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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 126: III.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem Öffnen der Tür, hatte er nur sehr wenig sehen können, aber er erinnerte sich doch des Gesichts Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte, und der tierischen Wut, mit der er zur Tür gestürzt war. Plötzlich regte sich etwas im Nebenzimmer.

Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff seinen Revolver und sprang auf den Fußspitzen zur Seite in die entgegengesetzte Ecke, so daß er, falls Kirilloff die Tür öffnete und auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrücken konnte.

Aber es blieb wieder alles ruhig.

Daß Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr.

„Er stand offenbar und dachte,“ ging es ihm blitzartig durch den Kopf. „Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brüllte auf und stürzte zur Tür – hier sind zwei Möglichkeiten: entweder störte ich ihn gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrücken wollte, oder ... oder er stand und überlegte, wie er mich töten könnte. Ja, das wird’s gewesen sein, er überlegte ... Er weiß, daß ich nicht vorher fortgehe, als bis er tot ist, daß ich ihn töten werde, wenn er selbst dazu zu feige ist – also muß er mich zuerst töten, damit nicht ich ihn töte ... Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig: plötzlich macht er die Tür auf ... Die Schweinerei ist ja bloß, daß er an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschießen, um keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit ‚eigenem Verstande so weit kommen‘, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, spätestens ... Muß Schluß machen, muß unbedingt, was es auch koste, Schluß machen ... Was, – totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier kann niemand denken, daß ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in der Hand, daß man unbedingt glauben muß, er selbst ... Teufel, aber wie ihn nur erschießen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich stürzen und noch vor mir abdrücken. Teufel, nein, er wird natürlich nicht treffen ... Immerhin ...“

So quälte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der unumgänglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen Unentschlossenheit andererseits. Schließlich nahm er wieder den Leuchter und trat wieder leise zur Tür, wobei er den Revolver hob und den Hahn spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke zu öffnen versuchte – aber es gelang nicht: das Schloß kreischte nur und öffnete sich nicht. „Er wird sofort auf mich schießen!“ dachte Pjotr Stepanowitsch, riß die Tür auf und erhob Licht und Revolver ... Doch kein Schuß ertönte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch.

Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm zu entfliehen war unmöglich. Er hob das Licht noch höher und blickte noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete.

„Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?“

Tatsächlich war das Luftfenster offen.

„Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch.“ Pjotr Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. „Unmöglich konnte er hier durch!“ Plötzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas Ungewöhnliches erschütterte ihn.

An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand links von der Tür ein Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar sonderbar, – unbeweglich, stramm, die Hände militärisch an den Nähten, den Kopf erhoben und mit dem Rücken fest an die Wand gepreßt ... Allem Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schräg zu der Ecke und sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch nicht entschließen, weiter nach links zu gehen und das Rätsel zu lösen. Sein Herz schlug laut. Und plötzlich erfaßte ihn eine rasende Wut: er riß sich von der Stelle, schrie auf und stürzte trampelnd zu der furchtbaren Stelle.

Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen, noch mehr von Entsetzen betäubt. Vor allem frappierte es ihn, daß die Gestalt sich trotz seines Schreies und wütenden Anlaufs nicht einmal bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede – ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wäre. Die Blässe des Gesichts war unnatürlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch führte das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam dieses Gesicht an. Und plötzlich gewahrte er, daß Kirilloff, wenn er auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womöglich noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht „diesem Schurken“ an das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun werde. Plötzlich aber schien es ihm, daß Kirilloffs Kinn sich bewege und über die Lippen ein Spottlächeln flimmere – ganz als ob jener seinen Gedanken erraten hätte. Er erbebte und außer sich vor Wut packte er Kirilloff an der Schulter.

