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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 43: VIII.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

VIII.

Sie lachte, aber zugleich war sie unwillig über ihn.

„Er schläft! Sie haben geschlafen!“ rief sie mit fast verächtlichem Erstaunen.

„Sie sind es!“ murmelte der Fürst, noch nicht ganz zu sich gekommen, und er blickte sie verwundert an. „Ach richtig! Unsere Verabredung ...“ der Fürst erhob sich schnell. „Ich habe hier geschlafen.“

„Das habe ich gesehen.“

„Hat mich niemand außer Ihnen geweckt? War niemand hier außer Ihnen? Ich glaubte, hier sei eine ... andere gewesen.“

„Hier war eine andere ...?!“

Endlich besann sich der Fürst vollkommen.

„Das war nur ein Traum,“ sagte er gedankenverloren. „Seltsam, in einem solchen Augenblick solch ein Traum ... Setzen wir uns.“

Er erfaßte ihre Hand und nötigte sie zum Platznehmen, worauf er sich neben sie hinsetzte. Aglaja zögerte, etwas zu sagen, und musterte zunächst nur mißtrauisch ihren Nachbar. Dieser blickte sie gleichfalls hin und wieder an, schien sie aber bisweilen überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie errötete.

„Ach so!“ fuhr plötzlich der Fürst, zusammenzuckend, aus seinen Gedanken auf. „Hippolyt hat sich erschossen!“

„Wann das? Bei Ihnen?“ fragte sie, jedoch ohne besondere Verwunderung. „Gestern abend lebte er doch noch, glaube ich? Aber wie konnten Sie dann hier so schlafen, nachdem er sich das Leben genommen?!“

„Er ist ja nicht tot, die Pistole versagte.“

Auf Aglajas dringenden Wunsch mußte ihr der Fürst sogleich den ganzen Vorgang erzählen, und zwar mit großer Ausführlichkeit. Sie trieb ihn immer wieder an, unterbrach ihn jedoch selbst in jedem Augenblick mit ungeduldigen Fragen, die sich zumeist auf ganz Nebensächliches bezogen. Unter anderem hörte sie mit großem Interesse zu, als der Fürst Jewgenij Pawlowitschs Aussprüche wiedergab, und auch hier unterbrach sie ihn mit näheren Fragen.

„Nun genug davon, wir haben keine Zeit zu verlieren,“ schloß sie plötzlich, nachdem sie alles gehört hatte. „Wir können nur eine Stunde hierbleiben, denn um acht muß ich unbedingt zu Hause sein, damit sie nicht erfahren, daß ich hier gewesen bin. Ich muß Ihnen zuvor noch vieles mitteilen. Nur haben Sie mich jetzt ganz aus dem Text gebracht. Was diesen Hippolyt betrifft, nun – ich glaube, daß das mit der Pistole gerade so hat sein müssen! Daß die Pistole versagte, als er sich erschießen wollte, das paßt vollständig zu ihm. Aber sind Sie auch wirklich überzeugt, daß er sich im Ernst erschießen wollte, daß hier kein Betrug vorliegt?“

„Nein, ein Betrug ist ausgeschlossen.“

„Das scheint mir auch so. Und er hat wirklich geschrieben, daß Sie seine Beichte mir bringen sollen? Warum haben Sie sie dann nicht mitgebracht?“

„Aber er ist doch nicht gestorben. Ich werde sie mir von ihm ausbitten.“

„Bringen Sie sie mir unbedingt, zu bitten ist da nichts. Es wird ihm sicherlich sehr angenehm sein, denn es ist doch möglich, daß er sich nur deshalb hat erschießen wollen, damit ich dann seine Beichte lesen solle. Ich bitte Sie, nicht über die Worte, die ich spreche, zu lachen, Lew Nikolajewitsch, es ist wirklich sehr leicht möglich, daß es so gewesen ist.“

„Ich lache nicht, ich bin vielmehr selbst überzeugt, daß es sich zum Teil wirklich so verhalten haben kann.“

„Überzeugt? Sind Sie wirklich derselben Meinung wie ich?“ wunderte sich Aglaja.

Sie fragte schnell und sprach hastig, bisweilen jedoch verwirrte sie sich und führte dann den schon begonnenen Satz nicht zu Ende. Sie schien es sehr eilig zu haben – obschon sie sich hundertmal selbst unterbrach – und schien ungewöhnlich erregt zu sein. Wenn sie auch mutig und fast herausfordernd dreinschaute, so war ihr im Herzen doch sicherlich recht bange. Sie trug ihr alltägliches, schlichtes Kleid, das ihr sehr gut stand. Oft fuhr sie zusammen und errötete plötzlich. Auch saß sie nur auf dem äußersten Rande der Bank. Die Bestätigung des Fürsten, daß der Beweggrund Hippolyts zu diesem Selbstmordversuch teilweise tatsächlich der Wunsch gewesen sein könne, daß sie seine Beichte lesen solle, wunderte sie sehr.

