I.
Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch die verschlossene Tür:
„Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von mir verlangen?“
„Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre dazu beigetragen, daß alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan Trophimowitsch, machen Sie die Tür auf, man muß Vorkehrungen treffen. Die Bande kann schließlich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen ...“
Ich hielt mich für berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem fürchtete ich, daß er irgendeine Torheit begehen könnte. Aber zu meinem Erstaunen stieß ich bei ihm auf feste Entschlossenheit.
„Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen für alles Gewesene, aber ich muß Ihnen wiederholen, daß ich mit allem abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bösen. Ich schreibe soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn Sie so freundlich sein wollen. Heute aber – ‚Merci‘.“
„Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, daß die Sache ernster ist, als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, daß Sie dort jemanden zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas!“ (Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche Erinnerung!) „An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen ...“
Er stand auf und kam zur Tür.
„Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. Dieu vous pardonne, mon ami, et Dieu vous garde.[179] Aber ich habe in Ihnen immer einen gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, daß Sie noch zur Besinnung kommen werden – après le temps[180] natürlich, wie wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung über meine Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so möchte ich Sie an einen alten Gedanken von mir erinnern: daß bei uns in Rußland unzählige Menschen sich nur damit beschäftigen, mit größtem Wuteifer und mit einer Unermüdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, über alle anderen herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen. Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei ‚unpraktisch‘, nur sich selbst machen sie ihn nie. Cher, bedenken Sie, daß ich erregt bin, und quälen Sie mich nicht. Noch einmal Dank für alles und scheiden wir voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum – das heißt, vergessen wir uns gegenseitig so großmütig wie möglich. Das war von ihm übrigens nur eine Finte, daß er seine alten Leser so inständig bat, ihn zu vergessen. Quant à moi,[181] so bin ich nicht so selbstsüchtig und verlasse mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund, ‚leben Sie mehr‘, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage wünschte (ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et pleins de philosophie[182]). Nicht zu viel Glück wünsche ich Ihnen, das würde langweilig werden. Aber ich wünsche Ihnen auch kein Unglück, sondern sage nur wie der Volksmund: ‚Leben Sie mehr‘! Und versuchen Sie irgendwie, sich nicht zu grämen. Diesen überflüssigen Wunsch füge ich noch von mir aus hinzu. Und nun leben Sie wohl. Im Ernst gesagt: leben Sie wohl. – Bleiben Sie nicht an meiner Tür, ich werde nicht aufmachen.“
Er ging auch tatsächlich fort von der Tür und ich konnte nichts weiter von ihm erfahren. Ungeachtet seines Geständnisses, daß er „erregt“ sei, hatte er langsam, fließend und eindringlich gesprochen. Natürlich war er mir aus irgendeinem Grunde gram und rächte sich nun auf diese Weise. Vor allem aber brachten ihn die Tränen, die er am Morgen vor dem Publikum geweint, wenn er auch vorher einen halben Sieg errungen hatte, in eine etwas komische Lage, und das fühlte er wohl selbst. Nun war aber gewiß kein Mensch gerade um die Schönheit und die Strenge der äußeren Formen – selbst im Verkehr mit seinen Freunden – so besorgt wie Stepan Trophimowitsch. Oh, ich mache ihm keinen Vorwurf! Damals aber war es eben diese Erwägung, daß ein Mensch, der sich trotz aller Erschütterung in dieser gewissen Pedanterie und diesem Sarkasmus treu blieb, doch wohl nicht so erschüttert sein konnte, um nun geneigt zu sein, etwas Tragisches oder Außergewöhnliches zu unternehmen. So dachte ich damals bei mir, aber, o Gott, wie täuschte ich mich! Ich ließ doch gar zu vieles außer acht ...
Hier möchte ich nun, obgleich ich damit den Ereignissen vorgreife, einige Zeilen aus dem Brief mitteilen, den Darja Pawlowna am anderen Tage tatsächlich erhielt.
„Mon enfant![183] Meine Hand zittert, aber ich habe mit allem abgeschlossen. Sie waren nicht zugegen bei meinem letzten Zusammenstoß mit den Menschen, bei diesem ‚Vortrag‘, und Sie taten recht. Aber man wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren gänzlich verarmten Rußland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief, diesen kleinen Dummköpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heißt: daß sie dumme Närrchen sind. Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et rien de plus, des petits Närrchen – voilà le mot![184] Der Würfel ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich weiß noch nicht, wohin ich meinen Fuß setzen werde. Alle, die ich liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes Geschöpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen vereinigt hätte, nach dem Willen eines kapriziösen und herrschsüchtigen Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen, seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine kleinmütigen Tränen vergossen habe; Sie, die in mir gewiß nichts anderes sehen können, als einen lächerlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie grüße ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens, Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf ewig verlassen! – mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren, unwissenden, selbstsüchtigen Toren, wie mich Ihnen wohl täglich ein undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich – o Schmerz! – nicht vergessen kann ...“
Der Brief war auf einem Bogen großen Formats geschrieben und vier Seiten lang ...
... Ich pochte noch dreimal an die Tür, nachdem er mit den Worten, er werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurückgegangen war. Dann rief ich ihm zu, daß er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna.
II.
Hier sollte ich Zeuge einer empörenden Szene werden: die arme Frau wurde auf eine geradezu infame Weise betrogen. Ich sah es, aber ich war ja machtlos. Was hätte ich ihr denn sagen sollen? Ich hatte ja selbst nur erst unklare Vorgefühle, doch keinen einzigen Beweis für meinen Verdacht.
Als ich eintrat, lag sie weinend unter Eau de Cologne-Kompressen und Eiswasser auf der Chaiselongue. Vor ihr standen Pjotr Stepanowitsch, der ununterbrochen redete, und der junge Fürst, der ununterbrochen schwieg, als hätte man ihm mit einem Schlüssel den Mund verschlossen.
Unter Tränen warf sie Pjotr Stepanowitsch seine „Abtrünnigkeit“ vor. Sonderbar war dabei, daß sie nur ihm allein und seiner Abwesenheit das Mißlingen und den ganzen Zusammenbruch des Festes zuschrieb.
An Pjotr Stepanowitsch selber fiel mir eine merkwürdige Veränderung auf: er war ungewöhnlich ernst und offenbar mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt. Sonst war er ja nie ernst gewesen, sondern hatte immer gelacht, selbst dann, wenn er sich ärgerte – und er ärgerte sich oft. Auch jetzt war er sichtlich geärgert, sprach grob, nachlässig und rücksichtslos, voll Hast und Ungeduld. Er versicherte, daß er die ganze Zeit mit Kopfschmerzen und Übelkeit bei Gaganoff gelegen hätte, zu dem er, wie er sagte, schon am frühen Morgen gegangen wäre: an ein Erscheinen auf der Matinee sei auch nicht einmal zu denken gewesen.
Jetzt drehte sich der ganze Streit hauptsächlich darum, ob die andere Hälfte des Festes, der Ball am Abend, stattfinden sollte oder nicht?
Julija Michailowna wollte unter keiner Bedingung auf ihm erscheinen – oder vielmehr, sie wollte mit aller Gewalt darum gebeten werden, und zwar gerade von Pjotr Stepanowitsch. Sie hörte noch immer auf ihn wie auf ein Orakel, und da es durchaus in seinen dunklen Plänen lag, daß der Ball heute noch stattfand und Julija Michailowna auf ihm erschien, so bat er denn auch.
„Warum weinen Sie denn? Sie müssen natürlich wieder eine Szene machen! Wir aber müssen jetzt zu einem Entschluß kommen. Was am Morgen verdorben wurde, machen wir am Abend wieder gut! Auch der Fürst ist ganz meiner Meinung. Tja, wenn der Fürst nicht gewesen wäre, womit würde das wohl geendet haben!“
Daß dies auch die Meinung des Fürsten sei, war nun freilich nicht ganz richtig. Dieser war nämlich zunächst nur dafür, daß der Ball stattfand, nicht aber dafür, daß Julija Michailowna auf ihm erschien. Schließlich schien er aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden zu haben.
Mich setzte nun vor allem die unglaubliche Frechheit Pjotr Stepanowitschs in Erstaunen. Daß an den gewöhnlichen Klatschgeschichten, die über die Art seines Verhältnisses zu Julija Michailowna umliefen, kein wahres Wort war, wußte ich. Er beherrschte diese Frau einfach dadurch, daß er auf alle ihre gesellschaftlichen Träume und ehrgeizigen Pläne, auf ihre Absicht, im Gouvernement eine besondere Rolle zu spielen und selbst den Petersburgern zu imponieren, in geschickter Weise einging und ihr mit den gröbsten Schmeicheleien um den Mund redete. Aber erstaunlich war es doch, wie rasch er sich jetzt wieder bei ihr in Gunst zu setzen wußte.
Als sie mich eintreten sah, rief sie mit blitzenden Augen:
„Da! fragen Sie ihn, er ist die ganze Zeit nicht von mir gewichen, ganz wie der Fürst! Und Sie, – erklären Sie ihm doch bitte, daß dieser ganze Skandal nichts als eine Verschwörung gegen mich und Andrei Antonowitsch war! Oh, die hatten sich alle verschworen! Sie hatten einen gemeinsamen Plan! Es war alles im voraus darauf abgesehen!“ ...
„Sie irren sich, wie immer! Stets ein Poem im Kopf! Ich bin übrigens froh, den Herrn ...“ er tat, als habe er meinen Namen vergessen ... „er wird uns seine Meinung sagen.“
„Ich bin ganz der Ansicht Julija Michailownas,“ beeilte ich mich zu erklären. „Daß eine Verabredung vorlag, das sah man doch nur zu deutlich. Ich bringe Ihnen im übrigen hier meine Bänder, Julija Michailowna. Ob der Ball zustande kommt oder nicht, das ist natürlich nicht meine Sache. Doch meine Rolle als Anordner ist zu Ende. Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht gegen meine Überzeugung handeln und – gegen allen gesunden Menschenverstand.“
„Hören Sie, hören Sie!“ rief sie und schlug die Hände zusammen.
„Ich höre ja schon ... Aber was ich noch sagen wollte,“ wandte sich Pjotr Stepanowitsch zu mir, „ich bin jetzt überzeugt, daß alle irgend etwas gegessen haben müssen, wovon sie krank geworden sind. Meiner Meinung nach ist nichts geschehen, nichts, was nicht auch früher schon bei solchen Festen fast immer geschehen ist. Was für eine Verabredung sollte denn das gewesen sein? Es sind da ein paar scheußliche Dummheiten passiert, aber was hat das mit einer Verschwörung zu tun? Das war nicht gegen Julija Michailowna persönlich, sondern höchstens gegen ihre Günstlinge und Schützlinge gerichtet! Julija Michailowna! Was habe ich Ihnen den ganzen Monat ununterbrochen vorgehalten? Wovor habe ich Sie gewarnt? Nun, sagen Sie mir doch: wozu, wozu brauchten Sie dieses ganze Volk da? – Wozu mit solch einem Pack sich abgeben? Warum und wozu war das nötig?“
„Wann haben Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie begünstigten das, Sie verlangten sogar ... Sie selbst haben mir allerhand sonderbare Menschen zugeführt!“
„Im Gegenteil, ich habe mich mit Ihnen wegen dieser Leute herumgestritten, aber nicht sie begünstigt und eingeführt! Jetzt soll ich es gewesen sein, der dieses Pack hier eingeführt hat, womöglich noch in letzter Zeit, als sie schon zu Dutzenden herbeiströmten, um diese ‚literarische Quadrille‘ mitzumachen! Ich könnte wetten, daß es gerade diese Mimen gewesen sind, die alles mögliche Volk ohne Billetts eingeführt haben.“
„Das dürfte stimmen!“ bemerkte ich.
„Sehen Sie, schon müssen Sie mir recht geben. Und erinnern Sie sich doch nur, welch ein Ton hier in der letzten Zeit eingerissen war! Das war ja schon die richtige Gemeinheit, das war ja ein Skandal und Lärm, daß einem die Ohren davon weh taten! Und wer begünstigte das? Wer deckte das alles mit seiner Autorität? Wer hat hier alle irre gemacht? Wer hat hier alle Spießer erbittert? Sind doch in Ihrem Album alle hiesigen Familiengeheimnisse karikiert! Und haben nicht Sie, gerade Sie alle unsere Stegreifdichter und Karikaturisten verwöhnt, haben Sie sich nicht sogar von einem Lämschin die Hand küssen lassen? Und hat nicht in Ihrer Gegenwart der Seminarist einen Staatsrat beschimpfen dürfen und der Tochter des Staatsrats mit seinen Schmierstiefeln das Kleid abgetreten? Warum wundern Sie sich nun noch, daß das Publikum Ihnen jetzt nicht gerade freundlich gesinnt ist?“
„Aber das haben doch alles Sie selbst ... O Gott!“
„Ich? ich habe Sie immer nur gewarnt! Worüber hätten wir uns denn sonst die ganze Zeit gestritten?“
„Aber Sie lügen mir ja ins Gesicht!“
„Nun ja, das kostet Ihnen ja weiter nichts, so was zu sagen. Sie haben jetzt ein Opfer nötig, an dem Sie Ihren Ärger auslassen können – da komme ich Ihnen gerade recht. Ich werde mich lieber an Sie wenden, Herr ...“ Er konnte sich offenbar noch immer nicht auf meinen Namen besinnen. „Zählen wir’s doch an den Fingern ab: ich behaupte, daß außer der Liputingeschichte keine einzige Verabredung sich nachweisen läßt, kei–ne ein–zige! Das werde ich Ihnen sogleich beweisen; aber nehmen wir zuerst Liputin. Er trat mit dem Gedicht des Dummkopfs Lebädkin auf – schön! oder vielmehr, das war nicht schön. Aber was soll denn das für eine ‚Verschwörung‘ sein? Er kam sich einfach geistreich vor! Im Ernst: geistreich! Er wollte einen Witz machen, uns unterhalten, erheitern, – verlassen Sie sich darauf! ... und nicht nur uns, sondern vor allen anderen die Protektrice Julija Michailowna erheitern! Und das ist alles! Sie glaubens nicht? Aber war denn das nicht ein Witz in genau demselben Tone, wie er hier schon den ganzen letzten Monat herrschte? Und wenn Sie wollen, daß ich alles sage: bei Gott, unter anderen Umständen wäre er vielleicht auch glatt durchgegangen! Der Scherz war meinethalben roh, na, sagen wir, war vielleicht ein starkes Stück, aber an sich doch schließlich witzig.“
„Wie! Sie halten diese elende Handlungsweise Liputins auch noch für geistreich?“ fragte Julija Michailowna empört, „eine solche Dummheit, eine solche Taktlosigkeit, eine solche Niederträchtigkeit und Gemeinheit, dieser Anschlag! Ja, dann gibt es keine andere Erklärung: dann sind Sie selbst mit jenen im Bunde!“
„Na, natürlich doch! Ich saß ja hinter den Kulissen, habe von dort aus die ganze Maschine dirigiert. – Wenn ich hinter einer Verschwörung gesteckt hätte, dann, glauben Sie mir, dann wäre das nicht bei Liputin allein geblieben! Folglich steckte ich wohl auch, Ihrer Meinung nach, hinter meinem Papachen? damit er absichtlich einen solchen Skandal heraufbeschwört? Ja, sagen Sie doch: wer ist nun daran schuld, daß man auch Papachen zum Lesen aufforderte? Wer hat Ihnen noch gestern davon abgeraten, noch gestern, gestern!!“
„Oh, hier il avait tant d’esprit,[185] und ich rechnete so auf ihn! Und dann, er hat doch Manieren! Ich dachte: er und Karmasinoff ... und nun statt dessen!“ ...
„Tja, und nun statt dessen! Aber ungeachtet des tant d’esprit, hat Papachen alles verpfuscht. Doch da ich das voraussah, so hätte ich, als Mitglied der überzeugend nachweisbaren Verschwörung gegen Ihr Fest, Ihnen doch wohl nicht abgeraten, diesen Ziegenbock zum Gärtner zu machen? Ist’s nicht so? Indessen habe ich Ihnen tatsächlich abgeraten, habe noch gestern abgeraten, und zwar, weil ich schon so ’ne Vorahnung hatte, wie das enden würde. Natürlich habe ich nicht alle Details vorausgesehen, das wäre ja auch gar nicht möglich gewesen: er hat doch sicher selber nicht gewußt, womit er im nächsten Augenblick herausplatzen wird. So ’n nervöser Alter ist doch überhaupt kein Mensch mehr! Aber man kann da noch manches retten: schicken Sie gleich morgen, zur Genugtuung des Publikums, zwei Ärzte zu ihm, die sich nach seinem Gesundheitszustande erkundigen, oder schon heute, und dann so – na, auf administrativem Wege in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm. Wenigstens würden dann alle lachen und einsehen, daß man keine Ursache hat, sich gekränkt zu fühlen. Ich kann ja noch heute auf dem Ball unter der Hand ein paar diesbezügliche Erklärungen abgeben, da ich ja der Sohn bin. Eine andere Sache ist es mit Karmasinoff, der hat sich schön als grüner Esel entpuppt und seinen Gallimathias eine ganze Stunde lang geleiert, – na, mit dem steckte ich Ihrer Ansicht nach doch zweifellos unter einer Decke! Den habe ich wohl ausdrücklich gebeten, mitzutun, um Julija Michailowna zu schaden!“
„Oh, Karmasinoff, quelle honte![186] Ich verging, ich verging vor Schande für unser Publikum!“
„Na, ich wäre nicht vergangen, sondern hätte lieber ihm das Gehen beigebracht. Das Publikum war durchaus im Recht. Aber wer ist nun in diesem Fall wieder der Schuldige? Habe etwa ich Ihnen auch diesen aufgebunden? Habe ich bei seiner Vergötterung mitgeholfen? Doch, zum Teufel mit ihm! Aber der dritte, der Maniak, der Politiker! Das war schon eine andere Nummer! An dem haben sich schon alle versehen, aber nicht ich allein etwa!“
„Ach, reden Sie nicht davon, das ist schrecklich, schrecklich! Daran bin ich, ich allein schuld!“
„Tja, freilich, aber nun muß ich Sie doch verteidigen. So etwas kann niemand voraussehen, – und wer, zum Teufel, kennt sich denn heute unter diesen ‚Aufrichtigen‘ überhaupt noch aus? Vor so einem ist man selbst in Petersburg nicht sicher. Er war Ihnen doch empfohlen! und wie noch! Sehen Sie nun nicht ein, daß Sie sogar verpflichtet sind, auf dem Ball zu erscheinen? Man weiß doch, daß Sie es waren, die ihn auf die Tribüne brachte: darum müssen Sie nun öffentlich zu erkennen geben, daß Sie sich mit ihm nicht solidarisch fühlen, daß der Kerl schon in den Händen der Polizei ist und daß man Sie auf unerklärliche Weise betrogen hat. Sie müssen es mit Unwillen kundgeben, daß Sie das Opfer eines Verrückten gewesen sind. Denn daß der Kerl ein Verrückter ist, sieht doch ein jeder! Ich kann diese Beißenden nicht ausstehen. Freilich rede ich selber manchmal noch schärfer, aber ich tu’s doch nicht von der Tribüne aus! Und da reden noch die Leute wie absichtlich gerade jetzt von dem Senator!“
„Von was für einem Senator? Wer redet ...?“
„Tja, was weiß ich! Aber wie, haben Sie denn nichts von einem Senator gehört?“
„Einem Senator? Nein!“
„Ja, sehen Sie, man erzählt sich, daß irgendein Senator hierher geschickt werde, und daß man Sie von Petersburg aus absetzen will. Ich habe es von vielen gehört.“
„Ich allerdings auch!“ bestätigte ich.
„Wer hat das gesagt?“ fuhr Julija Michailowna auf und das Blut schoß ihr ins Gesicht.
„Wer das zuerst gesagt hat? ... Wie soll ich das wissen. Die ganze Stadt redet so. Besonders gestern sprach man davon. Alle tun so ernst dabei, obgleich man gar nicht recht klug daraus werden kann. Natürlich – die bißchen Klügeren und Kompetenteren, die reden ja nicht davon, aber auch von diesen hören manche aufmerksam zu.“
„Welch eine Niederträchtigkeit! Und ... welch eine Dummheit!“
„Na, wie gesagt, und schon deshalb müssen Sie erscheinen, um diesen Dummköpfen ...“
„Ich sehe ein, ja, ich fühle es jetzt selbst, daß ich verpflichtet bin ... aber wie, wenn mich eine neue Schande erwartet? Und wenn der Ball am Ende gar nicht zustande kommt? Keiner wird kommen, keiner, keiner! Sie werden sehen!“
„Ach, da sollte man die Menschen nicht kennen! Wo blieben denn da die Toiletten? Sie als Frau sollten sich das doch selbst sagen! Sonderbare Menschenkenntnis!“
„Die Adelsmarschallin wird bestimmt nicht erscheinen!“
„Zum ... was ist da denn nun eigentlich passiert! Warum soll sie denn nicht erscheinen?“ rief er plötzlich ganz wütend vor Ungeduld.
„Die Schmach, die Blamage! Ich weiß nicht, was passiert ist, ich weiß nur, daß es mir nach alledem unmöglich ist, hinzugehen!“
„So! Warum denn nicht? Ja, woran sind Sie denn eigentlich schuld? Ist denn nicht das Publikum an allem schuld? Wo waren denn die Stadtältesten, die Familienväter? – deren Pflicht wäre es doch gewesen, die Taugenichtse zurückzuhalten. In keiner Gesellschaft und überhaupt nirgendwo kann die Polizei allein für alles einstehen. Bei uns verlangt aber jeder, der eintritt, daß hinter ihm ein Polizist stehe und ihn beschütze. Niemand begreift hier, daß jede Gesellschaft sich selbst beschützen muß. Aber was machen bei uns die Herren Honoratioren samt Frauen und Töchtern in solchen Fällen? Sie schweigen und blähen sich! spielen die Gekränkten! Nicht einmal diese Bengel von Störenfrieden im Zaum zu halten verstehen sie, selbst dazu reicht ihr gesellschaftlicher Instinkt nicht aus!“
„Ach, das ist ja nur zu wahr! Sie schweigen, blähen sich und ... sehen sich um.“
„Und wenn das wahr ist, so muß man das auch so sagen, daß alle es hören, furchtlos und streng! Sie müssen auf dem Ball erscheinen, und in den Zeitungen muß es stehen, daß Sie erschienen sind! Ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen und Ihnen alles arrangieren. Wir bringen den Bericht in die Petersburger ‚Stimme‘ und in die ‚Börsennachrichten‘. Versteht sich: mehr Aufmerksamkeit, das Büfett strenger beaufsichtigen, den Fürsten bitten, den Herrn da bitten! Und dann müssen Sie erscheinen, offen vor aller Welt, am Arme Andrei Antonowitschs. Wie geht es ihm übrigens?“
„Oh, wie ungerecht, wie falsch, wie beleidigend haben Sie immer über diesen engelsguten Menschen geurteilt!“ rief Julija Michailowna plötzlich, mit ganz überraschender Glut, fast unter Tränen aus und drückte ihr Taschentuch an die Augen.
Diese Wendung kam für Pjotr Stepanowitsch so unerwartet, daß er im Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte.
„Aber ich bitte Sie, ich ... ja, was denn! ... ich habe doch immer ...“
„Niemals, niemals, niemals haben Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen!“
„Eine Frau kann man doch nie auskennen!“ brummte Pjotr Stepanowitsch mit einem eigentümlichen Spottlächeln.
„Das ist der gerechteste, der feinfühlendste Mensch! Der beste, der gütigste von allen!“
„Aber ... ich bitte Sie, ich ... wieso, ich habe doch immer – namentlich in betreff der Güte ... habe ich ihm immer ...“
„Nein, niemals! Aber lassen wir das. Ich bin schlecht für ihn eingetreten. Und vorhin hat diese Jesuitin, die Adelsmarschallin, auch einige sarkastische Bemerkungen wegen gestern fallen lassen.“
„Oh, der ist es jetzt nicht mehr ums Gestrige zu tun, die hat von heute genug! Aber machte es Ihnen denn wirklich etwas aus, wenn sie nicht auf den Ball käme? Denn natürlich wird sie nicht kommen, nachdem sie selbst in einen solchen Skandal verwickelt worden ist! Möglich, daß sie nicht schuld ist, aber die Reputation ist doch hin: schmutzige Hände!“
„Was heißt das? ... ich verstehe nicht, – warum schmutzige Hände?“ Julija Michailowna sah ihn verständnislos an.
„Das heißt, ich will ja nichts behaupten, aber die ganze Stadt läutet es schon aus, daß sie die Geschichte begünstigt habe.“
„Was? Aber was denn begünstigt?“
„Ja, wissen Sie es denn noch nicht?“ rief er mit vorzüglich gespieltem Erstaunen. „Stawrogin und Lisaweta Nicolajewna!“ ...
„Wie? Was?“ riefen wir alle.
„Ja, wissen Sie denn wirklich noch nichts? Na, hören Sie mal! Aber es haben sich doch soeben Tragiromane abgespielt! – Es hat Lisaweta Nicolajewna gefallen, sich unmittelbar aus der Equipage der Adelsmarschallin in die Equipage Stawrogins hinüberzusetzen und ‚mit diesem letzteren‘ nach Skworeschniki zu entschlüpfen, mitten am hellichten Tage. Erst vor einer Stunde, noch nicht einmal einer Stunde.“
Wir erstarrten. Natürlich stürzten wir uns dann ins Ausfragen, doch wunderlicherweise konnte er, obschon er selbst „zufällig“ Augenzeuge gewesen sein wollte, von den näheren Umständen nichts Genaues erzählen. Geschehen war es angeblich folgendermaßen: Als die Adelsmarschallin nach der Matinee Lisa und Mawrikij Nicolajewitsch in ihrer Equipage heimbrachte und der Wagen vor dem Hause von Lisas Mutter (deren Füße immer noch krank waren) hielt, da wartete nicht weit, ungefähr fünfundzwanzig Schritt von der Vorfahrt, etwas abseits, eine andere Equipage. Und kaum war Lisa vor der Treppe ausgestiegen, – da sei sie sofort zu jener Equipage geeilt; der Schlag habe sich geöffnet, sei zugeklappt; Lisa habe Mawrikij Nicolajewitsch nur noch zugerufen: „Schonen Sie mich!“ – und die Equipage sei in voller Karriere davongefahren nach Skworeschniki. Auf unsere hastigen Fragen: War das eine Verabredung? Wer saß in jener Equipage? – antwortete Pjotr Stepanowitsch, er wisse nichts; zweifellos sei das abgekartet gewesen, doch Stawrogin habe er in der Equipage nicht gesehen; vielleicht saß nur der Kammerdiener im Wagen, der alte Alexei Jegorytsch. Auf die Frage: „Wie kam es denn, daß gerade Sie zugegen waren? Und woher wissen Sie, daß die Equipage nach Skworeschniki gefahren ist?“ – antwortete er, daß er zugegen gewesen sei, weil er gerade vorüberging, und als er da Lisa erblickte, sei er sogar zu jener Equipage geeilt (und dennoch wollte er nicht gesehen haben, wer in der Equipage saß, ein so neugieriger Mensch wie er!), Mawrikij Nicolajewitsch aber sei ihr nicht nur nicht nachgejagt mit dem anderen Gefährt, sondern habe nicht einmal versucht, Lisa zurückzuhalten, ja er habe noch mit beiden Händen die Adelsmarschallin zurückgehalten, die mit lauter Stimme geschrien habe: „Sie fährt zu Stawrogin! zu Stawrogin!“ Da aber riß mir die Geduld und ich schrie, toll vor Wut, Pjotr Stepanowitsch ins Gesicht:
„Das hast du, Schurke, alles veranstaltet! Nur dazu hast du auch den ganzen Vormittag gebraucht! Du hast Stawrogin geholfen, du hast die Equipage hingebracht, du hast sie aufgenommen, den Schlag geöffnet und zugeklappt ... du, du, du! ... Julija Michailowna, das ist Ihr Feind, er wird auch Sie ins Verderben bringen! Nehmen Sie sich in acht vor ihm!“
Und ich stürzte Hals über Kopf hinaus.
Noch heute begreife ich nicht und wundere mich, wie ich ihm das damals so zuschreien konnte. Aber ich hatte den Zusammenhang erraten: es war fast alles tatsächlich so geschehen, wie ich es ihm dort ins Gesicht schrie, doch das stellte sich erst später heraus. Das Entscheidende war wohl die gar zu offenkundige Unnatürlichkeit der Art, wie er die Nachricht mitteilte. Er hatte sie nicht sofort erzählt, als erste und außergewöhnliche Neuigkeit, sondern hatte getan, als wüßten wir sie bereits, als hätten wir sie schon von anderen hören können, – was doch in dieser kurzen Zeit ganz unmöglich war. Und selbst wenn uns diese Kunde schon zu Ohren gekommen wäre, so hätten wir doch nicht so lange darüber geschwiegen, bis er davon anfing. Auch konnte er, gleichfalls wegen der Kürze der Zeit, unmöglich schon gehört haben, daß „die ganze Stadt“ der Adelsmarschallin eine Schuld daran zuschrieb oder sonst etwas „ausläutete“. Zudem hatte er, als er uns Auskunft gab, etwa zweimal ganz eigentümlich, gewissermaßen gemein und leichtfertig, gelächelt, wahrscheinlich in dem Glauben, daß er uns Dummköpfe schon vollkommen überzeugt habe. Doch jetzt war es mir nicht mehr um ihn und seine Entlarvung zu tun; da ich ihm die wichtigste Tatsache doch glaubte, lief ich geradezu außer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe traf mich mitten ins Herz. Ich hätte weinen mögen vor Schmerz, ja vielleicht weinte ich auch wirklich. Ich wußte nicht und konnte nicht überlegen, was jetzt zu tun wäre. So eilte ich denn zunächst zu Stepan Trophimowitsch, aber der ärgerliche Mensch machte wieder nicht auf. Nastassja versicherte ehrfurchtsvoll flüsternd, daß er sich schlafen gelegt habe, doch ich glaubte ihr das nicht. Im Hause Lisas erfuhr ich einiges von den Dienstboten; sie bestätigten die Flucht, wußten aber selbst nichts Näheres. Im Hause herrschte große Unruhe; die kranke gnädige Frau hatte einen Ohnmachtsanfall nach dem anderen und Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihr. Es erschien mir unmöglich, Mawrikij Nicolajewitsch herausbitten zu lassen. Bezüglich Pjotr Stepanowitschs sagte man mir auf meine Frage, daß er in den letzten Tagen allerdings sehr oft ins Haus gekommen sei, manchmal sogar zweimal am Tage. Die Dienstboten waren traurig und sprachen von Lisa mit einer gewissen ganz besonderen Ehrerbietung; sie wurde von ihnen geliebt. Daß sie verloren, rettungslos verloren war, – daran zweifelte ich nicht, aber die psychologische Seite der Tat konnte ich entschieden nicht begreifen, besonders nicht nach der Szene zwischen Lisa und Stawrogin am vergangenen Tage bei Julija Michailowna. Mich in der Stadt bei schadenfrohen Bekannten zu erkundigen, unter denen die Nachricht sich jetzt natürlich schon verbreitet hatte, erschien mir widerlich, ja und für Lisa auch erniedrigend. Doch sonderbar war, daß ich zu Darja Pawlowna ging, wo ich übrigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen Hause wurde seit dem vergangenen Tage niemand empfangen); und ich weiß auch nicht, was ich ihr hätte sagen mögen und wozu ich dorthin eilte. Von dort begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatoff hörte mich finster und schweigend an. Erwähnen muß ich, daß ich ihn in einer so düsteren Stimmung antraf, wie noch nie zuvor; er war wie ganz in Gedanken vertieft und hörte mich an, als müßte er sich dazu überwinden. Er sagte so gut wie nichts und begann in seiner Dachstube auf und ab zu gehen, aus einer Ecke in die andere, wobei er lauter als sonst mit den Stiefeln auftrat. Als ich die Treppe bereits hinuntergegangen war, rief er mir plötzlich nach, ich solle doch zu Liputin gehen: „Dort werden Sie alles erfahren.“ Zu Liputin ging ich nicht, doch, nachdem ich schon weit gegangen war, kehrte ich wieder um und ging zu Schatoff zurück, und nachdem ich die Tür halb aufgemacht, fragte ich lakonisch und ohne alle Erklärungen: ob er nicht heute noch zu Marja Timofejewna gehen könnte? Als Antwort darauf schimpfte Schatoff und ich ging weg. Ich füge hier gleich hinzu, um es nicht zu vergessen, daß er noch an demselben Abend tatsächlich nach jener äußersten Vorstadt zu Marja Timofejewna gegangen ist, die er seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Er fand sie bei bester Gesundheit und in heiterer Stimmung, Lebädkin dagegen in schwerer Betrunkenheit schlafend auf dem Diwan im ersten Zimmer. Schatoff war dort um neun Uhr abends. Das sagte er mir bereits am folgenden Tage, als wir uns in der Eile auf der Straße begegneten. Gegen zehn Uhr abends aber entschloß ich mich doch noch, auf den Ball zu gehen, freilich nicht mehr als „Festordner“ (mein Band war ja auch bei Julija Michailowna geblieben), sondern nur aus quälender Neugier: ich wollte hören (ohne zu fragen), wie man im allgemeinen über alle diese Vorfälle sprach. Und dann wollte ich auch Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von ferne. Ich machte mir Vorwürfe und bereute es sehr, daß ich vorhin so von ihr weggelaufen war.
III.
Diese ganze Nacht mit ihren fast absurden Ereignissen und mit ihrem entsetzlichen „Ausgang“ gegen Morgen kommt mir noch immer wie ein gräßlicher Traum oder Albdruck vor und ist – wenigstens für mich – der schwerste Teil meiner Chronik. Ich kam zwar etwas spät auf den Ball, doch immerhin noch rechtzeitig, um sein Ende mitzuerleben, – so früh war es ihm bestimmt, sein Ende zu finden. Die Uhr ging schon auf elf, als ich an der Vorfahrt des Hauses der Adelsmarschallin anlangte. Derselbe weiße Saal, in dem die literarischen Vorträge stattgefunden hatten, war bereits, trotz der kurzen Zwischenzeit, ausgeräumt und in den Haupttanzsaal, wie man annahm, „für die ganze Stadt“, verwandelt worden. Aber wie schlimm meine Befürchtungen, nach diesem Verlauf der Matinee, für den Ball auch waren, eine solche Wirklichkeit hatte ich doch nicht vorausgesehen: von der höheren Gesellschaft hatte sich auch nicht eine einzige Familie eingefunden; selbst die Beamten von auch nur einiger Bedeutung fehlten alle; das aber war doch schon ein äußerst starkes Symptom. Was nun die Damen und jungen Mädchen betrifft, so erwiesen sich Pjotr Stepanowitschs Berechnungen (jetzt war seine Hinterlist schon offenkundig) als im höchsten Grade falsch: es waren nur äußerst wenige erschienen; auf vier Herren kam vielleicht eine Dame, und was waren das für Damen! „Irgendwelche“ Frauen von Oberoffizieren gewöhnlicher Linienregimenter, von Postbeamten und anderen beamteten kleinen Leuten, drei Frauen von Ärzten mit ihren Töchtern, zwei bis drei Gutsbesitzerinnen (von den ärmeren dieses Standes), die sieben Töchter und die eine Nichte jenes Sekretärs, den ich gelegentlich schon erwähnt habe, Kaufmannsfrauen ... War das die Gesellschaft, die Julija Michailowna vorzufinden erwartet hatte? Selbst von den Kaufleuten war fast die Hälfte fern geblieben. Was nun die Männer anbelangt, so bildeten sie, trotz der geschlossenen Abwesenheit unserer ganzen Notabilität, dennoch eine dichte Masse, aber diese Masse machte einen zweideutigen, Mißtrauen erweckenden Eindruck. Natürlich gab es da auch ein paar überaus stille und ehrenwerte Offiziere mit ihren Frauen, ein paar gehorsamste Familienväter, wie z. B. jener selbe Sekretär und Vater seiner sieben Töchter. Doch alle diese stillen bescheideneren Leute waren sozusagen nur „in Ermangelung eines anderen Auswegs“ gekommen, wie sich einer dieser Herren buchstäblich ausdrückte. Andererseits aber hatte sich die Menge der kecken Persönlichkeiten, im Vergleich zum Vormittage, anscheinend noch vermehrt und desgleichen die Anzahl solcher, die offenbar ohne Eintrittskarten hereingelassen waren, – diesen Verdacht hatten ich und Pjotr Stepanowitsch bereits am Nachmittage ausgesprochen. Vorläufig saßen sie alle noch im Büfettraum, und zwar begaben sie sich, wenn sie erschienen, sofort geradenwegs dorthin, wie zu einem verabredeten Sammelplatz. Wenigstens hatte ich diesen Eindruck. Das Büfett befand sich ganz am Ende der Zimmerreihe in einem geräumigen Saal, wo Prochorytsch sich mit sämtlichen Verlockungen der Klubküche etabliert und eine verführerische Ausstellung aller Imbisse, Liköre und Getränke aufgebaut hatte. Hier fielen mir Gestalten auf, die fast in zerrissenen Röcken, wenigstens in höchst zweifelhaften, gar zu wenig ballmäßigen Anzügen erschienen waren; dazu waren sie augenscheinlich nur mit größter Mühe und selbstredend nur für kurze Zeit ernüchtert, Leute, die man Gott weiß wo aufgetrieben hatte, jedenfalls nicht Einheimische, sondern Hergereiste aus anderen Städten. Es war mir natürlich bekannt, daß vom Komitee nach Julija Michailownas Idee beschlossen worden war, den Ball nach durchaus demokratischen Grundsätzen zu veranstalten, „ohne selbst Kleinbürgern den Zutritt zu verweigern, falls es geschehen sollte, daß jemand dieses Standes eine Eintrittskarte erwirbt“. Diese Worte hatte sie in ihrem Komitee dreist aussprechen können, denn sie durfte überzeugt sein, daß es von den ausnahmslos bettelarmen Kleinbürgern unserer Stadt auch nicht einem in den Sinn kommen würde, für drei Rubel eine Eintrittskarte zu lösen. Nichtsdestoweniger bezweifelte ich, daß man diese finsteren Leute in den fast zerrissenen Röcken hereinlassen konnte, selbst wenn das Komitee noch so demokratisch gesinnt war. Aber wer hatte sie denn jetzt hereingelassen und zu welchem Zweck schließlich? Liputin und Lämschin waren ihres Amtes als Festordner bereits enthoben (was sie jedoch nicht hinderte, auf dem Ball anwesend zu sein, zumal sie auch zu den in der „Quadrille der Literatur“ Mitwirkenden gehörten); doch an die Stelle Liputins war jetzt, zu meiner Verwunderung, jener selbe Seminarist getreten, der durch seinen Zusammenstoß mit Stepan Trophimowitsch mehr als alles andere den „Skandal der Matinee“ heraufbeschworen hatte, und Lämschin wurde gar ersetzt durch – Pjotr Stepanowitsch in eigener Person. Was konnte man in dem Falle noch erwarten?
Ich versuchte, von den Gesprächen einiges aufzufangen. Manche Ansichten überraschten durch ihre Ungereimtheit. So wurde z. B. in einer Gruppe behauptet, diese ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa sei von Julija Michailowna arrangiert worden und sie habe von Stawrogin Geld dafür angenommen. Man nannte sogar die Summe. Man behauptete, daß sogar das ganze Fest von ihr zu diesem Zweck veranstaltet worden sei; eben deshalb sei auch die halbe Stadt nicht gekommen, nachdem man erfahren, um was es sich handelte; Lembke selbst aber sei dadurch so erschüttert worden, daß diese Erschütterung seinen Verstand „zerrüttet“ habe und nun „führe“ sie ihn als Verrückten umher. – Hierzu gab es viel Gelächter, sowohl lautes, offenes, wie heiseres, gemeines und lautlos verschlagenes, hinter dem sich eigene Gedanken bargen. Auch der Ball wurde von allen fürchterlich kritisiert und auf Julija Michailowna wurde schon ohne jede Rücksicht geschimpft. Es war das überhaupt ein merkwürdig ungeordnetes, bruchstückhaftes, betrunkenes und ruheloses Schwatzen, so daß es schwer hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas Bestimmtes daraus zu folgern. Doch in demselben Büfettsaal hatten sich auch viele harmlos lustige Leute niedergelassen, sogar einzelne Damen von der Sorte, die man mit nichts in Erstaunen setzen oder einschüchtern kann, äußerst liebenswürdige und lustige Geschöpfe, meist jene erwähnten Offiziersfrauen mit ihren Männern. Sie hatten sich in Gruppen an mehreren Tischchen niedergelassen und tranken fröhlich Tee. Der Büfettsaal wurde zur warmen Herberge nahezu für die Hälfte des erschienenen Publikums. Und dieses ganze hier versammelte Publikum mußte doch bald, wenn die Quadrille der Literatur begann, voll Neugier auf einmal in den Tanzsaal fluten. Es war geradezu unheimlich, sich das auch nur vorzustellen.
Inzwischen hatte man im weißen Saale, dank der Mitwirkung des jungen Fürsten, drei magere Quadrillen zustande gebracht. Die jungen Töchter tanzten also und die Eltern sahen zu und freuten sich. Doch selbst von diesen ehrenwerten Familienhäuptern begannen schon viele heimlich zu überlegen, wie sie sich, nachdem die Töchter ihr Vergnügen gehabt, zeitiger entfernen könnten, und nicht erst dann, „wenn’s anfängt“. Daß es aber unfehlbar wieder „anfangen“ werde, davon waren entschieden alle überzeugt.
Julija Michailownas Gemütszustand zu schildern, dazu wäre ich wohl kaum imstande. Ich habe dort nicht mit ihr gesprochen, obschon ich ziemlich in ihrer Nähe war. Meinen Gruß erwiderte sie nicht, da sie ihn nicht bemerkte (sie bemerkte ihn tatsächlich nicht). In ihrem Gesicht lag etwas Krankhaftes, ihr Blick war hochmütig und voll Verachtung, aber unstät und erregt. Sie überwand sich mit sichtlicher Qual, – doch wozu eigentlich und für wen? Sie hätte unbedingt den Ball verlassen und vor allen Dingen ihren Gatten heimbringen sollen, sie aber blieb! Dabei konnte man es schon ihrem Gesicht ansehen, daß die Augen ihr nun „endlich aufgegangen“ waren und daß sie auf nichts mehr hoffte. Sie rief auch nicht ein einziges Mal Pjotr Stepanowitsch zu sich (der ging ihr auch, glaube ich, schon selbst aus dem Wege; ich sah ihn im Büfettraum, er war übertrieben lustig). Aber sie blieb doch auf dem Ball und ließ ihren Mann nicht auf einen Augenblick von ihrer Seite. Oh, sie hätte noch vorhin am Nachmittage jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand mit aufrichtiger Empörung zurückgewiesen. Jetzt aber mußten ihr auch in der Beziehung die Augen endlich aufgegangen sein. Mir wenigstens war es schon auf den ersten Blick klar, daß sein Zustand sich im Vergleich zum Vormittage verschlimmert hatte. Er machte den Eindruck, als sei er sich überhaupt nicht dessen bewußt, wo er sich befand. Hin und wieder richtete er seinen Blick plötzlich mit ganz unerwarteter Strenge auf den einen oder anderen, zweimal z. B. auch auf mich. Einmal begann er zu sprechen, begann laut und wichtig, sprach aber den Satz nicht zu Ende, wodurch er einen bescheidenen alten Beamten, der zufällig in seiner Nähe stand, geradezu erschreckte. Doch selbst dieser Teil des Publikums, das im weißen Saale anwesend war, selbst diese Bescheidenen und Scheuen gingen finster und ängstlich Julija Michailowna aus dem Wege, obschon sie gleichzeitig äußerst sonderbare Blicke auf ihren Gemahl warfen, Blicke, deren Unverwandtheit und Offenheit mit der sonstigen Schüchternheit dieser Leute gar zu wenig harmonierte.
„Sehen Sie, gerade dieser Zug war es, der mich plötzlich durchbohrte, und ich begann endlich zu erraten, wie es um Andrei Antonowitsch stand,“ sagte Julija Michailowna später einmal zu mir.
Ja, wieder war sie die Schuldige. Wahrscheinlich hatte sie sich am Nachmittage, als nach meiner Flucht aus ihrem Hause auf Pjotr Stepanowitschs Zureden hin beschlossen worden war, daß der Ball stattfinden und sie auf ihm erscheinen solle, – wahrscheinlich hatte sie sich dann wieder in das Kabinett ihres Gatten begeben, zu ihrem Andrei Antonowitsch, den, wie sie meinte, nur der Skandal der Matinee „erschüttert“ hatte, und dort wird sie wohl wieder alle ihre Verführungskünste angewandt haben, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Wie groß mußte demnach ihre Qual jetzt sein! Und dennoch blieb sie auf dem Ball! War es nun ihr Stolz, der sie trotz aller Pein auf ihrem Platz auszuharren zwang, oder hatte sie bereits den Kopf verloren – ich weiß es nicht. Jedenfalls versuchte sie in geradezu erniedrigender Weise und mit freundlichem Lächeln (bei ihrem Hochmut!) einzelne Damen in ein Gespräch zu ziehen, doch die wurden sofort unsicher, antworteten mißtrauisch und einsilbig mit einem „ja“ oder „nein“ und gingen ihr sichtlich aus dem Wege.
Von den wirklichen Würdenträgern unserer Stadt befand sich auf diesem Ball nur ein einziger, – jener selbe wichtige General a. D., von dem ich schon einmal erzählt habe: der bei der Adelsmarschallin nach dem Duell zwischen Stawrogin und Gaganoff seiner alten Gewohnheit gemäß „gerade davon laut zu sprechen anfing, wovon alle nur heimlich zu flüstern wagten“, und der somit wieder einmal der allgemeinen Spannung die Tür öffnete. Jetzt spazierte er würdevoll durch alle Säle, beobachtete und hörte zu und bemühte sich, durch sein Mienenspiel recht offenkundig zu zeigen, daß er nur so, um die Sitten zu beobachten, mehr Studien halber, als um eines reinen Vergnügens willen, gekommen sei. Er endete damit, daß er sich ganz und gar Julija Michailowna zugesellte und nicht einen Schritt von ihr wich, sichtlich bestrebt, sie zu ermutigen und zu beruhigen. Gewiß war er ein Mensch von großer Herzensgüte, sehr vornehm und bereits so alt, daß man von ihm sogar Mitleid hinnehmen konnte; doch sich gestehen zu müssen, daß dieser alte Schwätzer sie, Julija Michailowna, zu bemitleiden und fast zu beschützen wagte, indem er sehr wohl begriff, daß er ihr mit seiner Anwesenheit eine Ehre erwies, das war doch mehr als ärgerlich. Der General aber hielt unentwegt Stand und schwatzte ohne aufzuhören.
„Hm, man sagt, keine Stadt könne bestehen ohne sieben Gerechte ... sieben, glaub’ ich, müssen es sein, entsin–ne mich nicht mehr genau der vor–schriftsmäßigen Zahl. Ich weiß nicht, wieviele von diesen sieben ... unzwei–felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der Anwesenheit derselben, mich nicht außer–halb jeder Gefahr zu empfinden. Vous me pardonnerez, charmante dame, n’est-ce pas?[187] Ich spreche natürlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Büfett, bin aber faktisch froh, daß ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser unschätz–barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. Übrigens, amüsant. Warte nur noch auf diese ‚Quadrille der Li–te–ratur‘, dann aber – ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, muß mich früh hinlegen. Aber auch Ihnen würde ich raten, ‚in die Federchen zu gehen‘, wie man aux enfants[188] zu sagen pflegt ... Bin eigentlich wegen der jungen Schön–heiten gekommen ... die ich natürlich nirgendwo in solcher Voll–zähligkeit antreffen könnte, wie hier ... Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren. Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jägern ... ist sogar wirklich nicht übel ... hm, in der Tat ... und das weiß sie auch selbst. Hab’ mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die Mädel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Außer der Frische fak–tisch nichts. Übrigens, amüsant. Wenigstens für mich. Es gibt da Knöspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. Überhaupt ist in der russischen Schönheit der Frauenantlitze wenig von jener Regelmäßigkeit vorhanden und ... und ein bißchen läuft sie doch auf einen Pfannkuchen hinaus ... Vous me pardonnerez, n’est-ce pas[189] ... übrigens immer bei gleichzeitig schönen Augen ... lachenden Augen. Diese Knöspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend be–zau–bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Männern jenen traurigen In–dif–ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so überaus begünstigt ... vorausgesetzt, daß ich diese Frauenfrage richtig verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht übel; die Räume schön geschmückt. Es hätte schlechter sein können. Die Musik könnte sogar sehr viel schlechter sein ... ich sage nicht ‚sollte‘. Ein übler Eindruck, daß überhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten übergehe ich. Böse ist, daß dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhüllt Cancan zu tanzen erlaubt. Ich würde es verzeihen, wenn es von ihm aus Freude geschähe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf ist es immer–hin noch zu früh, selbst für einen Apotheker ... Dort im Büfettsaal begannen zwei sich zu prügeln und wurden nicht hinausbefördert. Um elf aber müssen Raufbolde noch hinausbefördert werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ... ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann muß man der öffentlichen Meinung schon eine Konzession machen, – vorausgesetzt, daß dieser Ball die dritte Morgenstunde überhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm! Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. Pauvre mère![190] Und die arme Lisa, – Sie haben doch schon gehört? Man sagt, eine geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der Arena ... Hm! Ich müßte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese ‚Quadrille der Li–te–ratur‘ beginnen?“
Und schließlich begann denn auch die „Quadrille der Literatur“. Wenn in der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gespräch auf den bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten Worten unfehlbar von dieser „Quadrille der Literatur“ gesprochen, und da sich niemand eine Vorstellung von dieser Aufführung machen konnte, so erregte sie natürlich übermäßige Neugier. Das aber war schon an sich die größte Gefahr für einen Erfolg, und – wie groß war daher die Enttäuschung!
Eine Seitentür des weißen Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde geöffnet und plötzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum drängte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich die Kunde bis zum Büfett und schon stürzte, wälzte sich von dort der ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weißen Saal, in den er wie eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen. Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrängen und ich blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte plötzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf, nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte.
„Ich sitze die ganze Zeit am Büfett und beobachte,“ flüsterte er ihr mit der Miene eines schuldbewußten Schulbuben zu, die er übrigens absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen.
Sie wurde feuerrot vor Zorn.
„Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrügen wollten, Sie unverschämter Mensch!“ entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so daß es die Umstehenden hörten.
Pjotr Stepanowitsch schlüpfte, äußerst zufrieden mit sich selbst, wieder flink davon.
Es wäre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und fadere Allegorie vorzustellen, als es diese „Quadrille der Literatur“ war. Und gewiß hätte man nichts ersinnen können, das weniger zu unserem Publikum paßte, als diese Allegorie; dabei hieß es, daß Karmasinoff sie erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine besondere, selbständige Rolle übernehmen wollen. Die Quadrille bestand aus sechs kläglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, daß sie sich etwa einen künstlichen Bart oder sonst einen billigen Blödsinn angeklebt hatten. Da war z. B. ein älterer Herr, nicht groß von Wuchs, im Frack – also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen –, mit einem ehrwürdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte und tänzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit gemäßigtem, doch schon heißer gewordenem Baßstimmchen allerhand Laute hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske vis-à-vis tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten sollten, das blieb unaufgeklärt. „Der ehrliche russische Gedanke“ wurde dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im Frack, in Handschuhen und – in Fesseln (es waren richtige eiserne Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser „Gedanke“ eine Mappe mit Akten über eine zu unternehmende Sache oder eine bevorstehende „Tat“. Aus seiner Fracktasche schaute ein entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die Ehrlichkeit des „ehrlichen russischen Gedankens“ allen denen, die seine Ehrlichkeit bezweifelten, verbürgen sollte. Dies alles wurde von den Festordnern bereits mündlich erklärt, denn lesen konnte man den aus der Tasche hervorlugenden Brief natürlich nicht. In der erhobenen rechten Hand hielt der „ehrliche russische Gedanke“ einen Pokal, ganz als wollte er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm gegenüber aber tanzte ein gleichfalls schon älterer Herr, im Frack, doch mit einem schweren Knüppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine gefürchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift darstellen. Der Knüppel aber sollte wohl sagen: „Wenn ich mal zuschlage, bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen übrig.“ Doch ungeachtet seines Knüppels konnte er auf keine Weise den durch die Brillengläser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des „ehrlichen russischen Gedankens“ ertragen, weshalb er sich alle Mühe gab, nach links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum pas de deux kam, wand, drehte, kringelte er sich förmlich und wußte nicht, wohin er sehen sollte, – so sehr quälte ihn wahrscheinlich das Gewissen ... Doch wer kann schließlich alle diese stumpfsinnigen erklügelten Witzchen aufzählen und behalten! Alles war von dieser Art, so daß ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schämen begann. Und siehe, genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefühls spiegelte sich auch in allen übrigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den mürrischsten Physiognomien aus dem Büfettraum. Eine Zeitlang schwiegen alle und sahen mit geärgerter Verständnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch sich schämt, fängt er gewöhnlich an sich zu ärgern und ist dann zum Zynismus geneigt. Allmählich aber begann ein Gebrumm:
„Was soll das denn eigentlich bedeuten?“ brummte in einer Gruppe jemand von denen, die das Büfett belagert hatten.
„Irgend ’nen Blödsinn.“
„Das soll eine Art Literatur sein. Die ‚Stimme‘ wird kritisiert.“
„Was geht das mich an!“
In einer anderen Gruppe:
„Diese Esel!“
„Nein, nicht sie sind die Esel, sondern die Esel sind wir.“
„Warum bist du denn ein Esel?“
„Nein, ich bin kein Esel, aber ...“
„Na, wenn selbst du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner!“
In einer dritten Gruppe:
„Mit einem Tritt sie alle hinauswerfen und dann hole sie der Teufel!“
„... Den ganzen Saal ausfegen ...“
In einer vierten:
„Daß die Lembkes sich nicht schämen, zuzusehen!“
„Warum sollen sie sich denn schämen? Du schämst dich doch nicht?“
„Nein, ich schäme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur!“
„Ja, und du bist nur ein Schwein ...“
„In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball erlebt,“ sagte eine Dame gehässig in nächster Nähe von Julija Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehört zu werden.
Diese Dame – eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide – war in der Stadt zwar allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hölzernes Wohnhaus und eine karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von dieser nicht empfangen worden.
„Und das war ja auch wirklich vorauszusehen,“ fügte sie hinzu, indem sie frech Julija Michailowna in die Augen sah.
„Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen?“ fragte plötzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte.
„Ach, aber doch wirklich nur aus Gutgläubigkeit!“ versetzte jene Dame sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie hätte gar zu gern einen Wortwechsel angeknüpft), doch der alte General trat zwischen sie und Frau von Lembke.
„Chère dame,“ – er beugte sich zu Julija Michailowna – „wenn ich einen Rat geben dürfte, so wäre es der, jetzt heimzufahren. Wir behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich amüsieren. Sie haben alles getan, was nötig war, haben den Ball eröffnet, nun und ... jetzt überlassen Sie die Leute sich selbst ... Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an–schei–nend nicht wohl fühlt ... Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglück zustößt ...“
Doch es war bereits zu spät.
Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tänzer der „Quadrille“ mit einer gewissen ungehaltenen Verständnislosigkeit betrachtet, als aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Büfettraum auf; sein Blick drückte das größte Befremden aus. Plötzlich erscholl lautes Gelächter über eines der in der „Quadrille“ produzierten Stückchen: der Herausgeber der „gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift“, der mit dem Knüppel in der Hand tanzte, empfand wohl endgültig, daß er die Brillengläser des „ehrlichen russischen Gedankens“ nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wußte, wie er ihnen ausweichen sollte, begann er plötzlich, in der letzten Tour, den Brillengläsern verkehrt, d. h. auf den Händen, mit den Beinen in der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte Entstellungsmanier der „gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift“ veranschaulichen sollte, die unter Umständen selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lämschin auf den Händen zu gehen verstand, hatte er es übernommen, den Herausgeber mit dem Knüppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon gewußt, daß jemand auf den Händen gehen werde. „Das hatte man mir verheimlicht, absichtlich verheimlicht!“ sagte sie später immer wieder, als sie in ihrer Verzweiflung und Empörung mir alles erzählte. Das Gelächter der Menge wurde natürlich nicht von der Allegorie hervorgerufen, an die man überhaupt nicht dachte, sondern galt einfach dem Anblick eines auf den Händen gehenden Menschen in einem Frack, dessen Schoße nun selbstredend umgeklappt herabhingen.
Lembke brauste auf und bebte vor Erregung.
„Der Nichtswürdige!“ schrie er, indem er auf Lämschin wies. „Ergreift den Spitzbuben! Umkehren! Umkehren auf die Füße ... der Kopf ... damit der Kopf nach oben ... oben!“
Lämschin sprang wieder auf die Füße. Das Gelächter verstärkte sich.
„Hinausjagen alle Spitzbuben, die da lachen!“ befahl plötzlich Lembke.
Die Menge begann zu murren und zu johlen.
„So geht das denn doch nicht, Exzellenz.“
„Das Publikum darf man nicht beschimpfen.“
„Selber ein Esel!“ tönte es irgendwoher aus einer ferneren Ecke.
„Die Flibustiers!“ rief jemand vom entgegengesetzten Ende des Saales.
Lembke drehte sich bei diesem Ruf hastig nach dieser Seite hin um und wurde ganz bleich. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem stumpfsinnigen Lächeln, als habe er plötzlich etwas begriffen, als erinnere er sich an etwas.
„Meine Herren“ ... angstvoll wandte sich Julija Michailowna an die näherrückende Menge, während sie gleichzeitig ihren Mann mit sich fortzuziehen suchte, „entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch, meine Herren, Andrei Antonowitsch fühlt sich nicht wohl ... er ist krank ... entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren!“
Ich hörte es mit eigenen Ohren, wie sie „verzeihen Sie“ sagte. Die Szene spielte sich sehr schnell ab. Aber ich weiß noch genau, daß schon in diesem Augenblick ein Teil des Publikums wegdrängte zum Ausgang des Saales, gleichsam erschrocken, und zwar geschah das gerade nach diesen Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar noch eines hysterischen weiblichen Ausrufs halb unter Tränen:
„Ach, wieder ist’s ganz so wie am Vormittage!“
Und plötzlich, mitten in dieses bereits beginnende Gedränge, schlug auf einmal wieder eine Bombe ein, also tatsächlich „ganz so wie am Vormittage“:
„Es brennt! Die ganze Vorstadt brennt überm Fluß!“
Ich erinnere mich bloß nicht, wo dieser entsetzliche Schrei zuerst erschallte: ob im Saal oder – ich glaube, es kam jemand aus dem Vestibül, vom Eingang hereingestürzt. Jedenfalls entstand sofort ein solcher Tumult, daß ich nicht einmal versuchen will, ihn zu schildern. Von dem Publikum, das sich zum Ball noch eingefunden hatte, stammte die Mehrzahl aus eben jener Vorstadt: es waren zumeist die Besitzer der dort, auf der anderen Seite des Flusses, belegenen hölzernen Häuser, oder deren Einwohner. Man stürzte zu den Fenstern, im Nu waren die Vorhänge zur Seite gezogen, die Stores herabgerissen. Die Vorstadt lohte. Freilich, der Brand begann erst, aber es lohte schon an drei ganz verschiedenen Stellen, – und gerade das war das Erschreckendste.
„Brandstiftung!“ – „Die Spigulinschen!“ brüllte man im Gedränge.
Ich habe noch ein paar überaus charakteristische Ausrufe behalten:
„Hat doch mein Herz das vorausgefühlt, daß sie brandstiften werden, das hat es die ganzen letzten Tage vorausgefühlt!“
„Die Spigulinschen, die Spigulinschen, wer denn sonst!“
„Man hat uns absichtlich hier versammelt, um dort derweil anzünden zu können!“
Diesen letzten, wunderlichsten Schrei stieß eine Frauenstimme aus; es war der unbedachte, der unwillkürliche Schrei einer Koróbotschka[52], die ihr Hab und Gut brennen sieht. Alles stürzte zum Ausgang. Das Gequetsche und Gedränge im Vorraum beim Suchen nach den Pelzen, Tüchern und Umhängen, das Gekreisch erschreckter Frauen und das Weinen der Töchter werde ich nicht weiter beschreiben. Es ist kaum anzunehmen, daß hierbei direkt gestohlen wurde, doch es ist schließlich kein Wunder, daß bei einem solchen Durcheinander manche ohne ihre Überkleider, die nicht zu finden waren, wegfuhren, worüber noch lange nachher in der Stadt vieles erzählt wurde, natürlich mit Erdichtungen und Übertreibungen. Lembke und Julija Michailowna wurden in der Tür von der Menge nahezu erdrückt.
„Alle zurückhalten! Nicht einen hinauslassen!“ brüllte plötzlich Lembke, indem er drohend die Hand gegen die Andrängenden ausstreckte. „Alle einzeln strengstens untersuchen, sofort!“
Die Antwort darauf war aus dem Saal ein Hagel von kräftigen Schimpfwörtern.
„Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch!“ rief Julija Michailowna in vollständiger Verzweiflung.
„Als erste verhaften!“ schrie dieser und wies streng mit dem Finger auf sie. „Als erste untersuchen! Der Ball war inszeniert zum Zweck der Brandstiftung ...“
Sie stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht (oh, dieser Ohnmachtsanfall war natürlich schon ein echter). Ich, der Fürst und der General stürzten zur Hilfe herbei; auch andere halfen uns in diesem schweren Augenblick, sogar einige von den Damen. Wir trugen die Unglückliche aus dieser Hölle zu ihrer Equipage; doch sie kam erst unterwegs, kurz vor ihrem Hause, zu sich und ihr erstes war, daß sie wieder nach Andrei Antonowitsch rief. Nach dem Zusammenbruch aller ihrer Phantastereien verblieb ihr als einziges nur noch ihr Andrei Antonowitsch. Es wurde sofort nach dem Doktor geschickt. Ich wartete eine ganze Stunde bei ihr, der Fürst gleichfalls; der General wollte in einer Anwandlung von Großmut (obgleich ihm der Schreck arg in die Glieder gefahren war) die ganze Nacht „am Bette der Unglücklichen“ verbringen, schlief aber schon nach zehn Minuten, noch bevor der Arzt erschien, im Saal auf einem Lehnstuhl ein, wo wir ihn dann auch so schlafen ließen.
Dem Polizeimeister, der vom Ball zur Brandstätte eilte, gelang es noch, Andrei Antonowitsch gleich nach uns hinauszuführen, und er wollte ihn zu Julija Michailowna in den Wagen setzen, indem er aus allen Kräften Seiner Exzellenz zuredete, „der Ruhe zu pflegen“. Ich verstehe nicht, warum er das nicht durchsetzte. Selbstredend wollte Andrei Antonowitsch von Ruhe nichts wissen und strebte mit Gewalt zur Brandstätte; aber das war doch kein vernünftiger Grund. So endete es denn damit, daß der Polizeimeister ihn noch in seinem eigenen Wagen zur Brandstätte brachte. Später erzählte er, Lembke habe unterwegs die ganze Zeit gestikuliert und „solche Ideen als Befehle hervorgestoßen, daß es wegen ihrer Ungewöhnlichkeit unmöglich war, sie auszuführen“. So ist denn nachher auch rapportiert worden: daß Se. Exzellenz sich zu der Zeit, infolge der „Plötzlichkeit des Schrecks“, bereits im Fieberdelirium befunden habe.
Es erübrigt sich wohl, zu erzählen, wie der Ball endete. Einige Dutzend Taugenichtse und sogar ein paar Damen blieben in den Sälen. Die Polizei war nicht mehr da. Das Orchester mußte spielen, denn die Musikanten, die weggehen wollten, wurden verprügelt. Zum Morgen hin war „Prochorytschs ganze Bude“ vertilgt, man soff bis zur Bewußtlosigkeit, tanzte den Kamarinskij ohne Zensur, besudelte die Räume; und erst bei Morgengrauen langte ein Teil dieser Bande, vollkommen betrunken, auf dem erlöschenden Brandplatz an, – zu neuen Unruhen. Die andere Hälfte blieb und schlief gleich dort in den Sälen in steif besoffenem Zustande, mit allen Folgen eines solchen, auf den Plüschdiwans und in den Ecken auf dem Fußboden. Am nächsten Morgen wurden sie – das war das erste, was man tat – an den Beinen hervorgezogen und hinausgeschleift auf die Straße. Und damit endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements.