WeRead Powered by ReaderPub
Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 40: IV.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Viertes Kapitel.
Die Hinkende

I.

Diesmal war Schatoff nicht starrköpfig, sondern erschien, auf meinen Brief hin, richtig um zwölf Uhr. Wir trafen fast zu gleicher Zeit ein, denn auch ich war gekommen, um meine erste Visite zu machen. Lisa, die „Mamá“ und Mawrikij Nicolajewitsch saßen alle drei im großen Salon und stritten sich gerade. Die Mamá wünschte, daß Lisa ihr einen bestimmten Walzer vorspiele, und als Lisa das tat, behauptete sie, das sei ein anderer Walzer. Mawrikij Nicolajewitsch trat in seiner Einfalt für Lisa ein und beteuerte, daß es wirklich der gewünschte Walzer gewesen sei, doch da begann die alte Dame vor Ärger zu weinen. Sie war krank und konnte kaum gehen. Ihre Füße waren geschwollen, und nun tat sie schon seit ein paar Tagen nichts anderes, als daß sie launisch war und mit allen und jedem Streit anfing, obgleich sie Lisa immer ein wenig fürchtete. Über unseren Besuch war man sehr erfreut. Lisa errötete vor Freude, und nachdem sie mir merci gesagt hatte (natürlich wegen Schatoff), ging sie auf ihn zu. In ihren Augen lag Neugier.

Schatoff war linkisch an der Tür stehen geblieben. Sie dankte ihm dafür, daß er gekommen war, und führte ihn dann zur Mutter.

„Das ist Herr Schatoff, Mama, von dem ich Ihnen schon erzählt habe, und hier ist Herr G–ff, ein Freund von mir und Stepan Trophimowitsch.“

„Wer von Ihnen ist nun der Professor?“

„Keiner von ihnen ist Professor, Mama.“

„Wieso, einer ist doch Professor. Du hast mir selbst gesagt, daß ein Professor kommen wird – wahrscheinlich ist es der?“ und sie wies dabei auf Schatoff.

„Ich habe Ihnen nichts von einem Professor gesagt. Herr G–ff ist Beamter und Herr Schatoff ist Student.“

„Student, Professor – die sind doch beide von der Universität. Du willst immer nur streiten. Der Schweizer sah anders aus.“

„Mama nennt Pjotr Stepanowitsch immer ‚Professor‘,“ sagte Lisa und führte Schatoff in die andere Salonecke zu einem Sofa, auf dem sie dann Platz nahm. „Wenn ihre Füße schmerzen, ist sie immer so, sie ist nämlich krank,“ sagte sie dabei leise zu ihm, während sie ihn wieder neugierig betrachtete und besonders auf seinen abstehenden Haarschopf sah.

„Sind sie Militär?“ fragte mich Madame Drosdoff, der mich Lisa unbarmherzig überlassen hatte.

„Nein, ich diene ...“

„Herr G–ff ist Stepan Trophimowitschs bester Freund,“ rief Lisa ihr aus der anderen Ecke zu.

„Sie dienen bei Stepan Trophimowitsch? Aber der ist doch auch Professor!“

„Ach, Mama, Sie machen ja schon alle Menschen zu Professoren!“ rief Lisa unwillig.

„Es gibt ihrer auch so schon zu viele! Du aber willst nur wieder deiner Mutter widersprechen. – Waren Sie hier, als Nicolai Wszewolodowitsch das erste Mal, vor vier Jahren, bei Warwara Petrowna war?“

Ich antwortete bejahend.

„War irgendein Engländer mit ihm hier?“

„Nein, nicht, daß ich wüßte.“

Lisa fing an zu lachen.

„Sehen Sie nun, Mama, daß überhaupt kein Engländer hier gewesen ist – also, wieder Lügen! Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch lügen alle beide. Ja, und überhaupt – alle lügen! Gestern,“ erklärte sie darauf, zu uns gewandt, „fanden nämlich tante und Stepan Trophimowitsch eine Ähnlichkeit zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und dem Prinzen Heinz aus Shakespeares ‚Heinrich IV.‘, und daher glaubt Mama nun, daß ein Engländer mit ihm hier gewesen sei.“

„Wenn kein Engländer da war, so war auch kein Heinz da, und euer Nicolai Wszewolodowitsch machte nur seine eigenen Streiche.“

„Mama tut nur mit Absicht so,“ fand Lisa für nötig, Schatoff auseinander zu setzen. „Sie kennt Shakespeare sehr gut; ich habe ihr selbst den ersten Akt von ‚Othello‘ vorgelesen. Sie ist jetzt immer so gereizt, wissen Sie. – Mama, hören Sie, es schlägt zwölf, Sie müssen Ihre Medizin einnehmen.“

„Der Doktor ist gekommen,“ meldete das Dienstmädchen.

Die Alte erhob sich und rief ihr Hündchen: „Semirka, Semirka, komm du doch wenigstens mit mir.“ Aber das widerliche alte Tierchen Semirka gehorchte ihr nicht, sondern kroch zu Lisa unter das Sofa.

„Du willst also nicht? Nun, dann will ich dich auch nicht mehr. Leben Sie wohl, mein Lieber, Ihren Namen habe ich leider vergessen,“ wandte sie sich an mich.

„Anton Lawrentjewitsch ...“

„Schon gut, lassen Sie nur, bei mir geht’s doch bloß zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Begleiten Sie mich nicht, Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe nur Semirka gerufen. Noch kann ich, Gott sei Dank, allein gehen, und morgen werde ich spazieren fahren!“

Und sichtlich geärgert verließ sie langsam den Salon.

„Anton Lawrentjewitsch, Sie unterhalten sich inzwischen mit Mawrikij Nicolajewitsch, – nicht wahr? Ich kann Sie versichern, daß Sie beide nur gewinnen werden, wenn Sie nähere Bekanntschaft machen,“ sagte Lisa und lächelte Mawrikij Nicolajewitsch freundschaftlich zu. Er aber erstrahlte förmlich unter ihrem Blick.

So mußte ich mich denn, wohl oder übel, mit Mawrikij Nicolajewitsch unterhalten.

II.

Die Angelegenheit, die Lisaweta Nicolajewna mit Schatoff besprechen wollte, erwies sich zu meinem Erstaunen als tatsächlich rein literarisch. Ich weiß nicht, warum ich überzeugt gewesen war, daß sie ihn aus einem anderen Grunde zu sich gerufen hätte. Als wir nun sahen, daß sie aus ihrem Anliegen kein Geheimnis vor uns machte und auch nicht leise sprach, hörten wir unwillkürlich zu; und bald zog sie uns sogar mit ins Gespräch und bat auch uns um Rat. Sie hatte, wie sie uns auseinandersetzte, schon lange die Herausgabe eines ihrer Meinung nach sehr nützlichen Buches geplant. Da sie aber in solchen literarischen Sachen keine Erfahrung besaß, so brauchte sie einen Mitarbeiter. Der Ernst, mit dem sie Schatoff ihren Plan zu erklären versuchte, setzte mich wirklich in Erstaunen.

„Also auch eine von den Modernen,“ dachte ich. „Sie scheint nicht umsonst in der Schweiz gewesen zu sein.“

Schatoff hörte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darüber, daß ein junges Mädchen der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab.

Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Rußland erscheint jährlich eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art, und in ihnen wird tagaus tagein von allen möglichen Ereignissen berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten Zeitungen überall weggeräumt, in Schränke gesteckt, oder sie liegen herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedächtnis des Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gerät erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun würden aber viele später gern nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gäbe das für eine Arbeit, in diesem Meer von Blättern die Stelle zu finden, zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen könnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres sammelte und in einem einzigen Bande herausgäbe – selbstverständlich nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken geordnet, mit einteilenden Überschriften, mit einem Index und mit übersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) – so könnte eine solche Zusammenfassung des Stoffes in einem übersichtlichen Werke die ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all den unzähligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten, natürlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll.