„Natürlich wollte er,“ erklärte der Fürst, „daß außer Ihnen auch wir ihn loben sollten ...“

„Inwiefern loben?“

„Das heißt, daß ... wie soll man das sagen? Das ist sehr schwer zu erklären. Zunächst hat er sicherlich gewollt, daß alle ihn umringen und ihm sagen sollten, wie sehr sie ihn liebten und achteten. Ferner, daß ihn alle bitten sollten, sich doch nicht zu erschießen, vielmehr am Leben zu bleiben. Es ist sehr möglich, daß er dabei in erster Linie an Sie gedacht hat ... ohne es vielleicht selbst zu wissen.“

„Das verstehe ich nicht: er soll gedacht und dabei nicht gewußt haben, was er gedacht hat? Doch übrigens ... ich glaube, ich verstehe es doch ... Wissen Sie, daß ich selbst wohl schon dreißigmal daran gedacht habe, mich zu vergiften – noch als dreizehnjähriges Mädchen – und in einem Brief an meine Eltern ganz genau zu schildern, was mich in den Tod getrieben hat. Und dann stellte ich es mir immer vor, wie ich im Sarge liegen und die anderen um ihn herumstehen und weinen und sich anklagen würden, daß sie so hart und streng zu mir gewesen waren ... Weshalb lächeln Sie wieder,“ wandte sie sich brüsk an den Fürsten, die Brauen zusammenziehend, „ich möchte wohl wissen, was Sie sich alles gedacht haben, wenn Sie allein gewesen sind und etwas zusammenträumten! Sie sahen sich dann womöglich als großen Feldmarschall ... und vielleicht als Besieger Napoleons!“

„Nun, werden Sie es mir glauben,“ lachte der Fürst, „ich sehe mich, mein Ehrenwort, oft als Feldherrn! Namentlich wenn ich abends im Begriff bin, einzuschlafen. Nur besiege ich nicht Napoleon, sondern immer nur die Österreicher.“

„Ich habe durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu scherzen, Lew Nikolajewitsch. Mit Hippolyt werde ich persönlich reden, und ich bitte Sie, ihm das mitzuteilen. Von Ihnen aber finde ich es sehr häßlich, eine Menschenseele so zu beurteilen, so zerlegend, wie Sie soeben Hippolyt beurteilt haben. Sie haben kein Zartgefühl: was Sie sagen, das ist nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.“

Der Fürst dachte nach.

„Ich glaube, Sie sind ungerecht gegen mich,“ sagte er. „Ich sehe doch nichts Schlechtes darin, daß er so gedacht hat, denn alle sind doch zu solchen Gedanken geneigt! Oh, und wie das! Zudem hat er es vielleicht nicht einmal gedacht, sondern nur unbewußt so gewollt ... er wollte zum letztenmal mit Menschen zusammenkommen, ihre Achtung und Liebe erwerben – das sind doch alles sehr gute Beweggründe, nur ist hier alles gewissermaßen nicht so herausgekommen, wie er es sich gedacht hat. Es ist eben die Krankheit ... und dann noch etwas. Bekanntlich kommt bei den einen immer alles gut heraus, und bei den anderen immer alles schlecht ...“

„Sie haben das wohl in bezug auf sich hinzugefügt?“ fragte Aglaja.

„Ja, in bezug auf mich,“ antwortete der Fürst, ohne auch nur im geringsten ihren Spott aus der Frage herauszuhören.

„Nur wäre ich an Ihrer Stelle doch nicht eingeschlafen; wohin Sie nur kommen – überall schlafen Sie sogleich ein; das ist sehr wenig schön von Ihnen.“

„Aber ich habe doch die ganze Nacht nicht geschlafen, und dann ging ich hier umher, ging zur Musik ...“

„Zu was für einer Musik?“

„Ich ging dorthin, wo gestern die Musik spielte, und dann kam ich hierher, setzte mich, begann nachzudenken, und dachte so lange nach, bis ich einschlief.“

„Ah, also so war es! Das ändert die Sache ein wenig zu Ihrem Vorteil ... Aber wozu gingen Sie zum Kurhaus?“

„Ich weiß es nicht, so ...“

„Gut, gut, davon später; Sie unterbrechen mich immer ... und was geht es mich an, wo Sie gewesen sind! Von welch einer anderen hat Ihnen geträumt?“

„Das ... das war ... Sie haben sie gesehen ...“

„Ich verstehe, verstehe sehr gut. Sie müssen sie sehr ... Wie erschien sie Ihnen im Traum, in welcher Gestalt? Übrigens geht mich das nichts an, ich will nichts davon wissen,“ brach sie plötzlich ärgerlich ab. „Unterbrechen Sie mich nicht ...“

Sie wartete eine Weile, wie um neuen Mut zu sammeln oder ihren Ärger zuerst zu überwinden.

„Ich will Ihnen sagen, weshalb ich Sie hierhergerufen habe: ich will Ihnen den Vorschlag machen, mein Freund zu werden. Was sehen Sie mich plötzlich so an?“ fragte sie fast zornig.

Der Fürst sah sie in diesem Augenblick allerdings sehr scharf und forschend an, und es fiel ihm auf, daß sie wieder stark zu erröten begann. In solchen Fällen, das heißt wenn sie errötete, ärgerte sie sich unsäglich über sich selbst, was ihre Augen nur zu deutlich verrieten. In der Regel begann sie aber dann schon im nächsten Augenblick ihren Zorn auf denjenigen zu übertragen, mit dem sie sich gerade unterhielt, gleichviel ob dieser nun schuldig oder unschuldig war, und brach dann gewöhnlich einen Streit vom Zaun. Deshalb ließ sie sich auch verhältnismäßig nur selten auf Gespräche ein, und war, da sie ihre scheue Schamhaftigkeit kannte, bisweilen sogar allzu schweigsam. Mußte sie jedoch in kitzlichen Fällen, wie es zum Beispiel dieser hier war, notgedrungen sprechen, so verschanzte sie sich hinter anscheinend unnahbarem Hochmut und begann das Gespräch geradezu mit alles verachtender Herausforderung. Sie fühlte es stets im voraus, wann sie erröten würde.

