WeRead Powered by ReaderPub
Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 47: III.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Fünftes Kapitel.
Die „allwissende Schlange“

I.

Warwara Petrowna klingelte sofort nach einem Diener und warf sich dann in der Nähe des Fensters erschöpft in einen Sessel.

„Setzen Sie sich dorthin, meine Liebe,“ wies sie Marja Timofejewna an dem großen runden Tisch, der in der Mitte des Salons stand, einen Platz an. Darauf wandte sie sich zu uns: „Stepan Trophimowitsch, wer ist das? Sehen Sie sie an, wer ... was ist sie?“

„Ich ... ich ...“ stammelte Stepan Trophimowitsch.

In diesem Augenblick trat der Diener ein.

„So schnell wie möglich ein Tasse Kaffee! Und die Equipage soll warten!“

Mais chère et excellente amie ... dans quelle inquiétude![89] ...“ rief Stepan Trophimowitsch unsicher aus.

„Ach, französisch, französisch!“ Marja Timofejewna klatschte in die Hände vor Vergnügen. „Gleich merkt man, daß man in vornehmer Gesellschaft ist!“ Und sie schickte sich mit Entzücken an, dem französischen Gespräche zuzuhören.

Warwara Petrownas Augen ruhten auf ihr mit Befremden, ja, mit Entsetzen.

Wir schwiegen alle und warteten ungewiß auf irgendeine Lösung oder Erklärung. Schatoff erhob kein einziges Mal seinen gesenkten Kopf und Stepan Trophimowitsch schaute so erschrocken drein, als trüge er die Schuld an allem. Ich selbst blickte auf Lisa, die fast neben Schatoff saß. Lisa wiederum sah gespannt bald auf Warwara Petrowna, bald auf die Lahme: um ihre Lippen zuckte ein Lächeln, kein gutes Lächeln, – und Warwara Petrowna bemerkte es wohl. Währenddessen ließ Marja Timofejewna es sich gut gefallen: sie betrachtete entzückt und ohne jede Befangenheit die Möbel, die Teppiche, die Bilder an den Wänden, die alte gemalte Decke, die große Bronzestatue in der Ecke, die Porzellanlampe, die Albums und die Nippsachen auf dem Tisch.

„Ach, auch du bist hier, Schatuschka!“ rief sie plötzlich, lustig lachend, aus. „Denk nur, ich seh’ dich schon lange und sag’ mir: das kann er doch nicht sein! Wie soll der wohl hierher kommen?“

„Sie kennen diese Dame?“ fragte Warwara Petrowna sofort, sich zu Schatoff wendend.

„Ja,“ sagte Schatoff leise und brummig wie immer – rückte dabei auf seinem Stuhle einmal hin und her, blieb aber sitzen.

„Was wissen Sie denn von ihr? Etwas schneller, wenn ich bitten darf!“

„Ja, was denn ...“ er stockte und lächelte unnötigerweise. „Sie sehen doch selbst ...“

„Was sehe ich? Aber so reden Sie doch!“

„Sie wohnt in demselben Hause, in dem ich wohne ... mit ihrem Bruder ... einem Offizier.“

„Nun, und?“

Schatoff stockte wieder. „Wozu davon sprechen,“ knurrte er schließlich und verstummte endgültig – und wurde sogar rot.

„Natürlich, von Ihnen kann man ja auch nicht mehr erwarten!“ Warwara Petrowna wandte sich unwillig von ihm ab. Sie begriff, daß hier alle etwas Bestimmtes wußten und nur deshalb nicht auf ihre Fragen antworteten, weil sie es ihr verheimlichen wollten.

Der Diener trat wieder ein, mit der bestellten Tasse Kaffee auf silbernem Teebrett, und präsentierte sie auf Warwara Petrownas Wink Marja Timofejewna.

„Meine Liebe, Sie werden kalt gehabt haben! Trinken Sie etwas Heißes, das wird Sie erwärmen.“

Merci.“ Marja Timofejewna nahm die Tasse – platzte aber plötzlich laut darüber aus, daß sie dem Diener „merci“ gesagt hatte. Da sie jedoch gleichzeitig einen wütenden Blick Warwara Petrownas auffing, erschrak sie und stellte schnell die Tasse auf den Tisch.

„Tante,“ fragte sie darauf mit einem leichtsinnigen Ausdruck von Koketterie, „Tante, sind Sie mir vielleicht böse?“

„Wa–as?“ Warwara Petrowna richtete sich kerzengrade in ihrem Sessel auf. „Was für eine Tante –? Wie meinten Sie das?“

Marja Timofejewna hatte offenbar einen solchen Zorn nicht erwartet: ein Zittern erschütterte sie förmlich und sie drückte sich angstvoll an die Stuhllehne. „Ich ... ich dachte ..., daß man so – muß,“ flüsterte sie, den Blick starr auf Warwara Petrowna gerichtet. „Lisa hat Sie auch so genannt.“

„Was für eine Lisa?“

„Da, dort, dieses Fräulein!“ sagte Marja Timofejewna und wies mit dem Zeigefinger auf Lisaweta Nicolajewna.

„So ist die für Sie schon zur Lisa geworden?“

„Sie haben sie doch vorhin selbst so genannt.“ Marja Timofejewna faßte Mut. „Und im Traume habe ich genau solch eine Schönheit gesehen,“ und sie lachte gleichsam unwillkürlich.

Warwara Petrowna dachte einen Augenblick nach und wurde ersichtlich ruhiger: ja, sie lächelte sogar über Marja Timofejewnas letzte Bemerkung. Als diese aber das Lächeln bemerkte, stand sie auf und trat mit schüchternem Ausdruck hinkend auf sie zu.

„Bitte, nehmen Sie, ich vergaß ganz, das Tuch Ihnen zurückzugeben, seien Sie mir nicht böse –“ und sie nahm den Schal, den ihr Warwara Petrowna in der Kirche umgelegt hatte, von den Schultern.

„Nehmen Sie ihn sofort wieder um und behalten Sie ihn ganz. Setzen Sie sich! Trinken Sie Ihren Kaffee, und fürchten Sie sich bitte nicht vor mir, meine Liebe! Ich fange schon an, Sie zu verstehen.“

Chère amie ...“ erlaubte sich Stepan Trophimowitsch wieder anzufangen ...

„Ach, Stepan Trophimowitsch, hier verliert man auch ohne Sie schon den Verstand! Verschonen Sie mich wenigstens ... Ziehen Sie bitte an der Klingel fürs Mädchenzimmer, dort!“

Neues Schweigen entstand. Warwara Petrownas Blick glitt mißtrauisch über die Gesichter der Anwesenden. Da erschien Agascha, ihre bevorzugte Kammerzofe.

„Mein kariertes Tuch. Das ausländische. Was macht Darja Pawlowna?“

„Sie fühlen sich nicht ganz wohl.“

„Geh’, und sag’ ihr, ich lasse sie herbitten. Sage ihr, ich ließe sie sehr darum bitten. Auch wenn sie krank ist.“

In diesem Augenblick ertönte aus dem Vorzimmer Geräusch von Schritten und Stimmen und plötzlich erschien in der Tür rot und atemlos Praskowja Iwanowna, von Mawrikij Nicolajewitsch fürsorglich gestützt.

„Ach Gott, endlich da! Lisa, du Wahnsinnige! Was tust du deiner Mutter an!“ rief sie mit ihrer kreischenden Stimme, in die sie nach Art aller reizbaren Menschen ihren ganzen Ärger legte, schon von der Tür aus ins Zimmer.

„Warwara Petrowna, meine Liebe, ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen, um meine Tochter abzuholen!“

Warwara Petrowna sah sie unmutig an, erhob sich aber, um sie zu begrüßen, und sagte mit kaum verhehltem Verdruß: „Guten Tag, Praskowja Iwanowna. Setze dich, bitte. Ich wußte ja, daß du kommen würdest.“

II.

Für Praskowja Iwanowna konnte in einem solchen Empfang nichts Unerwartetes liegen. Warwara Petrowna hatte sie von Kindheit an unter dem Anschein der Freundschaft von oben herab, ja, in der Pensionszeit sogar mit Verachtung behandelt. In den letzten Tagen hatte sich ihr Verhältnis jedoch noch in einer ganz neuen und bedenklichen Weise zugespitzt. Die Gründe des drohenden Bruches waren Warwara Petrowna noch völlig unklar und daher um so beleidigender für sie. Vor allem mußte es sie kränken, daß Praskowja Iwanowna ihr gegenüber mit einem Male einen so unglaublich hochmütigen Ton anschlug. Hinzu kamen die sonderbaren Gerüchte, die ihr zu Ohren gedrungen waren, und die sie nun, eben infolge ihrer Unklarheit und Unbestimmtheit, so aufregten. Warwara Petrownas ganzes Wesen war gerade, offen und stolz, nichts haßte sie daher mehr, als versteckte Anschuldigungen. Jeglichem Ränkespiel hätte sie stets einen ehrlichen Krieg vorgezogen. Doch wie dem auch war, jedenfalls hatten sich die beiden Damen jetzt schon seit fünf Tagen nicht mehr gesehen. Warwara Petrowna war die letzte gewesen, die der anderen einen Besuch gemacht hatte – einen Besuch, von dem sie gekränkt und geärgert zurückgekehrt war. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß Praskowja Iwanowna mit der naiven Überzeugung eintrat, Warwara Petrowna müsse und werde aus irgendeinem Grunde vor ihr Angst bekommen. Andererseits richtete sich in Warwara Petrowna sofort ihr ganzer Stolz auf, als sie an dem Gesichte Praskowja Iwanownas wahrnahm, daß diese sie als irgendwie unterlegen behandeln wollte. Praskowja Iwanowna wiederum war, wie so viele unbedeutende Menschen, die sich sonst im allgemeinen ruhig tyrannisieren lassen, eines jähen und frechen Angriffes fähig, mit dem sie dann plump bei irgendeiner Gelegenheit herausplatzte. Zudem war sie noch krank und daher doppelt reizbar.

Daß noch andere zugegen waren, konnte in diesem Falle den Ausbruch eines Streites zwischen den beiden Jugendfreundinnen nicht verhindern: denn Stepan Trophimowitsch, Schatoff und ich galten einfach als Hausfreunde, auf deren Gegenwart man weiter nicht Rücksicht zu nehmen brauchte. Stepan Trophimowitsch hatte übrigens seit dem Eintritt seiner chère amie noch immer gestanden: jetzt, als auch noch Praskowja Iwanowna auf der Türschwelle kreischend erschien, sank er ganz erschöpft in einen Sessel und warf mir nur noch einen verzweifelten Blick zu. Schatoff dagegen drehte sich brüsk und brummend auf seinem Stuhle um: und es schien beinahe, als wolle er aufstehen und fortgehen. Lisa hatte sich zuerst halb erhoben, aber sich gleich wieder gesetzt; sie schenkte der Gegenwart ihrer Mutter überhaupt keine Beachtung, doch tat sie das nicht aus „Widerspenstigkeit“ oder „Trotz“, sondern weil sie augenscheinlich ganz unter der Macht ihrer eigenen Gedanken stand – sie starrte zerstreut in die Luft und hatte sogar für Marja Timofejewna nicht mehr die frühere Aufmerksamkeit übrig.

III.

„Ach, hierher!“ Praskowja Iwanowna zeigte auf den Lehnstuhl am Tisch, und ließ sich mit Mawrikij Nicolajewitschs Hilfe schwer auf ihn nieder. „Würde mich sonst nicht bei Ihnen hinsetzen, meine Liebe, wenn es nicht die Füße wären –“

Warwara Petrowna erhob ein wenig den Kopf, und legte die Hand an die rechte Schläfe, in der sie augenscheinlich einen stechenden Schmerz empfand – „le tic douloureux“,[90] wie ihn Stepan Trophimowitsch nannte.

„Warum denn nicht, Praskowja Iwanowna? Warum solltest du dich bei mir nicht setzen? Dein Mann war mir sein Lebelang freundschaftlich zugetan. Und mit dir habe ich noch als Kind in der Pension Puppen gespielt.“

Praskowja Iwanowna winkte nur mit der Hand ab: „Ich konnte es mir ja schon denken, daß Sie wieder von der Pension anfangen würden! Das tun Sie ja stets, wenn Sie Vorwürfe machen wollen.“

„Es scheint, daß du schon in schlechter Laune hergekommen bist. Wie geht es mit deinen Füßen? Da wird dir Kaffee gebracht! Nimm bitte ein Täßchen, trink und ärgere dich nicht.“

„Meine Liebe, Sie gehen ja mit mir um, als ob ich ein kleines Mädchen wäre! Ich will keinen Kaffee, danke!“ und sie winkte eigensinnig dem Diener ab, der mit dem Tablett zu ihr getreten war. Für Kaffee dankten übrigens auch die anderen, außer Mawrikij Nicolajewitsch und mir. Stepan Trophimowitsch nahm zwar ein Täßchen, stellte es aber gleich wieder auf den Tisch. Marja Timofejewna hätte ersichtlich allzu gern auch eines, ihr zweites, genommen. Sie streckte schon die Hand aus, bedachte sich aber noch im letzten Augenblick und dankte – worauf sie sich, offenbar sehr zufrieden mit sich selbst, wieder zurücklehnte.

Warwara Petrowna lächelte verzogen.

„Weißt du, meine Liebe, du hast dir wohl wieder einmal etwas eingebildet. Wäre nichts Neues! Du hast ja von jeher nur von Einbildungen gelebt. Wenn ich von der Pension anfange, so ärgerst du dich. Aber weißt du noch, wie du ankamst? Wie du der ganzen Klasse erzähltest, der Husarenleutnant Schablykin hätte um dich angehalten, und wie Madame Lefebure dich sofort der Lüge zieh? Dabei hattest du ja gar nicht gelogen. Du hattest dir die ganze Geschichte eben einfach eingebildet. Und so war’s immer und so wird’s wohl auch jetzt wieder sein. Also erzähle nur, womit du diesmal hergekommen bist, was du dir jetzt wieder einbildest?“

„Dabei hat sie sich in der Pension in den Popen verliebt – hahaha!“ rief Praskowja Iwanowna mit gehässigem Lachen, das bald in Husten überging.

„Ah! das hast du also nicht vergessen?“ Warwara Petrowna sah sie durchdringend an und ihr Gesicht wurde farblos vor Ärger.

Praskowja Iwanowna wurde plötzlich ernst. Dann aber fuhr es aus ihr heraus: „Warum ... warum haben Sie meine Tochter in Gegenwart der ganzen Stadt in Ihren Skandal verwickelt?“

„In meinen Skandal?“ Warwara Petrowna richtete sich drohend auf.

„Mama, ich möchte Sie doch sehr bitten, sich etwas zu mäßigen,“ sagte Lisaweta Nicolajewna plötzlich zu ihr.

„Wie! Was ... was sagtest du da?“ Aber gleich darauf schwieg sie vor dem aufblitzenden Blick ihrer Tochter.

„Was reden Sie von einem Skandal, Mama? Ich bin freiwillig hierhergekommen, mit Julija Michailownas Erlaubnis, weil ich die Geschichte dieser Unglücklichen da erfahren wollte, um ihr helfen zu können.“

„Geschichte dieser Unglücklichen?“ wiederholte Praskowja Iwanowna langsam, mit bösem Lachen. „Was mischst du dich in solche Geschichten? Ach, meine Liebe, wir haben jetzt genug von Ihrer Herrschsucht!“ fuhr sie darauf wieder Warwara Petrowna an. „Bisher haben Sie die ganze Stadt kritisiert, jetzt aber kommt die Reihe auch einmal an uns!“

Warwara Petrowna saß in einer Haltung da, als wolle sie sich sofort auf Praskowja Iwanowna stürzen; dabei war aber ihr Blick kalt und unbeweglich auf die Gegnerin geheftet.

„Sei froh, meine Liebe,“ sagte sie mit eisiger Ruhe, „daß wir hier unter uns sind. Du hast viel Überflüssiges gesagt.“

„Ich, meine Liebe, ich fürchte die öffentliche Meinung nicht so sehr, wie gewisse andere Leute. Die Furcht haben Sie vielmehr! Und daß wir hier ‚unter uns‘ sind – nun, um so besser für Sie, wenn wir hier nicht unter Fremden sind!“

„Du bist wohl etwas klüger geworden? In der letzten Woche?“

„O nein, ich bin nicht klüger geworden in der letzten Woche, aber die Wahrheit ist ans Licht gekommen in der letzten Woche.“

„Was für eine Wahrheit ist ans Licht gekommen? In der letzten Woche? Was soll das heißen? Was willst du damit sagen?“

„Da, da ... da sitzt sie ja, die ganze Wahrheit!“ Und Praskowja Iwanowna wies plötzlich auf Marja Timofejewna mit jener verzweifelten Entschlossenheit, die nicht mehr an die Folgen denkt, sondern nur im Augenblick treffen will.

Marja Timofejewna, die inzwischen mit einer fröhlichen Neugierde die alte Dame betrachtet hatte, lachte lustig auf, als sie jetzt deren Finger auf sich gerichtet sah, und bewegte sich vergnügt auf ihrem Sessel.

„Herr Jesus Christus, sind denn heute alle von Sinnen!“ murmelte Warwara Petrowna und lehnte sich zurück.

Und plötzlich wurde sie so blaß, daß wir alle erschrocken auf sie zutraten. Stepan Trophimowitsch war als erster bei ihr. Ich folgte ihm. Auch Lisa stand auf. Am erschrockensten war aber Praskowja Iwanowna selbst: sie stieß einen kurzen Schrei aus, erhob sich, so weit sie es konnte, und rief bittend mit weinerlicher Stimme:

„Meine Liebe, verzeihen Sie, das war ja nur so gesagt! – Aber so geben Sie ihr doch wenigstens Wasser!“

„Bitte, rege dich nicht auf. Und Sie, meine Herren, bitte, setzen Sie sich wieder.“ Warwara Petrowna suchte sich zu fassen.

„Meine Liebe,“ begann Praskowja Iwanowna von neuem, nachdem sie sich ein bißchen beruhigt hatte, „es war ja töricht, es war ja häßlich von mir ... Aber man hat mich mit all diesen anonymen Briefen, die mir weiß der Himmel was für Leute zuschicken, dermaßen gereizt ... wenn sie sie doch wenigstens Ihnen zuschicken würden, da sie doch von Ihnen handeln ... aber ich, meine Liebe, ich habe eine Tochter!“

Warwara Petrowna, die inzwischen wieder vollständig Herrin ihrer selbst geworden war, hatte ihr erstaunt zugehört und sah sie noch stumm mit großen Augen an, als sich eine Seitentür öffnete und Darja Pawlowna eintrat. Sie blieb stehen und sah sich um – wahrscheinlich ohne zunächst Marja Timofejewna zu erblicken, von deren Anwesenheit man ihr nichts gesagt hatte. Unsere Aufregung schien sie zu erschrecken. Stepan Trophimowitsch hatte sie zuerst bemerkt, er machte eine schnelle Bewegung, errötete und sagte plötzlich laut: „Darja Pawlowna!“ – so daß aller Augen sich der Eintretenden zuwandten.

„Das also ist eure Darja Pawlowna!“ rief Marja Timofejewna. „Ach, Schatuschka, deine Schwester gleicht dir aber gar nicht! Wie kann nur meiner solch ein schönes Wesen die Leibeigene Daschka nennen!“

Darja Pawlowna war schon an Marja Timofejewna vorübergegangen und auf Warwara Petrowna zugeschritten, als der Ausruf sie traf. Sie kehrte sich jäh um und blieb wie versteinert stehen, mit langem, entsetztem Blick auf die Lahme starrend.

„Setze dich, Dascha,“ sagte Warwara Petrowna mit unheimlicher Ruhe. „Auch sitzend wirst du sie sehen können. Kennst du sie?“

„Ich habe sie nie gesehen,“ antwortete Dascha leise, nach kurzem Schweigen. Und dann fügte sie schneller hinzu: „Ich glaube, es ist die kranke Schwester eines Herrn Lebädkin.“

„Und auch ich sehe Sie zum ersten Male, aber ich wollte Sie schon lange kennen lernen, denn in jeder Ihrer Bewegungen sehe ich die gute Erziehung!“ rief Marja Timofejewna entzückt. „Und was da mein Diener schimpft, – oh, wie wäre es wohl möglich, daß Sie Geld entwendet hätten!? Sie, die Sie so wohlerzogen und lieb sind? Denn Sie sind lieb und lieb und lieb! Das sage ich Ihnen von mir aus!“ schloß sie ganz begeistert und mit einer heftigen Handbewegung.

„Verstehst du etwas davon?“ fragte Warwara Petrowna Darja Pawlowna mit stolzer Würde.

„Ich verstehe ...“

„Das von dem Gelde hast du auch gehört?“

„Damit meint sie gewiß jenes Geld, das ich, auf Nicolai Wszewolodowitschs Bitte in der Schweiz einem gewissen Herrn Lebädkin, ihrem Bruder jedenfalls, zu übergeben übernahm.“

Ein Schweigen entstand.

„Hat Nicolai Wszewolodowitsch dich selbst darum gebeten?“

„Ja, ihm lag sehr viel daran, dieses Geld zu übersenden – es waren dreihundert Rubel. Da er aber Herrn Lebädkins Adresse nicht kannte und nur wußte, daß er hierher ziehen werde, so bat er mich, ich möge ihm das Geld bei seiner Ankunft zustellen.“

„Und was für ein Geld ist da ... abhanden gekommen? Sie sagte soeben –“

„Das weiß ich nicht. Ich habe auch schon gehört, daß Herr Lebädkin von mir gesagt haben soll, ich hätte ihm nicht das ganze Geld übersandt, aber das verstehe ich nicht. Es waren genau dreihundert Rubel und genau dreihundert Rubel habe ich eingezahlt.“

Darja Pawlowna hatte sich wieder beruhigt. Es war überhaupt schwer, dieses Mädchen irgendwie aus der Fassung zu bringen – mochte sie innerlich noch so stark bewegt sein. Jetzt antwortete sie auf jede Frage leise, aber ruhig und bestimmt und ohne die geringste Verwirrung, die doch das Bewußtsein von einer, wenn auch noch so kleinen Schuld immer hervorruft.

Warwara Petrowna ließ während der ganzen Zeit, in der Darja Pawlowna sprach, auch nicht ein einziges Mal den Blick von ihr.

„Wenn Nicolai Wszewolodowitsch sich in dieser Angelegenheit nicht einmal an mich, seine Mutter, gewandt hat,“ sagte sie ernst und offenbar sich an alle Anwesenden wendend, obwohl sie dabei Darja Pawlowna allein ansah – „wenn er vielmehr dich um diese Gefälligkeit gebeten hat, so wird er auch bestimmt seine Gründe dazu gehabt haben. Ich halte mich also gar nicht für berechtigt, weiter nach ihnen zu forschen. Und schon, daß du dabei beteiligt bist, das beruhigt mich vollkommen. Das sollst du vor allem einmal wissen, Dascha. Aber sieh, meine Liebe, du hast vielleicht doch eine Unvorsichtigkeit begangen. Mit reinem Gewissen. Einfach aus Lebensunkenntnis. Ich meine: allein schon, daß du mit diesem Menschen in Berührung gekommen bist. Und was er jetzt über dich herumerzählt, bestätigt es ja. Doch ich bin nicht umsonst deine Beschützerin. Ich werde dich schon zu verteidigen wissen. – Aber jetzt muß man alledem ein Ende machen ...“

„Am besten ist,“ fiel Marja Timofejewna ihr ins Wort, „Sie schicken ihn, wenn er selbst zu Ihnen kommt, einfach in die Dienerstube, dort kann er dann Karten spielen und wir können hier sitzen und Kaffee trinken. Ein Täßchen kann man ja auch ihm schicken, aber sonst verachte ich ihn tief!“ und sie nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf.

„Dem muß man ein Ende machen,“ wiederholte Warwara Petrowna, nachdem sie ihr aufmerksam zugehört hatte. „Stepan Trophimowitsch, bitte klingeln Sie.“

Stepan Trophimowitsch klingelte, trat aber plötzlich erregt vor.

„Wenn ... wenn ich ... wenn ich auch die widerlichste Novelle, oder besser – schändlichste Verleumdung gehört habe ... mit dem allergrößten Unwillen ... enfin, c’est un homme perdu et quelque chose comme un forçat évadé.“[91]

Er brach ab. Warwara Petrowna maß ihn mit zugekniffenen Augen vom Kopf bis zu den Füßen. Doch schon gleich darauf trat ihr würdevoller Diener, Alexei Jegorowitsch, ein.

„Die Equipage!“ befahl Warwara Petrowna. „Du wirst Fräulein Lebädkina nach Hause begleiten.“

„Herr Lebädkin wartet unten bereits seit einiger Zeit auf sie und hat sehr gebeten, ihn anzumelden.“

„Das ist unmöglich, Warwara Petrowna,“ sagte, plötzlich vortretend, Mawrikij Nicolajewitsch, der bis dahin unerschütterlich geschwiegen hatte. „Sie erlauben, aber das ist kein Mensch, den man in der Gesellschaft empfangen kann. Das ... das ist ... mit einem Wort, das ist unmöglich, Warwara Petrowna.“

„Warten, er soll warten!“ wandte sich diese an den Diener, der sofort verschwand.

C’est un homme malhonnête et je crois même que c’est un forçat évadé ou quelque chose dans ce genre,“[92] sagte wieder Stepan Trophimowitsch erregt.

„Lisa, es ist Zeit, daß wir fahren!“ rief jetzt auch Praskowja Iwanowna und erhob sich von ihrem Lehnstuhl. Sie schien bereits zu bereuen, daß sie vorhin im ersten Schreck alles zurückgenommen hatte. Schon als Darja Pawlowna sprach, hatte sie wieder mit hochmütiger Miene zugehört. Doch am meisten wunderte ich mich über Lisaweta Nicolajewna, die, als Darja Pawlowna eintrat, das junge Mädchen schon mit gar zu offenem Haß und unverhohlener Verachtung angesehen hatte.

„Bitte, gedulde dich noch einen Augenblick!“ hielt Warwara Petrowna sie auf. „Sei so gut und setze dich wieder. Ich habe die Absicht, alles zu sagen, und du hast kranke Füße. So, danke. Ich habe dir vorhin, als mir die Geduld riß, ein paar unangenehme Worte gesagt. Sei so freundlich und verzeih sie mir. Es war überflüssig und töricht von mir. Ich sehe das selbst ein. Und da ich immer Gerechtigkeit liebe, so sage ich’s. Natürlich hast auch du allerlei Überflüssiges gesagt, wie zum Beispiel das von den anonymen Briefen. Anonyme Briefe sind schon deshalb verächtlich, weil der Schreiber ein Feigling ist. Faßt du es anders auf, so beneide ich dich nicht. Jedenfalls würde ich mit so etwas in der Tasche nicht zu meiner Freundin gehen und mich damit breit machen. Übrigens, da du nun einmal davon angefangen hast, so laß dir sagen, daß auch ich einen Brief bekommen habe. Vor sechs Tagen. Gleichfalls ohne Unterschrift. Darin teilt mir der Absender mit, daß mein Sohn den Verstand verloren habe. Ferner, daß ich mich vor einem hinkenden Frauenzimmer hüten soll, ‚das in Ihrem Leben eine große Rolle spielen wird‘, hieß es wörtlich. Ich dachte nach, und da ich wußte, daß Nicolai Wszewolodowitsch unzählige Feinde hat, schickte ich sofort nach einem Menschen, dem rachsüchtigsten und verächtlichsten von allen seinen Feinden. Im Gespräch mit ihm erriet ich denn auch sofort, woher der Brief stammte. Wenn man auch dich, Praskowja Iwanowna, mit solchen Briefen behelligt hat, meinetwegen behelligt hat, so bin ich die erste, der es leid tut. Verzeih, daß ich die unschuldige Ursache gewesen bin. – Übrigens habe ich mich entschlossen, diesen verdächtigen Menschen da unten sofort hereinzulassen. Mawrikij Nicolajewitsch hat wohl kein ganz richtiges Wort gebraucht, als er sagte, daß man ihn nicht empfangen könne. Besonders Lisa wird hier nichts zu tun haben. Komm her, Lisa, mein Liebling. Laß mich dich noch einmal küssen.“

Lisa stand auf und ging stumm zu Warwara Petrowna. Diese küßte sie, faßte ihre Hände, beugte sich etwas zurück, um sie besser sehen zu können, und blickte sie liebevoll an. Darauf bekreuzte sie sie und küßte sie nochmals. „Nun, leb wohl, Lisa,“ (in ihrer Stimme zitterten fast Tränen). „Glaub mir, daß ich nie aufhören werde, dich zu lieben. Was dir das Schicksal auch bringen mag! Gott sei mit dir, mein Kind, ich habe immer Seinen Willen gesegnet ...“ Wie es schien, wollte sie noch etwas hinzufügen, aber sie nahm sich zusammen und schwieg.

