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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 117: I.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Zwanzigstes Kapitel.
Die Reisende

I.

Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf Schatoff einen erschütternden und niederdrückenden Eindruck gemacht. Als ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstört. Später ging er zur Mordstätte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich weiß, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrückte, desto mehr quälte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon aufstehen wollte, hingehen und – alles sagen. Was dieses „Alles“ war, das wußte er freilich selbst nicht genau. Beweise besaß er keine; er hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen Überzeugung genügten. Er hätte schließlich bloß sich selbst angegeben als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wäre er bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese „Schurken“ – so lautete sein eigener Ausdruck – mitgerissen hätte!

Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und genau gewußt, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein Selbstvertrauen und seine höhnische Verachtung für „diese Leutchen“ zu dem Aufschub bestimmt. Er würde mit diesem unschlauen Schatoff schon fertig werden, sagte er sich: er würde ihn einfach diesen ganzen Tag über bewachen lassen und, wenn es not tat, auch früher schon entscheidend eingreifen.

Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen hätte voraussehen können.

Gegen acht Uhr abends – gerade als die Unsrigen sich bei Erkel versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich ärgerten und aufregten – lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er quälte sich, entschloß sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgültig entschließen: fühlte vielmehr fluchend, daß das doch alles zu nichts führen werde.

Allmählich schlief er ein. Ihm träumte, daß er in seinem Bett mit Schnüren gebunden sei und sich nicht bewegen könne, indes durch das ganze Haus furchtbare Schläge hallten, Schläge an den Zaun, an die Hoftür, an die Wand des Flügels, in dem Kirilloff wohnte –, so daß das ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, während zugleich eine ferne, bekannte, aber ihn quälende Stimme klagend seinen Namen rief.

Plötzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung dauerten die Schläge an die Hoftür immer noch fort, und wenn sie auch längst nicht mehr so überlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare quälende Stimme fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt.

Dazwischen hörte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere Stimme.

Er sprang erschrocken sofort auf, öffnete das Klappfenster und steckte den Kopf hinaus.

„Wer da?“ rief er hinunter.

„Wenn Sie Schatoff sind,“ klang in einem eigentümlich stolzen Ton von unten eine Frauenstimme zurück, „so haben Sie die Güte, offen und ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht?“

Er hatte diese Stimme erkannt.

„Marie! ... Bist du es?“

„Ja, gewiß bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke hier und kann nicht länger –“

„Sofort ... ich will nur das Licht ...“ Schatoff sprang eilig und aufgeregt zurück, begann mit zitternden Händen die Streichhölzer zu suchen, die sich aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, nicht finden ließen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten wieder die ungeduldige Stimme erklang, ließ er schließlich alles liegen und stürzte Hals über Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte zu öffnen.

„Haben Sie die Güte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen Mann hier bezahle,“ empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag. Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher.

„Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang durch diese schmutzigen Straßen gefahren haben, so sind Sie daran schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewußt, wo diese verdrehte Straße eigentlich ist. Bitte die dreißig Kopeken zu nehmen und mir zu glauben, daß Sie weiter nichts erhalten werden.“

„Ach, Fräuleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die Wosnessensksche Straße befohlen, und diese hier ist die Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben bloß meinen Wallach unnütz in Schweiß gebracht.“

„Wosnessensksche, Bogojawlensksche, – das müssen Sie als Einwohner besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie wüßten, wo das sei.“

„Hier, hier sind noch fünf Kopeken,“ damit zog Schatoff sein letztes Geldstück aus der Westentasche.

„Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen!“ fuhr Frau Schatowa auf, doch der Kutscher setzte schon seinen „Wallach“ in Bewegung, und Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und führte sie in den finsteren Flur.

„Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und ... Wie du naß geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf – wie schade, daß ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt’ dich am Geländer ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, daß ich kein Licht ... Ich werde sofort ...“

Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen.

„Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie!“ rief er schließlich freudig und zündete das Licht an.

Marja Schatowa sah sich flüchtig im Zimmer um.

„Man hat mir zwar schon gesagt, daß Sie in einem entsetzlichen Zimmer wohnen, aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so wäre,“ sagte sie launisch und ging zum Bett. „Ach, ich bin müde!“ und sie sank kraftlos auf das harte Lager. „Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lästig falle, so haben Sie die Güte und sagen Sie’s bitte gleich! Ich werde morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein Zimmer nehmen zu können ... Ach, nur müde bin ich jetzt!“

Schatoff erbebte am ganzen Körper.

„Wozu, Marie, das ist doch nicht nötig, nicht nötig, du brauchst nicht ins Gasthaus zu gehen! Was für ein Gasthaus überhaupt? Warum das, wozu?“ und flehend faltete er die Hände.

„Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen – aber man muß trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, daß wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor – nun sind es schon drei Jahre, daß wir auseinandergegangen sind, übrigens ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, daß ich gekommen bin, um irgendeine der früheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur zurückgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist. Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie nur das nicht!“

„Oh, Marie! Das ist doch alles unnötig, gar nicht nötig!“ stammelte Schatoff undeutlich.

„Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, daß Sie das verstehen können, so will ich mir erlauben hinzuzufügen, daß ich, wenn ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe, weil ich Sie für keinen – gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht sogar für einen viel besseren, als die anderen – Schurken alle!“

Ihre Augen blitzten auf. Sie mußte wohl viel von irgendwelchen „Schurken“ erlitten haben!

„Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa über Sie lustig machen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie gut sind. Ich habe es offen gesagt und Schönrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, daß Sie vernünftig genug sein würden, um nicht lästig zu werden ... Ach, genug, nur müde bin ich!“

Und sie sah ihn mit langem, gequältem, müdem Blick an. Schatoff stand vor ihr, fünf Schritte weit, und hörte scheu, aber gleichsam erneut, mit einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke und rauhe Mensch, der immer wie mit gesträubtem Fell wirkte, wie ein Rühr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde plötzlich ganz weich und wie von innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz Ungewöhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in seinem Herzen nichts zerstört. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm gesagt, daß es ihn „liebe“. Für Schatoff hatte das eine Welt bedeutet: für ihn, der sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte, daß ihm je irgendein Weib sagen könnte, es „liebe“ ihn. Er war keusch und schamhaft bis zur Wildheit, hielt sich für eine Mißgeburt, haßte sein Gesicht und seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man eigentlich nur auf Jahrmärkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb gab es für ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jähzornigen und schweigsamen Art seinen Überzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte – daran glaubte er immer, immer, – dieses Wesen, das er so maßlos hoch über sich stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nüchtern über sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh (das stand für ihn einfach außer Frage, ja eher kam es bei ihm noch umgekehrt heraus: daß er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun stand diese Frau, diese Marja Schatowa plötzlich wieder vor ihm, er sah sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmöglich, das zu fassen! So überrascht war er, und es lag für ihn in diesem Ereignis so viel von etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glück, daß er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit diesem gequälten Blick ansah, da begriff er plötzlich, daß dieses einzige geliebte Geschöpf unsäglich gelitten haben mußte. Bei diesem Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie an: in diesem müden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon erloschen. Sie war gewiß immer noch schön – in seinen Augen immer noch wie früher eine Schönheit. (In Wirklichkeit war sie fünfundzwanzig Jahre alt, ziemlich stark gebaut, über mittelgroß – größer als Schatoff –, mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und großen dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die leichtsinnige, naive und gutmütige frühere Energie, die ihr großer Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mürrische Reizbarkeit, Enttäuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewöhnt zu haben schien und der sie selbst sogar quälen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, daß sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er plötzlich zu ihr und erfaßte ihre beiden Hände:

„Marie ... weißt du ... du bist vielleicht sehr müde, um Gottes willen, sei nicht böse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur wolltest –?“

„Was ist hier zu wollen? Natürlich will ich! was Sie noch immer noch für ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!“

„Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich!“ Schatoff ging hin und her, „– Holz – ja, aber ... das heißt ... übrigens auch Tee, sofort!“ Und plötzlich, wie nach einem harten Entschluß, schlug er mit der Hand und ergriff seine Mütze.

„Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?“

„Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ...“

Er nahm seinen Revolver vom Bücherbrett.

„Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ...“

„Was für Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, – alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt.“

„Nicht nötig, nicht nötig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick ... ich werde ohne Revolver ...“

Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie, und auch wenn sie sich zufällig einmal trafen, so grüßten sie sich weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in Amerika nebeneinander „auf dem Fußboden gelegen“.

„Kirilloff, Sie haben immer Tee: können Sie mir Tee und einen Samowar geben?“

Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewöhnlich die ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb plötzlich stehen und sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich dieser ganz unerwartet hereingestürzt war.

„Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht nötig, der Tee ist heiß. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach.“

„Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den Samowar.“

„Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar später. Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Heiß, ganz heiß. Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel.“

„Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff!“

„Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, daß Sie zu mir gekommen sind, ist auch gut.“

„Kirilloff!“ rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die Hände Zucker und Brot: „Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn lassen könnten ... was würden Sie dann für ein Mensch sein, Kirilloff!“

„Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird heiß sein. Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und werde an Sie und Ihre Frau denken.“

Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch trank sie nur eine halbe Tasse, und aß nur ein kleines Stückchen vom Brot. Für den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit gereizter Launenhaftigkeit.

„Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ...“ bemerkte Schatoff schüchtern; scheu bemüht, ihr zu dienen.

„Natürlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee hergenommen, da Sie keinen hatten?“

Schatoff erzählte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges gehört.

„Ich weiß, daß er verrückt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht genug Toren gäbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehört, Sie haben von dort geschrieben.“

„Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben.“

„Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus Überzeugung Slawophile?“

„Ich ... das heißt, nicht daß ich gerade ... Infolge der Unmöglichkeit, Russe zu sein, bin ich Slawophile geworden,“ sagte er, gezwungen lächelnd, mit der Schwerfälligkeit eines Menschen, der zur unrechten Zeit und nur mit genauer Not einen Witz zustande bringt.

„Sie sind nicht Russe?“

„Nein, ich bin nicht Russe.“

„Nun, das sind alles Dummheiten. Setzen Sie sich doch endlich, ich bitte Sie. Was laufen Sie immer hin und her? Sie denken, ich phantasiere? Vielleicht werde ich auch phantasieren. Sie sagen, es gibt hier nur Sie und ihn im Hause?“

„Ja, nur wir zwei ... und unten wohnte ...“

„Und alles solche Kluge! Wer wohnte unten? Sie sagten ‚unten‘?“

„Jetzt nicht mehr ... –“

„Was, ‚jetzt nicht mehr‘? Ich will es wissen.“

„Ich wollte nur sagen, daß jetzt nur wir zwei hier wohnen, unten aber wohnten früher Lebädkins ...“

„Das sind die, die man heute Nacht ermordet hat?“ fuhr sie plötzlich auf. „Ich hörte davon. Wie ich ankam, hörte ich davon. Und dann hat es gebrannt?“

„Ja, Marie, ja, und vielleicht begehe ich eine furchtbare Erbärmlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich diese Schurken ungestraft lasse ...“

Er war aufgestanden und schritt wie ein Verzweifelnder mit erhobenen Armen durch das Zimmer.

Aber Marie verstand ihn nicht ganz. Sie war zu zerstreut. Sie fragte mehr, als daß sie zuhörte.

„Ja, schöne Sachen spielen sich hier bei euch ab. Ach, wie das alles gemein ist! Was für Schurken sie alle sind! Aber so setzen Sie sich doch, ich bitte Sie, endlich einmal! – oh, wie Sie mich reizen!“

Und erschöpft senkte sie den Kopf auf das Kissen.

„Marie, ich werde ja nicht ... Du legst dich vielleicht ein wenig hin, Marie?“

Sie antwortete nicht und schloß nur übermüdet die Augen. Sie schlief fast sofort ein. Ihr bleiches Gesicht sah in diesem Augenblick wie das einer Toten aus. Schatoff sah sich im Zimmer um, setzte das Licht fester in den Leuchter, sah noch einmal unruhig auf ihr Antlitz, preßte fest die Hände vor sich zusammen und ging dann leise auf den Fußspitzen aus dem Zimmer in den Treppenflur. Dort stellte er sich mit dem Gesicht in eine Ecke, stützte die Stirn an die Wand und stand so zehn Minuten lang reglos. Er hätte wohl noch länger so gestanden, doch plötzlich vernahm er unten auf der Treppe leise, vorsichtige Schritte.

Jemand kam die Treppe herauf.

Schatoff erinnerte sich, daß er die Hofpforte zu schließen vergessen hatte.

„Wer da?“ fragte er verhalten.

Der Unbekannte stieg langsam höher, ohne zu antworten. Als er oben angelangt war, blieb er stehen. Ihn zu erkennen war in der Dunkelheit unmöglich. Plötzlich hörte man die vorsichtige Frage:

„Iwan Schatoff?“

Schatoff nannte seinen Namen und streckte schnell den Arm aus, um dem Fremden den Weg zu verlegen; dieser aber griff nach seiner Hand und – in derselben Sekunde fuhr Schatoff zusammen, als hätte er ein Reptil berührt.

„Warten Sie hier,“ flüsterte er schnell, „kommen Sie nicht herein, ich kann Sie jetzt nicht empfangen. Meine Frau ist angekommen. Ich bringe das Licht her.“

Als er mit dem Licht zurückkehrte, sah er einen jungen Fähnrich vor sich stehen, dessen Namen er nicht kannte, dessen Gesicht er aber schon einmal irgendwo gesehen haben mußte.

„Erkel,“ stellte sich der Jüngling vor. „Sie haben mich bei Wirginski gesehen.“

„Ich erinnere mich; Sie saßen und schrieben. Hören Sie,“ brauste Schatoff plötzlich auf, wild und wütend auf den Jungen zuschreitend, wenn er auch die Stimme immer noch dämpfte. „Sie haben beim Händedruck ein Zeichen gemacht. Wissen Sie, daß ich auf alle diese Zeichen einfach spucke! Ich erkenne sie nicht an ... will sie nicht ... Ich könnte Sie gleich die Treppe hinunter werfen, wissen Sie das auch ...!“

„Nein, das weiß ich gar nicht, und ich verstehe auch gar nicht, warum Sie sich so ärgern,“ sagte der Gast ganz ungekränkt und fast gutmütig. „Ich soll Ihnen nur etwas mitteilen, und darum bin ich gleich heute gekommen, um nicht unnütz Zeit zu verlieren. Sie haben eine Druckmaschine, die nicht Ihnen gehört und über deren Verbleib Sie Rechenschaft zu geben verpflichtet sind, wie Sie wohl selbst wissen werden. Man hat mich nun beauftragt, von Ihnen zu verlangen, diese Druckmaschine morgen um Punkt sieben Uhr abends Liputin zu übergeben. Und außerdem hat man mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß man weiter nichts mehr von Ihnen verlangen wird.“

„Nichts mehr? Hat man das ausdrücklich –?“

„Nicht das geringste. Ihre Bitte wird erfüllt und Sie sind von jetzt ab für immer ausgeschlossen. Dieses Ihnen mitzuteilen, hat man mich, wie gesagt, beauftragt.“

„Wer hat Sie beauftragt?“

„Die, die mir das Zeichen mitteilten.“

„Kommen Sie aus dem Auslande?“

„Das ... das kann Ihnen, glaube ich, gleichgültig sein.“

„Eh, zum Teufel! Aber warum sind Sie nicht früher gekommen, wenn Sie beauftragt waren?“

„Ich folgte den Instruktionen und ich war nicht allein.“

„Verstehe, verstehe schon, Sie waren nicht allein. Eh ... Teufel! Aber warum ist denn Liputin nicht selbst gekommen?“

Der Fähnrich überhörte die Frage.

„So werde ich denn morgen um sechs zu Ihnen kommen und wir gehen dann zu Fuß – dorthin. Außer uns dreien wird niemand da sein.“

„Werchowenski auch nicht?“

„Nein. Werchowenski fährt morgen vormittag mit dem Elfuhrzuge fort.“

„Dachte ich es mir doch!“ murmelte Schatoff knirschend und schlug sich mit der Faust aufs Bein. „Er zieht los, die Kanaille!“

Er dachte einen Augenblick erregt nach. Erkel sah ihn aufmerksam an, schwieg und wartete.

„Wie wollen Sie denn die ganze Druckerpresse wegschaffen? So etwas kann man doch nicht einfach ausgraben und in der Hand forttragen.“

„Das ist auch gar nicht nötig. Sie zeigen uns nur die Stelle und wir überzeugen uns, ob sie wirklich dort vergraben ist. Wir wissen doch nur im allgemeinen, wo der Ort ist, aber nicht genau, an welcher Stelle. Haben Sie sonst jemandem die Stelle gezeigt?“

Schatoff sah ihn an.

„Und Sie, Sie, solch ein Knabe, – solch ein dummer kleiner Knabe, – auch Sie sind mit dem Kopf in diese Falle gekrochen, wie ein richtiges Schaf? Aber was! – die brauchen ja gerade solchen Saft! Nun, gehen Sie! E–eeh! dieser Schuft! dieser! – Er hat euch alle betrogen und nun macht er sich selbst aus dem Staube!“

Erkel sah ihn klar und ruhig an, aber als verstehe er ihn nicht ganz.

„Werchowenski geflohen! Also richtig geflohen!“ knirschte Schatoff voll Ingrimm.

„Aber er ist ja noch hier, er ist ja noch gar nicht fortgefahren. Er wird erst morgen fortfahren,“ bemerkte Erkel weich und begütigend. „Ich forderte ihn ausdrücklich auf, als Zeuge bei der Übergabe zugegen zu sein; an ihn ging auch meine ganze Instruktion,“ plauderte er als junger unerfahrener Knabe aus. „Aber er willigte leider nicht ein, und dabei sagte er dann, daß er in diesen Tagen fortfahren müsse.“

Schatoff blickte noch einmal mitleidig auf den naiven armen Jungen und schlug dann mit der Hand, als wollte er sagen: „Lohnt es sich denn überhaupt, daß man sie bedauert?“

„Gut, ich komme,“ sagte er plötzlich kurz, „aber gehen Sie jetzt, marsch!“

„Also ich werde Sie morgen um Punkt sechs abholen,“ sagte Erkel nochmals, grüßte dann höflich und stieg, ohne sich zu beeilen, die Treppe hinunter.

„Kleiner Dummkopf!“ konnte sich Schatoff nicht enthalten, ihm nachzurufen.

„Wie?“ fragte der andere schon von unten zurück.

„Nichts, gehen Sie.“

„Ich dachte, Sie sagten noch etwas.“

II.

Erkel war nur insofern ein „Dummkopf“, als der Hauptverstand in seinem Kopfe fehlte, eben der, auf den es ankommt, sozusagen der Kopf im Kopfe; doch von dem kleinerem dem untergeordneten Verstande hatte er eine ganze Menge, sogar so viel, daß dieser schon an Schlauheit grenzte. Fanatisch, kindlich der „allgemeinen Sache“ ergeben, im Grunde aber nur Pjotr Werchowenski, hatte Erkel den Auftrag nach der Instruktion ausgeführt, die ihm bei der Verteilung der Rollen erteilt worden war. Pjotr Stepanowitsch hatte sich nämlich an jenem Abend, nachdem er ihm die Rolle des Abgesandten zugewiesen, noch die Zeit genommen, ungefähr zehn Minuten mit ihm unbelauscht zu sprechen. Sie waren zu dem Zweck zur Seite getreten. Erkels ganzer Ehrgeiz ging dahin, der „allgemeinen Sache“ zu dienen, und um ihretwillen ordnete er sich blind jedem fremden Willen unter. Da nun aber solche Jünglinge, wie er, sich das Einer-Sache-dienen immer nur in Verbindung mit einer bestimmten Person vorstellen können, die ihrer Meinung nach die Idee dieser Sache repräsentiert, so richtete sich sein Wille schließlich ganz nach dem Pjotr Stepanowitschs. Erkel, der gefühlvolle, freundliche und gute Erkel, war vielleicht der kälteste und gefühlloseste unter den Mördern, mit denen Werchowenski Schatoff umstellt hatte. Ohne jeglichen persönlichen Haß, aber auch ohne mit der Wimper zu zucken, hätte er an dessen Ermordung teilgenommen.

Es war ihm unter anderem anbefohlen worden, bei der Überbringung seiner Botschaft an Schatoff die Umgebung desselben gut zu mustern: als ihn nun Schatoff auf der Treppe empfing und ihm in der Aufregung mitteilte – wahrscheinlich ganz unwillkürlich –, daß seine Frau zurückgekehrt sei, da war Erkels instinktive Schlauheit groß genug, um ihm sofort zu sagen, daß er hier nicht die geringste Neugier weiter zeigen dürfe, während er gleichzeitig blitzschnell begriff, von welcher ungeheuren Bedeutung die Rückkehr dieser Frau für das Gelingen oder Nichtgelingen ihres Vorhabens sein konnte ...

Mit dem letzteren sollte er nur zu recht haben: Marja Ignatjewnas Rückkehr rettete geradezu die „Schurken“, da sie Schatoff von jenen gefährlichen Gedanken ablenkte, und half ihnen noch, sich seiner zu „entledigen“ ... Diese plötzliche Ankunft seiner Frau regte ihn maßlos auf, warf seine Gedanken in ganz neue Gleise und ließ ihn für sich selbst jede Vorsicht vergessen. Ja, gerade der Gedanke an seine eigene Gefahr kam ihm jetzt, wo er mit so ganz anderem beschäftigt war, am allerwenigsten in den Sinn. Im Gegenteil, die Nachricht, daß Werchowenski am nächsten Tage fliehen werde, beruhigte ihn in der Beziehung vollständig. Und an der Richtigkeit dieser Nachricht zweifelte er um so weniger, als sie andererseits seinen Verdacht vollkommen bestätigte.

Nachdem er in das Zimmer zurückgekehrt war, setzte er sich still in eine Ecke, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen. Bittere Gedanken quälten ihn ...

Und plötzlich hob er den Kopf, stand auf und ging auf den Fußspitzen zum Bett, um sie zu sehen.

„Herrgott! Sie wird doch morgen bestimmt erkranken, es hat ja jetzt schon angefangen! Sie hat sich natürlich auf der Reise erkältet. Wie sollte sie auch nicht! – ist sie doch gar nicht mehr an unser rauhes Klima gewöhnt! Und dann die Waggons, dazu noch die dritte Klasse, und draußen Sturm und Regen. Dabei hat sie nur so ein leichtes Mäntelchen an! Und sie sollte ich nun verlassen, so allein hier lassen, ohne jede Hilfe? Und ihr Reisetäschchen, wie leicht und klein das ist, wiegt ja keine zehn Pfund! Die Arme, wie erschöpft sie ist, wie viel sie ertragen hat! Sie ist stolz, darum klagt sie nicht! Aber erbittert, erbittert ist sie! Kommt noch die Krankheit hinzu – selbst ein Engel ist in der Krankheit gereizt! Wie trocken und heiß jetzt ihre Stirn sein muß, was für Schatten unter den Augen liegen und ... und wie schön dieses ovale Gesicht ist und dieses herrliche Haar, wie ...“

Aber er wandte schnell die Augen von ihr, ging eilig in seine Ecke zurück, wie erschrocken schon bei dem bloßen Gedanken, in ihr etwas anderes zu sehen, als ein unglückliches, gequältes Wesen, dem er helfen mußte.

