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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 12: VI.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Erstes Kapitel.
Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus der Biographie des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski.

I.

Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die sich unlängst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu helfen weiß, zunächst etwas weiter auszuholen und mit einigen biographischen Einzelheiten über den talentvollen und wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mögen diese Einzelheiten nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst später.

Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen bürgerliche[1] Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, – liebte sie sogar so, daß er ohne sie wohl überhaupt nicht hätte leben können. Nicht, daß ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bühne vergleichen wollte: Gott behüte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte. Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser gesagt, die Folge einer immerwährenden, im Grunde edlen Neigung, einer Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner schönen bürgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine Lage als „Verfolgter“ und sozusagen „Verbannter“. Um diese beiden Wörtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschätzung immer mehr erhöht zu haben, bis er schließlich auf einem gewissen überaus hohen und für die Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige Zoll groß waren, so daran gewöhnt, sich als Riese zu fühlen, daß er auch in den Straßen Londons unwillkürlich den Passanten und Equipagen zurief, sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch für einen Riesen und die anderen für jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur daß dieser Wahn sich bei ihm in einer, wenn man sich so ausdrücken darf, unschuldigeren und unverletzenderen Weise äußerte, denn schließlich war er doch ein prächtiger Mensch.

Ich denke es mir sogar so: daß man ihn in der Literatur mit der Zeit allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewiß noch nicht sagen, daß er auch früher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch er einmal zu der berühmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der letzten Generation gehört, und eine Zeitlang – übrigens doch nur einen allerkleinsten Augenblick lang – war sein Name von manchen voreiligen Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski, Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4] genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, – es ward, wie er sich ausdrückte, von einem „Wirbelsturm“ zusammentreffender „Umstände“[5] zerstört. Und was stellt sich nun heraus? Daß es nicht nur keinen „Wirbelsturm“, sondern nicht einmal „Umstände“ damals gegeben hat, wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar Tagen, zu meinem größten Erstaunen erfahren, dafür aber mit vollkommener Glaubwürdigkeit, daß Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier allgemein annahm, sondern daß er nicht einmal, gleichviel wann, unter Aufsicht gestanden hat. Wie groß muß demnach seine Einbildungskraft gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben lang, daß man in gewissen Sphären beständig vor ihm auf der Hut wäre, daß jeder seiner Schritte unablässig beobachtet und vermerkt werde, und daß jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig Jahre hier gehabt haben, schon bei der Übergabe des Gouvernements als erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so daß jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Hätte aber jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten Menschen beruhigen und überzeugen wollen, daß ihm nicht das Geringste drohe, so würde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch der klügste, der begabteste Mensch, war gewissermaßen sogar ein Mann der Wissenschaft, obgleich er übrigens in der Wissenschaft ... nun, sagen wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint, überhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Rußland mit den Männern der Wissenschaft durchgehends so zu sein.

Nach seiner Rückkehr aus dem Auslande hatte er als Lektor auf dem Lehrstuhl einer Universität geglänzt, bereits ganz am Ende der vierziger Jahre. Es gelang ihm aber nur, ein paar Vorlesungen zu halten, ich glaube, über die Araber; es gelang ihm auch noch, eine glänzende Dissertation zu verteidigen: über die in der Epoche zwischen 1413 und 1428 aufkeimende kulturelle und hanseatische Bedeutung des deutschen Städtchens Hanau und zugleich über jene besonderen und etwas unklaren Gründe, weshalb es zu dieser Bedeutung dann doch überhaupt nicht gekommen ist. Diese Dissertation traf mit einem feinen Stich geschickt und schmerzhaft die damaligen Slawophilen und schuf ihm mit einem Schlage unzählige und grimmige Feinde unter ihnen. Dann – übrigens schon nach dem Verlust des Lehrstuhls – schrieb und veröffentlichte er noch wahrscheinlich aus Rache und um zu zeigen, wen sie verloren hatten) in einer fortschrittlichen Monatsschrift, die aus Dickens übersetzte und George Sand verkündete, den Anfang einer tiefsinnigsten Untersuchung – ich glaube, über die Gründe der außergewöhnlich edlen sittlichen Anschauungen irgendwelcher Ritter in irgendeiner Epoche, oder etwas Ähnliches. Jedenfalls war es ein hoher, ungemein edler Gedanke, den er darin durchführte. Nur wurde, wie man später erzählte, die Fortsetzung dieser Untersuchung schleunigst verboten und sogar die fortschrittliche Zeitschrift soll wegen der gedruckten ersten Hälfte zu leiden gehabt haben. Das ist auch sehr gut möglich, denn was geschah damals nicht? In diesem Falle aber ist es doch wahrscheinlicher, daß nichts Derartiges geschah und nur der Autor selber die Mühe scheute, den Aufsatz zu beenden. Seine Vorlesungen über die Araber jedoch stellte er deshalb ein, weil ein von ihm an irgend jemanden geschriebener Brief mit der Darlegung irgend welcher „Umstände“ irgendwie von irgend jemandem (offenbar von einem seiner reaktionären Feinde) aufgefangen worden war, woraufhin irgendjemand irgendwelche Erklärungen von ihm verlangte[6]. Ich weiß zwar nicht, ob es wahr ist, aber man behauptete außerdem, daß gerade damals in Petersburg eine riesige, widernatürliche und antistaatliche Gesellschaft, bestehend aus nahezu dreizehn Mann, aufgespürt worden sei, eine Gesellschaft, die das Gebäude fast erschüttert hätte. Man sagte, sie hätten nichts Geringeres vorgehabt, als Fourier selber zu übersetzen[7]. Und ausgerechnet zur selben Zeit mußte dann noch in Moskau eine Dichtung Stepan Trophimowitschs beschlagnahmt werden, ein Poem, das er schon sechs Jahre zuvor in Berlin geschrieben hatte, in seiner ersten Jugend, und dessen Abschriften, unter der Hand weitergegeben, bei zwei Liebhabern der Dichtkunst und einem Studenten gefunden wurden. Ein Exemplar davon liegt jetzt auch in meinem Schreibtisch: erst im vorigen Jahre erhielt ich es von Stepan Trophimowitsch persönlich, in eigenhändiger neuester Abschrift, mit autographischer Widmung und in prachtvollem roten Saffianeinbande. Das Poem ist übrigens nicht ohne Poesie, ja es ist nicht einmal ohne ein gewisses Talent verfaßt, ist allerdings etwas sonderbar, aber damals (d. h. richtiger in den dreißiger Jahren) wurde oft in dieser Art geschrieben. Das Thema des Poems wiederzugeben, macht mir freilich Schwierigkeiten, denn, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ich habe es überhaupt nicht verstanden. Es ist irgend so eine Allegorie in lyrisch-dramatischer Form, die an den zweiten Teil des Faust erinnert. Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der Männer, darauf ein Chor irgendwelcher Kräfte, und zum Schluß der Chöre tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch gar zu gern auch mal leben möchten. Alle diese Chöre singen von etwas sehr Unbestimmtem, größtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen es wie mit einem Schimmer höheren Humors. Doch plötzlich verwandelt sich die Szene und es beginnt ein „Fest des Lebens“, auf dem sogar die Insekten singen; dann tritt eine Schildkröte auf mit allerhand lateinischen sakramentalen Worten und es singt irgend etwas, wenn ich mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon ganz unbelebter Gegenstand. Überhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber wiederum wie mit einem Schimmer höherer Bedeutung. Schließlich, nach einem abermaligen Szenenwechsel, sieht man eine wildromantische Gegend, in der zwischen Felsen ein zivilisierter junger Mann umherirrt und irgendwelche Gräser abreißt, an denen er dann saugt. Auf die Frage einer Fee, warum er das tue, antwortet er, er suche Vergessenheit, weil er ein Übermaß von Leben in sich fühle, und diese Vergessenheit im Safte dieser Gräser finde, sein Hauptwunsch aber sei – möglichst bald den Verstand zu verlieren (ein Wunsch, der vielleicht schon überflüssig ist). Darauf erscheint plötzlich auf einem schwarzen Pferde ein Jüngling von unbeschreiblicher Schönheit und ihm folgen in fürchterlicher Menge alle Völker. Der Jüngling stellt den Tod dar und die Völker lechzen alle nach ihm. Und schließlich, in der allerletzten Szene, erscheint plötzlich der babylonische Turm und irgendwelche Athleten bauen ihn nun schon zu Ende und singen dazu einen Sang der neuen Hoffnung, und wie sie die höchste Spitze vollenden, da läuft der Beherrscher, sagen wir des Olymps, in komischer Form davon, und die Menschheit, die jetzt endlich begreift, beginnt sofort, indem sie sich seines Platzes bemächtigt, ein neues Leben mit vollkommenem Durchschauen der Dinge. Dieses Poem also wurde damals für gefährlich befunden. Im vorigen Jahre schlug ich Stepan Trophimowitsch vor, es nunmehr drucken zu lassen, da es in unserer Zeit doch eine ganz unschuldige Dichtung sei, aber er lehnte den Vorschlag mit sichtbarem Mißbehagen ab. Die Auffassung, daß es eine vollkommen unschuldige Dichtung sei, gefiel ihm offenbar gar nicht, und diesem Umstande schreibe ich auch die gewisse Kühle zu, die seinerseits mir gegenüber volle zwei Monate andauerte. Doch siehe da! Plötzlich, und fast zur selben Zeit, als ich ihm vorschlug, das Poem hier drucken zu lassen, wurde unser Poem dort gedruckt, d. h. im Auslande, und erschien in einem der revolutionären Sammelbände, ohne daß Stepan Trophimowitsch überhaupt etwas davon wußte. Er erschrak zunächst nicht wenig, stürzte zum Gouverneur, entwarf einen hochedlen Rechtfertigungsbrief für Petersburg, las ihn mir zweimal vor, schickte ihn aber dann doch nicht ab, da er, wie sich herausstellte, gar nicht wußte, an wen er ihn senden sollte. Kurz, er regte sich einen ganzen Monat lang auf, doch ich bin überzeugt, daß er dabei in den geheimen Buchten seines Herzens ungemein geschmeichelt war. Von dem ihm zugestellten Exemplar des Sammelbandes trennte er sich überhaupt nicht mehr, ja er schlief fast mit ihm, am Tage aber versteckte er es unter die Matratze, weshalb er das Mädchen kaum noch das Bett aufbetten ließ, und obschon er Tag für Tag ein gewisses Telegramm erwartete, schaute er doch sehr von oben herab. Das Telegramm kam aber nicht. Da söhnte er sich auch mit mir wieder aus, was wiederum von der großen Güte seines sanften, nicht nachtragenden Herzens zeugt.

II.

Ich behaupte ja nicht, daß er wirklich niemals zu leiden gehabt hat[8], ich habe mich jetzt nur endgültig überzeugt, daß er die Vorlesungen über seine Araber so lange hätte fortsetzen können wie er wollte, wenn er nur die nötigen Erklärungen abgegeben hätte. Er aber warf sich damals gleich in die Brust und schickte sich mit besonderer Eilfertigkeit an, sich selber ein für allemal einzureden, daß seine Laufbahn vom „Wirbelsturm der Umstände“ für immer zerstört sei. Doch wenn man schon die ganze Wahrheit sagen soll, so war der eigentliche Grund dieser Änderung seiner Laufbahn die gerade jetzt in zartfühlendster Weise wiederholte Anfrage der Gemahlin des Generalleutnants Stawrogin, einer sehr reichen Dame, ob er die Erziehung und ganze geistige Ausbildung ihres einzigen Sohnes, gewissermaßen als höherer Pädagoge und Freund, übernehmen wolle – von dem glänzenden Gehaltsangebot ganz zu schweigen. Dieses Angebot war ihm schon früher einmal gemacht worden, in seiner Berliner Zeit, gleich nach dem Tode seiner ersten Frau. Diese war ein etwas leichtsinniges junges Mädchen aus unserem Gouvernement gewesen, übrigens nicht unsympathisch, die er in seiner ersten Jugend, ohne sich besondere Gedanken zu machen, geheiratet und mit der er dann viel Leid zu ertragen gehabt hatte, erstens weil seine Mittel zu ihrem beiderseitigen Unterhalt nicht ausreichten, und dann noch aus anderen, bereits sehr zarten Gründen. Sie starb schließlich in Paris, nachdem sie die letzten drei Jahre getrennt von ihm gelebt hatte, und hinterließ ihm einen fünfjährigen Sohn – „die Frucht der ersten freudevollen und noch ungetrübten Liebe“, wie sich der trauernde Stepan Trophimowitsch einmal in meiner Gegenwart unversehens äußerte. Das Kind war übrigens schon bald nach der Geburt nach Rußland geschickt worden – zu ein paar Tanten irgendwo in der Provinz, die es erziehen sollten. Damals also, nach dem Tode seiner ersten Frau, hatte er das Angebot der Warwara Petrowna Stawrogina nicht angenommen, sondern noch vor Ablauf des Trauerjahres seine zweite Frau, eine schweigsame kleine Berlinerin, geheiratet, und zwar, was das Auffallende war, eigentlich ohne jede besondere Notwendigkeit. Doch außerdem hatte er noch andere Gründe gehabt, das Angebot abzulehnen: ihn lockte der gerade damals lauttönende Ruhm eines unvergeßlichen Professors und so wollte auch er seine Adlerschwingen erproben. Jetzt aber, nachdem er sich die Schwingen versengt hatte, war es nur natürlich, daß er, besonders nachdem auch seine zweite Frau, kaum ein Jahr nach der Trauung, gestorben war, dem wiederholten verlockenden Angebot nicht widerstand. Das Entscheidende war also die glühende Anteilnahme, sowie die unschätzbare und, wenn man so sagen darf, klassische Freundschaft, die Warwara Petrowna Stawrogina ihm entgegenbrachte. So warf er sich denn in die Arme dieser Freundschaft und die währte gute zwanzig Jahre. Ich habe soeben den Ausdruck gebraucht „er warf sich in die Arme dieser Freundschaft“, doch Gott behüte und bewahre einen jeden davor, deshalb an etwas Überflüssiges und Müßiges zu denken. Nein, diese Umarmung ist einzig in höchst moralischem Sinne zu verstehen. Es waren nur die feinsten und zartesten Bande, die diese beiden so merkwürdigen Menschen auf ewig miteinander verknüpften.

Die Stellung eines Erziehers wurde auch noch deshalb angenommen, weil das kleine Gütchen, das seine erste Frau hier in unserem Gouvernement hinterlassen hatte, unmittelbar an Skworeschniki, das herrliche, nahe der Stadt belegene Gut der Stawrogins grenzte. Und zudem war es ja immer möglich, in der Stille des Kabinetts und bereits ohne von der Riesenhaftigkeit der Universitätsarbeiten absorbiert zu werden, sich ganz den Aufgaben der Wissenschaft zu widmen und die einheimische Literatur mit den tiefsten Erforschungen zu bereichern. Solche Erforschungen ergaben sich dann zwar nicht, doch dafür bot sich die Möglichkeit, das ganze übrige Leben, mehr denn zwanzig Jahre lang, sozusagen einen „Vorwurf zu verkörpern“ – buchstäblich nach dem Dichterwort:

„... Idealist und Liberaler,

Standest du vorm Vaterlande

Als verkörperter Vorwurf da!“

Doch jener Typ[9], auf den sich diese Worte bezogen, hätte vielleicht auch das Recht gehabt, zeitlebens in diesem Sinne zu posieren, vorausgesetzt, daß er es wollte, obschon so etwas doch recht langweilig sein muß. Unser Stepan Trophimowitsch aber war, wenn man schon die Wahrheit sagen soll, nur ein Nachahmer im Vergleich zu jenen Charakteren, ja und das Stehen ermüdete ihn auch, weshalb er denn oft genug ein bißchen auf der Seite lag. Aber gleichviel, auch in liegender Stellung verblieb er eine Verkörperung des Vorwurfs – das muß man ihm schon lassen –, um so mehr, als für die Provinz auch das vollauf genügte. Oh, man hätte ihn sehen sollen, wenn er sich bei uns im Klub an den Kartentisch setzte! Seine ganze Miene sprach dann förmlich: „Karten! Ich spiele mit euch Jeralásch![10] Wie ist das vereinbar? Wer kann das verantworten? Wer hat mein Wirken zertrümmert und es in Jeralásch verwandelt? Ach, geh unter, Rußland!“ und würdevoll spielte er aus, – selbstredend Coeur zuerst.

Im Grunde aber liebte er sogar sehr, ein Partiechen zu machen, weswegen er nicht selten, und besonders in der letzten Zeit, mit Warwara Petrowna unangenehme Auseinandersetzungen hatte, zumal er im Spiel immer verlor. Doch davon später. Ich will nur bemerken, daß er ein sogar gewissenhafter Mensch war (d. h. manchmal) und darum oft trauerte. Im Laufe der ganzen zwanzigjährigen Freundschaft mit Warwara Petrowna pflegte er regelmäßig drei- bis viermal im Jahre seinem „Bürgergram“, wie wir das nannten, zu verfallen, das heißt einfach einer Hypochondrie, doch der Ausdruck „Bürgergram“ gefiel der verehrten Warwara Petrowna. Späterhin war es auch noch der Champagner, dem er ab und zu verfiel oder zu verfallen begann, aber auch in der Beziehung schützte ihn die feinfühlige Warwara Petrowna das ganze Leben lang vor allen trivialen Neigungen. Er bedurfte ja auch wirklich einer Art Kinderwärterin, denn mitunter konnte er sehr sonderbar sein: konnte mitten in der erhabensten Trauer plötzlich auf die volkstümlichste Weise zu spotten anfangen. Ja, es gab Augenblicke, wo er sich sogar über sich selbst in humoristischem Sinne zu äußern begann. Nichts aber fürchtete Warwara Petrowna so, wie humoristischen Sinn. Sie war eben eine klassisch empfindende Frau, war als Frau eine Mäzenatin, die nur nach höheren Gesichtspunkten handelte. Unschätzbar war denn auch der zwanzigjährige Einfluß dieser höheren Dame auf ihren armen Freund. Doch von ihr müßte man eingehender sprechen, was ich denn auch tun will.

III.

Es gibt sonderbare Freundschaften; es gibt Freunde, die nur miteinander streiten, das ganze Leben in Streit verbringen, und doch nicht voneinander lassen können. Das Auseinandergehen ist ihnen sogar ganz unmöglich: der Freund, der aus Eigensinn als erster die Verbindung zerrisse, würde auch als erster krank werden und womöglich sterben, wenn es darauf ankommt. Ich weiß genau, daß Stepan Trophimowitsch mehrere Male, und zwar manchmal nach den intimsten Herzensergüssen unter vier Augen mit Warwara Petrowna, plötzlich, nachdem sie ihn verlassen hatte, vom Diwan aufsprang und mit den Fäusten an die Wand zu hämmern begann. Nicht sinnbildlich, sondern ganz einfach und sogar so, daß er einmal den Putz von der Wand losschlug. Vielleicht wird man nun fragen: wie ich denn eine so zarte Einzelheit habe erfahren können? Wie nun, wenn ich selbst Augenzeuge war? Wie, wenn er wiederholt an meiner Schulter geschluchzt und mir dabei in grellen Farben seine letzten Geheimnisse erzählt hat? (Und was, ja was kam dann nicht alles über seine Lippen!) Doch nach solchem Geschluchze geschah fast immer Folgendes: am nächsten Tage war er dann bereit, sich wegen seiner Undankbarkeit selber zu kreuzigen; dann rief er mich eilig zu sich oder kam schnell selbst zu mir, nur um mir mitzuteilen, daß Warwara Petrowna, „was Ehre und Zartgefühl betrifft“, ein Engel sei, er aber sei „das absolute Gegenteil“. Und nicht nur zu mir kam er dann, nein, er schrieb das alles in wortreichen Briefen auch Warwara Petrowna, gestand ihr, ohne sich zu scheuen, den Brief mit seinem vollen Namen zu unterzeichnen, daß er z. B. erst gestern einem beliebigen Menschen erzählt habe, sie halte ihn nur aus Ruhmsucht in ihrem Hause, doch im Grunde beneide sie ihn nur um seines Wissens und seiner Talente willen; ja, sie hasse ihn sogar und wage nur nicht, ihren Haß offen zu zeigen, aus Furcht, er könnte dann weggehen und ihrem Ruf in der Literaturgeschichte schaden; infolgedessen verachte er sich nun selbst und habe er beschlossen, eines gewaltsamen Todes zu sterben; von ihr aber erwarte er nur noch ein letztes Wort, das alles entscheiden werde usw., usw. in dieser Art. Nach diesem Beispiel kann man sich ungefähr vorstellen, zu welch einer Hysterie die nervösen Ausbrüche dieses unschuldigsten von allen 50jährigen Säuglingen manchmal ausarteten! Einen dieser Briefe nach irgendeinem Streit zwischen ihnen aus einem geringfügigen Anlaß, aber mit erbitterndem Ausgang, habe ich selbst gelesen. Ich war entsetzt und beschwor ihn, den Brief doch nicht abzusenden.

„Ich kann nicht ... es ist ehrlicher ... es ist meine Pflicht ... ich sterbe, wenn ich ihr nicht alles gestehe, alles!“ antwortete er nahezu fiebernd und sandte den Brief tatsächlich ab.

Gerade darin aber lag der Unterschied zwischen ihnen, daß Warwara Petrowna einen solchen Brief niemals abgesandt hätte. Freilich, er liebte über alle Maßen zu schreiben, schrieb ihr selbst damals, als sie noch in demselben Hause wohnten, schrieb in hysterischen Fällen sogar zweimal am Tage. Ich weiß genau, daß Warwara Petrowna immer mit der größten Aufmerksamkeit diese Briefe durchlas, auch wenn sie ihrer zwei am Tage erhielt, um sie dann, nummeriert und sortiert, in einer besonderen Schatulle aufzubewahren; außerdem aber hob sie sie noch in ihrem Herzen auf. Und nachdem sie dann ihren Freund den ganzen Tag vergeblich auf eine Antwort hatte warten lassen, benahm sie sich ihm gegenüber am nächsten Tage, als wäre so gut wie nichts Besonderes geschehen, als läge gar nichts vor. Auf die Weise hatte sie ihn allmählich so zugestutzt, daß er schon von selbst nicht mehr an das Vorgefallene zu erinnern wagte und ihr nur eine Weile in die Augen sah. Doch vergessen tat sie nichts, er aber vergaß manchmal schon gar zu schnell, und ermutigt durch ihre Ruhe, konnte er oft schon am selben Tage wieder lachen und beim Champagner allen möglichen Unsinn treiben, wenn ihn seine Freunde gerade an dem Tage besuchten. Mit welchen verbitternden Gefühlen muß sie in solchen Augenblicken auf ihn gesehen haben, er aber bemerkte überhaupt nichts! Es sei denn, daß ihm nach einer Woche, einem Monat oder erst nach einem halben Jahr in einem besonderen Augenblick zufällig irgendein von ihm gebrauchter Ausdruck in so einem Brief einfiel und nach und nach der ganze Brief mit allen Einzelheiten und Umständen, und dann verging er plötzlich vor Scham und quälte sich mitunter dermaßen, daß er wieder an seinen Anfällen von Cholerine erkrankte. Diese ihn heimsuchenden eigentümlichen Anfälle, die an Cholerine erinnerten, waren in gewissen Fällen der gewöhnliche Ausgang seiner nervösen Erschütterungen und stellten ein in ihrer Art interessantes Kuriosum seiner Physis dar.

Ja, Warwara Petrowna hat ihn gewiß und sogar sehr oft gehaßt; er aber hat bis zum Schluß nur eines nicht an ihr erkannt: daß er nämlich zu guter Letzt für sie zu einem Sohn geworden war, zu ihrem Geschöpf, ja man kann sagen, zu einer Erfindung von ihr, daß er schon Fleisch von ihrem Fleisch war und daß sie ihn keineswegs „aus Neid“, „um seiner Talente willen“ bei sich hielt und unterhielt. Und wie müssen solche Verdächtigungen sie verletzt haben! In ihr verbarg sich eine gewisse unerträgliche, unduldsame Liebe zu ihm, mitten unter ununterbrochenem Haß, unter Eifersucht und Verachtung. Sie beschützte ihn vor jedem Stäubchen, gab sich unermüdlich zweiundzwanzig Jahre lang mit ihm ab, und die Sorge hätte ihr den Schlaf geraubt, wenn man seinen Ruf als Dichter, als Gelehrter, sein Wirken im kulturbürgerlichen Sinne angetastet hätte. Sie hatte ihn sich ausgedacht und war selber die erste, die an die Wirklichkeit ihrer eigenen Dichtung glaubte. Er war so etwas wie ihr Traumbild. Aber sie verlangte von ihm tatsächlich viel dafür, manchmal geradezu sklavischen Gehorsam. Und nachtragend war sie bis zur Unglaublichkeit. Übrigens werde ich doch lieber gleich zwei Fälle erzählen.

IV.

Einmal, gerade in der Zeit, als sich die ersten Gerüchte von der Aufhebung der Leibeigenschaft im Lande zu verbreiten begannen, beehrte ein Petersburger Baron, ein Mann mit den allerhöchsten Verbindungen, der noch dazu von Amts wegen der mit Jubel erwarteten Neuerung sehr nahe stand, auf der Durchfahrt Warwara Petrowna mit seinem Besuch. Sie liebte und pflegte solche Bekanntschaften außerordentlich, zumal ihre Verbindungen mit der hohen Gesellschaft nach dem Tode ihres Mannes beträchtlich abgenommen hatten und schließlich ganz aufzuhören drohten. Der Baron verweilte etwa eine Stunde bei ihr und trank Tee. Von ihren Bekannten war sonst niemand zugegen, nur Stepan Trophimowitsch ward von ihr eingeladen und sozusagen zur Schau gestellt. Der Baron hatte denn auch richtig schon früher von ihm gehört, oder tat wenigstens, als habe er von ihm gehört, doch wandte er sich beim Tee selten an ihn. Natürlich hätte sich Stepan Trophimowitsch gesellschaftlich nie irgendwie blamieren können, er hatte überhaupt die feinsten Manieren; obschon er, glaube ich, nicht von hoher Herkunft war. Aber er war von der frühesten Kindheit an in einem vornehmen Moskauer Hause aufgewachsen, also sehr gut erzogen; Französisch sprach er wie ein Pariser. Der Baron mußte mithin auf den ersten Blick erkennen, mit welchen Menschen Warwara Petrowna sich umgab, wenn sie auch in der Provinz lebte. Allein, es sollte anders kommen. Als nämlich der Baron die neuen Gerüchte von der bevorstehenden großen Reform ausdrücklich bestätigte, da konnte Stepan Trophimowitsch plötzlich nicht an sich halten und rief ein „Hurra!“, wobei er mit der Hand noch eine Geste machte, die Begeisterung ausdrücken sollte. Er rief es übrigens nicht laut und geradezu elegant; ja, vielleicht war die Begeisterung sogar wohlüberlegt und die Geste absichtlich vor dem Spiegel einstudiert, eine halbe Stunde vor dem Tee; doch offenbar mißglückte ihm hierbei irgend etwas, so daß der Baron sich ein kaum merkliches Lächeln erlaubte, wenn er auch sofort überaus höflich eine Phrase über die allgemeine und erklärliche Ergriffenheit aller russischen Herzen angesichts der großen Begebenheit einflocht. Darauf empfahl er sich bald und vergaß dabei nicht, Stepan Trophimowitsch zum Abschiede zwei Finger zu reichen. Als Warwara Petrowna in den Salon zurückkehrte, schwieg sie zunächst etwa drei Minuten lang und tat, als suchte sie etwas auf dem Tisch; doch plötzlich wandte sie sich zu Stepan Trophimowitsch und stieß, bleich, mit blitzenden Augen, halblaut zischelnd hervor: „Das werde ich Ihnen nie vergessen!“

Am anderen Tage verhielt sie sich zu ihrem Freunde als wäre nichts geschehen, über das Vorgefallene verlor sie weiter kein Wort. Erst nach dreizehn Jahren, in einem tragischen Augenblick, erinnerte sie ihn plötzlich an diesen Vorfall und wieder erbleichte sie dabei genau so wie damals. Nur zweimal in ihrem Leben hat sie zu ihm gesagt: „Das werde ich Ihnen nie vergessen!“ Der Fall mit dem Baron war schon der zweite Fall; aber auch der erste war an und für sich so charakteristisch und hat, wie mir scheint, im Schicksal Stepan Trophimowitschs so viel bedeutet, daß ich mich entschließe, auch ihn zu erwähnen.

Das war im Jahre 1855, im Mai, kurz nachdem man in Skworeschniki die Nachricht vom Tode des Generalleutnants Stawrogin, des leichtsinnigen alten Herrn, erhalten hatte, der auf der Reise nach der Krim zur Übernahme eines Kommandos in der aktiven Armee unterwegs an einer Magenerkrankung gestorben war. Warwara Petrowna war also nun Witwe und ging in tiefstem Schwarz. Freilich, innerlich konnte ihre Trauer nicht sehr groß sein, denn schon die letzten vier Jahre hatten die beiden Gatten wegen der Charaktergegensätze vollkommen getrennt gelebt und sie hatte ihm nur eine Art Pension ausgesetzt. (Der Generalleutnant besaß selber nur 150 Seelen und sein Gehalt, außerdem seinen alten Adel und Beziehungen; der ganze Reichtum dagegen und Skworeschniki gehörten Warwara Petrowna, als der einzigen Tochter eines sehr reichen Branntweinpächters.) Nichtsdestoweniger hatte die Plötzlichkeit der Nachricht sie erschüttert und so zog sie sich denn in die Einsamkeit zurück. Selbstredend befand sich Stepan Trophimowitsch ununterbrochen bei ihr.

Der Mai stand in voller Blüte; die Abende waren wundervoll. Maulbeerbäume dufteten. Die beiden Freunde kamen allabendlich im Garten zusammen, saßen bis in die Nacht hinein in einer Laube und breiteten ihre Gefühle und Gedanken voreinander aus. Es gab manchen poetischen Augenblick. Unter dem Eindruck ihrer Schicksalsänderung sprach Warwara Petrowna mehr als gewöhnlich. Sie schmiegte sich gleichsam an das Herz ihres Freundes, und das setzte sich so mehrere Abende fort. Plötzlich kam Stepan Trophimowitsch ein eigentümlicher Gedanke: Wie? rechnete die erschütterte Witwe jetzt vielleicht auf ihn? Erwartete sie etwa nach Ablauf des Trauerjahres einen Heiratsantrag von ihm? – Ein zynischer Gedanke; aber gerade die Höhe der Organisation begünstigt doch mitunter noch die Neigung zu zynischen Gedanken, schon allein durch die Vielseitigkeit der Entwicklung. Er begann zu überlegen und fand, daß es wirklich diesen Anschein gewann. Er wurde nachdenklich: „Ein riesiges Vermögen, das ist allerdings wahr, aber ...“ In der Tat, Warwara Petrowna war nicht gerade das, was man unter einer Schönheit versteht: sie war eine große, gelbe, magere Frau, mit einem übermäßig langen Gesicht, in dem irgend etwas entfernt an einen Pferdekopf erinnerte. Stepan Trophimowitsch schwankte immer mehr unter solchen Betrachtungen, quälte sich mit Zweifeln und weinte sogar zweimal wegen seiner eigenen Unentschlossenheit (er weinte ziemlich oft). An den Abenden, also in der Laube, nahm sein Gesicht einen kapriziösen Ausdruck an, und zuweilen war sogar etwas Ironisches, etwas Kokettes, und zugleich Hochmütiges darin. Das geschieht ganz unwillkürlich, und sogar je edler der Mensch ist, um so bemerkbarer wird es. Ob nun Stepan Trophimowitschs Befürchtungen grundlos waren oder nicht, das ist schwer zu sagen: am wahrscheinlichsten ist, daß Warwara Petrowna an eine Heirat überhaupt nicht dachte – jedenfalls hätte sie sich wohl niemals entschließen können, ihren alten Namen, den der Stawrogins, mit dem seinen zu vertauschen, selbst wenn sein Name in der Literatur noch so berühmt gewesen wäre. Vielleicht war es von ihr aus nur ein weibliches Spiel, der Ausdruck eines unbewußten weiblichen Bedürfnisses, das ja in manchen weiblichen Fällen doch so natürlich ist. Übrigens kann ich mich für nichts verbürgen, die Tiefe des Frauenherzens ist sogar bis heute noch unerforschlich! Doch ich fahre fort.

Es ist anzunehmen, daß Warwara Petrowna aus dem eigentümlichen Gesichtsausdruck ihres Freundes bald erriet, was in ihm vorging; sie war feinfühlig und verstand zu beobachten, er aber war manchmal schon gar zu naiv. Trotzdem vergingen die Abende nach wie vor poetisch und bei anregender Unterhaltung. Einmal jedoch, bei Anbruch der Nacht, trennten sie sich nach einem besonders lebhaften, interessanten und poetischen Gespräch mit einem heißen Händedruck an der Treppe des Gartenhauses, in das Stepan Trophimowitsch in jedem Sommer aus dem riesigen Herrenhause von Skworeschniki überzusiedeln pflegte. Als er eingetreten war, nahm er zunächst, gleichsam zerstreut und doch wie in Gedanken versunken, eine Zigarre, zündete sie aber noch nicht an, sondern trat ermüdet ans offene Fenster und schaute regungslos den wie Flaum leichten, hellen Wölkchen zu, die an dem klaren Monde vorüberglitten, als plötzlich ein leises Geräusch ihn aufschreckte und er sich umsah. Vor ihm stand wieder Warwara Petrowna, von der er sich vor kaum vier Minuten im Garten getrennt hatte. Ihr gelbes Gesicht war fast bläulich, ihre Lippen schienen sich krampfhaft zusammenzupressen und die Mundwinkel zuckten. So sah sie ihm wohl volle zehn Sekunden lang schweigend in die Augen, mit festem, unerbittlichem Blick, und plötzlich stieß sie in schnellem Geflüster hervor:

„Das werde ich Ihnen nie vergessen!“

Als Stepan Trophimowitsch mir zehn Jahre später diese traurige Geschichte erzählte, flüsternd, nachdem er zuvor die Tür verschlossen hatte, versicherte er mir, er sei damals auf der Stelle so erstarrt, daß er weder gehört noch gesehen habe, wie Warwara Petrowna wieder verschwand. Und da sie später kein einziges Mal den Vorfall auch nur erwähnt hatte und alles seinen Lauf ging, als wäre nichts geschehen, so war er sein lebelang geneigt, anzunehmen, daß das Ganze nur eine Halluzination vor der Erkrankung gewesen sei, zumal er tatsächlich noch in derselben Nacht erkrankte und ganze zwei Wochen lang das Bett hüten mußte, was denn auch, übrigens sehr zur rechten Zeit, den Gesprächen in der Laube ein Ende machte.

Doch ungeachtet seiner Idee von der Halluzination war es dennoch, als erwartete er jeden Tag, während der ganzen Jahre, so etwas wie eine Fortsetzung und sozusagen Erklärung dieses Geschehnisses. Er glaubte nicht, daß es damit auch beendet sei! Und wenn er das nicht glaubte, wie sonderbar muß er dann doch manchmal auf seinen „Freund“ geschaut haben!

V.

Sie hatte sogar das Kostüm für ihn erdacht, das er seitdem beständig trug. Es war geschmackvoll und charakteristisch zugleich: ein langer schwarzer Rock, fast bis oben zugeknöpft, der aber prachtvoll saß; ein weicher Hut (im Sommer aus Stroh) mit breiter Krempe; eine Halsbinde aus weißem Batist, mit großem Knoten und hängenden Enden; ein Stock mit silbernem Knauf, dazu das Haar fast bis auf die Schultern. Er war dunkelblond und erst in der letzten Zeit begann er ein wenig zu ergrauen. Den Schnurrbart und Bart rasierte er. Man sagt, in seiner Jugend sei er ein überaus schöner Mensch gewesen. Doch meiner Meinung nach war er auch im Alter eine ungemein eindrucksvolle Erscheinung. Aber kann man denn bei dreiundfünfzig Jahren überhaupt von Alter reden? Doch aus einer gewissen „Bürger“-Eitelkeit machte er sich nicht nur nicht jünger, sondern war sogar gleichsam stolz auf die Solidität seiner Jahre, und in diesem Kostüm, hoch von Wuchs, hager, mit dem langen Haar erinnerte er gleichsam an einen Patriarchen, oder noch besser: an das Porträt des Dichters Kúkolnik[11], das in den dreißiger Jahren als Lithographie in irgendeiner Ausgabe erschien, besonders wenn er im Sommer im Garten saß, auf einer Bank unter blühendem Flieder, die Hände auf den Stock gestützt, ein aufgeschlagenes Buch neben sich und in poetisches Sinnen versunken beim Anblick des Sonnenuntergangs. Übrigens in betreff der Bücher muß ich bemerken, daß er in der letzten Zeit das Lesen gewissermaßen aufzugeben begann. Aber das geschah doch erst in der allerletzten Zeit. Die Zeitungen und Zeitschriften dagegen, die Warwara Petrowna in Menge sich zuschicken ließ, die las er beständig. Für die Fortschritte der russischen Literatur interessierte er sich gleichfalls unausgesetzt, freilich ohne dabei seiner eigenen Würde auch nur das geringste zu vergeben. Eine Zeitlang befaßte er sich auch eifrig mit dem Studium unserer inneren und äußeren Tagespolitik, doch alsbald gab er das resigniert wieder auf. Es kam aber auch anderes vor: daß er z. B. einen Band Tocqueville in den Garten mitnahm, in seiner Rocktasche aber einen Paul de Kock versteckt hatte. Doch das sind übrigens Belanglosigkeiten.

Zu dem Porträt von Kúkolnik möchte ich hier nur in Klammern bemerken: daß dieses Bild Warwara Petrowna zum erstenmal in die Hände geraten war, als sie noch in Moskau in einem adeligen Mädchenpensionat erzogen wurde. Sie verliebte sich sofort in dieses Bild, nach der Gewohnheit sämtlicher jungen Mädchen in Pensionaten, die sich nun einmal in alles zu verlieben pflegen, was ihnen nur zu Gesichte kommt, aber zugleich auch in ihre Lehrer, und zwar vornehmlich in die der Schönschreibe- und Zeichenkunst. Im vorliegenden Fall jedoch war das Bemerkenswerte nicht diese Eigenschaft junger Mädchen, sondern lediglich der Umstand, daß Warwara Petrowna die erwähnte Lithographie noch im fünfzigsten Lebensjahr unter ihren teuersten Kostbarkeiten aufbewahrte, also vielleicht nur deshalb auch für Stepan Trophimowitsch jenes besondere Kostüm erdacht hatte, das dem auf diesem Bilde dargestellten zum Teil so ähnlich war. Aber auch das ist natürlich nur eine Nebensache.

In den ersten Jahren oder, genauer gesagt, in der ersten Hälfte seines Aufenthalts bei Warwara Petrowna hatte Stepan Trophimowitsch immer noch an schriftstellerische Tätigkeit gedacht und sich eigentlich jeden Tag ernstlich vorgenommen, mit dem Werk, das ihm vorschwebte, zu beginnen. In der zweiten Hälfte aber begann er offenbar, die früheren Vorstudien schon zu vergessen. Immer häufiger sagte er zu uns: „Man sollte meinen, jetzt könnte ich mit der Arbeit beginnen, das Material ist zusammengetragen, und doch entsteht nichts! Es will einfach nicht in mir arbeiten!“ und wehmütig ließ er den Kopf hängen. Zweifellos sollte gerade das ihn in unseren Augen noch mehr erhöhen, ihn als einen Märtyrer der Wissenschaft hinstellen; aber im Grunde und für sich selbst verlangte ihn doch nach etwas anderem. „Man hat mich vergessen, niemand braucht mich!“ entrang es sich ihm mehr als einmal. Diese gesteigerte Schwermut bemächtigte sich seiner besonders ganz am Ende der fünfziger Jahre. Warwara Petrowna begriff schließlich, daß die Sache ernst war. Zudem konnte auch sie den Gedanken nicht ertragen, daß ihr Freund vergessen sei und niemand ihn brauche. Um ihn zu zerstreuen, aber zugleich auch um seinen Ruhm zu erneuen, reiste sie damals mit ihm nach Moskau, wo sie mit einigen tadellosen Vertretern der Literaten- und Gelehrtenwelt bekannt war; doch es erwies sich, daß auch Moskau nicht zufriedenstellen konnte.

Es war damals eine besondere Zeit[12]; etwas Neues brach an, etwas, das der vorhergegangenen Stille schon gar zu unähnlich war, etwas schon gar zu Seltsames, das jedoch überall gespürt wurde, selbst in Skworeschniki. Verschiedene Gerüchte drangen auch dorthin. Die Tatsachen waren ja im allgemeinen mehr oder weniger bekannt, aber es war klar, daß außer den Tatsachen noch eigentümliche sie begleitende Ideen aufzutauchen begannen, und zwar, was das Wichtigste war, Ideen in außergewöhnlicher Menge. Gerade das aber wirkte verwirrend: es war ganz und gar unmöglich, sich ein Urteil zu bilden und genau zu erfahren, was diese Ideen eigentlich bezweckten. Warwara Petrowna wollte, infolge der weiblichen Konstruktion ihrer Natur, unbedingt ein Geheimnis in ihnen verborgen wissen. Sie begann nun zunächst selber die Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, dazu ausländische verbotene Ausgaben und sogar die damals aufkommenden Proklamationen (alles das wurde ihr zugestellt); doch ihr wurde davon nur schwindlig. Sie begann dann Briefe zu schreiben; man antwortete ihr wenig und je weiter man ging, um so unverständlicher wurde es. Stepan Trophimowitsch ward darauf feierlichst von ihr gebeten, ihr „alle diese Ideen“ ein für allemal zu erklären; doch seine Erklärungen befriedigten sie entschieden nicht. Der Standpunkt, von dem aus Stepan Trophimowitsch die allgemeine Bewegung beurteilte, war ein im höchsten Grade hochmütiger; bei ihm lief alles darauf hinaus, daß man ihn vergessen habe und niemand ihn brauche. Da aber geschah es, daß man sich schließlich auch seiner erinnerte; zuerst in ausländischen Zeitschriften[13] als eines verbannten Märtyrers, und danach sofort auch in Petersburg, als eines ehemaligen Sternes in einem bekannten Sternbilde; man verglich ihn aus irgendeinem Grunde sogar mit Radischtscheff[14]. Darauf schrieb jemand in einer Zeitung, er sei bereits gestorben, und stellte einen Nekrolog über ihn in Aussicht. Stepan Trophimowitsch belebte sich nach diesen Erwähnungen seines Namens im Nu wie ein Auferstandener, und nahm eine höchst würdevolle Haltung an. Der ganze Hochmut in seinem bisherigen Verhalten gegenüber den Zeitgenossen fiel im Handumdrehen von ihm ab und statt dessen erglühte in ihm der Wunsch: sich der Bewegung anzuschließen und seine Kraft zu zeigen. Warwara Petrowna begann sofort von neuem und an alles zu glauben und war ganz Eifer für die Sache. Es wurde beschlossen, ohne den geringsten Aufschub nach Petersburg zu reisen, alles an Ort und Stelle in Erfahrung zu bringen, persönlich zu ergründen, und sich hinfort, falls angängig, ganz und ungeteilt der neuen Aufgabe zu widmen. Unter anderem erklärte sie sich bereit, eine eigene Zeitschrift zu gründen und dieser von nun an ihr ganzes Leben zu weihen. Als Stepan Trophimowitsch sah, wieweit es gekommen war, wurde er noch selbstbewußter, und begann bereits unterwegs, sich zu Warwara Petrowna fast gönnerhaft zu verhalten, – was sie sich sofort merkte und in ihrem Herzen aufhob. Übrigens hatte sie noch einen anderen sehr wichtigen Grund zu dieser Reise, nämlich die Erneuerung ihrer Beziehungen zu den höheren Kreisen. Man mußte sich, soweit das möglich war, in der Gesellschaft wieder in Erinnerung bringen, mußte wenigstens den Versuch machen. Doch offiziell war der Anlaß zu dieser Reise ein Wiedersehen mit ihrem einzigen Sohn, der damals seine Studien im Petersburger Adelslyzeum beendete.

VI.

Sie trafen in Petersburg ein und verlebten dort fast die ganze Wintersaison. Allein zu den großen Fasten platzte alles wie eine regenbogenfarbene Seifenblase. Die Illusionen verflogen, der geschwatzte Unsinn aber klärte sich nicht nur nicht auf, sondern wurde noch widerlicher. Doch zunächst: die Wiederanknüpfung der höheren Beziehungen gelang fast gar nicht, oder nur in äußerst mikroskopischem Maße, und selbst das nur mittels erniedrigender Bemühungen. Die gekränkte Warwara Petrowna stürzte sich darauf ganz in die „neuen Ideen“ und eröffnete Abende in ihrem Salon. Sie lud Literaten ein und man führte ihr die sogleich in Menge zu. Alsbald kamen sie schon von selbst auch uneingeladen; einer brachte den anderen mit. Sie hatte noch nie solche Literaten gesehen. Eitel waren sie bis zur Unglaublichkeit, aber sie waren es ganz offen und ungeniert, wie wenn sie damit eine Pflicht erfüllten. Manche (wenn auch längst nicht alle) erschienen sogar in betrunkenem Zustande, aber auch das geschah in einer Weise, als wären sie sich dabei einer besonderen, erst gestern darin entdeckten Schönheit bewußt. Alle waren sie auf irgendetwas bis zur Seltsamkeit stolz. Auf allen Gesichtern stand geschrieben, daß sie überzeugt waren, soeben erst ein ungeheuer wichtiges Geheimnis entdeckt zu haben. Den Gebrauch von Schimpfworten rechneten sie sich offenbar zur Ehre an. Was sie alle eigentlich geschrieben hatten, war ziemlich schwer zu erfahren; aber es gab da Kritiker, Romanschriftsteller, Dramatiker, Satiriker, Polemiker. Stepan Trophimowitsch drang sogar in ihren höchsten Kreis ein, von wo aus die ganze Bewegung geleitet wurde. Bis zu diesen Regierenden war es unglaublich hoch, doch ihm kamen sie bereitwillig entgegen, obschon natürlich kein einziger von ihnen etwas Näheres über ihn wußte oder gehört hatte, außer daß er eine „Idee vertrete“. Er manövrierte dann so um sie herum, daß er auch sie bewog, etwa zwei- oder dreimal in Warwara Petrownas Salon zu erscheinen, trotz all ihrer olympischen Erhabenheit. Diese Herren waren sehr ernst und sehr höflich; benahmen sich gut; die übrigen hatten sichtlich Furcht vor ihnen; aber man sah ihnen an, daß sie keine Zeit hatten. Es erschienen auch zwei oder drei ehemalige literarische Berühmtheiten, die sich damals zufällig in Petersburg aufhielten, und mit denen Warwara Petrowna schon lange die feinsten Beziehungen unterhielt. Doch zu Warwara Petrownas Verwunderung waren diese wirklichen und bereits zweifellosen Berühmtheiten unter ihren Gästen stiller als Wasser, niedriger als Gras, manche aber von ihnen schmiegten sich an dieses neue Gesindel geradezu an und suchten sich schmählicherweise bei ihm einzuschmeicheln. Anfangs hatte Stepan Trophimowitsch Glück; man griff sofort nach ihm und begann ihn in öffentlichen literarischen Veranstaltungen zur Schau zu stellen. Als er an einem öffentlichen literarischen Abende zum erstenmal als einer der Vortragenden die Rednerbühne betrat, begrüßte ihn rasendes Händeklatschen, das gute fünf Minuten lang andauerte. Neun Jahre später gedachte er dieses Abends mit Tränen in den Augen, – übrigens mehr infolge seiner Künstlernatur als aus Dankbarkeit. „Ich schwöre Ihnen und wette darauf,“ sagte er zu mir (aber nur zu mir und als tiefstes Geheimnis), „daß unter diesem ganzen Publikum niemand auch nur das geringste von mir wußte!“ Ein beachtenswertes Geständnis: also war in ihm doch ein scharfer Verstand, wenn er schon damals auf der Rednerbühne, trotz seines Rausches, seine wirkliche Stellung so klar zu erkennen vermochte; und andererseits war doch wiederum kein scharfer Verstand in ihm, wenn er sogar nach neun Jahren nicht ohne die Empfindung einer Kränkung daran zurückdenken konnte. Unter anderem veranlaßte man ihn, zwei oder drei Kollektivproteste (wogegen – das wußte er selbst nicht) gleichfalls zu unterschreiben; jedenfalls tat er’s. Auch Warwara Petrowna wurde zur Hergabe ihres Namens veranlaßt, und auch sie unterschrieb einen Protest gegen irgendein „schändliches Verhalten“. Übrigens hielt sich die Mehrzahl dieser neuen Leute aus irgendeinem Grunde für verpflichtet, auf Warwara Petrowna, wenn sie auch ihre Abende besuchten, doch mit Verachtung und unverhohlenem Spott herabzusehen. Stepan Trophimowitsch deutete mir gegenüber später in bitteren Augenblicken an, daß sie in eben jener Zeit begonnen habe, ihn zu beneiden. Sie begriff natürlich, daß diese Leute kein Umgang für sie waren, aber trotzdem empfing sie sie bei sich mit eigensinnigem Eifer, mit aller weiblich-hysterischen Ungeduld, und hörte vor allem nicht auf, etwas zu erwarten. An den Abenden in ihrem Salon sprach sie wenig, obschon sie zu sprechen verstanden hätte; aber sie hörte um so aufmerksamer zu. Man sprach über alles Mögliche: von der Abschaffung der Zensur und des Buchstabens Jerr als harten Endzeichens, von der Ersetzung der russischen Schriftzeichen durch lateinische, sprach über die Tags zuvor erfolgte Verschickung irgend jemandes nach Sibirien, über einen Skandal, der sich in der Passage zugetragen, über die Vorteile einer Aufteilung Rußlands nach seinen Völkerschaften, unter freiem föderativem Zusammenschluß, über die Abschaffung des Heeres und der Flotte, über die Wiederherstellung Polens bis zum Dnjepr, über die Bauernbefreiung und die Proklamationen, über die Abschaffung des Erbrechts, der Familie, der Kinder und der Geistlichen, über die Frauenrechte, über das Haus des Verlegers Krajewski, das niemand Herrn Krajewski verzeihen konnte, usw. usw. Es war klar, daß sich in dieser Kohorte der neuen Menschen viele Spitzbuben befanden, aber zweifellos gab es auch viele ehrliche, sogar sehr anziehende Menschen unter ihnen, trotz gewisser wunderlicher Nuancen. Die ehrlichen waren viel unverständlicher als die unehrlichen und frechen; aber es ließ sich nicht feststellen, welche Art die andere in der Hand hatte. Als Warwara Petrowna ihre Absicht, eine Zeitschrift herauszugeben, ausgesprochen hatte, strömten noch viel mehr Leute herbei. Doch sofort hagelten ihr auch schon Beschuldigungen ins Gesicht, sie sei eine Kapitalistin und beute die Arbeitenden aus. Der Unverfrorenheit der Anklagen kam nur ihre Unverhofftheit gleich. Da geschah es aber, daß der hochbetagte General Iwan Iwanowitsch Drosdoff, der ehemalige Freund und Regimentskamerad des verstorbenen Generals Stawrogin, ein überaus ehrenwerter Mann (in seiner Art) und den wir hier alle gekannt haben, ein bis zum Äußersten starrköpfiger und reizbarer Mensch, der entsetzlich viel zu essen pflegte und den Atheismus über alles fürchtete, – daß dieser General an einem der Abende bei Warwara Petrowna mit einem berühmten Jüngling in Streit geriet. Und schon nach den ersten Worten warf ihm dieser ins Gesicht: „Wenn das wirklich Ihre Ansicht ist, dann sind Sie ja ein General,“ in dem Sinne, als könne er ein noch stärkeres Schimpfwort als die Bezeichnung „General“ nicht finden. Iwan Iwanowitsch brauste maßlos auf: „Jawohl, mein Herr, ich bin ein General und Generalleutnant und habe meinem Kaiser gedient, du aber, mein Bester, bist nur ein Bengel und ein Gottesleugner!“ Es kam zu einem höchst unstatthaften Skandal. Am anderen Tage wurde der Fall in der Presse entsprechend behandelt, und man begann Unterschriften zu einem Kollektivprotest gegen Warwara Petrownas „schändliches Verhalten“ zu sammeln, da sie dem General nicht hatte die Tür weisen wollen, was sie sofort hätte tun müssen. Und in einem illustrierten Blatt erschien eine Karikatur, die Warwara Petrowna, den General und Stepan Trophimowitsch boshaft als drei reaktionäre Freunde darstellte; dem Bilde waren auch Verse beigefügt, die der „Dichter aus dem Volk“ eigens zu diesem Ereignis verfaßt hatte. Ich bemerke hierzu von mir aus, daß allerdings viele Personen im Generalsrang die Gewohnheit haben, komischerweise zu sagen: „Ich habe meinem Kaiser gedient“ ... also ganz als hätten sie nicht denselben Kaiser wie wir einfachen Untertanen des Zaren, sondern einen eigenen, besonderen für sich.

Natürlich war es danach nicht möglich, noch länger in Petersburg zu bleiben, zumal auch Stepan Trophimowitsch endgültig Fiasko machte. Er hatte es schließlich doch nicht ausgehalten und von den Rechten der Kunst zu reden begonnen, da aber war das Lachen über ihn noch lauter geworden. Bei seinem letzten Vortrag gedachte er durch kulturfordernde Redekunst zu wirken, da er sich einbildete, damit die Herzen rühren zu können, doch rechnete er gleichzeitig auf den Respekt vor seinem Märtyrertum als „Verbannter“. So gab er denn die Wertlosigkeit und Lächerlichkeit des Wortes „Vaterland“ ohne weiteres zu, erklärte sich auch mit dem Gedanken, daß die Religion schädlich sei, einverstanden, doch dafür verkündete er laut und mit Entschlossenheit, daß Stiefel etwas Geringeres seien als Puschkin, und zwar etwas bedeutend Geringeres. Er wurde erbarmungslos ausgepfiffen, so daß er auf der Stelle, vor dem ganzen Publikum, ohne von der Rednerbühne hinabzusteigen, in Tränen ausbrach. Warwara Petrowna brachte ihn halbtot nach Hause. „On m’a traité comme un vieux bonnet de coton![1] soll er nur noch wie benommen gestammelt haben. Sie pflegte ihn die ganze Nacht, gab ihm Kirschlorbeertropfen und tröstete ihn unentwegt bis zum Morgen mit den Versicherungen: „Sie sind noch wertvoll, Ihre Stunde wird noch kommen, man wird Sie anerkennen ... an einem anderen Ort.“

Am folgenden Tage aber erschienen bei Warwara Petrowna bereits früh morgens fünf Literaten, von denen ihr drei ganz unbekannt waren, ja die sie noch nie auch nur gesehen hatte. Mit strenger Miene teilten sie ihr mit, sie hätten die Angelegenheit der von ihr geplanten Zeitschrift geprüft und in der Sache einen Beschluß gefaßt. Warwara Petrowna hatte entschieden niemanden beauftragt, diese Angelegenheit zu prüfen und über ihre Zeitschrift etwas zu beschließen. Der Beschluß bestand darin, daß Warwara Petrowna, nachdem sie die Zeitschrift gegründet, diese unverzüglich mitsamt dem Kapital ihnen zu übergeben habe, mit den Rechten einer freien Handelsgesellschaft; sie selbst aber solle nach Skworeschniki zurückkehren und nicht vergessen, Stepan Trophimowitsch mitzunehmen, der mit seinen Anschauungen „veraltet“ sei. Aus Zartgefühl erklärten sie sich bereit, ihr das Eigentumsrecht zuzuerkennen und ihr alljährlich ein Sechstel des Gewinnes zuzusenden. Das Rührendste war dabei, daß von diesen fünf Menschen vier ganz gewiß nicht die geringste eigennützige Absicht hatten und nur um der „allgemeinen Sache“ willen diese Mühe auf sich nahmen.

„Wir waren wie betäubt, als wir abfuhren,“ erzählte Stepan Trophimowitsch, „ich konnte noch überhaupt nichts fassen, und ich erinnere mich, zum Rattern der Räder murmelte ich immer nur vor mich hin: ‚Wjek, Wjek, Wjek ... Ljeff Kambeck–beck–beck ... Wjek, Wjek, Wjek ...‘[15] und der Teufel weiß was noch alles, bis wir in Moskau eintrafen. Erst in Moskau kam ich wieder zu mir – als hätte ich dort tatsächlich etwas anderes gefunden? Oh, meine Freunde!“ rief er vor uns manchmal ergriffen aus, „Sie können sich ja gar nicht vorstellen, welch eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele erfüllen, wenn die große Idee, die Sie schon lange heilig halten, von Unwissenden aufgegriffen und zu ebensolchen Dummköpfen, wie jene selbst sind, auf die Straße hinausgeschleppt wird, und plötzlich begegnet man ihr schon auf dem Trödelmarkt, wo sie kaum wiederzuerkennen ist, im Schmutz, unsinnig aufgestellt, schief, ohne jede Proportion, ohne Harmonie, als Spielzeug dummer Kinder! Nein! Zu unserer Zeit war es nicht so, unser Streben ging nicht nach der Richtung. Nein, nein, ganz und gar nicht nach der Richtung. Ich erkenne nichts wieder ... Aber unsere Zeit wird von neuem anbrechen und wird alles Wackelnde, Gegenwärtige wieder auf den festen Weg lenken. Denn was sollte sonst wohl werden? ...“

VII.

Gleich nach ihrer Rückkehr aus Petersburg schickte Warwara Petrowna ihren Freund ins Ausland: „zur Erholung“; aber es tat auch not, daß sie sich für einige Zeit voneinander trennten, das fühlte sie. Stepan Trophimowitsch fuhr mit Entzücken ab. „Dort werde ich auferstehen!“ rief er aus, „dort werde ich mich nun endlich der Wissenschaft zuwenden!“ Doch schon in den ersten Briefen aus Berlin begann wieder das alte Lied: „Mein Herz ist zerrissen,“ schrieb er an Warwara Petrowna, „ich kann nichts vergessen! Hier in Berlin hat mich alles an das Alte erinnert, an die Vergangenheit, an die ersten Begeisterungen und die ersten Qualen. Wo ist sie? Wo seid ihr jetzt beide? Wo seid ihr, meine beiden Engel, deren ich niemals wert war? Und wo ist mein Sohn, mein geliebter Sohn? Und schließlich, wo bin ich, ich selbst, wo ist mein früheres Ich, das stählern an Kraft und wie ein Fels unerschütterlich war, während jetzt irgendein Andrejeff, c’est à dire un rechtgläubiger Narr mit einem Bart, peut briser mon existence en deux[2] usw. usw. Was diesen Sohn betrifft, so ist hierzu zu bemerken, daß er ihn in seinem ganzen Leben nur zweimal gesehen hatte: das erstemal, als der Sohn geboren wurde, und das zweitemal gerade jetzt in Petersburg, wo der junge Mann sich zum Eintritt in die Universität vorbereitete. Erzogen worden war der Knabe, wie bereits erwähnt, von Tanten im Gouvernement O..., 700 Werst von Skworeschniki (auf Warwara Petrownas Kosten). Und was den erwähnten Andrejeff betrifft, so war das ganz einfach unser hiesiger Kaufmann, ein Ladenbesitzer, ein großer Sonderling, archäologischer Autodidakt und leidenschaftlicher Sammler russischer Altertümer, der manchmal Stepan Trophimowitsch in Kenntnissen zu überbieten suchte, doch vor allem über Gesinnungsfragen mit ihm debattierte. Dieser achtbare Kaufmann mit grauem Bart und in Silber gefaßter großer Brille schuldete Stepan Trophimowitsch noch 400 Rubel für einige Dessjätinen Wald, die er auf dessen kleinem (an Skworeschniki grenzenden) Gute zum Abholzen gekauft hatte. Obschon nun Stepan Trophimowitsch von Warwara Petrowna fast verschwenderisch mit Mitteln zu dieser Reise ausgestattet worden war, hatte er auf diese 400 Rubel doch noch besonders gerechnet, wahrscheinlich für seine geheimen Ausgaben, und er war fast in Tränen ausgebrochen, als Andrejeff ihn bat, sich noch einen Monat zu gedulden. Übrigens hatte Andrejeff durchaus ein Anrecht auf einen solchen Aufschub, da er die ersten Raten alle fast ein halbes Jahr vor dem Termin bezahlt hatte, weil das Geld damals von Stepan Trophimowitsch gerade dringend benötigt worden war. Jenen ersten Brief Stepan Trophimowitschs aus Berlin las Warwara Petrowna mit Spannung, unterstrich mit dem Bleistift den Ausruf „Wo seid ihr jetzt beide?“ versah den Brief mit dem Datum und verschloß ihn in die Schatulle. Er hatte natürlich an seine beiden verstorbenen Frauen gedacht. In dem zweiten Brief aus Berlin gab es eine Variation des Liedes: „Ich arbeite täglich zwölf Stunden,“ („wenn er doch wenigstens elf geschrieben hätte,“ murmelte Warwara Petrowna), „stöbere in den Bibliotheken umher, vergleiche, mache Auszüge, scheue keinen Weg; war bei den Professoren. Habe die Bekanntschaft mit der reizenden Familie Dundassoff erneuert. Wie entzückend Nadjéshda Nikolájewna selbst jetzt noch ist! Sie läßt Sie grüßen. Ihr junger Gatte und alle drei Neffen sind gleichfalls in Berlin. Abends Unterhaltung mit der Jugend, meist bis zum Morgengrauen; unsere Nächte sind nahezu attisch, jedoch natürlich nur was Feinheit und Geschmack anlangt; alles Höhere; viel Musik, spanische Motive, Pläne einer Erneuerung der Menschheit, die Idee der ewigen Schönheit, sixtinische Madonna, Licht mit Durchbrüchen der Finsternis, aber auch die Sonne hat Flecken! Oh, mein Freund, Sie mein edler, treuer Freund! Mit meinem Herzen bin ich bei Ihnen und der Ihrige; mit Ihnen allein ginge ich überall hin, en tout pays, und wäre es selbst dans le pays de Makar et de ses veaux,[3] von welchem Lande wir in Petersburg vor unserer Abreise, Sie erinnern sich wohl noch, so zitternd gesprochen haben. Denke jetzt lächelnd daran zurück. Als ich die Grenze überschritten hatte, fühlte ich mich in Sicherheit, ein seltsames, neues Empfinden, zum erstenmal nach so langen Jahren ...“ usw. usw.

„Alles Unsinn!“ urteilte Warwara Petrowna, indem sie auch diesen Brief zu den anderen legte. „Wenn sie bis zum Morgenrot attische Nächte verleben, dann wird er doch nicht zwölf Stunden über den Büchern sitzen. War er etwa betrunken, als er das schrieb? Was fällt dieser Dundassowa ein, mich grüßen zu lassen? Übrigens, mag er sich amüsieren ...“

Der Satz „dans le pays de Makar et de ses veaux“ sollte bedeuten: „wohin Makar die Kälber nicht getrieben hat“[16]. Stepan Trophimowitsch übersetzte manchmal auf die verdrehteste Weise russische Sprichwörter und Redensarten ins Französische, obschon er sie zweifellos besser zu deuten und zu übersetzen verstanden hätte; aber er tat das aus Vorliebe zu einer gewissen Nonchalance und fand es witzig.

Doch von dem „Amüsieren“ hatte er bald genug, nicht einmal vier Monate hielt er es aus und kam nach Skworeschniki zurückgeflogen. Seine letzten Briefe bestanden fast ausschließlich aus Ergüssen der gefühlvollsten Liebe zu seinem „abwesenden Freunde“, und waren buchstäblich von Tränen der Sehnsucht verwischt. Es gibt Naturen, die außerordentlich am Hause hängen, ganz wie die Stubenhündchen. Das Wiedersehen der Freunde war eine freudige Hochspannung. Nach zwei Tagen aber verlief alles wieder nach alter Art, und sogar noch langweiliger als früher. „Mein Freund,“ sagte Stepan Trophimowitsch nach vierzehn Tagen zu mir, aber als größtes Geheimnis, „mein Freund, ich habe etwas für mich furchtbar ... Neues entdeckt: Je suis un einfacher Schmarotzer et rien de plus! Mais r–r–rien de plus![4]

VIII.

Darauf trat eine stille Zeit ein und dauerte fast diese ganzen neun Jahre. Die hysterischen Ausbrüche mit dem Geschluchze an meiner Schulter wiederholten sich zwischendurch zwar regelmäßig, störten aber sonst keineswegs unser Wohlbehagen. Ich wundere mich eigentlich nur, daß Stepan Trophimowitsch in dieser Zeit nicht dick wurde. Nur seine Nase rötete sich ein wenig und seine Großmut nahm noch zu. Allmählich bildete sich um ihn ein Kreis von Freunden, der übrigens immer klein blieb. Warwara Petrowna kümmerte sich wohl nur wenig um diesen Kreis, aber wir erkannten sie doch alle als unsere Patronesse an. Nach der Petersburger Enttäuschung hatte sie sich endgültig in unserem Gouvernement niedergelassen: im Winter lebte sie in ihrem großen Hause in der Stadt, im Sommer draußen auf ihrem Gute. Nie vorher hatte sie eine solche gesellschaftliche Bedeutung und soviel Einfluß gehabt, wie in diesen Jahren, das heißt, bis zur Ernennung des neuen, unseres jetzigen Gouverneurs. Dessen Vorgänger dagegen, der unvergeßliche, weiche Iwan Ossipowitsch, war mit ihr nah verwandt, und nicht umsonst hatte sie ihm manche Wohltat erwiesen. Seine Frau zitterte geradezu bei dem Gedanken, sie könne Warwara Petrowna irgendwie mißfallen, und so grenzte denn, nach ihrem Beispiel, die Ehrerbietung der städtischen Kreise vor Warwara Petrowna fast schon an sündhaften Götzendienst. Bei solchen Zuständen hatte es natürlich auch Stepan Trophimowitsch gut. Er war Mitglied des Klubs, verlor würdevoll im Kartenspiel und erwarb sich die allgemeine Achtung, wenn auch viele in ihm nur einen „Gelehrten“ sahen. Späterhin, als Warwara Petrowna ihm eine eigene Wohnung zu beziehen gestattete, war unser Verkehr noch zwangloser. Wir versammelten uns etwa zweimal wöchentlich bei ihm, und dann gab es lustige Abende, besonders wenn er mit dem Champagner nicht kargte. Er bezog ihn von dem bereits erwähnten Andrejeff und die Rechnungen wurden halbjährlich von Warwara Petrowna bezahlt. Der Zahlungstag war dann allerdings fast immer auch ein Tag der Cholerine.

Das älteste Mitglied des Freundeskreises war Liputin, ein Gouvernementsbeamter in nicht mehr jungen Jahren, sehr liberal; in der Stadt galt er für einen Atheisten. Verheiratet war er zum zweiten Male, mit einer jungen und sehr netten Frau, die sogar eine Mitgift in die Ehe gebracht hatte. Außerdem hatte er drei halberwachsene Töchter. Diese ganze Familie hielt er in Gottesfurcht und hinter Schloß und Riegel, war sehr geizig und hatte sich von seinem Gehalt ein kleines Haus gekauft und sogar ein Kapital erspart. Er war ein unruhiger Mensch, dazu als Beamter nur von niedriger Rangklasse; in der Stadt wurde er nicht sonderlich geachtet und die bessere Gesellschaft verkehrte nicht mit ihm. Überdies war er ein berüchtigtes Klatschmaul und schon mehr als einmal dafür bestraft worden, sogar schmerzhaft, das erstemal von einem Offizier, ein anderes Mal von einem achtbaren Familienvater und Gutsbesitzer. Wir dagegen liebten seinen scharfen Verstand, seine Wißbegier, seine eigentümliche boshafte Lustigkeit. Warwara Petrowna mochte ihn nicht, aber er verstand es immer irgendwie, sich ihr anzupassen.

Auch Schatoff, ein anderer aus diesem Kreise, der jedoch erst im letzten Jahre in ihn eintrat, erfreute sich nicht der besonderen Zuneigung Warwara Petrownas. Schatoff war früher Student gewesen, war aber nach einem Studentenkrawall relegiert worden. Auf die Welt war er noch als Warwara Petrownas Leibeigener gekommen, als Sohn ihres verstorbenen Kammerdieners Pawel Fjodoroff, weshalb sie sich seiner besonders angenommen und ihn als Knaben von Stepan Trophimowitsch hatte unterrichten lassen. Sie mochte ihn nicht wegen seines Stolzes und seiner Undankbarkeit und konnte es ihm nicht verzeihen, daß er nach seiner Relegation nicht sofort nach Skworeschniki zurückgekehrt war. Ja, auf ihren eigens deshalb geschriebenen Brief an ihn hatte er seinerzeit überhaupt nicht geantwortet, sondern es vorgezogen, in der Familie eines gebildeteren Kaufmanns Kinder zu unterrichten und mit ihr ins Ausland zu fahren, mehr als Kinderwärter, denn als Erzieher. Zugleich jedoch fuhr eine Gouvernante mit, ein junges, lebhaftes russisches Fräulein, und als der Kaufmann diese nach zwei Monaten, wegen „freier Anschauungen“ wegjagte, zog es auch Schatoff vor, sich langsam davon zu machen, ihr nach Genf nachzureisen und sich dort mit ihr trauen zu lassen. In Genf verlebten sie ungefähr drei Wochen zusammen, dann aber trennten sie sich, als freie Menschen, die durch nichts aneinander gebunden waren – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie kein Geld hatten. Schatoff trieb sich darauf noch eine Weile in Europa umher, lebte Gott weiß wovon: man sagt, er habe auf der Straße Stiefel geputzt und sei in einer Hafenstadt Lastträger gewesen. Schließlich aber kehrte er doch in seine Heimatstadt zurück, vor knapp einem Jahre, und zog zu seiner alten Tante, die aber bereits nach einem Monat starb. Zu seiner Schwester Dascha, Warwara Petrownas Zögling und besonderem Liebling, die bei ihr wie eine gesellschaftlich Gleichstehende lebte, hatte er nur seltene und entfernte Beziehungen. Unter uns war er immer finster und schweigsam, und nur zuweilen, wenn man an seine Überzeugungen rührte, war er von einer krankhaften Reizbarkeit und dann sehr unvorsichtig in seinen Äußerungen. „Schatoff muß man zuerst anbinden, wenn man mit ihm disputieren will,“ pflegte Stepan Trophimowitsch zu scherzen; aber er liebte ihn. Im Auslande hatte Schatoff einige seiner sozialistischen Überzeugungen vollständig geändert und war zum entgegengesetzten Extrem übergegangen. Er war eines jener idealen russischen Geschöpfe, die plötzlich von irgendeiner starken Idee getroffen und auf der Stelle gleichsam zu Boden gedrückt werden von ihrer Schwere, manchmal sogar für immer. Sie sind niemals imstande, mit ihr fertig zu werden, sondern beginnen sogleich leidenschaftlich an sie zu glauben, und so vergeht dann ihr ganzes Leben wie in den letzten Krämpfen unter einem auf ihnen lastenden Steine, der sie halbwegs schon erdrückt hat. Schatoffs Äußeres entsprach vollkommen seinen Überzeugungen: er war plump, blond, stark behaart, von niedrigem Wuchs, mit breiten Schultern, hatte dicke Lippen, sehr dichte, überhängende, weißblonde Augenbrauen, eine finstere Stirn, unfreundlichen, hartnäckig gesenkten, und sich gleichsam wegen irgendetwas schämenden Blick. Sein Haupthaar bildete an einer Stelle einen Büschel, der sich um keinen Preis ankämmen ließ und daher immer in die Höhe stand. Er war ungefähr sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt. „Ich wundere mich nicht mehr darüber, daß seine Frau von ihm weggelaufen ist,“ meinte Warwara Petrowna einmal, nachdem sie ihn aufmerksam gemustert hatte. Dabei bemühte sich Schatoff, trotz seiner großen Armut, wenigstens immer sauber gekleidet zu sein. Nach seiner Rückkehr hatte er Warwara Petrowna wieder nicht um Unterstützung gebeten, sondern sich durchgeschlagen, so gut es eben gehen wollte; er arbeitete bei Kaufleuten oder sonstwie. Einmal saß er in einem Laden; darauf sollte er als Gehilfe des Transportführers mit einem Frachtschiff wegfahren, aber da erkrankte er kurz vor der Abfahrt. Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, welch einen Grad von Armut Schatoff zu ertragen fähig war, und sogar ohne es zu merken. Nach der Krankheit übersandte ihm Warwara Petrowna heimlich und ungenannt hundert Rubel. Er erfuhr aber schließlich, von wem die Summe stammte, sann lange nach, nahm sie dann doch an und ging geraden Weges zu Warwara Petrowna, um sich bei ihr zu bedanken. Sie empfing ihn herzlich, aber auch diesmal enttäuschte er schmählich ihre Erwartungen: er saß ihr nur fünf Minuten gegenüber, schwieg fast die ganze Zeit, sah zu Boden, lächelte blöde, und plötzlich, gerade an der interessantesten Stelle des Gesprächs, stand er auf, machte eine schiefe und ungeschickte Verbeugung, schämte sich dabei zu Tode und – krach! hinter ihm lag Warwara Petrownas kostbares und kunstvolles Nähtischchen zerschlagen am Boden, und Schatoff verließ das Zimmer mehr tot als lebendig. Liputin tadelte ihn wegen der ganzen Geschichte heftig: einmal, weil er die hundert Rubel von seiner früheren Herrin und Despotin nicht mit Verachtung zurückgewiesen hatte und dann, weil er auch noch zur Danksagung hingegangen war. Schatoff wohnte am äußersten Ende der Stadt und er sah es nicht gern, wenn ihn jemand, selbst von uns, besuchte. Zu den Abenden bei Stepan Trophimowitsch erschien er regelmäßig und lieh dann Bücher und Zeitungen von ihm.

Ein anderer aus unserem Kreise, ein gewisser Wirginski, erinnerte, obgleich er scheinbar in allem Schatoffs vollständiges Gegenteil war, innerlich doch sehr an ihn. Es war das ein hiesiger Beamter, gleichfalls ein „Ehemann“, ein bedauernswerter junger Mensch von schon dreißig Jahren, mit bedeutenden Kenntnissen, die er größtenteils auf autodidaktischem Wege erworben hatte. Auch Wirginski war arm, dabei verheiratet, und obendrein noch gezwungen, Tante und Schwester seiner Frau zu ernähren. Diese drei Damen teilten die allerneuesten Anschauungen, nur daß sie bei ihnen etwas vulgär herauskamen, gleich „auf die Straße geschleppten Ideen“, wie sich Stepan Trophimowitsch einmal bei einem anderen Anlaß ausdrückte. Sie schöpften alles aus Büchern und waren jederzeit bereit, alles, was noch irgendwie unmodern war, zum Fenster hinaus zu werfen – wenn nur aus den fortschrittlichen Winkeln der Hauptstädte das zu tun angeraten wurde. Madame Wirginskaja hatte als Mädchen lange in Petersburg gelebt; jetzt war sie Hebamme in unserer Stadt. Wirginski selbst war ein Mensch von seltener Herzensreinheit, und nie in meinem Leben habe ich eine ehrlichere Begeisterung gesehen. „Niemals, niemals werde ich von diesen lichten Hoffnungen lassen,“ sagte er zu mir mit leuchtenden Augen. Von diesen „lichten Hoffnungen“ sprach er stets nur leise mit Wonnegefühl und flüsternd, wie von einem Geheimnis. Er war ziemlich hoch von Wuchs, aber sehr dünn und schmal in den Schultern, blaß, mit sehr spärlichem, leicht rötlichem Haar. Den oft recht hochmütigen Spott Stepan Trophimowitschs über die eine oder andere seiner Meinungen ertrug er sanftmütig, doch zuweilen widersprach er ihm sehr ernst und setzte ihn durch seine Einwände in Verlegenheit. Im übrigen ging Stepan Trophimowitsch freundlich mit ihm um, ja und überhaupt verhielt er sich zu uns allen väterlich.

„Alle seid ihr von den ‚unausgebrüteten‘,“ bemerkte er einmal scherzhaft zu Wirginski, „wenn ich auch gerade an Ihnen, Wirginski, nicht diese Be–schränkt–heit bemerkt habe, wie ich sie in Petersburg chez ces séminaristes[5] angetroffen; aber trotzdem sind Sie unausgebrütet. Schatoff möchte furchtbar gern ausgebrütet sein, aber auch er ist unausgebrütet.“

„Und ich?“ fragte Liputin.

„Sie, – Sie sind einfach die goldene Mitte, die sich überall einlebt ... auf ihre Art.“ Liputin schwieg gekränkt.

Man erzählte sich von Wirginski, und leider war es nur zu glaubwürdig, was man sich erzählte, seine Frau habe ihm bereits nach dem ersten Jahr ihrer Ehe eines schönen Tages mitgeteilt, daß er von nun an abgesetzt sei, und daß ein gewisser Herr Lebädkin seine Stelle einnehmen werde. Dieser Herr Lebädkin, ein Zugereister, stellte sich später als eine sehr fragwürdige Erscheinung heraus, die vor allem nicht das geringste Recht auf den sich selber beigelegten Titel eines Hauptmanns a. D. hatte. Was er verstand, das war lediglich den Schnurrbart zu drehen, zu trinken und den größten Unsinn zu schwatzen. Er war dabei taktlos genug, sofort zu Wirginskis überzusiedeln, freute sich hier vor aller Welt des freien Tisches und begann zu guter Letzt noch, den Hausherrn von oben herab zu behandeln. Man behauptete übrigens, daß Wirginski seiner Frau, nachdem sie ihm jene Mitteilung gemacht, geantwortet habe: „Mein Freund, bis jetzt habe ich dich nur geliebt, aber von nun ab achte ich dich.“ In Wirklichkeit wird wohl kaum ein so altrömischer Ausspruch gefallen sein, und manche behaupten denn auch, daß er im Gegenteil schrecklich geweint habe. Eines Tages, etwa zwei Wochen nach seiner Absetzung, begaben sie sich alle, die ganze „Familie“, in das Wäldchen vor der Stadt, um dort mit Bekannten Tee zu trinken. Wirginski war geradezu fieberhaft lustig gestimmt und beteiligte sich am Tanz; doch plötzlich, und zwar ohne jeden vorhergegangenen Streit, packte er den Hünen Lebädkin, der solo einen Cancan tanzte, mit beiden Händen an den Haaren, riß ihn nieder und begann ihn kreischend, schreiend und weinend zu zerren und zu hauen. Der Hüne erschrak dermaßen, daß er sich nicht einmal wehrte, und solange der andere ihn prügelte, fast nicht muckste; nachher freilich spielte er dann mit dem ganzen Feuer eines edlen Menschen den Beleidigten. Wirginski bat seine Frau die ganze Nacht auf den Knien um Verzeihung, doch die ward ihm nicht gewährt, da er sich immerhin nicht bereit erklärte, auch Lebädkin um Entschuldigung zu bitten; außerdem wurde ihm Mangel an Überzeugungstreue und Dummheit vorgeworfen; letzteres deshalb, weil er „während einer Auseinandersetzung mit einer Frau“ vor dieser auf den Knien gelegen. Der „Hauptmann“ verschwand bald darauf und erschien erst in allerletzter Zeit wieder in unserer Stadt, mit seiner Schwester und mit neuen Absichten; doch davon später. Es war also kein Wunder, daß der arme „Familienmensch“ bei uns Ablenkung suchte und ein Bedürfnis nach unserer Gesellschaft hatte. Von seinen häuslichen Angelegenheiten sprach er bei uns übrigens nie. Nur einmal, als er mit mir von Stepan Trophimowitsch heimging, war es, als wollte er etwas über seine Lage verlauten lassen, doch schon im nächsten Augenblick rief er, indem er meine Hand ergriff, flammend aus: „Aber das tut ja nichts, das ist ja nur eine Privatangelegenheit; das stört doch die ‚allgemeine Sache‘ nicht im geringsten, nicht im geringsten!“