Da geschah aber etwas dermaßen Unglaubliches, und geschah so schnell, daß Pjotr Stepanowitsch sich später in seiner Erinnerung selbst nicht mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berührt, als dieser plötzlich seinen Kopf fallen ließ und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht erlosch. Im selben Augenblick noch fühlte er einen furchtbaren Schmerz im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und später wußte er nur noch, daß er, außer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den Zähnen ließ, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureißen. Und er stürzte fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie:

„Sofort, sofort, sofort, sofort!“

Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter, durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstür, als plötzlich ein lauter Schuß erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur, in der Dunkelheit, und überlegte wohl fünf Minuten lang. Endlich kehrte er wieder um und ging in die Wohnung zurück. Zuerst mußte Licht geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann den Lichtstumpf anzünden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als hätte er am Abend vorher, als er in die Küche zu Fedjka gestürzt war, in der Ecke auf dem Küchenbrett flüchtig eine große rote Streichholzschachtel bemerkt. Tastend ging er also zuerst nach links, zur Küchentür, fand sie schließlich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in der Dunkelheit eine große, noch nicht geöffnete Streichholzschachtel. Ohne anzuzünden, kehrte er eilig zurück und erst beim Schrank, auf derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beißenden Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm plötzlich sein gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fühlte er auch einen fast unerträglichen Schmerz in ihm. Er biß die Zähne zusammen, zündete mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag, mit den Füßen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte sich in die rechte Schläfe geschossen und oben an der linken Seite des Kopfes hatte die Kugel wieder den Schädel durchschlagen. Blut und Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des Selbstmörders geblieben. Der Tod mußte sofort eingetreten sein. Nachdem Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, schloß hinter sich die Tür, stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und beschloß dann, es nicht auszulöschen, da durch dieses Licht im Leuchter doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das Dokument und lächelte mechanisch. Darauf verließ er, ich weiß nicht warum, immer noch leise auf den Fußspitzen gehend, endgültig langsam das Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schloß ihn hinter sich sorgfältig mit dem Brett.

III.

Zehn Minuten vor sechs gingen Pjotr Stepanowitsch und Erkel auf dem Bahnhof längs des diesmal ziemlich langen Zuges auf und ab. Pjotr Stepanowitsch fuhr fort und Erkel begleitete ihn. Das Gepäck war schon aufgegeben, der Reisesack lag auf dem ausgesuchten Platz in einem Waggon der zweiten Klasse. Das erste Glockenzeichen war schon ertönt und man wartete auf das zweite. Pjotr Stepanowitsch sah sich wie gewöhnlich neugierig nach allen Seiten um, und betrachtete die Einsteigenden. Nähere Bekannte aber waren nicht zu sehen. Allem Anschein nach wollte Erkel in diesen letzten Minuten noch von etwas Wichtigerem sprechen – wenn er auch vielleicht selbst nicht wußte, wovon eigentlich; aber er wagte nicht anzufangen. Es schien ihm sogar, daß er Pjotr Stepanowitsch lästig fiel und daß dieser mit Ungeduld auf das zweite Glockenzeichen wartete.

„Sie sehen so offen alle Menschen an,“ bemerkte er etwas schüchtern, als wollte er warnen.

„Warum soll ich denn nicht? Noch darf ich mich nicht verstecken. Ist noch zu früh. Beunruhigen Sie sich nicht. Nur eines fürchte ich, daß der Teufel mir den Liputin an den Hals schickt, der könnte es riechen und herlaufen!“

„Pjotr Stepanowitsch, die sind nicht zuverlässig,“ sagte Erkel endlich schüchtern.

„Liputin?“

„Alle, Pjotr Stepanowitsch.“

„Unsinn, jetzt sind sie durch das Gestrige gebunden. Kein einziger wird verraten. Wer wird sich denn selbst ins Unglück stürzen, wenn er nicht den Verstand verloren hat?“

„Aber die haben doch den Verstand verloren!“

Dieser Gedanke war wohl auch Pjotr Stepanowitsch schon durch den Kopf gegangen. Darum ärgerte ihn diese Bemerkung Erkels noch mehr.

„Sind Sie nicht auch schon feige geworden, Erkel? Ich verließ mich auf Sie eigentlich mehr, als auf die anderen zusammen. Jetzt weiß ich, was jeder von ihnen wert ist. Teilen Sie ihnen alles heute noch mündlich mit. Ich vertraue sie Ihnen an. Gehen Sie schon am Morgen zu allen. Meine schriftliche Instruktion können Sie ihnen morgen oder übermorgen vorlesen, wenn sie versammelt sind und fähig, sie zu verstehen ... Glauben Sie mir, die haben furchtbare Angst und werden jetzt weich wie Wachs sein ... Aber die Hauptsache, werden Sie nur nicht melancholisch ...“

„Ach, Pjotr Stepanowitsch, es wäre wirklich besser, wenn Sie nicht verreisten!“

„Aber ich verreise doch nur auf ein paar Tage: ich bin ja im Augenblick wieder zurück.“

„Pjotr Stepanowitsch,“ sagte Erkel schüchtern, „und selbst wenn Sie auch nach Petersburg reisen sollten ... Ich verstehe doch, ich weiß doch, daß Sie nur das für die allgemeine Sache Notwendige tun.“

„Von Ihnen habe ich auch nicht weniger als volles Verständnis erwartet, Erkel. Wenn Sie erraten haben, daß ich nach Petersburg fahre, so werden Sie auch verstehen, daß ich ihnen gestern, in jenem Augenblick, nicht gleich sagen konnte, daß ich in der Tat so weit reise. Ich hätte sie nur unnütz erschreckt. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie da alle waren. Aber Sie verstehen doch, daß ich es für die große und wichtige Sache tun muß, für unsere allgemeine Sache, und nicht etwa, um mich persönlich in Sicherheit zu bringen, wie vielleicht irgendein Liputin annimmt.“

„Ich verstehe es ohne weiteres, Pjotr Stepanowitsch, und selbst wenn Sie ins Ausland fahren sollten, ich verstehe es doch, ich weiß, daß Sie Ihre Person nicht so aufs Spiel setzen dürfen, denn Sie sind alles, wir aber sind nichts. Oh, ich verstehe schon, Pjotr Stepanowitsch.“

Die Stimme des armen Knaben bebte sogar.

„Ich danke Ihnen, Erkel ... Au, Sie haben meinen kranken Finger berührt.“ (Erkel hatte ihm recht fest die Hand drücken wollen und dabei nicht an die Verletzung gedacht; der kranke Finger war kunstvoll mit schwarzem Taffett verbunden.) „Aber ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich in Petersburg bloß ein wenig schnuppern will, bleibe dort im ganzen vielleicht vierundzwanzig Stunden – und dann sofort wieder hierher. Zuerst werde ich mich hier auf dem Lande bei Gaganoff niederlassen, Sie verstehen doch – der Leute wegen. Wenn aber die Unsrigen irgendeine Gefahr wittern sollten, so werde ich als erster diese Gefahr mit ihnen teilen. Sollte ich aber etwas länger in Petersburg bleiben müssen, so teile ich es Ihnen sofort mit ... auf dem bekannten Wege, und Sie sagen es dann den anderen.“

Das zweite Glockenzeichen ertönte.

„Ah, also noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich würde es nicht wünschen, daß diese Gruppe hier auseinanderfällt. Das heißt nicht, daß mir so sehr viel daran läge; nein; brauchen sich um mich weiter keine Sorgen zu machen: solcher Knötchen des großen Netzes habe ich ja genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu verachten. Übrigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie auch fast allein mit diesen Mißgeburten hier zurücklasse: beunruhigen Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen ... – A–ah, und auch Sie heute?“ rief er plötzlich mit ganz anderer, heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn zutrat, um ihn zu begrüßen. „Sie fahren also auch mit dem Schnellzug? Wohin denn? Zur Mama?“

Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitläufig mit Julija Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt verbracht.

„Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen mir bevor. Und Sie nach Petersburg?“ fragte der junge Mann frohgemut.

„Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, daß ich nach Petersburg fahre?“ fragte Pjotr Stepanowitsch noch fröhlicher und sah ihm lachend offen ins Gesicht.

Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten.

„Na, wenn Sie’s erraten haben,“ raunte ihm plötzlich Pjotr Stepanowitsch mit gedämpfter Stimme geheimnisvoll zu, „ich reise mit Briefen von Julija Michailowna und muß dort drei, vier Persönlichkeiten aufsuchen, und was für welche noch dazu! – na, Sie ahnen wohl schon. Übrigens könnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt. Eine verflixte Aufgabe!“

„Aber sagen Sie doch bitte, was fürchtet sie denn plötzlich so?“ flüsterte nun auch der junge Mensch. „Sie hat sogar mich gestern nicht empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, für ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch noch so anständig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja förmlich, wie man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt.“

„Nun, natürlich doch,“ lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. „Ja, sehen Sie, sie fürchtet aber, daß man von hier aus schon geschrieben haben könnte ... das heißt, daß gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte – ich werde Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzählen – soviel mir die Ritterlichkeit zu erzählen erlaubt ... Mein Verwandter, Fähnrich Erkel, aus der Kreisstadt.“

Der junge Mensch blickte flüchtig auf Erkel und berührte den Hut. Erkel grüßte militärisch.

„Ach, wissen Sie, Werchowenski, acht Stunden im Eisenbahnwagen ist ein furchtbares Los. Mit uns fährt noch in der ersten Klasse Oberst Berestoff, ein urkomischer Kauz, mein Gutsnachbar: verheiratet mit einer Garina – née de Garine.[203] Ist auch sonst in jeder Beziehung tadellos. Und wissen Sie, dabei hat er sogar Ideen. Hier hat er sich nur zwei Tage aufgehalten. Ein leidenschaftlicher Kartenspieler, nebenbei; spielt mit Vorliebe Jeralásch[54], sollte man da nicht ein Spielchen machen? Den vierten habe ich auch schon gefunden: Pripuchloff, ein Kaufmann aus dem T.schen, Millionär, aber, wissen Sie, ein richtiger Millionär, versichere Ihnen ... Ich mache Sie bekannt, eine urgemütliche Haut, und lachen werden wir! ...“

„Oh, Jeralásch spiele ich mit dem größten Vergnügen, und besonders noch auf der Reise, aber ich fahre in der zweiten Klasse.“

„Ach was, das ist doch ... auf keinen Fall, Sie setzen sich einfach zu uns. Ich werde sofort dem Zugführer sagen, daß Ihre Sachen in die erste Klasse zu bringen sind. Er gehorcht mir aufs Wort. Was haben Sie, einen sac de voyage?[204] ein Plaid?“

„Famos, gehen wir!“

Und Pjotr Stepanowitsch nahm selbst seinen Reisesack, Plaid und Buch und siedelte sofort mit der größten Bereitwilligkeit in die erste Klasse über. Erkel half ihm, die Sachen zu tragen. Da ertönte auch schon das dritte Glockenzeichen.

„Nun, Erkel,“ sagte Pjotr Stepanowitsch eilig und reichte ihm mit sichtlich anderweitig gefesseltem Interesse zum Abschied noch die Hand aus dem Fenster, „ich werde also mit ihnen Karten spielen.“

„Aber wozu mir das noch erklären, Pjotr Stepanowitsch, ich verstehe ja schon, ich verstehe doch alles, Pjotr Stepanowitsch.“

„Na, also dann auf glückliches ...“ und auf den Anruf des jungen Menschen, der ihn mit den Partnern bekannt machen wollte, wandte er sich plötzlich vom Fenster zurück.

Erkel sah seinen Pjotr Stepanowitsch nicht wieder.

Traurig kehrte er nach Haus zurück. Nicht, daß es ihn beängstigt hätte, daß Pjotr Stepanowitsch sie so plötzlich verließ, aber ... aber er hatte sich so schnell von ihm fortgewandt, als dieser junge Zierbengel ihn rief und ... er hätte doch etwas anderes sagen können, als diese nicht zu Ende gesprochene Abschiedsredensart: „na, also dann auf glückliches“ oder ... oder wenn er doch wenigstens die Hand fester gedrückt hätte!

Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand ...