Auch der Fürst verbrachte diesen Morgen in düsterer Stimmung: schwere Vorahnungen lasteten auf ihm. Am meisten quälte ihn, daß seine Trauer – er wußte eigentlich selbst nicht, wie er diese Empfindung nennen sollte – in ihrer Art so unbestimmt war. Vor ihm standen die Tatsachen grell, schwer und unverrückbar, doch seine Trauer ging über alles hinaus, was er dachte oder sich vorstellte, und er fühlte, daß er sich allein nicht würde beruhigen können. Da erhob sich in ihm allmählich eine Erwartung, die immer größer und schließlich zu der Überzeugung wurde, daß heute noch etwas Besonderes und Entscheidendes mit ihm geschehen würde. Der Anfall, den er am Abend vorher gehabt hatte, war ein leichter gewesen: abgesehen von der traurigen, müden Stimmung, einer gewissen Schwere im Kopf und in den Gliedern, fühlte er sich weiter nicht krank. Seine Gedanken waren verhältnismäßig klar und bewußt. Als er am Morgen aufgewacht, war es schon ziemlich spät gewesen, und er hatte sich sogleich des Abends bei Jepantschins erinnert. Der Einzelheiten freilich entsann er sich nicht so genau, aber er wußte doch, daß er etwa eine halbe Stunde nach seinem Anfall nach Hause geschafft worden war. Er erfuhr alsbald, daß Jepantschins sich schon am Morgen nach seinem Befinden hatten erkundigen lassen, und um halb zwölf erschien der Diener zum zweitenmal. Diese Teilnahme erweckte in ihm ein angenehmes Gefühl. Wjera Lebedewa war der erste Mensch, den er an diesem Morgen zu Gesicht bekam. Als sie eintrat und ihn erblickte, brach sie plötzlich in Tränen aus, doch als der Fürst sie dann beruhigte, lachte sie bald wieder. Das große Mitleid dieses jungen Mädchens machte einen fast erschütternden Eindruck auf ihn, und plötzlich ergriff er ihre Hand und küßte sie. Wjera erschrak und wurde rot.
„Ach, nicht doch, was tun Sie!“ rief sie schnell und verlegen und zog rasch die Hand fort.
Sie verließ ihn in seltsamer Verwirrung.
Um zwölf Uhr erschien Lebedeff, der sich bereits in aller Frühe eilig zum „Seligen“ – so nannte er den General, obgleich dieser immer noch lebte – begeben hatte, um zu erfahren, ob er nicht seinen Geist schon im Laufe der Nacht aufgegeben, was jedoch noch nicht geschehen war. Beim Fürsten trat er „nur auf einen Moment“ ein, „einzig um sich nach seiner werten Gesundheit zu erkundigen“ usw., und begab sich dann wieder in sein Schlafgemach, um nochmals sein „Schränkchen“ zu inspizieren – nur zu diesem Zweck war er nach Hause gekommen. Beim Fürsten hatte er bloß Ach und Weh gejammert und ein paar Versuche gemacht, Näheres über den Abend bei Jepantschins und den „Anfall“ zu erfahren, obschon er, wie der Fürst sogleich erriet, von allem bereits ganz genau unterrichtet war. Kaum war Lebedeff gegangen, da erschien Koljä, gleichfalls „nur auf einen Augenblick“: dieser aber hatte es in der Tat sehr eilig und war äußerst aufgeregt. Er begann sogleich damit, daß er den Fürsten inständig bat, ihm doch alles zu sagen, was man vor ihm verheimlichte, das meiste habe er ja doch schon erraten. Der Fürst erzählte ihm denn auch möglichst schonend, wie Lebedeff sein Geld plötzlich vermißt und dann wieder gefunden hatte, doch der arme Knabe war trotzdem tief erschüttert. Er vermochte kein Wort hervorzubringen und plötzlich rannen ihm helle Tränen über die Wangen. Der Fürst fühlte, daß diese Mitteilung für den Knaben einer jener Eindrücke war, die ewig unvergeßlich bleiben und im Leben des Jünglings einen Bruch bedeuten, von dem ab er mit anderen Augen in die Welt zu schauen beginnt. Daher beeilte sich der Fürst, ihm seine persönliche Auffassung der Angelegenheit zu erklären, und er fügte noch hinzu, daß der Schlaganfall des alten Mannes seiner Meinung nach nur eine Folge des eigenen Entsetzens über diesen Fehltritt sei, der wohl nicht einem jeden so nahe gegangen wäre. Koljäs Augen blitzten auf, als der Fürst zu Ende gesprochen hatte.
„Dieser Schuft Ganjka, und Warjä und Ptizyn gleichfalls! Ich will mich mit ihnen nicht weiter herumstreiten, aber von Stund an sind unsere Wege getrennt! Ach, Fürst, wenn Sie wüßten, wieviel Neues ich seit gestern empfunden habe! Das war meine Lehre! Ich muß jetzt für meine Mutter sorgen. Sie ist ja wohl bei Warjä gut aufgehoben, aber das ist doch nicht das ...“
Plötzlich fiel es ihm ein, daß man ihn zu Hause erwarte, und eilig sprang er auf, erkundigte sich nur noch schnell nach dem Befinden des Fürsten, und als dieser geantwortet, fragte er plötzlich:
„Und sonst gibt’s nichts? ... Ich hörte gestern ... übrigens habe ich nicht danach zu fragen ... aber wenn Sie einmal eines treuen Dieners bedürfen, so vergessen Sie nicht, daß ... er jetzt vor Ihnen steht. Ich glaube, wir sind beide nicht glücklich, nicht? Doch ... ich will Sie nicht ausforschen, schon gut, schon gut ...“
Er ging, und der Fürst blieb noch nachdenklicher zurück: alle sprachen von Unglück, alle sahen sie ihn an, als wüßten sie etwas, was er noch nicht wußte. Lebedeff wollte ihn ausforschen, Koljä machte Anspielungen und Wjera weinte – was hatte das alles zu bedeuten? „Ach, das ist doch nur mein verwünschter krankhafter Argwohn!“ dachte er schließlich halb ärgerlich. Wie erhellte sich aber sein Gesicht, als nach zwei Uhr plötzlich Jepantschins bei ihm erschienen. Die waren jedoch wirklich „nur auf einen Augenblick“ gekommen. Lisaweta Prokofjewna hatte, nachdem sie von der Frühstückstafel aufgestanden, erklärt, daß sie sogleich alle spazieren gehen würden. Diese Benachrichtigung war von ihr sehr kurz, trocken und in durchaus befehlender Form geschehen. Und so gingen sie alle, d. h. die Mama und die Töchter und Fürst Sch. Doch als sie in den Park hinaustraten, schlug die Generalin nicht den Weg ein, auf dem sie täglich spazieren gingen, sondern begab sich in die entgegengesetzte Richtung. Da wußten alle, wohin es ging, doch schwiegen sie, um die Mutter nicht zu reizen, denn diese ging bereits, gleichsam um sich vorwurfsvollen Blicken oder Einwendungen zu entziehen, allen voraus und sah sich auch kein einziges Mal nach ihnen um. Endlich bemerkte Adelaida, daß man auf einem Spaziergang doch nicht so schnell zu gehen brauche, man könne ja der Mama kaum folgen.
„Hört jetzt,“ wandte sich da plötzlich Lisaweta Prokofjewna zurück, „wir sind sogleich bei seiner Villa angelangt. Gleichviel wie Aglaja über ihn denkt oder was da sonst geschehen ist, jedenfalls ist er für uns kein Fremder und außerdem jetzt noch krank und unglücklich. Ich wenigstens werde bei ihm eintreten: wer mir folgen will, mag kommen, wer nicht, der gehe weiter; der Weg ist nicht gesperrt.“
Natürlich folgten ihr alle.
Der Fürst beeilte sich, wie es sich gehörte, nochmals seine Entschuldigung zu machen, wegen der Vase und des ... „Skandals“.
„Nun, das hat nichts auf sich,“ antwortete die Generalin. „Nicht die Vase tut mir leid, sondern du tust mir leid. So siehst du jetzt selbst ein, daß du einen Skandal verursacht hast – am Morgen ist man gewöhnlich klüger. Aber was soll man da ... jetzt hat doch ein jeder gesehen, daß mit dir nichts zu wollen ist ... Nun, auf Wiedersehen, wir wollen dich nicht aufhalten. Wenn du kannst, so mach’ jetzt einen Spaziergang und dann leg’ dich wieder hin – das wäre mein Rat. Und wenn du Lust hast, komm wieder zu uns, nach alter Art. Jedenfalls sei ein für allemal überzeugt, daß du, was auch geschehen sein mag oder was auch noch geschehen sollte, der Freund unseres Hauses bleibst. Wenigstens mein Freund. Für mich selbst kann ich einstehen, dessen sei du versichert.“
Auf diese Herausforderung beeilten sich natürlich alle, den Fürsten derselben Gefühle für ihn zu versichern. Darauf verabschiedeten sie sich. Aber in dieser Eile, ihm etwas Freundliches und Ermunterndes zu sagen, lag doch eine große Grausamkeit, was Lisaweta Prokofjewna wohl ganz entgangen war. Aus der Aufforderung, sie „nach alter Art“ zu besuchen und der Bemerkung „wenigstens mein Freund“, glaubte der Fürst manches erraten zu können. Als er wieder allein war, suchte er sich Aglajas Gesicht während dieses Besuches zu vergegenwärtigen: sie hatte ihn mit ganz eigentümlichem Lächeln beim Kommen wie beim Gehen angesehen, doch hatte sie kein Wort gesprochen, selbst dann nicht, als die anderen ihn ihrer Freundschaft versichert hatten, obschon ihr Blick zweimal durchdringend auf ihm geruht hatte. Ihr Gesicht war bleicher gewesen als sonst, als hätte sie in der Nacht schlecht geschlafen. Da beschloß denn der Fürst, am Abend „nach alter Art“ zu ihnen zu gehen, und immer wieder sah er in fieberhafter Ungeduld nach der Uhr.
Plötzlich erschien Wjera bei ihm. Es war noch nicht lange nachdem Jepantschins fortgegangen waren.
„Lew Nikolajewitsch,“ sagte sie, „mir hat Aglaja Iwanowna soeben eine Botschaft an Sie aufgetragen.“
Der Fürst zuckte zusammen und stand fast zitternd vor ihr.
„Einen Brief?“
„Nein, mündlich, und auch das so schnell, daß ich sie kaum verstehen konnte. Sie läßt Sie bitten, heute den ganzen Tag zu Hause zu bleiben bis sieben oder bis neun Uhr abends, genau hörte ich es nicht.“
„Ja ... aber weshalb denn das? Was hat das zu bedeuten?“
„Das weiß ich nicht, nur sollte ich es Ihnen unbedingt sagen.“
„Hat sie das selbst so gesagt, ‚unbedingt‘?“
„Nein, das gerade nicht: sie hatte kaum Zeit, wandte sich sofort wieder ab. Aber ihrem Gesicht sah man an, daß es ‚unbedingt‘ war. Das Herz stand mir fast still vor Schreck, so sah sie mich an ...“
Der Fürst stellte noch einige Fragen, doch konnte er nichts Näheres erfahren, und das regte ihn noch mehr auf. Als Wjera hinausgegangen war, legte er sich auf den Diwan und begann nachzudenken. „Vielleicht wird dort wieder jemand bei ihnen sein, bis neun Uhr abends, und da fürchtet sie, ich könnte wieder etwas Ungeheuerliches verüben,“ meinte er schließlich und wieder blickte er ungeduldig nach der Uhr und sehnte den Abend herbei. Doch das Rätsel fand seine Lösung viel früher als er gedacht, eine Lösung, die wieder ein neues, quälendes Rätsel war: etwa eine halbe Stunde nach dem Besuch der Jepantschins kam Hippolyt zu ihm. Er war so erschöpft, daß er, als er schwankend eintrat, nicht einmal grüßte und fast besinnungslos auf einen Sessel niederfiel. Er bekam einen entsetzlichen Hustenanfall und spie Blut. Seine Augen glänzten fieberhaft und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke. Der Fürst sagte etwas zu ihm, bot ihm Wasser an, doch Hippolyt antwortete nicht und winkte nur mit der Hand ab, man solle ihn vorläufig in Ruhe lassen. Endlich legte sich der Husten und er kam wieder zu sich.
„Ich gehe!“ sagte er schließlich mühsam mit heiserer Stimme.
„Wollen Sie, ich werde Sie begleiten?“ fragte der Fürst, sich vom Diwan erhebend; doch plötzlich fiel ihm Aglajas Verbot ein und er zögerte unschlüssig.
Hippolyt lachte auf.
„Nicht von Ihnen gehe ich fort,“ sagte er, heiser hüstelnd und röchelnd und nach jedem längeren Satz rang er nach Atem. „Im Gegenteil, ich habe es für nötig befunden, zu Ihnen zu kommen, und zwar wegen einer wichtigen Angelegenheit ... sonst würde ich Sie nicht beunruhigen. Ich gehe ins – Jenseits, und diesmal, scheint es, wird es Ernst. Aus! Ich ... rede nicht, um Ihr Mitleid zu erwecken, wahrhaftig nicht ... Ich hatte mich heut’ schon hingelegt, um ganz im Bett zu bleiben, bis ... na ja. Aber dann überlegte ich mir die Sache noch mal und stand doch wieder auf, um zu Ihnen zu kommen ... folglich muß es doch notwendig gewesen sein.“
„Es tut weh, Sie so zu sehen. Hätten Sie mich doch rufen lassen, anstatt sich selbst herzubemühen.“
„Na genug, besten Dank. Sie haben mich bedauert und nun basta, der gesellschaftlichen Höflichkeit ist Genüge getan ... Ach, ganz vergessen: wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit?“
„Ich bin gesund. Gestern war ich ... nicht ganz ...“
„Hab’ gehört, hab’ gehört. Die chinesische Vase hat daran glauben müssen; schade, daß ich nicht zugegen war! Doch zur Sache. Erstens habe ich heut’ das Vergnügen gehabt, Gawrila Ardalionytsch und Aglaja Iwanowna bei einem Rendezvous an der grünen Bank zu sehen. Ich habe mich nur gewundert, bis zu welch einem Grade ein Mensch dumm aussehen kann. Das sagte ich auch zu Aglaja Iwanowna, als Gawrila Ardalionytsch fortgegangen war ... Sie, scheint es, pflegen sich über nichts mehr zu wundern, Fürst?“ unterbrach er sich, mißtrauisch das ruhige Gesicht des Fürsten betrachtend. „Sich über nichts wundern soll ein Beweis großer Klugheit sein, sagt man; mir jedoch will es scheinen, als könnte es auch ebenso große Dummheit beweisen ... Das war übrigens nicht auf Sie gemünzt, verzeihen Sie ... Ich bin heut’ sehr ungeschickt in meinen Ausdrücken.“
„Ich wußte es schon gestern, daß Gawrila Ardalionytsch ...“ Sichtlich verwirrt brach der Fürst ab, obschon sich Hippolyt über ihn ärgerte, weil er kein eigentliches Erstaunen an ihm zu bemerken vermocht hatte.
