I.
Es verging ungefähr eine Woche und die Sache begann sich hinzuziehen. Nebenbei bemerkt: ich hatte in dieser Zeit als sein einziger, ihm ewig unentbehrlicher Vertrauter viel auszustehen. Er schämte sich, und das war die Hauptursache seiner Qual. Er schämte sich vor allen Menschen, glaubte, die ganze Stadt wisse es bereits, und so saß er denn nur zu Hause und empfing keinen außer mir! Ja, er schämte sich sogar vor mir, und je mehr er sich mir gegenüber aussprach, um so mehr ärgerte er sich gleichzeitig über mich. Eine Woche war so vergangen, er aber wußte noch immer nicht, ob er nun Bräutigam war oder noch unverlobt. Auch die Braut hatte er noch nicht gesprochen, ja, war sie denn überhaupt seine Braut? ja, war das Ganze überhaupt ernst gemeint? Aus einem ihm unbekannten Grunde lehnte Warwara Petrowna es ab, ihn zu empfangen, und auf einen seiner ersten Briefe (er schrieb natürlich wieder unzählige) hatte sie ihm kurzweg geantwortet, sie müsse ihn bitten, sie für einige Zeit mit Briefen, Fragen und Besuchen zu verschonen, da sie sehr beschäftigt sei; sie habe ihm selbst viel Wichtiges mitzuteilen, warte dazu aber den ersten freieren Augenblick ab und werde ihn dann schon wissen lassen, wann er wieder zu ihr kommen könne. Weitere Briefe werde sie ihm uneröffnet zurückschicken, denn das sei doch nur „Spielerei“.
Doch selbst diese Kränkungen und die Ungewißheit waren noch nichts im Vergleiche zu der Qual eines einzigen und ganz bestimmten Gedankens, der ihn unausgesetzt verfolgte und der die Hauptursache seiner Scheu vor den Menschen war. Natürlich hatte ich die Richtung dieses Gedankens schon längst erraten, und das merkte er, wie es ihm auch nicht entging, daß mich die Häßlichkeit dieses Verdachts, der in ihm beim Suchen nach einer Erklärung für Warwara Petrownas seltsamen Heiratsplan erwacht war, aufrichtig empörte. Er wagte nicht, diesen Verdacht offen auszusprechen, und doch schien er an ihm fast zu ersticken. Er konnte keine zwei Stunden ohne mich auskommen, ließ mich immer wieder zu sich bitten, doch wenn ich dann kam, sprach er wieder bloß von allem Möglichen, nur nicht von dem, was ihn so qualvoll beschäftigte. Das ärgerte mich doppelt und mein Ärger ärgerte wiederum ihn. Manches andere freilich erkannte er sehr richtig und definierte es sogar sehr treffend.
„Oh, wie hat sie sich verändert!“ klagte er unter anderem über Warwara Petrowna. „War sie denn damals so, als wir noch über hohe Dinge diskutierten! Werden Sie es mir glauben, damals hatte sie Gedanken, eigene Gedanken! Jetzt ist alles anders. Sie sagt, das sei alles nur altmodisches Geschwätz! Sie verachtet das Frühere ... Jetzt ist sie so ein Kommis, so ein Ökonom, ein erbitterter Mensch, und immer ärgert sie sich ...“
„Worüber kann sie sich denn jetzt noch ärgern, Sie haben doch ihren Wunsch erfüllt und eingewilligt,“ warf ich ein. – Er sah mich mit einem feinen Lächeln an.
„Cher ami, hätte ich nicht eingewilligt, so hätte sie sich allerdings furchtbar geärgert, furcht–bar! Aber immerhin weniger als jetzt, wo ich eingewilligt habe.“
Mit dieser Bemerkung schien er sehr zufrieden zu sein. Aber die Zufriedenheit hielt nicht lange vor; bald war er wieder finsterer und erregter als je. Was nun mich betrifft, so ärgerte ich mich vor allem darüber, daß er noch immer nicht Drosdoffs seinen Besuch machte, obschon diese ihn längst erwarteten. Dabei hatte er selbst eine Art Sehnsucht nach Lisaweta Nicolajewna und schien zu hoffen, in ihrer Gegenwart gewissermaßen eine Erleichterung seiner jetzigen Qualen und Klarheit über seine Zweifel zu finden. Nach dem Entzücken zu urteilen, mit dem er von ihr sprach, mußte er sie für ein außergewöhnliches Wesen halten. Und doch ging er nicht hin, sondern schob den Besuch von Tag zu Tag auf. Ich ärgerte mich darüber maßlos, denn: ich brannte darauf, ihr vorgestellt zu werden, und diesen Dienst konnte nur er mir erweisen. Gesehen hatte ich sie schon oft, aber natürlich nur auf der Straße, wenn sie in Begleitung eines hübschen Offiziers, ihres sogenannten Verwandten, spazieren ritt. Meine Verblendung dauerte zwar nur kurze Zeit und ich sah ja die Aussichtslosigkeit meiner Schwärmerei sehr bald ein, aber damals war ich doch empört über meinen Freund wegen seiner Scheu, Drosdoffs seinen Besuch zu machen oder auch nur das Haus zu verlassen. Und das alles wegen jenes häßlichen Verdachts! Unser Freundeskreis war von ihm schon am ersten Tage brieflich benachrichtigt worden, daß die Abende bei ihm zeitweilig ausfallen müßten, und später hatte ich noch auf seine inständige Bitte hin, (damit nur ja niemand sich darüber wundere und eine andere Ursache vermute) jeden einzeln aufsuchen und ihm erklären müssen, daß Warwara Petrowna „unserem Alten“, wie wir ihn unter uns nannten, eine große eilige Arbeit aufgetragen habe: einen mehrjährigen Briefwechsel in Ordnung zu bringen und Ähnliches. Nur zu Liputin war ich noch nicht gegangen und ich wollte es auch nicht recht; ich wußte im voraus, daß er mir doch kein Wort glauben, vielmehr sofort argwöhnen werde, daß man gerade vor ihm etwas geheimhalten wolle. Und dann würde er natürlich in der Stadt überall herumlaufen, um sich zu erkundigen, und dabei nur Klatsch verbreiten. Da traf ich ihn plötzlich ganz zufällig auf der Straße. Ich begann mich zu entschuldigen, ich sei noch nicht dazu gekommen, ihn gleichfalls aufzusuchen usw., doch er unterbrach mich sogar und zeigte seltsamerweise gar keine Neugier, ja, er ging selbst sofort auf ein anderes Thema über und begann seinerseits die Neuigkeiten zu erzählen, die sich bei ihm inzwischen angesammelt hatten. Zunächst berichtete er von der Ankunft der Gemahlin unseres neuen Gouverneurs, die „neue Gesprächsthemata“ mitgebracht habe, und von der Opposition gegen diese Themata, die sich im Klub schon gebildet habe; alle Welt rede jetzt von neuen Ideen, alle seien hinter ihnen her usw. usw. Kurz, er erzählte eine gute Viertelstunde, und zwar so amüsant, daß ich mich nicht loszureißen vermochte, obschon ich ihn persönlich nicht ausstehen konnte. Er war in meinen Augen der geborene Spion, der alle Stadtgeheimnisse wußte, besonders alle skandalösen, und sein vorherrschender Charakterzug war, wie mir schien, der Neid. Als ich Stepan Trophimowitsch von dieser Begegnung erzählte, regte er sich, zu meiner Verwunderung, unglaublich auf und stellte die seltsame Frage: „Weiß Liputin schon etwas davon oder weiß er noch nichts?“ Ich suchte ihn zu beruhigen und zu überzeugen, daß Liputin doch unmöglich von Warwara Petrownas Plan etwas gehört haben könne; durch wen denn? Aber sein Argwohn blieb und plötzlich sagte er:
„Glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht, aber ich bin überzeugt, daß ihm nicht nur unsere Lage bereits bekannt ist, sondern daß er außerdem noch etwas weiß, was weder ich noch Sie wissen, und was wir vielleicht auch nie erfahren werden, oder erst dann, wenn es schon zu spät ist, wenn es kein Zurück mehr gibt!“
Ich schwieg, aber diese Worte deuteten doch vieles an. Er aber bereute sichtlich schon im nächsten Augenblick, sie ausgesprochen und seinen Verdacht verraten zu haben.
II.
Eines Morgens – es war am siebenten oder achten Tage nach Stepan Trophimowitschs Einwilligung zu heiraten – hatte ich, als ich wie gewöhnlich gegen elf Uhr zu meinem bekümmerten Freunde eilte, unterwegs ein kleines Erlebnis: ich begegnete Karmasinoff[26], dem „großen Schriftsteller“, wie Liputin ihn zu nennen pflegte.
Karmasinoffs Schriften hatten mich in meinen Jünglingsjahren entzückt, begeistert. Seine späteren tendenziösen Novellen gefielen mir viel weniger als seine ersten Werke, die noch viel Poesie enthielten; manche aber sagten mir gar nicht mehr zu. Und zuletzt hatte ich eine Skizze von ihm gelesen, die ungeheure Aussprüche darauf erhob, naive Poesie und zugleich höchste Psychologie zu bringen. Diese Skizze sollte den Untergang eines Schiffes irgendwo an der englischen Küste schildern, den er als Augenzeuge miterlebt hatte, doch in Wirklichkeit schilderte sie nur ihn, den Verfasser. Man las es förmlich zwischen den Zeilen: „So seht doch auf mich, seht, wie ich in diesen Augenblicken war! Was geht euch dieses Meer an, der Sturm usw., ich bin es doch, der euch das mit genialer Feder schildert!“ Als ich damals Stepan Trophimowitsch meine Meinung über diese Skizze sagte, stimmte er mir bei. Trotzdem hätte ich Karmasinoff jetzt, während seines Besuches in unserer Stadt, gern gesehen oder gar seine Bekanntschaft gemacht, was durch Stepan Trophimowitschs Vermittlung möglich war; sie waren ja früher befreundet gewesen. Und da begegnete ich ihm nun plötzlich an einer Straßenecke. Ich erkannte ihn sofort; man hatte ihn mir schon vor drei Tagen gezeigt, als er mit der Gouverneurin in einer Equipage vorüberfuhr.
Er war ein sehr kleiner, gezierter alter Herr, übrigens wohl nicht über fünfundfünzig Jahre alt, mit ziemlich frischem Gesichtchen, dichten grauen Löckchen, die unter seinem runden Zylinderhut hervorquollen und sich um seine kleinen, netten, rosafarbenen Ohren ringelten. Sein sauberes Gesichtchen war nicht gerade hübsch, mit den dünnen, langen, verschlagen geschlossenen Lippen, der etwas fleischigen Nase und den stechenden, klugen kleinen Äuglein. Er war eigentlich etwas altmodisch gekleidet, wenigstens erinnerte der Mantel, den er trug, an die Umhänge, die bei Regenwetter etwa in der Schweiz oder in Oberitalien getragen werden. Dafür aber waren alle die kleinen Sachen, wie Hemdknöpfchen, das Krägelchen, die Schildpattlorgnette am schmalen schwarzen Bändchen, der Ring am Finger unbedingt genau von der Art, wie sie von Leuten des untadelig guten Tones getragen werden.
Er blieb an der Straßenecke stehen und sah sich aufmerksam um. Als er bemerkte, daß ich ihn neugierig ansah, wandte er sich an mich und fragte mit honigsüßem, wenn auch kreischendem Stimmchen:
„Gestatten Sie die Frage, wie komme ich auf dem nächsten Wege zur Bykoffstraße?“
„Zur Bykoffstraße? Hier ... hier geradeaus,“ rief ich erregt, „und dann die zweite Querstraße links.“
„Ich danke Ihnen sehr.“
Verwünscht sei dieser Augenblick! Er hatte aus meiner Verlegenheit und Erregung natürlich sofort alles erraten, d. h. daß ich wußte, wer er war, daß ich seine Werke verschlungen hatte und darum so befangen und so dienstbeflissen war. Er lächelte, nickte und ging weiter. Ich weiß nicht, warum ich ihm nachging. Da blieb er wieder stehen.
„Und könnten Sie mir auch angeben, wo hier in der Nähe Droschken stehen?“ kreischte wieder seine Stimme.
„Droschken? Hier ... bei der Kirche stehen immer welche!“ und fast wäre ich selbst nach einer Droschke gelaufen. Ich vermute, daß er gerade das von mir auch erwartete. Natürlich kam ich sofort zur Besinnung und blieb stehen, aber meine erste Bewegung hat er bestimmt bemerkt, da er mich die ganze Zeit mit diesem schändlichen Lächeln scharf beobachtete. Da aber geschah etwas für mich Unvergeßliches: er ließ plötzlich ein Säckchen oder eine Art Täschchen fallen, das er in der linken Hand trug. Und ich machte unwillkürlich eine Bewegung, um es aufzuheben. Natürlich besann ich mich sofort und hob es nicht auf, nur wurde ich rot wie ein Dummkopf. Er aber nutzte die Situation raffiniert zu seinen Gunsten aus.
„Bemühen Sie sich nicht, ich kann ja selbst ...“ sagte er in bezaubernd liebenswürdigem Tone, aber erst, als kein Zweifel mehr darob bestand, daß ich es nicht aufheben würde. Er hob es selbst auf, nickte mir zu und ging weiter, indem er mich wie einen dummen Jungen stehen ließ. Das war ebensogut, als hätte ich es aufgehoben. In den ersten fünf Minuten hielt ich mich für lebenslänglich blamiert; doch als ich mich dem Hause Stepan Trophimowitschs näherte, lachte ich plötzlich laut auf: die Begegnung kam mir so komisch vor, daß ich sofort beschloß, sie meinem Freunde zur Erheiterung zu erzählen.
III.
Aber diesmal fand ich ihn zu meiner Verwunderung ganz verändert vor. Er stürzte mir freilich mit einer gewissen Spannung entgegen und begann mir zuzuhören, aber er war doch sichtlich so zerstreut, daß er meinen Bericht anfangs gar nicht verstand. Kaum aber hatte ich den Namen Karmasinoff ausgesprochen, als er plötzlich geradezu außer sich geriet.
„Reden Sie nicht von ihm, nennen Sie ihn nicht!“ rief er fast wie rasend. „Hier, hier, sehen Sie, lesen Sie!“ Er riß ein Schubfach auf und warf mir drei kleine Zettel zu. Es waren drei Zuschriften Warwara Petrownas an ihn, die sich alle auf Karmasinoff bezogen und deutlich ihre Besorgnis verrieten, der „große Schriftsteller“ könnte vergessen, ihr seine Visite zu machen. Das erste Briefchen, das sie vor drei oder vier Tagen geschrieben hatte, lautete:
„Sollte er Sie heute endlich beehren, so bitte von mir kein Wort. Erwähnen Sie mich überhaupt nicht und erinnern Sie ihn nicht daran. W. S.“
Der zweite Zettel vom vergangenen Tage lautete:
„Sollte er sich heute endlich entschließen, Ihnen seine Visite zu machen, so dürfte es das beste sein, ihn überhaupt nicht zu empfangen. Das wäre meine Meinung. Wie die Ihre ist, weiß ich nicht. W. S.“
Und den dritten hatte er vor einer Stunde erhalten:
„Ich bin überzeugt, daß in Ihren Zimmern eine Fuhre Papierschnippel und allerhand umherliegt und der Zigarrenrauch undurchdringlich ist. Ich schicke Ihnen Marja und Fómuschka, die werden in einer halben Stunde alles aufräumen. Stören Sie sie nicht, setzen Sie sich so lange in die Küche. Ich sende Ihnen einen bucharischen Teppich und zwei chinesische Vasen, die ich Ihnen schon lange schenken wollte, und außerdem meinen Teniers (diesen aber nur für einige Zeit). Die Vasen könnte man aufs Fensterbrett stellen und den Teniers hängen Sie rechts unter Goethes Porträt, dort ist er sichtbarer. Wenn er endlich erscheint, so empfangen Sie ihn mit vollendeter Höflichkeit, aber reden Sie nur von Belanglosem, z. B. von irgendetwas Gelehrtem, und mit einem Gleichmut, als hätten Sie sich erst gestern getrennt. Über mich kein Wort. Vielleicht komme ich am Abend zu Ihnen, um zu sehen, wie es aussieht. W. S.
P. S. Wenn er heute nicht kommt, so wird er überhaupt nicht kommen.“
Ich las und wunderte mich im stillen, daß solche Kleinigkeiten ihn so erregen konnten. Als ich aufsah bemerkte ich, daß er inzwischen seine weiße Halsbinde mit einer roten vertauscht hatte. Hut und Stock lagen auf dem Tisch. Er war blaß und seine Hände zitterten.
„Ich will von ihren Besorgnissen nichts wissen!“ schrie er empört als Antwort auf meinen fragenden Blick. „Je m’en fiche![36] Ihr fällt es ein, sich wegen Karmasinoff aufzuregen, aber auf meine Briefe antwortet sie mir nicht! Dort, sehen Sie, dort auf dem Schreibtisch liegt mein Brief, den sie mir gestern uneröffnet zurückgeschickt hat! Was geht es mich an, daß sie sich um Ni–kó–lenka Sorgen macht! Je m’en fiche et je proclame ma liberté! Au diable le Karmazinoff! Au diable la Lembke![37] Die chinesischen Vasen habe ich im Vorzimmer versteckt und den Teniers in der Kommode untergebracht, von ihr aber habe ich verlangt, mich sofort zu empfangen. Jawohl: verlangt, mich sofort zu empfangen, sofort! Ich habe ihr genau solch einen mit Bleistift geschriebenen Zettel unversiegelt durch Nastassja geschickt und warte jetzt. Ich will, daß Darja Pawlowna mir persönlich sagt, was gesagt werden muß, mit eigenem Munde und vor dem Angesicht des Himmels oder wenigstens vor Ihnen. Vous me seconderez, n’est-ce pas, comme ami et témoin.[38] Ich will nicht erröten müssen, ich will nicht lügen müssen, ich will keine Geheimnisse, in dieser Sache werde ich Geheimnisse nicht dulden! Sie sollen mir alles gestehen, ehrlich, offen und anständig, und dann ... dann werde ich vielleicht die ganze heutige Generation durch meine Großmut in Erstaunen setzen! ... Bin ich denn ein Schuft, mein Herr?“ schloß er plötzlich und sah mich so drohend an, als hätte gerade ich ihn für einen Schuft gehalten.
Ich bat ihn, zur Beruhigung ein wenig Wasser zu trinken. So erregt hatte ich ihn noch nie gesehen. Er lief die ganze Zeit hin und her. Plötzlich blieb er in einer ganz ungewöhnlichen Pose vor mir stehen.
„Glauben Sie wirklich,“ begann er mit krankhaftem Hochmute, mich vom Kopfe bis zu den Füßen messend, „daß ich, Stepan Werchowenski, nicht so viel sittliche Kraft in mir fände, um meine Habe – mein armseliges Bündel! – auf meine schwachen Schultern zu laden, zum Tore hinauszugehen und für immer von hier zu verschwinden, wenn das die Ehre und das hohe Prinzip der Unabhängigkeit fordern? Es wäre nicht das erste Mal, daß Stepan Werchowenski Despotismus durch Großmut zurückweist, selbst wenn es sich um den Despotismus eines wahnsinnigen Weibes handelt, also um den kränkendsten und grausamsten Despotismus, den es auf der Welt überhaupt geben kann, wiewohl Sie soeben beliebten, über meine Worte zu lächeln, mein Herr! Oh, Sie glauben natürlich nicht, daß ich soviel Großmut aufzubringen vermöchte, um mein Leben lieber bei einem Kaufmann als Hauslehrer zu beschließen oder hinter einem Zaune Hungers zu sterben! Antworten Sie mir, antworten Sie sofort: trauen Sie mir das zu oder trauen Sie’s mir nicht zu?“
Ich schwieg aber absichtlich. Ich tat sogar, als brächte ich es nicht über mich, ihn durch eine verneinende Antwort zu kränken, und könnte doch auch nicht bejahend antworten. In diesem ganzen Benehmen lag etwas, was mich entschieden verletzte, nicht mich persönlich, o nein! ... Ich werde das später erklären. Er wurde blaß.
„Vielleicht langweilt Sie überhaupt der Umgang mit mir, G–ff“ (dies ist mein Familienname), „und Sie würden lieber ... den Verkehr mit mir ganz aufgeben?“ fragte er in jenem Tone bleicher Ruhe, die gewöhnlich einem außergewöhnlichen Ausbruch vorhergeht. Ich sprang erschrocken auf; in dem Augenblick kam Nastassja herein und übergab ihm schweigend einen Zettel. Er warf einen Blick darauf und reichte ihn mir. Auf dem Papier standen nur vier Worte von Warwara Petrowna: „Bleiben Sie zu Hause.“
Stepan Trophimowitsch nahm schweigend Hut und Stock und ging zur Tür; ich wollte ihm unwillkürlich folgen. Da hörten wir plötzlich Stimmen und Schritte im Korridor. Er blieb wie vom Donner gerührt stehen.
„Liputin! Ich bin verloren!“ flüsterte er und packte mich am Arm. – Da trat Liputin schon ins Zimmer.
IV.
Warum er durch Liputins Besuch verloren sei, wußte ich mir zwar nicht zu erklären, aber sein Schreck war doch so auffallend, daß ich beschloß, hier acht zu geben. Schon die Art, wie Liputin auftrat, sagte einem sofort, daß er heute trotz aller Verbote ein besonderes Recht zum Eintritt zu haben glaubte. Er brachte einen uns unbekannten Herrn mit, offenbar einen Zugereisten. Als Antwort auf den leeren Blick des starr dastehenden Stepan Trophimowitsch rief er sogleich laut:
„Ich bringe einen Gast mit, einen besonderen! Ich wage es, Ihre Einsamkeit zu stören. Herr Kirilloff, ein hervorragender Ingenieur der Wegebaukunst. Doch das Wichtigste ist: er kennt Ihren Sohn, sogar sehr gut, und hat einen Auftrag von ihm.“
„Den Auftrag haben Sie hinzugefügt,“ sagte der Gast schroff, „davon habe ich nichts. Aber Werchowenski kenne ich. Das ist so. Ich habe ihn im Gouvernement Ch. verlassen. Zehn Tage zurück.“[27]
Stepan Trophimowitsch reichte ihm mechanisch die Hand und forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Dann sah er mich an, dann Liputin und plötzlich, wie sich besinnend, setzte er sich selbst schnell hin, behielt aber Hut und Stock, offenbar unbewußt, in der Hand.
„Aber was sehe ich, Sie wollen selbst ausgehen!“ rief Liputin. „Und mir hat man doch gesagt, Sie seien vor lauter Arbeit ganz krank!“
„Ja, ich fühle mich nicht wohl und wollte deshalb spazieren gehen. Ich ...“ Stepan Trophimowitsch stockte plötzlich, warf schnell Hut und Stock auf den Diwan und – errötete.
Ich sah mir inzwischen schnell den Gast näher an. Er war ein junger Mann von ungefähr siebenundzwanzig Jahren, anständig gekleidet, gutgewachsen und mager, brünett, mit blassem Gesicht von gleichsam ein wenig erdig-brauner Hautfarbe und mit schwarzen glanzlosen Augen. Er schien nachdenklich und zerstreut zu sein, sprach seltsam abgebrochen und grammatisch geradezu falsch, wenigstens stellte er die Worte sehr sonderbar zusammen und bei jedem längeren Satz gerieten sie ihm anscheinend durcheinander. Liputin, dem Stepan Trophimowitschs Schreck natürlich nicht entgangen war, hatte für sich einen Rohrstuhl fast bis in die Mitte des Zimmers gezogen, um in gleicher Entfernung vom Gast und vom Hausherrn sitzen zu können, die einander gegenüber jeder auf einem Diwan Platz genommen hatten. Seine scharfen Augen fuhren neugierig im Zimmer umher.
„Ich ... ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen ... Haben Sie ihn im Auslande getroffen?“ brachte Stepan Trophimowitsch, zum Gast gewandt, unsicher hervor.
„Auch hier und auch im Auslande.“
„Herr Kirilloff ist soeben nach vierjähriger Abwesenheit zurückgekehrt,“ bemerkte Liputin, „aus dem Auslande, wo er sich in seinem Fach vervollkommnet hat, und jetzt ist er zu uns gekommen, da er Aussicht hat, eine Anstellung beim Bau unserer Eisenbahnbrücke zu erhalten. Ihr Sohn hat ihn in der Schweiz auch mit Drosdoffs bekannt gemacht, und er kennt auch Nicolai Stawrogin!“
„Ja?! ... Ich ... ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen ... und habe eigentlich so wenig das Recht, mich Vater zu nennen ... oui, c’est le mot.[39] Ich ... wie haben Sie ihn denn dort verlassen?“
„Ja, so ... Er wird selbst kommen.“ Herr Kirilloff beeilte sich sichtlich, die Antwort los zu werden. Er war entschieden geärgert, saß finster da und hörte ungeduldig zu.
„Er wird herkommen! Endlich werde ich ... Ja, sehen Sie, ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen!“ Stepan Trophimowitsch kam von diesem Satz nicht los. „Ich erwarte jetzt meinen armen Jungen, vor dem ... oh, vor dem ich so schuldig dastehe! Das heißt, ich wollte sagen, daß ich ihn in Petersburg damals für nichts Besonderes hielt ... ou quelque chose dans ce genre.[40] Der Junge war, wissen Sie, nervös, sehr empfindsam, und ... ängstlich. Bevor er zu Bett ging, verneigte er sich vor dem Heiligenbilde und bekreuzte sein Kopfkissen, um in der Nacht nicht zu sterben, je m’en souviens. Enfin,[41] kein bißchen Gefühl für das Schöne, das heißt für etwas Höheres, oder Tieferes, kein einziger Keim einer zukünftigen Idee ... c’était comme un petit idiot.[42] Übrigens, ich ... entschuldigen Sie, ich ... bin momentan ...“
„Das Kissen bekreuzte, sagten Sie das im Ernst?“ erkundigte sich Herr Kirilloff plötzlich mit besonderem Interesse.
„Ja, er bekreuzte es ...“
„Nein, ich fragte nur so; fahren Sie fort.“
Stepan Trophimowitsch sah Liputin fragend an.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihren Besuch, aber ich muß gestehen, ich bin jetzt nicht imstande ... Doch gestatten Sie die Frage, wo wohnen Sie?“
„In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.“
„Ach, das ist ja dasselbe Haus, in dem auch Schatoff wohnt,“ bemerkte ich unwillkürlich.
„Ja, eben, genau in demselben Hause,“ rief Liputin schnell, „nur wohnt Schatoff oben und er unten bei Lebädkin. Und er ist auch mit Schatoff und Schatoffs Frau bekannt, mit dieser sogar besonders nah und gut.“
„Comment![43] So wissen Sie etwas von dieser unglücklichen Ehe de notre pauvre ami[44] mit dieser Frau?“ fragte Stepan Trophimowitsch plötzlich lebhaft, mit aufrichtigem Mitgefühl. „Sie sind der erste, der diese Frau persönlich kennt; und wenn nur ...“
„Welch ein Blödsinn!“ Kirilloff sah dabei, ganz rot vor Zorn, Liputin ungehalten an. „Was Sie immer zu allem hinzufügen, Liputin! Ich kenne Schatoffs Frau gar nicht ... habe sie nur einmal gesehen, von weitem ... Was fügen Sie immer hinzu!“ Und er machte eine schroffe Wendung auf dem Diwan, griff schon nach seiner Mütze, legte sie aber wieder hin, und als er wieder wie früher dasaß, richtete er plötzlich seine schwarzen aufflammenden Augen mit einer gewissen Herausforderung auf Stepan Trophimowitsch. Ich vermochte mir diese sonderbare Reizbarkeit überhaupt nicht zu erklären.
„Verzeihen Sie,“ versetzte Stepan Trophimowitsch fein, „ich verstehe, daß das eine sehr zarte Angelegenheit ...“
„Gar keine zarte Angelegenheit, und das ist einfach schamlos ich habe aber nicht zu Ihnen ‚Blödsinn‘ gesagt, sondern zu Liputin, weil er immer hinzufügt. Entschuldigen Sie, wenn Sie es auf sich dachten. Ich kenne Schatoff, aber seine Frau, nein, die gar nicht!“
„Ich verstehe, oh, ich verstehe. Ich habe ja nur gefragt, weil ich unseren armen Freund sehr liebe und mich immer für ihn interessiert habe ... Der junge Mann hat, meiner Meinung nach, etwas zu plötzlich, zu schroff seine früheren, vielleicht noch unreifen, aber immerhin richtigen Ansichten geändert. Er sagt jetzt dermaßen sonderbare Dinge über notre sainte Russie,[45] daß ich diesen Umschwung in seinem Inneren – anders möchte ich’s nicht nennen – einer starken Erschütterung seines Privatlebens zuschreibe, in erster Linie seiner unglücklichen Ehe. Ich, der ich mein armes Rußland studiert habe und wie meine fünf Finger kenne, und meinem Volke mein ganzes Leben geweiht habe, ich versichere Ihnen, daß er das russische Volk nicht kennt, und zudem ...“
„Ich kenne das russische Volk auch gar nicht und ... um es zu studieren ist auch gar keine Zeit da!“ fiel ihm der Ingenieur wieder ins Wort und wieder machte er eine schroffe Wendung auf seinem Platz.
„Aber er studiert es, studiert es,“ hakte Liputin flink ein, „er hat schon damit begonnen und jetzt arbeitet er an einer ungemein interessanten Abhandlung über die Ursachen der Zunahme der Selbstmorde in Rußland und überhaupt über die Ursachen, die die Verbreitung des Selbstmordes in der menschlichen Gesellschaft fördern oder hemmen. Er ist auch schon zu ganz erstaunlichen Folgerungen gelangt!“
Der Ingenieur geriet in schreckliche Erregung.
„Dazu haben Sie gar kein Recht!“ sagte er zornig. „Ich schreibe gar keine Abhandlung. Ich will keine solche Dummheiten. Ich habe Sie unter uns gefragt, nur versehentlich. Und nichts von einer Abhandlung; ich veröffentliche nicht, Sie aber haben kein Recht ...“
Liputin ergötzte sich augenscheinlich an diesem Zorn.
„Ja dann verzeihen Sie schon, vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt, wenn ich Ihre literarische Arbeit eine Abhandlung nannte. Er sammelt nämlich nur Beobachtungen, aber an den Kern der Frage oder sozusagen an ihre sittliche Seite rührt er überhaupt nicht, ja er lehnt sogar die Sittlichkeit selbst ganz ab und hält sich dafür an den neuesten Grundsatz der allgemeinen Zerstörung zum Zwecke der Erreichung guter Endziele. Er verlangt über hundert Millionen Köpfe, um die gesunde Vernunft in Europa zur Herrschaft zu bringen, also noch viel mehr, als auf dem letzten Weltkongreß verlangt wurden. In der Beziehung geht er viel weiter als alle anderen!“
Der Ingenieur hörte mit einem geringschätzigen und blassen Lächeln zu. Eine halbe Minute schwiegen wir alle.
„Das ist so dumm, Liputin,“ sagte Kirilloff schließlich, nicht ohne eine gewisse Würde. „Ich habe Ihnen nur einige Punkte gesagt, und Sie haben sie so aufgefaßt, das ist Ihre Sache. Aber Sie haben gar kein Recht dazu, und ich spreche davon zu niemandem. Ich verachte das Sprechen. Wenn ich Überzeugungen habe, so sind sie für mich klar. Ich philosophiere nicht mehr über das, was schon ganz klar ist. Ich kann es nicht ausstehen, zu philosophieren. Ich will niemals philosophieren.“
„Und vielleicht tun Sie ganz recht daran,“ konnte Stepan Trophimowitsch sich nicht enthalten, zu bemerken.
„Ich habe mich bei Ihnen entschuldigt, aber ich ärgere mich hier über niemanden,“ fuhr der fremde Gast schnell und erregt fort. „Ich habe vier Jahre lang wenig Menschen gesehen. Vier Jahre habe ich wenig gesprochen und mich bemüht, mit keinem Menschen zusammenzukommen, wegen meiner Ziele, die weiter niemanden angehen. Liputin fand das zum Lachen. Ich sehe das, aber ich beachte es nicht. Man kann mich nicht beleidigen, aber ich ärgere mich nur über seine Ungeniertheit. Doch wenn ich Ihnen nicht meine Gedanken erkläre,“ schloß er unerwartet und sah uns alle der Reihe nach mit festem Blick an, „so unterlasse ich das nicht deshalb, weil ich eine Anzeige bei der Regierung fürchte, nein, bitte, denken Sie nicht Dummheiten von der Art ...“
Dazu sagte schon niemand mehr etwas. Wir sahen uns nur an. Sogar Liputin vergaß zu spottlächeln.
„Meine Herren, ich bedaure unendlich,“ sagte Stepan Trophimowitsch plötzlich entschlossen und erhob sich, „aber ich fühle mich nicht wohl. Entschuldigen Sie mich.“
„Ach, das ist, damit wir fortgehen!“ rief Herr Kirilloff und sprang sofort auf. „Gut, daß Sie es sagten, ich bin sonst vergeßlich.“
Er trat mit gutmütigem Ausdruck und ausgestreckter Hand auf Stepan Trophimowitsch zu. „Schade, daß Sie krank sind und ich gekommen bin.“
„Ich wünsche Ihnen allen Erfolg bei uns,“ sagte Stepan Trophimowitsch wohlwollend und gab ihm langsam die Hand. „Ich verstehe schon, daß Sie, der Sie so lange im Auslande ohne Verkehr gelebt haben, auf uns Urrussen mit Erstaunen blicken müssen – und wir natürlich desgleichen auf Sie. Mais ce a passera.[46] Nur eines macht mir Sorge: Sie wollen hier unsere Brücke bauen, und erklären sich zu gleicher Zeit für das Prinzip der allgemeinen Zerstörung? Dann wird man Sie unsere Brücke nicht bauen lassen!“
„Was?! Wie, was haben Sie gesagt?“ rief Kirilloff bestürzt; bis er plötzlich begriff: „Ach so!“ und er brach in das heiterste und harmloseste Lachen aus; dabei nahm sein Gesicht auf einen Augenblick einen ganz kindlichen Ausdruck an, der ihm, wie mir schien, ungemein gut stand.
Liputin rieb sich die Hände vor Vergnügen über Stepan Trophimowitschs gelungene Bemerkung.
Ich aber fragte mich noch immer, warum Stepan Trophimowitsch ausgerufen hatte, „ich bin verloren“, als er Liputin kommen hörte.
V.
Wir waren alle aufgestanden. Es war jener Augenblick, in dem die Gäste und der Hausherr noch die letzten liebenswürdigen Worte zu wechseln pflegen, um dann zufrieden auseinander zu gehen.
Da bemerkte plötzlich Liputin, der bereits an der Türe stand, wie beiläufig: „Er ist ja nur deshalb so mürrisch, weil er mit dem Hauptmann Lebädkin den Streit gehabt hat. Der schlägt seine schöne Schwester, die Irrsinnige, jeden Morgen und jeden Abend mit der Nagaika, mit einer echten Kosakenpeitsche, sage ich Ihnen! Herr Kirilloff aber ist deswegen schon auf die andere Seite, in den Flügel des Hauses gezogen, um das nicht täglich anhören zu müssen. Na ja, – also auf Wiedersehen!“
„Die kranke Schwester? Die Irrsinnige? Mit der Nagaika?“ rief Stepan Trophimowitsch, als sei er selbst von einem Peitschenschlage getroffen worden. „Welch eine Schwester? Was für ein Lebädkin?“
„Lebädkin – na, dieser verabschiedete Hauptmann doch! Früher nannte er sich ‚Stabskapitän‘!“ antwortete Liputin, indem er noch einmal ins Zimmer zurücktrat.
„Ach, was geht mich sein Rang an! Welche Schwester? Mein Gott ... Sie sagen Lebädkin, aber – bei uns war doch auch ein Lebädkin!“
„Eben, eben, derselbe Lebädkin ist’s ja auch! Erinnern Sie sich noch, der damals bei Wirginski ...“
„Aber der fiel doch mit seinen falschen Papieren herein?!“
„Nun ja, damals, jetzt aber ist er zurückgekehrt, schon vor drei Wochen, und zwar unter den allersonderbarsten Umständen.“
„Aber das ist doch ein ganz nichtswürdiger Mensch!“
„Mein Gott, als ob es solche bei uns nicht geben könnte!“ gab Liputin plötzlich spottlächelnd zur Antwort und dabei sahen seine listigen Äuglein Stepan Trophimowitsch an, ihn gleichsam betastend, befühlend.
„Ach Gott, darum handelt es sich doch nicht ... Übrigens, Nichtswürdige – darin stimme ich mit Ihnen vollkommen überein, besonders mit Ihnen! Aber was weiter? Was wollten Sie damit sagen? Sie wollten doch unbedingt etwas damit sagen!!“ Stepan Trophimowitsch bestand auf einer Antwort.
„Ach, das sind ja lauter Dummheiten und sonst nichts! ... Dieser ‚Hauptmann‘ hat uns damals allem Anscheine nach nicht wegen falscher Papiere verlassen, sondern einzig und allein, um sein verrücktes Schwesterlein aufzusuchen, das sich an einem unbekannten Orte versteckt hielt. Na, und jetzt hat er sie eben hergebracht. Und das ist alles. Was ist denn dabei? Warum regen Sie sich denn so darüber auf, Stepan Trophimowitsch? Ich erzähle doch nur, was ich von ihm selber in seiner Betrunkenheit erfahren habe. Wenn er nüchtern ist, schweigt er darüber. Ein reizbarer Mensch übrigens, na, und so ... na, so ein dichtender Mars mitunter, wenn der Geist über ihn kommt, doch meist von üblem Geschmack. Und das verrückte Schwesterlein, das dabei noch hinkt, scheint mir von irgend jemand entehrt worden zu sein. Der Herr Bruder aber bezieht einen jährlichen Tribut, als Belohnung für die Ehrenbeleidigung, wie er sagt. Meiner Meinung nach ist das freilich nur Geschwätz. Er prahlt einfach. Aber das ließe sich doch mit weniger Geld auch machen! Doch Tatsache ist, daß er Geld hat, und zwar in großen Summen! Vor anderthalb Wochen ging er fast barfuß, und jetzt hat er – ich habe es selbst gesehen! – Hunderte in den Händen. Die Schwester hat täglich irgendwelche Anfälle, und schreit dann, worauf er sie mit der Peitsche ‚in Ordnung bringt‘, wie er zu sagen pflegt, – denn man müsse in das Weib ‚Achtung pflanzen‘. Ich begreife nicht, wie Schatoff es aushält, über ihnen zu wohnen. Herr Kirilloff hat es nur drei Tage aushalten können. Nun ist er umgezogen, wie gesagt. Er kannte sie noch von Petersburg her!“
„Ist das wirklich alles wahr?“ wandte sich Stepan Trophimowitsch an den Ingenieur.
„Sie schwatzen furchtbar viel, Liputin,“ brummte dieser wütend.
„Geheimnisse und wieder Geheimnisse! Woher kommt das doch, daß es bei uns plötzlich so viele Geheimnisse gibt?“ Stepan Trophimowitsch konnte nicht mehr an sich halten. Der Ingenieur ärgerte sich, errötete, zuckte ungeduldig mit den Schultern und ging schon aus dem Zimmer.
„Herr Kirilloff hat ihm sogar die Peitsche aus der Hand gerissen, sie zerbrochen und dann aus dem Fenster geworfen,“ fügte da Liputin schnell mit schlauem Lächeln hinzu.
Kirilloff kehrte sofort um: „Was soll das alles, Liputin? Das ist doch dumm. Und weshalb?“
„Aber wozu denn aus Bescheidenheit gerade die edelsten Regungen der Seele verheimlichen?! – das heißt, Ihrer Seele, selbstredend Ihrer Seele, ich spreche nicht von der meinen!“ antwortete Liputin.
„Wie das dumm ist ... und gar nicht nötig. Lebädkin ist ein ganz leerer Mensch und kommt für die Sache gar nicht in Betracht und schadet ihr nur. Warum schwatzen Sie so viel Überflüssiges? Ich gehe!“
„Ach, wie schade!“ rief da Liputin mit hellem Lächeln aus. „Sie gehen schon – sonst hätte ich Stepan Trophimowitsch noch mit einer kleinen Anekdote erfreut!“ Und zu diesem gewandt: „Bin sogar mit der Absicht hergekommen, sie Ihnen unbedingt zu erzählen. Doch Sie werden sie ja bestimmt schon gehört haben. Na, dann eben ein anderes Mal! Herr Kirilloff hat es ja so eilig ... Auf Wiedersehen also! Nein, hat aber Warwara Petrowna mich vorgestern belustigt! Sie schickte extra nach mir. Einfach zum Kranklachen war’s. Na, auf Wiedersehen, Wiedersehen!“
Aber schon hatte Stepan Trophimowitsch ihn plötzlich an den Schultern gepackt, zu sich herumgedreht und fest auf einen Stuhl gesetzt.
Liputin erschrak ordentlich.
„Ja, wie denn?“ fragte er und sah von seinem Stuhl aus ängstlich und verwundert zu Stepan Trophimowitsch empor. Doch faßte er sich schnell. „Ja, denken Sie sich, plötzlich ruft man mich und fragt mich im geheimen – was ich eigentlich von Nicolai Stawrogin denke: ob ich ihn für wahnsinnig halte oder nicht? Wie soll man da nicht staunen?“
„Sie sind verrückt geworden, Liputin!“ sagte Stepan Trophimowitsch. „Sie wissen nur zu gut, daß Sie gekommen sind, um mir irgendeine Gemeinheit zu sagen.“
Mir fiel sofort die Bemerkung Stepan Trophimowitschs ein, Liputin wisse nicht nur von unserer Sache, sondern wisse noch viel mehr, als wir je erfahren würden.
„Erlauben Sie, Stepan Trophimowitsch!“ stotterte Liputin, als ob jener ihn furchtbar erschreckt hätte. „Erlauben Sie ...“
„Schweigen Sie jetzt! Ich bitte Sie, Herr Kirilloff, kommen Sie zurück und setzen sie sich. Bitte, hier! Und Sie, Liputin, Sie werden jetzt erzählen, aber einfach und ohne Ausreden!“
„Hätte ich gewußt, daß es Sie so aufregt, so würde ich gar nicht davon angefangen haben ... und ich dachte doch, Sie wüßten das alles selbst ... schon längst ... von Warwara Petrowna!“
„Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Aber fangen Sie endlich an, sage ich Ihnen!“
„Na, dann haben Sie doch wenigstens die Güte, sich auch zu setzen! Denn wenn Sie so vor mir herumlaufen, da würde ja alles ganz kunterbunt herauskommen!“
Stepan Trophimowitsch überwand sich und ließ sich sehr formell auf einen Sessel nieder. Der Ingenieur blickte finster zu Boden. Liputin aber sah mit unglaublichem Hochgenuß von einem zum andern.
„Ja, womit nun anfangen ... Sie haben mich ganz konfus gemacht ...“
VI.
„Vor drei Tagen also, da schickt sie plötzlich ihren Diener zu mir: sie ließe bitten, sozusagen, morgen um zwölf zu ihr zu kommen. Können Sie sich das denken? Nun, ich ließ natürlich meine Arbeit Arbeit sein und um Punkt zwölf klingelte ich an ihrer Tür. Man führte mich gleich in das Empfangszimmer. Ich wartete kaum eine Minute, als Warwara Petrowna auch schon eintrat. Sie bot mir einen Stuhl an und setzte sich selbst mir gegenüber. Ich saß nun also, brachte es aber zunächst nicht über mich, meinen Ohren wie sonst zu trauen. Sie wissen doch, wie sie mich immer behandelt hat. Sie begann also, wie es so ihre Art ist, gerade heraus und ohne alle Umschweife: ‚Sie erinnern sich wohl noch‘, sagte sie, ‚der drei sonderbaren Handlungen meines Sohnes vor vier Jahren. Die ganze Stadt konnte sie nicht begreifen, bis sich dann alles durch seine Erkrankung aufklärte. Eine dieser Handlungen ging Sie sogar persönlich an. Auf meine Bitte hin machte mein Sohn Ihnen später, als er wieder hergestellt war, seinen Besuch. Ich weiß, daß er Ihnen schon früher mehrfach begegnet war und sich mit Ihnen unterhalten hatte. Ich möchte Sie nun bitten, mir doch mit voller Offenheit zu sagen, wie Sie‘ – hier stockte sie ein wenig – ‚wie Sie damals meinen Sohn fanden ... wie Sie ihn beurteilten ... welcher Meinung Sie über ihn waren ... und ... was Sie jetzt von ihm denken.‘
„Hier stockte sie aber schon wirklich, wartete sogar ein Weilchen, und plötzlich wurde sie rot. Ich war nicht wenig erschrocken. Aber schon gleich darauf fuhr sie wieder fort, nicht gerade mit rührender Stimme, nein, das gerade nicht, denn das würde auch nicht zu ihr passen, aber so sonderbar eindringlich: ‚Ich will‘, sagte sie, ‚daß Sie mich gut und ohne ein Mißverständnis verstehen,‘ sagte sie. ‚Ich habe Sie zu mir gebeten, weil ich Sie für einen Menschen halte, der fähig ist, richtig zu beobachten.‘ (Wie finden Sie das Kompliment?) ‚Sie verstehen gewiß auch, daß es eine Mutter ist, die mit Ihnen spricht,‘ sagte sie ... ‚Mein Sohn hat in seinem Leben manches Unglück gehabt und manche Widerwärtigkeit über sich ergehen lassen müssen. Alles das,‘ sagte sie, ‚hätte nun auf seinen Verstand, ich meine, auf seine Gemütsstimmung einwirken können. Selbstverständlich spreche ich nicht etwa von Wahnsinn ... das ist ganz und gar ausgeschlossen!‘ Das sagte sie so, wissen Sie, in einem festen und stolzen Ton! ‚Aber es könnte da etwas Besonderes sein, etwas Wunderliches, eine gewisse Gedankenrichtung, die Neigung zu gewissen eigentümlichen Anschauungen‘ ... Das sind alles ihre eigenen Worte, und glauben Sie mir, Stepan Trophimowitsch, ich staunte nur so, mit welcher Genauigkeit Warwara Petrowna eine Sache zu erklären versteht. Wirklich, eine kluge Dame! ‚Jedenfalls‘, sagte sie, ‚ist mir selbst an ihm eine fortwährende Unruhe aufgefallen. Aber ich bin ja seine Mutter und Sie sind ein fremder Mensch, folglich müssen Sie, bei Ihrem Verstande, weit fähiger sein, sich ein unbefangenes Urteil über ihn zu bilden. Ich beschwöre Sie‘ – jawohl, so sagte sie wortwörtlich – ‚ich beschwöre Sie, mir die ganze Wahrheit zu sagen, ohne jegliche Beschönigung. Und wenn Sie mir versprechen wollen, nie zu vergessen, daß ich im Vertrauen zu Ihnen gesprochen habe, so seien Sie versichert, daß ich stets bereit sein werde, Ihnen künftig und bei jeder Gelegenheit meine Dankbarkeit zu beweisen.‘ Nun, wie finden Sie das?“
„Sie ... Sie haben mich so überrascht ...“ stotterte Stepan Trophimowitsch, „daß ich Ihnen ... einfach nicht glaube ...“
„Nein, bedenken Sie doch nur,“ fiel ihm Liputin lebhaft ins Wort und tat, als hätte er Stepan Trophimowitschs letzte Bemerkung überhaupt nicht gehört, „wie groß muß ihre Unruhe und Aufregung um ihn sein, wenn sie sich mit solch einer Frage, von ihrer Höhe herab, an einen Menschen wendet, wie ich es bin, und sich gar so weit erniedrigt, auch noch um Verschwiegenheit zu bitten! Wie ist das nur möglich? Sollte sie da nicht ganz unerwartete Nachrichten über ihren Sohn erhalten haben?“
„Ich weiß von nichts ... Ich glaube, sie hat keine Nachrichten erhalten ... ich habe sie allerdings ... ein paar Tage lang nicht gesehen ... aber ich möchte Sie nur daran erinnern,“ stotterte Stepan Trophimowitsch wieder, da er sichtlich seine Gedanken nicht mehr sammeln konnte – „ich möchte Sie nur daran erinnern, Liputin, daß Sie im Vertrauen gefragt worden sind, und daß Sie jetzt in Gegenwart ...“
„Ganz und gar im Vertrauen! Gott soll mich strafen, wenn ich ... Aber hier ... nun ... sind wir denn hier nicht unter Freunden? Selbst Herr Kirilloff ...“
„Ich bin nicht Ihrer Meinung. Zweifellos werden wir drei das Geheimnis bewahren. Aber Sie selbst, den vierten, fürchte ich, und Ihnen traue ich in keiner einzigen Beziehung.“
„Ja, wie denn das? Ich bin doch hier der eigentlich Interessierte! Mir ist doch ewige Dankbarkeit versprochen worden!“ Und hastig ging Liputin darüber hinweg: „Übrigens, gerade bei der Gelegenheit, möchte ich noch auf einen sonderbaren, sozusagen psychologischen Fall hinweisen. Gestern abend, noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Warwara Petrowna – Sie können sich doch denken, welch einen Eindruck das auf mich gemacht hatte! – wandte ich mich an Herrn Kirilloff mit der harmlosen Frage: Sie haben, sagte ich, Nicolai Stawrogin doch im Auslande und auch früher schon in Petersburg gekannt, was halten Sie, frage ich, von seinem Verstande und überhaupt von seinen geistigen Fähigkeiten? Und darauf antwortet er mir lakonisch, wie das so seine Art ist: ‚Ja,‘ sagt er, ‚das ist ein Mensch mit seinem Verstande und gesundem Urteil.‘ Aber haben Sie nicht vielleicht, fragte ich weiter, im Laufe der Jahre gewisse Ideenveränderungen an ihm bemerkt oder eine besondere Geisteswandlung oder einen gewissen, wie soll ich sagen, nun – sozusagen doch einen gewissen Irrsinn? Kurz, ich wiederholte Warwara Petrownas Frage. Nun, und was denken Sie: Herr Kirilloff wird plötzlich nachdenklich und runzelt die Stirn ... Sehen Sie, genau so wie jetzt. ‚Ja,‘ sagte er dann, ‚ich bemerkte allerdings zuweilen etwas Sonderbares an ihm.‘ Denken Sie sich, wenn schon Herr Kirilloff etwas Sonderbares bemerkt hat – was kann dann nicht alles in Wirklichkeit sein?!“
„Ist das wahr?“ wandte sich Stepan Trophimowitsch an Kirilloff.
„Ich möchte nicht davon sprechen ...“ sagte Kirilloff, hob aber plötzlich den Kopf und seine Augen blitzten. „Ich möchte Ihr Recht bestreiten, Liputin. Sie haben für den Fall gar kein Recht auf mich. Ich habe gar nicht meine ganze Meinung gesagt. Ich kannte Stawrogin in Petersburg. Aber das war lange her. Und jetzt, wenn ich ihn auch wiedergesehen habe, so kenne ich ihn doch nur eben so. Ich bitte Sie, mich hier ganz beiseite zu lassen, und ... alles das sieht aus wie Klatsch.“
Liputin spielte die beleidigte Unschuld und führte die Hände auseinander.
„Wie Klatsch! Bin ich nicht gar noch ein Spion? Sie haben gut kritisieren, Herr Kirilloff, wenn Sie sich dabei selber beiseite lassen. Sogar dieser Hauptmann, Stepan Trophimowitsch, sogar dieser Lebädkin, der doch so dumm ist, wie – man schämt sich ja förmlich zu sagen, wie dumm er ist; es gibt aber so einen russischen Vergleich – sogar der denkt offenbar ganz sonderbar von Nicolai Stawrogin, obwohl er seinen Scharfsinn bewundert. ‚Bin ganz erstaunt über diesen Menschen: eine allwissende Schlange!‘ – waren seine eigenen Worte. Ich fragte also auch ihn, immer noch unter dem gestrigen Eindruck und schon nach dem Gespräch mit Herrn Kirilloff. ‚Nun,‘ fragte ich, ‚Hauptmann, was glauben Sie eigentlich, ist Ihre allwissende Schlange, Nicolai Stawrogin nicht einfach wahnsinnig?‘ Na, und nun glauben Sie mir oder glauben Sie mir auch nicht: es war für ihn, als hätte ich ihm hinterrücks einen Peitschenschlag versetzt – ohne seine Erlaubnis natürlich. Er sprang geradezu auf: ‚Ja,‘ sagte er, ‚ja, aber das kann doch keinen Einfluß haben auf ...‘ Aber auf was das keinen Einfluß haben könnte, das sagte er nicht, sondern versank nur in traurige Gedanken, und zwar in so traurige Gedanken, sage ich Ihnen, daß er davon ganz nüchtern wurde. Wir saßen gerade in der Filippoffschen Trinkstube. Erst nach einer halben Stunde ungefähr schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch: ‚Ja,‘ schreit er, ‚meinetwegen auch wahnsinnig, nur kann das keinen Einfluß haben ...‘ und wieder brach er ab. Ich gebe Ihnen natürlich das Gespräch nur im Auszug wieder, aber der Sinn ist doch wohl klar? Na, und so, wen man auch fragt in der Stadt, allen kommt der Gedanke in den Kopf: ‚Ja,‘ sagt ein jeder, ‚er ist wahnsinnig; gewiß, er ist sehr klug; aber vielleicht auch wahnsinnig.‘“
Stepan Trophimowitsch saß ganz in Gedanken versunken da und schien angestrengt zu überlegen. „Wie kann Lebädkin das wissen?“ fragte er.
„Eh, wollen Sie sich nicht lieber bei Herrn Kirilloff, der mich soeben einen Spion nannte, danach erkundigen? Ich weiß nichts und rede nur so zum Zeitvertreib, das nennt man dann Spion, er aber weiß die letzten Geheimnisse und schweigt!“
„Ich weiß gar nichts. Oder wenig,“ versetzte der Ingenieur mit derselben Gereiztheit. „Sie machen Lebädkin betrunken, um aus ihm was zu erfahren. Sie haben auch mich hierher gebracht, um aus mir zu erfahren, damit ich ... hier sage. Folglich sind Sie ein Spion!“
„Ich habe ihn noch nie betrunken gemacht, das würde mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert mitsamt seinen Geheimnissen. Sehen Sie, das ist sein Wert für mich. Wieviel er für Sie bedeutet, weiß ich freilich nicht. Sonst ist er es, im Gegenteil, der jetzt mit dem Gelde nur so um sich wirft, während er vor vierzehn Tagen mich noch um fünfzehn Kopeken anpumpte. Er ist es, der mir Champagner vorsetzt, nicht ich ihm. Aber Sie haben mir einen guten Gedanken gegeben, und wenn es nötig sein wird, werde ich ihn schon betrunken machen, um von ihm etwas zu erfahren ... und dann vielleicht alle eure Geheimnisse auf einmal ... so viel ihrer da sind!“ setzte er böse hinzu.
Stepan Trophimowitsch sah die beiden verständnislos an. Sie hatten sich beide Blößen gegeben, und zwar ohne Scheu vor uns anderen Anwesenden. Mir schien es, als habe Liputin diesen Kirilloff einzig deshalb zu uns gebracht, um ihn durch eine dritte Person ins Gespräch zu ziehen – sein übliches Manöver.
„Herr Kirilloff kennt den Nicolai Stawrogin sogar sehr gut,“ fuhr Liputin in gereiztem Tone fort, „bloß will er das nicht eingestehen. Und was den Hauptmann Lebädkin betrifft, so hat der ihn noch viel früher gekannt, als er uns hier mit seinem Besuch beglückte. Sogar schon vor fünf, sechs Jahren in Petersburg, zur Zeit der sogenannten ‚unbekannten‘ Lebensepoche Nicolai Stawrogins. Man könnte daraus schließen, daß unser Prinz damals sehr sonderbare Bekanntschaften gehabt haben muß. Auch mit Herrn Kirilloff ist er in eben dieser Zeit bekannt geworden.“
„Hüten Sie sich, Liputin, ich warne Sie. Nicolai Stawrogin wird bald herkommen, und das ist einer, der seinen Mann zu stehen weiß!“
„Ja, aber was hat denn das mit mir zu tun? Ich bin der erste, der behauptet, daß er den feinsten, den erlesensten Verstand hat, und in diesem Sinne habe ich auch Warwara Petrowna gestern vollkommen beruhigt. ‚Nur für seinen Charakter,‘ sagte ich, ‚kann ich nicht einstehen.‘ Auch Lebädkin sagt ganz dasselbe. ‚Unter seinem Charakter,‘ sagt er, ‚habe auch ich gelitten.‘ Ach, Stepan Trophimowitsch, Sie haben gut sagen: ‚Klatsch‘ und ‚Spionage‘, aber bitte nicht zu vergessen: erst, nachdem Sie sehr schön alles aus mir herausgezogen haben, und mit was für einer Neugier noch dazu! Sehen Sie, Warwara Petrowna, die traf gestern gleich den Nagel auf den Kopf. ‚Sie haben,‘ sagte sie, ‚persönlich durch ihn zu leiden gehabt, darum wende ich mich auch an Sie!‘ Ja, und war es denn nicht so? Mußte ich denn nicht vor der ganzen Gesellschaft eine persönliche Beleidigung von Seiner Hochwohlgeboren hinunterschlucken? Ich glaube, ich habe Grund genug, mich für diese Klatschgeschichten zu interessieren! Heute drückt er einem die Hand, morgen aber schlägt er sie einem, dir nichts, mir nichts, ins Gesicht, und das noch in ehrenwerter Gesellschaft, grad so, wie’s ihm gefällt. Rein aus Übermut, wie’s scheint. Und was die Hauptsache ist! Diese Herren haben die Frauen natürlich immer auf ihrer Seite! Schmetterlinge sind sie und mutige Hähnchen! Gutsbesitzerssöhne mit Flügelchen hinten dran, wie einstmals Amor ... diese Herzfresser à la Petschorin![28] Sie, Stepan Trophimowitsch, als fanatischer Junggeselle, haben gut reden und mich wegen Seiner Hochwohlgeboren einen Geschichtenmacher zu nennen. Aber heiraten Sie mal erst – Sie sind ja doch noch ein ganzer Mann! – so eine nette kleine junge Frau, und Sie werden selber vor unserem Prinzen alle Türen verrammeln und gar Barrikaden im eigenen Hause bauen! Hier lohnt es sich ja gar nicht mehr, zu reden! Selbst von solch einer Mademoiselle Lebädkin, die gepeitscht wird, würde ich glauben – bei Gott! –, wenn sie nicht verrückt und lahm wäre, daß sie ein Opfer unseres Prinzen ist, und daß Lebädkin sich deshalb in seiner ‚Familienehre‘ gekränkt fühlt, wie er sich immer ausdrückt. Sie glauben, die wäre mit seinem feinen Geschmack nicht in Einklang zu bringen? Mein Gott, auch der stört diese Herren nicht immer. Jede kleine Beere wird gegessen, sie muß nur die richtige Stimmung treffen. Sie sprechen von Klatsch? Aber – sage ich es denn allein, wenn schon die ganze Stadt es ausschreit? Ich nicke nur und höre zu. ‚Ja‘-sagen ist bekanntlich nicht verboten!“
„Die ganze Stadt schreit ... das heißt, was schreit denn die ganze Stadt?“
„Na, ich meine, Hauptmann Lebädkin schreit’s in betrunkenem Zustande, so daß die ganze Stadt es hören kann. Ist das nicht dasselbe, wie wenn die ganze Stadt es schreit? Bin ich etwa schuld daran? Ich rede nur mit Freunden darüber. Ich hoffe doch, hier unter Freunden zu sein?“ und mit unschuldigem Lächeln sah er uns alle an. „Und dabei ist noch etwas geschehen! Denken Sie mal: es stellt sich heraus, daß unser Prinz ihm, dem Lebädkin, aus der Schweiz durch ein junges Mädchen dreihundert Rubel geschickt hat. Ich habe die Ehre, die junge Dame persönlich zu kennen, sie ist ohne Tadel und sozusagen eine sittsame Waise. Nach einiger Zeit aber erfährt Lebädkin aus der sichersten Quelle von einem edlen Menschen, daß ihm nicht dreihundert Rubel, sondern tausend zur Übergabe gesandt worden sind! ‚Folglich,‘ schreit er, ‚hat das Mädchen mich um siebenhundert Rubeln bestohlen!‘ Und er will das Geld durch die Polizei herausfordern, wenigstens droht er so und schreit dabei, daß die ganze Stadt es hören kann ...“
„Das ist gemein, gemein von Ihnen!“ rief plötzlich der Ingenieur und sprang vom Stuhl auf.
„Ja aber – Sie selbst sind doch dieser edle Mensch, der Lebädkin versichert hat, daß nicht dreihundert, sondern tausend geschickt worden sind! Der Hauptmann hat es mir in der Filippoffschen Kneipe, betrunken wie immer, selbst mitgeteilt.“
„Das ... das ist ein unglückliches Mißverständnis. Jemand hat sich geirrt und es ist ... ein Blödsinn – und Sie sind gemein!“
„Ja, ich will gewiß gerne glauben, daß es reiner Blödsinn ist. Ich bin sogar tief betrübt, daß man das ehrenwerte Mädchen in die Geschichte hineingezogen hat. Erstens mit den siebenhundert Rubeln, und zweitens weiß jetzt alle Welt, daß sie mit Nicolai Stawrogin intim befreundet gewesen ist. Was kostet es denn Seine Hochwohlgeboren, den jungen Stawrogin, ein ehrenwertes Mädchen zu schänden, oder auch eine fremde Frau zu beschimpfen, wie es mein ‚Fall‘ war? Kommt ihnen dann noch ein großmütiger Mensch unter die Finger, so zwingen sie ihn, mit seinem ehrlichen Namen fremde Sünden zu decken. Genau so hab ich’s doch erleben müssen! Ich rede ja nur von mir ...“
„Hüten Sie sich, Liputin!“ Stepan Trophimowitsch erhob sich drohend. Er war totenblaß.
„Glauben Sie ihm nicht, glauben Sie nicht! Jemand hat sich geirrt und Lebädkin ist immer betrunken!“ rief der Ingenieur in unbeschreiblicher Aufregung aus. „Alles wird sich aufklären, aber ich kann nicht mehr ... ich halte es für eine Gemeinheit ... und genug ... genug!“
Er stürzte aus dem Zimmer.
„Aber wohin denn, was haben Sie? Ich gehe doch mit Ihnen!“ rief Liputin erschrocken, sprang auf und lief ihm nach.
VII.
Stepan Trophimowitsch stand einen Augenblick wie in Gedanken versunken da, er sah auch mich an, doch ohne mich zu sehen, und schließlich ergriff er Hut und Stock und verließ langsam das Zimmer. Ich ging ihm nach. Erst als er aus der Tür trat, bemerkte er mich.
„Ach ja, Sie können mein Zeuge sein ... de l’accident. Vous m’accompagnerez, n’est-ce pas?“[47]
„Stepan Trophimowitsch, gehen Sie trotzdem zu ihr? Bedenken Sie doch, was daraus entstehen kann!“
Er blieb stehen und flüsterte mit einem armseligen und geistesabwesenden Lächeln, in dem Scham und vollkommene Verzweiflung, doch zugleich eine seltsame Ekstase lag:
„Ich kann doch nicht ‚fremde Sünden‘ heiraten ...“
Endlich war das verhängnisvolle Wort ausgesprochen, das er eine ganze Woche mit Kniffen und Winkelzügen vor mir zu verstecken gesucht hatte!
„Und ein so schmutziger, ein so ... niedriger, gemeiner Gedanke konnte in Ihrem Kopf entstehen, in Ihnen, in Stepan Werchowenski! Sie mit Ihrem guten, reinen Herzen, und das noch – vor Liputin und seinem Klatsch!“
Er sah mich an, antwortete nichts und ging weiter. Ich wollte ihn nicht verlassen, sondern bei Warwara Petrowna sein Zeuge sein. Ich hätte ihm verziehen, wenn er, mit seinem weibischen Kleinmut, auf Liputins Verleumdung hin alles geglaubt hätte: nun aber war es doch klar, daß er schon früher von selbst auf diesen Verdacht gekommen, daß er ihn die ganze Zeit mit sich herumgetragen und daß Liputin ihn jetzt nur bestätigt hatte. Er hatte sich nicht gescheut, gleich vom ersten Tage an das junge Mädchen zu verdächtigen, ohne den geringsten Grund dazu zu haben. Die herrische Handlungsweise Warwara Petrownas hatte er sich eben nur mit dem verzweifelten Wunsch erklären können, die galanten Sünden ihres teuren Nicolas so schnell wie möglich mit einer Hochzeit zu decken.
Und dafür sollte er bestraft werden, das wünschte ich ihm von ganzem Herzen.
„O, Dieu qui est si grand et si bon![48] Oh, wer wird mich jetzt trösten!“ rief er aus, als er ungefähr hundert Schritte gegangen war und plötzlich stehen blieb.
„Gehen wir nach Hause, und ich werde Ihnen sofort alles erklären!“ rief ich und wollte ihn mit Gewalt zurückbringen.
„Da ist er ja! Stepan Trophimowitsch, das sind doch Sie? Sie?“ ertönte plötzlich eine frische und mutwillige junge Stimme, die mir wie Musik klang.
Noch sahen wir niemanden, als plötzlich eine Reiterin neben uns hielt. Es war Lisaweta Nicolajewna, gefolgt von ihrem tagtäglichen Begleiter. Sie zügelte das Pferd.
„Kommen Sie, kommen Sie doch schneller!“ rief sie laut und lustig. „Ich habe ihn zwölf Jahre lang nicht gesehen und gleich erkannt. Er aber ... Erkennen Sie mich wirklich nicht?“
Stepan Trophimowitsch ergriff ihre Hand. Er sah sie an, als hätte er ein Gebet zu ihr auf den Lippen, und konnte doch kein Wort hervorbringen.
„Er hat mich erkannt und freut sich! Mawrikij Nicolajewitsch, er scheint entzückt zu sein, daß er mich wiedersieht! Warum sind Sie denn in diesen ganzen zwei Wochen nicht zu uns gekommen? Tante beteuerte, Sie seien krank und man dürfe Sie nicht aufregen, aber ich weiß doch, das hat sie nur gelogen. Ich habe mit den Füßen gestampft und auf Sie gescholten, aber ich wollte unbedingt, unbedingt, daß Sie, von selbst, als Erster zu uns kämen, und darum habe ich nicht nach Ihnen geschickt. Gott, er hat sich ja nicht ein bißchen verändert!“ und sie beugte sich im Sattel nach vorn, um ihn genauer betrachten zu können. – „Es ist ja ganz lächerlich, wie wenig er sich verändert hat! Ach, doch, es sind doch kleine Fältchen an den Augen, viele Fältchen, und auf den Wangen ... und graue Haare – aber die Augen sind noch ganz dieselben! Ganz! Und ich? Habe ich mich verändert? Ja? Aber warum schweigen Sie noch immer?“
Ich erinnerte mich in dem Augenblick, daß man mir erzählt hatte, sie sei fast erkrankt, als man sie, elfjährig, nach Petersburg brachte, und daß sie während der Krankheit geweint und immer nach Stepan Trophimowitsch verlangt habe.