„Sie wollen das Anerbieten vielleicht ablehnen?“ fragte sie ihn stolz und fast von oben herab.

„O nein, gewiß nicht, nur ist das doch gar nicht nötig ... ich ... ich habe gar nicht gedacht, daß man hier noch Anerbietungen machen muß,“ sagte der Fürst verwirrt.

„So, was haben Sie dann gedacht! Wozu hätte ich Sie denn sonst herrufen sollen? Was haben Sie eigentlich im Sinn? Oder halten Sie mich auch für ein kleines Gänschen, wie es zu Hause alle tun?“

„Ich habe nicht gewußt, daß man Sie für ein Gänschen hält, ich ... ich halte Sie nicht dafür.“

„Nicht? Sehr klug von Ihnen. Und namentlich sehr klug ausgedrückt.“

„Ich finde, daß Sie manches Mal sogar sehr tief sind,“ fuhr der Fürst fort. „Sie sagten vorhin etwas, was mir sehr gefallen hat. Sie sagten: ‚das hier ist nichts als Wahrheit, schon deshalb ist es ungerecht‘. Das werde ich behalten und darüber werde ich noch nachdenken.“

Aglaja wurde plötzlich rot vor Freude. Alle diese Veränderungen gingen mit ungewöhnlicher Offenheit und Schnelligkeit vor sich. Der Fürst freute sich gleichfalls und lächelte sogar vor Freude bei ihrem Anblick.

„So hören Sie denn,“ begann sie wieder, „ich habe Sie lange erwartet, um Ihnen das alles erzählen zu können, schon seit dem Tage, als ich Ihren Brief erhielt, oder sogar noch früher ... Die Hälfte haben Sie bereits gestern von mir gehört: ich halte Sie für den ehrlichsten und wahrsten Menschen, der ehrlicher und wahrer ist als alle anderen, und wenn man von Ihnen sagt, daß Ihr Verstand ... das heißt, daß Ihr Verstand, Ihr Geist mitunter krank sei, so ist das nicht richtig; davon habe ich mich auch überzeugt, und ich habe mit ihnen allen da gestritten, und wenn Sie auch tatsächlich krank sind im ... im Geiste – Sie werden mir das natürlich nicht übelnehmen, denn ich meine doch nur im höheren Sinne – so ist Ihr Hauptverstand, das ist es, was ich sagen will, doch größer und besser als bei denen allen dort zusammengenommen – die haben sich solch einen überhaupt noch nicht träumen lassen. Denn es gibt doch in jedem Menschen zwei Arten von Verstand: einen höheren und einen niedrigeren. Nicht? Ist es nicht so?“

„Möglich, daß es so ist,“ brachte der Fürst kaum vernehmbar hervor; sein Herz bebte entsetzlich und schlug laut.

„Ich wußte ja, daß Sie es verstehen würden,“ fuhr sie wichtig fort. „Fürst Sch. und Jewgenij Pawlowitsch begreifen nichts von diesen zwei Verstandesarten, Alexandra auch nicht, aber stellen Sie sich vor: Mama begriff sofort.“

„Sie ähneln sehr Lisaweta Prokofjewna.“

„Wie das? Wirklich?“ wunderte sich Aglaja.

„Jawohl, Sie können es mir glauben.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie nach einer Weile nachdenklich. „Es freut mich sehr, daß ich Mama gleiche. Dann achten Sie sie wohl sehr?“ fragte sie plötzlich, ohne die Naivität der Frage selbst zu gewahren.

„Sehr, sehr, und es freut mich, daß Sie das so ohne weiteres verstanden haben.“

„Und mich freut es, weil ich bemerkt habe, wie man bisweilen über sie ... lacht. Doch hören Sie nun die Hauptsache: ich habe es mir lange überlegt – und ich habe dann schließlich Sie erwählt. Ich will nicht, daß man zu Hause über mich lacht; ich will nicht, daß man mich für ein dummes Gänschen hält; ich will nicht, daß man mich aufzieht. Ich habe das sogleich bemerkt und deshalb Jewgenij Pawlowitsch sofort kategorisch abgewiesen, denn ich will auch nicht, daß man mich immer nur als Heiratsobjekt betrachtet! Ich will ... ich will ... einfach – ich will entfliehen, und Sie habe ich erwählt, damit Sie mir dabei behilflich sind.“

„Entfliehen!“ rief der Fürst aufs höchste erschrocken aus.

