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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 101: IV.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Sechzehntes Kapitel.
Die Matinee

I.

Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des vorhergegangenen „Spigulinschen“ Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wäre, hätte das Fest an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen – eine so große und besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglück blieb sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die Stimmung der Gesellschaft überhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte niemand mehr, daß der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis vorübergehen werde, oder ohne „Entscheidung“, wie einige, sich im voraus die Hände reibend, sagten. Freilich bemühten sich viele, eine sehr finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch – im allgemeinen gesprochen – den russischen Menschen freut nun einmal über alle Maßen jeglicher öffentliche skandalöse Tumult. Allerdings kam bei uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloße Skandalsucht gewesen wäre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas unstillbar Böses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten Überdruß satt. Es hatte sich ein gewisser irreführender Zynismus eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem über die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich über ihre Gefühle im klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen Haß gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt überein. Julija Michailowna aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde überzeugt, daß sie „umschwärmt“ und alle Welt ihr „fanatisch ergeben“ sei.

Ich habe schon erwähnt, daß in unserer Stadt mittlerweile verschiedene sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trüben Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des Übergangs finden sich immer und überall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten „Anführern“, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, daß es allen voran geschieht) zu einem – wenn auch sehr oft allerdümmsten, so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten – Ziele eilen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder Übergangszeit pflegt dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von einem Gedanken zu haben; statt dessen drückt es aus allen Kräften bloß Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen bewußt zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Häufchens der „Anführer“ zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und jenes Häufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefällt, wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was übrigens auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit angehört, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach seinem Kommando alle möglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt wundern sich alle unsere soliden, klugen Köpfe über sich selbst: wie hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können? Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und zu was es einen Übergang bei uns gab – das weiß ich nicht, und ich denke, das vermag niemand zu sagen, oder höchstens ein paar auswärtige Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, daß plötzlich die erbärmlichsten Leutchen ein gewisses Übergewicht bekamen, sich u. a. erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, während sie früher nicht einmal gewagt hätten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten, begannen plötzlich, diesen Leuten zuzuhören und selber zu schweigen, manche aber fingen schon an, ihnen schmählichst und mit schadenfrohem Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lämschins, Telätnikoffs, kleine Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs, wehleidig und hochmütig lächelnde Jüdchen, Lachbrüder unter angereisten Reisenden, Dichter mit Großstadtrichtung und Dichter, die sich statt durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel auszeichneten, Majore und Obersten, die sich über die Sinnlosigkeit ihres Berufs lustig machten und für einen Rubel mehr sofort bereit waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die Eisenbahnverwaltung zu drücken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschäftsleute, unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, – all das bekam bei uns das Übergewicht. Und über wen? Über den Klub, über alte Würdenträger, über Generale mit Stelzfüßen, über unsere strengsten und unzugänglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken ließ, so ist den anderen unserer Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betölpeln ließ, zum Teil doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon erwähnte, die Wirkung der Internationale. Diese Ansicht hat sich so festgesetzt, daß man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die Vorgänge erklärt. Und noch kürzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse, unaufgefordert in überzeugtem Tone gesagt, daß er im Laufe von ganzen drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einfluß der Internationale gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich näher zu erklären, da konnte er allerdings keinerlei Belege dafür anführen, außer dem einen, daß er es „mit allen Sinnen so empfunden“ habe. Und überzeugt blieb er bei seiner Behauptung, so daß man schließlich nach Begründungen nicht weiter in ihn drang.

Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar womöglich hinter verschlossenen Türen. Doch welches Türschloß hält dem Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so wie in allen anderen Töchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und so kam es denn, daß auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte ja so glänzend, so unvergleichlich werden; man erzählte schon Wunderdinge, sprach von zugereisten Fürsten mit Lorgnettes, von den zehn Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken Schulter tragen sollten. Manche wußten zu berichten, daß Karmasinoff zur Erhöhung der Einnahme eingewilligt habe, sein „Merci“ in dem Kostüm einer Gouvernante vorzulesen, und daß die „Quadrille der Literatur“ gleichfalls in Kostümen getanzt werden und jedes Kostüm eine bestimmte literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in einem besonderen Kostüm der „ehrliche russische Gedanke“ – an sich schon eine vollkommene Neuheit – auftreten und tanzen. Wie sollte man da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn alle ein.

II.

Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunächst, am Vormittage, von zwölf bis vier, sollte die literarische Matinee stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf dieser Grundlage das Gerücht verbreiten, daß es nach der literarischen Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein Frühstück geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein Frühstück mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte kostete drei Rubel) verlieh diesem Gerücht etwas durchaus Glaubwürdiges, was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. „Würde ich denn sonst für nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest währt ja vierundzwanzig Stunden, na also – ernährt einen dann auch. Sonst würde man ja verhungern.“ So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich muß aber gestehen, daß Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn diesem verderblichen Gerücht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem Monat, in der ersten Begeisterung für ihren großen Plan, hatte sie jedem ersten besten von ihrem Fest erzählt; und daß auf diesem Fest Reden und Toaste gehalten werden würden, hatte sie sogar in eine der hauptstädtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte unser Hauptziel erklären und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte (ich wette, daß die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen Tischrede gebracht hat), sollte dann als „Korrespondenz“ in die Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die höchsten Vorgesetzten zugleich rühren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und überall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehört nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf nüchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein Frühstück Voraussetzung. Später aber, als sich dank ihrer Bemühungen schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache machte, ward ihr sogleich klar und überzeugend bewiesen, daß, wenn man an ein Festessen dachte, für die Gouvernanten nur eine sehr geringe Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen neunzig Rubeln für die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form willen veranstaltete. Übrigens wollte das Komitee damit allen hochfliegenden Plänen zunächst nur einen Dämpfer aufsetzen, denn man war ja selbst keineswegs nur für das eine oder das andere, sondern man hatte sich eine dritte Möglichkeit ausgedacht, die sowohl versöhnend wie vernünftig war, nämlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren Betrag für die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht ein; ihr Charakter verachtete die kleinbürgerliche Mitte. Und so beschloß sie sofort, daß, wenn das erste Projekt sich nicht verwirklichen ließ, man sich für das andere Extrem entscheiden müsse, also für eine ungeheuere Einnahme, deren Höhe den Neid aller anderen Gouvernements erwecken mußte.

„Das Publikum muß doch endlich einsehen,“ schloß Julija Michailowna ihre temperamentvolle Erklärung auf der Sitzung des Komitees, „daß der humanitäre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze körperliche Genüsse, daß das Fest im Grunde nur die Verkündung einer großen Idee ist, und deshalb muß es sich mit einem so ökonomisch wie nur möglich veranstalteten kleinen deutschen Ball begnügen, der einzig pro forma gegeben wird – wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal nicht auskommen kann!“ – so sehr war er ihr plötzlich verhaßt.

Schließlich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besänftigen. So hatte man denn u. a. die „Quadrille der Literatur“ und ähnliche ästhetische Scherze als Ersatz für körperliche Genüsse in Vorschlag gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff endgültig eingewilligt, sein „Merci“ vorzutragen (bis dahin hatte er alle mittels ausweichender Antworten in quälender Ungewißheit belassen) um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte dann der Ball wiederum eine großartige Anziehungskraft erhalten, wenn auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht völlig dem Irdischen zu entschweben, beschloß man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und kleinem rundem Gebäck zu reichen, darauf einen Kühltrank und Limonade, und zum Schluß sogar noch Eis – doch das sollte denn auch alles sein. Für diejenigen aber, die immer und überall Hunger und besonders Durst zu verspüren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein Büfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) übernehmen sollte. Natürlich mußte für die verabfolgten Speisen und Getränke gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem Publikum mitzuteilen war. Doch während der Matinee sollte das Büfett unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Geräusch den Vortrag störte, obgleich man für das Büfett einen Raum vorsah, der fünf Zimmer von dem weißen Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein „Merci“ vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwürdigerweise wurde diesem Ereignis, dem Vortrag dieses „Merci“, wie mir scheint, von dem Komitee eine übertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die nüchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, daß sie sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weißen Saales eine Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das Ereignis verewigt werden sollte, daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, hier in diesem Saal der große russische und europäische Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persönlich sein „Merci“ gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und daß schon abends auf dem Ball, also kaum einige fünf Stunden nach dem Vortrage, alle diese Gedächtnistafel würden lesen können. Wie ich genau weiß, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt hatte, daß das Büfett während der Matinee, wenn er las, unter keiner Bedingung geöffnet werde, trotz der Einwände etlicher Komiteemitglieder, daß ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbräuchen nicht ganz in Übereinstimmung befinde.

So lagen die Dinge in Wirklichkeit, während man in der Stadt immer noch an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur letzten Stunde. Unsere jungen Damen träumten nur noch von Konfekt und Eis. Man wußte, daß die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, daß die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, daß sogar aus der Umgegend viele kommen würden, und daß die Eintrittskarten bei diesem Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, daß außer der Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte für ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmückung des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den Preis für die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel herabzusetzen. Man hatte nämlich zu Anfang tatsächlich befürchtet, es vermöchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafür auszugeben, und in Erwägung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Töchter gab. Aber diese Befürchtung erwies sich als überflüssig; im Gegenteil, gerade die Töchter erschienen vollzählig. Selbst die ärmsten Beamten führten ihre sämtlichen Töchter heran, und es war ja klar, daß sie, falls sie keine Töchter gehabt hätten, auch im Traum nicht daran gedacht haben würden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner Sekretär erschien mit ganzen sieben Töchtern, dazu noch die Frau und eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was für eine Revolution das in der Stadt abgab! Man bedenke bloß das eine, daß die Teilung des Festes zweierlei verschiedene Toiletten für jede Dame verlangte: ein Kleid für die literarische Matinee und ein Ballkleid für den Abend. Man bedenke, was das für manche Verhältnisse bedeutete! Wie sich später herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaßen, sogar ihre Bettwäsche, ja, manche hatten womöglich ihre Matratzen zu den Juden getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu führen und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvögeln mit Vergnügen am „Hofe“ Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen abgaben, – und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Haß gegen Julija Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt schimpfen natürlich alle über sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, daß, wenn der Ball nicht geradezu glänzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten Anlaß zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens ein ungeheuerer werden würde. Und eben deshalb erwartete denn im geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so erwartet wurde, wie hätte er dann noch ausbleiben können?

Um punkt zwölf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu den Festordnern gehörte, d. h. einer von den zehn „jungen Kavalieren mit der Bandschleife an der Schulter“ war, so blieb ich Augenzeuge aller Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren Drängerei am Eingange. Wie es kam, daß alles schon vom ersten Schritt an fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich keinen Vorwurf machen: die Familienväter waren es nicht, die die Drängerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon auf der Straße ein wenig scheu geworden, als sie den für unsere Stadt ungewöhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die das Haus förmlich belagerte und sich gerader hineinwälzte, statt ruhig einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schließlich die ganze Straße versperrten. Im übrigen bin ich heute überzeugt, daß manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pöbel unserer Stadt gehörten, von Lämschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten eingeführt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die gleichfalls „Anordner“ waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen unbekannte Personen, die aus Kreisstädten oder Gott weiß woher angereist waren. Diese Wilden begannen nun, kaum daß sie den Saal betreten hatten, sogleich und merkwürdig übereinstimmend (ganz als wären sie instruiert worden) nach dem Büfett zu fragen, und als sie erfuhren, daß es jetzt noch kein Büfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit einer bei uns bisher unerhörten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren zunächst verblüfft durch die nie geschaute Pracht des Saales, verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde die Herrlichkeit an. Freilich war dieser große Weiße Saal tatsächlich sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chören und Spiegelwänden, mit roten Vorhängen zwischen weißen Wandflächen, mit Marmorstatuen (gleichviel was für welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren Möbeln aus der Napoleonischen Zeit, weiß mit Gold und mit rotem Samt ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribüne für die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters, mit Stühlen in dichten Reihen völlig angefüllt, ausgenommen nur die drei breiten Durchgänge für das Publikum. Doch schon nach den ersten Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. „Wir wollen vielleicht überhaupt keine Vorträge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum unverschämt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ...“ Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der junge angereiste Fürst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende Bitte hin hatte auch er schließlich eingewilligt, das Festordnerband an seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden. Tags zuvor, an eben jenem denkwürdigen Vormittage, hatte ich ihn in Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, daß diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre Art zu handeln verstand. Als nämlich ein riesiger, pockennarbiger verabschiedeter Hauptmann, unterstützt von einem ganzen Haufen ihm nachdrängender fragwürdiger Gestalten, dem jungen Fürsten auf den Leib rückte und unablässig nach dem Büfett fragte, da winkte dieser kurz entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestörer wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das „eigentliche“ Publikum zu erscheinen und zog sich in drei langen Fäden durch die drei Durchgänge zwischen den Stuhlreihen zu den Plätzen hin. Das schlechtere Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und nach, aber das „gute“ Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus; manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein.

Schließlich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu feierlicher Miene – was bereits an und für sich ein schlechtes Zeichen ist. Doch „die Lembkes“ erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und Brillanten glänzten und funkelten von allen Seiten; Parfüm verbreitete sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die Militärs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa so blendend schön gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein entzückendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glänzten, in ihrem ganzen Gesicht lag ein Lächeln. Wie man sah, machte sie auf alle einen großen Eindruck. Man steckte die Köpfe zusammen und tuschelte. Jemand meinte, ihre Augen hätten, als sie in den Saal trat, Stawrogin gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glück, Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall des vorhergegangenen Tages und stand verständnislos vor einem Rätsel.

Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler, der gemacht wurde. Später erfuhr ich, daß Julija Michailowna bis zum letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Tränen gekränkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und tatsächlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag über verschwunden: zu der literarischen Matinee erschien er einfach überhaupt nicht. Und zu Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen.

Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribüne erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung warten muß. Die Väter und Mütter wurden unmutig: „Lembkes tun ja wirklich furchtbar wichtig,“ hieß es. Einige wußten zu erzählen, daß Lembke krank sei. Andere äußerten laut die Vermutung, daß das Fest wohl aufgeschoben werden würde.

Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch führte Julija Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Märchen und die Wirklichkeit trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu sein. Überhaupt waren es in der höheren Gesellschaft nur wenige gewesen, die vermutet hatten, daß es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte. Seine Amtsführung hielten alle für gut. Sogar die Rutengeschichte bezog man in dieses Urteil ein. „Das wäre von Anfang an das Richtige gewesen,“ sagten die Honoratioren, „sonst beginnen sie immer mit der Philantropie, bis sie schließlich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, daß gerade diese zur Philantropie als erstes nötig ist.“ So urteilte man im Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. „So etwas muß man mit Kaltblütigkeit machen,“ hieß es, „aber er ist es eben noch nicht gewöhnt.“

Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna. Man wird von mir gewiß nicht verlangen, daß ich bis in alle Einzelheiten weiß, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich weiß nur eines: daß sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrücklich vergeben worden. Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ... und als am Ende seiner weitläufigen Erklärungen von Lembke dennoch auf die Knie fiel, gequält von der entsetzlichen Erinnerung, daß er zu guter Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schönen Händchen und schließlich auch die Lippen seiner Gattin die glühenden Ergießungen der Reue dieses ritterlich zartfühlenden, doch nun von Rührung überwältigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewußt.

Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glück. Mit offener Miene, in einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Höhe ihrer Wünsche: das Fest, das Ziel und die Krönung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei ihren Plätzen – in der ersten Reihe vor der Tribüne – angelangt, blieben beide Lembkes stehen, grüßten und erwiderten die Grüße nach allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Mißverständnis: das Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte plötzlich mir nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, – nicht etwa irgendeinen Marsch oder sonst ein Stück, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub, wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute weiß ich, daß Lämschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den Festordnern gehörte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natürlich konnte er sich immer noch damit entschuldigen, daß er es aus Dummheit oder aus Übereifer getan habe ... Doch ach, damals wußte ich noch nicht, daß jene an Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles zu beenden glaubten. Zur Erhöhung der Peinlichkeit der Situation, die im Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lächeln hervorrief, wurde plötzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra! geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur wenige, aber ich muß gestehen, sie hörten doch nicht so bald auf. Julija Michailowna schoß das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und übersah, sich zu den Ruhestörern umwendend, mit majestätischem und strengem Blick den Saal ... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefährliche Lächeln, mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein Gesicht auch jetzt einen gewissermaßen unheilvollen Ausdruck an und, was das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lächerlichen: den Ausdruck eines Gatten, der sich schließlich – also sei es denn! – zum Opfer bringt, nur um den höheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen ... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flüsterte mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwören, unverzüglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schändlichkeit, eine noch viel größere als die erste. Auf der Tribüne, auf der leeren Tribüne, wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man zunächst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas Wasser auf silbernem Tablett sah – auf dieser selben leeren Tribüne erschien plötzlich die kolossale Gestalt des „Hauptmanns“ Lebädkin in Frack und weißer Binde. Ich war so bestürzt, daß ich meinen Augen nicht traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und blieb hinten auf der Tribüne stehen. Da ertönte plötzlich aus dem Publikum ein erstaunter Ausruf: „Lebädkin! du?“ – und die dumme, rote Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn, schüttelte plötzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu allem entschlossen, zwei Schritte vor und – platzte plötzlich in Lachen aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glückliches Lachen, von dem die ganze schwere Masse seines Körpers ins Schaukeln geriet und die Äuglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast die Hälfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und wechselte finstere Blicke; aber das währte alles kaum länger als eine halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und zwei Diener herbei; sie faßten behutsam den Hauptmann unter den Armen und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Lebädkin sah ihn unwirsch an, brummte aber schließlich: „Nun denn, wenn’s so besser ist!“ und schlug einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige Rückseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen Augenblick später erschien Liputin wieder auf der Tribüne. Auf seinen Lippen lag das süßeste Lächeln, wenn es auch immer noch, wie stets bei ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an den vorderen Rand der Tribüne.

„Meine Damen und Herren!“ begann er, sich an das Publikum wendend. „Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den Auftrag übernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen Ziele ... ungeachtet seines äußeren Zustandes ... von demselben Ziele, das uns alle hier vereinigt hat ... die Tränen der armen gebildeten Mädchen unseres Gouvernements hinfüro abzuwischen, ... will dieser Herr, das heißt, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er sein Inkognito gewahrt zu sehen wünscht ... würde er, wie gesagt, dennoch sehr wünschen, daß seine Dichtung vor Beginn des Balles vorgetragen werde ... das heißt, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn der literarischen Vorträge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde zugestellt wurde ... aber es will uns (wen meinte er damit? Ich gebe diese zerhackte und unklare Rede wortwörtlich wieder) dennoch scheinen, daß es, im Hinblick auf die Naivität des Gefühls, die mit Humor verbunden ist, daß ... wie gesagt, daß das Gedicht dennoch vorgetragen zu werden verdiente, das heißt, nicht als etwas Ernstzunehmendes, sondern bloß als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee ... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.“

„Lesen Sie!“ dröhnte eine Stimme aus den letzten Reihen.

„So soll ich es vorlesen?“

„Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen!“ riefen jetzt schon viele Stimmen.

„Also denn – mit Erlaubnis des verehrten Publikums ...“ Liputin verbeugte sich und wand sich mit demselben süßen Lächeln.

Aber es war doch, als könne er sich trotzdem nicht entschließen, und wie mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. Übrigens wäre ein Seminarist von heute gewiß nicht unsicher geworden, aber Liputin gehörte ja schließlich doch noch zur alten Generation.

„Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie früher zu Festen verfaßt wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz, jedoch unstreitig ein gefühlvoller, der überdies mit spielerischer Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit zum Gegenstande hat ...“

„Lesen! Lies doch! Nur los!“

Liputin faltete sein Papier auseinander. Natürlich kam niemand mehr dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller Stimme darauf los.

„Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem Dichter gewidmet:

Lebe hoch! o Gouvernante!

Freue dich und jubiliere,

Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante,

Oh, sei stolz und triumphiere!“

„Das hat ja Lebädkin gemacht!“ „Das ist ja ein echter Lebädkin!“ ertönten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele lachten, manche klatschten sogar Beifall.

„Feministin oder sonst was!

– Schrecklich ist’s, wenn man bedenkt,

Wie du früher dich gequält hast,

Und dich nutzlos angestrengt!“

„Hurra! Hurra!“ unterbrach man wieder in den letzten Reihen.

„Lehren, hieß es, dumme Göhren

Manch französisches Gedicht,

Doch die wollten dich nie hören,

Wie das nun mal Kindespflicht.

Ja, so war’s, so ist’s gewesen,

Doch das laß begraben sein.

Der Reformen großer Besen

Führt ’ne andre Wertung ein ...“

„Bra–avoooo!“

„Also hör’: seit dem Betriebe

Der Reformen – jetzt gib acht! –

Wird die Freiheit und die Liebe

Einzig noch vom Geld gemacht ...“

„Stimmt! Bravooo! Hurra!“

„Ja, mein Fräulein, sie ist bitter,

Diese Wahrheit, – nämelich:

Auch der allergrößte Ritter

Nimmt nicht ohne Mitgift dich!“

„Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen Schritt!“

„Drum, – da wir nun tanzend spenden

Eine Mitgift für das Weib,

Die wir dir dann übersenden

Zu ’nem bessren Zeitvertreib –

Feministin oder sonst was:

(Bleibst doch stets vom selben Holz)

Mit ’ner Mitgift bist du etwas,

Spuck auf alles und sei stolz!“

Ich muß gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so erklärte Gemeinheit, daß die Möglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin.

Übrigens schien Liputin selbst zu fühlen, daß er doch ein zu starkes Stück auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribüne und war sich offenbar nicht klar darüber, ob er noch etwas hinzusetzen sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht übrigens ganz ernst genommen. Die andere Hälfte war freilich um so gekränkter. Julija Michailowna erzählte später, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen. Einer der ehrwürdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und verließ mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer weiß, vielleicht hätte dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade jetzt Karmasinoff auf der Tribüne erschienen wäre. Sein kleines Figürchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weißer Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie erlöst an, als wäre er ihr Retter ...

Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mußte unter allen Umständen mit Liputin sprechen.

„Das haben Sie absichtlich getan!“ rief ich empört und packte ihn am Arm.

„Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht,“ log er und spielte den Unglücklichen. „Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte, es wäre ein lustiger Scherz ...“

„Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen Blödsinn in Knüttelversen für einen Scherz?!“

„Ja, gewiß, jawohl.“

„Das lügen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit Lebädkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum erschien denn Lebädkin im Frack? Schon daraus geht hervor, daß alles von Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken hätte!“

„Was geht das Sie an?“ fragte mich da Liputin plötzlich mit sonderbarer Ruhe.

„Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?“

„Ich weiß nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?“

„Was das soll? Daß ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine Intrige gegen Julija Michailowna – damit Sie’s wissen!“

Liputin sah mich von der Seite an.

„Ja, und was geht das Sie an?“ fragte er nochmals, lächelte, zuckte mit den Achseln und ging davon.

Mich überlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in Erfüllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getäuscht zu haben! Was sollte ich tun? Ich hätte mich gern mit Stepan Trophimowitsch beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene Arten zu lächeln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna eilen? Doch dazu war es noch zu früh: sie mußte eine noch viel nachhaltigere Lehre bekommen, um von der Überzeugung, alle Welt sei ihr „fanatisch ergeben“, geheilt zu werden. Sie hätte mir doch nicht geglaubt und mich nur für einen „Gespensterseher“ gehalten. Ja, und was konnte sie jetzt noch tun? „Ach,“ dachte ich, „was geht denn das schließlich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe nach Hause, sobald es anfängt.“ (Ich gebrauchte wirklich diesen Ausdruck: „sobald es anfängt“, ich erinnere mich noch genau.)

Aber jetzt mußte ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hören! Als ich noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, daß da eine Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar Frauen. Dieses „hinter den Kulissen“ war ein recht enger Raum, eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Räumen verband und zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte mich einer in Erstaunen: der Nächstfolgende nach Stepan Trophimowitsch. Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte während des ganzen Essens geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen der anderen Gäste, Julija Michailownas Suite, gelächelt, und auf alle durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan Trophimowitsch, flüsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lächeln, aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, daß man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit einem ergrauenden Bärtchen. Gekleidet war er anständig. Am merkwürdigsten an ihm war, daß er bei jeder Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie über seinem Haupte schüttelte und dann plötzlich niederfallen ließ, als wollte er einen Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie gesagt, Karmasinoff zu hören.

III.

Im Saale war wieder etwas nicht ganz in Ordnung. Jedes Genie in Ehren! Und volles Verständnis für seine Eigentümlichkeiten im voraus! Aber warum müssen sich Genies, wenn sie älter werden, so oft wie – nun, einfach wie kleine Knaben benehmen? Selbst wenn man ein Karmasinoff war und mit der Würde von fünf Kammerherren auftrat, wie konnte er nur ein solches Publikum eine ganze Stunde mit einem solchen Aufsatz langweilen? Nicht mehr als zwanzig Minuten hätte man es mit einem leicht verständlichen literarischen Vortrag ungestraft unterhalten dürfen. Dabei war man ihm, als er zuerst auftrat, äußerst ehrerbietig begegnet: selbst die allergesetztesten Herren hatten Wohlgefallen und Neugier, die Damen sogar Entzücken bekundet. Der Begrüßungsapplaus war indessen nur kurz und abgerissen gewesen. Dafür war aber in den letzten Reihen auch kein einziger Ausfall erfolgt. Und auch dann, als Karmasinoff zu sprechen angefangen hatte, geschah zunächst nichts eigentlich Störendes: lediglich Verwunderung griff allmählich um sich. Nur ganz am Anfang hatte sich ein kleiner Zwischenfall zugetragen: als Karmasinoffs piepsendes und quäkendes Stimmchen ertönte, lachte im Publikum jemand einfach laut auf. Ich habe schon früher erzählt, daß Karmasinoff eine hohe, schreiende Stimme hatte, die einer Frauenstimme glich, ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, daß er fein und vornehm lispelte. Die Umsitzenden wiesen den Störer übrigens sofort durch Zischen zur Ruhe, und so konnte denn Karmasinoff ungestört seine Rede beginnen. Zunächst erklärte er, daß er „ursprünglich überhaupt nicht habe lesen wollen“ (was zu erklären eigentlich gar nicht nötig war), denn es gebe Zeilen, die „so unmittelbar aus dem Herzen fließen“, daß man sie gar nicht an die Öffentlichkeit tragen dürfe (ja warum trug er sie denn?). Aber da man ihn nun einmal so gebeten habe, so tue er es doch, und da er jetzt seine Feder für immer hingelegt und sich geschworen habe, nichts mehr zu schreiben, und weil das nun einmal beschlossene Sache sei, so habe er dieses Abschiedsopus doch noch geschrieben; und da er sich gelobt, nie etwas öffentlich vorzulesen, niemals und unter keiner Bedingung, so werde er denn jetzt einmal eine Ausnahme machen und, also sei es, dieses letzte Opus einem Publikum persönlich vorlesen, usw. usw. – noch allerhand in diesem Sinne.

Doch das wäre alles noch nicht so schlimm gewesen, und wer kennt denn schließlich nicht die Vorreden der Autoren? Ich will aber zugeben, daß bei der geringen literarischen Bildung unseres Publikums und der Reizbarkeit der hinteren Reihen auch das schon aufreizend mitwirken konnte. Nun wohl: wäre es unter diesen Umständen nicht weit besser gewesen, er hätte eine kurze Novelle vorgetragen oder ein kleines Geschichtchen von der Art, wie er sie früher manchmal schrieb – zwar gedrechselt und geziert, aber mitunter doch ganz witzig? Damit wäre alles gerettet gewesen. Aber es sollte nun einmal nicht sein. Und so begann denn die Litanei! Oh Gott, was hatte er da alles zusammengetragen! Ich bin überzeugt, daß selbst ein Großstadtpublikum schließlich einen Starrkrampf bekommen hätte, nicht bloß ein Publikum wie unseres. Man denke sich das gezierteste und müßigste Geschwätz in einer Länge von fast zwei Druckbogen; und das trug dieser Herr zum Überfluß mit einer gewissen wehmütigen Herablassung vor, als wenn er eine Gnade erwiese, und schon darin allein lag etwas nahezu Beleidigendes für unser Publikum. Das Thema ... Aber wer konnte denn daraus klug werden, aus diesem Thema! Das war gewissermaßen ein Bericht über irgendwelche Eindrücke, untermischt mit irgendwelchen Erinnerungen. Doch Eindrücke wovon? Erinnerungen an was? – Wie sehr unsere Gouvernementsköpfe während der ganzen ersten Hälfte des Vortrags auch die Stirn in Falten legten, – sie konntens doch nicht bewältigen, so daß sie die zweite Hälfte bloß aus Höflichkeit anhörten. Nun ja, es war da viel von Liebe die Rede, von der Liebe des Genies zu einer Person, aber ich muß gestehen, das wirkte einigermaßen peinlich. Es paßte irgendwie nicht recht zu dem kleinen, dicken Figürchen des genialen Schriftstellers (wenigstens für mein Empfinden), daß er von seinem ersten Kuß sprach ... Und zudem sollten diese Küsse, was wiederum verletzend wirkte, durchaus ganz anders geküßt worden sein, als von der ganzen übrigen Menschheit, und dazu noch unter ganz besonderen Nebenumständen. Bei Karmasinoffs erstem Kuß wuchs ringsum Ginster (unbedingt gerade Ginster, oder wenigstens irgend so ein Kraut, von dem man sich erst nach einem botanischen Handbuch eine Vorstellung machen kann). Der Himmel aber hatte derweil unbedingt einen violetten Farbenton, den natürlich noch nie zuvor ein Sterblicher bemerkt hat, obschon ihn alle zwar gesehen haben, sogar schon mehrfach, doch ihn wahrzunehmen hat eben bisher noch kein einziger verstanden. „Nun aber seht,“ – so ungefähr wirkte Karmasinoffs Art – „ich allein habe diesen Farbenton zum erstenmal wahrgenommen und beschreibe ihn jetzt euch Tölpeln wie eine ganz bekannte Sache!“ Der Baum dagegen, unter dem das interessante Paar Platz genommen, war durchaus orangefarben. Der Ort, wo sie saßen, lag irgendwo in Deutschland. Plötzlich sahen sie Pompejus oder Kassius am Abend vor einer Schlacht und die Kälte der Begeisterung durchdrang sie sofort alle beide. Dann begann eine Nixe im Gebüsch zu zirpen und im Schilf spielte plötzlich Gluck auf der Geige. Das Stück, das er vortrug, wurde en toutes lettres[174] genannt, doch blieb es trotzdem uns allen unbekannt, so daß man in einem Musiklexikon nachschlagen müßte. Währenddessen aber stieg ein Nebel auf und ballte sich und ballte sich, und ballte sich so, daß er alsbald eher Millionen von Kissen glich, als einem Nebel. Plötzlich aber verschwand alles und das große Genie begibt sich an einem Wintertage, jedoch bei Tauwetter, über das Eis der Wolga. Zweieinhalb Seiten Übergang; und dennoch kommt er nicht hinüber, sondern fällt in ein Loch im Eise. Das Genie sinkt, versinkt, – Sie meinen, es ertrinkt? Nein, es denkt auch nicht einmal daran: es fiel überhaupt nur deshalb in das Loch, um in dem Augenblick, als es schon bis über die Nase im Wasser versank und bereits zu schlucken begann, plötzlich ein Eisstückchen zu erblicken, ein winziges Eiskörnchen von der Größe einer kleinen Erbse, aber so rein und klar „wie eine gefrorene Träne“. In diesem Eisperlchen spiegelte sich dann Deutschland oder richtiger der Himmel Deutschlands, und das Spiel der Regenbogenfarben in diesem Eisperlchen erinnerte ihn an just die Träne, die, „weißt du noch, aus deinem Auge rann, als wir unter dem smaragdenen Baume saßen und du freudig ausriefst: ‚Es gibt kein Verbrechen!‘ – ‚Ja‘, sagte ich unter Tränen, ‚doch wenn es so ist, dann gibt es auch keine Gerechten‘. Wir schluchzten auf und nahmen Abschied voneinander.“ Sie ging an einen Meeresstrand und er begab sich in eine Höhle tief unter der Erde: er sinkt also hinab und hinab, drei Jahre lang sinkt er genau unter dem Moskauer Ssuchareffturm hinab, bis er plötzlich mitten im Innern der Erde ein Lämpchen findet und vor diesem Lämpchen einen Asketen. Der Asket betet. Das Genie drückt die Stirn an ein kleines vergittertes Fensterchen. Und plötzlich vernimmt es einen Seufzer. Sie glauben, der Asket habe geseufzt? Weit gefehlt! Das Genie wird doch nicht einen Asketen beachten! Nein, das war nur so ein Seufzer, doch dieser Seufzer erinnerte ihn an ihren ersten Seufzer vor siebenunddreißig Jahren, „als wir, weißt du noch, in Deutschland unter dem achatenen Baume saßen und du zu mir sprachst: ‚Wozu lieben? Sieh, ringsum blüht es ockergelb und ich liebe, doch das Gelb wird aufhören zu blühen und ich werde aufhören zu lieben‘. – Dann ballte sich wieder ein Nebel zusammen, Ernst Amadeus Hoffmann erschien, eine Nixe flötete eine Melodie von Chopin und plötzlich tauchte aus dem Nebel über den Dächern Roms, einen Lorbeerkranz im Haar, Ancus Marcius auf. Ein Schauer der Ekstase lief uns über den Rücken und wir trennten uns auf ewig“ usw. usw.

Mit einem Wort, wenn ich es auch vielleicht nicht richtig wiedergebe oder es überhaupt nicht wiederzugeben verstehe, so war doch der Sinn des Geschwätzes gerade von dieser Art. Und dann: was ist das doch für eine schmähliche Sucht in unseren großen Geistern, Witze und Wortspiele im „höheren“ und „literarischen“ Sinne anzubringen! Der große europäische Philosoph, der große Gelehrte, Erfinder, der mühevoll Schaffende und Märtyrer, – alle diese sich Mühenden und Beladenen sind für unser großes russisches Genie entschieden nur so eine Art Köche in seiner Küche. Er ist der Herr, sie aber erscheinen vor ihm mit der Zipfelmütze in der Hand und warten auf seine Befehle. Allerdings, er spöttelt hochmütig auch über Rußland, und überhaupt ist ihm nichts so angenehm, wie den Bankrott Rußlands in jeder Hinsicht vor den großen Geistern Europas wieder einmal festzustellen. Doch was ihn selbst betrifft, – oh, mit Verlaub, er selbst hat sich über diese großen Geister Europas natürlich schon längst emporgeschwungen: für ihn sind sie bloß Material zu seinen Wortspielen. Er nimmt eine Idee, die nicht in seinem Kopfe entstanden ist, verknüpft sie mit ihrer Antithese und das Wortspiel ist fertig. Es gibt Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine Wahrheit, also gibt es auch keine Gerechten; Atheismus, Darwinismus, Moskauer Glocken ... Doch wehe, er glaubt schon nicht mehr an Moskauer Glocken. Rom, Lorbeeren ... Doch er glaubt nicht einmal an Lorbeeren ... Hier ein obligatorischer Anfall von Byronschem Weltschmerz, dort eine Heinesche Grimasse, dann wiederum Anklänge an Petschorin[49], – und so ging das fort und fort, wie eine in Schwung geratene Maschine ... „Übrigens, so lobt mich doch, lobt mich doch, denn das liebe ich über alle Maßen! Und ich sage ja nur so, daß ich die Feder für immer aus der Hand lege; nein, wartet nur und ihr werdet meiner noch dreihundertmal überdrüssig werden, werdet noch müde werden, mich zu lesen ...“

Natürlich konnte das kein gutes Ende nehmen; das Schlimme war aber, daß es damit nun überhaupt anfing. Schon lange hatte im Saale ein Räuspern, Hüsteln, Schnauben begonnen, ein Hin- und Herrücken auf den Stühlen und Husten, kurz, es gab alle die bekannten Lebenszeichen, die stets einzusetzen pflegen, wenn bei einer literarischen Veranstaltung der Vortragende, wer er auch sei – ja selbst wenn er das größte Genie ist –, das Publikum länger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Doch der geniale Schriftsteller merkte nichts davon. Er fuhr fort zu lispeln und zu schnarren, ohne das Publikum überhaupt einer Beachtung zu würdigen, so daß schließlich eine allgemeine Verständnislosigkeit Platz griff. Und da nun geschah es, daß aus einer der hinteren Reihen plötzlich eine einsame, doch laute Stimme sich vernehmen ließ:

„Gott, was für ein Unsinn!“

Das war irgend jemandem wohl ganz unfreiwillig entschlüpft und gewiß – davon bin ich überzeugt – ohne jede Absicht einer Demonstration. Ein Mensch war einfach müde geworden. Doch Herr Karmasinoff brach sofort ab, blickte spöttisch aufs Publikum, und plötzlich fragte er mit derselben affektierten Aussprache und der Miene eines verletzten Kammerherrn:

„Mir scheint, meine Herrschaften, Sie sind des Zuhörens bereits gehörig überdrüssig?“

Gerade hiermit aber beging er einen unverzeihlichen Fehler: daß er überhaupt ein Gespräch anknüpfte. Denn mit dieser Frage forderte er doch eine Antwort heraus, gab er jedem beliebigen aus dem Gesindel der hinteren Reihen die Möglichkeit, ja das Recht, nun gleichfalls laut im Saale zu reden, während man anderenfalls, wenn diese Frage und Unterbrechung nicht erfolgt wäre, sich zwar noch weiter geschnaubt und geschnaubt, aber schließlich doch alles bis zum Ende angehört hätte ... Oder erwartete er vielleicht als Antwort auf seine Frage stürmischen Beifall? Der blieb jedoch vollständig aus; im Gegenteil: alle waren gleichsam erschrocken, zogen sich in sich selbst zurück und verhielten sich ganz still.

„Sie haben Ancus Marcius überhaupt nie gesehn, das sind lauter stilisierte Phrasen!“ ertönte plötzlich eine gereizte, vor Verbissenheit schon überreizte Stimme.

„Natürlich nicht!“ stimmte sofort eine andere Stimme bei. „Heutzutage gibt’s keine Gespenster, es gibt nur noch Naturwissenschaften. Werden Sie mit diesen fertig!“

„Meine Herrschaften, nichts habe ich weniger erwartet, als solche Einwendungen,“ sagte Karmasinoff, in der Tat maßlos verwundert. – Dem großen Genie war in Karlsruhe das Vaterland völlig fremd geworden.

„In unserem Jahrhundert ist es eine Schande, solchen Schwindel vorzutragen! – gleich dem von den drei Walfischen, auf denen die Welt ruhen soll!“[50] schmetterte plötzlich eine Jungfrau in den Saal. „Zudem haben Sie, Karmasinoff, überhaupt nicht in das Innere der Erde zu einem Asketen hinabsinken können. Und wer redet denn jetzt noch von Asketen?“

„Meine Herrschaften, am meisten wundert mich, daß das so ernst genommen wird. Übrigens ... übrigens ... Sie haben vollkommen recht. Niemand achtet die reale Wahrheit mehr als ich ...“

Er lächelte zwar ironisch, war aber merklich doch sehr betroffen. Der Ausdruck seines Gesichts sagte indessen geradezu wörtlich: „Ich bin doch nicht so einer, wie ihr glaubt, ich bin doch ganz eurer Meinung, nur lobt mich, lobt mich mehr, lobt mich soviel wie möglich; denn das liebe ich über alles ...“

„Meine Herrschaften,“ rief er schließlich, aber nun schon durchaus verletzt, „ich sehe, daß mein armes Poemchen hier deplaziert war. Ja und auch ich selbst bin hier, wie mir scheint, deplaziert.“

„Er zielte auf eine Krähe, traf aber eine Kuh!“ schrie nun bereits mit lautester Stimme irgendein Esel in den Saal, wahrscheinlich ein Angeheiterter, doch diesen Ausruf hätte man schon unter keinen Umständen beachten sollen.

„Ein wahres Wort!“ Dazu respektloses Lachen.

„Eine Kuh, sagen Sie?“ griff dagegen Karmasinoff das Sprichwort sofort auf. Seine Stimme wurde immer kreischender. „Bezüglich des Vergleichs mit Krähen und Kühen erlaube ich mir keine Äußerung, meine Herrschaften. Ich achte sogar jedes Publikum doch allzusehr, um mir Vergleiche, und seien es auch ganz unschuldige, zu erlauben. Aber ich dachte ...“

„Ach, mein Herr, Sie sollten doch lieber nicht gar so ...,“ fiel ihm jemand aus den letzten Reihen ins Wort.

„... aber ich dachte, daß ich, da ich nun meine Feder für immer aus der Hand lege und Abschied nehme von meinem Leser, wenigstens bis zum Ende angehört werden würde ...“

„Ja, aber ja, wir wollen Sie doch auch anhören, wir wollen doch ...“ ertönten ein paar endlich mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe.

„Lesen Sie, lesen Sie!“ fielen mehrere begeisterte Damenstimmen ein und schließlich ertönte auch ein Applaus, freilich nur ein dünner, spärlicher.

Karmasinoff lächelte schief und erhob sich von seinem Platz.

„Glauben Sie mir, Karmasinoff, wir alle halten es sogar für eine Ehre,“ konnte sich selbst die Adelsmarschallin nicht enthalten zu versichern.

„Herr Karmasinoff,“ erklang plötzlich eine junge, frische Stimme aus der Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers aus der Kreisschule, eines stillen, anständigen und prächtigen Menschen, der noch nicht lange Zeit bei uns weilte. Er war jetzt sogar von seinem Platze aufgestanden. „Herr Karmasinoff, wenn ich das Glück gehabt hätte, so zu lieben, wie Sie es uns beschreiben, so hätte ich wirklich nicht davon in einem Aufsatz gesprochen, der zum öffentlichen Vorlesen bestimmt war ...“

Dabei errötete er über und über.

„Meine Herren,“ rief Karmasinoff, „ich habe nichts mehr hinzuzufügen! Ich übergehe den Schluß und entferne mich. Erlauben Sie mir nur noch, die letzten Zeilen zum Abschied zu lesen!“

Und ohne sich hinzusetzen, begann er sogleich: „Ja, mein Freund und Zuhörer, lebe wohl! – lebe wohl, mein Leser, ich bestehe nicht einmal darauf, daß wir als Freunde scheiden: In der Tat, wozu dich beunruhigen? Schilt, wenn du willst, schilt, wenn es dir Vergnügen macht! Aber mich deucht, es wäre besser, wir vergäßen uns für immer. Und wenn ihr alle, meine Zuhörer, plötzlich so gut wäret, mich auf den Knien und mit Tränen in den Augen zu bitten: ‚Schreibe noch, Karmasinoff, – für uns, für das Vaterland, für die Nachwelt, für die Lorbeerkränze!‘ so würde ich euch sogar dann noch antworten, selbstredend mit allem Dank: ‚Nein, wir haben uns schon genug miteinander abgegeben, liebe Kompatrioten, merci! Es ist Zeit, daß wir uns trennen! Merci, merci, merci!‘“

Karmasinoff verbeugte sich zeremoniell, – und ganz rot im Gesicht, als hätte man ihn gekocht, begab er sich hinter die „Kulissen“.

„Niemand wird auf die Knie fallen, eitle Phantasie!“ rief ihm eine Stimme nach.

„Was für eine Eigenliebe!“

„Aber das ist doch Humor,“ glaubte jemand erklären zu müssen.

„Nein, verschonen Sie uns bitte mit solchem Humor.“

„Das war einfach eine Frechheit, meine Herren!“

„Na, wenigstens hat er endlich Schluß gemacht!“

„Das war aber eine Langeweile! – daß Gott erbarm’!“

Aber alle diese unhöflichen Ausrufe der letzten Reihen wurden übertönt von dem Applaus des anderen Publikums. Man rief Karmasinoff hervor. Einige Damen, an der Spitze Julija Michailowna und die Adelsmarschallin, versammelten sich vor der Tribüne. In den Händen hielt Julija Michailowna ein weißes Samtkissen, auf dem ein Lorbeerkranz in einem zweiten Kranz von Rosen lag.

„Lorbeer!“ rief Karmasinoff mit einem feinen und etwas boshaften Lächeln. „Ich bin natürlich gerührt und ich nehme diesen im voraus geflochtenen Kranz, der noch nicht verwelkt ist, mit aufrichtigem Danke an: aber ich versichere Sie, Mesdames,[175] ich bin plötzlich soweit Realist geworden, daß ich Lorbeeren heutzutage in den Händen eines Kochs besser aufgehoben fände, als in den meinigen ...“

„Ja, ein Koch ist auch nützlicher!“ rief der Seminarist, der mit auf der „Sitzung“ bei Wirginskis gewesen war.

Die Ordnung wurde gestört. In vielen Reihen stieg man auf die Stühle, um besser die Zeremonie der Überreichung des Lorbeerkranzes sehen zu können.

„Ich würde jetzt für einen Koch noch drei Rubel zuzahlen,“ ertönte eine laute Stimme.

„Ich gleichfalls!“

„Ich auch!“

„Gibt es denn hier wirklich kein Büfett?“

„Meine Herren, das ist einfach ein Betrug ...“

Immerhin bewahrten die Ruhestörer noch einigen Respekt vor unseren Honoratioren und den anwesenden Polizeioffizieren. Ungefähr zehn Minuten nachher hatten sie sich denn auch alle wieder gesetzt. Aber die ursprüngliche Ordnung war doch nicht mehr vorhanden. Und in diesem Anfangsstadium eines drohenden Tumults mußte nun der arme Stepan Trophimowitsch auftreten ...

IV.

Ich hielt es nicht aus und eilte doch noch zu ihm hinter die Kulissen, um ihn anzuflehen, jetzt seinen ganzen Vortrag aufzugeben, ein Unwohlsein vorzuschützen und nach Hause zu fahren. Es sei nun alles schon verspielt und verloren, auch ich würde mein Festordnerband ablegen, meinen Ehrenposten aufgeben und mit ihm davongehen. Er war in diesem Augenblick gerade im Begriff, die Tribüne zu betreten: nun blieb er stehen, maß mich hochmütig vom Kopf bis zu den Füßen und fragte mit geradezu feierlichem Ernst:

„Wie kommen Sie dazu, mein Herr, von mir eine solche Schändlichkeit zu erwarten?“

Ich trat zurück, überzeugt, daß er ohne Katastrophe von dort nicht zurückkehren werde. In vollständiger Mutlosigkeit stand ich da, als plötzlich wieder die Figur des angereisten Professors vor mir auftauchte. Er ging immer noch auf und ab, in sich versunken und vor sich hinmurmelnd, aber ein triumphierendes Lächeln glitt hin und wieder über sein Gesicht, und von Zeit zu Zeit hob er immer noch die Faust, um sie dann wuchtig niedersausen zu lassen. Ich trat ganz unabsichtlich auf ihn zu.

„Wissen Sie,“ sagte ich, „erfahrungsgemäß hört kein einziges Publikum länger als zwanzig Minuten jemandem zu. Selbst die größte Berühmtheit wird es keine halbe Stunde ...“

Er blieb stehen. Ein ungeheurer Hochmut lag auf seinem Gesicht.

„Seien Sie unbesorgt,“ brummte er verächtlich und ging an mir vorüber.

In dieser Minute ertönte im Saale die Stimme Stepan Trophimowitschs.

„Ach, daß Euch der ...!“ fluchte ich und eilte in den Saal.

Stepan Trophimowitsch hatte sich in den Stuhl gesetzt, noch bevor die Ordnung im Saale einigermaßen hergestellt war. Aus den ersten Reihen empfingen ihn nicht gerade wohlwollende Blicke. Im Klub hatte man in der letzten Zeit aufgehört, ihn besonders zu schätzen oder gar zu lieben. Aber immerhin war es schon viel, daß man ihn nicht einfach auszischte. Mich hatte die ganze Zeit die fixe Idee verfolgt, daß etwas Derartiges geschehen werde. Vermutlich bemerkte man ihn bei der allgemeinen Unordnung zunächst gar nicht. Doch was konnte er denn überhaupt erwarten, wenn man sogar mit Karmasinoff so verfahren war? Er war bleich; aus seiner Aufregung ersah ich, der ich ihn doch so gut kannte, daß er sein Erscheinen auf dieser Tribüne selber als eine Art Schicksalsfügung empfand. So stand er denn nach zehn Jahren wieder vor der Öffentlichkeit! Lieb und teuer war mir dieser Mensch. Und was fühlte ich nicht alles für ihn, als ich nun seine ersten Worte vernahm!

„Meine Damen und Herren!“ stieß er hervor, wie zu allem entschlossen, und doch mit einer Stimme, die vor innerer Erregung gleichsam keinen Atem hatte. „Meine Damen und Herren! Noch heute morgen lag einer dieser verbotenen und gesetzwidrigen Aufrufe vor mir, und ich stellte mir wohl zum hundertsten Mal die Frage: ‚Worin besteht das Geheimnis ihrer Macht?‘“

Der ganze Saal verstummte im Augenblick; alle Blicke wandten sich ihm zu. Kein Zweifel: wenigstens hatte er es verstanden, gleich mit den ersten Worten zu fesseln. Sogar hinter den Kulissen steckte man die Köpfe hervor: Liputin und Lämschin lauschten geradezu gierig. Julija Michailowna rief mich wieder mit einem Wink zu sich.

„Halten Sie ihn auf, was es auch koste, halten Sie ihn auf!“ flüsterte sie mir erregt zu.

Ich zuckte nur mit der Achsel. Wie konnte man einen Menschen, der sich schon zu allem entschlossen hatte, noch aufhalten? Und ich verstand Stepan Trophimowitsch nur zu gut.

„Aha, von den Proklamationen!“ flüsterte man im Publikum.

„Meine Damen und Herren, ich habe das ganze Geheimnis erraten. Das Geheimnis ihrer Macht und ihres Erfolges liegt in ihrer – Dummheit!“ (Seine Augen erglänzten.) „Ja, wäre das eine erklügelte Dummheit, eine Dummheit aus Berechnung – oh, dann wäre sie genial! Aber man muß den Verfassern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie bringen sie nicht aus Berechnung, nein, sondern es ist einfach die allernaivste, die alleroffenherzigste, die allerbilligste Dummheit – c’est la bêtise dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple chimique.[176] Wäre das alles ein wenig klüger ausgedrückt, so würde ein jeder die ganze Armseligkeit dieser billigen Dummheit einsehen. So dagegen bleiben alle in der Ungewißheit, denn keiner will es doch glauben, daß es wirklich so erstklassig dumm sei. ‚Es kann doch nicht sein, daß nichts dahinter stecke‘, sagt sich ein jeder, und man sucht nach dem geheimen Sinn, glaubt an ein Geheimnis und will zwischen den Zeilen lesen. Damit aber ist der Erfolg schon gesichert! Oh, noch nie hat die Dummheit eine so feierliche Belohnung erhalten, ungeachtet dessen, daß sie sie so oft verdient ... Denn, en parenthèse,[177] die Dummheit, wie das höchste Genie, sind innerhalb des Geschickes der Menschheit beide von gleichem Nutzen.“

„Sentenzen der vierziger Jahre!“ hörte man eine übrigens recht bescheidene Stimme sagen.

Doch nun war es mit der Ruhe zu Ende: alles schrie und lärmte los.

„Meine Herren, Hurra! Ich schlage vor, einen Toast auf die Dummheit auszubringen!“ rief Stepan Trophimowitsch, den ganzen Saal gleichsam herausfordernd.

Ich lief zu ihm, unter dem Vorwande, Wasser ins Glas zu gießen.

„Stepan Trophimowitsch, lassen Sie davon ab, Julija Michailowna bittet Sie inständig ...“ flüsterte ich schnell.

„Nein, lassen Sie von mir ab, Sie müßiger junger Mann!“ rief er mir mit lauter Stimme zu.

Ich zog mich zurück.

Messieurs!“ fuhr er fort, „wozu die Aufregung, warum dieses Geschrei des Unwillens, das ich höre? Ich bin ja mit dem Olivenzweig gekommen. Ich bringe das letzte Wort, denn in dieser Sache habe ich das letzte Wort – und wir können uns versöhnen.“

„Fort mit ihm!“ riefen die einen.

„Ruhig, laßt doch hören, laßt ihn zu Ende sprechen!“ schrien die anderen.

Besonders regte sich der junge Lehrer auf, der, nachdem er einmal zu sprechen gewagt hatte, nun sich nicht mehr halten konnte.

Messieurs, das letzte Wort in dieser Sache ist – die gegenseitige Vergebung. Ich, ein alter Mann, ich erkläre feierlich, daß der Geist des Lebens noch ebenso stürmt wie früher und die lebendige Kraft auch in der jungen Generation nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus unserer jetzigen Jugend ist noch ebenso rein und licht, wie er es zu meiner Zeit war. Es ist nur eines geschehen: man hat die Ziele geändert, die eine Schönheit ward durch die andere ersetzt! Das ganze Mißverständnis liegt nur darin, was ist schöner: Shakespeare oder ein Paar Stiefel, Rafael oder ein Petroleur?“

„Das ist eine Anklage!“ brüllte man irgendwoher.

„Das sind kompromittierende Fragen!“

Agent-provocateur![178]

„Ich aber erkläre,“ rief Stepan Trophimowitsch wie rasend, „ich aber erkläre, daß Shakespeare und Rafael – höher als die Aufhebung der Leibeigenschaft, höher als das Volk, höher als der Sozialismus, höher als die gesamte junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als die ganze Menschheit stehen, und vielleicht die höchste Frucht sind, die es überhaupt geben kann! Die Form der Schönheit ist damit schon erreicht, die Prägung, ohne die ich vielleicht gar nicht einwilligen würde, zu leben ... O Gott!“ er erhob die Arme, „vor zehn Jahren habe ich das in Petersburg genau so von einer Tribüne den Menschen zugerufen, mit denselben Worten, und ebensowenig haben sie mich damals verstanden, haben gelacht und gepfiffen wie jetzt ... O ihr kleinen, kleinen Menschen, was fehlt euch, daß ihr das nicht verstehen könnt? Ja, wißt ihr denn nicht, wißt ihr denn nicht, daß ohne den Engländer die Menschheit noch leben kann, auch ohne den Deutschen, ohne den russischen Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne Brot, nur ohne die Schönheit, nur ohne Schönheit kann sie nicht leben, denn da gäbe es überhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt! Hier liegt das ganze Geheimnis, liegt die ganze Weltgeschichte! Selbst die Wissenschaft würde ohne die Schönheit nicht einen Augenblick bestehen – wißt ihr das auch, ihr Lacher –, alles würde sich in Hamitentum verwandeln, nichts mehr würdet ihr erfinden, nicht einmal einen Nagel! ... Dabei bleibe ich!“ und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.