Alle drei Töchter des Generals waren gesunde, blühende, gutgewachsene junge Damen mit wundervollen Schultern, straffer Büste und großen, fast könnte man sagen – Männerhänden. Infolge ihrer guten Gesundheit und frischen Jugend aßen sie sich gern tüchtig satt, wessen sie sich übrigens durchaus nicht schämten, und was sie daher auch vor Fremden gar nicht zu verbergen suchten. Zwar war ihre Mutter, die Generalin Lisaweta Prokofjewna, mitunter etwas ungehalten über diesen offen bekundeten, echten Jugendhunger; doch da gar manche ihrer Ansichten trotz aller äußeren Ehrerbietung, mit der die Töchter sie anhörten, im Grunde schon längst ihre anfängliche und unerschütterliche Autorität eingebüßt hatten – und das sogar in einem solchen Maße, daß die einstimmige Partei der drei jungen Mädchen fast immer recht behielt, so fand es die Generalin im Hinblick auf ihre persönliche Würde weit bequemer und ersprießlicher, nicht zu streiten, sondern nachzugeben. Freilich wollte sie auch nicht immer nachgeben und sich dem Willen der Töchter fügen. Lisaweta Prokofjewna wurde mit jedem Jahre launischer, ungeduldiger und unduldsamer, ja, sie konnte bisweilen sogar sehr sonderbar sein. Doch da sie immer einen ihr äußerst zugetanen und von ihr gut erzogenen Gatten bei der Hand hatte, so ergoß sich der Ärger, wenn sich ein solcher in ihrem Herzen angesammelt hatte, gewöhnlich über sein Haupt, worauf die Harmonie in der Familie wiederhergestellt war und alles von neuem im alten Gleise seinen gewohnten Gang nahm.
Übrigens besaß auch die Generalin selbst keinen gerade schlechten Appetit, und so nahm sie täglich um halb ein Uhr an einem sehr reichhaltigen Frühstück teil, das man jedoch ebensogut ein Mittagsmahl hätte nennen können. Eine Tasse Kaffee wurde von den jungen Damen bereits früher getrunken, um neun Uhr, und das geschah in der Regel noch im Bett. Daran hatten sie sich einmal gewöhnt und dabei blieb es. Um halb eins wurde dann im kleinen Speisesalon in der nächsten Nähe der Gemächer der Frau Mama der Frühstückstisch gedeckt. Zu diesem intimen Dejeuner im engsten Familienkreise erschien bisweilen auch der General, wenn seine Zeit es ihm erlaubte. Da gab es denn außer Kaffee, Tee, Käse, Honig, Butter, gewisse Löffelkuchen, die besonders von der Generalin sehr gern gegessen wurden, auch noch Kotteletts und sogar eine starke heiße Bouillon. An jenem Morgen, an dem unsere Erzählung beginnt, hatten sich Mutter und Töchter wie gewöhnlich an der Frühstückstafel versammelt und erwarteten den General, der versprochen hatte, um halb eins sich gleichfalls einzufinden. Hätte er nur eine Minute länger auf sich warten lassen, so würde sofort nach ihm geschickt worden sein. Doch er erschien pünktlich.
Als er an seine Gattin herantrat, um ihr einen „Guten Morgen“ zu wünschen und die Hand zu küssen, bemerkte er in ihrem Gesicht einen ganz eigenartigen Ausdruck, und wenn er auch schon am Abend vorher nicht anders erwartet hatte, als daß es infolge einer gewissen „Geschichte“ – wie er Ähnliches in Gedanken zu nennen pflegte – genau so kommen würde, und sich noch im Einschlafen darob Sorgen gemacht hatte, so wurde ihm jetzt doch trotz der Vorbereitung etwas bange. Die Töchter kamen alle drei zum Papa, um ihm den Morgenkuß zu geben; die hatten nun allerdings keinen Grund, ihm gram zu sein, aber auch aus ihren Mienen glaubte sein argwöhnisches Gewissen etwas Besonderes herauszulesen. Freilich war der General aus gewissen Gründen mehr als nötig mißtrauisch geworden, und da er bei alledem noch ein erfahrener und talentvoller Gatte und Vater war, so traf er schleunigst seine Vorkehrungen.
Doch, wie ich sehe, muß ich hier von meiner Erzählung abschweifen und zur Erläuterung der Situation noch einiges über die inneren Verhältnisse der Familie Jepantschin hinzufügen.
Der General war, wie bereits erwähnt, zwar kein sehr gebildeter Mann – er selbst nannte sich gern einen Autodidakten, doch das hinderte ihn nicht, als Gatte und Vater ein geschickter Stratege zu sein. Unter anderem befolgte er auch den Grundsatz, seine Töchter nicht zum Heiraten zu drängen, d. h. „gleich einem Damoklesschwert über ihnen zu hängen“, und sie mit einer übergroßen väterlichen Besorgnis zu ihrem Glück zu drängen, wie es sonst fast ausnahmslos in allen Familien geschieht, in denen es erwachsene Töchter gibt. Ja, es war sogar ausschließlich dem Einfluß des Generals zuzuschreiben, daß auch Lisaweta Prokofjewna, seine Gattin, diesem Verfahren beitrat, obschon es für eine Frau doch recht schwer sein mußte – schwer, weil unnatürlich. Aber die Argumente des Generals waren zu überzeugend und stützten sich überdies noch auf handgreifliche Beweise. Mädchen, die sich vollkommen allein überlassen blieben, mußten sich doch mit der Zeit unwillkürlich selbst entschließen, Vernunft anzunehmen – und dann würde das Unternehmen ganz anders in Gang gesetzt werden: das lag doch auf der Hand! Sie würden sich dann mit ganz anderer Lust und wirklichem Eifer an die Sache machen und alle Launen und wählerisches Mäkeln hübsch beiseite lassen; die Eltern brauchten aber in solchem Fall nur darauf achtzugeben, daß die Töchter keine gar zu sonderbare Wahl trafen oder sonst eine unnatürliche Neigung an den Tag legten, um nur, wenn dann der wichtige Augenblick gekommen war, sofort mit aller Kraft nachzuhelfen und mit Ausnutzung jedes Einflusses die Angelegenheit ins richtige Gleis zu bringen. Hinzu kam noch, daß ihr Vermögen und ihr gesellschaftliches Ansehen mit jedem Jahre in geometrischem Verhältnis wuchs – folglich gewannen auch die Töchter, lediglich als „Partien“ betrachtet, mit jedem Jahr. Und zu dieser Tatsache war in jüngster Zeit noch eine andere wichtige Tatsache hinzugekommen: Die älteste Tochter, Alexandra, war plötzlich und ganz unerwartet – wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt – fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Fast um dieselbe Zeit hatte sich Afanassij Iwanowitsch Tozkij, ein Mann aus der besten Gesellschaft, der Beziehungen zu den angesehensten Persönlichkeiten hatte und außerordentlich reich war, wieder einmal zur Verwirklichung seines längst nicht mehr neuen Wunsches, sich zu verheiraten, fest entschlossen. Er war ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, von vornehmer Gesinnung und Gesittung, was man so nennt, und von einer seltenen Geschmacksfeinheit. Er wollte nicht „geschmacklos“ heiraten, denn er wußte Schönheit sehr zu schätzen, und da er mit dem General Jepantschin seit einiger Zeit innige Freundschaft pflegte, die namentlich durch gemeinsame Beteiligung an einzelnen finanziellen Unternehmungen herbeigeführt worden war, so stellte er denn an ihn die Frage, gewissermaßen in der Form einer Bitte um seinen freundlichen Rat und Beistand, ob es ginge oder nicht, daß er bei einer seiner Töchter anhielt.