„Ja, ja, ja, aus dem Hause meiner Eltern entfliehen!“ wiederholte sie zornig, sich an ihrer eigenen Phantasie berauschend. „Ich will nicht, ich will nicht, daß man mich dort immer zwingt, zu erröten! Ich will vor keinem Menschen erröten, weder vor Fürst Sch., noch vor Jewgenij Pawlowitsch, noch vor sonst jemandem, und deshalb habe ich Sie erwählt. Mit Ihnen will ich über alles, alles reden, sogar über das Hauptsächlichste, sobald ich will. Das werde ich – aber auch Sie dürfen mir nichts verheimlichen. Ich will doch wenigstens mit einem Menschen über alles reden dürfen wie mit mir selbst. Die da – die begannen da plötzlich alle zu sagen, daß ich Sie erwarte und Sie liebe. Das war noch vor Ihrer Ankunft, und ich hatte ihnen Ihren Brief doch gar nicht gezeigt ... jetzt aber pfeifen es schon alle Spatzen auf dem Dach. Ich will dreist sein, dreist und mutig, und keinen Menschen fürchten. Ich will nicht mehr ihre Bälle besuchen, ich will Nutzen bringen. Ich habe schon längst entfliehen wollen. Zwanzig Jahre lang habe ich bei ihnen hinter Schloß und Riegel gelebt, und ewig wird davon geredet, daß ich heiraten soll. Schon mit vierzehn Jahren wollte ich fortlaufen, wenn ich auch sonst noch dumm war. Jetzt aber habe ich mir alles reiflich überlegt und nur auf Sie gewartet, um Sie über das Ausland auszufragen. Ich habe noch keinen einzigen gotischen Dom gesehen, ich will Rom sehen, ich will alle wissenschaftlichen Sammlungen besuchen, ich will in Paris studieren. Ich habe mich das ganze letzte Jahr schon dazu vorbereitet und gelernt, ich habe sehr viele Bücher gelesen, ich habe alle verbotenen Bücher durchgelesen. Alexandra und Adelaida dürfen alle Bücher lesen, ihnen ist es erlaubt, mir aber werden nicht alle gegeben, ich muß mir auch darin noch Vormundschaft gefallen lassen. Mit den Schwestern will ich deshalb nicht streiten, aber meiner Mutter und meinem Vater habe ich schon längst erklärt, daß ich meine soziale Stellung vollkommen verändern will. Ich habe beschlossen, mich mit Kindererziehung zu beschäftigen, und ich habe dabei auf Ihren Beistand gerechnet, denn Sie sagten doch, daß Sie Kinder lieben. Vielleicht können wir uns gemeinsam damit befassen, wenn auch nicht jetzt – aber warum schließlich nicht später einmal? Dann könnten wir beide der Welt Nutzen bringen. Ich will nicht mehr einzig und allein als Generalstochter weiterleben. Sagen Sie, sind Sie ein sehr gelehrter Mann?“

„Oh, durchaus nicht.“

„Das ist schade, ich aber dachte gerade ... nein, wie bin ich nur darauf gekommen, das zu denken? Aber Sie werden mich trotzdem leiten, ich habe Sie dazu erwählt.“

„Das ist doch alles ... sinnlos, Aglaja Iwanowna.“

„Ich will, ich will entfliehen!“ rief sie heftig, und wieder erglühten ihre Augen. „Wenn Sie nicht einwilligen, heirate ich Gawrila Ardalionytsch. Ich will nicht, daß man mich zu Haus für ein gemeines Frauenzimmer hält und mich Gott weiß wessen noch alles beschuldigt.“

„Sind Sie ... sind Sie von Sinnen!“ Der Fürst sprang fast auf vor Schreck. „Wessen beschuldigt man Sie, wer beschuldigt Sie?“

„Zu Hause tun’s alle, Mama, Alexandra, Adelaida, Papa, Fürst Sch., sogar Ihr dummer naseweiser Bengel Koljä! Wenn sie es auch nicht direkt sagen, so denken sie es doch. Ich habe es ihnen aber allen ins Gesicht gesagt, beiden, Mama sowohl wie Papa. Mama war den ganzen Tag krank; am nächsten Tage aber sagten mir Alexandra und Papa, daß ich selbst nicht wüßte, was ich da schwatzte und welche Worte ich gebrauchte. Ich sagte ihnen aber direkt ins Gesicht, daß ich bereits alles begriffe, alle Worte, daß ich kein Baby mehr sei, daß ich schon vor zwei Jahren absichtlich zwei Romane von Paul de Kock gelesen habe, um endlich alles zu erfahren. Als Mama das hörte, fiel sie sofort in Ohnmacht.“

Dem Fürsten kam plötzlich ein seltsamer Gedanke. Er blickte Aglaja prüfend an ... und lächelte.

Er konnte es kaum glauben, daß er dasselbe unnahbare Mädchen vor sich hatte, das ihm einst mit so hochmütigem Stolz Gawrila Ardalionytschs Brief zurückgegeben hatte. Es schien ihm unerklärlich, wie sich in einer so kühlen, abweisenden Schönheit ein solches Kind verbergen konnte, ein Kind, das offenbar auch jetzt noch nicht „alle Worte begriff“.

„Haben Sie immer zu Hause gelebt, Aglaja Iwanowna?“ fragte er. „Ich meine – haben Sie nie eine öffentliche Schule besucht, sind Sie nie in einem Institut gewesen?“

„Nein, niemals und nirgends; ich habe immer nur zu Haus gesessen, wie in einer Flasche verkorkt, und aus der Flasche werde ich verheiratet. Worüber lachen Sie wieder? Ich sehe, daß auch Sie, wie es scheint, sich über mich lustig machen und zu den anderen halten,“ sagte sie schroff mit finster gerunzelter Stirn. „Ärgern Sie mich nicht, ich weiß ohnehin nicht, was mit mir geschieht ... ich bin überzeugt, Sie sind hierhergekommen in der Meinung, daß ich in Sie verliebt sei und Sie zu einem Stelldichein gerufen habe,“ versetzte sie gereizt.

„Gestern habe ich das in der Tat gefürchtet,“ verriet der Fürst in seiner treuherzigen Offenheit – er war äußerst verwirrt –, „doch heute bin ich überzeugt, daß Sie ...“

„Was!“ rief Aglaja ganz entsetzt aus, und ihre Unterlippe begann zu beben. „Sie haben gefürchtet, daß ich ... Sie haben zu denken gewagt, daß ich ... Herr des Himmels! Sie haben dann am Ende gar vermutet, daß ich Sie hergerufen habe, um Sie ins Netz zu locken und damit man uns dann hier antrifft und Sie zwingt, mich zu heiraten ...“

„Aglaja Iwanowna! Schämen Sie sich denn nicht! Wie kann ein so schmutziger Gedanke in Ihrem reinen, unschuldigen Herzen entstehen? Ich bin überzeugt, daß Sie an kein einziges Ihrer Worte glauben und ... selbst nicht wissen, was Sie sagen!“

Aglaja rührte sich nicht und blickte unverwandt zu Boden, als hätten ihre Worte sie jetzt selbst erschreckt.

„Ich schäme mich nicht ein bißchen,“ murmelte sie schließlich eigensinnig. „Woher wissen Sie, daß mein Herz unschuldig ist? Wie haben Sie mir damals einen Liebesbrief zu schreiben gewagt?“

„Einen Liebesbrief? Mein Brief soll ein – Liebesbrief gewesen sein! Das war der ehrerbietigste Brief, den ich je geschrieben habe; was ich Ihnen schrieb, strömte aus meinem Herzen in der schwersten Stunde meines Lebens! Ich entsann mich Ihrer, wie einer lichten Erscheinung ... ich ...“

„Nun gut, gut,“ unterbrach sie ihn plötzlich, doch bereits nicht mehr im alten Tone, sondern in aufrichtiger Reue und fast erschrocken, ja sie beugte sich sogar etwas näher zu ihm, jedoch immer noch bemüht, ihn nicht offen anzusehen, und sie schien ihn leise an der Schulter berühren zu wollen, um ihn noch dringender zu bitten, sich doch nicht zu ärgern. „Nun gut,“ sagte sie unsäglich beschämt. „Ich fühle, daß ich einen sehr dummen Ausdruck gebraucht habe. Das habe ich aber nur so ... nur, um Sie zu prüfen. Vergessen Sie es, tun Sie, als wäre es überhaupt nicht gesprochen. Und wenn ich Sie gekränkt habe, so verzeihen Sie mir. Sehen Sie mich, bitte, nicht so an, blicken Sie dorthin, wenden Sie sich von mir ab. Sie sagen, das sei ein schmutziger Gedanke: ich habe ihn aber absichtlich ausgesprochen, um Sie zu reizen. Bisweilen habe ich selber Angst vor dem, was ich sagen will, und dann plötzlich sage ich es doch. Sie sagten soeben, daß Sie diesen Brief in der schwersten Stunde Ihres Lebens geschrieben hätten ... Ich weiß, in welch einer Stunde das gewesen ist,“ fügte sie leise hinzu, den Blick wieder zu Boden gesenkt.

„O, wenn Sie alles wüßten!“

„Ich weiß alles!“ rief sie plötzlich von neuem erregt aus. „Sie lebten damals in ein und demselben Zimmer mit jenem gemeinen Weibe, mit dem Sie entflohen waren ...“

Sie wurde nicht rot, sondern bleich, als sie das sagte, und plötzlich erhob sie sich von der Bank, wie in Gedanken verloren, doch besann sie sich sogleich wieder und setzte sich: ihre Unterlippe fuhr noch lange fort, zu zucken. Das Schweigen dauerte wohl eine ganze Minute. Der Fürst war unsäglich betroffen durch diesen plötzlichen Umschlag in ihrem Wesen und wußte nicht, welch einer Ursache er ihn zuschreiben sollte.

„Ich liebe Sie ganz und gar nicht,“ sagte sie plötzlich auffallend unvermittelt und barsch – wie gehackt klang der Satz.

Der Fürst entgegnete hierauf nichts. Wieder schwiegen sie.

„Ich liebe Gawrila Ardalionytsch ...“ sagte sie dann hastig, jedoch kaum hörbar, und sie senkte noch mehr den Kopf.

„Das ist nicht wahr,“ sagte der Fürst, gleichfalls fast flüsternd.

„Sie wollen mich also Lügen strafen? Nein, es ist wahr: ich habe ihm vor drei Tagen hier auf dieser Bank mein Jawort gegeben.“

Der Fürst erschrak und sann eine Weile nach.

„Nein, das ist nicht wahr,“ sagte er entschieden, „Sie haben sich das alles jetzt hier ausgedacht.“

„Sie sind wirklich ausnehmend höflich. So hören Sie denn: er hat sich sehr gebessert und liebt mich mehr als sein Leben. Er hat vor meinen Augen seine Hand verbrannt, nur um mir zu beweisen, daß er mich mehr als sein Leben liebt.“

„Seine Hand verbrannt?“

„Ja, seine Hand. Glauben Sie’s, oder glauben Sie’s nicht, mir ist es gleich.“

Der Fürst schwieg wieder. Es war nicht der geringste Scherzton aus Aglajas Stimme herauszuhören.

„Wie, hat er denn eine Kerze mitgebracht, wenn es hier geschehen sein soll? Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen ...“

„Ja ... eine Kerze. Was ist denn dabei so unwahrscheinlich?“

„Eine ganze Kerze oder ... eine im Leuchter?“

„Nun ja ... nein ... eine halbe Kerze, einen Lichtstumpf ... eine ganze Kerze, – gleichviel, hören Sie auf! ... Und auch eine Streichholzschachtel hat er, wenn Sie wollen, mitgebracht. Er hat hier die Kerze angezündet und eine ganze halbe Stunde lang den Finger in die Flamme gehalten. Klingt denn das so unmöglich?“

„Ich habe ihn gestern gesehen: er hat keinen verbrannten Finger.“

Aglaja platzte endlich laut heraus und lachte wie ein Kind.