„Wir würden also statt einer Menge Blätter mehrere dicke Bücher haben, und das wäre alles,“ bemerkte Schatoff.

Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit großem Eifer, obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklären, ganz abgesehen davon, daß sie sich auch nicht recht auszudrücken verstand. Es müsse nur ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so müsse es doch übersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art der Einteilung des Stoffes. Selbstredend dürfe nicht alles genommen und abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmaßnahmen, örtliche Verordnungen, Gesetze – so wichtig das alles auch sei – in das Buch brauchte man davon doch nichts aufzunehmen. Überhaupt könnte man vieles weglassen und sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschränken, die mehr oder weniger das ethische und persönliche Leben des Volkes, sozusagen die Persönlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke ausdrückten. Freilich käme alles in Betracht: Kuriositäten, Brände, Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten Handlungen, verschiedene Aussprüche und Reden, ja, schließlich auch Nachrichten von Überschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne Regierungserlasse, aber aus allem müsse nur das herausgesucht werden, was die Epoche kennzeichnet. Alles müsse eben unter einem bestimmten Gesichtswinkel erfaßt und hingestellt werden, und hinter allem müsse ein Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse. Und schließlich müsse das Buch sogar als Lektüre interessant und fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges Nachschlagebuch! Es wäre also gewissermaßen ein Bild des geistigen, sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. „Es muß so sein, daß alle es kaufen, es muß zu einem richtigen Handbuch werden,“ behauptete Lisa. „Ich weiß wohl, daß hierbei der Plan die Hauptsache ist, und deshalb wende ich mich an Sie,“ schloß Lisa. Sie war recht in Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollständig ausgedrückt hatte, begann Schatoff zu begreifen.

„Es würde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel,“ brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben.

„Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht nötig! Nichts als Objektivität – das soll die ganze Richtschnur sein.“

„Aber die Richtung wäre ja an sich nichts Schlimmes,“ sagte Schatoff und bewegte sich endlich, „auch ließe sich das wohl nicht vermeiden, sobald man überhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht.“

„So glauben Sie, daß man ein solches Buch zustande bringen kann?“ fragte Lisa erfreut.

„Man muß sich das noch überlegen. Es würde ein großes Unternehmen werden. So plötzlich läßt sich nichts ausdenken. Da muß man Erfahrungen sammeln. Selbst während der Arbeit dürften wir noch nicht recht wissen, wie es am besten zu machen wäre. Vielleicht finden wir das erst nach vielen Versuchen. Aber der Gedanke fängt an, einem klar zu werden. Es ist ein nützlicher Gedanke.“

Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergnügen, so sehr war er jetzt interessiert.

„Haben Sie sich das selbst ausgedacht?“ fragte er Lisa freundlich und, wie das so seine Art war, fast verschämt.

„Ach, das Ausdenken war kein Kunststück, dafür aber ist das der Plan um so mehr,“ erwiderte Lisa lächelnd. „Ich verstehe wenig davon und bin nicht sehr klug, ich verfolge nur das, was mir selbst klar ist ...“

„Sie verfolgen?“

„Das ist wohl nicht das richtige Wort?“ forschte Lisa schnell und wißbegierig.

„Nein, doch ... man kann es sagen. Ich fragte nicht deswegen.“

„Ich habe mir schon im Auslande gesagt, daß auch ich der allgemeinen Sache irgendwie nützlich sein könnte. Ich besitze mein eigenes Geld, und es liegt tot da. Warum soll ich nicht gleichfalls arbeiten? Und zudem kam mir jene Idee ganz von selbst, ich habe mich gar nicht angestrengt oder sie mir ausgedacht –, der Gedanke war auf einmal da, und da freute ich mich sehr. Ich sah nur gleich ein, daß es ohne einen Mitarbeiter nicht gehen würde, da ich allein doch nichts verstehe. Der Mitarbeiter soll natürlich auch gleich der Mitherausgeber sein. Wir machen es dann zur Hälfte: von Ihnen kommt der Plan und die Arbeit, von mir die Idee und die Mittel zur Herausgabe. Das Buch wird sich doch bezahlt machen!“

„Wenn wir den richtigen Plan finden, wird das Buch schon gehen.“

„Ich muß nur vorausschicken, daß ich es nicht wegen des möglichen Überschusses tue, aber ich möchte doch sehr, daß es viel gekauft wird, und auf einen Überschuß wäre ich natürlich furchtbar stolz.“

„Aber was soll ich denn dabei?“

„Aber ich bitte doch gerade Sie, dieser Mitarbeiter zu sein ... Wir teilen dann. Sie werden doch den Plan ausdenken.“

„Woher wissen Sie, ob ich das kann?“

„Man hat mir schon von Ihnen erzählt ... ich weiß, daß Sie sehr klug sind und ... zu arbeiten verstehen und ... viel denken. Mir hat Pjotr Stepanowitsch Werchowenski in der Schweiz von Ihnen erzählt,“ fügte sie eilig hinzu. „Er ist ein sehr kluger Mensch, nicht wahr?“

Schatoff sah sie im Nu mit einem gleichsam huschenden Blick an, der kaum über sie hinglitt, senkte aber sofort wieder die Augen.

„Auch Nicolai Stawrogin hat mir viel von Ihnen erzählt.“

Schatoff wurde plötzlich rot.

„Übrigens, hier sind schon Zeitungen.“ Sie nahm hastig ein zusammengebundenes Paket, das auf einem Stuhl bereit lag. „Ich habe schon versucht, eine Auswahl zu treffen und ein bißchen zusammenzustellen – ich habe die Stellen angestrichen und nummeriert ... Sie werden schon selbst sehen ...“

Schatoff nahm das Paket.

„Nehmen Sie es mit nach Haus, sehen Sie es dort durch – Sie wohnen doch irgendwo?“

„In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.“

„Ich weiß, wo das ist. Dort soll, wie ich gehört habe, neben Ihnen auch irgendein Hauptmann wohnen, ein Herr Lebädkin?“ fuhr Lisa mit derselben hastenden Eile fort.

Schatoff saß, das Paket, wie er es genommen hatte, frei in der Hand haltend, wohl eine ganze Minute ohne zu antworten da und blickte zu Boden.

„Zu diesen Sachen werden Sie sich doch wohl einen anderen aussuchen müssen, denn ich – tauge nicht dazu,“ sagte er schließlich mit ganz eigentümlich gesenkter Stimme, ja, fast flüsternd.

Lisa flammte auf.

„Von was für Sachen reden Sie? Mawrikij Nicolajewitsch!“ rief sie diesen, „bitte geben Sie mir jenen Brief.“

Auch ich trat nach Mawrikij Nicolajewitsch an den Tisch.

„Sehen Sie dies hier,“ wandte sie sich plötzlich an mich, während sie in sichtlich großer Erregung den Brief entfaltete. „Haben Sie schon je etwas Ähnliches gesehen? Bitte, lesen Sie es laut vor. Ich will, und es ist nötig, daß auch Herr Schatoff es hört,“ wandte sie sich darauf an mich, „haben Sie schon je in Ihrem Leben so was gelesen? Bitte, lesen Sie laut vor. Auch Herr Schatoff soll’s hören.“

Ich las nicht wenig erstaunt das Folgende:

„An die vollendete Schönheit, die Jungfrau Lisaweta Nicolajewna Tuschina.

Gnädiges Fräulein!

O, wie ist sie wunderbar,

Lisaweta Tuschina!

Wenn sie morgens ausreitet

Und durch ihre Locken der Wind gleitet!

Dann wünsch’ ich mir von ihr alle Wonne

Und denk’, sie sei meine Frau und meine Sonne.

(Gedichtet von einem Ungelehrten nach einem

Streite.)

Gnädiges Fräulein!

Am meisten bedauere ich, daß ich vor Sebastopol nicht einen Arm zum Ruhme der Tapferkeit verloren habe, sintemal ich dort überhaupt nicht gewesen bin, sondern man mich während des ganzen Feldzuges mit der Lieferung von ganz gemeinem Proviant beschäftigt hat. Sie aber sind eine Göttin im Altertum und ich bin vor Ihnen nichts, doch jetzt ahne ich, was Unermeßlichkeit ist. Betrachten Sie alles, was ich Ihnen sage, als Verse, denn Verse sind Poesie, und Poesie ist Unsinn, aber sie entschuldigt das, was man in der Prosa Unverschämtheit nennt. Wie aber sollte sich eine Sonne über eine Infusorie ärgern, wenn es doch, mit dem Mikroskop betrachtet, unendlich viele Infusorien schon in einem Wassertropfen gibt! Sogar der große Klub der Nächstenliebe zu großem Viehzeug in Petersburg, der mitleidig für die Rechte von Hunden und Pferden kämpft, nimmt sich der kleinen Infusorie nicht an, weil sie nicht ausgewachsen ist. Auch ich bin noch nicht ausgewachsen. Der Gedanke an eine Heirat würde komisch sein. Aber durch einen Menschenhasser, den Sie verachten, werde ich bald zweihundert ehemalige Seelen besitzen. Kann vieles mitteilen, und habe Dokumente in der Hand, wofür es sogar nach Sibirien gehen kann. Verachten Sie also nicht meinen Antrag. Dieser Brief ist rein poetisch zu verstehen.

Hauptmann Lebädkin,
Ihr ergebenster Freund, der immer Zeit hat.“

„Das hat ein Betrunkener geschrieben,“ rief ich aus, „ein erbärmlicher Mensch! – Ich kenne ihn!“

„Ich erhielt ihn gestern,“ begann Lisa, hochrot im Gesicht, uns hastig zu erklären. „Ich begriff sofort, daß irgend ein Narr ihn geschrieben hat. Deshalb habe ich ihn Mama auch gar nicht gezeigt, um sie nicht aufzuregen. Doch was soll ich tun, wenn er mir noch mehr solche Briefe schreibt? Mawrikij Nicolajewitsch wollte zu ihm gehen, um es ihm zu verbieten. Sie aber, Herr Schatoff, da Sie doch im selben Hause wohnen, Sie können mir vielleicht etwas Näheres über ihn mitteilen?“

„Ein verkommener Mensch,“ murmelte Schatoff zur Antwort.

„Ist er immer so dumm?“

„O nein, wenn er nicht betrunken ist, ist er durchaus nicht dumm.“

„Ich habe einen General gekannt, der in seinen Mußestunden genau solche Gedichte schrieb,“ bemerkte ich amüsiert.

„Sogar aus diesem Brief ist zu ersehen, daß er nicht dumm sein kann,“ sagte der sonst so schweigsame Mawrikij Nicolajewitsch überraschenderweise.

„Man sagt, er habe hier eine Schwester bei sich?“ fragte Lisa.

„Ja, eine Schwester.“

„Und er soll sie tyrannisieren, ist das wahr?“

Schatoff sah Lisa wieder kurz an, runzelte die Stirn, brummte nur: „Was geht das mich an!“ und wandte sich zur Tür.

„Ach, aber so warten Sie doch,“ rief Lisa erregt, „wohin wollen Sie denn schon? Wir müssen doch noch so vieles besprechen! ...“

„Was denn besprechen? Ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen ...“

„Aber die Hauptsache ist doch, wie wir es drucken! Glauben Sie mir doch endlich, daß es mir mit dem Buch wirklich ernst ist!“ beteuerte Lisa in wachsender Unruhe. „Wenn wir es nun herauszugeben beschließen, wo soll das Buch dann gedruckt werden? Wir werden doch deshalb nicht nach Moskau reisen, und die hiesige Druckerei kommt für eine solche Ausgabe doch nicht in Frage. So habe ich denn beschlossen, eine eigene Druckerei zu gründen, sagen wir, auf Ihren Namen, und Mama würde bestimmt nichts dagegen haben, wenn es auf Ihren Namen geschieht ...“

„Woher wissen Sie, daß ich zu drucken verstehe?“ fragte Schatoff finster.

„Ja, das hat mir Pjotr Stepanowitsch Werchowenski schon in der Schweiz gesagt, daß Sie das alles verstehen, und er wollte mir sogar einen Brief an Sie mitgeben, aber dann habe ich’s vergessen ...“

Wie ich mich jetzt erinnere, ging hierauf eine Veränderung in Schatoffs Gesicht vor sich. Er stand noch ein paar Sekunden da und plötzlich verließ er das Zimmer.

Lisa ärgerte sich.

„Geht er immer so weg?“ fragte sie mich.

Ich zuckte nur mit der Schulter – doch in diesem Augenblick kam Schatoff schon zurück und legte das Paket auf den Tisch.

„Ich kann nicht Ihr Mitarbeiter sein, habe keine Zeit ...“

„Aber warum, warum denn nicht? Sie haben sich wohl über irgend etwas geärgert?“ fragte Lisa ganz traurig und ihre Stimme klang bittend.

Und dieser Ton in ihrer Stimme schien ihn stutzig zu machen: ein paar Augenblicke lang sah er sie unverwandt an, als wolle er bis in ihre Seele hineinschauen.

„Einerlei,“ murmelte er dann dumpf, „ich will nicht ...“

Und er ging wirklich weg.

Lisa blieb ganz niedergeschlagen zurück – sogar weit niedergeschlagener, als man es nach dem Vorgefallenen hätte verstehen können; wenigstens schien es mir damals so.

„Ein äußerst sonderbarer Mensch,“ bemerkte Mawrikij Nicolajewitsch.

III.

Allerdings wirkte Schatoff „sonderbar“, aber schließlich war an diesem ganzen Vorfall doch gar zu vieles unklar. Es mußte da hinter manchem noch ein anderer Sinn stecken. Diese Buchgeschichte z. B. kam mir durchaus unglaubhaft vor und ich dachte bei mir, daß sie wohl nur ein Vorwand zu irgendwelchen anderen Zwecken sein könne. Und dann dieser verrückte Brief mit dem Versprechen von Mitteilungen und „Dokumenten“, und warum hatten sie es vermieden, davon zu sprechen, warum sprachen sie sogleich von ganz etwas anderem? Warum war Schatoff so plötzlich fortgegangen, und so auffallenderweise gerade dann, als man von der Druckereifrage zu sprechen begann? Alles das gab mir zu denken und ich kam zu der Überzeugung, daß hier etwas Geheimnisvolles vorliegen müsse. – – Doch es war Zeit, daß auch ich mich verabschiedete.

Lisa schien meine Anwesenheit im Zimmer ganz vergessen zu haben. Sie stand immer noch tief nachdenklich auf demselben Platz am Tisch und starrte vor sich hin.

„Ach, auch Sie wollen gehen? Nun, auf Wiedersehen,“ sagte sie freundlich. „Grüßen Sie Stepan Trophimowitsch von mir und reden Sie ihm doch zu, daß er so bald wie möglich zu mir komme. Mama kann sich leider nicht von Ihnen verabschieden ... Sie entschuldigen gewiß!“

Ich verabschiedete mich noch von Mawrikij Nicolajewitsch und ging hinaus. Als ich schon die Treppe hinabgegangen war, kam mir der Diener nachgelaufen.

„Das gnädige Fräulein lassen Sie sehr bitten, zurückzukommen.“

Als ich daraufhin wieder zurückging und eintrat, war Mawrikij Nicolajewitsch ganz allein im großen Salon. Lisa dagegen erwartete mich im anstoßenden kleineren Empfangszimmer, dessen Tür nur angelehnt war.

Bleich und augenscheinlich noch unentschlossen stand sie mitten im Zimmer und lächelte mir zu, als ich eintrat. Plötzlich ergriff sie meine Hand und zog mich schnell zum Fenster.

„Ich will sie sehen,“ flüsterte sie und sah mich mit heißem, starkem, ungeduldigem Blick an, der jeden Widerspruch unmöglich machte. „Ich muß sie mit meinen eigenen Augen sehen, und dazu brauche ich Ihre Hilfe.“

Sie schien wirklich außer sich und ganz verzweifelt zu sein.

„Wen wollen Sie sehen, Lisaweta Nicolajewna?“ fragte ich erschrocken.

„Diese Lebädkina, diese Lahme ... Es ist doch wahr, daß sie lahm ist?“

„Ich habe sie nie gesehen, aber ich hörte noch gestern, daß sie allerdings lahm sein soll,“ antwortete ich rasch und sprach gleichfalls so leise wie möglich.

„Ich ... muß sie unbedingt sehen! Können Sie das nicht heute noch einrichten?“

Lisa tat mir furchtbar leid.

„Das ... das scheint mir ganz unmöglich. Wie ... sollte man –?“ Ich wollte ihr den Gedanken ausreden. Doch als ich sah, daß sie ganz verzweifelt war, sagte ich: „Ich könnte ja zu Schatoff gehen ...“

„Wenn Sie mir nicht helfen, dann werde ich morgen selbst zu ihr gehen. Allein. Denn Mawrikij Nicolajewitsch weigert sich, mich dorthin zu begleiten. Ich hoffe jetzt nur noch auf Sie, denn sonst habe ich ja niemanden. Mit Schatoff habe ich töricht gesprochen. Aber ich weiß, Sie sind ein Ehrenmann, und vielleicht mir ein wenig zugetan. Tun Sie es! Bitte, bitte!“

Da erfaßte mich der leidenschaftliche Wunsch, ihr in allem behilflich zu sein.

„Gut,“ sagte ich entschlossen, nachdem ich eine Weile überlegt hatte. „Ich werde noch heute selbst hingehen und den Versuch machen, sie zu sehen und zu sprechen. Unter allen Umständen. Ich werde Ihren Wunsch erfüllen. Ich gebe Ihnen mein Wort. Nur müssen Sie mir gestatten, vorher mit Schatoff darüber zu sprechen.“

„Ja, sagen Sie ihm, daß ich sie sehen muß! Daß ich nicht länger warten kann! Und sagen Sie ihm, daß ich ihn vorhin wirklich nicht zum besten gehabt habe. So etwas hat er wohl geglaubt. Deshalb scheint er ja fortgegangen zu sein. Seine Ehrlichkeit, sein Ehrgefühl war gekränkt. Ich habe ihm aber ganz gewiß nichts vorgespiegelt. Ich will wirklich das Buch herausgeben und eine Druckerei gründen ...“

„Ja, Schatoff ist der ehrlichste Mensch,“ beteuerte ich eifrig.

„Und wenn es Ihnen nicht gelingt, dann – dann gehe ich morgen selbst zu ihr. Einerlei, was daraus entsteht. Und wenn auch alle es erfahren!“

„Aber vor drei Uhr kann ich unmöglich bei Ihnen sein!“

„Gut, also dann morgen um drei. Und nicht wahr, ich habe mich nicht in Ihnen getäuscht, bei Stepan Trophimowitsch, als ich Sie für ein wenig – mir zugetan hielt?“ lächelte sie mir zu, drückte mir zum Abschied die Hand und ging schnell in den großen Salon, in dem Mawrikij Nicolajewitsch offenbar auf sie wartete.

Ich verließ das Haus, bedrückt von meinem Versprechen und unfähig, fassen zu können, was geschehen war. Ich hatte einen Menschen in wirklicher Verzweiflung gesehen, ein junges Mädchen, das sich nicht scheute, sich bloßzustellen und einem ihr fremden Menschen ihr ganzes Vertrauen zu schenken. Ihr Lächeln, das Lächeln einer Frau, die Anspielung, daß sie wisse, wie ich ihr zugetan sei, das alles regte mich nicht wenig auf. Doch sie tat mir leid, so, so leid! Ihre Geheimnisse wurden für mich plötzlich zu etwas Heiligem. Wenn man mir diese Geheimnisse hätte mitteilen wollen, – ich würde nicht zugehört haben. Ich ahnte ja mancherlei ... Aber wie sollte ich nun dieses seltsame, dieses unheimliche Zusammentreffen zustandebringen? Meine ganze Hoffnung setzte ich auf Schatoff. Ich sagte mir zwar gleich, daß er dabei wenig werde helfen können. Aber immerhin, ich ging sofort zu ihm.

IV.

Erst am Abend, um acht Uhr, traf ich ihn zu Haus. Zu meiner Verwunderung hatte er Besuch: Alexei Nilytsch Kirilloff und ein Herr Schigaleff – der Bruder der Frau Wirginski – waren bei ihm.

Dieser Schigaleff war erst seit ungefähr zwei Monaten in unserer Stadt; ich weiß nicht, woher er kam. Wirginski hatte ihn mir gelegentlich auf der Straße vorgestellt und ich wußte von ihm wenig mehr, als daß in einem fortschrittlichen Petersburger Blatt einmal ein Artikel von ihm erschienen war. Wir hatten uns damals nur flüchtig begrüßt und kaum ein Wort miteinander gewechselt. Das einzige, was ich von ihm behalten hatte, war der Eindruck, in meinem ganzen Leben noch nie ein so finsteres, griesgrämiges, mürrisches Gesicht gesehen zu haben. Er schaute drein, als erwarte er den Untergang der ganzen Welt, und zwar nicht nach irgendwelchen Voraussagungen, die schließlich auch nicht in Erfüllung zu gehen brauchten, sondern genau so, als wisse er sogar schon die Stunde des Untergangs mit tödlicher Sicherheit: etwa übermorgen früh, punkt fünf Minuten vor halb elf. Und dann waren mir noch ganz besonders seine Ohren aufgefallen, Ohren von einer geradezu übernatürlichen Größe, lang, breit und dick, die noch obendrein fast im rechten Winkel nach links und rechts vom Kopf wegstrebten. Seine Bewegungen waren plump und langsam. Wenn Liputin vielleicht hin und wieder davon geträumt hatte, daß die Phalansterien sich auch in unserem Gouvernement verwirklichen könnten, so wußte dieser Schigaleff sicher Tag und Stunde voraus, wann das geschehen werde. Jedenfalls hatte er geradezu den Eindruck eines Unheilverkünders auf mich gemacht; und daß ich gerade ihn jetzt bei Schatoff antraf, wunderte mich sehr, – um so mehr, als Schatoff Besuch schon an und für sich nicht ausstehen konnte.

Bereits auf der Treppe hörte ich, daß sie alle drei ungewöhnlich laut miteinander sprachen und, wie mir schien, sich heftig stritten. In dem Augenblick aber, als ich eintrat, verstummten sie sofort. Und plötzlich setzten sie sich, während sie bis dahin gestanden hatten. So mußte auch ich mich setzen. Wir schwiegen alle. Schigaleff tat so, als kenne er mich überhaupt nicht. Mit Kirilloff tauschte ich einen Gruß, und ich weiß nicht, weshalb wir uns nicht die Hand reichten. Schigaleff sah mich streng und finster an, mit einem Ausdruck, der völlig naiv die feste Überzeugung zeigte, daß ich sofort aufstehen und wieder weggehen würde. Da erhob sich endlich Schatoff und die anderen folgten seinem Beispiel. Sie gingen fort, ohne ein Wort zu sagen, noch sich zu verabschieden. Erst an der Tür wandte sich Schigaleff noch einmal zu Schatoff und sagte in drohendem Tone:

„Vergessen Sie aber nicht, daß Sie Rechenschaft schuldig sind!“

„Zum Teufel mit eurer Rechenschaft, ich bin keinem von euch etwas schuldig!“ rief Schatoff ihnen wütend nach, schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel um.

„Narren!“ sagte er, nachdem sein Blick mich gestreift hatte, mit kurzem, eigentümlich gehässigem Auflachen.

Sein Gesicht sah böse aus, und ich wunderte mich, daß er diesmal als erster zu sprechen begann. Früher war es gewöhnlich so gewesen, wenn ich ihn besuchte, was freilich sehr selten geschah, daß er sich mißmutig in einen Winkel setzte und auf meine Fragen mürrisch antwortete. Erst nach längerer Zeit begann er aufzutauen und dann erst sprach er mit Vergnügen. Beim Abschied aber wurde er jedesmal wieder unwirsch, und wenn er einen zur Tür geleitete, tat er es mit einer Miene, als dränge er seinen persönlichen Feind aus dem Hause.

„Ich habe gestern bei diesem Herrn Kirilloff Tee getrunken,“ sagte ich, um ein Gespräch anzuknüpfen. „Bei ihm scheint der Atheismus ein bißchen zur fixen Idee geworden zu sein.“

„Der russische Atheismus ist noch nie über ein schlechtes Wortspiel hinausgekommen,“ brummte Schatoff, während er den alten Lichtstumpf aus dem Leuchter nahm und ein neues Licht einsetzte.

„Ich glaube nicht, daß es diesem Kirilloff um Wortspiele zu tun ist. Er versteht ja, wie’s scheint, überhaupt kaum zu sprechen – wie sollte er da noch an Wortspiele denken!“

„Papierene Menschen; aus Lakaientum kommen ihnen alle diese Gedanken,“ bemerkte Schatoff ruhig, nachdem er sich in der Zimmerecke auf einen Stuhl gesetzt und die Handflächen auf die Kniee gestützt hatte.

„Haß ist auch dabei,“ sagte er nach einer Weile des Schweigens. „Diese Leute würden selbst als erste sterbensunglücklich sein, wenn Rußland sich auf irgendeine Weise veränderte, und wäre es auch genau nach ihrem Wunsch, und plötzlich unermeßlich reich und glücklich werden würde. Dann hätten sie ja niemanden mehr, den sie hassen, auf den sie spucken, über den sie spotten könnten! Hier ist’s nichts als ein einziger tierischer, grenzenloser Haß auf Rußland, der sich in ihren Organismus hineingefressen hat ... Und von irgendwelchen heimlichen Tränen, die sich angeblich hinter dem sichtbaren Lachen verbergen sollen[30], ist hier überhaupt keine Spur vorhanden! Noch nie ist in Rußland etwas Dümmeres gesagt worden, als dieses falsche Wort von den ‚heimlichen Tränen‘!“ sagte er fast jähzornig.

„Weiß Gott, Sie sind aber wütend!“ sagte ich lachend.

„Und Sie sind ‚gemäßigt liberal‘.“ Schatoff lächelte flüchtig. „Wissen Sie,“ sagte er nach einer Weile ganz plötzlich, „ich habe das vorhin vielleicht falsch gesagt, das vom ‚Lakaientum der Gedanken‘. Sie werden gewiß bei sich gedacht haben: ‚Das sagt er nur, weil er von einem Lakai geboren ist, ich aber bin’s nicht.‘“

„Aber das habe ich durchaus nicht gedacht ... wie kommen Sie darauf! ...“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich fürchte Sie nicht. Früher stammte ich nur von einem Lakaien ab, jetzt bin ich selber zu einem geworden, zu genau so einem, wie auch Sie einer sind. Unser russischer Liberaler ist vor allen Dingen Lakai und wartet nur darauf, wie und wo er jemandem die Stiefel putzen kann.“

„Was für Stiefel? Was meinen Sie mit dieser Allegorie?“

„Was Allegorie! Sie lachen, wie ich sehe ... Stepan Trophimowitsch hat ganz recht, wenn er sagt, daß ich unter einem Stein liege, schon halb erdrückt, aber noch nicht zerdrückt bin und mich nur noch in den letzten Krämpfen winde. Das hat er gut gesagt.“

„Stepan Trophimowitsch behauptet, daß die Deutschen Ihnen zur fixen Idee geworden sind,“ entgegnete ich leichthin. „Und es ist ja auch etwas Wahres dabei: wir haben uns doch vieles Deutsche eingesackt.“

„Ja, zwanzig Kopeken haben wir von ihnen genommen und dafür hundert Rubel vom eigenen Kapital gegeben.“ – Wir schwiegen ... „Diese Ideen hat er sich in Amerika an den Hals gelegen.“

„Wer das? Was an den Hals gelegen?“

„Ich meine Kirilloff. Wir haben dort beide vier Monate lang in einer Hütte auf dem Fußboden gelegen.“

„Ja, sind Sie denn je in Amerika gewesen?“ fragte ich verwundert. „Sie haben nie davon gesprochen.“

„Wozu davon sprechen. Vor drei Jahren zogen wir mit einem Emigrantentransport für unser letztes Geld nach den Vereinigten Staaten von Amerika, um das Leben eines amerikanischen Arbeiters, oder vielmehr: ‚um den Zustand eines Menschen in der allerschwersten sozialen Lage praktisch, d. h. durch persönliche Erfahrung kennen zu lernen.‘ Das war unser Ziel, war der Grund, warum wir auswanderten.“

„Herrgott!“ rief ich aus. „Das hätten Sie doch ebensogut zur Erntezeit in unserem Gouvernement durch ‚persönliche Erfahrung‘ kennen lernen können, ohne deshalb nach Amerika dampfen zu müssen!“

Doch Schatoff fuhr fort: „Wir verdingten uns als Arbeiter bei einem Exploiteur. Im ganzen waren wir sechs Russen: Studenten, sogar Gutsbesitzer und Offiziere waren unter uns, und alle hatten dasselbe großartige Ziel. Und so arbeiteten wir denn, quälten uns und rackerten uns ab – bis Kirilloff und ich fortgingen: wir wurden krank, hielten es nicht aus. Bei der Abrechnung zog uns dann der Exploiteur noch das Fell gehörig über die Ohren, zahlte anstatt der dreißig Dollar, die er uns laut der Abmachung schuldig war, mir nur acht und Kirilloff fünfzehn aus. Übrigens hat man uns obendrein noch geprügelt, und nicht nur einmal ... Ja, und damals war es denn, daß wir beide in einem elenden Städtchen vier Monate lang zusammen in einer Hütte auf dem Fußboden lagen. Kirilloff dachte seine Gedanken und ich dachte meine Gedanken.“

„Und der Exploiteur hat Sie wirklich geprügelt? Da werden Sie ihm wohl auch nicht schlecht mitgespielt haben?“

„Keineswegs. Im Gegenteil, wir sahen beide sofort ein, daß ‚wir Russen im Vergleich zu den Amerikanern kleine Kinder sind und daß man entweder in Amerika geboren oder lange Jahre mit ihnen zusammen gearbeitet haben muß, um die Höhe ihrer Leistung zu erreichen‘. Wir waren natürlich entzückt von Amerika und lobten dort alles: den Spiritismus, das Lynchgesetz, die Revolver und die Vagabunden. Und wenn man für eine Dreikopekensache von uns einen Dollar verlangte, so zahlten wir ihn nicht nur mit Vergnügen, sondern mit Begeisterung. Einmal, in der Eisenbahn, zog mein Nachbar aus meiner Rocktasche meine Haarbürste heraus und begann sich damit sein Haar zu striegeln. Kirilloff und ich tauschten nur einen Blick aus und stimmten sofort darin überein, daß mein Nachbar vollkommen im Recht war und seine Handlungsweise uns sehr gefiel ...“

„Sonderbar, daß solche Ideen uns Russen nicht nur in den Kopf kommen, sondern von uns auch vollführt werden,“ bemerkte ich.

„Papierene Menschen,“ wiederholte Schatoff.