„Sie wußten! Das ist mal nett! Das wußte ich nicht! Doch übrigens – meinetwegen brauchen Sie’s auch nicht zu erzählen. Aber Zeuge des Stelldicheins sind Sie nicht gewesen?“
„Sie haben doch gesehen, daß ich nicht Zeuge gewesen bin ... wenn Sie selbst dort waren.“
„Na, man kann ja nicht wissen, vielleicht haben Sie irgendwo hinter einem Baum gesessen. Übrigens freut mich das, für Sie, versteht sich, denn ich dachte wirklich schon, daß Gawrila Ardalionytsch – bevorzugt und tatsächlich gekapert werde.“
„Ich bitte Sie, über diese Angelegenheit nicht mit mir zu sprechen, Hippolyt, und nicht solche Ausdrücke zu gebrauchen.“
„Um so mehr, als Sie bereits alles wissen.“
„Sie irren sich. Ich weiß so gut wie nichts, und das weiß Aglaja Iwanowna. Und selbst von diesem Stelldichein habe ich so gut wie nichts gewußt ... Sie sagen, sie hätten sich getroffen? Nun gut, dann haben sie sich getroffen, doch reden wir nicht davon ...“
„Ja, aber wie ist denn das: bald haben Sie gewußt, bald haben Sie nicht gewußt? Sie sagen: nun gut und Schwamm drüber, und ... Nein, wissen Sie, seien Sie lieber nicht so vertrauensvoll! Besonders nicht, wenn Sie nichts wissen. Doch Sie vertrauen ja auch nur deshalb, weil Sie nichts wissen. Aber wissen Sie denn nicht, was für Berechnungen diese beiden haben, das Brüderlein und ’s Schwesterlein? Mutmaßen Sie gar nichts? ... Gut, gut, ich rede nicht mehr davon ...“ unterbrach er sich, als er die ungeduldige Bewegung des Fürsten sah. „Doch ich bin ja in meiner eigenen Angelegenheit gekommen und will das nun ... erklären. Hol’s der Teufel, daß man doch auf keine Weise ohne Erklärungen sterben kann! Grauenvoll, wieviel ich ewig erkläre. Wollen Sie mich anhören?“
„Reden Sie, ich höre.“
„In ... indes, ... ich werde doch lieber meine Absicht ändern und dennoch mit Ganetschka beginnen. Stellen Sie sich vor, auch ich war heute zu einem Rendezvous bestellt, und zwar gleichfalls zur grünen Bank. Übrigens, ich will nicht lügen: ich hatte selbst auf dem Rendezvous bestanden, mich fast aufgedrängt, ein Geheimnis mitzuteilen versprochen. Ich weiß nicht, war ich nun zu früh gekommen – ich glaube, ich kam tatsächlich zu früh – jedenfalls hatte ich mich kaum neben Aglaja Iwanowna auf die Bank gesetzt, da – plötzlich – was sehe ich! – erscheinen Arm in Arm Gawrila Ardalionytsch und Warwara Ardalionowna, als gingen sie ganz harmlos ... bloß so ... spazieren! Sie schienen ganz perplex zu sein, als sie mich dort antrafen – das hatten sie sicherlich beide nicht erwartet, wurden ordentlich verlegen. Aglaja Iwanowna wurde rot und, glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, verlor sogar ein wenig den Kopf; ob nun deshalb, weil ich zugegen war, oder einfach beim Anblick Gawrila Ardalionytschs, das laß ich ungesagt. Er ist doch ein gar zu schöner Mann! Jedenfalls wurde sie rot, sammelte sich aber sehr schnell und erledigte die Geschichte im Augenblick, entsetzlich komisch, natürlich: sie erhob sich von der Bank, erwiderte den Gruß Gawrila Ardalionytschs – Warwara Ardalionowna hatte zuckersüß gelächelt – und plötzlich sagte sie wie aus der Pistole: ‚Ich wollte Ihnen nur persönlich meinen Dank aussprechen für Ihre aufrichtigen und freundschaftlichen Gefühle, und wenn ich jemals Ihrer bedürfen sollte, so seien Sie versichert ...‘ Hier machte sie eine Verbeugung und die beiden zogen ab – ob mit einer langen oder einer erhobenen Nase, lasse ich gleichfalls ungesagt. Ganjä jedenfalls mit einer langen, denke ich. Er schien aber nichts kapiert zu haben und wurde nur rot wie ein Krebs – wirklich frappant, was für einen Ausdruck sein Gesicht mitunter haben kann! – Die Warjä aber hatte wenigstens soviel begriffen, daß ein schleuniger Abschied geboten war und sie von Aglaja Iwanowna nichts mehr erwarten durften, und da zog sie den Bruder denn mit sich fort. Sie ist klüger als er und wird jetzt natürlich triumphieren ... Ich aber war gekommen, um mit Aglaja Iwanowna über ihre Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna zu sprechen.“
„Mit Nastassja Filippowna!“ rief der Fürst entsetzt.
„Aha! Sie, scheint es, beginnen jetzt doch, Ihre Kaltblütigkeit zu verlieren und sich zu wundern? Freut mich, daß auch Sie in etwas an einen Menschen erinnern wollen. Dafür werde ich Ihnen auch was Nettes erzählen. Ja, sehen Sie, es ist nicht so ohne, ‚hochherzigen‘ jungen Mädchen Dienste zu erweisen: ich habe heut’ eine Ohrfeige von ihr erhalten!“
„Eine ... mo–moralische?“ fragte der Fürst unwillkürlich.
„Ja, keine physische. Ich glaube, es würde sich keine Hand mehr erheben, um einen solchen, wie ich bin, zu schlagen; nicht einmal eine Frau würde es fertig kriegen; nicht einmal Ganetschka! ... Obschon ich einen Augenblick wirklich dachte, er würde sich auf mich stürzen ... Ich könnte wetten, daß ich weiß, was Sie soeben denken! Sie denken: ‚Nun ja, zu schlagen braucht man ihn nicht, dafür aber kann man ihn mit einem Kissen ersticken oder mit einem nassen Lappen im Schlaf – das müßte man sogar ...‘ Es steht auf Ihrem Gesicht geschrieben, daß Sie das denken, gerade in diesem Augenblick.“
„Niemals habe ich das gedacht!“ sagte der Fürst angewidert.
„Ich weiß nicht, heut’ nacht träumte mir, daß mich ... nun, jemand mit einem nassen Lappen ersticken wollte ... ein Mensch ... na, ich werde Ihnen sagen, wer: stellen Sie sich vor – Rogoshin! Was meinen Sie, kann man einen Menschen mit einem nassen Lappen ersticken?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ich habe gehört, daß man’s kann. Gut, lassen wir das. Nun, aber inwiefern bin ich denn eine Klatschbase? Weshalb hat sie mich heute eine Klatschbase genannt? Und wohlgemerkt: nachdem sie schon alles, auch das Letzte, angehört und mich obendrein noch ausgeforscht und sich einiges sogar zweimal hatte erzählen lassen ... Aber so sind ja die Weiber! Um ihr einen Dienst zu erweisen, hab’ ich mich mit Rogoshin in Verbindung gesetzt, mit diesem interessanten Mann; in ihrem Interesse habe ich die Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna arrangiert ... Oder war’s, weil ich ihre Eitelkeit verletzt hatte mit der Bemerkung, daß sie die ‚Nachbleibsel‘, das heißt, Nastassja Filippownas Speisereste mit Freuden nehme? Aber ich habe ihr das doch nur in ihrem Interesse die ganze Zeit zu erklären versucht, ich gestehe sogar, daß ich zwei Briefe in diesem Sinne an sie geschrieben habe, und dort auf der Bank sagte ich es ihr dann noch zum drittenmal mündlich ... Ich begann sogleich damit, daß ich ihr auseinandersetzte, wie erniedrigend das für sie wäre ... Überdies stammt das Wort ‚Nachbleibsel‘ gar nicht von mir: bei Ptizyns gebrauchen es alle, Ganetschka an der Spitze, und sie selbst hat’s ja noch bestätigt! Weshalb also nennt sie mich dann eine Klatschbase? Ich sehe, Sie finden mich furchtbar lächerlich ... ich könnte wetten, daß Sie soeben bei meinem Anblick an jenes dumme Gedicht gedacht haben –
‚Vielleicht wird einst noch meinen Lebensabend
Die Lieb’ mit einem Sonnenblick erhellen
Und lächelnd einen Abschiedsgruß gewähren.‘
Hahaha!“ brach er in hysterisches Lachen aus, das in einem Hustenanfall endete. „Und das Beste ...“ wollte er heiser fortfahren, doch wieder unterbrach ihn der Husten, „das Beste: Ganetschka spricht von ‚Nachbleibsel‘, was aber ist es denn, was er jetzt selbst ausnutzen will!“
Der Fürst schwieg lange Zeit; er war entsetzt, tief im Innersten aufgewühlt.