„Was sind das hier für Hoffnungen! Oh, wie niedrig, wie gemein der Mensch doch ist!“

Er setzte sich wieder, vergrub wieder das Gesicht in den Händen und begann zu denken, ließ Erinnerungen an sich vorüberziehen ... und wieder träumte er von Hoffnungen.

„Ach, müde bin ich, müde!“ fiel ihm ihr Ausruf, ihre schwache kranke Stimme ein. „Herrgott! wie sollte ich sie denn jetzt verlassen – achtzig Kopeken ihr ganzes Geld! Gleich hielt sie ihr Beutelchen hin, wie klein, wie alt es war! ... Ist hergekommen, um zu arbeiten, zu verdienen, eine Stelle zu suchen – was weiß sie denn von Stellen, was weiß sie denn von Rußland! Das ist doch alles wie bei störrischen kleinen Kindchen, alles eigene Phantasie, alles frei erdacht; und nun ärgert sie sich, die Arme, warum Rußland nicht ihren ausländischen Illusionen gleicht! Oh, ihr Unglücklichen, oh, ihr Unschuldigen! ... Aber hier ist es wirklich kalt ...“

Und er erinnerte sich plötzlich, daß sie über Kälte geklagt und er ihr versprochen hatte, einzuheizen.

„Holz ist hier, das könnte ich hereinholen, aber wenn sie dabei aufwacht? Es wird schon gehen! Aber wie wird es nun mit dem Kalbsbraten? Sie wird aufwachen und dann vielleicht doch essen wollen ... Nun, das später! Kirilloff schläft die ganze Nacht nicht. Aber womit könnte ich sie nur zudecken, sie schläft so fest! Und sie wird es bestimmt kalt haben, bestimmt kalt!“

Er trat noch einmal leise zu ihr: der Kleiderrock hatte sich ein wenig verschoben und ihr Bein war fast bis zum Knie unbedeckt. Schatoff sah erschrocken weg, zog dann schnell seinen warmen Mantel aus und breitete ihn, bemüht, nichts zu sehen, über die entblößte Stelle. Er selbst blieb in einem dünnen alten Rock.

Das vorsichtige Anheizen des Ofens, das leise Herumgehen auf den Fußspitzen, das Betrachten der Schlafenden, das Denken in der Ecke – all das nahm viel Zeit in Anspruch. Es vergingen zwei, drei Stunden. Inzwischen waren Werchowenski und Liputin auf dem Schleichwege zu Kirilloff gekommen und hatten ihn auf demselben Wege schon wieder verlassen. Endlich schlummerte auch Schatoff in seiner Ecke ein. Da stöhnte sie plötzlich: sie erwachte und rief ihn. Er sprang wie ein Verbrecher auf.

„Marie! Ich war eingeschlafen ... sei nicht bös, Marie. Ach, wie gemein ich bin, Marie!“

Sie hatte sich ein wenig erhoben, sah sich verschlafen und erstaunt um, als ob sie noch gar nicht recht begriff, wo sie sich befand, doch plötzlich fuhr sie unwillig, zornig auf.

„Ich habe Ihr Bett eingenommen, ich bin vor Müdigkeit einfach so eingeschlafen ... Warum haben Sie das zugelassen? Warum haben Sie mich nicht sofort aufgeweckt? Wie haben Sie gewagt zu denken, daß ich Ihnen zur Last fallen will?“

„Wie hätte ich dich denn aufwecken können, Marie?“

„Es war Ihre Pflicht, mich aufzuwecken! Für Sie ist hier kein zweites Bett und ich habe Ihr Bett eingenommen. Sie hätten mich nicht in diese falsche Situation bringen sollen. Oder glauben Sie, daß ich gekommen bin, um Ihre Wohltaten auszunutzen? Sie werden sich sofort auf Ihr Bett legen, – und ich lege mich in der Ecke auf ein paar Stühle ...“

„Marie, ich habe hier gar nicht so viel Stühle und es ist auch nichts da, was ich unterbreiten könnte!“

„Nun, dann einfach auf die Diele. Sie müßten ja sonst selbst auf der Diele schlafen. Ich will mich auf die Diele legen, sofort, sofort!“

Sie erhob sich und wollte einen Schritt vorwärts treten, doch plötzlich nahm ein unerträglicher krampfartiger Schmerz ihr alle Kraft und alle Entschlossenheit und sie sank laut aufstöhnend aufs Bett zurück. Schatoff lief erschrocken zu ihr, und Marie, die ihr Gesicht im Kissen verbarg, ergriff seine Hand und preßte und bog seine Hand wie im Krampf in ihren Händen.

So verging eine ganze Minute.

„Marie, Liebling, hier ist ein Doktor Frenzel, ich kenne ihn, sogar sehr gut ... Ich werde zu ihm laufen, wie?“

„Unsinn!“

„Warum Unsinn? Sage, Marie, was tut dir denn weh? ... Sonst könnte man auch einen heißen Umschlag machen ... vielleicht auf den Magen, zum Beispiel ... Das verstehe ich auch ohne Doktor ... Oder ein Senfpflaster ...“

„Was?“ fragte sie verwundert und sah ihn, den Kopf leicht erhebend, erschrocken an.

„Das heißt, was denn, Marie?“ fragte Schatoff, der sie nicht verstand. „Was fragst du? O Gott, ich rede vielleicht wirklich Unsinn! Marie, vergib, aber ich kann nichts verstehen ...“

„Ach, lassen Sie mich, das geht Sie auch gar nichts an ... das zu verstehen ... Wäre ja auch nur komisch!“ und sie lachte bitter auf. „Erzählen Sie mir irgend etwas. Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie. Stehen Sie nicht bei mir und sehen Sie mich nicht an, darum bitte ich Sie ganz besonders – schon zum fünfhundertstenmal!“

Schatoff begann auf und ab zu gehen, sah zu Boden und strengte sich mit aller Gewalt an, nicht zu ihr hinzusehen.

„Hier – sei nicht böse, Marie, ich flehe dich an –, hier unten ist Kalbsbraten, nicht weit, und Tee ... Du hast vorhin so wenig gegessen ...“

Sie winkte eigensinnig und geärgert mit der Hand ab.

Schatoff biß sich in Verzweiflung auf die Lippe.

„Hören Sie, ich habe die Absicht, hier in der Stadt eine Buchbinderei zu eröffnen. Mit Teilhabern. Da Sie hier leben und die Verhältnisse kennen, so sagen Sie mir, was Sie dazu meinen: wird es sich lohnen oder nicht?“

„Ach, Marie, bei uns liest man doch keine Bücher. Und es gibt ja auch gar keine! Wie soll er sich denn da Bücher einbinden lassen?“

„Wer ‚Er‘?“

„Der hiesige Leser, der hiesige Einwohner überhaupt, Marie.“

„So sprechen Sie doch verständlich! Denn was heißt das: ‚er‘! – wer aber dieser ‚er‘ ist – ist mir unbekannt. Sie kennen die Grammatik nicht mehr.“

„Das war doch im Geiste der Sprache ... Marie,“ murmelte Schatoff.