„Aber immerhin, über einen ganzen Ozean schwimmen, in ein unbekanntes Land, und wenn auch ‚um durch persönliche Erfahrung‘ usw. etwas kennen zu lernen – darin liegt, weiß Gott, doch eine gewisse Großzügigkeit ... Wie sind Sie denn wieder zurückgekommen?“

„Ich schrieb an einen Menschen nach Europa und der schickte mir hundert Rubel.“

Die ganze Zeit, während der Schatoff sprach, hatte er, wie immer, zu Boden gesehen, selbst dann, wenn er erregt sprach. Jetzt aber hob er plötzlich den Kopf.

„Wollen Sie wissen, wer dieser Mensch war?“

„Nun, wer war es denn?“

„Nicolai Stawrogin.“

Er stand plötzlich auf, trat an seinen Schreibtisch – es war ein einfacher Tisch aus Lindenholz – und tat, als suche er etwas auf ihm.

Es ging bei uns damals das dunkle, aber glaubwürdige Gerücht, Schatoffs Frau hätte mit Nicolai Stawrogin in Paris eine Zeitlang gelebt, und zwar gerade vor etwa zwei Jahren, also in eben der Zeit, als Schatoff in Amerika war – freilich schon lange nachdem sie ihn in Genf verlassen hatte. „Wenn es sich so verhält, was plagte ihn dann, mir jetzt diesen Namen zu nennen und das ... noch breitzutreten?“ fragte ich mich.

„Ich habe sie ihm bis heute noch nicht zurückgegeben,“ sagte er, sich wieder zu mir wendend, und nachdem er mich kurz, aber prüfend angesehen hatte. Dann setzte er sich wieder. Und plötzlich fragte er mich schroff und schon in ganz anderem Tone:

„Sie sind natürlich mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen; was wünschen Sie?“

Ich erzählte ihm sofort alles und betonte besonders, daß ich Lisa unter allen Umständen helfen und das ihr gegebene Wort halten möchte. Auch beteuerte ich ihm, daß sie ihn mit der Buchangelegenheit keineswegs habe beleidigen wollen, daß er sie völlig mißverstanden haben müsse. Sein plötzlicher Aufbruch habe sie denn auch aufrichtig betrübt.

Er hörte mich sehr aufmerksam an.

„Vielleicht habe ich in der Tat wieder einmal eine Dummheit gemacht ... Aber wenn sie nicht verstanden hat, warum ich fortging – um so besser für sie!“

Er stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und horchte hinaus.

„Sie wollen sie selbst sehen?“

„Ja, das ist es ja eben! Wie ließe sich das machen?“ Ich erhob mich schon erfreut.

„Gehen wir ganz einfach hin, solange sie noch allein ist. Lebädkin darf natürlich nicht erfahren, daß wir bei ihr gewesen sind, sonst peitscht er sie wieder. Heimlich gehe ich oft zu ihr. Gestern habe ich ihn gründlich geprügelt, als er sie wieder zu schlagen anfing.“

„Ist das wirklich wahr, daß er sie schlägt?“

„Gewiß; an den Haaren hab ich ihn von ihr fortgerissen. Er wollte sich schon mit den Fäusten auf mich stürzen, aber ich konnte ihm doch noch einen Schrecken einjagen. Dabei blieb es. Nun fürchte ich, ihm könnte das wieder einfallen, wenn er heute betrunken zurückkehrt, und dann wird er sie erst recht hauen.“

Wir gingen sogleich nach unten.

V.

Die Tür zu Lebädkins war nicht verschlossen und so traten wir ungehindert ein. Ihre ganze Wohnung bestand aus nur zwei erbärmlichen kleinen Zimmern mit verräucherten Wänden, an denen die schmutzigen Tapeten buchstäblich in Fetzen herabhingen.

Früher hatte sich in diesen Räumen Filippoffs Schenke befunden, die jetzt in das neue Haus übergeführt worden war. Die übrigen Zimmer, die früher auch noch zur Schenke gehört hatten, waren jetzt verschlossen, nur diese beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbeln standen in der Wohnung ein paar einfache Holzbänke, Tische aus rohen Brettern und nur ein einziger alter Sessel mit einer abgebrochenen Armlehne. Im Hinterzimmer stand in einer Ecke ein Bett mit einer Kattundecke. Das war das Bett von Lebädkins Schwester. Der Hauptmann aber schlief einfach auf dem Fußboden, und da er fast immer betrunken nach Hause kam, nicht selten so, wie er war, in den Kleidern. Überall war Schmutz, lagen Krümchen und Fetzchen auf dem Fußboden; in der Mitte des ersten Zimmers lag ein großer, dicker, ganz nasser Lappen, um den sich eine richtige Pfütze gebildet hatte, und in dieser stand ein alter schiefgetretener Schuh. Man sah an allem, daß hier niemand etwas tat; kein Ofen wurde geheizt, kein Essen gekocht; ja, sie besaßen nicht einmal einen Samowar, wie Schatoff mir ausführlicher berichtete. Der Hauptmann war mit seiner Schwester ohne eine Kopeke hier eingetroffen und hatte in der ersten Zeit tatsächlich, wie Liputin erzählte, seine Bekannten um ein paar Kopeken angebettelt. Dann aber, als er plötzlich in den Besitz von großen Summen geriet, hatte er sofort zu trinken angefangen und sich seitdem natürlich noch weniger um den Haushalt gekümmert.

Marja Timofejewna Lebädkina, die ich so sehr zu sehen wünschte, saß ruhig und lautlos im zweiten Zimmer, in einer Ecke, hinter einem einfachen Küchentisch auf einer Bank. Auch als wir eingetreten waren, hatte sie uns nicht angerufen, noch sich überhaupt gerührt. Schatoff sagte, daß ihre Flurtür nie verschlossen werde, und einmal sei sie sogar die ganze Nacht sperrangelweit offen geblieben. Beim schwachen Schein eines dünnen Lichtchens in einem eisernen Leuchter erkannte ich ein krankhaft mageres weibliches Wesen von vielleicht dreißig Jahren, in einem dunklen alten Kattunkleide, mit langem, bloßem Halse und dünnem, dunklem Haar, das im Nacken zu einem kleinen Knoten, von der Größe des Fäustchens eines zweijährigen Kindes, zusammengedreht war. Sie sah uns ziemlich heiter entgegen. Außer dem Licht stand vor ihr auf dem Tisch ein kleiner billiger Spiegel, wie man ihn bei Bauern sieht, lag ein altes Spiel Karten, ein zerblättertes Liederbuch und ein kleines Weißbrot, von dem sie bereits ein- oder zweimal abgebissen hatte. Man merkte, daß sie sich gepudert und geschminkt und die Lippen mit irgend etwas rot gefärbt hatte; ja, selbst die Brauen, die ohnehin schon lang, fein gezeichnet und dunkel zu sein schienen, hatte sie noch gestrichen, – aber auf ihrer schmalen und hohen Stirn sah man trotz des Puders drei lange, tiefe Falten. Ich wußte schon, daß sie hinkte, doch diesmal stand sie während unserer Anwesenheit nicht auf, so sah ich sie auch nicht gehen. Irgend einmal, vielleicht in der ersten Jugend, konnte dieses abgezehrte Gesicht vielleicht nicht unschön gewesen sein; aber ihre stillen, freundlichen grauen Augen fielen auch jetzt noch auf. Etwas Träumerisches und Inniges lag in ihrem stillen, fast frohen Blick. Diese stille, ruhige Freude, die sich auch in ihrem Lächeln ausdrückte, wunderte mich nach allem, was ich von der Kosakenpeitsche und allen Niederträchtigkeiten ihres Bruders gehört hatte. Sonderbar, daß ich dieses Mal statt des drückenden und bangen Widerwillens, den man sonst stets in der Gegenwart solcher von Gott gezeichneten Geschöpfe empfindet, – daß es mir diesmal, und fast vom ersten Augenblick an, geradezu angenehm war, sie zu betrachten und zu beobachten, und höchstens Mitleid, doch keine Spur von Abscheu, bemächtigte sich meiner später.

„Sehen Sie, so sitzt sie hier ganze Tage mutterseelenallein und rührt sich nicht, legt Karten oder betrachtet sich im Spiegelchen,“ sagte Schatoff noch an der Tür zu mir. „Er gibt ihr ja auch nichts zu essen. Die Alte aus dem Nebenhause, die Kirilloff bedient, bringt ihr zuweilen etwas aus bloßem Erbarmen. Wie man sie nur so mit dem Licht allein lassen kann!“

Schatoff sagte das zu meiner Verwunderung ganz laut, als ob wir allein im Zimmer wären.

„Guten Tag, Schatuschka!“ begrüßte ihn plötzlich Marja Timofejewna.

„Ich habe dir, Marja Timofejewna, einen Gast gebracht,“ erwiderte Schatoff.

„Gut, der Gast soll mir willkommen sein. Ich weiß nicht, wen du da mitgebracht hast, ich glaube aber, solch einen habe ich noch nie gesehen.“ Dabei sah sie mich, über das Licht hinweg, aufmerksam an. Gleich darauf wandte sie sich jedoch wieder zu Schatoff, und zu diesem allein sprach sie dann auch die ganze Zeit (mich aber beachtete sie weiter überhaupt nicht mehr, ganz als wäre ich gar nicht anwesend).

„Es wurde dir wohl langweilig, da oben im Dachkämmerlein einsam umherzugehen?“ fragte sie lachend. Da sah ich, daß sie sehr schöne Zähne hatte.

„Auch das, aber vor allem wollte ich dich wieder einmal besuchen.“

Schatoff zog eine Bank an den Tisch, setzte sich, und wies auch mir einen Platz neben sich an.

„Unterhaltung habe ich immer gern, nur bist du so drollig, Schatuschka, bist ganz wie ein Mönch! Wann hast du dich zum letztenmal gekämmt? Komm her, ich werde es wohl wieder tun müssen“ – und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen Kamm. „Du hast wohl seit dem letzten Mal, als ich dich kämmte, dein Haar überhaupt nicht mehr angerührt.“

„Ja, wie soll ich denn? Ich habe doch keinen Kamm,“ sagte auch Schatoff heiter.

„Wirklich nicht? Warte mal, dann werde ich dir meinen schenken, nicht diesen, einen andern ... nur mußt du mich daran erinnern.“

Und mit dem ernsthaftesten Gesicht machte sie sich daran, ihn zu kämmen, zog ihm sogar auf der Seite einen Scheitel, bog sich dann zurück, um zu sehen, ob er gut geraten war – und steckte schließlich den Kamm wieder in die Tasche.

„Weißt du was, Schatuschka?“ sagte sie und schüttelte dabei den Kopf, „du bist doch ein vernünftiger Mensch und trotzdem grämst du dich. Es wird mir ganz sonderbar, wenn ich euch alle so sehe: ich verstehe nicht, wie können Menschen sich grämen und immer traurig sein? Sehnsucht ist doch nicht Traurigkeit. Mir ist immer froh zu Mut.“

„Auch mit dem Bruder?“

„Du meinst Lebädkin? Ach, der ist mein Knecht. Mir ist es ganz gleich, ob er hier ist oder nicht. Ich befehle nur: ‚Lebädkin, bring mir Wasser, Lebädkin, gib mir die Stiefel‘, und er läuft schon. Zuweilen sündige ich wohl auch und lache über ihn.“

„Und genau so ist es,“ sagte Schatoff zu mir gewandt, und zwar wieder mit lauter Stimme, ohne sich zu genieren. „Sie behandelt ihn tatsächlich wie ihren Diener, ich habe es selbst gehört, wie sie ihm zuruft: ‚Lebädkin, bring mir Wasser‘, und dabei lacht sie. Der Unterschied besteht nur darin, daß er nicht nach dem Wasser läuft, sondern sie dafür prügelt, – und trotzdem fürchtet sie ihn tatsächlich nicht im geringsten. Sie hat immer ihre nervösen Anfälle, fast täglich, die wirken natürlich auf ihr Gedächtnis, so daß sie alles vergißt und verwechselt. Glauben Sie, daß sie noch weiß, wann und wie wir hereingekommen sind? Übrigens, vielleicht weiß sie’s doch noch, jedenfalls aber hat sie es sich auf ihre Art umgedichtet und hält uns wohl jetzt für Gott weiß was, nur nicht für das, was wir sind – obschon sie dabei ganz genau weiß, daß ich ‚Schatuschka‘ bin. Das macht auch nichts, daß ich jetzt laut spreche, ja selbst wenn ich zu ihr spreche, stört das sie nicht mehr, sobald sie einmal mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt ist. Sie ist eine große Träumerin, acht Stunden, zuweilen den ganzen Tag sitzt sie auf demselben Fleck, ohne sich zu rühren. Sehen Sie das Weißbrot da: angebissen hat sie es vielleicht heute früh, aufessen wird sie es vielleicht erst morgen. Da legt sie auch schon wieder Karten aus ...“

„Rate ich doch aus den Karten und rate, Schatuschka, aber immer kommt es so wie nicht richtig heraus,“ sagte plötzlich Marja Timofejewna, die das letzte Wort Schatoffs wohl gehört hatte, und ohne aufzusehen streckte sie die linke Hand mechanisch nach dem Weißbrot aus (auch das vom Brot mochte sie gehört haben).

Die Hand fand auch schließlich das Brötchen, doch sie selbst ließ sich von neuen Gedanken wieder gefangennehmen, und nachdem sie das Brötchen eine Weile in der linken Hand gehalten hatte, legte sie es mechanisch wieder zurück, ohne es zum Munde geführt zu haben.