„Sie ... ich ...“ stotterte er mit vor Freude unsicherer Stimme. „Soeben rief ich noch aus: wer wird mich trösten? und da erklang Ihre Stimme ... Ich halte das für ein Zeichen et je commence à croire.“[49]
„En Dieu? En Dieu, qui est là haut et qui est si grand et si bon?[50] Sehen Sie mal, ich kenne Ihre Lektionen noch auswendig. Mawrikij Nicolajewitsch, welch einen Glauben er mir damals beibrachte en Dieu, qui est si grand et si bon! Und erinnern Sie sich noch Ihrer Erzählungen von Kolumbus, und wie er Amerika entdeckte, und wie sie da alle ‚Land, Land!‘ geschrieen haben!? Meine Kinderfrau Aljona Frolowna sagte mir, daß ich noch nachher im Traume ‚Land! Land!‘ gerufen habe. Und wissen Sie noch, wie Sie mir die Geschichte des Prinzen Hamlet erzählt haben? Und wie Sie mir den Transport der armen Auswanderer von Europa nach Amerika beschrieben haben? Das war ja alles gar nicht wahr, später habe ich erfahren, wie man sie hinübertransportiert hat. Aber wie er mir damals alles so viel schöner vorgelogen hat! Mawrikij Nicolajewitsch, viel schöner und besser, als es in Wirklichkeit ist! Warum sehen Sie Mawrikij Nicolajewitsch so an? Das ist der allerbeste und der allertreueste Mensch auf dem Erdball, und Sie müssen ihn unbedingt ebenso lieben wie ich! Il fait tout ce que je veux.[51] Aber, Liebling, Stepan Trophimowitsch, Sie müssen wohl wieder unglücklich sein, wenn Sie mitten auf der Straße ausrufen: wer wird mich trösten? Also wieder einmal unglücklich, ja?“
„Jetzt bin ich glücklich – –“
„Tante kränkt Sie?“ fuhr sie fort, ohne seine Worte zu beachten. „Immer diese böse, ungerechte, unsere unschätzbare, teure, böse Tante! Ach, wissen Sie noch, wie Sie im Garten in meine Arme flogen und ich Sie tröstete und dann selber mit Ihnen weinte? Aber so fürchten Sie sich doch nicht vor Mawrikij Nicolajewitsch, er weiß alles, alles von Ihnen. Sie können an seiner Schulter weinen, so lange Sie wollen, und er wird stehen so lange wie Sie wollen. Schieben Sie Ihren Hut zurück, nein, nehmen Sie ihn ganz ab, auf einen Augenblick nur, heben Sie sich auf die Fußspitzen, ich werde Sie gleich auf die Stirn küssen, so wie ich Sie das letzte Mal zum Abschied geküßt habe. Sehen Sie, diese Dame dort am Fenster freut sich über uns ... Näher, näher! Gott, wie er grau geworden ist!“
Und sie beugte sich im Sattel und küßte ihn auf die Stirn.
„Nun, und jetzt zu Ihnen nach Haus! Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich werde gleich, in einer Minute, bei Ihnen sein. Sie Eigensinn, also werde ich Sie doch zuerst besuchen. Dann aber schleppe ich Sie auf den ganzen Tag zu mir. Gehen Sie jetzt und bereiten Sie sich vor, mich zu empfangen!“
Und sie ritt mit ihrem Kavalier davon. Wir aber kehrten nach Hause zurück. Stepan Trophimowitsch setzte sich auf den Diwan und weinte.
„Dieu, Dieu!“ rief er. „Enfin une minute de bonheur!“[52]
Nach zehn Minuten erschien sie in Begleitung des jungen Mannes. Stepan Trophimowitsch ging ihr entgegen.
„Vous et le bonheur, vous arrivez en même temps!“[53]
„Hier haben Sie Blumen. Ich war bei der Blumenfrau. Wie Sie wissen, hat sie den ganzen Winter Bukette für Geburtstagskinder zum Verkauf. Hier stelle ich Ihnen also nochmals Mawrikij Nicolajewitsch vor, bitte sich mit ihm zu befreunden. Eigentlich wollte ich Ihnen eine Pastete statt der Blumen bringen, aber Mawrikij Nicolajewitsch behauptete, das sei nicht im russischen Stil.“
Dieser Mawrikij Nicolajewitsch war Hauptmann der Artillerie, etwa dreiunddreißig Jahre alt, hoch und schlank, von tadellosem Äußeren, mit Achtung gebietenden, auf den ersten Blick streng erscheinenden Zügen – trotz einer erstaunlichen und überaus taktvollen Güte, die man ihm sofort anmerkte, auch wenn man ihn gar nicht oder kaum kannte. Im übrigen war er schweigsam, schien kaltblütig zu sein und sehr zurückhaltend. Später sagten einige bei uns, er sei im Grunde beschränkt gewesen, aber das war entschieden ein falsches Urteil.
Die Schönheit Lisaweta Nicolajewnas zu beschreiben, will ich lieber nicht versuchen. Die ganze Stadt sprach ja schon von ihr, obwohl einige Damen fast vom Gegenteil überzeugt waren und sie beinahe häßlich fanden. Es gab aber auch solche, die Lisaweta Nicolajewna nicht nur um ihrer Schönheit willen haßten, sondern, und vor allen Dingen, wegen ihres Stolzes. Drosdoffs hatten es noch unterlassen, die üblichen Visiten zu machen – und das beleidigte natürlich jeden und alle, obgleich man in der Stadt sehr wohl wußte, daß der Grund dazu in Praskowja Iwanownas Unwohlsein lag. Sodann haßte man Lisa auch noch wegen ihrer Verwandtschaft mit der „Gouverneurin“, und drittens, weil sie täglich spazieren ritt, denn bis jetzt hatte es bei uns noch keine Amazonen gegeben. Zwar wußten alle sehr gut, daß die Ärzte ihr das Reiten verordnet hatten, aber das änderte nicht im geringsten das Urteil der Damen, sondern gab nur noch einen Anlaß, auch über ihre Kränklichkeit zu witzeln und zu spötteln. Lisa war in der Tat krank: schon auf den ersten Blick fiel einem ihre nervöse Unruhe auf. Wie sehr sie damals litt, das sollte sich freilich erst später aufklären. Wenn ich heute an sie zurückdenke und sie mir dabei vorstelle, kann ich sie übrigens nicht mehr so wunderschön finden, wie ich sie damals fand. Vielleicht war sie sogar ausgesprochen häßlich. Sie war hoch von Wuchs, schlank, biegsam und kräftig. Doch frappierte das Gesicht beinahe durch die Unregelmäßigkeit der Züge. Es war dabei bleich, mit ziemlich starken Backenknochen, hager, und die Augen waren ein wenig schräg gestellt, waren geschlitzt wie bei den Kalmücken. Aber es lag etwas in diesem Gesicht, das einen unwiderstehlich anzog. Irgendeine Macht ruhte in dem brennenden Blick ihrer dunklen Augen. Stolz und zuweilen sogar vermessen: so wirkte sie und erschien wie eine Siegerin, die nicht anders konnte, als besiegen. Ihr war es nicht gegeben, gut zu sein, aber sie kämpfte darum, es dennoch zu sein. Es waren viele edle Triebe in dieser Natur und eine Menge großer Ansätze, aber alles das suchte in ihr nach einem Ausgleich und konnte ihn nicht finden: alles in ihr war Chaos, Unruhe und Aufregung. Vielleicht stellte sie auch gar zu große Anforderungen an sich selbst und fand dabei niemals die Kraft in sich, diese Anforderungen zu befriedigen.
Sie setzte sich auf den Diwan und betrachtete das Zimmer.
„Warum werde ich in solchen Minuten immer traurig? Können Sie mir das nicht erklären, Sie gelehrter Mensch? Ich habe immer gedacht, daß ich weiß Gott wie froh sein würde, wenn ich Sie wiedersähe und mit Ihnen über all das Gewesene sprechen könnte ... und nun bin ich fast – gar nicht froh, obgleich ich Sie doch lieb habe ... Ach Gott, mein Bild hängt hier bei Ihnen! Geben Sie es her, schnell, ich weiß, ich erinnere mich ...“
Vor neun Jahren hatten Drosdoffs Stepan Trophimowitsch aus Petersburg ein Aquarellbildchen der kleinen zwölfjährigen Lisa zugeschickt und seit der Zeit hing es bei ihm an der Wand.
„War ich wirklich ein so nettes Kind? Ist das wirklich mein Gesicht?“
Sie stand auf und trat mit dem Bildchen in der Hand vor den Spiegel.
„Nehmen Sie es schnell, schnell!“ rief sie aus und gab das Bildchen zurück. „Hängen Sie es jetzt nicht auf, später, später, ich will es nicht sehen.“ Sie ließ sich wieder auf den Diwan nieder. „Das eine Leben verging und es begann ein anderes, und das andere verging und es begann ein drittes, und so geht es fort. Die Enden aber sind immer wie mit der Schere abgeschnitten. Sehen Sie mal, von was für alten Sachen ich rede, und doch ist so viel Wahrheit darin!“
Sie sah mich lachend an. Schon einigemal hatte sie mich betrachtet, aber Stepan Trophimowitsch kam in seiner Aufregung gar nicht darauf, mich ihr vorzustellen.