Diese Frage verursachte im stillen, ruhig-schönen Lebenslauf der Familie Jepantschin einen sichtlichen Umschwung.
Die unbestrittene Schönheit in der Familie war, wie bereits erwähnt, Aglaja, die Jüngste. Aber selbst Tozkij, der sich sonst durch ganz außerordentliche Eigenliebe auszeichnete, begriff, daß sie nicht für ihn bestimmt sein konnte. Es ist möglich, daß die blinde Liebe und gar zu glühende Freundschaft der Schwestern die Sache etwas übertrieb, doch mußte Aglajas Leben ihrer festen Überzeugung nach nicht ein gewöhnliches Leben, sondern womöglich das verwirklichte Ideal eines irdischen Paradieses werden. Aglajas zukünftiger Mann sollte alle Tugenden und Vollkommenheiten in sich vereinigen, vom Besitz irdischer Güter schon ganz zu schweigen. Die beiden Schwestern hatten sogar beschlossen – und zwar ohne viel Worte zu verlieren – falls es nötig sein sollte, nach Möglichkeit von ihrer Mitgift zugunsten Aglajas einen Teil abzutreten, denn Aglaja sollte, meinten sie, ein ganz kolossales Vermögen besitzen. Die Eltern wußten um diese Absicht, und deshalb zweifelten sie kaum, als Tozkij um ihren Rat bat, daß eine von ihren Töchtern seinen Wunsch erfüllen und seinen Antrag annehmen würde, um so weniger, als der reiche Freier in betreff der Mitgift nicht allzu peinlich sein würde. Der General hatte seinerseits den Antrag Tozkijs sofort mit der ihm eigenen Lebensweisheit sehr hoch einzuschätzen gewußt. Nun ging aber Tozkij aus gewissen besonderen Gründen nur mit äußerster Vorsicht in dieser Angelegenheit vor – sondierte einstweilen noch – und daher hatten auch die Eltern mit ihren Töchtern von der Sache nur wie von einer fernen Möglichkeit gesprochen. Als Antwort hatten sie von den Töchtern den gleichfalls noch ziemlich unbestimmt ausgedrückten Bescheid erhalten, daß Alexandra, die Älteste, ihm vielleicht keinen Korb geben würde. Alexandra war ein herzensgutes Mädchen, wenn auch nicht ohne gewisse Charakterfestigkeit, sehr verständig und äußerst verträglich. Einen Mann wie Tozkij hätte sie ohne Überwindung sogar ganz gern zu heiraten vermocht, und es war sicher, wenn sie einmal ihr Wort gegeben, dann würde sie treu und gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen. Glanz liebte sie nicht, und es war von ihr keine Launenhaftigkeit samt den damit verbundenen Scherereien zu erwarten, sondern sie konnte möglicherweise das Leben eines Mannes sogar versüßen und ruhig und angenehm machen. Dabei war sie hübsch, sehr hübsch, wenn sie auch nicht gerade Aufsehen erregte. Was konnte Tozkij Besseres wünschen?
Einstweilen aber fuhr man fort, mit entschlossenerem Vorgehen immer noch zu zögern. Gemeinsam und freundschaftlich war von Tozkij und dem General beschlossen worden, vorderhand jeden formellen und unwiderruflichen Schritt zu vermeiden. Und so vermieden es auch die Eltern, offen mit den Töchtern zu reden. Und das war schließlich der Grund, weshalb sich in die bisherige Übereinstimmung unmerklich eine Mißstimmung eingeschlichen hatte. Die Generalin selbst war plötzlich unzufrieden, und schon das allein war von großer Bedeutung. Es gab da nämlich einen gewissen verwickelten und recht unangenehmen „Zwischenfall“, der vielleicht sogar alle Heiratspläne zerschlagen und für immer unmöglich machen konnte.
Dieser verwickelte und unangenehme „Zwischenfall“, wie sich Tozkij auszudrücken pflegte, hatte eine Vorgeschichte, die schon ziemlich weit zurücklag. In einem der mittleren Gouvernements des europäischen Rußlands lebte einst auf einem kleinen Gütchen, das an eines der größten Güter Afanassij Iwanowitsch Tozkijs grenzte, in ärmlichen Verhältnissen ein gänzlich vermögensloser Krautjunker, der wegen seines sprichwörtlichen, überall und unermüdlich ihn verfolgenden Mißgeschicks eine wirklich bemerkenswerte Erscheinung war. Er stammte aus einer guten Adelsfamilie. In dieser Beziehung rangierte Filipp Alexandrowitsch Baraschkoff – so hieß der Betreffende – sogar noch vor Tozkij. Nachdem er als Offizier seinen Abschied genommen und lange Zeit bis über die Haare in Schulden gesteckt hatte, war es ihm endlich nach unermüdlicher, harter, geradezu sibirischer Arbeit gelungen, die Ertragsfähigkeit seines kleinen Gutes so weit in die Höhe zu bringen, daß er wenigstens sein Auskommen hatte. Da er bei allem Pech doch kein Pessimist geworden war, ermutigte ihn jeder noch so geringe Erfolg ganz außerordentlich. Als er nun nach langen Jahren wieder einmal neue Hoffnungen hegen durfte, begab er sich auf ein paar Tage in die nächste Kreisstadt, um daselbst mit einem seiner Hauptgläubiger zu sprechen und, wenn möglich, einen günstigen Vertrag abzuschließen. Am dritten Tage nach seiner Ankunft in der Stadt erschien aber plötzlich sein Dorfältester, reitend, mit verbrannter Wange und versengtem Bart, und meldete gehorsamst, daß am Tage vorher um die Mittagszeit sein „Erbgut“ niedergebrannt sei, „wobei auch die gnädige Frau zu verbrennen geruhten, die Kinderchen aber heil geblieben sind,“ wie er sich buchstäblich ausdrückte. Diesem Schicksalsschlage war jedoch selbst Baraschkoff, der an die Rippenstöße Fortunas so lange Gewöhnte, nicht gewachsen: er wurde irrsinnig und starb nach einem Monat. Das Gut mit dem niedergebrannten Gehöft wurde versteigert, und die Bauern waren bald ihrer Wege gegangen. Der beiden kleinen Mädchen aber, der Töchter Baraschkoffs, die damals sechs und sieben Jahre alt waren, nahm sich in seiner Großmut der Gutsnachbar Tozkij an.
Sie wurden zusammen mit den Kindern eines Verwalters der Tozkijschen Güter, eines Deutschen und ehemaligen Beamten, der eine zahlreiche Familie besaß, erzogen. Bald jedoch starb das eine Mädchen, die Jüngere, am Stickhusten, so daß nur noch die siebenjährige Nastjä[4] von der ganzen Familie übrigblieb. Tozkij, der damals im Auslande lebte, hatte sie bald alle beide vergessen. Nach fünf Jahren fiel es ihm dann eines Tages ein, doch mal nachzusehen, wie es auf seinem Gute eigentlich aussah, und da entdeckte er denn zu seiner Überraschung in seinem alten Gutsgebäude unter den Kindern seines deutschen Verwalters ein entzückendes Mädchen von zwölf Jahren, ein ausgelassenes, reizendes, kluges Dingelchen, das einmal sehr schön zu werden versprach – in solchen Dingen war Tozkij ein guter Kenner. Er blieb nur ein paar Tage auf dem Gut, doch genügten sie ihm vollkommen, um einige Anordnungen zu treffen. Die Folge davon war, daß in der Erziehung der Kleinen eine bedeutsame Wendung eintrat. Es erschien alsbald eine ehrwürdige, ältere, sehr gebildete Gouvernante, eine Schweizerin, die sich im Erziehen höherer Töchter bereits gut bewährt hatte, und die außer in der französischen Sprache auch noch in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern unterrichtete. Sie zog in das Gutsgebäude ein, und von nun an vergrößerte sich das Wissen der kleinen Nastassja mit jedem Jahre um ein bedeutendes. Nach vier Jahren war die Erziehung abgeschlossen: die Gouvernante fuhr wieder fort, und bald darauf erschien eine ältere Dame, eine Gutsnachbarin Tozkijs – doch aus einem anderen, fernen Gouvernement –, um Nastassja, wie die Instruktion und Bevollmächtigung Tozkijs lautete, auf ein anderes seiner zahlreichen Güter zu bringen. Auf diesem nicht großen Landstück war ein sehr nettes, wenn auch nur kleines Landhaus neu aufgebaut und sehr geschmackvoll eingerichtet worden. Das Gütchen trug wie absichtlich den Namen „Otradnoje“.[5] Die alte Dame brachte das Mädchen in dieses stille Haus, und da ihr eigenes Gut nur eine Werst von dort entfernt lag, so richtete sie sich zusammen mit Nastassja in Otradnoje ein. Im Hause lebten noch eine alte Haushälterin und eine junge, geschickte Zofe. Auch gab es dort Musikinstrumente, eine elegante Mädchenbibliothek, Bilder, Skizzen, Zeichenstifte, Farben, kurz, alle Malutensilien, ferner ein schönes sibirisches Windspiel. Nach zwei Wochen erschien auch Afanassij Iwanowitsch in Otradnoje ... Und seit der Zeit zeigte er dann eine ganz besondere Vorliebe für dieses entlegene kleine Steppengut, suchte es in jedem Jahre einmal auf, blieb dort zwei oder sogar drei Monate, und so vergingen etwa vier Jahre oder noch mehr, ruhige und glückliche Jahre vornehmen und geschmackvollen Lebens.
Da sollte es aber geschehen, daß einmal, zu Anfang des Winters, ungefähr vier Monate nach dem Sommerbesuch Tozkijs, der diesmal nur zwei Wochen geblieben war, in Otradnoje sich das Gerücht verbreitete und auch Nastassja Filippowna zu Ohren kam, daß Tozkij in Petersburg alsbald ein schönes, reiches und vornehmes Mädchen heiraten – kurz, eine solide und glänzende Partie machen werde. Später zeigte es sich, daß dieses Gerücht nicht in allen Punkten der Wahrheit entsprach. Die Heirat war nur erst ein Projekt, und überhaupt war alles noch sehr unbestimmt, doch in Nastassja Filippowna hatte sich aus diesem Anlaß bereits eine ungeheure Veränderung vollzogen. Sie bewies plötzlich eine ungewöhnliche Entschlossenheit und zeigte einen Charakter, den niemand in ihr vermutet hätte. Ohne sich lange zu bedenken, verließ sie das Landhaus und erschien plötzlich ganz allein in Petersburg, wo sie sich sofort zu Afanassij Iwanowitsch Tozkij begab. Dieser war zunächst sprachlos, sammelte sich aber doch so weit, daß er nach einer Weile mit ihr zu reden begann. Und nun stellte es sich zu seiner noch größeren Überraschung schon nach dem ersten Wort heraus, daß er in einem ganz anderen Ton mit ihr reden mußte, daß er Stil, Stimme, die Themen ihrer früheren so ästhetischen und so angenehmen Gespräche, die er bis jetzt so erfolgreich zu beherrschen gewußt, ja selbst die Logik, kurz – alles, alles, alles von Grund aus verändern mußte! Vor ihm saß ein ganz anderes, ihm vollkommen fremdes Weib, das mit jener Nastassja Filippowna, die er bis jetzt gekannt und erst im Juli in Otradnoje zurückgelassen hatte, nichts, aber auch nichts Gemeinsames hatte.
Diese neue Frau da vor ihm wußte und begriff unglaublich viel – so viel, daß man sich nur wundern konnte, woher sie dieses Wissen erlangt, wie sie so genaue Begriffe in sich hatte ausarbeiten können. Das stand doch nicht in den Büchern ihrer Mädchenbibliothek? Am erstaunlichsten jedoch war, daß sie sogar ausgesprochen juristische Kenntnisse besaß, und wenn ihr auch die Kenntnis der „Welt“ fehlte, so schien sie doch ganz genau zu wissen, wie gewisse Dinge in der „Welt“ zu verlaufen pflegen. Das war gar nicht mehr derselbe Charakter, den sie früher gehabt hatte – jene Zaghaftigkeit und Undefinierbarkeit des jungen Mädchens, das in seiner reizenden Unart und Naivität so bezaubernd sein konnte, mit seiner Lebhaftigkeit und Trauer und ernsten Nachdenklichkeit, seinem Staunen und Mißtrauen, mit seinen Tränen und mit seiner Unruhe.