„Es ist immer dasselbe: ein Weg, ein böser Mann, ein Sterbebett, ein Brief irgendwoher, eine unvorhergesehene Nachricht, Trug und Hinterlist. Ach – alles Lügen, denke ich! – Was meinst du dazu, Schatuschka? Wenn Menschen lügen, warum sollen dann nicht auch Karten lügen?“ und sie mischte plötzlich die Karten durcheinander. „Dasselbe habe ich auch einmal der Mutter Praskowja gesagt ... das war eine ehrwürdige alte Frau. Immer kam sie zu mir in die Zelle, um sich von mir die Karten legen zu lassen, aber heimlich, daß die Mutter-Äbtissin es nicht sah. Und nicht sie allein kam zu mir. Sie seufzen und stöhnen dann immer, schütteln alle die Köpfe, raten hin und her und denken und bereiten sich auf etwas Großes vor – ich aber lache. ‚Woher wollen Sie denn plötzlich einen Brief bekommen, Mutter Praskowja,‘ sage ich, ‚wenn zwölf Jahre keiner gekommen ist?‘ Ihre Tochter aber hat der Mann irgendwohin nach der Türkei gebracht und zwölf Jahre hat sie von ihr kein Lebenszeichen erhalten. Und wie ich gerade so am nächsten Abend beim Tee sitze, bei der Äbtissin – aus fürstlichem Hause war sie bei uns – sitzt da bei ihr noch eine angereiste Dame und auch noch ein Mönchlein aus dem Kloster vom Berge Athos, so ein drolliger, kleiner Mensch. Was glaubst du wohl, Schatuschka, dieser selbe Mönch hat am selben Morgen der Mutter Praskowja von der Tochter aus der Türkei einen Brief gebracht – da hast du den Karo-Buben, die unvorhergesehene Nachricht! Wir trinken also Tee und der Mönch vom Berge Athos sagt zu der Mutter-Äbtissin: ‚Und vor allem‘, sagt er, ‚ehrwürdige Mutter-Äbtissin, hat der Herr Euer Kloster gesegnet, seitdem es einen so kostbaren Schatz in seinem Schoße birgt‘, sagt er. ‚Was für einen Schatz?‘ fragt die Mutter-Äbtissin. ‚Nun, die heilige Lisaweta doch!‘ sagt er. Diese Lisaweta war nämlich bei uns in einer Zelle in der Klostermauer eingemauert, wie in einem Käfig, und der war nur einen Faden lang und anderthalb Faden hoch, und da sitzt sie schon siebzehn Jahre lang hinter einem eisernen Gitter, Winter und Sommer nur in einem hanfleinenen Hemde, und sticht immer mit einem Strohhälmchen oder einem Reisigstückchen in die Leinwand und spricht kein Wort und kämmt sich nicht und wäscht sich nicht all diese siebzehn Jahre. Im Winter, wenn es kalt wird, steckt man ihr ein Pelzchen zu und täglich ein Kästchen mit Brot und einen Krug mit Wasser. ‚Wahrlich, ein schöner Schatz,‘ sagt die Mutter-Äbtissin (hat sich geärgert – sie konnte die Lisaweta nicht leiden). ‚Lisaweta,‘ sagt sie, ‚sitzt nur aus Bosheit und Eigensinn, und alles das ist Verstellung.‘ Mir gefiel das nicht, was sie sagte, denn ich wollte mich auch so einschließen lassen. ‚Ich glaube,‘ sage ich, ‚Gott und die Natur ist alles eins.‘ Alle rufen sie da, wie aus einem Munde: ‚Hört doch, hört!‘ Die Äbtissin lachte und fing mit der Dame zu tuscheln an, ich weiß nicht worüber, und rief mich nachher zu sich, streichelte mich, und die Dame schenkte mir ein rosa Bändchen – willst du, ich zeige es dir? Und das Mönchlein fing gleich an, mich zu belehren und sprach freundlich und demütig zu mir und wohl auch mit viel Verstand. Ich sitze und höre zu. ‚Hast du verstanden?‘ fragte er mich dann. ‚Nein,‘ sage ich, ‚ich habe gar nichts verstanden und lassen Sie mich lieber in meiner Ruh‘, sage ich – und seit der Zeit haben sie mich auch ganz in meiner Ruh gelassen, Schatuschka. Aber wenn ich dann aus der Kirche kam, flüsterte mir unsere Greisin, eine alte, alte Nonne zu – die büßte bei uns für ihre Weissagungen –: ‚Was ist das, die Mutter Gottes, wie dünkt es dich?‘ – ‚Die große Mutter,‘ antwortete ich, ‚das ist die große Hoffnung, die ewige Zuversicht des Menschengeschlechts.‘ – ‚Ganz recht,‘ sagt sie, ‚die Mutter Gottes – das ist die große Mutter, unsere fruchtbare Erde, und wahrlich ich sage dir, eine große Freude liegt in ihr für den Menschen. Und jedes Erdenleid und jede Erdenträne ist uns eine Freude. Und wenn du mit deinen Tränen die dunkle Erde unter dir tränkst, einen halben Meter tief, so wird dir wahrlich zur selbigen Stunde noch alles zur Freude gereichen. Und gar keinen, gar keinen Kummer wirst du mehr haben,‘ sagt sie, ‚denn sieh,‘ sagt sie, ‚eine solche Weissagung gibt es.‘ Das konnte ich nie mehr vergessen. Seit der Zeit begann ich zu beten, ich beugte mich zur Erde und küßte die Erde und weinte. Und sieh, ich sage dir, Schatuschka, es ist nichts Schlechtes in diesen Tränen, und wenn du auch gar kein Leid hast, du wirst die Tränen vor lauter Freude weinen. Die Tränen weinen sich selbst. Zuweilen ging ich zum See, an das Ufer: auf der einen Seite vom See stand unser Kloster und auf der anderen unser spitzer Berg, wir nannten ihn denn auch einfach den Spitzberg. Und so steige ich denn auf diesen Berg und wende mich mit dem Gesicht nach Osten und falle auf die Erde nieder und weine und weine, und weiß nicht, wie lange ich weine, und habe dann alles vergessen und ich weiß gar nichts mehr. Dann stehe ich auf und wende mich zurück, und die Sonne geht unter so groß, und es ist eine Pracht und Herrlichkeit – liebst du’s auch, so die Sonne zu sehen, Schatuschka? Schön ist es, aber traurig ... Und ich wende mich wieder zurück nach Osten, und der Schatten, der Schatten von unserem Berge läuft schmal und lang wie ein Zeiger über den See, eine Werst weit oder noch weiter – bis zur Insel im See, und teilt diese steinige Insel, wie sie da ist, gerade in zwei Hälften. Und wie er sie so teilt, da geht auch die Sonne ganz unter und alles erlischt plötzlich. Und dann kommt wieder die Sehnsucht so über mich, und plötzlich kommt auch die Erinnerung wieder, und ich fürchte die Dunkelheit, Schatuschka. Und immer mehr weine ich dann um mein kleines Kind ...“

„Hast du denn eines gehabt?“ fragte Schatoff, der ihr die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, und stieß mich leicht mit dem Ellenbogen an.

„Wie denn nicht! Ein kleines, rosiges, mit so winzigen Fingerchen, und all mein Leid ist nur, daß ich nicht mehr weiß, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Zuweilen erinnere ich mich dessen, daß es ein Knabe war, und zuweilen scheint es mir wieder, daß es ein Mädchen war. Als ich es damals gebar, da wickelte ich es gleich in Batist und Spitzen und band es mit rosa Bändchen zu und bettete es auf Blumen und sprach ein Gebet über ihm und trug das Ungetaufte und trage es durch den Wald und fürchte mich im Walde, denn ich habe Angst und weine, und am meisten weine ich darüber, daß ich geboren habe und doch den Mann nicht kenne.“

„Vielleicht kanntest du ihn doch?“ fragte Schatoff vorsichtig.

„Drollig bist du doch, Schatuschka, mit deiner Vernunft. Vielleicht, vielleicht hatte ich ihn auch ... aber was liegt daran, wenn es doch ebenso ist, als wenn ich ihn nicht gehabt hätte? Da hast du nun ein unschweres Rätsel, nun rat einmal!“ sagte sie lächelnd.

„Wohin hast du denn das Kind getragen?“

„In den Teich hab ich’s getragen,“ seufzte sie.

Schatoff berührte mich wieder mit dem Ellenbogen.

„Aber was dann, wenn du das Kind überhaupt nicht gehabt hast und alles bei dir nur Phantasie ist?“

„Eine schwere Frage gibst du mir auf, Schatuschka,“ sagte sie grübelnd und ohne jegliche Verwunderung über die Frage. „Ich kann dir aber hierauf gar nichts sagen, vielleicht habe ich auch keines gehabt. Mir scheint, daß du nur aus Neugier so fragst; aber ich werde deshalb nicht aufhören, um mein Kind zu weinen, ich habe es doch nicht im Traum gesehen?“ Große Tränen erglänzten in ihren Augen. „Schatuschka, Schatuschka, ist es wahr, daß deine Frau von dir fortgelaufen ist?“ fragte sie plötzlich, legte ihm beide Hände auf die Schultern und blickte ihn mitleidig an. „Aber du ärgere dich nicht, mir ist ja dabei auch weh. Weißt du, Schatuschka, was für einen Traum ich gehabt habe – er kommt wieder zu mir und lockt mich: ‚Kätzchen,‘ sagte er, ‚mein Kätzchen, komm her zu mir!‘ Sieh, über das ‚Kätzchen‘ freute ich mich am meisten: er liebt mich, dachte ich.“

„Vielleicht kommt er auch bald in Wirklichkeit,“ murmelte Schatoff halblaut.

„Nein, Schatuschka, das ist schon ein Traum ... er kann nicht in Wirklichkeit kommen. Kennst du das Lied: