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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 109: II.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Achtzehntes Kapitel.
Ein beendeter Roman

I.

Aus dem großen Saal des Herrenhauses von Skworeschniki (demselben Saal, wo die letzte Zusammenkunft von Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch stattgefunden hatte) konnte man das Feuer wie auf der Handfläche sehen. Bei Tagesgrauen, zwischen fünf und sechs Uhr morgens, stand dort, rechts am letzten Fenster des Saales, Lisa und sah starr in den verlöschenden Widerschein des Brandes. Sie war allein. Sie trug dasselbe Kleid, in dem sie auf dem Fest erschienen war, ein duftiges, zartgrünes Gewand, von Spitzen überrieselt, doch schon zerdrückt und jetzt in der Hast unordentlich angezogen. Als sie plötzlich bemerkte, daß es über der Brust nicht richtig geschlossen war, errötete sie und hakte es schnell zu, raffte ihr rotes Tuch vom Lehnstuhl auf, das sie gestern beim Eintreten dorthin geworfen hatte und schlang es sich um den Hals. Ihr prachtvolles Haar fiel in gelösten Locken auf ihre rechte Schulter. Ihr Gesicht sah müde aus, besorgt, doch ihre Augen brannten unter den zusammengezogenen Brauen. Sie trat wieder ans Fenster und drückte ihre heiße Stirn an das kalte Glas. Die Tür öffnete sich und Nicolai Wszewolodowitsch trat ein.

„Ich habe einen Diener zu Pferde hingeschickt,“ sagte er, „in zehn Minuten werden wir alles wissen. Die Leute sagen, daß der Stadtteil über dem Fluß, rechts von der Brücke, niedergebrannt sei. Das Feuer soll um Mitternacht ausgebrochen sein; jetzt ist es schon im Abflauen.“

Er ging nicht bis ans Fenster heran, sondern blieb drei Schritte hinter ihr stehen; sie wandte sich nicht nach ihm um.

„Nach dem Kalender hätte es schon seit einer Stunde hell sein müssen, und noch ist es dunkel wie in der Nacht,“ sagte sie ärgerlich.

„Die Kalender lügen alle,“ bemerkte er schon mit liebenswürdigem Spott, schämte sich aber sofort und fügte schnell hinzu: „Nach dem Kalender ist es langweilig zu leben, Lisa.“

Aber er fühlte, daß er dadurch das Gesprochene nur noch schlimmer gemacht hatte. Ärgerlich über sich selbst schwieg er ganz. Lisa lächelte bitter.

„Sie scheinen in einer so niedergeschlagenen Stimmung zu sein, daß Ihnen zu einem Gespräch mit mir sogar die Worte fehlen. Aber beruhigen Sie sich, Sie haben das sehr zur rechten Zeit gesagt: ich lebe immer nach dem Kalender. Jeder meiner Schritte ist nach dem Kalender berechnet. Sie wundern sich?“

Sie wandte sich schnell vom Fenster ab und setzte sich in den Sessel.

„Bitte, setzen Sie sich gleichfalls. Wir werden nicht lange zusammen sein und ich möchte alles sagen, was ich sagen mag ... Warum sollten nicht auch Sie alles sagen, was Sie vielleicht sagen wollen?“

Nicolai Wszewolodowitsch setzte sich neben sie und nahm leise, beinahe furchtsam, ihre Hand.

„Was bedeutet diese Sprache, Lisa? Woher das plötzlich? Was soll das bedeuten: ‚Wir bleiben nicht lange zusammen‘? Das ist schon der zweite rätselhafte Ausspruch in dieser halben Stunde nach deinem Erwachen aus dem Schlaf.“

„Sie fangen an, meine rätselhaften Aussprüche zu zählen?“ fragte sie lachend. „Aber erinnern Sie sich, daß ich gestern, als ich eintrat, mich als eine Tote Ihnen vorstellte? Sehen Sie, das haben Sie für nötig befunden, zu vergessen. Zu vergessen oder zu überhören.“

„Ich erinnere mich nicht, Lisa. Warum als Tote? Man muß leben ...“

„Und Sie verstummen? Ihnen ist ja die Beredsamkeit ganz und gar abhanden gekommen. Ich habe meine Stunde auf der Welt zu Ende gelebt und nun ist es genug. Erinnern Sie sich noch Christophor Iwanowitschs?“

„Nein, ich erinnere mich nicht,“ – sein Gesicht verfinsterte sich.

„Nicht Christophor Iwanowitschs? – in Lausanne? Er verdroß Sie doch zu guter Letzt so entsetzlich. Wenn er kam, sagte er immer: ‚Ich komme nur auf einen Augenblick‘, und dann blieb er den ganzen Tag. Ich möchte es nicht wie Christophor Iwanowitsch machen und den ganzen Tag bleiben.“

Eine schmerzhafte Empfindung spiegelte sich in seinem Gesicht wider.

„Lisa, es tut mir weh um diese verzerrte Sprache. Diese Grimasse kostet dich selbst zu viel. Wozu das alles? Warum?“

Seine Augen brannten.

„Lisa,“ rief er aus, „ich schwöre es dir, ich liebe dich jetzt mehr als gestern, als du bei mir eintratest!“

„Was für ein sonderbares Geständnis! Was soll das jetzt, dieses Gestern und Heute, und wozu beides mit dem Maß messen?“

„Du verläßt mich nicht,“ fuhr er fast verzweifelt fort, „wir verreisen zusammen, heute noch! Nicht? Nicht?“

„Ah, pressen Sie meine Hand nicht so schmerzhaft! Wohin sollen wir denn heute noch reisen? Wieder irgendwohin, um ‚aufzuerstehen‘? Nein, genug der Versuche ... und das geht mir auch zu langsam; ich bin nicht fähig dazu. Das ist zu hoch für mich. Wenn wir reisen sollen, dann schon gleich nach Moskau und dort Visiten machen und selbst empfangen – das ist mein Ideal, wie Sie wissen, ich habe Ihnen schon in der Schweiz nicht verheimlicht, wie und wer ich bin. Da es uns aber unmöglich ist, nach Moskau zu reisen und dort Visiten zu machen, weil Sie verheiratet sind, so reden wir lieber gar nicht davon.“

„Lisa! Was war denn das gestern?“

„Es war das, was es war.“

„Das ist unmöglich! Das ist grausam!“

„Was tut’s denn, daß es grausam ist? Und wenn es grausam ist, so tragen Sie es doch!“

„Sie rächen sich an mir für die gestrige Phantasie ...“ sagte er halblaut, mit dem Versuch, boshaft zu lächeln.

Lisa flammte auf.

„Was für ein niedriger Gedanke!“

„Warum schenkten Sie mir dann ... ‚so viel Glück‘? Habe ich ein Recht, das zu erfahren?“

„Nein, Sie müssen sich schon irgendwie ohne Rechte behelfen; krönen Sie die Niedrigkeit Ihrer Vermutung nicht mit einer Dummheit. Heute wird es Ihnen nicht gelingen. Übrigens, fürchten Sie nicht gar die Meinung der Welt, und daß man Sie für dieses ‚so viel Glück‘ verurteilen wird? Oh, wenn es das ist, so beunruhigen Sie sich um Gottes willen nicht. Sie haben ja in diesem Fall nicht die geringste Veranlassung gegeben und sind niemandem Verantwortung schuldig. Als ich gestern Ihre Tür aufmachte, da wußten Sie nicht einmal, wer da eintrat. Es war eben nur meine Phantasie, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, und nichts weiter. Sie können allen dreist und siegesbewußt in die Augen blicken!“

„Deine Worte, dein Hohn, jetzt schon eine ganze Stunde, bringen die Kälte des Grauens über mich! Dieses ‚Glück‘, von dem du so gehässig sprichst, kostet mich ... alles. Kann ich dich denn jetzt verlieren? Ich schwöre dir, ich liebte dich gestern weniger. Warum nimmst du mir denn heute alles wieder? Weißt du auch, was sie mich kostet, diese neue Hoffnung? Ich habe sie mit dem Leben bezahlt!“

„Mit dem eigenen oder dem anderer?“

Stawrogin stand hastig auf.