Nein: hier lachte vor ihm und verletzte ihn mit den beißendsten Sarkasmen ein ganz ungewöhnliches, nie gesehenes Wesen, von dem ihm offen ins Gesicht gesagt wurde, daß es in seinem Herzen nie etwas anderes für ihn empfunden habe als tiefste Verachtung, eine Verachtung bis zum Ekel, die sogleich nach dem ersten Erstaunen eingetreten sei. Diese neue, unbekannte Frau da vor ihm erklärte ferner, daß es ihr im vollen Sinne des Wortes vollkommen gleichgültig sei, ob er heirate oder nicht heirate, und wen er erwählt habe, daß sie aber gekommen sei, um ihm diese Heirat zu verbieten, und zwar einzig aus Bosheit zu verbieten, einzig weil sie es so wollte und es genau so geschehen mußte, wie sie wollte, – „nun, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, um mich über dich totlachen zu können; denn jetzt will auch ich endlich einmal lachen.“
Wenigstens drückte sie sich so aus. Und dabei war mit diesen Worten vielleicht noch lange nicht alles ausgesprochen, was sie im Sinne hatte. Doch während die neue Nastassja Filippowna lachte und sich über ihn lustig machte, überlegte sich Tozkij die neue Wendung der Dinge und suchte seine etwas verwirrten Gedanken nach Möglichkeit wieder in Ordnung zu bringen. Dieses Ordnen und Überlegen nahm nicht wenig Zeit in Anspruch: es dauerte etwa vierzehn Tage, bis er alles begriffen und endgültig bei sich beschlossen hatte, was wohl zu tun sei. Afanassij Iwanowitsch Tozkij war zu jener Zeit nicht weniger als fünfzig Jahre alt und ein im höchsten Grade gesetzt und ehrbar gewordener Mann. Seine gesellschaftliche Stellung hatte sich auf den besten Grundlagen aufgebaut. Sein Ich, seine Ruhe und Bequemlichkeit liebte und schätzte er höher als alles andere auf der Welt, wie es sich ja auch für einen ehrenwerten Menschen gar nicht anders schickt. Nicht die geringste Verletzung oder Störung durfte in diesem Heiligtum zugelassen werden, das jetzt als „Krone des Lebens“ eine so schöne Form angenommen hatte. Andererseits sagten ihm seine Erfahrung und seine Auffassung der Sachlage sehr bald und ausnehmend richtig, daß er es nun mit einem ganz anders gearteten Wesen zu tun habe, mit einem Wesen, das nicht nur drohte, sondern unfehlbar auch handeln würde, und das überdies vor nichts, absolut nichts zurückschreckte, weil ihm jetzt nichts mehr teuer war, so daß man es nicht einmal mehr – gleichviel womit – bestechen konnte. Nein, hier handelte es sich offenbar um etwas ganz anderes, um irgendein inneres, seelisches Chaos – um etwas wie eine romantische Entrüstung über Gott weiß wen und Gott weiß was, jedenfalls war es ein unersättliches Verachtungsbedürfnis, das jedes Maß übersteigt – mit einem Wort, etwas im höchsten Grade Lächerliches und in der guten Gesellschaft Unerlaubtes, dem im Leben zu begegnen für jeden anständigen Menschen eine wahre Strafe Gottes sein mußte. Versteht sich: wenn man solchen Reichtum und solche Verbindungen wie Tozkij besaß, konnte man sich ja doch mit Leichtigkeit und in kürzester Zeit durch eine kleine und vollkommen „harmlose“ Schändlichkeit frei machen. Andererseits aber lag es doch auf der Hand, daß Nastassja Filippowna ihm, sagen wir z. B. im juristischen Sinne so gut wie überhaupt nichts anhaben konnte; nicht einmal einen großen Skandal vermochte sie zu machen, denn es wäre doch ein leichtes gewesen, sie im gegebenen Fall abzufinden. Das war ja nun alles ganz wunderschön und beruhigend, kam aber doch nur in dem Fall in Betracht, wenn Nastassja Filippowna zu solchen Dingen entschlossen gewesen wäre, wie sie in ähnlichen Fällen von Frauen ausgeübt werden, nämlich ohne daß dabei gar zu exzentrisch über den Zaun geschlagen wird. Hier aber kam Tozkij seine durch Erfahrung erworbene Menschenkenntnis sehr zustatten: er erriet, daß Nastassja Filippowna es selbst nur zu gut wußte, wie machtlos sie vom Standpunkt des Gesetzes aus war, und daß sie daher etwas ganz anderes im Sinne haben mußte, etwas, das nur ihre blitzenden Augen ahnen ließen. Da ihr nichts mehr teuer war, und am wenigsten sie sich selbst (es gehörte kein geringer Scharfblick dazu, um zu erraten, daß ihr eigenes Ich schon längst aufgehört hatte, ihr teuer zu sein, und um als Skeptiker und Zyniker an den Ernst dieses Gefühls zu glauben), so war sie imstande, sich selbst rettungslos und womöglich auf die entsetzlichste Art ins Verderben zu stürzen – denn was galt es ihr, unter sibirische Sträflinge zu kommen! – wenn sie nur einmal diesen Menschen beschimpfen konnte, vor dem sie einen so unmenschlichen Ekel empfand! Tozkij hatte es niemals verleugnet, daß er ein wenig feige war oder, sagen wir, höchst – „konservativ“. Wenn er gewußt hätte, daß er z. B. vor dem Traualtar erschlagen werden würde, oder daß ihn etwas Ähnliches erwartete, etwas ebenso Unästhetisches, Lächerliches und in der Gesellschaft Unzulässiges, so wäre er natürlich erschrocken – jedoch nicht so sehr deshalb, weil man ihm zugedacht, ihn zu verwunden oder ihm öffentlich ins Gesicht zu speien, als vielmehr deshalb, weil dieses in einer so unfeinen und gesellschaftlich unmöglichen Form mit ihm geschehen würde. Nastassja Filippowna aber schien gerade so etwas im Sinn zu haben, wenn sie vorläufig auch noch mit keinem Wort ihre Absicht angedeutet hatte. Er wußte, daß sie ihn bis ins kleinste hinein beobachtet hatte und dementsprechend kannte: daher mußte sie es auch wissen, wie und wo sie ihn am stärksten verletzen konnte. Und so beschloß denn Tozkij, da die Heirat noch nicht viel mehr als ein frommer Wunsch war, sich seinem Schicksal zu fügen und Nastassja Filippownas Willen zu tun.
Es gab aber noch einen anderen Grund, warum er sich dazu entschloß.
Nastassja Filippowna hatte sich auch im Gesicht stark verändert. Man konnte es kaum glauben, daß sie wirklich dieselbe Nastassja Filippowna war. Früher war sie ein hübsches Mädchen gewesen, jetzt aber ... Tozkij konnte es sich lange Zeit nicht verzeihen, daß er sie vier Jahre lang so oft betrachtet und doch eigentlich nie gesehen hatte. Allerdings mußte man nicht vergessen, daß auf beiden Seiten eine ungeheure Veränderung vor sich gegangen war. Übrigens entsann er sich, daß es auch früher bisweilen Minuten gegeben hatte, in denen ihm z. B. beim Anblick dieser Augen eigentümliche Gedanken gekommen waren: es war, als hätte sich hinter ihnen eine tiefe, geheimnisvolle Finsternis aufgetan. Wenn dieser Blick einen ansah, so war’s, als gäbe er einem ein Rätsel auf. In den letzten zwei Jahren wunderte er sich oft über die Veränderung ihrer Gesichtsfarbe: Nastassja Filippowna wurde seltsam bleich, doch – sonderbar: sie wurde dadurch noch schöner. Tozkij, der anfangs wie alle Lebemänner nur mit Zynismus daran gedacht hatte, wie billig er diese Seele gekauft, die so gut wie überhaupt noch nicht gelebt hatte, begann mit der Zeit an der Richtigkeit seiner Annahme stark zu zweifeln. Doch ganz abgesehen davon, hatte er noch im letzten Frühling in Otradnoje beschlossen, Nastassja Filippowna bald mit irgendeinem verständigen und anständigen Herrn, dessen Arbeitsfeld am besten in einem anderen Gouvernement lag, zu verheiraten, natürlich nicht ohne reichliche Mitgift. (Oh, wie unheimlich und boshaft Nastassja Filippowna jetzt über diesen Plan lachte!) Doch nun dachte Tozkij – verlockt durch den Reiz der Neuheit – sogar daran, daß er dieses Weib ja von neuem ausnutzen konnte. Er beschloß, sie in Petersburg unterzubringen und mit dem größten Luxus zu umgeben. Wenn er das eine nicht haben konnte, so konnte er doch wenigstens das andere haben: mit Nastassja Filippowna Aufsehen erregen und in einem gewissen Kreise sogar renommieren. Und Afanassij Iwanowitsch Tozkij schätzte seinen Ruhm gerade in diesem Kreise sehr hoch.
Inzwischen vergingen fünf Jahre nach ihrem ersten Erscheinen in Petersburg, und während dieser Zeit hatte sich manches offenbart. Tozkijs Lage war einfach trostlos; und das Dümmste an der Sache war, daß er, nachdem ihm einmal bange geworden war, nicht mehr Mut fassen und sich beruhigen konnte. Er fürchtete ... was? – das wußte er selbst nicht; fürchtete einfach Nastassja Filippowna. Eine Zeitlang – das war noch in den ersten zwei Jahren – begann er allmählich zu vermuten, daß sie ihn, Afanassij Tozkij, heiraten wolle, aus übertriebenem Stolz jedoch schweige und seinen Antrag erwarte. Das Verlangen wäre sonderbar gewesen, doch Tozkij wurde argwöhnisch: er runzelte zwar die Stirn und wollte nicht, aber er begann doch nachzudenken, schließlich wurde er sogar sehr nachdenklich ... bis er sich eines Tages zu seiner größten und (so ist das Menschenherz!) etwas unangenehmen Verwunderung überzeugte, daß er, falls er anhalten würde, ganz positiv einen Korb bekäme. Lange Zeit konnte er es gar nicht fassen. Nur eine einzige Erklärung schien ihm schließlich möglich: daß der Stolz dieser „beleidigten und phantastischen Frau“ bereits so nahe an Verzweiflung grenzte, daß sie es vorzog, einmal ihre Verachtung für ihn in einer Absage ausdrücken zu können, als ihr Leben ein für allemal sicherzustellen und hinfort auf einer für sie sonst doch unerreichbar hohen Staffel zu stehen. Das schlimmste aber war, daß Nastassja Filippowna in geradezu beängstigender Weise die Oberhand gewann. Mit Geld war bei ihr gleichfalls nichts zu erreichen, gleichviel wie hohe Summen er ihr auch angeboten hätte. Zwar lebte sie in einer teuren Wohnung, die er für sie luxuriös eingerichtet hatte, doch führte sie daselbst ein sehr bescheidenes Leben und versuchte nicht einmal in den ganzen fünf Jahren, etwas beiseite zu schaffen. Da verfiel Tozkij auf ein sehr schlaues Mittel, um seine Ketten zu zerreißen: unmerklich und sehr geschickt versuchte er, sie mit den idealsten Mitteln zu verlocken; doch all die verkörperten Ideale in Gestalt von Fürsten, Husarenoffizieren, Gesandtschaftssekretären, Dichtern, Romanschriftstellern und sogar Sozialisten, die er ihr zuführte, machten alle nicht den geringsten Eindruck auf sie, ganz als hätte sie anstatt des Herzens einen Stein in der Brust gehabt, als wären alle ihre Gefühle eingetrocknet und für immer gestorben. Sie lebte eigentlich recht einsam, las, lernte sogar, liebte Musik. Bekannte, die sie besuchten, hatte sie nur sehr wenige, dabei durchaus keine vornehmen Leute: so verkehrte sie mit ein paar armen und lächerlichen Beamtenfrauen, kannte zwei sonst ganz unbekannte Schauspielerinnen, beide schon fast Greisinnen, liebte die zahlreiche Familie eines ehrsamen Lehrers, in dessen Hause auch sie gern gesehen war und sogar sehr geliebt wurde. Hin und wieder fanden sich bei ihr abends fünf bis sechs Bekannte ein, nicht mehr. Tozkij erschien sehr oft und pünktlich. In der letzten Zeit war es auch dem General Jepantschin gelungen (nicht ohne Mühe), Nastassja Filippownas Bekanntschaft zu machen. In derselben Zeit wurde auch ein junger Beamter, Ferdyschtschenko mit Namen, sehr schnell und ohne Mühe mit ihr bekannt. Es war das ein recht unanständiger und schmieriger Possenreißer, der dem Alkohol nicht abhold war und sich für einen geistreichen Humoristen hielt. Ferner war ein junger und recht eigentümlicher Mensch mit ihr bekannt, ein gewisser Ptizyn, ein bescheidener, stets pünktlicher und gesellschaftlich einigermaßen polierter Junge, der sich aus der größten Armut heraufgearbeitet hatte und jetzt Geld auf hohe Zinsen lieh. Schließlich wurde auch Gawrila Ardalionytsch Iwolgin mit ihr bekannt ... Es endete damit, daß Nastassja Filippowna eine seltsame Berühmtheit erlangte: ein jeder sprach von ihrer Schönheit, aber das war auch alles, wovon man sprechen konnte: niemand konnte sich mit etwas rühmen oder das Recht dazu einem anderen nachsagen. Dieser Ruf, ihre Bildung, ihr Auftreten, ihr Scharfsinn, ihr Geist – alles das zusammen bewirkte, daß Tozkij sich endgültig zur Ausführung seines erwähnten Planes entschloß. Und hier nun beginnt der Augenblick, von dem ab der General Jepantschin selbst so regen Anteil an dieser Angelegenheit nahm.
Als Tozkij sich liebenswürdig und freundschaftlich in betreff einer seiner drei Töchter an den General wandte, legte er ihm in der ausführlichsten und edelsten Weise ein volles Bekenntnis ab. Doch teilte er ihm gleichzeitig mit, daß er vor keinem einzigen Mittel zurückschrecken würde, um nur endlich seine Freiheit wiederzuerlangen: daß es ihn auch nicht beruhigen würde, wenn Nastassja Filippowna ihm versprechen sollte, ihn hinfort mit nichts zu bedrohen, weil er sich auf Worte allein nicht verlassen könne und folglich die sichersten Garantien wünsche und verlange. Sie berieten hin und her, bis sie dann zunächst einmal zu der Einsicht kamen, daß gemeinschaftlich vorzugehen am besten sei. Auch wurde ferner noch beschlossen, es zunächst mit den sanftesten Mitteln zu versuchen, oder wie man zu sagen pflegt: nur die edlen Saiten des Herzens zu berühren. Sie machten sich also beide auf und fuhren zu Nastassja Filippowna, und Tozkij begann hier sofort und ohne alle Vorreden und Umschweife damit, daß er ihr das Unerträgliche seiner Lage schilderte; die Schuld an allem maß er sich selbst zu; sagte ganz offen, daß er aber doch für das Unrecht, das er ihr zugefügt, nicht nachträglich büßen wolle, denn er sei ein eingefleischter Lüstling und seiner nicht mächtig, daß er aber jetzt zu heiraten beabsichtige und das ganze Schicksal dieser höchst ehrenhaften und angenehmen Verbindung in ihrer Hand liege; mit einem Wort, er erwarte alles von ihrem edlen Herzen. Darauf ergriff der General das Wort, in seiner Eigenschaft als Vater, sprach sehr vernünftig, vermied alles Rührende, erwähnte nur, daß er ihr Recht, über Tozkijs Schicksal zu bestimmen, vollkommen anerkenne, hob geschickt seine eigene Ergebung hervor, sowie daß das Schicksal seiner ältesten Tochter, vielleicht aber auch noch dasjenige der beiden jüngeren, im Augenblick nur von ihr abhinge. Auf Nastassja Filippownas Frage, was sie denn eigentlich von ihr verlangten, gestand Tozkij mit derselben nackten Offenheit, sie habe ihm vor fünf Jahren einen solchen Schrecken eingejagt, daß er sich auch jetzt noch nicht sicher fühle, es sei denn, daß Nastassja Filippowna selbst heirate. Er fügte übrigens sofort eilig hinzu, daß diese Bitte natürlich unsinnig wäre, wenn er nicht Ursache hätte, sie doch für nicht unsinnig zu halten. Er hätte nämlich sehr wohl bemerkt und außerdem noch aus sicherer Quelle erfahren, daß ein junger Mann aus sehr guter Familie, der hier in Petersburg lebe, und zwar Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, den sie auch selbst kenne und bei sich empfange, sie mit der ganzen Glut der Leidenschaft liebe und – versteht sich – die Hälfte seines Lebens hingeben würde für die bloße Zustimmung, ihre Zuneigung erringen zu dürfen. Dieses Geständnis hätte er, Tozkij, selbst von Gawrila Ardalionytschs Lippen gehört, und zwar schon vor langer Zeit als Freund des jungen Mannes, der ihm einmal sein ganzes Herz ausgeschüttet, und daß um diese Liebe auch Seine Exzellenz Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der den jungen Mann protegiere, schon lange wisse. Ferner, wenn er, Tozkij, sich nicht täusche, sei ja auch ihr selbst die Liebe des jungen Mannes kein Geheimnis mehr, und wie ihm, Tozkij, scheine, verhielte sie sich zu derselben nicht abweisend. Natürlich sei es ihm, Tozkij, schwerer als jedem anderen, davon zu sprechen; doch wenn sie ihm, Tozkij, außer Egoismus und dem Wunsch, sein eigenes Leben zu verschönen, nur ein wenig auch den Wunsch, ihr Gutes zu erweisen, zutraue, so würde sie begreifen, wie unangenehm und schwer es ihm falle, ihre Einsamkeit zu sehen. Er könne hieraus nur eins schließen: daß sie an eine Erneuerung ihres Lebens – das doch in der Liebe und im Familienglück so herrlich neu erstehen und somit einen Inhalt finden könnte – nicht glaube oder nicht einmal glauben wolle. Dieses Leben aber, das sie jetzt führe, sei einfach ein Vergraben und Abtöten ihrer glänzenden Fähigkeiten, und das bewußte Gefallenfinden an ihrem Unglück, ja sogar die gewisse Romantik, die ihrem jetzigen Leben anhafte, sei sowohl ihres gesunden Verstandes wie ihres edlen Herzens unwürdig. Nachdem er dann noch einmal wiederholt hatte, daß es ihm schwerer falle als jedem anderen, mit ihr darüber zu reden, kam er auf den zweiten Teil seines Planes zu sprechen. Er sagte, er könne sich nicht die Hoffnung versagen, daß sie ihm nicht mit Verachtung antworten werde, wenn er sie seines aufrichtigen Wunsches, ihre Zukunft sicherzustellen, versicherte und ihr die Summe von fünfundsiebzigtausend Rubeln anböte. Er fügte sogleich hinzu, daß diese Summe sowieso für sie in seinem Testament bestimmt sei; mit einem Wort, es handle sich hier nicht etwa um eine Abfindung ... und weshalb wolle sie denn den menschlichen Wunsch, wenigstens in irgendeiner Art sein Gewissen zu erleichtern, bei ihm nicht gelten lassen und entschuldigen usw. usw. – was in solchen Fällen gewöhnlich geredet wird. Tozkij sprach lange und beredt und flocht noch – gleichsam im Vorübergehen – die interessante Mitteilung ein, daß er von diesen fünfundsiebzigtausend Rubeln keinem Menschen ein Wort gesagt, daß selbst Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der hier neben ihm sitze, bis jetzt nichts davon gewußt habe, kurzum – es wisse darum kein Mensch.
Die Antwort, die ihnen hierauf von Nastassja Filippowna zuteil wurde, setzte aber beide Freunde nicht wenig in Erstaunen: alles andere hätten sie eher erwartet!
Es war nicht nur keine Spur von ihrer früheren Spottlust und Feindseligkeit, ihrem früheren Haß und Lachen vorhanden, von diesem Lachen, bei dessen bloßer Vorstellung Tozkij ein Gruseln im Rücken fühlte, sondern es schien sie im Gegenteil sogar zu freuen, daß sie endlich offen und freundschaftlich mit jemand reden konnte. Sie gestand ohne weiteres, daß sie selbst schon lange um freundschaftlichen Rat habe bitten wollen, nur habe ihr Stolz sie davon abgehalten, daß jedoch jetzt, nachdem das Eis gebrochen, einer Aussprache nichts mehr im Wege stehe. Sie gestand anfangs mit einem traurigen Lächeln, bald aber ganz heiter und sogar lachend, daß vom früheren „Sturm im Wasserglase“ keine Rede mehr sein könne; daß sie Zeit genug gehabt habe, ihre Auffassung der Dinge zu ändern, und wenn sie in ihrem Herzen auch noch ganz dieselbe sei, so habe sie sich doch gezwungen gesehen, manches als vollendete Tatsache gelten zu lassen: was geschehen sei, sei geschehen, was vergangen, das sei vergangen, und es wundere sie nur, daß Afanassij Iwanowitsch immer noch fortfahre, so ängstlich zu sein und Befürchtungen zu hegen. Hierauf wandte sie sich an den General und versicherte ihm, daß sie die größte Hochachtung für seine Töchter empfände, von denen sie schon viel gehört habe, und es würde sie glücklich und stolz machen, wenn sie ihnen irgendwie einen Dienst erweisen könne. Es sei vollkommen wahr, daß sie sich bedrückt und einsam fühle, sehr einsam; Afanassij Iwanowitsch habe ihre Gedanken erraten: wie gern würde sie von ihrem jetzigen zu einem neuen Leben auferstehen wollen, wenn nicht durch die Liebe, so doch vielleicht in der Ehe, durch einen neuen Lebensinhalt. In bezug auf Gawrila Ardalionytsch jedoch könne sie noch nichts Bestimmtes sagen. Sie glaube allerdings auch bemerkt zu haben, daß er sie liebe, und glaube sogar, daß sie ihn mit der Zeit gleichfalls liebgewinnen würde, wenn sie nur an die Treue seiner Zuneigung glauben könne; doch wenn er auch aufrichtig wäre, so sei er doch noch sehr jung, und daher falle es ihr nicht leicht, einen Entschluß zu fassen. Was ihr übrigens am meisten an ihm gefiele, sei, daß er arbeite und ganz allein seine Mutter und seine Schwester ernähre. Sie habe gehört, daß er ein energischer, stolzer Mann sei, der sich durchkämpfen und Karriere machen wolle. Desgleichen habe sie gehört, daß Nina Alexandrowna Iwolgina, die Mutter Gawrila Ardalionytschs, eine vortreffliche und in jeder Beziehung schätzenswerte Dame sei; auch von seiner Schwester Warwara Ardalionowna habe ihr Ptizyn viel erzählt. Derselbe habe ihr auch erzählt, wie mutig sie ihr schweres Leben ertrügen. Sie würde gern ihre Bekanntschaft machen, nur frage es sich noch, ob sie auch umgekehrt sie gerne sehen und in ihre Familie aufnehmen würden. Kurzum, im allgemeinen würde sie gewiß nichts gegen die Möglichkeit dieser Verbindung sagen, doch wolle die Sache immerhin noch überlegt sein, und daher wünsche sie, daß man sie nicht zu einer übereilten Handlung dränge. Was jedoch die fünfundsiebzigtausend Rubel betreffe, so habe Afanassij Iwanowitsch ganz grundlose Befürchtungen gehegt. Sie kenne sehr wohl den Wert des Geldes und würde es natürlich annehmen. Sie danke ihm für sein Zartgefühl, daß er nicht nur Seiner Exzellenz, sondern auch Gawrila Ardalionytsch nichts davon gesagt, doch schließlich – weshalb sollte denn dieser es nicht im voraus erfahren? Sie habe doch gar keine Ursache, sich dieses Geldes zu schämen. Überdies werde sie sich vor keinem Menschen irgendwie schuldig fühlen, was man, das wünsche sie, sich merken solle. Jedenfalls würde sie den jungen Iwolgin nicht eher heiraten, als bis sie sich überzeugt habe, daß weder er noch seine Familie im geheimen irgendwie anders über sie dachten, als es den Anschein habe. Denn wie dem auch sei – sie fühle sich in keiner Beziehung schuldig, und es wäre doch besser, Iwolgin erführe sobald als möglich, in welchen Beziehungen zu Tozkij sie die vier Jahre in Otradnoje gestanden habe, ferner wie sie hier in Petersburg gelebt, und ob sie viel oder nichts erspart habe. Und wenn sie jetzt die fünfundsiebzigtausend Rubel annehme, so betrachte sie dieses Geld durchaus nicht etwa als Zahlung für ihre geraubte Mädchenehre, sondern einfach als Entschädigung für ihr zerbrochenes Leben.
Diese ganze Erklärung hatte sie – was übrigens nur natürlich war – in solche Erregung versetzt und so gereizt, daß der General sehr zufrieden war, als sie endete. Er hielt, als sie gegangen war, die Sache kurzum für erledigt. Tozkij jedoch, dem sie einmal so großen Schrecken eingejagt hatte, glaubte auch diesmal nicht bedingungslos und fürchtete immer noch, daß auch hier wieder die Schlange unter den Blumen liegen könnte. Trotzdem begannen alsbald die Unterhandlungen. Der heikle Punkt, um den herum sich die Manöver der beiden Freunde konzentrierten – in Nastassja Filippowna Liebe zu Iwolgin zu erwecken – schien allmählich erreicht zu werden, so daß selbst Tozkij bisweilen an die Möglichkeit eines Erfolges zu glauben wagte. Inzwischen sprach sich auch Nastassja Filippowna mit Iwolgin aus, d. h., es wurden nur sehr wenige Worte zwischen ihnen gewechselt, ganz als hätte ihr Schamgefühl darunter gelitten. Aber sie gestattete ihm doch, sie zu lieben, nur erklärte sie in sehr bestimmtem Tone, daß sie sich in keiner Beziehung binden wolle, sich vielmehr bis zur Stunde der Trauung – falls es so weit kommen sollte – das Recht, jederzeit „nein“ zu sagen, vorbehalte und ganz dasselbe Recht auch ihm zuspreche. Bald darauf erfuhr Gawrila Ardalionytsch zufällig, daß der Widerstand, den seine ganze Familie dieser Heirat entgegensetzte, und die Antipathie, die sie für Nastassja Filippowna empfand – und die sich bei ihm zu Hause oft genug in erregten Szenen kundtat – ihr bereits zum größten Teil und mit allen ihren Einzelheiten kein Geheimnis mehr war. Es wunderte ihn nur, daß sie niemals ein Wort darüber fallen ließ, was er eigentlich täglich erwartete. So ließen sich noch manche Geschichten, Zwischenfälle und näheren Umstände erzählen, die man während dieser Verabredungen und Unterredungen erlebte oder sich offenbaren sah; doch ich habe ohnehin schon zuviel im voraus gesagt, um so mehr, als manche dieser verzwickten Umstände nur in Gestalt von vagen Gerüchten auftraten. So hatte z. B. Tozkij irgendwoher erfahren, daß Nastassja Filippowna in gewisse unerklärliche, und vor allen anderen geheimgehaltene Beziehungen zu den Töchtern des Generals getreten sei – ein doch ganz unglaubliches Gerücht! Dafür aber mußte er an ein anderes allen Ernstes glauben, an eines, das er bis zum blassen Schrecken fürchtete: wie ihm von durchaus glaubwürdiger Seite versichert wurde, wußte Nastassja Filippowna ganz genau, daß Ganjä Iwolgin sie nur des Geldes wegen heiraten wolle, daß er eine schwarze, habgierige, unduldsame und neidische Seele habe, die unendlich, bis zur Unglaublichkeit, selbstsüchtig war; daß Ganjä einmal allerdings leidenschaftlich in sie verliebt gewesen, doch daß er, seitdem von den beiden Freunden beschlossen war, diese Leidenschaft zum eigenen Vorteil auszunutzen und Ganjä für die legitime Ehe mit Nastassja Filippowna zu kaufen, sie wie seinen Fluch zu hassen begonnen hatte. Man sagte Tozkij, sie wisse ganz genau, daß in Ganjä Iwolgins Seele Haß und Leidenschaft in sonderbarer Weise gepaart seien, und daß er, wenn er auch schließlich nach qualvollem Schwanken eingewilligt, das „ehrlose Weib“ zu heiraten, sich in der Seele doch geschworen habe, sie dafür später bitter büßen zu lassen und sie à la canaille[2] zu behandeln, wie er sich selbst ausgedrückt hätte. Alles das wüßte Nastassja Filippowna und bereite im stillen etwas Besonderes vor. Tozkij geriet hierob in so große Angst, daß er sogar dem General seine Besorgnisse zu verschweigen begann. Dennoch gab es Augenblicke, in denen er als schwacher Mensch, der er nun einmal war, von neuem Mut schöpfte und wieder auflebte. Dasselbe tat er auch, als Nastassja Filippowna den beiden Freunden im Ernst versprach, am Abend ihres Geburtstages das entscheidende Wort zu sagen. Dafür aber erwies sich ein überaus unglaubliches Gerücht, das sogar den hochverehrten General betraf, mit jedem Tage – leider! – als immer begründeter und richtiger. Auf den ersten Blick schien das Ganze nur eine infame Lüge zu sein. Wie sollte man es auch glauben, daß der General Jepantschin in seinen alten Tagen, bei seinem Verstande, bei seiner Lebensklugheit usw. sich in Nastassja Filippowna verliebt habe, und zwar dermaßen, daß diese plötzliche Schrulle fast eine Leidenschaft genannt werden mußte! Welche Hoffnungen er sich machte, war schwer sich vorzustellen. Vielleicht rechnete er sogar auf den Beistand Ganjäs, ihres zukünftigen Mannes. Wenigstens vermutete Tozkij etwas von der Art, vermutete eine vielleicht wortlose Übereinkunft zwischen dem alten General und dem jungen Ganjä, wie sie gegenseitiges Durchschauen sehr wohl herbeigeführt haben konnte. Übrigens ist es ja bekannt, daß ein Mensch, der sich gar zu sehr von einer Leidenschaft hinreißen läßt, und namentlich noch, wenn er dabei schon ein – wie man zu sagen pflegt – gesetzteres Alter erreicht hat, alsbald vollkommen mit Blindheit geschlagen und alsdann fähig ist, Hoffnungen sogar dort zu sehen, wo gar keine sein können, ja daß er dann sogar trotz einer Stirnhöhe von fünf Zoll wie ein dummes Kind handeln kann. Ferner war es Tozkij bekannt, daß der General ihr zum Geburtstage wundervolle Perlen, die eine riesige Summe gekostet hatten, zu schenken beabsichtige und wahrscheinlich viel von diesem Geschenk erwarte, obschon er wußte, daß Nastassja Filippowna weder habsüchtig noch eigennützig war. Am Vorabend des Geburtstages war er wie im Fieber, verstand sich aber verhältnismäßig gut zu beherrschen.
Die Kunde von diesen Perlen nun war auch der Generalin, Lisaweta Prokofjewna, zu Ohren gekommen. Sie hatte zwar schon seit längerer Zeit die Flatterhaftigkeit ihres Gemahls empfunden und zum Teil sich auch schon an sie gewöhnt – aber das ging denn doch nicht an, daß man eine solche Gelegenheit ungenutzt vorübergehen ließ! Wie gesagt, die Perlen beschäftigten sie ungemein, und – das hatte der General natürlich gemerkt: sie hatte am vorhergehenden Abend ein paar entsprechende Anspielungen gemacht, weshalb er denn jetzt eine noch ihm bevorstehende, weit umfangreichere Aussprache erwartete und fürchtete. Dies war auch der Grund, warum er sich an jenem Tage eigentlich sehr ungern zum Frühstück begab. Vor dem Besuch des Fürsten hatte er sogar die Absicht gehabt, Arbeit vorzuschützen und das Wiedersehen zu umgehen (das bedeutete für ihn gewöhnlich fortgehen); denn es war ihm eigentlich nur darum zu tun, diesen einen Tag, und hauptsächlich diesen einen Abend, ohne Unannehmlichkeiten verbringen zu können. Da kam ihm der Fürst denn wie gerufen! „Wie von Gott gesandt!“ dachte der General, als er sich zu seiner Gemahlin begab.