„Ach, gehen Sie mir mit Ihrem Geist! Habe das satt. Warum würde denn der hiesige Leser oder Einwohner nicht einbinden lassen?“

„Weil, ein Buch lesen und ein Buch einbinden lassen – zwei ganz verschiedene Zeiten der Entwicklung sind, und zwar zwei riesig große. Zuerst lernt er allmählich das Lesen, in Jahrhunderten natürlich, aber zerreißt und vernachlässigt das Buch, da er es noch nicht für eine ernste Sache hält. Ein Buch aber einbinden lassen, heißt schon das Buch achten, bedeutet, daß er nicht nur das Lesen lieben gelernt hat, sondern auch als eine große Sache anerkennt. Bis zu dieser Periode ist Rußland noch nicht gekommen. Europa bindet schon lange ein.“

„Das ist, wenn auch pedantisch ausgedrückt, doch nicht dumm gedacht und erinnert mich an die Zeit von vor drei Jahren. Sie konnten zuweilen ganz geistreich sein, vor drei Jahren.“

Sie sagte das ebenso gereizt, wie alle ihre früheren eigensinnigen Phrasen.

„Marie, Marie,“ wandte sich Schatoff gerührt zu ihr, „oh, Marie! Wenn du wüßtest, was alles in diesen drei Jahren vergangen und verschwunden ist! Ich hörte, daß du mich später verachtet haben sollst, weil ich meine Überzeugungen geändert habe! Aber was habe ich denn fortgeworfen? Doch nur die Feinde des lebendigen Lebens, veraltete Liberale, die sich vor persönlicher Unabhängigkeit fürchten, die Lakaien der Gedanken, Feinde der Persönlichkeit und Freiheit, die altersschwachen Anpreiser des Toten und der stinkenden Verwesung! Was steht denn hinter ihnen? – doch nur Greisenhaftigkeit, die goldene Mittelmäßigkeit, spießerhafteste, erbärmlichste Unbegabtheit, neidische Gleichheit, Gleichheit ohne persönliche Würde, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie begreift, oder höchstens wie ein Franzose von dreiundneunzig sie begriff ... Doch die Hauptsache: überall sind Schurken, Schurken und Schurken!“

„Ja, Schurken gibt es viele,“ sagte sie kurz.

Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, ein wenig auf der Seite, reglos, als fürchte sie, sich zu bewegen, den Kopf auf dem Kissen zurückgebogen, und sah mit müdem, doch heißem Blick auf die Zimmerdecke. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen trocken und heiß.

„Du stimmst mir bei, Marie, du stimmst mir bei?“ rief Schatoff aus.

Sie wollte den Kopf schütteln zum Zeichen der Verneinung, doch plötzlich wurde sie wieder von einem Krampf erfaßt. Wieder verbarg sie das Gesicht in dem Kissen und wieder preßte sie mit aller Kraft die Hand Schatoffs, der, außer sich vor Angst, zu ihr gestürzt war.

„Marie, Marie! Aber das ist vielleicht etwas furchtbar Ernstes, Marie!“

„Schweigen Sie ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!“ rief sie fast jähzornig und drehte den Kopf auf dem Kissen, daß nun wieder ihr Gesicht zu sehen war. „Wagen Sie es nicht, mich mit Ihrem Mitleid anzusehen! Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie, sprechen Sie!“

Schatoff ging wieder auf und ab und gab sich verzweifelte Mühe, nur von Gleichgültigem zu sprechen.

„Womit beschäftigen Sie sich hier?“ fragte sie, mit gereizter Ungeduld ihn unterbrechend.

„Ich arbeite bei einem Kaufmann im Kontor. Wenn ich wollte, Marie, könnte ich hier ganz gutes Geld verdienen.“

„Desto besser für Sie ...“

„Ach, denk nur nicht, Marie, ich ... ich habe das nur so gesagt ...“

„Und was tun Sie denn sonst noch? Was predigen Sie denn jetzt? Sie können doch nicht anders, als predigen. Das gehört schon einmal zu Ihrem Charakter!“

„Ich predige Gott, Marie.“

„An den Sie selbst nicht glauben. Diese Idee habe ich nie begreifen können.“

„Lassen wir das, Marie, davon können wir später sprechen.“

„Was war diese Marja Timofejewna hier?“

„Davon wollen wir auch später sprechen, Marie.“

„Wagen Sie es nicht, mir solche Bemerkungen zu machen! Ist es wahr, daß ihr Tod ein Verbrechen ... dieser Menschen ist?“

„Zweifellos,“ preßte Schatoff durch die Zähne hervor.

Marie erhob plötzlich den Kopf und rief krankhaft erregt:

„Wagen Sie es nie mehr, mir davon zu sprechen, nie mehr, nie mehr!“

Und wieder fiel sie zurück, wieder übermannt von einem krampfartigen Schmerz. Das war schon der dritte Anfall. Ihr Gestöhn wurde lauter – laut bis zum Geschrei.

„O Sie unerträglicher Mensch! O Sie entsetzlicher Mensch!“ Sie warf sich hin und her, sie stieß erbarmungslos Schatoff fort, der am Bett stand und sich über sie beugte.

„Marie, ich werde alles tun, was du willst ... ich werde gehen ... sprechen ...“

„Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, was begonnen hat!“

„Was hat begonnen, Marie?“

„Ach, wie soll ich es wissen! Weiß ich denn etwas davon? ... Oh, verfl...! Oh ... im voraus sei schon alles verflucht!“

„Marie, wenn du nur sagen wolltest, was begonnen hat ... denn sonst ... wie soll ich denn sonst etwas verstehen?“

„Sie sind ein abstrakter Schwätzer ... Oh ... alles ... alles sei verflucht!“

„Marie! Marie!“

Er begann schon ernstlich zu befürchten, daß sie wahnsinnig geworden sei.

Da richtete sie sich plötzlich halb auf und sah ihn mit furchtbarer, krankhafter, ihr Gesicht entstellender Wut an:

„Ja, sehen Sie denn noch immer nicht, daß ich mich in Geburtswehen quäle? Mag es im voraus verflucht sein, dieses Kind!“

„Marie,“ rief Schatoff, der jetzt endlich begriff, um was es sich handelte. „Marie ... Warum hast du das nicht gleich gesagt?“ Er besann sich sofort, und plötzlich ergriff er in energischer Entschlossenheit seine Mütze.

„Wußte ich es denn, als ich hier eintrat? Wäre ich denn sonst zu Ihnen gekommen? Man sagte mir: erst nach zehn Tagen! Aber wohin gehen Sie denn, wohin wollen Sie, unterstehen Sie sich nicht!“ ...

„Nach der Hebamme! Ich verkaufe den Revolver: ganz zuerst muß jetzt Geld –!“

„Wagen Sie es nicht, unterstehen Sie sich nicht, nach der Hebamme zu gehen, einfach ein Weib, irgendeine Alte, ich habe noch achtzig Kopeken im Geldbeutel ... Bauernweiber gebären doch ohne fremde Hilfe ... Und krepiere ich, um so besser ...“

„Das Weib schaffe ich zur Stelle, eine Alte gleichfalls. Nur wie ... wie soll ich, Herrgott, wie soll ich dich so allein lassen, Marie?“

Doch er sagte sich, daß es immerhin besser war, sie jetzt allein zu lassen, als später ohne Hilfe zu sein, und er eilte wie gehetzt die Treppe hinunter.

III.

Ganz zuerst lief er zu Kirilloff. Es war schon gegen ein Uhr nachts. Kirilloff stand mitten im Zimmer.

„Kirilloff, meine Frau gebiert!“

„Das heißt, wie?“

„Sie gebiert, sie gebiert ein Kind!“

„Sie ... täuschen sich auch nicht?“

„O nein, nein, sie hat schon Krämpfe! ... Sie braucht ein Weib, irgendeine Alte, unbedingt, sofort ... Kann man sie bekommen? Sie hatten hier doch immer viele alte Weiber ...“

„Sehr schade, daß ich nicht zu gebären verstehe,“ sagte Kirilloff ernst und nachdenklich, „das heißt, nicht ich gebären, aber so zu machen, daß ich nicht zu gebären verstehe ... oder ... Nein, das verstehe ich schon nicht zu sagen.“

„Sie wollen wohl sagen, daß Sie bei der Geburt nicht zu helfen verstehen? Aber davon spreche ich ja nicht! Eine Alte, ein altes Weib, ich bitte Sie um ein altes Weib, eine Krankenwärterin, Pflegerin, Aufwärterin!“

„Die Alte wird da sein, nur vielleicht nicht gleich. Wenn Sie wollen, werde ich anstatt ...“

„Unmöglich! – ich laufe jetzt zur Wirginskaja, zur Hebamme ...“

„Gemeines Frauenzimmer.“

„Ja, Kirilloff, ja, aber sie ist die beste! O ja, das wird alles ohne Ehrfurcht, ohne Freude, mürrisch, mit Geschimpf und Gotteslästerungen geschehen – bei einem so großen, heiligen Geheimnis, wie es die Geburt eines neuen Menschen ist! ... Oh, und sie – sie verflucht das Kind schon jetzt! ...“

„Wenn Sie wollen, ich ...“

„Nein, nein, aber während ich laufe (oh, ich werde die Wirginskaja schon heranschleppen!) währenddem könnten Sie von Zeit zu Zeit zu meiner Treppe gehen und vorsichtig hinaufhorchen, doch unterstehen Sie sich nicht, hineinzugehen, Sie würden sie erschrecken, hören Sie, daß Sie nicht hineingehen, horchen Sie bloß so – auf alle Fälle! Nur wenn etwas Äußerstes geschehen sollte – gehen Sie hinein!“

„Verstehe. Geld noch einen Rubel. Hier. Ich wollte morgen ein Huhn, jetzt will ich nicht. Laufen Sie schnell, laufen Sie so schnell Sie können. Der Samowar ist die ganze Nacht.“

Kirilloff ahnte nichts von den Absichten gegen Schatoff. Auch früher war ihm die Gefahr unbekannt gewesen, die Schatoff drohte. Er hatte nur gehört, daß Schatoff alte Abrechnungen mit „diesen Leuten“ habe, doch wußte er nichts Näheres darüber, obschon er selbst durch gewisse Instruktionen aus dem Auslande (übrigens waren es nur ganz unverfängliche) mit dem „Fall Schatoff“ gewissermaßen verknüpft war. Doch in der letzten Zeit hatte er alles abgelehnt, hatte sich von allem zurückgezogen, besonders was die „allgemeine Sache“ irgendwie anging, und sich ganz seinem kontemplativen Leben hingegeben. Pjotr Werchowenski, der auf der Sitzung doch eigentlich nur deshalb Liputin aufgefordert hatte, mitzukommen, um ihn zu überzeugen, daß Kirilloff den „Fall Schatoff“ tatsächlich auf sich nehmen werde, hatte im Gespräch mit Kirilloff kein Wort über Schatoff verloren, ja, ihn nicht einmal erwähnt: offenbar mit Absicht, da er nicht sicher war, ob Kirilloff nicht alles ablehnen würde, wenn er erfuhr, daß Schatoff als Opfer mit hineingezogen werden sollte. So hatte er denn diesen Teil der ganzen Angelegenheit auf den folgenden Tag verschoben, wenn die Tat bereits geschehen und alles schon „einerlei“ war. Liputin war es allerdings aufgefallen, daß Pjotr Stepanowitsch gerade über Schatoff kein Wort sagte, doch war er andererseits selbst zu aufgeregt gewesen, um ihn darauf aufmerksam zu machen.

Schatoff lief so schnell er nur konnte zu Wirginskis, fluchend über die Entfernung, die ihm heute endlos erschien.

An dem Hause mußte er lange klopfen: alles schlief natürlich. Doch Schatoff schlug rücksichtslos und mit aller Kraft an die Fensterläden. Der Hofhund schlug an, riß an seiner Kette und heulte und bellte, daß sämtliche Hunde der Umgegend gleichfalls anschlugen.

„Wer klopft? Was wünschen Sie?“ ertönte endlich an einem Fenster die weiche Stimme Wirginskis, deren Sanftheit in so gar keinem Verhältnis zu der Störung stand.

Der Fensterladen wurde geöffnet und gleich darauf auch das Klappfenster.

„Wer ist da? Wer ist der Schuft?“ kreischte wütend die Stimme der alten Jungfer, Wirginskis Schwägerin, deren Ton schon mehr als im Verhältnis zu der „Beleidigung“ stand.

„Ich bin Schatoff, meine Frau ist zu mir zurückgekehrt und wird gleich gebären ...“

„So mag sie doch, scheren Sie sich zum Kuckuck!“

„Ich bin nach Arina Prochorowna gekommen, ohne Arina Prochorowna gehe ich nicht fort!“

„Sie kann doch nicht zu jedem gehen! In der Nacht ist eine andere Praxis ... Scheren Sie sich zur Makschejewa, und daß Sie sich nicht unterstehen, noch weiterzulärmen!“ rief zornknatternd die Weiberstimme.

Doch Schatoff hörte gleichzeitig, wie Wirginski sie zu beschwichtigen und zu unterbrechen suchte. Die alte Jungfer aber ließ ihn einfach nicht zu Wort kommen und verteidigte ihren Platz am Fenster.

„Ich gehe nicht fort!“ schrie Schatoff wieder.

„Warten Sie, warten Sie!“ rief Wirginski und es gelang ihm endlich, die alte Jungfer zu verdrängen. „Ich bitte Sie, Schatoff, warten Sie noch fünf Minuten, ich werde Arina Prochorowna wecken, nur bitte klopfen Sie nicht mehr und schreien Sie bitte nicht ... Oh, wie ist das schrecklich!“

Nach fünf endlosen Minuten erschien dann schließlich Arina Prochorowna.

„Ihre Frau ist zu Ihnen gekommen?“ ertönte ihre Stimme durch das Klappfenster, und zwar, zu Schatoffs nicht geringer Verwunderung, diesmal durchaus nicht geärgert, sondern höchstens befehlend wie gewöhnlich – aber anders verstand Arina Prochorowna überhaupt nicht zu sprechen.

„Ja, meine Frau – und sie bekommt ein Kind.“

„Marja Ignatjewna?“

„Ja, Marja Ignatjewna. Natürlich, Marja Ignatjewna!“

Ein Schweigen entstand. Schatoff wartete. Hinter dem Fenster hörte er flüstern.

„Ist sie schon vor langer Zeit angekommen?“ fragte Frau Wirginskaja wieder.

„Heute abend, um acht. Bitte schnell, wenn Sie können!“

Wieder wurde im Hause geflüstert, wieder schienen sie sich zu beraten.

„Hören Sie, irren Sie sich nicht? Hat sie selbst Sie zu mir geschickt?“

„Nein, sie hat mich nicht geschickt, sie will nur ein Weib haben, ein einfaches Weib, um mich nicht mit Ausgaben zu belasten, aber seien Sie unbesorgt, ich werde alles bezahlen.“

„Gut, ich komme, ob Sie zahlen oder nicht. Ich habe stets die selbständigen Anschauungen Marja Ignatjewnas zu schätzen gewußt, wenn sie sich auch meiner vielleicht nicht mehr erinnert. Haben Sie die notwendigsten Sachen?“

„Ich habe nichts, aber es wird alles, alles gleich zur Stelle sein! ... Also Sie kommen?“

Damit lief Schatoff auch schon fort: diesmal zu Lämschin.

„Es gibt doch in diesen Leuten noch Großmut!“ dachte er auf dem Wege. „Die Überzeugungen und der Mensch, – das sind, glaube ich, in vielem zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe ihnen vielleicht in manchem Unrecht getan! ... Alle Menschen sind schuldig, alle sind schuldig und ... wenn doch alle das einsehen würden! ...“

Bei Lämschin brauchte er nicht lange zu klopfen: es wurde überraschend schnell geöffnet. Lämschin war aber auch schon beim ersten Schlag aus dem Bett gesprungen und steckte – mit bloßen Füßen, nur im Hemd – im Nu den Kopf zum Luftfenster hinaus, ungeachtet dessen, daß er sich so einen Schnupfen zu holen riskierte; er aber war sonst sehr vorsichtig und stets um seine Gesundheit besorgt. Doch diese Scharfhörigkeit und Eile hatten einen besonderen Grund: Lämschin hatte nämlich nach der Sitzung bei Erkel überhaupt nicht einschlafen können und den ganzen Abend und die halbe Nacht nur so gezittert vor Aufregung. Ihm schwante die ganze Zeit, daß sogleich gewisse ungebetene und unerwünschte Gäste bei ihm erscheinen würden. Denn ihn, Lämschin, quälte am meisten die Nachricht von Schatoffs Denunziation. Und nun plötzlich, wie absichtlich, wurde so furchtbar laut und befehlend an sein Fenster geklopft! ...

Als er Schatoff erblickte, erschrak er so, daß er sofort das Fenster zuschlug und ins Bett zurücklief. Schatoff aber begann wütend zu rufen und zu klopfen.

„Wie dürfen Sie so schreien und klopfen mitten in der Nacht?“ rief das Jüdchen drohend und doch fast vergehend vor Angst, – und auch das erst nach ganzen zwei Minuten der Unentschlossenheit und erst nachdem er sich überzeugt hatte, daß Schatoff ganz allein gekommen war.

„Hier haben Sie Ihren Revolver, nehmen Sie ihn zurück und geben Sie mir fünfzehn Rubel.“

„Was soll das heißen, sind Sie besoffen? Das ist Raubmord! Und ich erkälte mich nur. Warten Sie, ich nehme ein Plaid um.“

„Geben Sie sofort fünfzehn Rubel. Wenn nicht, so werde ich bis zum Morgen klopfen und schreien. Ich schlage Ihnen das Fenster ein!“

„Aber ich werde die Polizei rufen und man nimmt Sie in Arrest!“

„Ah, und bin ich denn stumm? Als ob ich nicht auch die Polizei rufen kann? Wer hat die wohl mehr zu fürchten, Sie oder ich?“

„Und Sie können so häßliche Absichten haben ... Ich weiß, worauf Sie anspielen ... Warten Sie, warten Sie um Gottes willen, klopfen Sie nicht mehr! Erbarmen Sie sich, wer hat denn Geld in der Nacht? Wozu brauchen Sie überhaupt Geld, wenn Sie nicht betrunken sind?“

„Meine Frau ist zu mir gekommen. Ich habe Ihnen zehn Rubel abgelassen, habe kein Mal geschossen, – nehmen Sie den Revolver, nehmen Sie ihn sofort!“

Lämschin streckte mechanisch seine Hand aus dem Fenster und nahm den Revolver entgegen: einen Augenblick wartete er, dann aber steckte er plötzlich den Kopf hinaus und lispelte mit steifer Zunge, ohne selbst zu begreifen, was er tat, und mit einem Schauer im Rücken:

„Sie lügen, zu Ihnen ist gar keine Frau gekommen ... Das ... das ... Sie wollen einfach irgendwohin fliehen!“

„Sie Kalb, wohin soll ich denn fliehen? Euer Pjotr Werchowenski flieht, aber nicht ich. Ich war soeben bei der Wirginskaja und sie war sofort bereit, zu mir zu kommen. Entschließen Sie sich! Meine Frau quält sich, ich brauche Geld, geben Sie das Geld!“

Ein ganzes Feuerwerk von Gedanken sprühte sogleich im findigen Kopfe Lämschins auf. Alles nahm in seinen Augen plötzlich eine andere Wendung, aber die Angst ließ ihn immer noch nicht klar überlegen.

„Ja aber, wie ist denn das ... Sie leben doch nicht mit Ihrer Frau?“

„Für solche Fragen schlage ich Ihnen den Schädel ein!“

„Ach, mein Gott, verzeihen Sie, ich begreife, ich war nur so bestürzt ... Aber ich verstehe, verstehe. Aber ... aber wird denn Arina Prochorowna wirklich kommen? Sie sagten, daß sie schon gegangen sei? Wissen Sie, das ist doch gar nicht wahr. Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie, wie Sie die Unwahrheit sagen, auf jedem Schritt!“

„Sie ist jetzt bestimmt schon bei meiner Frau ... Halten Sie mich nicht auf, ich bin nicht schuld daran, daß Sie dumm sind.“

„Das ist nicht wahr, ich bin gar nicht dumm. Verzeihen Sie, aber ich kann auf keine Weise ...“

Und er wollte schon, ganz aus der Fassung gebracht, zum drittenmal das Luftfenster schließen. Doch Schatoff brüllte derart auf, daß der Kleine sofort wieder den Kopf zum Fenster hinaussteckte.

„Aber das ist doch schon einfach eine ... eine Beschlagnahme der Persönlichkeit! Was wollen Sie denn von mir, nun, was, was denn, formulieren Sie es doch! Und beachten Sie, beachten Sie, mitten in solch einer Nacht!“

„Fünfzehn Rubel verlange ich, Schafskopf!“

„Aber ich, ich will den Revolver vielleicht gar nicht zurücknehmen! Sie haben gar nicht das Recht, so was zu verlangen. Sie haben das Ding gekauft – damit ist alles fertig, und Sie haben nicht das Recht! ... Solch eine Summe habe ich überhaupt nicht in der Nacht! Wo soll ich solch eine Summe hernehmen in der Nacht?“

„Du hast immer Geld bei dir; ich habe dir zehn Rubel abgelassen, aber du bist ja ein bekannter Judenlümmel!“

„Kommen Sie übermorgen, – hören Sie, übermorgen früh, punkt zwölf Uhr, und ich gebe Ihnen alles, alles, ist’s recht?“

Schatoff schlug wieder unbändig an den Fensterrahmen.

„Zehn Rubel her, und morgen früh fünf!“

„Nein, übermorgen früh fünf, aber morgen kann ich bei Gott nicht. Kommen Sie lieber gar nich! Kommen Sie lieber gar nich!“

„Zehn Rubel, sag ich; o Schuft!“

„Aber warum schimpfen Sie denn so? Warten Sie, ich muß doch erst Licht machen! Sie haben den Kitt von den Scheiben losgeschlagen ... Wer schimpft denn so in der Nacht? Hier!“ und er reichte einen Schein aus dem Fenster.

Schatoff ergriff ihn, – es war ein Fünfrubelschein.

„Das sind ja nur fünf!“

„Bei Gott, ich kann nicht, und wenn Sie mich erstechen, ich kann nicht, übermorgen kann ich alles, aber jetzt kann ich gar nichts.“

„Ich gehe nicht früher fort!“ schrie Schatoff.

„Nu, nehmen Sie noch das, nu, hier ist noch, sehen Sie, hier ist noch, aber mehr gebe ich nich. Schreien Sie sich meinetwegen die Kehle kaputt, ich geb nich mehr, was Sie da auch nich machen – geb nich mehr, geb nich, geb nich!“

Er war außer sich, in Verzweiflung, in Schweiß. Die beiden Geldscheine, die er noch gab, waren nur Einrubelscheine. Im ganzen hatte Schatoff sieben Rubel bekommen.

„Daß dich der Teufel hole, ich komme morgen. Und ich haue dich, Lämschin, wenn du die acht Rubel nicht bereit hast!“

„Und morgen bin ich einfach nich zu Haus, Dummkopf!“ dachte Lämschin blitzschnell.

„Warten Sie, warten Sie, Herr Schatoff!“ rief er ihm plötzlich nach. „Warten Sie, kommen Sie zurück! – Sagen Sie, bitte, ist es wirklich wahr, was Sie gesagt haben, daß Ihre Frau zurückgekommen ist?“

„Esel!“ sagte Schatoff ausspuckend und lief so schnell er konnte nach Hause.

IV.

Arina Prochorowna wußte nichts von dem in der Sitzung gefaßten Beschluß. Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fügte wohl noch hinzu, daß er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde entschloß sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz ihrer Müdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu ihm zu gehen. Sie hatte schon längst, wie sie sagte, diesen Schatoff für fähig gehalten, „eine bürgerliche Gemeinheit zu begehen“, und glaubte darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie aber hörte, daß Marja Ignatjewna zurückgekehrt war, da schöpfte sie sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte ließen sie eine gewisse „Umwandlung in den Gefühlen des Verräters“ ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu verderben, nur um andere auszuliefern, würde anders aussehen und anders sprechen. Jedenfalls entschloß sich Arina Prochorowna sofort, alles mit eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschluß seiner Frau unendlich beruhigend – als ob man ihm „fünf Pud“ von der Seele genommen hätte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das Aussehen Schatoffs schien ihm im höchsten Grade Werchowenskis Verdacht zunichte zu machen.

Schatoff hatte sich nicht getäuscht: als er zurückkam, fand er Arina Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das möglich war, mit Marie verständigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin „in der gemeinsten Verfassung“, das heißt, böse, gereizt und „im allerdümmsten Kleinmut“ – aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries sämtliche Einwendungen besiegt.

„Was jammern Sie da, daß Sie keine teure Hebamme haben wollen?“ sagte sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, „der reinste Blödsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen. Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes hätten Sie fünfzig Chancen, schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie überhaupt, daß ich teuer bin? Sie können später bezahlen, von Ihnen werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere für eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind – das kann ich Ihnen morgen noch in einer Anstalt unterbringen, und später geben wir es ins Dorf zur Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell gesund, machen sich an eine vernünftige Arbeit und ‚entschädigen‘ dann meinetwegen Schatoff für das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht so groß sein werden ...“

„Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belästigen ...“

„Sehr rationell und bürgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird fast überhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, – wenn er sich nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernünftigen Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn nicht mit Gewalt festhält, so schleppt er uns bis zum Morgen womöglich noch sämtliche Ärzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum Kläffen gebracht! Ärzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, daß ich für alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. Übrigens kann er sich auch selbst nützlich machen, er braucht doch nicht nur zu Dummheiten fähig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefühle mit ‚Wohltaten‘ zu verletzen. Was Teufel ‚Wohltaten‘! Hat er Sie denn nicht selbst in diese Lage gebracht? Er hat Sie doch damals zum Bruch mit dieser Familie getrieben, in der Sie Lehrerin waren, mit dem selbstsüchtigen Ziel, Sie dann heiraten zu können!? Wir haben doch davon gehört ... Übrigens kam er doch selbst angelaufen und hat bei uns geschrien und getobt wie ein Verrückter. Ich binde mich wahrhaftig niemandem auf und bin nur um Ihretwillen gekommen, aus Prinzip, weil wir unter uns zur Solidarität verpflichtet sind. Das habe ich ihm übrigens auch gesagt. Wenn ich aber nach Ihrer Meinung hier überflüssig bin, dann sagen Sie es nur und – leben Sie wohl! Daß bloß kein Unglück geschieht, was so leicht zu verhüten wäre.“ Und sie erhob sich sogar schon von ihrem Stuhl.

Marie war aber so hilflos, litt dermaßen und – um die Wahrheit zu sagen – fürchtete sich so maßlos vor dem, was ihr bevorstand, daß sie es jetzt selbst nicht mehr wagte, die Wirginskaja von sich zu lassen. Dafür aber war ihr diese Frau plötzlich geradezu verhaßt: die sprach da von ganz anderem, nur nicht von dem, was in Maries Seele vorging! Doch die Möglichkeit, in den Händen einer ungeschickten Hebamme zu sterben, besiegte den Widerwillen. Zu Schatoff jedoch wurde sie von nun an noch herrischer, noch unnachsichtiger: schließlich verbot sie ihm nicht nur, sie anzusehen, sondern er durfte nicht einmal mit dem Gesicht zu ihr gewandt stehen. Dabei wurden ihre Schmerzen immer stärker und ihre Flüche und selbst Schimpfworte immer sinnloser.

„Ach, was da! wir schicken ihn einfach hinaus,“ schnitt Arina Prochorowna kurz ab. „Mit seinem Gesicht erschreckt er Sie nur: bleich ist er wie ein Toter! Was haben denn Sie zu fürchten, Sie komischer Mensch? Das ist mir mal eine Komödie!“

Schatoff antwortete nicht: er hatte sich vorgenommen, um nicht unnütz zu reizen, einfach nichts zu erwidern.

„Ach, habe ich dumme Väter in solchen Fällen gesehen! Die verlieren nun mal immer den Verstand. Aber die haben dann doch wenigstens ...“

„Hören Sie auf, oder gehen Sie, damit ich endlich sterbe! Kein Wort mehr! Ich will nicht, will nicht!“ keuchte Marie in Qualen.

„Da kann man ja überhaupt nichts mehr sprechen! Ich sehe nur, daß Sie die Vernunft verloren haben. Doch zur Sache: sagen Sie, haben Sie schon etwas vorbereitet? Antworten Sie, Schatoff, denn sie hat jetzt keinen Sinn dafür.“

„Sagen Sie, bitte, was denn eigentlich nötig ist.“

„Also nichts vorbereitet.“

Sie zählte ihm das unbedingt Nötige auf, wirklich nur das Notwendigste.

Einiges fand sich auch bei Schatoff. Marie zog einen kleinen Schlüssel hervor und reichte ihn ihm, damit er in ihrer Reisetasche suche. Da aber seine Hände zitterten, so dauerte es etwas länger, bis er das ihm unbekannte Schloß aufgemacht hatte, worüber Marie wieder außer sich geriet, doch als nun Arina Prochorowna ihm helfen und schneller öffnen wollte, da erlaubte sie wieder unter keiner Bedingung, daß diese ihre Tasche anrühre, und bestand mit kindischem Geschrei und Weinen darauf, daß nur Schatoff allein sie öffne.

Nach anderen Sachen mußte er zu Kirilloff gehen. Kaum aber war er aus dem Zimmer, da rief ihn Marie auch schon wie rasend wieder zurück und beruhigte sich erst, nachdem Schatoff sofort wieder von der Treppe zurückgelaufen kam und ihr dann auseinandersetzte, daß er nur auf eine Minute und auch nur nach dem Notwendigsten fortgehen und sofort wieder da sein werde.

„Na, Sie zu befriedigen ist aber schwer,“ meinte Arina Prochorowna lachend, „bald muß man mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf sich nicht mal umkehren, bald ist es wieder so nicht recht; und wenn man Ihretwegen auf einen Augenblick fortgehen muß, fangen Sie zu weinen an. Na, nun regen Sie sich aber nicht so auf, reiben Sie sich nicht die verweinten Augen, – ich lache doch nur.“

„Er darf sich nicht unterstehen, überhaupt etwas zu denken!“

„Tatata, wenn er nicht wie ein Bock in Sie verliebt wäre, würde er doch nicht die Hunde der ganzen Stadt zum Heulen bringen und wie verrückt durch die Straßen rennen! Bei mir hat er fast den Fensterrahmen herausgeschlagen.“