„Was heißt das?“ fragte er und sah sie starr an.

„Bezahlen Sie mit Ihrem oder mit meinem Leben? Das war es, was ich damit fragen wollte. Oder haben Sie jetzt völlig aufgehört, zu verstehen?“ Das Blut schoß ihr ins Gesicht. „Warum sind Sie aufgesprungen? Warum starren Sie mich mit solch einem Ausdruck an?“ Lisa blickte ihm plötzlich angstvoll in die Augen. „Sie erschrecken mich ... Was fürchten Sie denn so? Ich habe es schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie etwas fürchten, gerade jetzt, in dieser Minute ... Mein Gott, wie blaß Sie werden!“

„Wenn du irgend etwas weißt, Lisa, ich schwöre dir, ich weiß nichts ... und habe soeben überhaupt nicht davon gesprochen, als ich sagte, daß ich es mit dem Leben bezahlt hätte ...“

„Ich verstehe Sie gar nicht,“ sagte sie ängstlich stockend.

Da erschien schließlich ein langsames, nachdenkliches Lächeln auf seinen Lippen. Er setzte sich still wieder hin, stützte die Ellenbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

„Ein böser Traum und Wahn ... Wir sprachen von zwei ganz verschiedenen Dingen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie gesprochen haben. Aber wußten Sie denn gestern wirklich nicht, daß ich Sie heute verlassen würde? Wußten Sie das wirklich nicht? Lügen Sie nicht! Sagen Sie, wußten Sie es oder wußten Sie es nicht?“

„Ich wußte es ...“ sagte er leise.

„Nun also, was wollen Sie dann noch: Sie wußten es und nahmen den ‚Augenblick‘. Wozu nun diese Abrechnungen?“

„Sage mir die ganze Wahrheit,“ rief er in tiefem Leid: „als du gestern meine Tür aufmachtest, wußtest du es selbst, daß du sie nur auf eine Stunde aufmachtest?“

Sie sah ihn mit Haß an.

„Es ist doch wahr, daß selbst der ernsteste Mensch die sonderbarsten Fragen stellen kann. Was beunruhigen Sie sich deswegen? Sollte es wirklich aus Eigenliebe geschehen, weil eine Frau Sie zuerst verläßt, und nicht Sie die Frau? Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, ich merke unter anderem, seit ich bei Ihnen bin, daß Sie furchtbar großmütig zu mir sind, und gerade das kann ich von Ihnen nicht ertragen.“

Er erhob sich vom Platz und ging ein paar Schritte durchs Zimmer.

„Gut, mag das nun so enden ... Aber wie konnte das alles geschehen?“

„Auch eine Sorge! Und die Hauptsache – Sie wissen das ja selbst, so gut, als hätten Sie es an den Fingern abgezählt, wissen es besser, als alle auf der Welt, und rechneten sogar selbst damit! Ich bin eine höhere Tochter, mein Herz ist in der Oper erzogen, sehen Sie, das war die Ursache, das ist die ganze Lösung des Rätsels!“

„Nein.“

„Darin liegt nichts, was Ihre Eigenliebe kränken könnte. Es ist einfach die Wahrheit. Es begann mit einem schönen Augenblick, den ich nicht ertrug. Vor drei Tagen, als ich Sie vor aller Welt ‚beleidigte‘ und Sie mir so ritterlich antworteten, fuhr ich nach Hause und sagte mir, daß Sie mich gemieden hatten, weil Sie verheiratet waren, und nicht aus Verachtung, was ich als Dame der Gesellschaft am meisten fürchtete. Ich begriff, daß Sie mich Unsinnige beschützten, indem Sie mich mieden. Sehen Sie wohl, wie ich Ihre Großmut schätze. Da sprang dann Pjotr Stepanowitsch für Sie ein und erklärte mir alles. Er offenbarte mir, daß ein großer Gedanke Sie beherrsche, ein Gedanke, vor dem er und ich nichts sind, aber daß ich Ihnen dennoch ‚im Wege‘ stehe. Und sich zählte er immer mit; er wollte unbedingt, daß wir zu dreien seien, und er sprach noch die phantastischsten Dinge, sprach von einer großen Barke mit Rudern aus nordischem Ahorn, wie es in irgendeinem russischen Liede heißt. Ich lobte ihn, sagte ihm, er sei ein Dichter, und er nahm das alles für die barste Münze. Da ich aber auch ohnedem schon längst wußte, daß ich nur für einen Augenblick ausreichen würde, so nahm ich mich und entschloß mich. Nun, und das war alles, aber jetzt genug davon, und bitte keine Erklärungen mehr. Sonst geraten wir womöglich noch in Streit. Wie gesagt, fürchten Sie niemanden, ich nehme alles auf mich. Ich bin schlecht, kapriziös, ich habe mich von der opernhaften Barke blenden lassen, ich bin eine junge Dame der Gesellschaft ... Aber wissen Sie, ich habe bei alledem doch gedacht, daß Sie mich furchtbar lieben. Verachten Sie nicht die Törin und lachen Sie nicht über diese Träne, die jetzt fiel. Ich liebe es sehr, ‚mich selbst bemitleidend‘ zu weinen. Nun, genug, genug. Ich bin zu allem unfähig und Sie sind zu allem unfähig; zwei Nasenstüber beiderseits, finden wir uns also damit ab. Wenigstens leidet so die Eigenliebe nicht.“

„Ein Traum und Wahn!“ rief Nicolai Wszewolodowitsch und schritt, die Hände ringend, im Zimmer auf und ab. „Lisa, du Arme, was hast du dir angetan?“

„Habe mich am Licht verbrannt, und das ist alles. Wie, Sie weinen doch nicht gleichfalls? Seien Sie anständiger, seien Sie gefühlloser ...“

„Warum, warum bist du zu mir gekommen?“

„Aber verstehen Sie denn nicht endlich, in welch eine komische Lage Sie sich mit solchen Fragen selbst bringen?“

„Warum hast du dich selbst zugrunde gerichtet, so ungeheuerlich und töricht! Und was soll jetzt geschehen?“

„Und das ist Stawrogin, der ‚blutdürstige Stawrogin‘, wie hier eine Dame, die in Sie verliebt ist, Sie nennt! Hören Sie, ich habe es Ihnen doch schon gesagt: ich habe mein Leben auf eine Stunde gesetzt und bin jetzt ruhig. Tun Sie dasselbe auch mit Ihrem Leben ... übrigens, wozu sollten Sie das, Sie werden noch viele solcher ‚Stunden‘ und ‚Augenblicke‘ haben!“

„Ebensoviele wie du: ich gebe dir mein heiliges Wort, nicht eine Stunde mehr als du!“

Er ging immer noch auf und ab und sah ihren schnellen, durchbohrenden Blick nicht, in dem plötzlich gleichsam Hoffnung aufleuchtete. Aber dieser Lichtstrahl erlosch in derselben Minute.

„Wenn du den Preis meiner jetzigen unmöglichen Aufrichtigkeit wüßtest, Lisa, wenn ich dir nur enthüllen könnte ...“

„Enthüllen? Sie wollen mir irgend etwas enthüllen? Gott bewahre mich vor Ihren Enthüllungen!“ unterbrach Sie ihn fast mit Schrecken.

Er blieb stehen und wartete in Unruhe.

„Ich muß Ihnen gestehen, in mir hat sich schon damals, schon in der Schweiz, der Gedanke festgesetzt, daß Sie etwas Entsetzliches auf der Seele haben müssen, etwas Schmutziges und Blutiges, und ... gleichzeitig etwas, das Sie furchtbar lächerlich macht. Hüten Sie sich, mir das zu enthüllen, wenn es so ist: ich würde Sie verspotten. Ich würde über Sie lachen solange Sie leben ... Oh, Sie erbleichen wieder? Ich werde ja nicht, ich werde nicht, ich gehe gleich fort.“ Und sie erhob sich schnell mit einer angeekelten und verachtenden Bewegung.

„Quäle mich, richte mich, schütte alle Wut über mich aus!“ rief er in Verzweiflung. „Du hast das volle Recht dazu! Ich wußte, daß ich dich nicht liebe, und richtete dich zugrunde. Ja, ich ‚nahm den Augenblick‘, ich nahm ihn an: ich hatte noch eine Hoffnung ... schon lange ... eine letzte ... Ich konnte dem Licht nicht widerstehen, das plötzlich mein Herz erhellte, als du bei mir eintratst, allein, als erste. Ich glaubte plötzlich ... Vielleicht glaube ich auch jetzt noch ...“

„Eine so edle Aufrichtigkeit bezahle ich Ihnen mit gleichem: ich will nicht Ihre barmherzige Schwester sein. Es ist möglich, daß ich wirklich Krankenpflegerin werde, wenn ich nicht heute noch zur rechten Zeit zu sterben verstehe; aber wenn ich das auch würde, so ginge ich doch nicht zu Ihnen, obschon Sie selbstredend jedem Bein- oder Armlosen gleichwertig sind. Es hat mir immer geschienen, daß Sie mich an irgendeinen Ort bringen würden, wo eine böse Riesenspinne von Menschengröße sitzt, und wir würden dort unser Lebelang auf diese Spinne sehen und uns vor ihr fürchten. Und darüber wird dann unsere gegenseitige Liebe vergehen. Wenden Sie sich an Daschenka; die wird mit Ihnen gehen, wohin Sie wollen.“

„Sie konnten es auch jetzt nicht unterlassen, sie zu erwähnen?“

„Das arme Hündchen! Grüßen Sie sie von mir. Wußte sie es, daß Sie sie schon damals in der Schweiz für Ihr Alter bestimmten? Welch eine Fürsorge! Welch eine Vorsicht! – Ach! Wer ist da?“

In der Tiefe des Saales hatte sich kaum die Tür geöffnet: ein Kopf schob sich durch und zog sich schnell wieder zurück.

„Bist du es, Alexei Jegorytsch?“ fragte Stawrogin.

„Nein, das bin nur ich,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, der sich nun von neuem und diesmal gleich bis zur Hälfte durch die Tür schob. „Guten Tag, Lisaweta Nicolajewna; auf alle Fälle wünsche ich einen guten Morgen. Wußte ich’s doch, daß ich Sie beide in diesem Saal antreffen würde. – Ich bin wirklich nur auf einen Augenblick gekommen, Nicolai Wszewolodowitsch, – bin um jeden Preis hergeeilt, nur auf ein paar Worte ... die allernotwendigsten ... nur ein paar Wörtchen!“

Stawrogin ging, aber nach drei Schritten kehrte er zu Lisa zurück.

„Wenn du jetzt gleich etwas erfahren wirst, Lisa, so wisse: ich bin schuld!“

Sie fuhr zusammen und sah ihn scheu an; doch er ging schnell hinaus.

II.

Das Zimmer, in das sich Pjotr Stepanowitsch zurückzog, war ein großes ovales Vorzimmer. Bis zu seinem Erscheinen hatte der alte Diener Alexei Jegorytsch hier gesessen, den hatte er aber jetzt weggeschickt.

Nicolai Wszewolodowitsch schloß die Saaltür hinter sich und blieb in Erwartung stehen. Pjotr Stepanowitsch sah ihn schnell und prüfend an.

„Nun?“

„Das heißt, wenn Sie es schon wissen sollten –“ begann Pjotr Stepanowitsch eilig und als wolle er mit den Augen Stawrogin in die Seele springen, „so ist selbstverständlich niemand von uns schuld daran, besonders nicht Sie, denn es ist nur ein zufälliges Zusammentreffen ... eine Reihe von Zufällen ... mit einem Wort, juridisch kann man Ihnen nichts anhaben, und ich bin nur gekommen, um Sie zu benachrichtigen.“

„Sie sind verbrannt? Ermordet?“

„Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heißt, wenn Sie die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal den Gedanken – Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst, natürlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im Ernst so etwas sagen!) – doch ich hätte mich niemals zur Ausführung entschlossen, für nichts in der Welt, nicht für hundert Rubel, – denn ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen – das heißt, ich, ich persönlich ...“ (Er überhastete sich furchtbar und sprach wie eine Plappermühle.) „Aber nun hören Sie, was für ein Zusammentreffen von Zufällen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf Lebädkin zweihundertunddreißig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, – hören Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee, beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wußte damals noch nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren würde oder nicht: – gab ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darüber werde ich mich nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen hätte. Da mir aber diese Tragödien scheußlich langweilig geworden waren – ich spreche jetzt, merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrücke gebrauche –, da nun alles das meine Pläne kreuzte, so schwor ich mir, Lebädkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht? Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hören Sie jetzt, hören Sie, wohin das alles geführt hat ... –“

Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer näher gerückt und wollte ihn schließlich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand herunter.

„Wie ... was!? ... Na ... bloß, so können Sie einem ja die Hand brechen ... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ...“ schnatterte er dann schon weiter, ohne sich über den Schlag viel zu wundern. „Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester am nächsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mußte mit dem Publikum seinen dummen Schulbubenstreich machen, – Sie haben wohl schon davon gehört? auf der Matinee? Nun hören Sie, hören Sie doch: beide betrinken sich und schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribüne zu schubsen. Lebädkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollständig. Darauf folgt der bekannte Skandal – Lebädkin wird steif betrunken nach Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus der Brieftasche und läßt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglück aber hatte Lebädkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da aber Fedjka nur darauf wartete – er hatte bei Kirilloff etwas davon gehört (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschloß er sich, die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, daß Fedjka wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, – dabei hat der Schurke eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der Teufel weiß, was das ist! Das ist eine solche Eigenmächtigkeit ... Sehen Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen, in mir herumgetragen. Das ist so populär, so volklich ... aber ich habe sie immer für die kritische Zeit aufbewahrt, für den großen Augenblick, wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt plötzlich eigenmächtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo man den Atem anhalten und alles verheimlichen müßte! Nein, das ist eine solche Eigenmächtigkeit! ... Ich weiß ja noch nichts darüber: man spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den unseren jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im Spiele hat – gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heißt, sie ein bißchen vernachlässigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen ‚Fünfern‘ ist, das sehe ich, eine schlechte Stütze! Ein einziger großartiger, götzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf etwas Zufälliges und außerhalb Stehendes stützt ... Dann werden auch die ‚Fünfer‘ gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls, wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, daß Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und daß darum die Stadt brennen mußte, so –“

„Also man schreit das schon?“

„Das heißt, nein, noch gar nicht, und ich muß gestehen, ich habe davon bis jetzt noch nichts gehört, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen, besonders mit den Abgebrannten? Vox populi, vox Dei! Braucht es denn viel Zeit, um selbst das dümmste Gerücht zu verbreiten? Sie, wie gesagt, haben sich vor nichts zu fürchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei denn, daß Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde ihm noch heute ...“

„Und die Leichen sind gar nicht verbrannt?“

„Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehört zu machen verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß Sie so ruhig sind ... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in Gedanken, so ist es doch – na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber zugeben, daß das alles sehr schön Ihre Angelegenheiten in Ordnung bringt: Sie sind plötzlich ein freier Witwer und können noch in dieser Stunde das schönste Mädchen mit einem riesigen Vermögen heiraten, – ein Mädchen, das noch dazu schon in Ihren Händen ist. Sehen Sie, was ein einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr?“

„Sie wollen mich einschüchtern, Sie Dummkopf?“

„Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das für ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschüchtern? Als ob ich Ihnen zu drohen nötig hätte! Ich brauche Ihren freien Willen, aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich fürchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer Droschke – und wen sehe ich? – Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, – im Mantel, völlig durchnäßt, er muß wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die Menschen doch den Verstand verlieren können!“

„Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr?“

„Es ist wahr, es ist wahr. Steht am Gartenzaun. Von hier – na, dreihundert Schritte von hier, wenn ich mich nicht irre. Ich beeilte mich, an ihm vorüber zu kommen, aber er hat mich doch gesehen. Sie wußten es nicht? In dem Fall bin ich sehr froh, daß ich nicht vergessen habe, es Ihnen mitzuteilen. Sehen Sie, solch einer ist am gefährlichsten! wenn der einen Revolver bei sich hat! und zuletzt, die Nacht, die Nässe, die Erregung, und dann – wie ist denn seine Lage jetzt, ha, ha! Was meinen Sie, warum sitzt er da?“

„Er wartet natürlich auf Lisaweta Nicolajewna.“

„So–o! Ja warum sollte sie denn zu ihm hinausgehen? Und ... in diesem Regen ... so ein Esel!“ ...

„Sie wird sogleich zu ihm hinausgehen.“

„Aha! Das ist mir mal eine Neuigkeit! Also ... Aber hören Sie, jetzt hat sich doch Ihre Situation völlig geändert: wozu braucht sie jetzt den Mawrikij? Sie sind doch jetzt ein freier Witwer und können sie doch morgen heiraten? Weiß sie noch nichts? Dann überlassen Sie es mir, ich werde gleich alles in Ordnung bringen. Wo ist sie, man muß ihr doch auch eine Freude machen!“

„Eine Freude?“

„Sie fragen noch! Gehen wir.“

„Und Sie glauben, daß sie vor diesen Leichen nichts errät?“ fragte Stawrogin, indem er ihn mit halb zugekniffenen Augen ansah.

„Natürlich nicht,“ antwortete Pjotr Stepanowitsch, den Dummen spielend, „denn juridisch ... Ach, Sie! Und wenn sie es auch errät! Von den Frauen wird das alles so schnell abgetan! Sie kennen die Frauen noch nicht! Außerdem muß sie Sie doch ganz einfach heiraten, denn sie hat sich doch nun mal kompromittiert, ganz abgesehen davon, daß ich ihr von der ‚Barke‘ schon erzählt habe: und habe gesehen, daß man gerade damit Eindruck auf sie macht – da sieht man gleich, von welchem Kaliber das Mädchen ist. Beruhigen Sie sich, sie wird über diese Leichen so hinwegtreten, wie nichts! Außerdem sind Sie ja doch tatsächlich ganz unschuldig, vollständig unschuldig, nicht wahr? Sie wird die Erinnerung an diese Leichen nur aufbewahren, um Sie vom zweiten Jahre Ihrer Ehe an damit zu peinigen. Jedes Weib, das zum Altar geht, rächt sich so an ihrem Mann, aber was dann sein wird ... was wieder übers Jahr sein wird? Ha, ha, ha!“

„Sie sind mit einer Droschke gekommen? Die Droschke wartet noch? Dann fahren Sie in dieser Droschke mit Lisa zu Mawrikij Nicolajewitsch. Sie hat mir soeben gesagt, daß sie mich nicht lieben kann, daß sie von mir geht, da wird sie selbstverständlich keine Equipage von mir annehmen.“

„Aber was soll denn das bedeuten? Ist das wirklich ihr Ernst? Was hat denn das veranlassen können?“ Pjotr Stepanowitsch sah ihn mit einem recht dummen Gesicht an.

„Sie hat es irgendwie erraten, in dieser Nacht, daß ich sie gar nicht liebe ... was sie natürlich schon immer gewußt hat.“

„Ja, aber wie – lieben Sie sie denn nicht?“ fragte Pjotr Stepanowitsch mit der Miene grenzenlosen Erstaunens. „Aber wenn das so ist, warum haben Sie ihr das dann nicht gestern gleich gesagt, daß Sie sie nicht lieben? Das ist doch eine schreckliche Gemeinheit von Ihnen, und wie stehe ich denn jetzt vor ihr da?“

Stawrogin begann plötzlich zu lachen.

„Ich lache über meinen Affen,“ erklärte er sofort.

„Ah! Sie haben’s durchschaut, daß ich den Bajazzo spiele!“ Pjotr Stepanowitsch lachte sogleich furchtbar lustig mit. „Ich hab’s ja nur getan, um Sie zu amüsieren! Stellen Sie sich vor, ich hab’s doch im Augenblick, wie Sie aus der Tür traten, Ihrem Gesicht angesehen, daß es bei Ihnen ‚Unglück‘ gegeben hat. Vielleicht sogar einen vollständigen Mißerfolg, wie? Nun, ich möchte schwören,“ rief er, sich vor Entzücken fast verschluckend, „daß Sie die ganze Nacht im Saal nebeneinander wie Puppen auf den Stühlen gesessen, über hohe Sachen sich gestritten und so die ganze kostbare Zeit verbracht haben ... Doch, verzeihen Sie, verzeihen Sie, was geht das mich an! Ich wußte ja schon gestern, daß es bei Ihnen mit einer Dummheit enden werde. Ich habe sie Ihnen ja auch überhaupt nur gebracht, um Ihnen ein Vergnügen zu verschaffen, und um Ihnen zu beweisen, daß Sie es mit mir nicht langweilig haben werden! Dreihundertmal kann ich Ihnen noch mit so was dienen! Ich liebe es überhaupt, den Menschen gefällig zu sein. Und wenn Sie sie jetzt also nicht mehr brauchen, worauf ich ja rechnete, dann – nun ja, dann bin ich eben hierhergefahren, um ...“

„So haben Sie sie mir also nur zu meinem Vergnügen gebracht?“

„Wozu denn sonst?“

„Und nicht deshalb, um mich zu zwingen, meine Frau zu ermorden?“

„So–o, ja haben Sie sie denn ermordet? Was für ein tragischer Mensch Sie sind!“

„Gleichviel, Sie haben sie ermordet.“

„Wieso denn ich? Aber ich sage Ihnen doch, ich bin da auch nicht mit einem Tropfen beteiligt. Indessen, Sie fangen an mich zu beunruhigen ...“

„Fahren Sie fort, Sie sagten: ‚Wenn Sie sie also jetzt nicht mehr brauchen, so ...‘“

„So überlassen Sie sie mir, selbstverständlich! Ich werde sie glänzend mit Mawrikij Nicolajewitsch verheiraten, den nicht ich unten am Gartenzaun aufgestellt habe – setzen Sie sich nicht auch das noch in den Kopf! Ich fürchte ihn jetzt sogar. Wahrhaftig, wenn er vorhin einen Revolver gehabt hätte! ... Gut, daß auch ich einen habe! Da ist er –“ (er zog einen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn, steckte ihn aber schnell wieder ein), „ich habe ihn wegen des weiten Weges zu mir gesteckt ... Übrigens, ich werde das alles im Augenblick beilegen: es wird ihr gerade jetzt wegen Mawrikij am Herzchen nagen ... es muß ja so sein ... und wissen Sie, bei Gott, sie tut mir sogar ein wenig leid! Bringe ich sie wieder mit Mawrikij zusammen, so wird sie von Stund an nur an Sie denken, Sie verhimmeln und ihn schelten, – ein Weiberherz! Nun, Sie lachen schon wieder? Es freut mich riesig, daß Sie so heiter geworden sind. Nun, wie – gehen wir? Ich fange sogleich von Mawrikij an, von denen aber ... den Toten ... wissen Sie, sollte man nicht jetzt lieber darüber schweigen? Sie wird es ja später doch erfahren.“

Plötzlich stand Lisa in der Tür.

„Was werde ich erfahren? Wer ist tot? Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch?“

„Ah! Sie haben uns belauscht?“

„Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ist er tot?“

„Ah! so haben Sie doch nichts gehört! Beruhigen Sie sich, Mawrikij Nicolajewitsch lebt und ist gesund, wovon Sie sich schon im Augenblick werden überzeugen können, denn er steht hier unten, am Wege, am Gartenzaun ... und steht dort, glaube ich, die ganze Nacht, durchnäßt, im Mantel ... Ich fuhr an ihm vorüber, er hat mich gesehn.“

„Das ist nicht wahr. Sie sagten ... Wer ist getötet?“

„Ermordet ist nur meine Frau, ihr Bruder Lebädkin und die Aufwärterin,“ sagte Stawrogin mit fester Stimme.

Lisa zuckte zusammen und erbleichte unheimlich.

„Ein ganz sonderbarer Zufall, Lisaweta Nicolajewna, der dümmste Fall von einem Raubmord,“ trommelte sofort wieder Pjotr Stepanowitsch los – „ein Räuber, der den Brand benutzen wollte: der Dummkopf Lebädkin hatte allzu offen sein Geld gezeigt ... das benutzte dann Fedjka, ein entsprungener Zuchthäusler – Sie werden von ihm gehört haben ... Ich bin sofort hierher geeilt ... ich war wie von einem Stein getroffen, wie Sie sich denken können, und Stawrogin war denn auch so erschüttert, als ich ihm das Geschehene mitteilte. Wir berieten uns gerade: ob man es Ihnen jetzt gleich sagen sollte oder noch nicht?“

„Nicolai Wszewolodowitsch, sagt er die Wahrheit?“ brachte Lisa kaum hörbar hervor.

„Nein, er sagt die Unwahrheit.“

„Wie, die Unwahrheit?“ fuhr Pjotr Stepanowitsch erschrocken auf. „Was soll denn das wieder heißen?“

„Mein Gott, ich verliere den Verstand!“ schrie Lisa auf.

„Bedenken Sie doch, daß der Mensch ja wahnsinnig ist!“ suchte Pjotr Stepanowitsch alles zu überschreien, „denn immerhin, es ist doch nun mal seine Frau, die man erschlagen hat! Sehen Sie doch, wie bleich er ist ... Er war doch die ganze Nacht mit Ihnen zusammen, hat Sie nicht auf eine Minute verlassen, da kann er es doch nicht getan haben, wer wird denn ihn verdächtigen?!“

„Nicolai Wszewolodowitsch, sagen Sie mir wie vor Gott, ob Sie schuld sind oder nicht, und ich schwöre Ihnen, ich werde Ihrem Wort glauben, wie dem Worte Gottes, und bis ans Ende der Welt werde ich Ihnen folgen, oh, ich folge! Ich folge wie ein Hündchen ...“

„Was quälen Sie sie, warum, wozu, Sie phantastischer Kopf!“ rief Pjotr Stepanowitsch wütend. „Lisaweta Nicolajewna, hören Sie mich an, Wort für Wort: er ist unschuldig, im Gegenteil, er ist wie vernichtet, er ist krank und phantasiert, Sie sehen es doch! In nichts, in nichts ist er schuldig! Das haben Raubmörder getan, denen man vielleicht schon morgen auf der Spur sein wird! Das hat Fedjka, der Zuchthäusler, getan, und noch einige aus der Spigulinschen Fabrik, die ganze Stadt spricht schon davon, deshalb bin ich ...“

„Ist es so? Ist es so?“ Am ganzen Körper zitternd erwartete Lisa ihren Urteilsspruch.

„Ich habe nicht gemordet und ich war dagegen, aber ich wußte, daß man sie umbringen werde und habe nichts getan, um den Mord zu verhindern. Gehen Sie von mir, Lisa,“ murmelte Stawrogin und ging in den Saal.

Lisa bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging hinaus aus dem Hause. Pjotr Stepanowitsch wollte ihr schon nachstürzen, kehrte aber sofort um und ging in den Saal zu Stawrogin.

„Also so sind Sie? So sind Sie? Also nichts fürchten Sie?“ stieß er, wie irrsinnig vor Wut, unzusammenhängend, mit Schaum vor dem Munde, hervor.

Stawrogin stand in der Mitte des Saales und erwiderte kein Wort. Er griff mit der linken Hand in sein Haar und lächelte blicklos. Pjotr Stepanowitsch riß ihn heftig am Ärmel.

„Jetzt sind Sie verloren! Was? Also darauf haben Sie es angelegt? Alle geben Sie preis! Und selbst gehen Sie ins Kloster oder zum Teufel! Aber ich werde Ihnen ja doch den Garaus machen, auch wenn Sie mich nicht fürchten sollten!“

„Ach, Sie sind es, der hier plappert?“ Stawrogin bemerkte ihn jetzt erst. Und plötzlich, wie erwachend, rief er: „Laufen Sie, laufen Sie ihr nach, befehlen Sie einen Wagen, verlassen Sie sie nicht ... Laufen Sie, laufen Sie doch! Bringen Sie sie nach Haus, damit es niemand weiß, und sie nicht dorthin geht ... zu den Leichen ... den Leichen ... Setzen Sie sie mit Gewalt in die Equipage ... Alexei Jegorytsch! Alexei Jegorytsch!“

„Still, schreien Sie nicht! Sie ist jetzt schon in Mawrikijs Armen ... Mawrikij wird sich nicht in Ihre Equipage setzen. Bleiben Sie! Das hier ist wichtiger, als die Equipage!“

Er riß wieder den Revolver hervor. Stawrogin sah ihn ernst an.

„Nun was, erschießen Sie mich,“ sagte er leise, beinahe versöhnlich.

„Pfui Teufel, welch eine Lüge der Mensch auf sich laden kann!“ Pjotr Stepanowitsch erzitterte förmlich. „Bei Gott, ja, man sollte Sie totschlagen! Wahrlich, sie mußte ja einfach auf Sie spucken! ... Was können Sie denn noch für eine tragende Barke sein, Sie alter, morscher, hölzerner Kahn, der nur noch zum Abbruch taugt! ... Nun, wenn Sie sich doch wenigstens aus Bosheit, aus Bosheit jetzt aufrafften! Ach! So ist Ihnen wohl schon alles gleich, wenn Sie bereits selber um eine Kugel in Ihre Stirn bitten?“

Stawrogin lächelte sonderbar.

„Wenn Sie nicht solch ein Narr wären, so würde ich jetzt vielleicht ‚ja‘ sagen ... Wenn Sie nur ein bißchen klüger wären ...“

„Gut, mag ich ein Narr sein, aber ich will nicht, daß Sie, meine wichtigere Hälfte, auch ein Narr sind! Verstehen Sie mich?“

Stawrogin verstand ihn, vielleicht konnte nur er allein ihn verstehen. War doch Schatoff erstaunt gewesen, als Stawrogin ihm gesagt hatte, daß in Pjotr Stepanowitsch Enthusiasmus sei.

„Gehen Sie jetzt zum Teufel, morgen werde ich vielleicht irgend was aus mir herausbringen. Kommen Sie morgen wieder.“

„Ja? Ja?“

„Was kann ich wissen! ... Gehen Sie zum Teufel, zum Teufel!“

Und er verließ den Saal.

„Wer weiß, vielleicht ist es auch besser so,“ murmelte Pjotr Stepanowitsch und steckte den Revolver wieder ein.

III.

Er eilte hinaus, um Lisaweta Nicolajewna einzuholen. Sie war noch nicht weit gekommen: – ein paar Schritte vom Hause entfernt, erreichte er sie. Alexei Jegorytsch, der ihr im Frack und ohne Hut, in einem Abstande von einem Schritt, in ehrerbietiger Haltung folgte, suchte sie zurückzuhalten: er sprach auf sie ein und suchte ihr vergeblich klar zu machen, daß sie doch auf die Equipage warten müsse; der Alte war dabei dem Weinen nahe.

„Mach dich fort, der Herr wünscht Tee,“ damit schob Pjotr Stepanowitsch den Alten beiseite und legte Lisaweta Nicolajewnas Hand auf seinen Arm.

Sie zog die Hand nicht fort: offenbar war sie noch gar nicht bei voller Besinnung.

„Erstens müssen Sie nicht dahin, nicht am Park vorüber,“ begann Pjotr Stepanowitsch, „sondern hierher. Zweitens können Sie unmöglich zu Fuß gehen, denn bis zu Ihnen sind es gute drei Werst, und Sie sind nur in einem leichten Kleide. Wenn Sie nur ein wenig warten wollten. Ich bin in einer Droschke gekommen und die wartet noch auf mich. Ich werde Sie sofort hineinsetzen und dann so zurückbringen, daß niemand Sie sieht.“

„Wie gut Sie sind ...“ sagte Lisa freundlich.

„Aber ich bitte Sie, in einem solchen Fall würde doch jeder humane Mensch an meiner Stelle ebenso ... –“

Lisa sah ihn an und war verwundert.

„Ach, mein Gott, und ich dachte, daß immer noch der Alte ...“

„Hören Sie mal, es freut mich sehr, daß Sie es so ruhig auffassen, denn alles das ist doch ein fürchterliches Vorurteil. Wäre es also nicht das Vernünftigste, ich befehle dem Alten, sofort die Equipage anspannen zu lassen? Das dauert höchstens zehn Minuten, und wir gehen so lange auf die Treppe zurück und warten, wie?“

„Ich möchte zuerst ... wo sind die Ermordeten?“

„Natürlich! Das befürchtete ich ja! Nein, die lassen wir hübsch beiseite. Und das ist auch nichts für Sie!“

„Ich weiß, wo sie sind, ich kenne das Haus.“

„Nun, was, was wissen Sie? Ich bitte Sie, jetzt im Regen, im Nebel (da habe ich mir eine schöne Verpflichtung aufgeladen!) ... Hören Sie, Lisaweta Nicolajewna, entweder oder: Sie können mit mir auf die Droschke warten und gehen jetzt keinen Schritt weiter, oder aber, wenn Sie noch zwanzig Schritte weiter gehen, so erblickt uns Mawrikij Nicolajewitsch.“

„Mawrikij Nicolajewitsch! Wo? Wo?“

„Nun, wenn Sie zu ihm gehen wollen, so kann ich Sie meinethalben noch ein Stückchen begleiten und Ihnen zeigen, wo er steht. Ich selbst aber mache dann meinen ergebensten Diener: ich möchte jetzt nicht mit ihm sprechen.“

„Er wartet auf mich, mein Gott!“ Sie blieb plötzlich stehen und wurde über und über rot. –

„Nun, was soll das! Wenn er ein Mensch ohne Vorurteile ist! Wissen Sie, Lisaweta Nicolajewna, das ist ja alles nicht mehr meine Sache, – ich bin ja ganz unbeteiligt dabei, das wissen Sie selbst. Aber ich will doch Ihr Bestes ... Wenn es mit unserer ‚Barke‘ nun einmal nichts ist, wenn es sich herausgestellt hat, daß sie nur ein alter, verfaulter Kahn war, der nur noch zum Abbruch taugt ...“

„Ach, wunderbar!“ Lisa lachte hysterisch auf.

„Ja, wunderbar, aber dabei fließen Ihnen die Tränen über die Wangen. Da ist mehr Festigkeit nötig. Die Frau soll den Männern nicht nachstehen. In unserer Zeit, wenn die Frau ... pfui, zum Teufel!“ (Pjotr Stepanowitsch hätte beinahe ausgespuckt.) „Und die Hauptsache, nichts bedauern: vielleicht wird sich alles noch zum besten kehren. Mawrikij Nicolajewitsch ist ein Mensch ... mit einem Wort, ein gefühlvoller Mensch, wenn auch nicht gesprächig, was übrigens nichts auf sich hat, vorausgesetzt, daß er nur ein vorurteilsfreier Mensch ist ...“

„Wunderbar, wunderbar,“ lachte Lisa immer noch.

„Ach nun, zum Teufel ... Lisaweta Nicolajewna,“ sagte Pjotr Stepanowitsch plötzlich pikiert, „ich rede doch nur in Ihrem Interesse ... denn was geht das schließlich mich an? Ich war Ihnen gestern zu Diensten, habe getan, was Sie selbst wollten, und heute ... Nun sehen Sie, von hier sieht man schon Mawrikij Nicolajewitsch! Dort steht er und sieht uns nicht. Haben Sie ‚Polinka Sachs‘ gelesen, Lisaweta Nicolajewna?“ – „Was ist das?“

„Das ist eine Erzählung. Ich habe Sie als Student mal gelesen ... Da läßt ein Mann seine Frau auf der Villa wegen Untreue verhaften ...[53] Ah, nun, zum Teufel damit! Sie werden sehen, daß Mawrikij Nicolajewitsch Ihnen, noch bevor Sie zu Hause ankommen, einen Heiratsantrag macht. Er sieht uns noch immer nicht.“

„Ach, möge er uns auch nicht sehen!“ rief Lisa plötzlich in großer Angst. – „Gehen wir fort, fort! In den Wald, aufs Feld!“ Und sie lief zurück.

