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Sämtliche Werke 3-4 cover

Sämtliche Werke 3-4

Chapter 57: XI.
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About This Book

The narrative follows a compassionate, guileless man who returns to society and whose moral sincerity unsettles a circle of relatives and acquaintances. His entanglements with rival affections and an obsessive suitor trigger intense confrontations that probe sanity, guilt, and moral responsibility. The prose alternates close psychological observation, heated interpersonal scenes, and philosophical reflection to examine how innocence withstands manipulation, jealousy, and social hypocrisy. Through layered character studies and ethical debate, the work explores themes of compassion, self-destruction, redemption, and the limits of sympathy within a realist framework punctuated by spiritual and metaphysical questioning.

XI.

Eine Stunde später war der Fürst bereits in Petersburg, und um zehn Uhr läutete er bei Rogoshin. Er war von der Straße durch den Haupteingang des Hauses eingetreten und die breite Treppe hinaufgestiegen – doch in der Wohnung Rogoshins blieb alles still. Endlich öffnete sich die gegenüberliegende Tür, die zur Wohnung der Mutter Rogoshins führte, und eine alte peinlich saubere Dienerin blickte in den Treppenflur.

„Parfen Ssemjonytsch ist nicht zu Hause,“ meldete sie. „Wen wünschen Sie zu sprechen?“

„Parfen Ssemjonytsch.“

„Der ist nicht zu Hause.“

Die Dienerin betrachtete den Fürsten neugierig und mit prüfendem Mißtrauen.

„Sagen Sie mir dann wenigstens, ob er hier übernachtet hat? Und ... kam er gestern allein nach Hause?“

Die Dienerin fuhr fort, ihn zu betrachten, und antwortete nichts.

„War nicht gestern ... gestern abend ... Nastassja Filippowna mit ihm hier?“

„Erlauben Sie, zu fragen, wer geruhen Sie denn selbst zu sein?“

„Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, wir sind gut bekannt miteinander.“

„Er ist nicht zu Hause.“

Die Dienerin senkte den Blick.

„Aber Nastassja Filippowna?“

„Ich weiß nichts von ihr.“

„Warten Sie, warten Sie doch! Wann wird er denn zurückkommen?“

„Auch das weiß ich nicht.“

Und damit schloß sich die Tür.

Der Fürst nahm sich vor, nach einer Stunde wiederzukommen. Auf der Straße erblickte er im Vorübergehen am Hoftor den Hausknecht.

„Ist Parfen Ssemjonytsch zu Hause?“ fragte er ihn.

„Jawohl, Euer Gnaden.“

„Wie hat man mir denn soeben sagen können, daß er nicht zu Hause sei?“

„Hat man das bei ihm oben gesagt?“

„Nein, die Dienerin seiner Mutter sagte es. Aber ich habe bei Parfen Ssemjonytsch vergeblich geläutet, es hat mir niemand aufgemacht.“

„Kann auch sein, daß er ausgegangen ist,“ meinte der Hausknecht nach kurzem Nachdenken, „man kann ja nie wissen, er sagt nicht immer, wann er kommt und geht. Manchmal nimmt er auch den Schlüssel mit und drei Tage lang steht seine Wohnung verschlossen.“

„Weißt du genau, daß er gestern zu Hause war?“

„Gestern war er. Aber manchmal kommt er durch die Paradetür herein, da sieht man ihn dann nicht.“

„Aber weißt du nicht, ob Nastassja Filippowna gestern bei ihm war?“

„Das weiß ich nicht. Die geruht nicht oft zu kommen. Ich denke aber, wenn sie gekommen wäre, hätt’ ich’s wohl gesehen.“

Der Fürst trat aus dem Hoftor wieder auf die Straße und ging eine Weile in Gedanken versunken auf dem Trottoir. Die Fenster waren alle geschlossen, während die Fenster der Wohnung seiner Mutter fast alle weit offen standen. Es war ein heller, heißer Tag. Der Fürst ging über die Straße auf das andere Trottoir und blieb dort gegenüber dem Hause stehen, um noch einmal zu Rogoshins Fenstern hinaufzuschauen: sie waren nicht nur alle geschlossen, auch die weißen Stores waren überall heruntergelassen.

Der Fürst stand eine Weile unbeweglich und sah hinauf, und – seltsam! plötzlich schien es ihm, daß ein Vorhang ein wenig zur Seite geschoben wurde und Rogoshins Gesicht durch den schmalen Spalt auf die Straße sah ... doch im selben Augenblick auch schon wieder verschwand. Er wartete noch ein wenig und beschloß bereits, noch einmal hinzugehen und zu läuten, besann sich dann aber eines anderen und schob es auf: nach einer Stunde wollte er wiederkommen. „Und wer weiß,“ dachte er, „vielleicht hat es mir auch nur so geschienen“ ...

Seine erste Sorge war jetzt, schnell nach dem Ismailowskij Polk zu gelangen, in den Stadtteil, wo Nastassja Filippowna zuletzt gewohnt hatte. Er wußte, daß sie, als sie vor etwa drei Wochen auf seinen Wunsch oder seine Bitte hin Pawlowsk verlassen und nach Petersburg zurückgekehrt war, im Ismailowskij Polk bei ihrer ehemaligen guten Bekannten, einer Lehrerswitwe – es war das eine anständige Dame mit zahlreicher Familie, die fast nur vom Zimmervermieten lebte – gewohnt hatte. Er nahm an, daß Nastassja Filippowna nach ihrer Rückkehr nach Pawlowsk die gemieteten Zimmer nicht aufgegeben, und deshalb schien es ihm sehr möglich, daß Rogoshin sie gestern abend dorthin gebracht und daß sie daselbst übernachtet hatte. Um schneller hinzugelangen, nahm er eine Droschke. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß er ganz zuerst dorthin hätte gehen sollen, denn es war doch ganz ausgeschlossen, daß sie in der Nacht sofort zu Rogoshin gegangen wäre. Zugleich fielen ihm auch die Worte des Hausknechts ein, daß Nastassja Filippowna nicht oft hinzukommen „geruht“ habe – weshalb sollte sie dann gerade jetzt bei Rogoshin abgestiegen sein?

Zu seiner größten Bestürzung hatte man aber bei der Lehrerswitwe seit zwei Tagen nichts von Nastassja Filippowna gehört. Er selbst wurde wie ein Wunder angestaunt. Die ganze zahlreiche Familie der Lehrerswitwe – lauter Mädchen, alle Jahrgänge, von fünfzehn bis auf sieben – versammelte sich um die Mutter und starrte ihn mit offenen Mündern an. Ihnen folgte noch eine hagere Tante mit einem gelben Gesicht, die ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hatte, und nach dieser erschien auch noch die Großmutter der Familie, eine kleine Greisin mit einer riesigen Brille. Die Lehrerswitwe bat den Fürsten untertänig, doch näherzutreten und Platz zu nehmen, was der Fürst denn auch tat. Er erriet, daß sie bereits wußten, wer er war, und sich nicht wenig darüber wunderten, von ihm nach derjenigen gefragt zu werden, die doch seit gestern seine Frau sein mußte. Freilich wagten sie nicht, mit einer direkten Frage herauszurücken. Er erzählte in kurzen Worten, daß die Trauung nicht zustande gekommen war. Da ward dann die Verwunderung noch größer, und der Fürst sah sich genötigt, noch einige Erklärungen hinzuzufügen. Und dann kamen die Ratschläge der aufgeregten Damen: zunächst sollte er unbedingt Rogoshin aufsuchen – falls er zu Hause war, so lange schellen und klopfen, bis er die Tür aufmachte – und von ihm sich alles ganz genau erzählen lassen. War er jedoch nicht zu Hause – was zunächst mit Sicherheit festgestellt werden mußte –, oder falls er nichts mitteilen wollte: so sollte der Fürst sich nach dem Stadtteil Ssemjonowskij Polk zu einer deutschen Dame begeben, einer Bekannten Nastassja Filippownas, die bei ihrer Mutter lebte: vielleicht hatte sich Nastassja Filippowna in ihrer Aufregung, und um nicht sogleich vom Fürsten gefunden zu werden, zu dieser begeben und dort die Nacht verbracht. Der Fürst erhob sich fast ohnmächtig; wie die Familie später erzählte, sei er „entsetzlich bleich“ gewesen. Und in der Tat – die Füße trugen ihn kaum noch, das Stimmengewirr erschien ihm noch einmal so laut, als es war, er verstand fast kein Wort. Endlich begriff er, daß man ihm behilflich sein wollte und ihn fragte, wo er denn in der Stadt abgestiegen sei, damit sie ihm, falls sie etwas erfahren sollten, Nachricht zukommen lassen konnten. Er wußte ihnen aber keine Adresse anzugeben. Da rieten sie ihm, ein Hotel zu bestimmen. Der Fürst dachte nach und gab dann die Adresse jenes Gasthofes an, wo er vor etwa fünf Wochen abgestiegen war und wo er den schweren Anfall gehabt hatte. Darauf begab er sich wieder zu Rogoshin. Diesmal wurde ihm nicht nur bei Rogoshin nicht aufgemacht, auch in der Wohnung der Mutter blieb alles still. Da ging der Fürst zum Hausknecht, den er erst nach langem Suchen auf dem Hof fand. Dieser war mit irgend etwas beschäftigt und antwortete kaum auf die Fragen, ja, er sah den Fürsten nicht einmal an, erklärte aber doch in bestimmtem Tone, daß Parfen Ssemjonytsch früh am Morgen ausgegangen und nach Pawlowsk gefahren sei und heute nicht mehr nach Hause zurückkehren werde.

„Ich werde warten,“ sagte der Fürst. „Vielleicht kommt er doch noch am Abend zurück?“

„Kann sein, daß er auch ’ne ganze Woche nicht kommt, wer kann’s wissen.“

„Dann ist er aber doch in dieser Nacht zu Hause gewesen?“

„Gewesen ... was kann er nicht alles gewesen sein ...“

Diese Antwort und das ganze Gebaren des Hausknechts erschienen dem Fürsten sehr verdächtig: der Mann schien in der Zwischenzeit besondere Instruktionen erhalten zu haben: am Morgen war er harmlos-mitteilsam gewesen und jetzt plötzlich wollte er ihn kaum anhören. Doch der Fürst beschloß, nach etwa zwei Stunden wiederzukommen und dann, wenn es nötig sein sollte, vor dem Hause zu warten. Jetzt aber blieb ihm noch die eine Hoffnung, Nastassja Filippowna bei der deutschen Dame anzutreffen, und so fuhr er nach dem Ssemjonowskij Polk.

Doch bei der Deutschen begriff man überhaupt nicht, wie er dazu kam, sich bei ihnen nach Nastassja Filippowna zu erkundigen. Die schöne junge Dame hatte sich, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorging, bereits vor zwei Wochen mit ihr vollkommen entzweit und besaß nicht das geringste Interesse mehr für sie – „und wenn sie auch alle Fürsten der Welt heiraten sollte!“ Der Fürst beeilte sich, aus dem Hause fortzukommen. Unter anderem kam ihm auch der Gedanke, daß sie vielleicht wie damals nach Moskau gefahren war und Rogoshin natürlich ihr nach, oder sogar zusammen mit ihr. „Wenn man doch nur auf ihre Spur kommen könnte!“ dachte er gequält. Da entsann er sich der Verabredung mit der Lehrerswitwe, die ihm in den Gasthof an der Liteinaja Nachricht hatte senden wollen, und er beeilte sich sogleich, hinzugehen, um dort ein Zimmer zu belegen. Der Kellner fragte ihn, ob er auch zu frühstücken wünsche, und in der Zerstreutheit bejahte der Fürst die Frage. Doch kaum hatte sich der Kellner entfernt, da kam er plötzlich zur Besinnung und ärgerte sich unsäglich über sich selbst, weil ihn das Frühstück wenigstens eine halbe Stunde aufhalten würde, und erst nach einer Weile verfiel er darauf, daß ihn ja doch niemand festhielt und er das bestellte Frühstück ja gar nicht zu essen brauchte, wenn er nicht wollte. Ein seltsames Gefühl überkam ihn in diesem dunklen, dumpfen Korridor, ein Gefühl, das quälend danach strebte, sich in irgend einen festen Gedanken zu verwirklichen, aber er konnte nicht erraten, worin nun dieser neue, sich aufdrängende Gedanke bestand. Da verließ er endlich den Gasthof und trat hinaus auf die Straße. Ihn schwindelte ... wohin sollte er fahren? Er fuhr also wieder zu Rogoshin.

Rogoshin war noch immer nicht zurückgekehrt; er läutete, doch es wurde ihm nicht aufgemacht. Da läutete er auch an der anderen Tür; die alte Dienerin erschien wieder und sagte, daß Parfen Ssemjonytsch nicht zu Hause sei und vielleicht nicht vor drei Tagen kommen werde. Es wunderte den Fürsten nur, daß sie ihn wieder mit so unverhohlener Neugier betrachtete. Den Hausknecht fand er diesmal überhaupt nicht. Da ging er, wie am Morgen, auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte zu den Fenstern hinauf und ging wohl eine halbe Stunde in der quälenden Sonnenglut auf und ab, vielleicht auch noch länger, doch diesmal rührte sich nichts, die Fenster blieben geschlossen, und die Stores waren unbeweglich. Da setzte sich in ihm die Überzeugung fest, daß es ihm auch am Morgen nur so geschienen habe, denn auch die Fensterscheiben waren trübe und wohl seit langem nicht geputzt, so daß die kaum merkliche Bewegung des Vorhanges nur ein Flimmern des trüben Glases im Sonnenschein gewesen sein konnte. Erfreut über diese Erklärung fuhr er wieder zur Lehrerswitwe.

Dort hatte man ihn erwartet. Die Lehrerswitwe hatte sich inzwischen an drei oder vier Stellen erkundigt, ja, sie war sogar bei Rogoshin gewesen, doch hatte sie nichts erfahren können. Der Fürst hörte ihren Bericht schweigend an, trat dann ins Zimmer, setzte sich auf das Sofa und begann sie alle anzusehen – ganz als verstände er kein Wort von dem, was man zu ihm sprach. Und seltsam: bald bemerkte er alles, bald aber war er so zerstreut, daß er nichts sah noch hörte. Die ganze Familie erklärte später, daß er ein „erstaunlich wunderlicher“ Mensch gewesen sei an jenem Tage, so daß vielleicht damals schon „alles begonnen habe“. Endlich erhob er sich und bat, man möge ihm die von Nastassja Filippowna bewohnten Zimmer zeigen. Es waren das zwei große, hohe, helle Räume, sehr anständig eingerichtet und offenbar nicht billig. Die ganze Familie erzählte später, der Fürst habe jeden Gegenstand im Zimmer betrachtet. Auf einem kleinen Tisch habe er ein aufgeschlagenes Buch erblickt – es war ein französischer Roman, „Madame Bovary“ –, habe eine Ecke der aufgeschlagenen Seite eingebogen und um die Erlaubnis gebeten, das Buch mitnehmen zu dürfen, worauf er es, ohne auf die Einwendung, daß es ein Buch aus der Leihbibliothek sei, zu achten, in die Tasche gesteckt habe. Dann sei er ans offene Fenster getreten, habe sich dort hingesetzt, und da sei ihm ein mit Kreide beschriebener Spieltisch aufgefallen, und er habe gefragt, wer an ihm gespielt hätte. Hierauf hatten sie ihm erzählt, daß Nastassja Filippowna jeden Abend mit Rogoshin Karten gespielt habe, Duraki, Preference, Whist, Sechsundsechzig – kurzum, alle Spiele, die sie nur kannten, und zwar Abend für Abend, damals, als sie vor drei Wochen aus Pawlowsk nach Petersburg zurückgekehrt war und sich bei ihnen eingemietet hatte. Zuerst habe sich Nastassja Filippowna beklagt, daß es langweilig sei, denn Rogoshin habe ganze Abende gesessen und geschwiegen und kein Wort gesagt, und eines Abends sei sie in Tränen ausgebrochen. Da habe Rogoshin am nächsten Abend plötzlich ein Spiel Karten aus der Tasche hervorgezogen: Nastassja Filippowna hätte zu lachen begonnen, und dann sei an jedem Abend gespielt worden. Hierauf habe der Fürst gefragt, wo die Karten wären, mit denen sie gespielt hatten. Die Karten waren aber von Rogoshin jedesmal mitgebracht worden, an jedem Abend ein neues Spiel, und er hatte sie dann immer wieder mitgenommen.

Die Lehrerswitwe, deren Schwester und Mutter rieten ihm, noch einmal zu Rogoshin zu fahren, jedoch nicht sogleich, sondern erst gegen Abend, und dann möglichst stark die Klingel zu ziehen und an die Tür zu pochen, vielleicht würde er sich dann doch noch zeigen. Und die Lehrerswitwe erbot sich, inzwischen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna zu fahren, vielleicht wußte diese etwas näheres. Der Fürst aber sollte auf jeden Fall am Abend gegen zehn Uhr wiederkommen, damit sie sich für den nächsten Tag verabreden könnten. Der Fürst verließ sie ungeachtet aller Beruhigungen und Hoffnungsäußerungen innerlich ganz verzweifelt. Von unerklärlicher Sehnsucht gemartert, begab er sich nach seinem Gasthof. Der staubige, drückende Sommernachmittag Petersburgs umfing ihn herzbeklemmend, er fühlte sich förmlich wie in einen Schraubstock eingeklammert; müde drängte er sich durch das rohe, betrunkene Volksgetümmel auf den Straßen, blickte unbewußt in fremde Gesichter und machte vielleicht einen großen Umweg. Es war fast schon Abend, als er in sein Zimmer trat. Er wollte sich ein wenig erholen und dann wieder zu Rogoshin gehen, wie man ihm geraten hatte, und so setzte er sich denn aufs Sofa, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und versank in Gedanken.

Gott weiß, wie lange, und nur Gott mag wissen, an was er dachte. Vieles fürchtete er, und er fühlte, fühlte unter Schmerz und Qual, daß seine Angst ihm selbst unheimlich wurde. Da dachte er plötzlich an Wjera Lebedewa, und es kam ihm in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht etwas wissen konnte, vielleicht sogar von Rogoshin unterrichtet war, oder wenn nicht, dann doch leichter und schneller von ihm etwas erfahren könnte, als er, der Fürst, es vermochte. Plötzlich dachte er an Hippolyt und auch daran, daß Rogoshin zu Hippolyt gefahren war. Und plötzlich fiel ihm Rogoshin ein: Rogoshin in der Kirche bei der Totenmesse, dann Rogoshin im Park, und dann – plötzlich hier in der Treppennische, als er sich damals in der Dunkelheit verborgen und mit dem Messer auf ihn gewartet hatte. Er zuckte zusammen: der sich ihm aufdrängende Gedanke, den er vorhin nicht hatte fassen können, stand plötzlich vor ihm.

Dieser Gedanke bestand zum Teil darin, daß Rogoshin, wenn er sich in Petersburg befand und sich womöglich zeitweilig verbarg, schließlich doch unbedingt zu ihm, dem Fürsten, kommen würde, gleichviel ob in einer guten oder schlechten Absicht, und wär’s auch in derselben wie damals. Und wenn Rogoshin aus irgendeinem Grunde zu ihm kommen mußte, wohin sollte er dann gehen – da er doch keine Adresse wußte –, wenn nicht wieder in diesen selben Gasthof, wieder in diesen selben Treppenflur? Er konnte ja gar nichts anderes annehmen, als daß der Fürst in diesem Gasthof abgestiegen war. Wenigstens würde er hier nach ihm fragen ... wenn er seiner wirklich bedurfte. Und man konnte es ja nicht wissen, vielleicht bedurfte er seiner wirklich?

So dachte der Fürst und dieser Gedanke erschien ihm aus irgendeinem Grunde sehr möglich. Doch um keinen Preis würde er sich Rechenschaft darüber gegeben haben, wenn er sich in seinen Gedanken vertieft hätte: weshalb zum Beispiel Rogoshin seiner plötzlich so bedürfen könnte, und weshalb es ganz „ausgeschlossen“ war, daß sie sich zu guter Letzt nicht doch noch „treffen“ würden? Doch dieser Gedanke war nicht leicht. „Wenn er glücklich ist, dann wird er nicht kommen,“ fuhr der Fürst fort, zu denken, „er wird kommen, wenn er nicht glücklich ist – und er ist doch bestimmt nicht glücklich ...“

Wenn er aber davon überzeugt war, so hätte er Rogoshin im Gasthof, in seinem Zimmer, erwarten müssen. Doch es war, als könne er seinen neuen Gedanken nicht ertragen: plötzlich sprang er auf, ergriff seinen Hut und eilte hinaus. Im Korridor war es fast schon ganz dunkel. – „Wie, wenn er jetzt wieder aus jener Nische hervortritt und mich auf der Treppe anfällt?“ durchzuckte es ihn blitzartig, als er sich jener Stelle näherte. Doch es trat niemand hervor. Er stieg hinunter, trat hinaus aufs Trottoir, wunderte sich über die dichte Menschenmenge, die sich auf der Straße durcheinanderschob – wie in Petersburg gewöhnlich an den Hundstagen, sobald die Sonne sinkt –, und schlug unwillkürlich wieder die Richtung zur Gorochowaja, zum Hause Rogoshins ein. Etwa fünfzig Schritte vom Gasthof, in dem Gedränge an der dritten Straßenkreuzung, berührte ihn plötzlich jemand am Ellenbogen und sagte halblaut dicht an seinem Ohr:

„Lew Nikolajewitsch, komm mir nach, es ist nötig, Bruder.“

Es war Rogoshin.

Seltsam: der Fürst begann plötzlich, vor lauter Freude fast stotternd, fast nach Worten ringend, ihm zu erzählen, wie er ihn soeben im Gasthof, in seinem Zimmer und im Korridor erwartet hatte.

„Ich war dort,“ sagte Rogoshin ruhig, „gehen wir.“

Der Fürst wunderte sich über seine Antwort, wunderte sich aber erst nach etwa zwei Minuten, als er sie begriffen hatte. Als er aber dann über sie nachdachte, erschrak er und sah Rogoshin an. Dieser ging neben ihm fast einen halben Schritt voraus, sah starr vor sich hin, sah in keines der ihm begegnenden Gesichter und wich mit mechanischer Vorsicht allen aus.

„Weshalb hast du nicht nach mir gefragt ... wenn du im Gasthof warst?“ fragte plötzlich der Fürst.

Rogoshin blieb stehen, sah ihn an, dachte nach und sagte, als hätte er die Frage gar nicht verstanden:

„Höre, Lew Nikolajewitsch, du geh jetzt hier geradeaus, bis zum Hause, du weißt? Ich aber werde dort auf jener Seite gehen. Nur sieh zu, daß wir nicht auseinander kommen ...“

Nachdem er das gesagt, ging er über die Straße, trat auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte sich um, ob auch der Fürst ging, und als er sah, daß dieser stand und ihm mit weit offenen Augen unbeweglich nachschaute, winkte er ihm mit der Hand nach der Gorochowaja und ging selbst weiter, während er sich immer wieder umblickte, um nach dem Fürsten zu sehen und ihn zum Weitergehen aufzufordern. Er war sichtlich ermuntert, als er dann sah, daß der Fürst ihn begriffen hatte und ihm auf seinem Trottoir zur Gorochowaja folgte. Der Fürst dachte, daß Rogoshin irgend jemanden unterwegs suchen wollte und deshalb aufs andere Trottoir gegangen war, damit die Entgegenkommenden zwischen ihnen beiden durchgehen sollten und der Betreffende dann leichter zu finden sei. „Nur – warum hat er mir dann nicht gesagt, wer es ist, den er sucht?“ So gingen sie an fünfhundert Schritt, und plötzlich begann der Fürst aus irgendeinem Grunde zu zittern; Rogoshin fuhr immer noch fort, wenn auch seltener, sich nach ihm umzublicken. Doch der Fürst hielt es nicht mehr aus und winkte ihn mit der Hand zu sich herüber. Ohne zu zögern, kam Rogoshin sofort über die Straße zu ihm.

„Ist Nastassja Filippowna bei dir?“

„Bei mir.“

„Warst du es, der vorhin hinter dem Vorhang nach mir sah?“

„Ja, ich ...“

„Aber weshalb hast du denn ...“

Der Fürst wußte nicht, was er sagen, wie er die Frage beenden sollte – zudem pochte sein Herz so stark, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Rogoshin schwieg gleichfalls und sah ihn an wie vorhin, wie in Gedanken versunken.

„Nun, ich gehe,“ sagte er plötzlich, und er schickte sich an, wieder über die Straße zurückzugehen, „du aber geh hier weiter. Laß uns auf der Straße getrennt gehen ... so ist’s besser ... auf verschiedenen Seiten ... wirst sehen.“

Als sie endlich auf verschiedenen Trottoiren in die Gorochowaja einbogen und sich dem Hause Rogoshins näherten, wurden die Beine des Fürsten wieder so schwach, daß sie ihm fast den Dienst versagten und es ihm schon schwer wurde, zu gehen. Es war gegen zehn Uhr abends. Die Fenster auf der Hälfte, wo die alte Mutter wohnte, standen immer noch weit offen, die Fenster der Wohnung Rogoshins dagegen waren geschlossen, und in dem dämmrigen Abendlicht war’s, als würden die herabgelassenen weißen Vorhänge noch bemerkbarer. Der Fürst näherte sich dem Hause auf dem entgegengesetzten Trottoir, Rogoshin auf der Seite des Hauses, und als er bei der Tür anlangte, winkte er mit der Hand. Der Fürst ging über die Straße zu ihm. Sie traten auf die Treppe.

„Auch der Hausknecht weiß jetzt nicht, daß ich zurückkomme. Ich sagte vorhin, daß ich nach Pawlowsk fahre, auch bei der Mutter sagte ich es,“ flüsterte er mit einem listigen und fast zufriedenen Lächeln. „Wir gehen jetzt so leise hinein, daß uns niemand hört.“

Den Schlüssel hatte er bereits in der Hand. Als sie die massive Steintreppe hinaufstiegen, wandte er sich zum Fürsten zurück und erhob den Finger, zum Zeichen, daß der Fürst nur ja leise gehen solle. Leise schloß er die Tür zu seiner Wohnung auf, ließ den Fürsten eintreten, folgte ihm leise, schloß die Tür leise wieder hinter sich zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.

„Gehen wir,“ sagte er flüsternd.

Schon auf der Straße, auf der Liteinaja, hatte er begonnen, leise zu sprechen. Trotz seiner äußeren Ruhe befand sich sein Inneres in einer seltsamen tiefen Aufregung. Als sie in den Saal vor dem Arbeitskabinett traten, ging er leise an eines der Fenster und winkte geheimnisvoll den Fürsten zu sich heran.

„Als du vorhin dort bei mir läutetest, erriet ich hier sogleich, daß du es warst. Ich schlich mich zur Tür und da hörte ich, wie du mit der Pafnutjewna sprachst; ich aber hatte ihr schon in aller Frühe gesagt und anbefohlen, daß sie dann, wenn du oder von dir jemand oder gleichviel wer kommt und an meiner Tür zu klopfen anfängt – daß sie dann nichts sagen solle, unter keiner Bedingung, und besonders nicht, wenn du selbst kämest und nach mir fragen würdest. Ich nannte ihr deinen Namen. Dann aber, als du fortgingst, dachte ich: wenn er jetzt unten steht und nach oben sieht, oder auf der Straße wartet und aufpaßt? Da trat ich an dieses selbe Fenster, schob die Gardine etwas weg, sieh, da standest du und sahst gerade auf mich ... So war es.“

„Wo ist denn ... Nastassja Filippowna?“ fragte der Fürst stockend.

„Sie ... ist hier,“ antwortete Rogoshin langsam, als hätte er einen Augenblick mit der Antwort gezögert.

„Wo denn?“

Rogoshin erhob seinen Blick zum Fürsten und blickte ihn unverwandt an.

„Gehen wir ...“

Er sprach immer noch flüsternd und ohne sich zu beeilen, sprach langsam, und schon die ganze Zeit über eigentümlich nachdenklich.

Sie traten in das hohe Zimmer, das dem Vater als Arbeitszimmer gedient hatte. In diesem hatte sich, seit der Fürst es gesehen, einiges verändert: durch das ganze Zimmer zog sich ein Vorhang aus grünem Seidendamast, der zu beiden Seiten geteilt war, so daß man hindurchgehen konnte. Der Raum hinter dem Vorhang diente Rogoshin als Schlafzimmer, dort stand sein Bett. Der schwere Vorhang war heruntergelassen und die Eingänge waren zugezogen. Im Zimmer war es ziemlich dunkel; die „hellen“ Petersburger Nächte hatten nach der Sonnenwende schon ein wenig von ihrer Helligkeit eingebüßt, und wenn es nicht Vollmond gewesen wäre, hätte man in den dunklen Zimmern Rogoshins, deren Fenster noch dazu weiß verhängt waren, kaum etwas unterscheiden können. So aber konnte man wenigstens die Gesichtszüge erkennen. Das Gesicht Rogoshins war bleich, wie gewöhnlich; der Blick seiner Augen, die einen starken Glanz hatten, lag seltsam unbeweglich auf dem Fürsten.

„Wirst du nicht eine Kerze anzünden?“ fragte der Fürst.

„Nein, nicht nötig,“ sagte Rogoshin, und den Fürsten bei der Hand fassend, nötigte er ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen; er selbst setzte sich ihm gegenüber und zog seinen Stuhl so dicht heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Zwischen ihnen, etwas seitwärts, stand ein kleiner, runder Tisch. „Setz’ dich, sitzen wir ein wenig!“ sagte Rogoshin, als wolle er ihn zum Sitzen bereden. Eine Weile schwieg er. „Ich wußte, daß du in diesem Gasthause absteigen würdest,“ begann er dann wieder zu sprechen, wie man es zuweilen tut, wenn man nicht sogleich von der Hauptsache reden will und zuerst mit nebensächlichen Einzelheiten beginnt, die kaum eine unmittelbare Beziehung zur Sache haben. „Als ich in den Korridor trat, dachte ich bei mir: wer weiß, vielleicht sitzt er dort und erwartet mich jetzt ebenso wie ich ihn erwarte? Warst du bei der Lehrerin?“

„Ja,“ brachte der Fürst vor Herzklopfen kaum hervor.

„Auch daran dachte ich. Wird noch ein Gerede entstehen, dachte ich ... und dann dachte ich: ihn aber bringe ich zur Nacht her, damit wir diese Nacht noch zusammen sind ...“

„Rogoshin! Wo ist Nastassja Filippowna?“ flüsterte plötzlich der Fürst, und er erhob sich, an allen Gliedern zitternd.

Da erhob sich auch Rogoshin.

„Dort,“ sagte er leise, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

„Schläft sie?“ flüsterte der Fürst.

Wieder sah ihn Rogoshin unbeweglich an.

„Nun denn, meinetwegen! ... Nur, wirst du auch ... nun, gehen wir!“

Er trat zum Vorhang, schob ihn zur Seite, blieb stehen und wandte sich zum Fürsten zurück.

„Komm!“ sagte er und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf, einzutreten, während er den Vorhang zur Seite hielt.

Der Fürst trat in den Schlafraum.

„Hier ist es dunkel,“ sagte er.

„Man kann sehen!“ murmelte Rogoshin.

„Ich sehe kaum ... ein Bett.“

„Geh doch näher,“ forderte Rogoshin leise auf.

Der Fürst trat einen Schritt näher, dann noch einen Schritt, und blieb stehen. Er stand und schaute unbeweglich eine lange Zeit. Beide sprachen sie die lange Zeit über, die sie am Bett standen, kein Wort. Das Herz des Fürsten schlug so laut, daß es, wie es schien, im Zimmer zu hören war, bei dem toten Schweigen, das hier herrschte. Doch sein Auge gewöhnte sich langsam an das Licht, so daß er bereits das ganze Bett deutlich unterscheiden konnte; es schlief jemand auf dem Bett, in vollkommen reglosem Schlaf; nicht das geringste Geräusch, nicht das geringste Atmen war zu hören. Der Schlafende war vom Kopf bis zu den Füßen mit einem weißen Laken bedeckt, doch die Glieder zeichneten sich seltsam undeutlich ab, man sah nur an den Umrissen und den Erhöhungen, daß es ein Mensch war, der auf dem Rücken ausgestreckt lag. Ringsum, auf dem Bett, auf dem Sessel am Fußende des Bettes, sogar auf dem Fußboden neben dem Sessel lagen weiße Kleidungsstücke unordentlich hingeworfen, ein weißes kostbares Seidenkleid, Blumen, Bänder. Auf dem kleinen Tisch am oberen Ende des Bettes lag verstreut blitzendes Geschmeide. Am unteren Ende des Bettes waren irgendwelche Spitzen zusammengeschoben, und von dem weißen Gekräusel hob sich, unter dem Laken hervorschimmernd die Spitze eines nackten Fußes ab: sie war wie aus Marmor gemeißelt und erschien unheimlich regungslos. Der Fürst sah und fühlte – je länger er sah, um so toter und lautloser wurde es im Zimmer. Plötzlich begann eine erwachte Fliege zu summen, flog über das Bett und verstummte am oberen Ende. Der Fürst fuhr zusammen.

„Gehen wir,“ sagte Rogoshin, indem er ihn leise am Arm berührte.

Sie traten hinaus aus dem Schlafraum, setzten sich auf dieselben Stühle und saßen schweigend wieder einander gegenüber. Der Fürst zitterte, immer heftiger wurde sein Zittern. Er wandte seinen fragenden Blick nicht einmal auf eine Sekunde von Rogoshins Antlitz ab.

„Du, ich sehe, du zitterst, Lew Nikolajewitsch,“ sagte endlich Rogoshin, „fast ganz so, wie wenn du ... deinen Anfall bekommst, weißt du noch, in Moskau einmal? Oder wie es vor dem Anfall war. Ich kann mir gar nicht denken, was ich mit dir jetzt anfangen soll ...“

Der Fürst hörte mit krampfhafter Anspannung, was Rogoshin zu ihm sprach, um den Sinn der Worte zu erfassen, und immer noch fragte sein Blick.

„Das hast du ...?“ brachte er schließlich flüsternd hervor, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

„Das ... hab’ ich ...“ sagte Rogoshin ebenso leise und senkte den Blick zu Boden.

Sie schwiegen lange.

„Denn wenn du jetzt krank wirst,“ fuhr plötzlich Rogoshin fort, als wäre er gar nicht unterbrochen worden, „den Anfall bekommst, und dann der Schrei kommt, so kann man es auf der Straße oder auch auf dem Hof hören und erraten, daß hier in der Wohnung Menschen sind, nun, und dann werden sie kommen und klopfen und herein wollen ... denn die glauben doch alle, daß ich nicht zu Hause bin. Ich habe auch kein Licht gemacht – damit man von der Straße oder vom Hof nichts sieht. Denn wenn ich fortgehe, nehme ich die Schlüssel mit, und dann kommt oft drei, vier Tage kein Mensch hier herein und die Wohnung bleibt so wie sie ist, unaufgeräumt. So habe ich es eingeführt. Damit man also nicht erfährt, daß wir hier sind ...“

„Wart’,“ unterbrach ihn der Fürst, „ich habe aber doch vorhin die Alte und auch den Hausknecht gefragt, ob Nastassja Filippowna nicht hier gewesen ist. Die wissen es dann doch schon.“

„Ich weiß, daß du gefragt hast. Ich habe aber der Pafnutjewna gesagt, daß Nastassja Filippowna gestern hier gewesen und gestern auch nach Pawlowsk wieder zurückgekehrt, hier bei mir aber nur fünf Minuten gewesen sei. Sie wissen nicht, daß sie zur Nacht hier blieb – niemand weiß es. Gestern, als wir kamen, gingen wir die Treppe ebenso leise hinauf, wie ich heute mit dir. Ich dachte noch unterwegs, sie würde nicht so heimlich eintreten wollen – aber nein! Flüsterte nur, auf den Zehen schlich sie, das Kleid raffte sie zusammen, damit es nicht rauschte, trug die Schleppe, drohte mir beim Hinaufsteigen noch mit dem Finger, damit ich leiser ginge – alles nur aus Furcht vor dir. Im Coupé war sie zuerst ganz wie eine Wahnsinnige, alles vor Angst, und sie selbst wünschte, hierher zu mir zu kommen, um hier zu übernachten. Ich dachte zuerst, sie zur Lehrerin, zu jener Witwe, zu bringen, aber sie selbst wollte nicht. ‚Nein, nein,‘ sagte sie, ‚dort wird er mich sogleich aufsuchen, du aber versteck’ mich bei dir, und morgen, ganz früh, fahren wir nach Moskau‘, und von dort wollte sie nach Orel oder irgendwo dahin. Auch als sie sich hinlegte, sprach sie immer noch, daß wir nach Orel fahren würden ...“

„Wart’ ... aber was willst du tun, Parfen, was willst du jetzt tun?“

„Ja, sieh, ich habe nur Bedenken, weil du immer noch zitterst. Die Nacht verbringen wir hier beide zusammen. Ein Bett, außer jenem, gibt es hier nicht, aber ich habe mir gedacht, daß man von diesem Diwan und von jenem dort die Kissen nimmt und dann hier, hier gleich beim Vorhang, ein Lager macht, für dich und für mich, nebeneinander, so daß wir zusammen sind. Denn wenn man dann kommt, und zu fragen anfängt oder zu suchen, dann wird man sie sogleich finden und hinaustragen. Mich aber wird man fragen, und ich werde sagen, daß ich es gewesen bin, und man wird mich fortführen. So laß sie denn jetzt noch hier liegen, neben uns, neben mir und dir ...“

„Ja, ja!“ stimmte der Fürst eifrig bei.

„Also jetzt noch nicht gestehen und nicht forttragen lassen.“

„Nei–nein, auf keinen Fall!“ entschied der Fürst. „Nicht – nicht!“

„So hatte auch ich beschlossen ... auf keinen Fall. Die Nacht verbringen wir ganz still. Ich war heute nur auf eine Stunde ausgegangen, am Morgen, sonst war ich die ganze Zeit bei ihr. Und dann gegen Abend, als ich dich suchen ging. Nur fürchte ich, daß es hier zu drückend ist und der Leichengeruch sich bald bemerkbar machen wird. Riechst du schon etwas oder noch nicht?“

„Vielleicht rieche ich etwas, ich weiß es nicht. Am Morgen wird man es bestimmt riechen ...“

„Ich habe sie mit Wachstuch zugedeckt, mit gutem, amerikanischem, und über dem Wachstuch dann noch mit dem Laken, und vier Fläschchen mit desinfizierender Flüssigkeit habe ich aufgestellt, sie stehen auch jetzt dort offen.“

„So wie dort ... in Moskau?“

„Denn sonst, Bruder, riecht es. Sie aber liegt doch so ... Am Morgen, wenn es hell wird, sieh sie dir an. Was ist dir, kannst du nicht aufstehen?“ fragte er, mit ängstlicher Verwunderung, als er sah, daß der Fürst so zitterte, daß er sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte.

„Die Füße versagen ...“ murmelte der Fürst. „Das ist nur von der Angst, ich kenne das ... Wenn die Angst vergangen ist, werde ich auch aufstehen können ...“

„Dann bleib nur sitzen, ich werde inzwischen das Lager zurecht machen, dann kannst du dich gleich hinlegen ... und ich neben dir ... und dann können wir sehen ... Denn ich, Bruder, ich weiß noch nicht ... ich ... sieh, Bruder, ich weiß jetzt noch nicht alles, und so sage ich es auch dir im voraus, damit du das alles beizeiten erfährst ...“

Undeutlich diese rätselhaften Worte murmelnd, machte sich Rogoshin daran, das Lager herzurichten. Offenbar hatte er schon früher, vielleicht schon am Morgen, darüber nachgedacht, wie er das machen würde. Der Diwan war für zwei Personen zu schmal, er aber wollte nun einmal unbedingt Seite an Seite mit dem Fürsten liegen, und da schleppte er denn mit großer Mühe die schweren Polsterkissen durch das ganze Zimmer, dicht an den Eingang zum Schlafzimmer, schleppte noch andere Kissen herbei, Kissen von verschiedener Größe. Als das Lager fertig war, trat er an den Fürsten heran, faßte ihn mit rührender Zartheit unter den Arm und führte ihn stolz und froh zu seinem Lager. Übrigens konnte der Fürst schon allein gehen. „Die Angst war also vergangen.“ Doch fuhr er fort, zu zittern.

„Denn sieh, Bruder,“ begann plötzlich wieder Rogoshin, nachdem er den Fürsten zur Linken auf die besseren Kissen gebettet und sich selbst zur Rechten hingestreckt hatte, indem er beide Hände unter den Kopf schob, „bei der Hitze, weißt du, geht das schneller ... Die Fenster aufzumachen, fürchte ich mich. Aber, weißt du, bei meiner Mutter sind viele Blumen, sie blühen jetzt gerade und haben solch einen wundervollen Duft, ich dachte schon daran, sie herzubringen, aber die Pafnutjewna hätte Verdacht geschöpft, sie ist sehr neugierig.“

„Ja, sie ist sehr neugierig,“ wiederholte der Fürst.

„Oder soll ich viele, viele Buketts kaufen, und sie ganz mit Blumen umstellen? Ich denke aber, es wird traurig sein, so in Blumen!“

„Hör’ ...“ begann der Fürst, als suche er nach einem Gedanken, als wisse er nicht, was er eigentlich fragen wollte, oder als vergesse er immer wieder, was es war. „Hör’ ... ja sag’ mir: womit hast du sie denn ...? Mit einem Messer? Mit demselben?“

„Mit demselben ...“

„Wart’! Ich will dich noch fragen, Parfen ... ich werde dich noch vieles fragen, ich will alles wissen ... aber du sag’ mir zuerst, ganz zuerst, damit ich es weiß: wolltest du sie vor meiner Hochzeit, vor der Trauung, in der Kirche ermorden, mit dem Messer erstechen? Wolltest du es, oder wolltest du es nicht?“

„Ich weiß nicht, ob ich es wollte ...“ antwortete Rogoshin trocken, als hätte er sich über die Frage ein wenig gewundert und sie nicht ganz begriffen.

„Hast du das Messer niemals nach Pawlowsk mitgenommen?“

„Nein, niemals. Von diesem Messer kann ich dir nur das sagen, Lew Nikolajewitsch,“ fuhr er nach kurzem Schweigen fort: „Ich habe es aus einem verschlossenen Schubfach heute morgen herausgenommen, denn das Ganze geschah am Morgen zwischen drei und vier. Es lag bei mir in dem Buch ... Und ... und ... und sieh, was mich wundert: das Messer ging auf anderthalb ... oder sogar auf zwei Zoll hinein ... gerade unter der linken Brust ... Blut aber floß im ganzen nur so ein halber Eßlöffel aufs Hemd, nicht mehr.“

„Das, das, das,“ begann plötzlich der Fürst, indem er sich in furchtbarer Erregung aufzurichten begann, „das, das, ich weiß, das, ich habe davon gelesen ... innere Verblutung wird das genannt ... Es kommt sogar vor, daß kein einziger Tropfen Blut herausfließt. Das ist dann, wenn der Stoß gerade ins Herz geht ...“

„Scht! – Hörst du?“ unterbrach ihn Rogoshin hastig, indem et sich erschrocken aufrichtete. „Hörst du?“

„Nein!“ sagte ebenso schnell und erschrocken der Fürst und sah Rogoshin an.

„Jemand geht! Hörst du? Im Saal ...“

Beide begannen zu lauschen.

„Ich höre,“ flüsterte der Fürst überzeugt.

„Man geht?“

„Ja, man geht!“

„Soll ich die Tür verschließen?“

„Ja, verschließ’ ...“

Rogoshin verschloß die Tür und wieder legten sie sich beide hin. Lange Zeit schwiegen sie.

„Ach, ja!“ begann der Fürst, sich plötzlich aufrichtend, in demselben aufgeregten, schnellen Geflüster, als habe er endlich einen Gedanken erfaßt und fürchte nun, ihn wieder zu vergessen. „Ja ... ich wollte doch ... diese Karten! die Karten ... Du sollst doch mit ihr Karten gespielt haben?“

„Ja,“ sagte Rogoshin nach einigem Schweigen.

„Wo sind denn ... die Karten?“

„Hier ...“ sagte Rogoshin nach noch längerem Schweigen, zog aus der Tasche ein gebrauchtes, in Papier gewickeltes Spiel Karten hervor und reichte es dem Fürsten. „Da ...“

Der Fürst nahm es zögernd, als begriffe er nicht, weshalb man es ihm reichte. Ein neues, trauriges, trostloses Gefühl schnürte ihm das Herz zusammen; doch plötzlich begriff er, daß er schon lange gar nicht davon sprach, wovon er sprechen wollte, und immer nicht das tat, was er tun müßte, und daß diese Karten, die er jetzt in der Hand hielt, und über die er sich so gefreut hatte, jetzt nichts, nichts mehr ändern konnten. Er stand auf und rang die Hände. Rogoshin blieb unbeweglich liegen und schien den Fürsten weder zu sehen noch zu hören; seine Augen aber glänzten hell im Dunkel und waren ganz offen und unbeweglich. Der Fürst setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe Stunde verging so. Plötzlich lachte Rogoshin laut auf, es war ein fast schreiendes, abgerissenes Lachen – als hätte er ganz vergessen, daß er nur flüsternd sprechen durfte:

„Den Offizier, den Offizier ... weißt du noch, wie sie den Offizier mit der Peitsche schlug, beim Konzert, weißt du noch, ha ha ha! Und der Kadett ... Kadett ... Kadett sprang noch hinzu.“

Der Fürst schnellte erschrocken vom Stuhle empor. Als Rogoshin verstummt war – ebenso plötzlich, wie er aufgelacht hatte –, beugte sich der Fürst leise über ihn, setzte sich neben ihm nieder und begann mit stark klopfendem Herzen, schwer atmend, sein Gesicht zu betrachten. Rogoshin wandte den Kopf nicht zu ihm und schien ihn sogar völlig vergessen zu haben. Der Fürst sah ihn an und wartete. Die Zeit verging. Die Nacht wurde heller. Rogoshin begann von Zeit zu Zeit irgendwelche Worte zu murmeln, leise, laut, schroff hervorstoßend, zusammenhanglos, begann schließlich laut aufzuschreien und zu lachen. Dann streckte der Fürst jedesmal seine zitternde Hand aus und berührte leise seinen Kopf, seine Haare, streichelte sie und streichelte seine Wangen ... das war alles, was er tun konnte! Er selbst begann wieder zu zittern und plötzlich empfand er auch wieder das Schwächegefühl in den Beinen. Irgendein ganz neues Gefühl quälte sein Herz mit unendlicher Sehnsucht. Der Morgen brach an; da beugte er sich endlich in völliger Erschöpfung und Verzweiflung auf das Kissen nieder und schmiegte sich mit seinem Gesicht an das bleiche, unbewegliche Antlitz Rogoshins. Tränen flossen aus seinen Augen auf Rogoshins Wangen – doch wird er wohl kaum seine Tränen gefühlt haben und vielleicht wußte er von nichts mehr ...

Wenigstens fand man, als nach mehreren Stunden die Tür gewaltsam geöffnet wurde und Leute eindrangen, den Mörder bewußtlos und im Fieber. Der Fürst aber saß unbeweglich neben ihm. Und jedesmal, wenn der Kranke einen Schrei ausstieß oder zu phantasieren begann, beeilte er sich, wieder mit zitternder Hand sein Haar und seine Wangen zu streicheln, wie um ihn zu beruhigen und zu liebkosen. Doch er begriff nichts mehr, begriff nicht, was man ihn fragte, und von den Eingetretenen, die ihn umgaben, erkannte er keinen einzigen. Wenn Professor Schneider jetzt selbst aus der Schweiz gekommen wäre, um seinen einstigen Schüler und Patienten zu sehen, so würde er, der ihn einmal vor der Heilung in den Stunden nach einem Anfall gesehen hatte, wieder nur mit der Achsel gezuckt und wie damals gesagt haben: „Ein Idiot!“