„Wissen Sie, warum ich soeben gelogen habe?“ wandte sie sich ebenso plötzlich an den Fürsten – mit der kindlichsten Zutraulichkeit und einem Lachen, das schalkhaft um ihre Lippen zuckte. „Weil jedesmal, wenn man beim Lügen geschickt etwas nicht ganz Gewöhnliches hineinflicht, irgend etwas, nun wissen Sie, etwas, das ganz selten vorkommt, oder sogar überhaupt nicht, dann die Lüge sogleich viel wahrscheinlicher wird. Das habe ich oft bemerkt. Mir ist es diesmal nur leider nicht gelungen, ich verstand nicht, es richtig zu machen ...“

Plötzlich wurde sie wieder ernst und runzelte die Stirn, wie wenn sie sich besonnen hätte.

„Wenn ich Ihnen damals,“ wandte sie sich an den Fürsten, indem sie ihn ernst und beinahe traurig ansah, „wenn ich Ihnen damals auch die Ballade vom ‚armen Ritter‘ vortrug, so wollte ich Sie damit ... wenn ich Sie auch damit einesteils loben wollte – doch andernteils für Ihr Benehmen brandmarken und Ihnen zeigen, daß ich alles weiß ...“

„Sie sind sehr ungerecht zu mir ... und zu jener Unglücklichen, über die Sie sich soeben so häßlich geäußert haben, Aglaja.“

„Weil ich eben alles weiß, alles, deshalb habe ich mich auch so ausgedrückt. Ich weiß, daß Sie ihr vor einem halben Jahr in Gegenwart aller Gäste einen Heiratsantrag gemacht haben. Unterbrechen Sie mich nicht, Sie sehen, ich rede ohne Kommentar. Darauf entfloh sie mit Rogoshin; dann lebten Sie mit ihr in irgendeinem Dorf oder kleinen Städtchen, bis sie von Ihnen wieder fortging zu einem anderen.“ Aglaja errötete entsetzlich. „Dann kehrte sie wieder zu Rogoshin zurück, der sie immer noch liebte, wie ... wie ein Irrsinniger. Darauf sind nun Sie, gleichfalls ein sehr kluger Mann, hierher ihr nachgereist, sobald Sie nur erfahren hatten, daß sie in Petersburg eingetroffen ist. Gestern abend beeilten Sie sich, sie zu verteidigen, und soeben haben Sie sie hier im Traum gesehen. – Sehen Sie jetzt, daß ich alles weiß! Sie sind doch ihretwegen, einzig ihretwegen hergekommen?“

„Ja, ihretwegen,“ antwortete der Fürst leise, traurig und nachdenklich, indem er den Kopf senkte, ohne auch nur zu ahnen, mit welch glühendem Blick Aglaja an ihm hing. „Ihretwegen ... nur um zu erfahren ... Ich glaube nicht an ihr Glück mit Rogoshin, wenn auch ... mit einem Wort, ich weiß nicht, was ich hier für sie tun könnte, wie ihr helfen, aber ich bin in der Tat um ihretwillen gekommen.“

Er zuckte zusammen und blickte Aglaja an, die ihm mit Verachtung zuhörte.

„Wenn Sie gekommen sind, ohne selbst zu wissen weshalb, so müssen Sie sie ja sehr lieben,“ sagte sie schließlich.

„Nein,“ antwortete der Fürst, „nein, ich liebe sie nicht. Oh, wenn Sie wüßten, mit welch einem Entsetzen ich an jene Zeit, die ich mit ihr zusammen verbracht habe, jetzt zurückdenke!“

Ein Zittern überlief bei diesen Worten seinen Körper.

„Erzählen Sie alles,“ sagte Aglaja.

„Hier ist nichts, was ich Ihnen nicht erzählen dürfte. Weshalb ich gerade Ihnen alles erzählen will, und zwar nur Ihnen allein – das weiß ich nicht; vielleicht, weil ich Sie in der Tat sehr liebe. Diese unglückliche Frau ist unerschütterlich davon überzeugt, daß sie das in der ganzen Welt am tiefsten gefallene, lasterhafteste Wesen sei. Oh, schmähen Sie sie nicht, werfen Sie keinen Stein auf sie! Sie hat sich selbst schon gar zu sehr mit dem Bewußtsein ihrer unverdienten Schande gemartert! Und worin besteht ihre Schuld, mein Gott! Oh, sie schreit es ja täglich wie außer sich: daß sie nicht die geringste Schuld sich zuzuschreiben hat, daß sie ein Opfer der Menschen ist, das Opfer eines Lüstlings und Buben; aber was sie Ihnen auch sagen mag, sie ist doch selbst die erste, die ihren eigenen Worten nicht glaubt, sondern mit ihrem ganzen Gewissen überzeugt ist, daß sie im Gegenteil ... selbst schuld ist. Als ich diese unseligen, düsteren Gedanken aus ihrer Seele verscheuchen wollte, da wurde ihre Qual, ihre Seelenpein so groß – ich sah doch, wie ihre Seele sich wand unter der Marter – daß ... daß mein Herz nie aufhören wird zu bluten, solange ich diese furchtbaren Stunden nicht aus meinem Gedächtnis bannen kann. Es war mir damals, als würde mein Herz für immer durchbohrt. Wissen Sie, weshalb sie von mir fortlief? – Nur um mir zu beweisen, daß sie tatsächlich ein – gefallenes Weib sei. Doch das Furchtbarste war gerade das, daß sie vielleicht selbst nicht einmal wußte, daß sie nur mir das hatte beweisen wollen, und innerlich in dem Glauben befangen war, daß sie nur deshalb geflohen sei, weil sie innerlich unbedingt das Bedürfnis nach einer neuen schamlosen Tat gehabt habe, um sich dann immerfort sagen zu können: ‚Sieh, was du jetzt getan hast, beweist doch mehr als deutlich, daß du nichts anderes als eben nur ein niedriges, verworfenes, schmutziges Geschöpf bist!‘ Oh, vielleicht werden Sie das alles gar nicht verstehen, Aglaja! Wissen Sie auch, daß in diesem immerwährenden Sich-ihrer-Schmach-bewußt-sein ein unheimlicher, unnatürlicher Genuß für sie liegen kann, wie eine gewisse Rache an irgend jemandem ... Bisweilen gelang es mir, sie so weit zu bringen, daß sie etwas Licht in der Finsternis um sich zu sehen begann; aber sogleich empörte sie sich wieder und ging dann so weit, daß sie mir, mir bitter vorwarf, ich stelle mich hoch und hochmütig über sie – während ich doch nicht einmal im Traum daran gedacht hatte – und schließlich sagte sie mir, als ich um sie anhielt, daß sie von keinem weder anmaßendes Mitleid, noch Hilfe, noch ‚Erhebung zu ihm empor‘ verlange. Sie haben sie gestern gesehen; glauben Sie denn, daß sie in dieser Gesellschaft glücklich ist, daß dieses Leben ihr zusagt? Sie wissen nicht, wie sie geistig entwickelt ist, und was sie alles begreifen kann! Sie hat mich bisweilen geradezu in Erstaunen gesetzt!“

„Haben Sie ihr dort auch solche ... Predigten gehalten?“

„O nein,“ fuhr der Fürst gedankenverloren fort, ohne daß ihm der Ton der Frage irgendwie aufgefallen wäre, „ich habe fast immer geschwiegen. Oft genug habe ich reden wollen, aber, offen gestanden, ich habe dann nie gewußt, was ich sagen sollte. Wissen Sie, in manchen Fällen ist es besser, überhaupt nicht zu sprechen. Oh, ich habe sie geliebt; oh, sehr geliebt ... dann aber ... dann ... dann erriet sie alles.“

„Was erriet sie?“

„Daß ich nur unendliches Mitleid mit ihr hatte, und daß ich sie ... bereits nicht mehr liebte.“

„Woher wissen Sie, daß sie sich nicht tatsächlich in jenen ... Gutsbesitzer verliebt hatte, mit dem sie losgezogen war?“

„Nein, ich weiß ... sie hat sich über ihn nur lustig gemacht.“

„Und über Sie hat sie sich niemals lustig gemacht?“

„N–ein. Sie hat vielleicht aus Bosheit über mich gelacht; oh, sie hat mir auch entsetzliche Vorwürfe gemacht, im Zorn – und litt doch selbst mehr als ich darunter! Doch ... dann ... oh, erinnern Sie mich nicht, erinnern Sie mich nicht daran!“

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen.

„Aber wissen Sie auch, daß ich fast täglich einen Brief von ihr erhalte?“

„So ist es also wahr!“ rief der Fürst erregt. „Ich habe davon gehört, aber ich konnte es nicht glauben.“

„Von wem haben Sie es gehört?“ fuhr Aglaja erschrocken auf.

„Rogoshin sagte es mir gestern, nur sprach er es nicht ganz deutlich aus.“

„Gestern? Gestern morgen? Wann gestern? Vor dem Konzert oder nachher?“

„Nachher; spät am Abend, kurz vor zwölf.“

„A–a, nun, wenn’s Rogoshin ... Aber wissen Sie auch, was sie in diesen Briefen schreibt?“

„Ich würde mich über nichts wundern, sie ist ja wahnsinnig.“

„Hier sind diese Briefe.“ Aglaja zog aus ihrer Tasche drei Briefe in drei Kuverts hervor und warf sie dem Fürsten hin. „Schon seit einer ganzen Woche fleht sie mich an, beredet, beschwört sie mich, Sie zu heiraten. Sie ist ... nun ja, sie ist klug, wenn sie auch wahnsinnig ist, und Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß sie viel klüger sei als ich ... sie schreibt, daß sie in mich verliebt sei, daß sie jeden Tag eine Gelegenheit suche, um mich, wenn auch nur von ferne, zu sehen. Sie schreibt, daß Sie mich lieben, sie wisse es ganz genau, habe es schon längst bemerkt, und Sie hätten dort mit ihr auch über mich gesprochen. Sie will Sie glücklich sehen; sie ist überzeugt, daß nur ich Ihr Glück ausmachen könne ... Sie schreibt so sonderbar ... so ungeheuerlich ... Ich habe ihre Briefe keinem Menschen gezeigt, ich habe Sie erwartet; wissen Sie, was das alles zu bedeuten hat? Erraten Sie nichts?“

„Das ist Wahnsinn, ein Beweis ihres Irrsinns,“ sagte der Fürst mit bebenden Lippen.

„Weinen Sie nicht gar?“

„Nein, Aglaja, nein, ich weine nicht.“ Er blickte sie an.

„Was soll ich nun hier tun? Wozu würden Sie mir raten? Ich kann doch nicht ewig diese Briefe empfangen!“

„O, lassen Sie sie, ich beschwöre Sie!“ rief der Fürst. „Und was sollten Sie auch in dieser Finsternis ... ich werde alles tun, damit sie keine Briefe mehr an Sie schreibt.“

„Wenn Sie das tun, dann sind Sie ein herzloser Mensch!“ rief Aglaja. „Oder sehen Sie denn wirklich nicht, daß sie nicht in mich verliebt ist, sondern in Sie, daß sie nur Sie allein liebt! Sollte Ihnen wirklich gerade dieses entgangen sein, während Sie doch alles andere bemerkt haben? Wissen Sie, was diese Briefe bedeuten? – Eifersucht bedeuten sie! Es ist sogar noch mehr als Eifersucht! Sie wird ... Glauben Sie, daß sie Rogoshin wirklich heiraten wird, wie sie es hier in diesen Briefen schreibt? Töten wird sie sich am nächsten Tage nach unserer Hochzeit!“

Der Fürst fuhr zusammen. Sein Herz stand still. Doch verwundert sah er Aglaja an und plötzlich begriff er, daß dieses Kind längst Weib war.

„Aglaja, um ihr die Ruhe wiederzugeben und sie glücklich zu machen, würde ich mein Leben hingeben, aber ... jetzt kann ich sie nicht mehr lieben und das weiß sie!“

„So opfern Sie sich doch, das würde Ihnen ja so gut stehen. Sie sind ja ein so großer Wohltäter! Und, bitte, nennen Sie mich nicht ‚Aglaja‘ ... Sie haben dreimal einfach ‚Aglaja‘ gesagt ... Sie meinen, es ist Ihre Pflicht, sie wieder aufzurichten, Sie müssen wieder mit ihr reisen, um ihr Herz zu beruhigen und zu versöhnen. Sie lieben doch keine andere als gerade sie!“

„Ich habe mich nicht so opfern können, obschon ich es einmal wollte und ... vielleicht auch jetzt noch will. Ich weiß aber, ich weiß, daß sie mit mir unglücklich werden würde, und deshalb verlasse ich sie. Ich sollte sie heute um sieben Uhr sehen; jetzt werde ich vielleicht nicht zu ihr gehen. In ihrem Stolz wird sie mir nie meine Liebe verzeihen – und so würden wir beide zugrunde gehen. Das ist unnatürlich, aber ist hier nicht alles unnatürlich? Sie sagen, daß sie mich liebt, aber ist denn das Liebe? Kann denn hier wirklich noch von Liebe die Rede sein, nach allem, was ich erduldet habe! Nein, hier ist es etwas ganz anderes, nicht aber Liebe!“

„Wie bleich Sie sind!“ sagte Aglaja plötzlich erschrocken.

„Ich habe wenig geschlafen, es ist nichts ... ich bin abgespannt, ich ... wir haben damals in der Tat von Ihnen gesprochen, Aglaja ...“

„So ist es wahr? Sie haben wirklich mit ihr über mich sprechen können und ... und wie konnten Sie mich liebgewinnen, wenn Sie mich doch nur erst einmal gesehen hatten?“

„Ich weiß nicht, wie ich es konnte. In jenem Dunkel, in dem ich mich damals befand, träumte ich ... träumte ich vielleicht von einer Morgenröte. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich an Sie dachte, an Sie zuerst und vor allen anderen. Ich habe Ihnen damals die volle Wahrheit geschrieben, ich wußte es wirklich nicht. Alles das war nur eine Illusion ... die durch das damalige Entsetzen heraufbeschworen wurde ... Dann begann ich zu lernen; ich wäre wohl vor drei Jahren nicht wieder hergereist ...“

„Sie sind also ihretwegen gekommen?“

Es war ein Beben in Aglajas Stimme.

„Ja, ihretwegen.“

Zwei Minuten lang herrschte düsteres Schweigen zwischen ihnen. Dann erhob sich Aglaja von ihrem Platz.

„Wenn Sie sagen,“ begann sie mit unsicherer Stimme, „wenn Sie selbst glauben, daß dieses ... Ihr Frauenzimmer ... wahnsinnig ist, so ... habe ich mit ihren wahnsinnigen Phantasien nichts zu schaffen ... Ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch, diese drei Briefe an sich zu nehmen und sie ihr vor die Füße zu werfen, in meinem Namen! Und wenn sie,“ schrie plötzlich Aglaja wie rasend, „wenn sie es noch einmal wagt, mir auch nur eine Zeile zu schreiben, so – sagen Sie ihr das – werde ich mich bei meinem Vater beklagen, und dann wird man sie ins Zuchthaus werfen ...“

Der Fürst sprang auf und blickte sie verständnislos an, ganz erschrocken durch ihre plötzliche Heftigkeit. Und plötzlich fiel es auch ihm wie Schuppen von den Augen ...

„Sie können nicht so fühlen ... das ist nicht wahr,“ murmelte er.

„Doch! Es ist wahr, es ist wahr!“ schrie Aglaja wie rasend, als hätte sie jede Besinnung verloren.

„Was ist wahr? Was soll hier wahr sein?“ ertönte plötzlich eine angstvolle Stimme.

Vor ihnen stand Lisaweta Prokofjewna.

„Das ist wahr, daß ich Gawrila Ardalionytsch heiraten werde! Daß ich Gawrila Ardalionytsch liebe und morgen noch mit ihm entfliehe!“ wandte sich Aglaja zornbebend an die Mutter. „Haben Sie es jetzt gehört? Ist Ihre Neugier befriedigt? Sind Sie zufrieden damit?“

Und sie wandte sich schroff um und lief davon.

„Nein, mein Bester, so gehen Sie mir nicht fort,“ hielt Lisaweta Prokofjewna den Fürsten auf, „haben Sie die Güte, sich zu uns zu bemühen und mir das ein wenig zu erklären ... Hat mich doch meine Ahnung die ganze Nacht gequält und nicht schlafen lassen! ...“

Der Fürst folgte ihr.