Erster Anhang.
Material zum Roman „Die Dämonen“.
Aus den Notizbüchern F. M. Dostojewskis[55]
1. Januar 1870.
Stawrogin (der Fürst)
Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus gräflichem Hause, den Graf Tolstoi in „Kindheit und Jugend“ dargestellt hat[56]. Ein Typ aus der Urbevölkerung, der unbewußt von seiner eigenen typischen Kraft beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht weiß, worauf sie sich aufbauen [fußfassen] könnte. Solche autochthonen Typen sind häufig entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie gehen bis zum Äußersten des Geißler- oder Skopzentums. Es ist das eine außergewöhnliche, für sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas verlangt und sucht, worauf sie Fuß fassen [stehen bleiben] und das sie sich zur Richtschnur nehmen könnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlösung von den Stürmen verlangt und die vorläufig doch unmöglich nicht stürmen kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich schließlich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch, urtümlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine unumfaßbare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu Schmerzen und die sich während der Zeit des Suchens und des Umherirrens mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente stürzt, bis sie auf einer so starken Idee Fuß faßt, die ihrer unmittelbaren tierischen Kraft vollkommen proportional ist, – auf einer Idee, die dermaßen stark ist, daß sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu weihevoller Stille beruhigen kann.
Überhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist zurückgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn für einen Nihilisten (z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein für einen Nihilisten. Nur Gr. sieht, daß das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter ihnen gibt. Der Fürst spottlacht immer, was Gr. mißfällt und verletzt. Gr. denkt schließlich, W. habe den Fürsten in der Hand. Mitunter überraschen Gr. am Fürsten Ausbrüche sowohl von Ernst wie von Zartheit. Ein sehr ernstes Gespräch. Ein tiefer Zug, daß der Fürst sehr viel und aufmerksam zuhört. Aber die Mutter fürchtet ihn doch immer. W. nahm ihn schon in die Hand (d. h. er glaubte, daß es ihm gelungen sei), doch bald wurde es selbst dem sorglosen W. klar, daß das etwas anderes war. Er will übrigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U–ffs hin) den Fürsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist bloß leichtsinnig und sorglos, wenn es aber nötig ist – sehr klug: er gewahrt plötzlich, daß er den Fürsten nicht in den Mord hineinziehen kann, daß es hier gar nicht das ist, was er vermutet hatte, daß der Fürst nur zuhört, schweigt und aufpaßt, ja sogar selbst auf Sch–ffs Seite steht. Da löst W. mit einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den Fürsten. Der Verdacht fällt dennoch zum Teil auf den Fürsten; doch nun nimmt plötzlich der Fürst selbst die Sache in die Hand und enthüllt sich.
Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U–ff; dieser gesteht. Geht geradeswegs zum Zögling, zeigt ihr seine ganze tiefe Liebe, stellt aber Bedingungen – sie ist mit Begeisterung einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Götzen zerstören und Schiffe verbrennen. Ist, falls nötig, bereit, sich von der Erbschaft loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fügt sich. Schreckt den Gouverneur und den großen Schriftsteller. Hat großmütig Mitleid mit der jungen Schönheit, die er brutal und schroff verstößt wegen eines leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn für einen Nihilisten und ließ es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu spielen; er ließ sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und gewissensruhige Überzeugung.) Überhaupt: er überzeugt sich, daß ehrlich und besonders ein neuer Mensch zu sein, nicht so leicht ist, daß dazu nicht Enthusiasmus allein genügt, was er auch ihr, dem Zögling seiner Mutter, erklärt: „Ich werde kein neuer Mensch sein, ich bin viel zu unoriginell dazu,“ sagt er, „aber ich habe endlich einige wertvolle Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will.“ Doch vor jeder Wiedergeburt oder Auferstehung – Selbstüberwindung; und deshalb: „du bist mir nötig, du wirst mich retten mit deiner Stille“. Er sagt: „Früher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind, jetzt aber sehe ich ein, daß die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum müssen zuerst wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfäulnis, auf uns ruht der Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen.“
7. März 1870.
Stawrogin (Fürst)
Der Fürst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmütiger Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrücker der Bauern.
Er ist Ideenmensch. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie sich in ihm verkörpert, in seine Natur übergeht (immer mit Leiden und Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre sofortige Umsetzung in die Tat.
Während seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine Überzeugungen geändert. Seine Überzeugungen ändern heißt für ihn sofort auch sein ganzes Leben ändern, so daß er schon mit der geheimen Absicht zurückkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen. Er ist plötzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist maßlos mißtrauisch und vermutet immer das Schlimmste, – eine Erscheinung, die bei einem festen Menschen, für den sich entscheiden, die Schiffe verbrennen und handeln heißt, sehr verständlich ist. Dieser Mensch kann noch vor dem Entschluß zweifeln, wenn er noch nicht ganz überzeugt ist; zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus.
Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstüberwindung und daß Gott und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung, desgleichen die Freiheit.
11. März 1870.
Der letzte Entwurf zum Fürsten Stawrogin
Als der Fürst ankam, hatte er bereits alle Zweifel überwunden. Er ist – ein neuer Mensch. Er bricht mit zwei Mädchen, beabsichtigt auch mit der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut spöttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgültige Lösung und die große Idee gefunden hat. Er hört vorläufig alle an, widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmütig lustig über Gr., ist krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt – da er endlich erraten will: worauf diese Menschen so fest stehen können? (NB. Mit W. frühere Beziehungen.) Einzig Goluboff erschüttert ihn, doch mit Enthusiasmus gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), daß dieses ganz und gar auch sein Gedanke ist, die von ihm gefundene Überzeugung. Er ist zurückgekehrt, um seine Verstöße, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder gutzumachen. Versöhnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin, tritt für die verübte Religionsspötterei ein, sucht die Mörder auf, und schließlich erklärt er feierlich dem Zögling, daß er sie liebt, erklärt die Bedingungen. Sie bestehen darin, daß er von nun an ein Russischer Mensch ist und daß man sogar an das glauben muß, was von ihm bei Goluboff gesagt wurde, (daß Rußland und der russische Gedanke die Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Während der ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die wildeste Energie in der neuen Überzeugung aus und setzt seine Mutter in Erstaunen. Dem Zögling sagt er, er habe sie beobachtet und sich überzeugt, daß er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie dieselben Überzeugungen hat. Und dann plötzlich erschießt er sich.
Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
Der Hauptgedanke, an dem der Fürst krankt und den er in sich trägt, ist folgender: wir haben die Rechtgläubigkeit, unser Volk ist groß und schön, weil es glaubt und weil es die Rechtgläubigkeit hat; wir Russen sind stark und stärker als alle, weil wir eine unermeßliche rechtgläubige Volksmasse haben. Würde im Volk der Glaube an die Rechtgläubigkeit wankend werden, so würde es sofort anfangen sich zu zersetzen, ein Vorgang, der bei den Völkern des Westens bereits begonnen hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus, Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebüßt, und hat ihn dort einbüßen müssen. (Bei uns ist natürlich die obere Volksschicht, die sogenannte höhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem Westen übernommen – folglich hier nur „Gras im Feuer“ und hat nichts zu bedeuten.)
Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schließlich sogar die Frage: kann man überhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann, wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der Rechtgläubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, früher begonnen, bei uns – wird sie eben später beginnen, beginnen aber wird sie unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar unvermeidlich ist, so muß man sogar wünschen, daß es noch schneller geschehe – je schneller desto besser.
(Der Fürst bemerkt plötzlich, daß er mit den Anschauungen W–s übereinstimmt: daß alles verbrennen das Beste ist.)
Es ergibt sich also folgendes:
1. daß die geschäftigen Leute, die diese Frage für leer und überflüssig halten und glauben, daß man auch ohne sie auskommen könne, Pöbel und Insekten sind, Gras im Feuer;
2. daß es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man zivilisiert, d. h. Europäer ist, überhaupt glauben? Ich meine: einwandlos an die Göttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben? (Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, daß man an Christi Göttlichkeit glaubt.)
NB. Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, daß die Gesellschaft das reine Verständnis Christi nicht hat rein erhalten können (der Katholizismus ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist Molokanentum)[59].
3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann), vermag dann die Menschheit überhaupt ohne Glauben zu leben (mit der Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben bloß irgend etwas, so stürzt die ganze sittliche Grundlage des Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine zieht das andere nach sich.
Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein wissenschaftliches Ethos) überhaupt möglich?
Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtgläubig.
Wenn aber die Rechtgläubigkeit für den Zivilisierten unmöglich ist (und in hundert Jahren wird halb Rußland zivilisiert sein), so ist folglich alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rußlands nur eine zeitweilige. Auf daß sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben?
Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lösen: Kann man überhaupt ernstlich und wahrhaft glauben?
Hierin liegt alles, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes, seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zukünftiges Sein.
Ist es aber unmöglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so unverzeihlich, wenn jemand verlangt, daß man alles verbrennen soll. Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist selbstverständlich menschenfreundlicher.)
Das also wäre das Rätsel?
NB. Sie können natürlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung obiger Thesen vieles einwenden, können streiten, nicht zustimmen, z. B. von der gelehrten rechten Seite behaupten, daß das Christentum nicht in der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man Christus nur als gewöhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen auffaßt (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum sei keineswegs eine Notwendigkeit für die Menschheit und durchaus nicht die Quelle des lebendigen Lebens (die hitzigen Kleinen schreien ja schon, daß es sogar schädlich sei), daß z. B. die Wissenschaft der Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal geben könne. Diese Widersprüche sind natürlich zu erwarten, ist doch die Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie, Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist, daß Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlöser noch Quelle des Lebens sein kann, daß die Wissenschaft allein niemals das ganze menschliche Ideal erfüllen wird, und daß die Lebensquelle, die Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der Verzweiflung und die Bedingung sine qua non für das Sein der ganzen Welt in diesen Worten enthalten ist: Und das Wort ward Fleisch, und im Glauben an diese Worte. Früher oder später werden doch alle darin übereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man an all das glauben, woran zu glauben die Rechtgläubigkeit befiehlt? Wenn nicht, so ist es viel besser und humaner – alles zu verbrennen und sich Werchowenski anzuschließen.
Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
Der Fürst: „Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz besonders hervor, daß diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies ist, daß wir beide ihre unermeßliche Bedeutung und die unbedingte Notwendigkeit ihrer Lösung erkannt haben.“
„Ach! Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslösen!“ rief Schatoff (d. h. also die langsame Zersetzung). „Besser ist, wir leben in der Gegenwart und erfüllen das Gegenwärtige, ohne daran zu zweifeln, daß weiterhin Gott helfen wird.“
„Versuchen Sie es, so zu leben!“ sagte der Fürst lachend und ging.
Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
„Darum ist Werchowenski auch so ruhig,“ sagt der Fürst, „weil er überzeugt ist, daß das Christentum für das lebendige Leben der Menschheit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar positiv schädlich sei, und daß die Menschheit, wenn man das Christentum vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, wirklichem Leben aufleben würde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch sie untergehen.“
„Und was wird dann sein?“
„Eine tote Maschine, die natürlich nicht zu verwirklichen ist, aber ... vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten wird man die Welt schon so weit ertöten können, daß sie vor Verzweiflung wirklich lieber wird tot sein wollen. ‚Berge fallt über uns und deckt uns zu.‘ Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der Wissenschaft sich für die Ernährung als unzureichend erweisen und es eng sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ... werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das andere geschieht. Es wird so sein müssen, besonders wenn die Wissenschaft es so für richtig hält).“
„Erklären Sie das näher,“ sagt Schatoff.
„Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten müssen. Die Wissenschaft sagt: ‚Du bist nicht schuld daran, daß die Natur es so eingerichtet hat‘, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb, folglich heißt es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie, nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische Erfahrung bestätigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich, was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevölkerung ohne Nahrung und Heizmaterial aushalten können? Und wird dann die Wissenschaft zur rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen könnte? Das Verbrennen der Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im Menschen, der einzig seinen eigenen Kräften überlassen ist, – sind bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden das vorläufig noch schändlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir nicht einmal bemerken oder womöglich für Tugenden halten). Jetzt sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum eine Notwendigkeit ist und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes für die Menschheit, die der Mensch allein, von sich aus, nie würde erlangt haben, – wenn Sie glauben, daß der Mensch von seiner Wiege an in unmittelbarer Verbindung mit Gott steht, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der Erscheinung Christi, und schließlich, wenn Sie glauben, daß der Mensch, nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt, unfehlbar untergegangen wäre, und man folglich glauben muß, daß Gott mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, – dann (d. h. wenn Sie sich dem Christentum ergeben haben) würden Sie sich niemals mit dem Gefühl des Kinder-Verbrennens aussöhnen. Da haben Sie jetzt eine vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthält nur das Christentum allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen und untergehen.
Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn die Frage bloß darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu Gleichgültigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch andererseits glaube ich fest, daß das Christentum die Menschheit retten würde.“
Schatoff: „Wie, wie?“
Der Fürst: „Es enthält alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, daß alle Christusse wären, würde dann der Pauperismus überhaupt möglich sein? Im Christentum wäre sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial erträglich (nicht die Neugeborenen umbringen, sondern selbst für meinen Bruder sterben).“
Schatoff: „Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?“
Der Fürst: „Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch überhaupt glauben?
Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten Plan. Übrigens, viele mühen sich darum, schreiben und reden darüber. Wir sorgen uns aus Leichtsinn und aus Ärger nur um das Gegenwärtige und glauben, das sei alles, was nötig ist. Andere wiederum denken sich verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, daß das Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation, nicht nur mit der gegenwärtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist und daß es nur zwei Initiativen gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich für das zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um festzustellen, was in seiner Kraft aus der Überzeugung kommt und was einfach nur aus der Natur.“
Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
Schatoff: „Wenn der Mensch sich verändern wird – wie wird er dann mit seinem Verstande leben können? Der Besitz des Verstandes entspricht nur dem gegenwärtigen Organismus.“
Der Fürst: „Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand überhaupt nötig sein wird?“
Schatoff: „Was denn sonst? Wohl etwas Höheres?“
Der Fürst: „Zweifellos etwas viel Höheres.“
Schatoff: „Ja, kann es denn überhaupt etwas Höheres als den Verstand geben?“
Der Fürst: „So fragt die Wissenschaft, aber – sehen Sie, dort an der Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft weiß, daß sie ein Organismus ist, daß sie irgendein Leben lebt und Eindrücke hat, sogar ihre eigene Vorstellung, und Gott weiß was noch alles. Kann aber die Wissenschaft auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natürlich nicht und das wird sie auch niemals können. Um das erfahren zu können, müßte man wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der Wissenschaft das unmöglich ist, so kann ich annehmen, daß sie mir auch das Wesen eines anderen höheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand mehr geben sollte.“
„Sie haben mich ganz wirr gemacht,“ sagt Schatoff, „aber ich werde von Ihnen nicht ablassen.“
Der Fürst: „Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes, d. h. der Erkenntnis, für das höchste Sein von allen, die es überhaupt geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die Wissenschaft, sondern der Glaube, und schließlich kann man sagen, daß hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst zu schätzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit), ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt nötig. Ein jedes Wesen muß sich für das Allerhöchste halten. Die Wanze hält sich bestimmt für höher als Sie, und sie würde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz abgesehen davon, daß sie es nicht kann, sondern würde unbedingt gerade Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schließlich ist alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und merken Sie sich noch, daß der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand über alles stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist, so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, daß es höher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefühl der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der menschliche Verstand ist so eingerichtet, daß er beständig an sich nicht glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine Existenz für ungenügend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar Übergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel fällt niemals, der Teufel ist so gefallen, daß er immer liegt, der Mensch fällt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und die französische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, daß allen verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Umgeburt. Wer ist schuld daran, daß man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird natürlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein Resultat – ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, daß ‚die Zeit nicht mehr sein wird‘, wie der Engel in der Apokalypse schwört. Und vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, daß die Teufel – wissen! Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedächtnis, und nicht nur der Mensch allein, allerdings – vielleicht nicht menschliche Erkenntnis und menschliches Gedächtnis. Sterben kann man gar nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist überhaupt nicht.“
Schatoff: „Solcher Gespräche, wie das unsrige, gibt es in Rußland unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich über mich nur lustig machen?“
„Und was wäre denn dabei so schlimm?“ fragte der Fürst lachend.
Schatoff: „Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtgläubigkeit als das Wesen Rußlands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie Sie, kann nicht darüber spotten.“
Der Fürst: „Das tue ich ja auch gar nicht.“
Schatoff: „Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich würde gern kein Buchmensch sein. Was muß ich dazu tun?“
Der Fürst: „Glauben Sie.“
Schatoff: „An die Rechtgläubigkeit und Rußland?“
Der Fürst: „Ja.“
Schatoff: „Ja, natürlich, dann ist man erlöst. Ich ... vielleicht glaube ich. Warum schweigen Sie?“
Der Fürst: „Sie glauben also nicht.“
Schatoff: „Und Sie?“
Der Fürst: „Aber was habe ich denn damit zu tun?“
Schatoff: „Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?“
Der Fürst: „Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: ‚ich werde nicht von Ihnen ablassen!‘ Das wünsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich wünsche, daß Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst. Ich habe meine Gründe ...“
Stepan Trophimowitsch Werchowenski und Schatoff
Stepan Trophimowitsch zitiert Tschatzki[61]:
„Zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel,
Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...“
Schatoff greift sofort auf: „Tschatzki begriff überhaupt nicht, als beschränkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im stärksten Unwillen: ‚Den Wagen mir, den Wagen!‘ weil er nicht einmal fähig ist, von selbst darauf zu verfallen, daß man die Zeit auch anders als ‚zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel‘ verbringen kann – sogar in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und für ihn existierte außer seinem Kreise überhaupt nichts, – das ist der Grund, warum er über das Leben der höheren Moskauer Gesellschaft in solche Verzweiflung gerät, ganz als ob es außer diesem Leben in Rußland ein anderes gar nicht gegeben hätte. Das russische Volk übersah er einfach, wie dies alle unsere ‚Vorderen‘[62] taten, übersah es um so mehr, je mehr er zu den ‚Vorderen‘ gehörte. Je mehr Herr er war und je mehr Vorderster, um so mehr empfand er Haß – nicht gegen die russischen Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. Über das russische Volk, über seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine Bedeutung und seine große Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als über den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und überhaupt alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64]
Tschatzki ließ sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde in Paris leben zu können, Cousin zu hören und womöglich mit Tschaadajeffschem[65] oder Fürst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden oder, wenn er Freidenker war, mit einem Haß auf Rußland, wie etwa Belinski und tutti quanti[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht einmal vorstellen, daß es in Rußland noch eine andere Welt als die der Moskauer höheren Gesellschaft geben könnte, weil – er selbst ein Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klüger waren als er! Aber wenn er auch dumm war, dafür hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht von weitem her war, dafür war sein Gedanke doch originell – denn damals waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie, was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wüßten, wie weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst tuenden Moskowitern zurückgeblieben sind, und dabei halten Sie und Ihresgleichen sich immer noch für ‚Vordere‘! Wer auf den alten Formen des Liberalismus reitet, der ist schon zurückgeblieben. Die Form des Liberalismus muß immer originell sein, jede Generation muß eine neue haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persönlichem Haß gegen Rußland endet, ist Rückstand und Blödsinn, Sie aber sehen das nicht ein und halten es noch für das Vorderste und Höchste, das es überhaupt gibt.
Und bitte auch nicht zu vergessen, daß der Zar das Volk befreit hat, nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht einmal begriffen, daß die Zaren unvergleichlich liberaler und fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das Volk zu befreien, war den Zaren schon längst vertraut, dem Dekabristen Tschatzki aber kam er überhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter Kuratel gestellt, – und warum nur? Waren sie denn so schlechte Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil sie einfach nicht origineller auf Rußland zu sehen verstanden, weil sie ihre Moskauer höhere Gesellschaft für ganz Rußland hielten. Ich könnte wetten, daß die Dekabristen das Volk sofort befreit hätten, bestimmt aber ohne ihm Land zu geben – wofür das Volk ihnen unbedingt sofort die Köpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer größten Verwunderung bewiesen hätte, daß nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Rußland ausmacht. Aber, schließlich – auch ohne Köpfe hätten sie nichts verstanden, obgleich es gerade ihre Köpfe waren, die sie am meisten am Verstehen hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Großen hat es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren“.[69]
Stepan Trophimowitsch und Schatoff
„Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und sündhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen über Gott, aber was für Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie verderbt, wie neidisch, wie ruhmsüchtig! Indem Sie Christus beseitigen –, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schönheit und Güte aus der Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?“
Stepan Trophimowitsch: „Ich glaube, hierüber ließe sich noch ein wenig streiten – aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen Schönheit zu verehren?“
Schatoff: „Und zu gleicher Zeit doch nicht an ‚das Wort ward Fleisch‘ zu glauben, d. h. daß das Ideal leibhaftig gegenwärtig war, folglich auf Erden nicht unmöglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist? Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, daß auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so himmlischen Glanze tatsächlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht nur geistig, als Ideal – daß das sowohl möglich wie natürlich ist. Die Anhänger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergötterten, bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glück es ist, diese Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die da sahen, welch ein Glück diese Leibhaftigkeit gab, kaum daß der Mensch anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer Schönheit zu nähern, – wunderten sich, staunten, und wollten schließlich selbst diese Seligkeit genießen: sie wurden Christen und freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben darin, daß ‚das Wort‘ wirklich ‚Fleisch ward‘. Darin liegt der ganze Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. Übrigens, Sie würden es ihr nehmen können, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen könnten. So zeigen Sie es doch!“
Stepan Trophimowitsch sagt: „Immerhin muß man sich doch über das übermäßige Quantum Dummheit wundern, das in Rußland steckt.“
Der Fürst: „Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.“
Stepan Trophimowitsch: „Die aber bei uns doch so viel Stützkraft gefunden haben und finden, und zu denen alles hinströmt, – wenn auch die Hinströmenden meinetwegen nur Knaben und Mädchen sind, so sind es doch nicht zehnjährige, sondern immerhin zwanzig- und über zwanzigjährige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so dumm zu sein.“
Schatoff: „Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst die Sechzigjährigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen? Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar Professoren und Direktoren und alle möglichen Autoritäten für die Idee der Aufteilung Rußlands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein! Ist das denn nicht ebenso dumm?
Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor kurzem erzählte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren mit Belinski darüber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klüger? Ist denn die Idee, daß alle Völker des Westens national sein und wir sie deswegen achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden Volkes andächtig anerkennen müssen, die Russen aber unter keinen Umständen sie selbst sein dürfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], – ist diese Idee etwa nicht dümmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den Genossenschaften reden? Ja, genau genommen stützen sich diese Knaben gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat durch die Unkenntnis Rußlands und die Verleugnung seiner Selbständigkeit die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhältnis zu jeder Gesellschaft, also dürfen sie sich auch nicht wundern oder sich beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, daß sie vor moralischen Pedanterien nicht zurückschrecken, sondern morden und brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen übergeben, sich von allem Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster einschreiben können. Folglich können alle, die das nicht wollen, auch mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.“
Schatoff
Schatoff spricht während der Sitzung:
„Ich schäme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjährige Knaben sind klüger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß alle, hingerissen von Ihrer Kühnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie fest Sie glauben, daß das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte, endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschließen zu können. Sie sind ja sogar dermaßen davon überzeugt, daß Sie mit ruhigem Gewissen bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu morden. Sie sind so unreife Knaben, daß Sie nicht einmal die gewöhnliche Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen – ganz abgesehen von alldem anderen –, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen kommen, zu Ihnen, den grünen Jungen! Sie sind dermaßen flach und dumm, daß Sie überzeugt sind, Sie hätten eine große Entdeckung gemacht, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, daß die Menschheit das alles wohl schon längst getan hätte, wenn das die Wahrheit wäre, und nicht tausend Jahre lang gelitten hätte, einzig um auf Sie zu warten. Sie schämen sich nicht, so zu lügen, wie Sie es in Ihren Proklamationen tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu übernaiv bemerken, dies sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und daß Sie genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich nicht einmal träumen, daß jede Lüge und jede Entstellung der Tatsachen in ungewöhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und daß dann die Menschen sehen werden, daß Sie absichtliche Lügner sind, und daß Ihnen dann niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest überzeugt, daß die Lügen weiter nichts auf sich hätten, daß sie vielmehr allen gefallen und die Menschen sich über Ihre geschickten Lügen nur freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im Stich lassen werden – Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand –, um zu Ihnen überzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen – ohne dabei selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schämen sich nicht, zu schreiben, daß Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind überzeugt, daß alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden und sich nur nach den Aluminiumpalästen sehnen, in denen man nach Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Männer in besondere Zimmer führen kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, daß eine so kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein Spielzeug, nur verrät, daß Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft die Rute geben müßte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, daß Sie sich nicht einmal bemüht haben, die Proklamation sorgfältiger zu redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Rußland Ihrer Meinung nach verfahren könnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen und sich verwandeln soll, wird es sich nur über Ihre Dummheit wundern; doch wenn es sehen wird, daß Sie außerdem noch Bösewichter sind, wird es Sie als schädliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge beseitigen. Doch leider sind ja auch Alle nicht klüger als Sie und das kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden losgelöst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben geführt und beständig unter Vormundschaft gelebt haben.“
„Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges lieb gewonnen, um für dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht und Leichtsinn aufgehäuft. Wenn man sich um das Leben gemüht, wenn man es sich durch Arbeit erworben hätte, selbständig, mit Leid und Kampf, mit Mühen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch vor allen Dingen durch Arbeit – die eigene Mühe ist ja die Hauptsache –, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so hätte man Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es würden sich lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses Erlebte und Durchlebte würde allen teuer sein. Teuer wäre dann auch das Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch würde man die lebenden Tatmenschen schätzen, die dann einen ganz anderen Einfluß auf die Menschen hätten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt würde die Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! – diese deutsche Vormundschaft! O Gott, was für eine Lehre das ist! Es gibt kein einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus eigener Kraft hat retten können, – selbst in der flammendsten Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, daß eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plünderer und Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord anlocken und für sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, daß diese Gesellschaft überhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und daß dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schön gewesen sei! Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, daß das Volk sich schon vollständig, aber vollständig von Ihnen losgesagt hat! Nun wohl! – versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!“
Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch. wie außer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom Volke haben ja gerade das bewirkt, daß die Gesellschaft erstens nichts mehr hat, was ihr teuer ist und wofür sie einstehen würde, und zweitens, da sie sieht, daß hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und es dafür einsteht und dabei ein so volles Leben lebt – so hat das der Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgültig zu hassen, also gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff sagen wollte, als er von diesem Haß der Belinski und unserer sämtlichen Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Haß leugnen wollen, so ist es klar, daß sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es doch: sie glaubten, daß sie das Volk „hassend liebten“, und so sagten sie es auch von sich. Aber sie schämten sich nicht einmal ihres Ekels vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berührung kamen. (In der Theorie allerdings liebten sie es.)
Stepan Trophimowitsch (Gr.) sagt: „Ja, aber das Volk wurde doch ebenso bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, daß es russisches Volk geblieben und nicht unter der Vormundschaft entartet ist und nicht Rußland haßt.“
Schatoff: „Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk für etwas Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres, eigenes Leben ließ man ihm unangerührt, und wenn es auch viel zu erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, daß es auch sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen hatten dann bald nur für Deutschland noch Liebe übrig, für ihr Vaterland aber und für ihr eigenes Volk nur Verachtung und Haß. So war es ja überall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse zu mißachten.“
Fragen und Antworten
„Sie bieten das Glück an. Aber selbst wenn wir annehmen, daß Sie im Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natürlich absurd ist, doch worüber ich vorläufig nicht streiten will), so ersieht man doch schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Köpfe unreif, flach und leichtsinnig sind und somit – wie wenig sie zum Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht einsehen, daß eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen doch, daß alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf daß sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenüber lossage, von seiner Persönlichkeit und ihrer Sicherstellung, – dazu sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet, und doch – bis zu welch einem Grade ist sie noch überall unzureichend! So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltägliches Bedürfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, daß alles auf Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und für nichts eine Garantie geboten werden soll, wenn’s nicht gerade die Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie kurzweg, daß es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben werde und folglich seien Garantien gar nicht nötig. Aber so etwas kann doch nur ein Verrückter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben.
Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen, von Gott und schließlich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lösen? Und deshalb – wie könnten denn alle sich Ihnen anschließen und sich sofort zu der neuen Gesellschaft umschaffen [umgebären]? Ihnen wird nur ein Häufchen leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswürdige, die Sie mit der Aussicht auf Plünderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in Jahrhunderten entstehen kann, wie können Sie dann versprechen, dasselbe in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstäblich ausdrücken)? Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine Verantwortung übernehmen Sie für die Ströme von Menschenblut, die Sie vergießen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reißen Sie auch nur nieder, weil das am leichtesten ist.“
„Überhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Köpfe. Die zukünftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der allgemeinen Zerstörung, je schneller desto besser.“
„Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es nicht weiß, wofür; hauen, brennen und plündern wird nur ein Haufe geheimer Bösewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm annehmen: Vernichtung der Persönlichkeit, des Eigentums, Gottes und der Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wäre, könnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plündern hinreißen lassen sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und – nun ja – vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres.“
„Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, daß wenigstens eine Welt untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder stürzen, und so weiter, bis schließlich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: daß erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird.“
„Aber auf Grund wessen sind Sie denn so überzeugt, daß Ihr Programm unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen Volkes im besonderen? Sie können das Gegenteil doch mit nichts beweisen, höchstens den Einwand vorbringen, daß es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber es ist doch möglich, daß Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur deshalb so erscheint; dann aber können Sie doch nicht verlangen, daß alle übrigen Menschen ausschließlich zu diesem Zweck gleichfalls zu Dummköpfen werden, nur um Ihnen folgen zu können. Aber siehe da, Sie weigern sich ja, darüber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht für uns ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung und Überzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen scheinen, daß Streit unter allen Umständen Entwicklung der Sache ist. Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren Überzeugungen nicht übereinstimmen.“
„Alles das ist Unsinn und Finessen!“
„Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, daß Ihr Programm richtig ist, wie können Sie dann das Verbrechen der Zerstörung auf Ihr Gewissen nehmen?“
„Wir glauben aber, daß unser Programm richtig ist, und daß ein jeder, der es annimmt, glücklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch fürs Blut, denn nur mit Blut wird Glück erkauft.“
„Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich.“
„Wir sind überzeugt, daß man es damit kaufen kann, und das genügt uns.“
„Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: daß es Ihnen um keinen Preis gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen einige Plünderungen, Brandstiftungen, Morde und Verführungen, nehmen wir selbst an, daß Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk aber wird Sie dafür doch sofort aufknüpfen; nicht aber Ihr Programm annehmen, denn dieses Programm ist widernatürlich und außerdem auf der größten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses Zuchthaus übersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und niemals wird er seine persönliche Freiheit für eine solche Knechtschaft verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier ausliefern.“
– – – – – – – – – – – – – – – – –
Sie wollen morden und plündern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten überall durchfielen und sich als nichtswürdige Bengel erwiesen.
Stepan Trophimowitsch und Pjotr Stepanowitsch Werchowenski
„Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden muß. Damit (mit der Zerstörung) muß naturgemäß jede Sache beginnen; das weiß ich, und darum beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich weiß nur, daß man damit beginnen muß, alles übrige ist nur zeitraubendes Geschwätz. Alle diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen – sind Unsinn. Je mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist’s, denn auf diese Weise erhält man noch einige Zeit künstlich das Leben eines Dinges, das doch unbedingt sterben und einstürzen muß. Je schneller desto besser, je früher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst natürlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man muß alles zerstören, um das neue Gebäude aufbauen zu können, das alte Gebäude aber mit Stützen noch zu stützen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.“
„Nun, z. B., du weißt, daß du früher oder später doch einmal sterben mußt, warum erschießt du dich denn nicht jetzt gleich – je schneller desto besser?“
„Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden muß.“
– – – – – – – – – – – – – – – – –
„Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich weiß, daß man es jetzt machen muß, und so mache ich es denn. Auch ihr wußtet das, du und deine Generation, doch ihr weintet bloß. Wir aber weinen nicht, sondern tun’s einfach.“
– – – – – – – – – – – – – – – – –
Stepan Trophimowitsch und Pjotr Werchowenski
„Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, hätte dabei aber nicht einmal einem Huhn etwas zuleide tun können.“
„Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm sagte, daß er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewußt habe. Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jüngling war[73]. Belinski wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D’s, der Christus verteidigte, begann er Christus zu schmähen. ‚Und immer macht er, wenn ich schimpfe, eine so betrübte, niedergeschlagene Physiognomie,‘ sagte Belinski plötzlich, indem er mit dem gutmütigsten, unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufällig Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten Eisenbahnstrecke. ‚Ich kann nicht kaltblütig warten‘, sagte Belinski zu ihm, ‚ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwählt und jeden Tag sehe ich mir den Bahnbau an.‘ Oh, wenn er, der Arme, gewußt hätte, mit welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die Erbauer der Bahn! Belinski sagte: ‚Ich bin nicht so wie die anderen, ich bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein werde, – wird man erfahren, wen man begraben hat.‘[74] D. schloß sich ihm an und begann über die Eisenbahn zu sprechen, dann über die zukünftigen Eisenbahnen überhaupt, über die Beheizung der Wagen und schließlich über die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden müsse. Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen über diese, wie ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: ‚Brennholz will er mit der Eisenbahn befördern!‘ Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie sich vor, er glaubte wirklich, daß man mit der Eisenbahn nur Passagiere, von Waren aber höchstens die feinsten und wertvollsten articles de Paris[280] befördern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit ... Aber er begriff doch mehr als alle.“
„Dann haben alle wohl viel begriffen!“
„Mein Freund, ich habe mich vom tätigen Leben zurückgezogen ... Jetzt unter den Tätigen sein, das will und kann ich nicht ...“
„Ja, zu was könntest du jetzt auch noch taugen!“
Charakteristik Pjotr Werchowenskis
„Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben etwas an. Ich weiß nur, daß man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen kann, und das ist alles, worauf es ankommt.“
Wenn er vom Volk spricht, bekundet er plötzlich in einem Punkt eine himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit (eine unbedingt so sonderbare, daß die Ungeheuerlichkeit sofort in die Augen springt.) Unter Gelächter wird er überführt, werden seine Behauptungen widerlegt; aber bemerkenswert ist, daß ihn das nicht im geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fühlt sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltblütig und nachlässig nimmt er es hin:
„Vielleicht ist es auch so,“ sagt er, „aber das ist doch ganz einerlei, nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man jetzt einen Aufstand machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen.“
Man antwortet ihm, daß auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen wird, wenn er nicht das Volk kennt, und daß die Proklamation eine Absurdität ist.
„Das ist Unsinn,“ antwortet er, „laßt mich nur eine Viertelstunde ohne Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen.“
Man versichert ihm, daß das Volk weit fester sitze, er aber sagt: „Na, das ist erst recht Unsinn!“ und weist auf die Tatsachen hin – Räuberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] –. „Und ihr seht es ja selbst ein, daß das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst verstummt und nichts mehr zu sagen wißt. (Auf die goldene Urkunde[76] hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht gehen?“)
Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines Vaters (z. B., daß nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er überhaupt keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu entgegnen, gibt sogar offen zu, daß er das nicht weiß, aber: „nicht darauf kommt es an“.
Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig.
Die Rede seines Vaters bei der Fürstin hat er nicht einmal gehört.
Und dabei schlägt er den Vater doch vollkommen. („Mit ihm kann man nicht streiten,“ sagt der Vater.)
Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal annähernd bekannt, er hat nur gehört, daß es so etwas wie Slawophile und Westler gibt, aber: „alles das ist Unsinn“ und „nicht darum handelt es sich.“
Schreibt sogar unorthographisch.
Charakteristik Stepan Trophimowitschs
Porträt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schönheiten.
Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt.
Die charakteristischen Züge. – Eine lebenslängliche Ziellosigkeit und Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefühlen, unter der er früher gelitten hat, die aber jetzt zu seiner zweiten Natur geworden ist. (Der Sohn macht sich darüber lustig.)
Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein höchst charakteristischer Zug.)
Wünscht sehnsüchtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den früheren Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen.
Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die Überlebenden zurück („ich und Timofei Granowski“).
Er ist – ein berühmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche Aufzeichnungen über den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich unbewußt auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten kommt – liebt das. Spricht häufig ohne Fürwörter.
Ist wirklich ehrlich, rein und hält sich für die tiefste Allwissenheit. Widerstandsunfähigkeit in Ansichtssachen.
Großer Poet, jedoch nicht ohne Phrase.
Hat das russische Leben ganz übersehen.
„Tschurrt sich“[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht.
55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen, Turgenjeff u. a.
Liebt Champagner.
Rolle eines Ssacks[78].
Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Tränen vergossen.
„Laßt mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab.“
George Sand und seine Götzen blicken fortwährend durch den Ernst hervor.
Echter Dichter. Dies irae, Goldenes Zeitalter, Griechische Götter! Ein inspiriertes Kapitel. Hat das Pekuniäre gut geordnet. Bildchen, Memoirchen (usw. in dieser Art).
Sein Sohn wird im Auslande erzogen.
Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger).
NB. Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder.
„Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig.“
Ist klug und geistreich.[79]