„Sie sprachen von einer Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna?“ fragte er schließlich unsicher.
„Eh, wissen Sie denn tatsächlich nicht, daß Aglaja Iwanowna und Nastassja Filippowna heute zusammenkommen werden? – daß Nastassja Filippowna einzig zu dem Zweck aus Petersburg herkommen wird, wozu sie von Aglaja Iwanowna durch meine und Rogoshins Vermittlung aufgefordert ist? Aber sie und Rogoshin befinden sich ja doch schon hier – gar nicht so weit von Ihnen – in demselben Hause, wo sie früher lebte, bei derselben Dame, bei Darja Alexejewna ... einer sehr zweideutigen Person – sie ist ja wohl ihre Freundin – nun, und dorthin in dieses zweideutige Haus wird sich heute Aglaja Iwanowna begeben, um sich freundschaftlich mit Nastassja Filippowna zu unterhalten und nebenbei noch einige Aufgaben zu lösen. Sie wollen sich, scheint’s, beide mit Arithmetik beschäftigen. Und das haben Sie nicht gewußt? Ihr Ehrenwort?“
„Das ist nicht möglich!“
„Nun gut, dann nicht; woher sollten Sie’s auch wissen? Obschon hier nur eine Fliege vorüberzufliegen braucht und ganz Pawlowsk weiß es – kolossal akustischer Ort, fürwahr! So, jetzt habe ich Sie vorbereitet und Sie können mir dankbar sein. Nun, auf Wiedersehen – in jener Welt voraussichtlich. Nur noch eines: ich habe zwar nicht immer ganz offen und ehrlich an Ihnen gehandelt, denn ... doch wozu sollte ich schließlich meinen Vorteil aus dem Auge lassen, wenn Sie mir das gefälligst erst erklären wollten? Etwa um Ihren Vorteil zu wahren? Ich habe doch meine ‚Beichte‘ ihr gewidmet – wußten Sie das nicht? Und wie sie das hinnahm! He–he! Aber ihr gegenüber habe ich mich nur anständig benommen, sie aber hat mich eine Klatschbase genannt und überführt ... Doch übrigens, auch vor Ihnen habe ich nichts ... na, auf dem Gewissen, wenn Sie wollen, denn wenn ich auch was von ‚Nachbleibsel‘ gesprochen habe, und alles das in besagtem Sinne – dafür habe ich Ihnen jetzt den Tag, die Stunde und den Ort der Zusammenkunft mitgeteilt ... aus Ärger, versteht sich, nicht aus Großmut. Nun, leben Sie wohl, ich bin schwatzhaft, wie eben ein Schwindsüchtiger. Im übrigen treffen Sie Ihre Vorkehrungen, und zwar so bald als möglich, wenn Sie überhaupt des Menschennamens wert sein sollen. Die Zusammenkunft findet heut’ abend statt.“
Hippolyt begab sich zur Tür.
„Dann wird also Ihrer Meinung nach Aglaja Iwanowna heute selbst zu Nastassja Filippowna gehen?“ fragte plötzlich der Fürst. Auf seinen Wangen und seiner Stirn traten rote Flecke hervor.
Hippolyt blieb stehen.
„Genau weiß ich es nicht, aber wahrscheinlich doch,“ meinte er halb zurückgewandt. „Ja, anders ist es auch gar nicht möglich. Nastassja Filippowna kann doch nicht zu ihr gehen? Und doch nicht etwa bei Ganetschka – dort ist eine halbe Leiche im Hause. Sie wissen doch, wie’s mit dem General steht? ...“
„Schon allein deshalb ist es nicht möglich!“ fiel ihm der Fürst erregt ins Wort, „wie sollte sie denn hingehn, selbst wenn sie es wollte? Sie kennen die ... Bräuche in diesem Hause nicht: sie kann nicht allein zu Nastassja Filippowna gehen, das ist ganz ausgeschlossen!“
„Sehen Sie, Fürst: im gewöhnlichen Leben pflegt man nicht aus dem Fenster zu springen, steht aber das Haus in Flammen, so wird selbst der größte Gentleman und die größte Grande-dame nicht Bedenken tragen, durch das Fenster zu flüchten. Wenn es nicht anders geht, dann ist nichts zu machen: dann wird sich auch Fräulein Jepantschin zu Nastassja Filippowna begeben. Dürfen sie denn nie allein ausgehen, die drei?“
„Nein, ich meinte nicht das ...“
„Na, wenn nicht das, dann braucht sie nur die paar Stufen in den Park hinabzusteigen, um geradeaus zu gehen, und später, wenn sie will, überhaupt nicht mehr zurückzukehren. Es gibt Fälle, in denen man sogar Schiffe hinter sich verbrennen und nicht nur nicht nach Hause zurückkehren kann. Das Leben besteht auch nicht nur aus Dejeuners, Diners und Fürsten Sch. ... Ich glaube, Sie halten Aglaja Iwanowna immer noch für ein Pensionsdämlein. Das habe ich ihr heut’ auch auf der Bank gesagt, und sie schien mir recht zu geben. Aber warten Sie: um sieben oder so um acht herum ... Ich würde an Ihrer Stelle einen Spion dorthin schicken, um genau zu erfahren, wann sie die Villa verläßt. Na, schicken Sie meinetwegen den Koljä; der wird sogar mit Vergnügen spionieren, für Sie, das heißt ... denn alles das ist doch nur relativ ... Ha–ha!“
Hippolyt verließ das Zimmer. Der Fürst hatte es nicht nötig, jemanden zum Spionieren hinzuschicken, ganz abgesehen davon, daß er dazu überhaupt nicht fähig gewesen wäre. Er wußte jetzt, was Aglajas „Befehl“ zu bedeuten hatte: sie wollte zu ihm kommen, um dann mit ihm zusammen zu jener zu gehen. Freilich ... es ließ sich auch eine andere Erklärung finden: vielleicht wollte sie, daß er zu Hause bliebe, um ihm nicht auf ihrem Wege dorthin zu begegnen oder ihn gar dort anzutreffen. Dem Fürsten schwindelte bei diesem Gedanken. Das ganze Zimmer schien sich im Kreise zu drehen. Er legte sich auf den Diwan und schloß erschöpft die Augen, dachte jedoch weiter nach.
Wie es sich nun auch verhalten mochte, über eines war er sich vollkommen klar: daß eine Entscheidung bevorstand. Nein, er hielt Aglaja nicht für ein Pensionsdämlein; er fühlte jetzt, daß er schon lange etwas von ihr gefürchtet hatte, und zwar gerade etwas Ähnliches. „Aber wozu will sie sie denn sehen, was will sie mit ihr reden?“ sagte er sich, und ein Frostschauer lief ihm über den ganzen Körper. Er fieberte.
Nein, er hielt sie gewiß nicht für ein Kind! In der letzten Zeit hatten ihn einzelne ihrer Blicke und Worte oft geradezu entsetzt. Bisweilen hatte es ihm geschienen, als bezwinge sie sich aus aller Kraft, vielleicht sogar über ihre Kraft, und gerade das war es – dessen entsann er sich genau –, was ihn am meisten entsetzt hatte. In all diesen Tagen hatte er sich bemüht, nicht daran zu denken und die schweren Gedanken zu verscheuchen, doch quälte ihn trotzdem unausgesetzt die Frage, was in dieser Mädchenseele vorging, obschon er unerschütterlich an den Sieg des Guten in ihr glaubte. Und nun sollten alle diese Probleme noch vor dem Abend ihre Lösung finden!! Der Gedanke war nicht zu ertragen! Und dann wieder – „jene andere“! Weshalb hatte es ihm immer geschienen, daß diese „andere“ gerade im letzten Augenblick kommen und sein ganzes Leben wie einen feingesponnenen Faden zerreißen würde? – Daß es ihm aber „immer schon so geschienen“, darauf hätte er jetzt jeden Schwur geleistet, ungeachtet dessen, daß er sich seines halb unzurechnungsfähigen Zustandes bewußt war. Wenn er sich in der letzten Zeit bemüht hatte, sie zu vergessen, so hatte er es doch nur getan, weil er sie fürchtete. Er fragte sich jetzt nicht mehr wie früher, ob er sie liebte oder haßte, denn er wußte jetzt, wen er liebte ... Doch nicht die Zusammenkunft dieser beiden Frauen, nicht die Beweggründe dieser Zusammenkunft, nicht die bevorstehende Entscheidung flößten ihm diese unerklärliche Furcht ein, nein, sondern – Nastassja Filippowna. Er entsann sich später, nach einigen Tagen, daß er in diesen Fieberstunden fast die ganze Zeit ihre Augen vor sich gesehen, und ihren Blick, daß er ihre Stimme gehört und Worte vernommen, von denen er sich jedoch keines einzigen mehr zu entsinnen vermochte. Kaum war ihm erinnerlich, wie Wjera ihm um sechs das Essen gebracht und wie er gegessen, und ebensowenig wußte er, ob er nachher geschlafen oder nicht geschlafen hatte. Er wußte nur, daß er erst von dem Augenblick an wieder klar und bewußt zu sehen und zu denken begonnen, als plötzlich Aglaja auf der Terrasse erschienen, und er vom Diwan aufgesprungen und ihr bis zur Mitte des Raumes entgegengetreten war. Die Uhr hatte kurz vorher sieben geschlagen. Aglaja war ganz allein gekommen. Sie trug ein schlichtes Kleid und hatte sich, wohl in der Eile, um schnell und unauffällig aus dem Hause zu kommen, nur einen leichten Umwurf über die Schultern geworfen. Ihr Gesicht war ebenso bleich wie am Vormittag, doch ihre Augen hatten einen seltsam hellen, trockenen Glanz, den er noch nie an ihnen gesehen hatte. Sie musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.
„Sie sind zum Ausgehen bereit,“ bemerkte sie leise und scheinbar ganz ruhig, „und haben sogar schon den Hut in der Hand; man hat Sie also vorbereitet und ich weiß, wer es getan hat: Hippolyt.“
„Ja, er hat mir gesagt ...“ stammelte der Fürst, fast halb tot vor Aufregung.
„Dann lassen Sie uns gehen. Sie wissen, daß Sie mich auf jeden Fall begleiten müssen. Sie sind doch soweit bei Kräften, denke ich, daß Sie gehen können?“
„Ich bin bei Kräften, aber ... ist es denn möglich!?“
Er verstummte plötzlich und sagte dann nichts mehr. Und das war sein einziger Versuch, sie von diesem wahnsinnigen Schritt abzuhalten. Darauf folgte er ihr, unfrei, wie ein Gefangener. Er wußte, daß sie auch ohne ihn dorthin gehen würde, und daß er folglich gezwungen war, ihr zu folgen. Und er erriet, wie fest ihr Entschluß war – er aber war nicht der Mann, der diesen wilden Ausbruch hätte aufhalten können. Schweigend setzten sie ihren Weg fort, fast kein Wort wurde während der ganzen Zeit gewechselt. Dem Fürsten fiel es auf, daß sie den Weg ganz genau zu kennen schien. Als er ihr den Vorschlag machte, einen etwas längeren, doch dafür stilleren Seitenweg zu wählen, zog sie die Brauen zusammen und schien ihn mit angestrengter Aufmerksamkeit anzuhören, sagte jedoch schroff:
„Gleichviel!“ und ging unbekümmert weiter.
Als sie sich dem Hause Darja Alexejewnas näherten – es war ein altes, großes, hölzernes Gebäude –, traten aus der Tür eine ältere Dame und ein junges Mädchen, beide auffallend elegant gekleidet, und nahmen in Nastassja Filippownas prächtigem Gefährt, das vor der Treppe hielt, lachend und laut plaudernd Platz. Aglaja und den Fürsten hatten sie mit keinem Blick gestreift, als hätten sie sie überhaupt nicht bemerkt. Kaum waren sie davongefahren, als sich die Tür wieder öffnete und Rogoshin Aglaja und den Fürsten eintreten ließ, worauf er die Tür hinter ihnen verriegelte.
„Im ganzen Hause ist jetzt niemand außer uns vieren,“ sagte er und blickte den Fürsten eigentümlich an.
Gleich im ersten Zimmer wartete Nastassja Filippowna, die gleichfalls sehr schlicht, ganz in Schwarz, gekleidet war. Sie erhob sich, als die anderen eintraten, lächelte jedoch nicht und reichte auch dem Fürsten nicht die Hand.
Ihr forschender, beunruhigter Blick heftete sich in ungeduldiger Frage auf Aglaja. Sie setzten sich ziemlich weit voneinander hin – Aglaja auf das Sofa in der einen Ecke des Zimmers, Nastassja Filippowna ans Fenster. Der Fürst und Rogoshin setzten sich nicht, sie wurden übrigens dazu auch nicht aufgefordert. Nur einmal blickte der Fürst verständnislos und gleichsam schmerzvoll Rogoshin an, doch dieser lächelte nur sein altes Lächeln. Das Schweigen dauerte eine Weile an.
Da ging plötzlich in Nastassja Filippownas Gesicht eine Veränderung vor sich: es war, als breite sich der Schatten eines kommenden Unheils über ihre Züge: ihr Blick wurde starr, hart und fast haßerfüllt und wandte sich auf keinen Augenblick von ihrem Gast ab. Aglaja war sichtlich verwirrt, doch ließ sie ihren Mut nicht sinken. Als sie eingetreten war, hatte sie ihre Feindin einmal angesehen, doch nun saß sie die ganze Zeit, ohne den Blick vom Boden zu erheben, als dächte sie nach. Nur ein- oder zweimal überflog sie, gewissermaßen wie aus Versehen, mit gedankenlosem Blick die Einrichtung des Zimmers, und auf ihrem Gesicht drückte sich Ekel aus, als hätte sie gefürchtet, sich hier zu beschmutzen. Ganz mechanisch ordnete sie ihr Kleid und unruhig wechselte sie einmal sogar den Platz, indem sie mehr in die eine Ecke des Sofas rückte. Es ist kaum anzunehmen, daß sie sich all dieser Bewegungen bewußt war, doch gerade die Unbewußtheit verstärkte noch das Beleidigende derselben. Endlich erhob sie den Blick und sah fest und offen Nastassja Filippowna in die Augen: und da las sie denn deutlich alles, was in dem haßerfüllten Blick ihrer Feindin glühte. Das Weib hatte das Weib verstanden. Aglaja zuckte zusammen.
„Sie ... wissen natürlich, weshalb ich Sie ... aufgefordert habe ...“ brachte sie schließlich hervor, jedoch sehr leise, und sie stockte dabei zweimal.
„Nein, ich weiß nichts,“ sagte Nastassja Filippowna kurz und trocken.
Aglaja errötete. Vielleicht kam es ihr plötzlich sehr seltsam und unglaublich vor, daß sie mit „dieser Person“ unter einem Dach saß und noch dazu ihrer Antwort bedurfte. Beim ersten Ton dieser Stimme war es wie ein Beben durch ihren Körper gegangen. Und alles das bemerkte natürlich sehr wohl „diese Person“.
„Sie wissen es sehr gut ... Sie tun aber absichtlich, als begriffen Sie nichts,“ sprach Aglaja kaum hörbar vor sich hin, während ihr Blick finster am Boden haftete.
„Weshalb sollte ich das?“ fragte Nastassja Filippowna, kaum, kaum lächelnd.
„Sie wollen meine Lage ... daß ich hier in Ihrem Hause bin ... ausnutzen ...“ fuhr Aglaja ungeschickt und lächerlich fort.
„An dieser Lage sind Sie schuld, nicht ich!“ sagte Nastassja Filippowna, der plötzlich das Blut ins Gesicht stieg. „Nicht ich habe Sie dazu aufgefordert, sondern Sie mich, und ich weiß bis jetzt noch nicht, weshalb.“
Aglaja erhob hochmütig den Kopf.
„Nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht! Ich bin nicht gekommen, um mit dieser Ihrer Waffe zu kämpfen ...“
„Ah! Dann sind Sie also doch gekommen, um zu ‚kämpfen‘? Denken Sie nur, ich dachte, Sie wären ... scharfsinniger ...“
Beide sahen sich an, ohne ihren Haß zu verbergen. Die eine von ihnen hatte noch vor kurzem glühende Briefe an die andere geschrieben: doch nun hatte es nur der ersten Begegnung, der ersten Worte bedurft, um alles Geschriebene vergessen zu lassen ... Und seltsam: in diesem Augenblick wunderte das keinen einzigen der vier Anwesenden. Der Fürst, der noch gestern etwas Ähnliches nicht einmal im Traume für möglich gehalten hätte, stand jetzt, sah und hörte, als hätte er das alles schon lange, lange so kommen gefühlt, und er fand es ganz natürlich, daß dieses phantastische Hirngespinst plötzlich grelle, scharf umrissene Wirklichkeit war. Die eine von diesen Frauen verachtete die andere so tief und hatte ein so leidenschaftliches Verlangen, dieser anderen ihre ganze Verachtung auch rückhaltlos zu zeigen (vielleicht war sie sogar nur deshalb gekommen, wie sich am nächsten Tage Rogoshin ausdrückte), daß kein einziger vorgefaßter Entschluß jener anderen – wie fanatisch sie auch in ihren phantastischen Ideen schon allein infolge ihrer kranken Seele und ihres vor Schmerz überspannten Geistes sein mochte – dieser gleichsam vergifteten, rein weiblichen Verachtung ihrer Gegnerin hätte widerstehen können, wie man meinen sollte. Der Fürst war überzeugt, daß Nastassja Filippowna nicht selbst von den Briefen zu sprechen beginnen würde; er hätte aber sein halbes Leben hingegeben, damit auch Aglaja es nicht täte.
Doch plötzlich nahm sich Aglaja zusammen und im Augenblick hatte sie sich wieder in der Gewalt.
„Sie haben mich mißverstanden,“ sagte sie, „ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen ... zu streiten, obwohl ich Sie nicht liebe. Ich ... ich bin gekommen, um menschlich mit Ihnen zu reden. Als ich Sie aufforderte, hatte ich bereits bei mir beschlossen, was ich Sie fragen würde, und meinen Entschluß gebe ich nicht auf, wenn Sie mich auch überhaupt nicht verstehen sollten. Das würde nur Ihnen, nicht mir schaden. Ich wollte Ihnen meine Antwort geben – auf Ihre Briefe, und zwar mündlich, weil mir das leichter erschien. So hören Sie denn: Fürst Lew Nikolajewitsch tat mir unsäglich leid schon an jenem Tage, an dem ich ihn zum erstenmal sah und kennen lernte, und noch mehr, als ich dann später alles erfuhr, was sich an jenem Abend bei Ihnen zugetragen hatte. Er tat mir deshalb leid, weil er ein so treuherziger Mensch ist und in seiner Treuherzigkeit glaubte, er könne glücklich werden mit ... einer Frau ... von Ihrem Charakter. Was ich für ihn fürchtete, geschah: Sie – Sie konnten ihn nicht wirklich lieben ... Sie haben ihn nur gequält und dann verlassen. Und lieben konnten Sie ihn deshalb nicht, weil Sie dazu zu stolz sind ... nein, nicht zu stolz, ich habe mich da falsch ausgedrückt –, sondern weil Sie zu ehrgeizig sind ... oder nein, auch nicht einmal das: Sie sind einfach selbstsüchtig bis ... bis zum Wahnsinn, was Ihre Briefe an mich deutlich beweisen. Sie konnten ihn, diesen offenherzigen Menschen, überhaupt nicht liebgewinnen, und vielleicht haben Sie ihn im geheimen sogar verachtet und sich über ihn lustig gemacht, denn Sie haben nur eines liebgewinnen können, und das ist Ihre Schande und der immerwährende Gedanke daran, daß Sie beschimpft sind und daß man Sie beleidigt hat. Wäre Ihre Schande geringer oder wäre sie überhaupt nicht vorhanden, so würden Sie sich unglücklicher fühlen ...“ Aglaja sprach mit unendlicher Genugtuung diese längst zurechtgedachten, ja fast kann man sagen – berechneten Worte aus, die sie sich vielleicht schon ausgedacht hatte, als ihr noch nicht einmal die Möglichkeit einer solchen Aussprache zwischen ihr und der anderen in den Sinn gekommen war; und mit gehässigem Blick verfolgte sie die Wirkung ihrer Worte auf dem schmerzverzerrten Gesicht Nastassja Filippownas. „Sie wissen,“ fuhr sie fort, „daß er vor drei Monaten einen Brief an mich geschrieben hat. Er sagte, daß Sie von diesem Brief wissen und ihn sogar gelesen haben. Aus diesem Brief glaubte ich alles zu erraten, und daß ich mich nicht täuschte, hat er mir später selbst bestätigt, indem er mir fast Wort für Wort alles das sagte, was ich Ihnen soeben gesagt habe. Nach dem Empfang dieses Briefes begann ich zu warten. Ich erriet, daß Sie unfehlbar hierher kommen würden, denn Sie können doch nicht ohne Petersburg auskommen: Sie sind noch viel zu jung und zu schön für die Provinz ... Übrigens sind das nicht meine Worte,“ fügte sie plötzlich errötend hinzu und von dem Augenblick an verließ die Röte nicht mehr ihr Gesicht. „Als ich dann den Fürsten wiedersah, tat mir die ihm widerfahrene Kränkung weh, und ich fühlte mich für ihn beleidigt. Lachen Sie nicht. Wenn Sie lachen, sind Sie nicht wert, das zu verstehen ...“
„Sie sehen, daß ich nicht lache,“ sagte Nastassja Filippowna traurig und mit ernstem Gesicht.
„Übrigens, wie Sie wollen, mir ist es gleichgültig. Als ich ihn dann selbst fragte, erzählte er mir, daß er Sie bereits längst nicht mehr liebe, daß sogar die Erinnerung an Sie ihm nichts als eine Qual sei, doch täten Sie ihm leid, und wenn er an Sie denke, dann sei es ihm, als wäre sein Herz auf ewig durchbohrt. Ich muß Ihnen noch sagen, daß ich in meinem Leben keinen Menschen angetroffen habe, der ihm an Edelmut, Treuherzigkeit und Vertrauen zu anderen Menschen gleichkäme. Ich begriff nach seinen Worten, daß ein jeder, der es nur will, ihn betrügen kann, er aber einem jeden, der ihn betrügt, gleichviel wer er sei, alles verzeihen wird, und gerade deshalb gewann ich ihn lieb ...“
Aglaja stockte einen Augenblick, gleichsam erschrocken und verwundert über sich selbst, daß sie ein solches Wort hatte aussprechen können. Doch schon nach einer Sekunde erglühte ihr Blick ganz plötzlich in grenzenlosem Stolz. Es schien, daß ihr jetzt alles gleichgültig wäre, selbst wenn „diese Person“ über das ihr entschlüpfte Geständnis gelacht hätte.
„Ich habe Ihnen alles gesagt. Jetzt werden Sie natürlich begriffen haben, was ich von Ihnen will.“
„Vielleicht habe ich es begriffen, aber – sprechen Sie es selbst aus,“ sagte Nastassja Filippowna leise.
Zorn flammte in Aglajas Gesicht auf.
„Ich wollte von Ihnen erfahren,“ sagte sie mit fester Stimme, langsam und deutlich, „mit welchem Recht Sie sich in seine Gefühle, die er für mich empfindet, eingemischt haben? Mit welchem Recht Sie gewagt haben, Briefe an mich zu schreiben? Mit welch einem Recht erklären Sie allaugenblicklich ihm und mir, daß Sie ihn lieben, nachdem Sie selbst ihn verlassen haben, so beleidigend und ... beschämend von ihm fortgelaufen sind?“
„Ich habe weder ihm noch Ihnen gesagt, daß ich ihn liebe,“ brachte Nastassja Filippowna mühsam hervor, „doch ... darin haben Sie recht – ich bin ihm fortgelaufen ...“ fügte sie kaum hörbar hinzu.
„Was, Sie hätten es ‚weder ihm noch mir‘ gesagt?“ rief Aglaja. „Aber Ihre Briefe? Wer hat Sie gebeten, uns zu verkuppeln, mich zu bereden, ihn doch anzunehmen? Ist denn das kein Geständnis Ihrerseits? Weshalb drängen Sie sich uns denn auf? Zuerst dachte ich, Sie wollten, im Gegenteil, Abneigung für ihn in mir hervorrufen, indem Sie sich zwischen uns drängten, damit ich mich von ihm abwendete. Später erst erriet ich, um was es sich handelte: Sie glaubten einfach, eine große Heldentat zu vollführen mit all diesen Verstellungen ... Wie, wie hätten Sie ihn denn lieben können, wenn Sie doch nur Ihren Hochmut lieben? Warum fuhren Sie nicht einfach von hier fort, anstatt mir diese lächerlichen Briefe zu schreiben? Warum heiraten Sie jetzt nicht diesen anständigen Menschen, der Sie so maßlos liebt und Ihnen die Ehre erweisen will, Sie zu heiraten? Das ist ja jetzt nur zu klar, warum Sie ihn nicht heiraten wollen: wenn Sie Rogoshin heiraten, wo bliebe dann Ihre Entehrung? Es wäre sogar viel zu viel Ehre für Sie! Jewgenij Pawlowitsch sagt von Ihnen, Sie hätten zu viel Romane gelesen und seien ‚viel zu gebildet für Ihre ... Stellung‘; Sie seien ein Büchermensch und eine Nichtstuerin; fügen Sie jetzt noch Ihren Hochmut hinzu, dann haben Sie alle Ihre Gründe ...“
„Und Sie sind keine Nichtstuerin?“
Allzu schnell, allzu offen war es zu dieser unerwarteten Wendung gekommen – unerwartet, denn Nastassja Filippowna hatte, als sie sich diesmal nach Pawlowsk begeben, noch von anderem geträumt, obschon sie selbstverständlich eher Schlechtes als Gutes geahnt. Aglaja aber hatte sich entschieden in einem einzigen Augenblick hinreißen lassen, und dann – dann war es für sie zu spät, ihrem entsetzlichen Rachebedürfnis zu widerstehen. Nastassja Filippowna kam es sogar ganz seltsam vor, Aglaja so zu sehen: sie sah sie an, als traue sie ihren Augen nicht, und im ersten Augenblick konnte sie sich gar nicht zurechtfinden, sie wußte nicht, was sie denken sollte. War sie nun eine Frau, die zu viel Romane gelesen hatte, wie Jewgenij Pawlowitsch von ihr annahm, oder war sie nur einfach wahnsinnig, wie es der Fürst glaubte – jedenfalls war dieses selbe Weib, das sich mitunter so zynisch und frech geben konnte, in Wirklichkeit doch viel schamhafter, zärtlicher und vertrauensvoller, als man es von ihr glauben mochte. Freilich hatte sie viel gelesen, es war viel Verträumtes, Sinnendes, in sich selbst Zurückgezogenes und Phantastisches in ihr, doch dafür war es stark und tief ... Das aber begriff der Fürst und sein Gesicht verriet seine Qual. Als Aglaja ihn ansah, las sie deutlich diese seine Empfindung und sie erzitterte vor Haß.
„Wie wagen Sie es, so zu mir zu sprechen?“ sagte sie mit unbeschreiblichem Hochmut als Antwort auf Nastassja Filippownas Frage.
„Sie haben sich wohl verhört,“ meinte Nastassja Filippowna verwundert. „Wie habe ich denn zu Ihnen gesprochen?“
„Wenn Sie nicht – so eine sein wollten, weshalb verließen Sie dann nicht einfach Ihren Verführer Tozkij ... ohne Theatervorstellungen?“ fragte plötzlich Aglaja ganz unvermittelt.
„Was wissen Sie von mir, daß Sie mich zu richten wagen?“ fragte Nastassja Filippowna zusammenzuckend und totenbleich.
„Ich weiß nur, daß Sie nicht hingegangen sind, um zu arbeiten, sondern es vorgezogen haben, mit dem Millionär Rogoshin fortzufahren und einen gefallenen Engel vorzustellen. Es wundert mich nicht, daß Tozkij sich fast hat erschießen wollen, um sich von diesem gefallenen Engel zu befreien!“
„Hören Sie auf!“ sagte Nastassja Filippowna angeekelt, und es war, als kämpfe sie einen Schmerz nieder: „Sie haben mich ebenso verstanden, wie ... Darja Alexejewnas Kammerzofe, die ihren Bräutigam in diesen Tagen beim Friedensrichter verklagt hat. Und auch die würde mich besser verstanden haben, als Sie ...“
„Wahrscheinlich ist sie ein ehrbares Mädchen, das von seiner Hände Arbeit lebt. Weshalb verhalten Sie sich denn mit solcher Verachtung zur Arbeit?“
„Nicht zur Arbeit verhalte ich mich mit Verachtung, sondern zu Ihnen, wenn Sie von Arbeit reden.“
„Wenn Sie ehrbar sein wollten, warum wurden Sie dann nicht Wäscherin?“
Beide erhoben sich, Aglaja hochrot, die andere totenbleich, und sahen sich gegenseitig unverwandt an.
„Aglaja, besinnen Sie sich! Das ist doch so ungerecht!“ rief der Fürst wie betäubt.
Rogoshin hatte aufgehört zu lächeln; er stand mit über der Brust verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen und hörte nur zu.
„Da, sehen Sie sie,“ begann Nastassja Filippowna plötzlich, zitternd vor Empörung, „sehen Sie dieses kleine Fräulein! Ich habe sie für einen Engel gehalten! Sie sind ohne Gouvernante zu mir gekommen, Aglaja Iwanowna? ... Aber wollen Sie ... wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich ganz offen, ohne Beschönigungen sagen, warum Sie zu mir gekommen sind? Weil Sie Angst bekommen haben, deshalb sind Sie gekommen.“
„Angst? Vor Ihnen?“ rief Aglaja außer sich vor naiver, empörter Verwunderung darüber, daß jene so zu ihr zu sprechen wagte.
„Natürlich vor mir! Gefürchtet haben Sie mich, wenn Sie sich entschließen konnten, zu mir zu kommen. Wen man aber fürchtet, den verachtet man nicht. Wenn ich denke, daß ich Sie geachtet habe, sogar bis zu diesem Augenblick! Aber wissen Sie auch, weshalb Sie mich fürchten und was für Sie der Hauptzweck Ihres Besuches war? Sie wollten sich persönlich überzeugen, ob er mich mehr als Sie liebe, oder nicht, denn Sie sind entsetzlich eifersüchtig ...“
„Er hat mir schon gesagt; daß er Sie haßt ...“ brachte Aglaja kaum hörbar hervor.
„Das kann gewiß so sein; es ist möglich, daß ich seiner nicht wert bin, nur ... nur haben Sie gelogen, denke ich! Er kann mich nicht hassen, und er kann das nicht so gesagt haben! Doch ich bin bereit, Ihnen zu verzeihen ... im Hinblick auf Ihre Lage ... nur habe ich doch höher von Ihnen gedacht; ich hielt Sie auch für klüger und sogar für edler, bei Gott! ... Nun, so nehmen Sie denn Ihren Schatz ... da ist er, sehen Sie doch, wie er Sie ansieht, er kann ja kaum zur Besinnung kommen! So nehmen Sie ihn denn für sich, aber unter der einen Bedingung: gehen Sie unverzüglich hinaus! Im Augenblick! ...“
Sie fiel in ihren Sessel zurück und brach in Tränen aus. Doch plötzlich blitzte etwas Neues in ihren Augen auf: unverwandt und aufmerksam sah sie Aglaja an und erhob sich wieder von ihrem Platz.
„Oder willst du, ich werde ihm sofort ... be–feh–len, hörst du? ihm nur be–feh–len, und er wird dich sofort verlassen und bei mir bleiben, ewig, und mich heiraten, du aber wirst allein nach Hause laufen? Willst du, willst du?“ schrie sie plötzlich laut wie eine Wahnsinnige, vielleicht ohne es selbst zu glauben, daß sie solche Worte hatte aussprechen können.
Aglaja war im ersten Schreck zur Tür gestürzt, doch plötzlich blieb sie wie gebannt stehen und hörte weiter zu:
„Willst du, ich jage Rogoshin davon? Du dachtest wohl, ich hätte mich mit Rogoshin nur zu deinem Vergnügen trauen lassen? Sieh, ich werde ihm sofort in deiner Gegenwart befehlen: ‚Geh’ fort, Rogoshin!‘ und dem Fürsten sage ich: ‚Weißt du noch, was du mir versprochen hast?‘ Gott! Wozu habe ich mich so vor ihnen erniedrigt? Warst du es nicht, Fürst, der mir beteuerte, daß du mir überall hin folgen würdest, was auch mit mir geschehen sollte, und daß du mich niemals verlassen würdest; daß du mich liebst und du mir alles verzeihst und mich acht... acht... Ja, auch das hast du gesagt! Und da bin ich, nur um dich zu befreien, von dir weggelaufen, jetzt aber will ich nicht! Weshalb hat sie mich wie eine Dirne behandelt? Frag’ Rogoshin, ob ich eine Dirne bin, er wird es dir sagen! Jetzt, nachdem sie mich beschimpft hat, und das noch dazu in deiner Gegenwart, wirst auch du dich von mir abwenden und ihr den Arm reichen, um sie von hier fortzuführen? So sei denn verflucht dafür, daß ich an dich allein geglaubt habe. Geh’ fort, Rogoshin, ich brauche dich nicht!“ schrie sie fast besinnungslos mit entstelltem Gesicht und trockenen Lippen, während sie jedes Wort nur mit Mühe aus der keuchenden Brust hervorstieß, offenbar, ohne selbst auch nur einen Augenblick an ihre Worte zu glauben, doch gleichzeitig von dem verzehrenden Verlangen beseelt, den Augenblick, wenn auch nur noch um eine Sekunde, zu verlängern und sich selbst zu betrügen. Dieser Ausbruch ihrer Leidenschaft war so stark, daß der Fürst bereits fürchtete, sie könnte auf der Stelle sterben. „Da ist er, sieh!“ schrie sie endlich Aglaja zu, mit der Hand auf den Fürsten weisend. „Wenn er jetzt nicht sofort zu mir kommt, nicht mich nimmt und dich verläßt, dann nimm ihn nur, ich trete ihn dir ab, ich brauch’ ihn nicht ...“
Sowohl sie wie Aglaja standen regungslos in starrer Erwartung und sahen beide wie Irrsinnige den Fürsten an. Er aber begriff vielleicht gar nicht die ganze Tragweite der Worte Nastassja Filippownas, begriff sie sogar bestimmt nicht. Er sah nur dieses verzweifelte, wahnsinnige Gesicht vor sich, das, wie er einmal zu Aglaja gesagt, sein Herz ‚auf ewig durchbohrt‘ hatte. Er konnte den Schmerz nicht mehr aushalten und wandte sich beschwörend und vorwurfsvoll an Aglaja, auf Nastassja Filippowna weisend:
„Ist denn das möglich! Sie ist doch ... so maßlos unglücklich!“
Doch kaum hatte er das ausgesprochen, da verstummte er vor Aglajas entsetzlichem Blick. Aus diesem Blick sprach ein solcher Schmerz und gleichzeitig so unendlicher Haß, daß er mit einem Schrei die Hände erhob und zu ihr stürzte, doch schon war es zu spät. Sie hatte sein Schwanken nicht einen Augenblick ertragen, hatte nur „O, mein Gott!“ hervorgestoßen, mit den Händen das Gesicht bedeckt und war aus dem Zimmer gestürzt. Rogoshin war ihr sogleich gefolgt und hatte den Riegel der Eingangstür zurückgezogen.
Auch der Fürst eilte ihr nach, doch auf der Schwelle umklammerten ihn plötzlich zwei Arme. Das entstellte, rasende Gesicht Nastassja Filippownas sah ihn starr an und ihre bläulichen Lippen fragten, kaum sich bewegend:
„Ihr nach? Ihr nach? ...“
Ohnmächtig fiel sie zu Boden. Er hob sie auf und trug sie zurück zu ihrem Sessel und blieb in stumpfer Erwartung vor ihr stehen. Auf einem kleinen Tisch stand ein Glas mit Wasser; Rogoshin, der aus dem Vorzimmer zurückkam, ergriff es schnell und besprengte ihr Gesicht. Sie schlug die Augen auf, doch schien ihr Blick noch nichts zu sehen; plötzlich bewegte sich der Blick, sie sah sich um, zuckte zusammen und aufspringend stürzte sie mit einem Schrei zum Fürsten.
„Mein! Mein!“ rief sie. „Ist sie fort, das stolze Fräulein? Ha–ha–ha!“ lachte sie hysterisch auf. „Ha–ha–ha! Und ich trat ihn diesem Fräuleinchen ab! Aber weshalb? Wozu? Ich Wahnsinnige! Ich Wahnsinnige! ... Geh fort, Rogoshin, hahaha!“
Rogoshin blickte sie beide eine Weile unverwandt an, sagte kein Wort, nahm seinen Hut und ging. Eine Viertelstunde später saß der Fürst neben Nastassja Filippowna, wandte keinen Blick von ihrem Gesicht und streichelte, wie man ein kleines Kind streichelt, mit beiden Händen ihre Wangen und ihr weiches Haar. Er lachte, wenn sie lachte, und war bereit, zu weinen, wenn sie weinte. Er sprach nichts – er lauschte nur aufmerksam auf ihr wirres, begeistertes Stammeln, von dem er wohl kaum etwas begriff, und sobald es ihm nur schien, daß sie sich wieder zu quälen beginne, sich Vorwürfe machen oder weinen wollte, dann beeilte er sich sogleich wieder, zärtlich mit seinen Händen ihren Kopf und ihre Wangen zu streicheln, tröstend und beruhigend, ganz wie man ein kleines Kind beruhigt.