„Aber Lisaweta Nicolajewna, das ist doch so kleinmütig!“ rief Pjotr Stepanowitsch hinter ihr drein. „Und warum wollen Sie denn nicht, daß er Sie sieht? Im Gegenteil, blicken Sie ihm offen und stolz in die Augen ... Wenn Sie etwa deswegen ... ich meine, wegen der ... Jungfernschaft ... so ist das doch das größte Vorurteil von allen, ist doch eine solche Rückständigkeit ... Aber wohin gehen Sie denn, wohin? Teufel, da läuft sie nun ... Kehren wir doch lieber zu Stawrogin zurück! Nehmen wir meine Droschke! ... Wohin laufen Sie? Dort ist das Feld, und ... So! – da ist sie nun gefallen!“

Er blieb stehen. Lisa war wie ein Vogel davongeflogen, ohne zu wissen, wohin. Pjotr Stepanowitsch war schon auf fünfzig Schritt zurückgeblieben. Da stolperte sie über einen kleinen Erdhügel und fiel.

Im selben Augenblick hörte man einen kurzen Schrei: das war Mawrikij Nicolajewitsch, der sie jetzt plötzlich erblickt und fallen gesehen hatte, und im Augenblick schon quer über das Feld zu ihr lief.

Pjotr Stepanowitsch stand im Nu hinter dem Parktor und zog sich dann schleunigst zurück, um sich ohne Zeitverlust in seine Droschke zu setzen.

Mawrikij Nicolajewitsch aber stand schon, angstvoll erschrocken, neben Lisa, half ihr aufstehen und hielt, über sie gebeugt, ihre Hand in seinen Händen. Das Unglaubliche, Unmögliche, das in dieser Begegnung lag, erschütterte ihn so, daß ihm Tränen über das Gesicht rannen. Er hatte sie erblickt, wie sie, die er so andächtig verehrte, wie wahnsinnig über das Feld lief, und das zu dieser Stunde, bei solchem Wetter, im Kleide, im zarten Kleide von gestern, das jetzt zerdrückt und vom Fall beschmutzt an ihr herabhing ... Er konnte kein Wort hervorbringen, nahm hastig seinen Mantel ab und bedeckte mit zitternden Händen ihre Schultern. Plötzlich schrie er auf: er hatte gefühlt, wie sie mit ihren Lippen seine Hand berührte.

„Lisa!“ rief er aus, „ich verstehe nichts, aber stoßen Sie mich nicht von sich!“

„Oh, ja, gehen wir schnell von hier weg, verlassen Sie mich nicht!“ und sie zog ihn an der Hand mit sich fort.

„Mawrikij Nicolajewitsch,“ erschreckt senkte sie die Stimme, „dort tat ich die ganze Zeit sehr tapfer, aber hier fürchte ich den Tod. Ich werde sterben, ich werde bald sterben, aber ich fürchte mich zu sterben,“ flüsterte sie, und preßte krampfhaft seine Hand.

„Oh, wenn doch irgend jemand! ...“ er blickte sich in Verzweiflung um. „Wenn doch ein Vorüberfahrender! Ihre Füße werden naß, Sie ... werden den Verstand verlieren!“

„Tut nichts, tut nichts,“ beruhigte sie ihn, „mit Ihnen zusammen fürchte ich mich weniger, halten Sie mich an der Hand, führen Sie mich ... Wohin gehen wir jetzt? Nach Hause? Nein, ich will zuerst die Leichen sehn! Die Menschen sagen, daß man seine Frau ermordet hat, er aber sagt, er habe sie selbst ermordet; aber das ist doch nicht wahr, das ist doch nicht wahr? Ich möchte selbst die Ermordeten sehen ... die für mich ... ihretwegen hat er diese Nacht aufgehört, mich zu lieben ... Ich werde sie sehen und alles erfahren. Schnell, schnell, ich kenne dieses Haus ... es hat dort gebrannt ... Mawrikij Nicolajewitsch, mein Freund, verzeihen Sie mir Ehrlosen nicht! Warum mir verzeihen? – Warum weinen Sie? Geben Sie mir eine Ohrfeige und schlagen Sie mich tot hier auf dem Felde, wie einen Hund!“

„Niemand ist jetzt Ihr Richter,“ sagte Mawrikij Nicolajewitsch fest, „möge Gott Ihnen verzeihen, am wenigsten von allen aber bin ich Ihr Richter!“

Doch sonderbar wäre es, wollte man ihr Gespräch wiedergeben. Dabei gingen sie weiter, Hand in Hand, schnell und eilig, wie Halbwahnsinnige – gerade in der Richtung zur Brandstätte.

Mawrikij Nicolajewitsch hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, irgendwo einen Wagen anzutreffen, aber ringsum blieb alles still und leer. Ein feiner, dünner Nebelregen verschleierte die ganze Landschaft. Jedes Licht und jede Farbe sog er auf und verwandelte Nähe und Ferne, Himmel und Erde unterschiedslos in eine einzige rauchige, bleierne Masse. Es war schon längst Tag und doch schien es noch nicht hell geworden zu sein. Und plötzlich tauchte aus diesem rauchigen, kalten Nebel eine Gestalt auf und kam den beiden entgegen, eine eigentümliche, seltsame Figur.

Ich glaube, ich hätte meinen Augen nicht getraut, wenn ich an Lisaweta Nicolajewnas Stelle gewesen wäre; sie aber, im Gegenteil, sie schrie freudig auf und erkannte den Menschen sofort: Es war Stepan Trophimowitsch.

Auf welche Weise er aus dem Hause gekommen war, wie er den Gedanken der Flucht, diese erklügelte Idee, verwirklicht hatte – davon später.

Er wird wohl schon an diesem Morgen Fieber gehabt haben, aber selbst die Krankheit, von der er übrigens selber vielleicht nichts gemerkt hat, vermochte ihn nicht zurückzuhalten. Tapfer stapfte er auf dem vom Regen aufgeweichten Wege darauf los. Offenbar hatte er bei seinem Unternehmen möglichst allein sein wollen, trotz seiner ganzen Lebensunerfahrenheit.

Angezogen war er reisemäßig, das heißt, er hatte einen Mantel an, der von einem breiten lackledernen Gurt zusammengehalten wurde. Die Beinkleider staken in hohen, glänzenden Stiefelschäften, in denen er noch nicht recht zu gehen verstand. Augenscheinlich war alles neu und erst in diesen Tagen angeschafft. Ein Hut mit breitem Rand, ein wollener, fest um den Hals geschlungener Schal, ein Stock in der rechten Hand und in der Linken ein kleiner, aber sehr fest vollgestopfter Reisesack, vollendeten sein Kostüm. In derselben rechten Hand hielt er dann noch einen aufgespannten Regenschirm. Diese drei Gegenstände zu schleppen, den Regenschirm, den Stock und den Handkoffer, war ihm schon in der ersten Stunde recht unbequem, in der zweiten aber bereits furchtbar schwer.

„Sind Sie das wirklich?“ rief Lisa, und betrachtete ihn mit einem traurigen Erstaunen, nachdem der erste Ausbruch ihrer unbewußten Freude vorüber war.

Lise!“ fuhr Stepan Trophimowitsch auf. „Chère, chère, sind Sie es wirklich ... in diesem Nebel? Sehen Sie, das Morgenrot! Vous êtes malheureuse, n’est-ce pas?[191] Ich sehe, ich sehe schon, erzählen Sie nichts und fragen Sie auch mich nicht. Nous sommes tous malheureux, mais il faut les pardonner tous. Pardonnons, Lise,[192] und wir werden frei sein auf ewig. Um sich von der Welt zu lösen und vollständig frei zu werden – il faut pardonner, pardonner et pardonner!“[193]

„Aber warum knien Sie denn vor mir nieder?“

„Weil ich, indem ich von der Welt Abschied nehme, in Ihrem Bilde von meinem ganzen vergangenen Leben Abschied nehmen will!“ Er weinte und führte ihre beiden Hände an seine verweinten Augen. „Ich knie jetzt vor allem, was in meinem Leben schön war, ich küsse es und danke ihm! Jetzt habe ich mich in zwei Hälften geteilt: dort der Wahnsinnige, der vom Himmel träumte, vingt-deux ans![194] hier der niedergebeugte und verfrorene alte Erzieher ... chez ce marchand, s’il existe pourtant ce marchand[195] ... Aber wie Sie durchnäßt sind, Lise!“ rief er plötzlich, wieder aufstehend, denn er fühlte, daß auch seine Knie auf der feuchten Erde naß geworden waren. „Und wie ist das möglich, Sie in diesem Kleide? ... und zu Fuß, und auf freiem Felde ... Sie weinen? Vous êtes malheureuse? Ja richtig, ich habe doch etwas gehört ... Aber woher kommen Sie denn?“ verdoppelte er seine Fragen, mit tiefer Verwunderung Mawrikij Nicolajewitsch ansehend, „mais savez-vous l’heure qu’il est?“[196]

„Stepan Trophimowitsch, haben Sie dort etwas von Ermordeten gehört ... Ist es wahr? Ist es wahr?“

„Diese Menschen! Ich sah den Feuerschein ihrer Taten die ganze Nacht am Himmel. Sie konnten ja gar nicht anders enden!“ (Seine Augen flammten wieder auf.) „Ich laufe aus dem Dunst eines Fiebertraumes, laufe und suche Rußland, – existe-t-elle la Russie? Bah, c’est vous, cher capitaine![197] Niemals habe ich daran gezweifelt, daß ich Sie bei einem großen Ereignis treffen würde. ... Nehmen Sie aber wenigstens meinen Schirm! Und – warum denn gerade zu Fuß? Um Gottes willen, nehmen Sie doch wenigstens meinen Schirm, denn ich werde sowieso irgendwo ein Fuhrwerk mieten. Sehen Sie, ich bin darum zu Fuß, weil Stasie“ (das heißt: Nastassja) „es sonst durch die ganze Stadt geschrien hätte, daß ich fortfahre! So bin ich möglichst inkognito entschlüpft. Ich weiß nicht, in der Zeitung schreibt man jetzt von Mord und Totschlag auf den Landstraßen – aber es kann doch nicht sein, denke ich, daß mich Räuber überfallen? Chère Lise, sagten Sie nicht, man hätte jemand ermordet? Oh, mon Dieu,[198] wie sehen Sie aus?“

„Gehen wir, gehen wir!“ rief Lisa wieder hysterisch weinend, und zog Mawrikij Nicolajewitsch mit sich fort. „Warten Sie, Stepan Trophimowitsch,“ sie kehrte plötzlich zu ihm zurück, „warten Sie, lieber Armer, ich werde Sie segnen. Vielleicht wäre es besser, Sie zu binden, aber ich segne Sie lieber. Beten auch Sie für die ‚arme‘ Lisa – so, ein wenig, ohne sich zu sehr anzustrengen, ja? Mawrikij Nicolajewitsch, geben Sie diesem Kinde seinen Schirm wieder, geben Sie unbedingt, unbedingt! So ... Gehen wir, gehen wir!“

Sie langten vor dem verhängnisvollen Hause gerade in dem Augenblicke an, als die Volksmenge, die sich dort angesammelt hatte, davon sprach, wie vorteilhaft es für Stawrogin doch sei, daß man „seine Frau“ ermordet hatte. Einige waren sehr erregt. Andere hörten schweigend zu. Am lebhaftesten ging es wie gewöhnlich unter den Angetrunkenen her: Schreihälse, Leute aller Art standen in Gruppen zusammen und erörterten heftig gestikulierend das Geschehene. Besonders fiel mir wieder jener Kleinbürger auf, der Schmied, den man sonst als stillen Menschen kannte, der aber, wenn ihn etwas seelisch aus dem Gleichgewicht brachte, dann plötzlich aus Rand und Band geraten konnte.

Ich habe davon, was jetzt geschah, nicht alles gesehen: zu oft schob sich die Menge vor.

Zuerst erblickte ich Lisa, plötzlich mitten im dichtesten Haufen, und ich erstarrte vor Schreck. Mawrikij Nicolajewitsch sah ich dagegen nicht, wahrscheinlich war er im Gedränge von ihr abgekommen, vielleicht nur auf ein paar Schritte. Natürlich mußte Lisa, die sich wie eine Irrsinnige durch die Menge drängte, allen auffallen, alle erregen.

„Da ist die Stawroginsche!“ rief mit einemmal jemand.

„Sie morden nicht nur, sie wollen sich die Bescherung auch noch ansehen!“ rief ein anderer.

In diesem Augenblick sah ich, wie über ihrem Haupte eine Hand sich erhob und auf sie niederschlug.

Lisa stürzte zu Boden.

Hinter ihr ertönte ein wilder Schrei und Mawrikij Nicolajewitsch suchte sich mit aller Kraft zu ihr Bahn zu brechen und riß und stieß den Menschen, der ihm im Wege stand. Da wurde auch er schon von eben jenem Kleinbürger gepackt und zu Boden geworfen. Für einen Augenblick verschwamm alles im Gewühl. Einmal sah ich auch Lisa wieder: sie hatte sich erhoben, aber da traf sie schon ein zweiter, noch furchtbarerer Schlag. Ich konnte nichts mehr sehen. Da drängte aber die Menge schon zurück, es bildete sich ein leerer Kreis um die wie tot Daliegende: über sie gebeugt sah ich Mawrikij Nicolajewitsch, blutüberströmt, wimmernd vor Schmerz und verzweifelnd die Hände ringend. Ich weiß nicht mehr, was weiter geschah. Aber ich erinnere mich noch, wie ich plötzlich sah, daß man Lisa davontrug: man sagte, sie lebte noch.

Der Schmied und noch drei andere wurden verhaftet. Vor Gericht erklärten sie später, daß sie selbst nicht wüßten, wie es eigentlich geschehen war. Auch ich war als Zeuge geladen und auch ich konnte nichts anderes aussagen, als daß es sich meiner Meinung nach um eine jähe, blinde und gleichsam zufällige Tat der Menge gehandelt hatte, um eine fast unbeabsichtigte, ja fast sogar unbewußte Tat, bei der es Schuldige eigentlich nicht gab. Das ist auch jetzt noch meine Meinung.