien konnte, so wandte er sich auch nicht um. Plötzlich bog er nach links ab, in das Hoftor eines Hauses. Als ich ihm aber in das Tor folgte, wo es sehr dunkel war, konnte ich nichts mehr von ihm entdecken. Das Haus gehörte zu diesen riesigen Mietskasernen, wie sie von unternehmenden Geschäftsleuten für kleine Mieter gebaut werden. In einem solchen Hause befinden sich manchmal hundert Wohnungen. Als ich gerade in den Torweg trat, schien es mir, daß in der rechten, hinteren Ecke des großen Hofes ein Mensch ging, obgleich ich ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Ich lief zur Ecke und fand einen Treppeneingang; die Treppe selbst war schmal, schmutzig und fast gar nicht erleuchtet, doch hörte ich, wie ein Mensch oben auf der Treppe ging. Ich stürzte die Treppe hinauf, ihm nach – glaubte ihn schon zu erreichen, bevor man ihm die Tür öffnete.
Die Treppe war steil, die Stiegen waren schmal; als ich auf dem dritten Treppenabsatz ankam, war ich außer Atem. Im fünften Stock wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Bis ich das Stockwerk erreicht und bis ich die Klingel gefunden hatte, vergingen einige Minuten. Mir öffnete endlich ein altes Mütterchen, das in der winzig kleinen Küche den Ssamowar anmachte; sie hörte schweigend meine Frage an, die sie natürlich überhaupt nicht begriff, schweigend öffnete sie mir die Tür ins nächste Zimmer, einem ebenso kleinen und engen, schlecht möblierten Raum, in dem sich auf einem großen, breiten Bett mit Vorhängen ein scheinbar Betrunkener, den die Alte mit Terentjitsch anredete, ausgestreckt hatte. Auf dem Tisch brannte in einem eisernen Leuchter ein Lichtstumpf. Daneben stand eine fast geleerte Halbliterflasche Branntwein. Terentjitsch brummte mir etwas zu und wies ohne sich aufzurichten auf die nächste Tür.
Die Alte war fortgegangen, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als diese Tür zu öffnen. Das tat ich denn auch und trat ins nächste Zimmer.
Dieses Zimmer war noch kleiner und enger, so daß ich nicht wußte, wohin ich treten sollte; das schmale, einschläfrige Bett in der Ecke nahm fast den ganzen Raum ein, die übrige Einrichtung bestand aus drei einfachen Stühlen, die mit allerlei Lumpen bepackt waren, und einem ganz einfachen Küchentisch, der vor einem kleinen alten, wachstuchbezogenen Divan stand. Zwischen Bett und Tisch gab es keinen Raum mehr zum Durchgehen. Auf dem Tisch stand gleichfalls wie im anderen Zimmer ein eiserner Leuchter, in dem ein Talglicht brannte. Im Bette schrie ein kleiner Säugling, vielleicht drei Wochen alt, nach seinem Schreien zu urteilen. Eine bleiche, kranke junge Frau, in tiefem Negligé, die wohl erst vor kurzem das Wochenbett verlassen hatte, wechselte dem Kleinen die Windeln. Das Kind schrie ohne aufzuhören nach der Mutterbrust. Auf dem Divan schlief ein dreijähriges kleines Mädchen, das mit einem Rock zugedeckt war. Am Tisch stand der Herr, in einem sehr abgetragenen Anzug, den Paletot hatte er bereits abgelegt und aufs Bett geworfen – er war eben im Begriff, ein Stück Brot und zwei kleine Würstchen aus einem blauen Papier zu wickeln. Auf dem Tisch stand ferner eine Teekanne mit Tee und außerdem lagen Schwarzbrotstückchen auf ihm herum. Unter dem Bett sah ich einen offenen Reisekoffer und zwei Bündel mit allerlei Kleidungsstücken und Lumpen. Mit einem Wort, es war eine schreckliche Unordnung in dem kleinen Raum. Ich erkannte sofort, daß sie beide, der Herr und die Frau, anständige Leute waren, die die Armut in diesen erniedrigenden Zustand versetzt hatte, der jeden Versuch eines Widerstandes aufhebt und die Leute dazu bringt, daß sie in der Unordnung ein gewisses, bitteres Gefühl der Genugtuung empfinden.
Als ich eintrat, war der Herr beim Auspacken seiner Einkäufe in einem lebhaften Gespräch mit seiner Frau begriffen; diese, noch mit dem Wickeln beschäftigt, brach in Schluchzen aus; die Nachrichten, die er ihr brachte, mußten schlecht gewesen sein. Das Gesicht ihres Mannes, das mager und gebrannt war – er trug einen schwarzen Backenbart mit glattrasiertem Kinn –, schien mir sehr sympathisch; es war ernst, die Augen blickten düster, mit einem gewissen krankhaften Ausdruck von Stolz. Er mochte achtundzwanzig Jahre zählen. Als ich eintrat, spielte sich eine eigentümliche Szene ab.
Es gibt Leute, denen es ein Genuß ist, sich ihrer reizbaren Empfindlichkeit ganz hinzugeben, besonders wenn sie, was sehr leicht geschieht, außer sich geraten können – in einem solchen Augenblick ist es ihnen sogar angenehm, beleidigt zu werden. Diese Reizbaren bereuen ihre Heftigkeit nachher sehr, wenn sie klug sind, versteht sich, und imstande, sich einzugestehen, daß der Grund zu ihrer Heftigkeit ein viel zu geringer war. Der Herr sah mich zuerst ganz erstaunt an und die Frau starrte mich geradezu wie ein Gespenst an, denn – wie konnte jemand zu ihnen kommen? Plötzlich stürzte er mir wie ein Wahnsinniger entgegen; ich konnte kaum ein paar Worte stammeln. Offenbar fühlte er sich gekränkt, als er sah, daß ich anständig angezogen war und daß ich es wagte, so ohne weiteres bei ihm einzutreten, und daß ich nun die Unordnung erblickte, deren er sich selbst so sehr schämte. Andererseits freute es ihn, einen Anlaß gefunden zu haben, an mir die ganze Wut über sein Mißgeschick auszulassen. Einen Augenblick dachte ich, daß er sich wirklich auf mich stürzen würde: er erbleichte wie in einem hysterischen Anfall und erschreckte seine Frau aufs äußerste.
‚Wie wagen Sie es, so einzutreten? Hinaus!‘ schrie er, zitternd vor Wut und kaum fähig, die Worte auszusprechen. Doch plötzlich bemerkte er seine Brieftasche in meinen Händen.
‚Ich glaube, Sie haben sie verloren,‘ sagte ich so ruhig und trocken wie möglich.
Er stand wie vor Schreck gelähmt da, als könne er nichts begreifen; darauf griff er nach seiner Seitentasche, riß den Mund weit auf und schlug sich vor die Stirn.
‚Mein Gott! Wo haben Sie sie gefunden? Auf welche Weise?‘
Ich erzählte ihm alles mit ein paar kurzen Worten und nach Möglichkeit sachlich und ruhig erklärend, wie ich das Ding aufgehoben, wie ich ihm nachgelaufen und ihn angerufen ...
‚Oh, mein Gott!‘ rief er aus und wandte sich an seine Frau, ‚das sind alle unsere Dokumente, auch meine letzten Instrumente sind dabei ... oh, geehrter Herr, wissen Sie auch, was Sie für mich getan haben? Ich wäre sonst verloren! ...‘
Ich griff nach der Türklinke, um mich zu entfernen; doch war ich selbst außer Atem und es überfiel mich ein so starker Husten, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Ich sah, wie der Herr für mich nach einem Stuhl suchte, wie er die Lappen, die auf dem Stuhl lagen, auf den Fußboden warf, sich beeilte, ihn mir zu reichen und mich vorsichtig auf den Stuhl zog. Doch mein Husten wollte nicht aufhören. Als ich endlich zu mir kam, saß er auf einem anderen Stuhl vor mir und betrachtete mich aufmerksam.
‚Sie sind leidend ... wie es scheint?‘ sagte er in dem Tone eines Arztes zu einem Kranken. ‚Ich bin selbst ... Mediziner‘ – er sagte nicht Doktor – und er wies mit der Hand auf das Zimmer, als protestiere er gegen seine jetzige Lage. ‚Ich sehe, daß Sie ...‘
‚Schwindsüchtig sind,‘ sagte ich so trocken wie möglich und stand auf.
Auch er sprang auf.
‚Sie übertreiben vielleicht ... und wenn Mittel dagegen ...‘
Er konnte immer noch nicht ganz zu sich kommen; seine Brieftasche hielt er in der linken Hand.
‚Oh, beunruhigen Sie sich nicht,‘ unterbrach ich ihn wieder und griff nach der Türklinke, ‚mich hat in der vergangenen Woche B–n untersucht, mein Schicksal ist entschieden. Entschuldigen Sie ... die Störung ...‘
Ich wollte die Tür wieder öffnen und meinen verwirrten, dankbaren und beschämten Doktor verlassen, doch packte mich der verfluchte Husten von neuem. Der Doktor bestand darauf, daß ich mich nochmals hinsetzte und ausruhte. Er wandte sich zu seiner Frau, und diese sagte mir, von ihrem Platze aus, ein paar dankbare und freundliche Worte. Sie wurde dadurch selbst sehr verwirrt und auf ihre bleichen, eingefallenen Wangen trat eine helle Röte. Ich blieb, doch verhielt ich mich so, daß ich jeden Augenblick bereit war zu gehen, weil ich sie nicht stören wollte. Die Reue quälte den Doktor jetzt aufs höchste, wie ich bemerkte.
‚Wenn ich ...‘ begann er verwirrt in abgerissenen Sätzen. ‚Ich bin Ihnen so dankbar und so schuldig vor Ihnen ... ich ... Sie sehen ...‘ Er wies wieder auf das Zimmer, ‚augenblicklich befinde ich mich in einer Lage ...‘
‚Oh,‘ sagte ich, ‚das ist keine Seltenheit! Sie haben wahrscheinlich Ihre Stellung verloren und sind hierher gekommen, um den Sachverhalt hier auseinanderzusetzen und eine neue zu erhalten?‘
‚Woher ... wissen Sie denn das?‘ fragte er mich mit Verwunderung.
‚Das sieht man doch auf den ersten Blick,‘ antwortete ich, unwillkürlich etwas spöttisch. ‚Es kommt so mancher aus der Provinz mit großen Hoffnungen hierher, müht sich hier ab und lebt so wie Sie.‘
Da fing er plötzlich zu reden an; leidenschaftlich, mit zitternden Lippen erzählte er alles: wie es ihm ergangen war, und ich muß gestehen – es interessierte mich sehr. Ich blieb daher fast eine Stunde lang bei ihm. Seine Geschichte war übrigens eine ganz gewöhnliche: er war Arzt in der Provinz gewesen, hatte eine staatliche Anstellung gehabt. Man intrigierte aber gegen ihn und sogar gegen seine Frau. Er war stolz, hitzköpfig. Ein neuer Vorgesetzter kam ins Gouvernement und handelte zugunsten seiner Feinde, die sich über ihn beklagt hatten. Er verlor die Stellung und reiste mit seinen letzten Mitteln nach Petersburg, um sich hier vor den Behörden zu rechtfertigen. In Petersburg, wie das ja bekannt ist, wollte man ihn jedoch zuerst gar nicht hören, dann wies man seinen Antrag ab, dann wurde er durch Versprechungen hingehalten, darauf antwortete man ihm mit einem Verweis, darauf befahl man ihm, eine Verteidigungsschrift einzureichen, darauf eine Bittschrift – mit einem Wort, er bemühte sich schon den fünften Monat vergebens, hatte alles verbraucht, die letzten Sachen seiner Frau versetzt; schließlich wurde auch noch das Kindchen geboren und ... und heute hatte er den endgültigen abschlägigen Bescheid auf seine eingereichte Bittschrift erhalten, und besaß nun kein Brot mehr, kein Geld, nichts mehr. Die Frau in den Wochen er ... er ...
Er sprang vom Stuhl auf und wandte sich ab. In der Ecke weinte seine Frau, das Kind fing an zu schreien. Ich zog mein Notizbuch heraus und notierte mir etwas. Als ich damit fertig war und aufstand, stand er vor mir und sah mich mit neugierigen, ängstlichen Blicken an.
‚Ich habe mir Ihren Namen aufgeschrieben,‘ sagte ich zu ihm, ‚und alles übrige: den Ort Ihrer Anstellung, den Namen des Gouverneurs, das Datum. Ich habe einen Schulkameraden, Bachmutoff, der hat einen Onkel Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff, wirklicher Staatsrat und Direktor ...‘
‚Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff!‘ rief mein Arzt fast zitternd aus. ‚Von ihm hängt ja fast alles ab!‘
Und in der Tat, die Geschichte meines Mediziners, in die ich so unfreiwillig eingreifen sollte, wickelte sich von nun an günstig ab, ganz als ob alles in ihr, wie in Romanen, im voraus darauf vorbereitet gewesen wäre. Fürs erste jedoch sagte ich diesen armen Leuten, daß sie auf mich keine Hoffnungen setzen möchten, daß ich selbst ein armer Gymnasiast sei (ich übertrieb absichtlich, ich hatte schon längst das Gymnasium beendet) und daß sie meinen Namen nicht zu wissen brauchten, daß ich jedoch sofort zu meinem Kameraden Bachmutoff gehen wollte, dessen Onkel wirklicher Staatsrat, Junggeselle und kinderlos sei und der seinen Neffen daher leidenschaftlich lieb habe und in ihm den letzten Sproß seiner Familie sähe. Vielleicht würde mein Kamerad etwas für sie tun und für sie beim Onkel ...
‚Wenn ich doch nur eine Audienz bei Seiner Exzellenz erhalten könnte! Wenn man mir doch die Ehre verschaffen würde, mein Gesuch mündlich aussprechen zu dürfen!‘ Er zitterte wie im Fieber und seine Augen glänzten.
Ich wiederholte noch einmal, daß ich der Sache durchaus nicht sicher sei und fügte noch hinzu, daß, wenn ich morgen früh nicht zu ihnen käme, die Sache gescheitert wäre und sie nichts mehr zu erwarten hätten. Sie begleiteten mich unter Danksagungen zur Tür hinaus. Sie waren einfach außer sich; nie werde ich den Ausdruck dieser Gesichter vergessen. Ich nahm eine Droschke und fuhr sofort nach dem Wassiljewskij Ostroff[25] zu Bachmutoff.
Mit diesem Bachmutoff stand ich mich im Gymnasium während mehrerer Jahre auf feindlichem Fuße. Bei uns wurde er als Aristokrat angesehen, wenigstens habe ich ihn so genannt: er kleidete sich ausgezeichnet, hatte seine eigenen Pferde, tat aber niemals wichtig, war ein vorzüglicher Kamerad, immer außerordentlich lustig, zuweilen sogar witzig, obgleich sein Verstand nicht von weitem her war, wenn er auch in der Klasse als einer der Ersten galt, während ich niemals und in keinem Fache Erster war. Alle Kameraden liebten ihn, ich war der einzige, der ihn nicht liebte. Er kam mir des öfteren in diesen Jahren entgegen, doch wandte ich mich jedesmal finster und gereizt von ihm ab. Jetzt hatte ich ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen: er besuchte die Universität. Als ich nun um neun Uhr abends zu ihm kam, feierlich und umständlich angemeldet wurde, empfing er mich zuerst mit Verwunderung und nicht gerade sehr entgegenkommend, doch alsbald wurde er heiter und plötzlich lachte er laut auf.
‚Wie ist das möglich, daß Sie mich aufgesucht haben, Terentjeff?‘ rief er mit seiner liebenswürdigen Ungezwungenheit aus, die nie beleidigte und um derentwillen ich ihn so haßte. ‚Aber was ist denn mit Ihnen,‘ rief er plötzlich erschrocken, ‚sind Sie krank!‘
Der Husten quälte mich wieder, ich fiel auf einen Stuhl und konnte kaum atmen.
‚Beunruhigen Sie sich nicht, ich habe nur die Schwindsucht,‘ sagte ich, ‚ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen.‘
Er setzte sich vor Verwunderung, und ich erzählte ihm sofort die ganze Geschichte und bat ihn, da er doch einen so großen Einfluß auf seinen Onkel hätte, vielleicht etwas für die Leute zu tun.
‚Das werde ich, das werde ich unbedingt, ich werde morgen sofort zu meinem Onkel gehen; ich bin sogar sehr froh, Ihnen gefällig sein zu können, Sie haben so hübsch erzählt ... Doch wie sind Sie, Terentjeff, darauf verfallen, sich gerade an mich zu wenden?‘
‚Von Ihrem Onkel hängt hier alles ab, und wir waren außerdem immer Feinde. Da Sie, Bachmutoff, ein Gentleman sind, so dachte ich, daß Sie einem Feinde niemals etwas abschlagen würden,‘ fügte ich etwas ironisch hinzu.
‚Ganz wie Napoleon sich an England wandte!‘ rief er laut lachend. ‚Ich werde es tun, ich werde es tun! Ich gehe sofort, wenn es noch möglich ist!‘ fügte er eifrig hinzu, als er sah, daß ich mit ernster Miene mich vom Stuhl erhob.
Und wirklich nahm die Angelegenheit ganz unerwarteterweise einen sehr günstigen Verlauf. Nach anderthalb Monaten erhielt unser Doktor wieder eine Stelle in einem anderen Gouvernement, erhielt obendrein das Reisegeld und eine Unterstützung. Ich vermute, daß Bachmutoff sie besucht hat, während ich es unterließ, hinzugehn und den Doktor sehr trocken bei mir empfing – auch vermute ich, daß Bachmutoff dem Doktor Geld vorgeschossen hat. Mit Bachmutoff traf ich im Laufe dieser sechs Wochen zweimal zusammen, das drittemal sahen wir uns, als wir den Abschied des Doktors feierten. Die Abschiedsfeier veranstaltete Bachmutoff in seinem Hause, ein Diner mit Champagner, an dem auch die Frau des Doktors teilnahm. Es war zu Anfang Mai, der Abend war hell, die Sonne sank groß und rot ins Meer. Bachmutoff begleitete mich nach Haus. Wir gingen über die Nikolaibrücke – beide hatten wir etwas getrunken. Bachmutoff sprach seine Freude darüber aus, daß diese Sache ein so gutes Ende genommen hatte, dankte mir dafür, sagte mir, wie gut er sich nach dieser Tat fühle, versicherte mir, daß nur mir alles Verdienst an ihr zukomme, und meinte: ‚Es ist doch ganz unsinnig, was jetzt einige Menschen bei uns predigen, daß eine einzelne gute Tat nichts zu bedeuten habe!‘ Auch ich befand mich in einer redseligen Stimmung.
‚Wer die persönliche ‚gute Tat‘ anzugreifen wagt, der greift die Natur des Menschen an und verachtet den Wert der Persönlichkeit. Doch die Frage der persönlichen Freiheit und die Frage der ‚organisierten Unterstützung‘ sind zwei ganz verschiedene Fragen, wenn sie sich gegenseitig auch nicht auszuschließen brauchen. Die einzelne gute Tat wird immer bestehen bleiben, denn sie ist ein Bedürfnis der Persönlichkeit, das lebendige Bedürfnis des unmittelbaren Einflusses des einen Menschen auf den andern. In Moskau lebte früher ein alter General, das heißt, er war ein wirklicher Staatsrat, mit deutschem Namen. Er ging sein ganzes Leben lang in den Gefängnissen und unter den Verbrechern umher. Jeder Verbrechertrupp, der nach Sibirien abging, wußte schon im voraus, daß auf den ‚Sperlingsbergen‘[26] ‚der alte General‘ sie besuchen werde. Er erfüllte seine Pflicht mit Ernst und Andacht; er erschien, ging die Reihen der Verschickten ab, blieb bei jedem von ihnen stehen, fragte jeden nach seinen Bedürfnissen, machte niemandem einen Vorwurf und redete sie alle mit ‚Täubchen‘ an. Er gab jedem von ihnen Geld, schickte ihnen die notwendigsten Dinge, Tücher, Fußlappen usw., brachte zuweilen Andachtsbücher mit und gab sie denjenigen, die da lesen konnten, und war fest davon überzeugt, daß sie dieselben unterwegs auch wirklich lesen und den Kameraden, die nicht zu lesen verstanden, vorlesen würden. Nach der Art des Verbrechens fragte er nie, er hörte nur zu, wenn der Verbrecher selbst davon zu sprechen anfing. Alle Verbrecher standen bei ihm auf der gleichen Stufe, einen Unterschied gab es für ihn nicht. Er sprach mit ihnen wie mit seinen Brüdern, und sie betrachteten ihn zuletzt als ihren Vater. Wenn er eine Verschickte sah, die ein Kind auf den Armen trug, so ging er zu ihr, streichelte das Kind und schnippte mit den Fingern, um es lächeln zu machen. Und das tat er eine ganze Reihe von Jahren bis zu seinem Tode. Alle Verbrecher in ganz Rußland und ganz Sibirien kannten ihn. Mir erzählte selbst ein ehemaliger Verschickter aus Sibirien, daß er Zeuge gewesen, wie sich die eingefleischtesten Verbrecher des ‚alten Generals‘ erinnerten, obgleich der General nie mehr als zwanzig Kopeken pro Person geben konnte. Nicht, daß sie seiner mit Dank und Rührung dachten! Irgendeiner der ‚Unglücklichen‘, der vielleicht zwölf Seelen auf dem Gewissen und sechs Kinder nur so zu seinem Vergnügen getötet hatte – man sagt, daß es solche geben soll –, erinnerte sich seiner plötzlich, mir nichts dir nichts, und vielleicht auch nur einmal in zwanzig Jahren, seufzte und sagte: ‚Sollte der alte General am Ende noch immer leben?‘ Und dabei lächelte er – und das war alles. Doch, wer kann es wissen, welch ein Samenkorn der ‚alte General‘, den er in zwanzig Jahren nicht vergessen, ihm auf ewig in die Seele gepflanzt hat? Was wissen Sie, Bachmutoff, welch eine Bedeutung diese Aufnahme des einen Menschen in die Seele des andern im Schicksal eines Menschen haben kann? ... Da ist ein ganzes Leben mit seinen zahllosen uns verborgenen Verzweigungen. Der beste, scharfsinnigste Schachspieler kann nur einige kleine Züge voraussehen; von einem französischen Schachspieler, der zehn Schachzüge vorausberechnen konnte, berichtete man wie von einem Weltwunder. Wieviel Züge des Lebens aber sind uns bekannt? Indem Sie Ihr Samenkorn ausstreuen, Ihre ‚Tat‘ vollbringen, geben Sie, in welcher Form es auch sei, einen Teil Ihrer Persönlichkeit hin und nehmen den Teil der anderen Persönlichkeit in sich auf; in dieser Wechselbeziehung stehen Sie beide zueinander. Schenken Sie dieser Tatsache nur ein wenig Ihre Aufmerksamkeit und Sie werden durch die unerwartetsten Entdeckungen belohnt werden. Sie werden zuletzt auf dieses Tatsachenmaterial wie auf eine Wissenschaft sehen; sie absorbiert Ihr ganzes Leben und kann sogleich auch Ihr ganzes Leben ausfüllen. Andererseits können alle Ihre Gedanken, alle die Samenkörner, die Sie ausgestreut haben und die von Ihnen selbst vielleicht vergessen worden sind, in anderen wachsen und Früchte tragen. Und woher können Sie wissen, welch einen Anteil Sie an der zukünftigen Entscheidung der Geschicke des Menschengeschlechts haben werden? Wenn diese Erkenntnis und ein ganzes Leben solcher Arbeit Sie dazu befähigt, einen einzigen großen Gedanken der Menschheit zu hinterlassen, so haben Sie – Ihre Lebensaufgabe erfüllt ...‘ usw. ich habe damals viel gesprochen.
‚Und wenn man bedenkt, daß gerade Ihnen, Ihnen das Leben versagt ist!‘ rief Bachmutoff, mit heißem Vorwurf an einen Unbekannten, plötzlich aus.
Wir standen gerade auf der Nikolaibrücke und blickten, die Arme aufgestützt, auf die Newa.
‚Wissen Sie, was mir durch den Kopf geht?‘ Dabei bog ich mich weit über das Geländer.
‚Doch nicht etwa, ins Wasser zu springen?‘ rief Bachmutoff fast erschrocken aus. Vielleicht hatte er diesen Gedanken in meinem Gesicht gelesen.
‚Nein, vorläufig war es nur ein Gedanke. Angenommen, ich habe noch zwei bis drei, vielleicht auch noch vier Monate zu leben, und ich hätte nun den großen Wunsch, noch eine gute Tat zu vollführen, die viel Arbeit und Mühe verlangt. So müßte ich in meinem Falle auf sie verzichten. Geben Sie doch zu, daß es ein drolliger Gedanke ist!‘
Der arme Bachmutoff quälte sich meinetwegen sehr; er begleitete mich nach Haus und war so taktvoll, daß er die ganze Zeit über schwieg. Er verabschiedete sich von mir, drückte mir herzlich die Hand und bat um die Erlaubnis, mich besuchen zu dürfen. Ich antwortete ihm, daß er, wenn er etwa als ‚Tröster‘ zu mir käme, mich jedesmal an den Tod erinnern würde. Er zuckte mit den Achseln und gab mir recht; wir verabschiedeten uns höflich voneinander, höflicher als ich es erwartet hatte.
An diesem Abend und in dieser Nacht wurde der erste Keim zu meiner ‚letzten Überzeugung‘ gelegt. Ich klammerte mich an diese neue Idee, überlegte sie mir mit allen ihren Folgen – ich schlief die ganze Nacht nicht – und je mehr ich mich in sie vertiefte, desto mehr erschrak ich über sie. Zuletzt packte mich eine wahnsinnige Angst, die mich die ganzen folgenden Tage nicht mehr verließ. Und wenn mir diese Angst zum Bewußtsein kam, so erstarrte ich zu Eis; ich fühlte, daß diese ‚letzte Überzeugung‘ von mir Besitz ergriffen hatte und mich nun sicher zu einem Entschluß führen würde. Doch zum Entschluß fehlte mir noch die Kraft. Nach drei Wochen war auch das überwunden, und die Kraft kam mir durch einen sehr sonderbaren Umstand.
Ich verzeichne hier in meiner Erklärung alle diese Daten. Die können mir freilich jetzt ganz gleichgültig sein, doch wünsche ich, daß diejenigen, die mein Vorhaben beurteilen werden, klar sehen, aus welcher logischen Kette von Schlüssen meine ‚letzte Überzeugung‘ entsprungen ist. Ich schrieb soeben, daß die Kraft, die mir zur Ausführung meiner ‚letzten Überzeugung‘ noch fehlte, mir durchaus nicht aus einer logischen Folgerung kam, sondern durch einen sonderbaren Stoß von außen, also von ganz äußerlichen Umständen her, die, vielleicht, mit dem Gang der Sache in keinerlei Zusammenhang standen. Vor zehn Tagen erschien bei mir Rogoshin in einer Angelegenheit, die ich hier zu erwähnen für unnütz halte. Ich hatte Rogoshin niemals früher gesehen, doch viel von ihm gehört. Ich gab ihm die verlangte Auskunft und er ging bald darauf fort, und da zwischen uns überhaupt keine Beziehungen bestanden, so war die Sache damit zu Ende. Doch fing er mich plötzlich sehr zu interessieren an und den ganzen Tag über stand ich unter dem Einfluß der sonderbarsten Ideen, so daß ich mich endlich entschloß, am nächsten Tage zu ihm hinzugehen und seinen Besuch zu erwidern. Rogoshin war augenscheinlich nicht sehr erfreut darüber und ließ sogar durchblicken, daß er nicht geneigt sei, diese Bekanntschaft mit mir fortzusetzen; doch erlebten wir – denn ich glaube auch er – eine sehr interessante Stunde zusammen. Zwischen uns bestand ein solcher Gegensatz, daß er uns beiden ganz unmöglich nicht auffallen konnte, besonders mir nicht: ich war ein Mensch, dessen Tage gezählt waren, und er – voll Leben, voll unmittelbarem Leben, ohne jede Sorge um die ‚letzten‘ Schlüsse oder Zahlen oder was es sonst wäre, wenn es sich nur nicht darum handelte, was er ... worauf er ... nun, wovon er besessen war. Möge mir Herr Rogoshin diesen Ausdruck verzeihen, wie etwa, sagen wir, einem schlechten Schriftsteller, der seine Gedanken nicht auszudrücken vermag. Ungeachtet seiner Unliebenswürdigkeit erschien er mir als ein Mensch von großem Verstande, obgleich ihn kaum etwas für ihn Nebensächliches interessierte. Ich sagte ihm nichts von meiner ‚letzten Überzeugung‘, doch schien es mir, als hätte er sie aus meinen Bemerkungen erraten. Er schwieg, er war schrecklich schweigsam. Ich sagte zu ihm, als ich fortging, daß ungeachtet aller Unterschiede zwischen uns und aller Gegensätze – les extrêmes se touchent[29] – er von meiner letzten Überzeugung vielleicht gar nicht so weit entfernt sei, wie es scheine. Darauf antwortete er mir nur mit einer düster-bitteren Grimasse, stand auf, suchte selbst meine Mütze, tat, als ob ich die Absicht geäußert hätte, fortzugehen und führte mich einfach aus seinem dunklen, großen Hause hinaus, dem Anscheine nach, als gebe er mir aus Höflichkeit das Geleit. Sein Haus schien mir wie ein Totenhaus, doch lebte er offenbar gern in ihm, und übrigens ist das verständlich: ein so volles unmittelbares Leben, wie er es lebt, braucht keine andere Umgebung.
Dieser Besuch bei Rogoshin ermüdete mich sehr. Außerdem fühlte ich mich schon seit dem Morgen nicht gut; gegen Abend war ich so schwach, daß ich mich zu Bett legen mußte, ich hatte starkes Fieber und phantasierte dabei über alles das, wovon er gesprochen und wovon wir uns unterhalten hatten. Wenn meine Augen minutenlang zufielen, sah ich sofort Iwan Fomitsch Ssurikoff, der anscheinend Millionen erhalten hatte. Er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte, rang die Hände über seinem Haupte, zitterte vor Furcht, daß sie ihm gestohlen werden könnten und entschloß sich zuletzt, sie irgendwo zu vergraben. Ich riet ihm, aus diesem Golde einen Sarg für sein ‚erfrorenes Kind‘ machen zu lassen und darum das Kind so schnell wie möglich auszugraben. Diesen Spott hielt Ssurikoff unter Tränen der Dankbarkeit für Ernst und schritt sofort zur Ausführung seines Planes. Ich spuckte aus und kehrte ihm den Rücken. Koljä versicherte mir, als ich zu mir kam, daß ich durchaus nicht geschlafen, vielmehr die ganze Zeit mit ihm über Ssurikoff gesprochen hätte. Von Zeit zu Zeit überkam mich schreckliche Verzweiflung, so daß Koljä sehr beunruhigt darüber fortging. Als ich aufstand, um die Tür hinter ihm zuzuschließen, erinnerte ich mich plötzlich des Bildes, das ich bei Rogoshin in einem großen, düsteren Saal über der Tür gesehen hatte. Rogoshin selbst wies im Vorübergehen darauf hin, ich glaube, ich betrachtete es fünf Minuten lang. In ihm war nichts schön im künstlerischen Sinne, doch erfüllte es mich mit Unruhe.
Das Bild war eine Kreuzabnahme Christi. Sonst stellen die Maler gewöhnlich Christus am Kreuze oder nach der Kreuzabnahme immer noch in der außergewöhnlichen Schönheit seiner verklärten Züge dar und diese Schönheit versuchen sie ihm selbst bei den schrecklichsten Qualen beizulegen. Auf dem Bilde bei Rogoshin konnte jedoch von Schönheit nicht die Rede sein: das war der wirkliche Leichnam eines Menschen, der noch vor der Kreuzigung die endlosesten Qualen erlitten hatte. Da sah man Wunden von Geißelhieben und den Mißhandlungen durch das Volk, als Er das Kreuz tragen mußte und unter dem Kreuze zusammenbrach, und, zum Schluß noch die (nach meiner Berechnung) sechsstündigen Qualen am Kreuze. Wahrhaftig, die Züge dieses Menschen, der soeben vom Kreuze genommen worden ist, enthielten noch etwas Lebendiges, Warmes, sie waren noch nicht erstarrt, ein Hauch von Leiden, ein Empfinden des Schmerzes schien noch aus ihnen zu sprechen, und das war ganz wundervoll von dem Künstler wiedergegeben. Nichts war beschönigt in diesem Gesicht, es war die reine Natur und genau so muß der Leichnam eines Menschen aussehen, wer er auch sei, nach solchen Qualen. Ich weiß, daß die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten das Dogma aufgestellt hat, daß Christus nicht nur bildlich gelitten, sondern wirklich und leibhaftig gelitten habe und daß sein Leib am Kreuze vollständig den Gesetzen der Natur unterworfen gewesen sei. Auf dem Bilde nun war das Gesicht von Stöcken zerschlagen, angeschwollen, mit blauen, blutunterlaufenen Flecken, die Augen starrten aus weit geöffneten Lidern. Und sonderbar, wenn man nun auf den Leichnam dieses gequälten Menschen sah, so drängte sich einem die eigentümliche Frage auf: wenn alle die Jünger, seine zukünftigen Apostel, die Frauen, die ihm folgten und die am Kreuze standen, alle die an ihn und sein Göttliches glaubten, diesen Leichnam gesehen haben – und es muß doch ein Leichnam gewesen sein – wie konnten sie da, nachdem sie diesen Leichnam gesehen hatten, noch glauben, daß er auferstehen würde? Unwillkürlich mußte man sich sagen: wenn der Tod so schrecklich und die Gesetze der Natur so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie sie besiegen, wenn selbst Er sie nicht überwand, Er, der die Natur zu seinen Lebzeiten besiegte, und dem sie sich unterwarf, Er, der ausrufen konnte: ‚stehe auf‘ – und das Mädchen stand auf! – und der Lazarus dem Grabe entriß? Die Natur erschien auf diesem Bilde als großes, unüberwindbares und stummes Tier, oder, besser gesagt, obgleich es sonderbar klingt, – wie eine ungeheure Maschine neuester Konstruktion, die ganz sinnlos und gefühllos dieses große und herrliche Wesen ergriff, es stumpfsinnig zerkaute und zermalmte –, dieses Wesen, das mehr wert war, als die ganze Natur und ihre Gesetze, und zu dessen Hervorbringung die ganze Natur vielleicht überhaupt nur geschaffen worden war. Dieses Bild war gleichsam gemalt worden, nur um einem diese dunkle, gemeine und sinnlose Kraft, der alles unterlegen ist, zum Bewußtsein zu bringen. Die Menschen, die den Toten damals umgaben und die man auf dem Bilde gar nicht sieht, mußten an diesem Abend einen großen Schrecken und Kummer erlebt haben, da alle ihre Hoffnungen auf einmal vernichtet waren. Sie mußten in schrecklicher Angst auseinander gegangen sein, obgleich ein jeder von ihnen eine große Idee mit sich trug, die ihm schon nicht mehr genommen werden konnte. Und wenn der Meister selbst am Vorabend seiner Hinrichtung dieses Bild seines Leichnams hätte sehen können, wer weiß, ob er sich hätte kreuzigen lassen? Auch diese Frage beschäftigte einen unwillkürlich, wenn man auf das Bild sah.
Alles das ging mir stückweise durch den Sinn, halb in Fieberphantasien, zum Teil in Halbschlummer, ungefähr ganze anderthalb Stunden nachdem Koljä mich verlassen hatte. Ich konnte in Bildern sehen, was sonst kein Bildnis offenbart. Und mir schien von Zeit zu Zeit, daß ich diese sonderbare und unmögliche Form, diese unendliche Kraft, dieses taube, dunkle und stumme Wesen mit meinen leiblichen Augen erblicken könnte. Ich weiß noch, es war mir, als führte mich jemand an der Hand, mit einem Licht in der andern und der zeigte mir eine riesige, widerliche Tarantel und versicherte mir, daß dieses Tier jenes dunkle taube und allmächtige Wesen sei und er lachte über meinen Unwillen.
In meinem Zimmer brennt unter dem Heiligenbild in der Nacht die kleine Lampe – ein trübes flackerndes Lichtlein –, doch kann man alles im Zimmer sehen und unter der Lampe sogar lesen. Ich glaube, es war schon ein Uhr nachts; ich schlief nicht, ich lag mit offenen Augen, als plötzlich die Türe meines Zimmers sich öffnete und Rogoshin eintrat.
Er trat ein, schloß dann die Tür, sah mich schweigend an, ging in die Ecke und setzte sich auf den Stuhl, der immer unter dem Heiligenbilde steht. Ich war sehr erstaunt und sah ihn erwartungsvoll an. Rogoshin stützte sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch und fing auch seinerseits an, mich schweigend anzusehen. So vergingen zwei, drei Minuten und sein Schweigen beleidigte und ärgerte mich. Warum spricht er nicht? Daß er so spät zu mir gekommen war, das wunderte mich, weiß Gott, gar nicht. Sogar im Gegenteil: Ich hatte am Morgen bei ihm meinen Gedanken nicht voll ausgesprochen, doch hatte er ihn wohl verstanden; er hätte also deswegen, um sich mit mir auszusprechen, sehr gut zu mir kommen können, wenn es auch schon etwas spät war. Ich dachte denn auch sofort daran, daß er deshalb gekommen sei. Am Morgen hatten wir uns fast feindlich verabschiedet und ich hatte bemerkt, wie er mich zweimal sehr spöttisch betrachtet. Und diesen Spott sah ich jetzt wieder in seinen Augen – das war es, was mich beleidigte. Daß ich tatsächlich Rogoshin vor mir sah und nicht etwa eine Erscheinung, eine Fieberphantasie, daran zweifelte ich keinen Augenblick. Mir kam nicht einmal der Gedanke an diese Möglichkeit.
Inzwischen blieb Rogoshin ruhig sitzen und betrachtete mich spöttisch. Ich stützte mich wütend gleichfalls mit beiden Ellenbogen auf mein Kopfkissen und beschloß, wie er zu schweigen, selbst wenn wir die ganze Zeit so verbringen sollten. Ich wollte durchaus, daß er als erster zu sprechen anfinge. Ich glaube, wir schwiegen ungefähr zwanzig Minuten so. Plötzlich kam mir der Gedanke: wenn das nun aber gar nicht Rogoshin ist, sondern nur – eine Erscheinung?
Weder während meiner Krankheit, noch sonst in meinem Leben habe ich jemals eine Halluzination gehabt; doch schien es mir immer, als ich noch ein Knabe war, und auch jetzt noch, obgleich ich nicht abergläubisch bin, daß ich in einem solchen Falle sofort, auf der Stelle würde sterben müssen. Aber als mir nun der Gedanke kam, daß es gar nicht Rogoshin, sondern nur eine Halluzination sein könnte, da erschrak ich nicht im geringsten, ja ich war nicht einmal zornig darüber. Sonderbar war es auch, daß mich die Frage, ob es nun wirklich Rogoshin oder nicht Rogoshin sei, gar nicht sehr aufregte. Es war, als gehöre es sich gerade so! Ich erinnere mich, ich dachte damals in Wirklichkeit an etwas ganz anderes. Zum Beispiel interessierte mich die Frage: warum Rogoshin, der vordem in Schlafrock und Pantoffeln gewesen war, jetzt in Frack und weißer Binde dasaß? Auch tauchte in mir der Gedanke auf: wenn es eine Erscheinung ist und ich mich gar nicht vor ihr fürchte, warum sollte ich da nicht aufstehen und mich davon überzeugen? Vielleicht fürchtete ich mich doch davor? Denn als ich nur daran zu denken wagte, daß ich mich fürchten könnte, da überlief in der Tat meinen ganzen Körper ein eisiger Schauer und meine Knie fingen an zu zittern. Im selben Augenblick, als ob Rogoshin es erraten hätte, daß ich ihn fürchtete, zog er seinen Arm, auf den er sich gestützt hatte, fort und verzog, indem er mich starr ansah, langsam seinen Mund zu einem Lachen. Heller Wahnsinn überkam mich und ich wollte mich schon auf ihn stürzen, doch ich hatte mir geschworen, ihn nicht als erster anzugreifen, und so blieb ich denn auf dem Bett liegen, zumal ich mich außerdem noch gar nicht überzeugt hatte, ob er es auch wirklich selbst war oder nicht?
Ich weiß nicht mehr genau, wie lange dieser Zustand andauerte, auch weiß ich nicht, ob ich nicht von Zeit zu Zeit bewußtlos war. Zuletzt sah ich nur noch, wie Rogoshin aufstand, mich ebenso aufmerksam und starr ansah – wie vorher, als er eintrat – doch lächelte er jetzt nicht mehr, ging dann leise auf den Fußspitzen zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und schloß sie wieder. Ich rührte mich nicht, mit offenen Augen lag ich auf meinem Bett und dachte nach. Gott weiß, worüber ich nachdachte, und ich erinnere mich nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Am anderen Morgen erwachte ich, als man um zehn Uhr an meine Tür klopfte. Ich hatte ein für allemal befohlen, mir um zehn Uhr den Tee zu bringen, und so mußte Matrjona an die Tür klopfen. Als ich ihr die Tür öffnete, beschäftigte mich sofort der Gedanke: Wie konnte er ins Zimmer kommen, wenn die Tür verschlossen war? Ich überzeugte mich davon, daß der wirkliche Rogoshin gar nicht hätte hereinkommen können, da alle Türen unserer Wohnung die Nacht über verschlossen und verriegelt gewesen waren.
Dieser sonderbare Zwischenfall, den ich soeben ausführlich beschrieben habe, war der Grund zu meinem endgültigen ‚Entschluß‘. Zu diesem Entschluß brachte mich keine Logik, keine logische Überzeugung, sondern Ekel. Man kann nicht ein Leben führen, das so sonderbare Formen annimmt, Formen, die mich beleidigen.
Diese Vision erniedrigte mich! Ich bringe es nicht über mich, mich einer dunklen Gewalt zu ergeben, die die Formen einer Tarantel annimmt! Und erst dann, als ich gegen Abend den endgültigen unwiderruflichen Entschluß gefaßt hatte, wurde mir leichter. Das war nur das erste Moment; wegen des zweiten fuhr ich nach Pawlowsk; doch das ist schon zur Genüge erklärt.“