Lisa ging wie in tiefen Gedanken zu ihrem Platz zurück, doch plötzlich blieb sie vor ihrer Mutter stehen.

„Mama, ich werde jetzt noch nicht nach Hause fahren, ich möchte noch bei Tante bleiben,“ sagte sie mit leiser Stimme, doch in diesen leisen Worten lag trotzdem eine unerschütterliche Entschlossenheit.

„Großer Gott, was hast du nur wieder?“ Und ganz erschöpft ließ ihre Mutter die schon erhobenen Hände sinken.

Doch Lisa antwortete ihr nicht; sie setzte sich still wieder auf ihren Platz in der Ecke, um von neuem ins Leere zu starren.

In Warwara Petrownas Augen leuchtete etwas Sieghaftes und Stolzes auf.

„Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe eine große Bitte an Sie. Würden Sie so gütig sein und nach unten gehn, um dort nach jenem Menschen zu sehen, und, wenn es irgend geht, ihn hereinzulassen?“

Mawrikij Nicolajewitsch verbeugte sich und verließ das Zimmer. Eine Minute später trat er mit Lebädkin wieder ein.

IV.

Ich habe schon einmal von der äußeren Erscheinung dieses Herrn gesprochen: ein großer, krausköpfiger, stämmiger Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit einem roten, ein wenig gedunsenen Gesicht, fleischigen Wangen, die bei jeder Kopfbewegung erzitterten, kleinen, vom Blutandrang geröteten Augen, die zuweilen einen recht schlauen Ausdruck annehmen konnten, mit einem Schnurrbart und Backenbart und der Anlage zu einem fleischigen Doppelkinn, das schon ziemlich unangenehm aussah. Doch am meisten überraschte an ihm, daß er jetzt in einem Frack und in sauberer Wäsche erschien. „Es gibt Menschen, zu denen saubere Wäsche nicht paßt, ja, für die sie sich einfach nicht schickt,“ hatte Liputin einmal auf Stepan Trophimowitschs scherzhaft gemachten Vorwurf, daß er, Liputin, in seiner Kleidung nachlässig sei, nicht unrichtig erwidert. Der „Hauptmann“ aber hatte plötzlich auch neue schwarze Handschuhe, von denen er den rechten in der Hand hielt, während der linke – den er wohl nur mit großer Mühe so weit bekommen hatte – seine fleischige linke Tatze nur bis zur Hälfte bedeckte, geschweige denn sich zuknöpfen ließ. Und in dieser linken Hand hielt er einen nagelneuen, offenbar gleichfalls zum erstenmal benutzten runden Hut. So hatte es denn doch seine Richtigkeit mit dem „Frack der Liebe“, von dem er gestern Abend Schatoff berichtet hatte. Alle diese Kleidungsstücke waren schon früher auf Liputins Rat gekauft worden (wie ich später erfuhr), und jedenfalls zu einem bestimmten geheimnisvollen Zweck. Zweifellos war er auch jetzt nicht aus eigenem Antriebe hierhergekommen: selbst wenn er die Szene an der Kirchentür sofort erfahren hätte, würde er doch niemals in einer dreiviertel Stunde allein einen solchen Entschluß haben fassen und gar ausführen können. Betrunken war er dabei nicht, befand sich aber in jenem stumpfen, nebligen Zustande eines Menschen, der plötzlich nach langer Betrunkenheit wieder zu sich gekommen ist. Doch ich glaube, man hätte ihn nur zu schütteln brauchen und er wäre sofort wieder betrunken gewesen.

Allem Anscheine nach wollte er mit Temperament ins Zimmer treten, doch stolperte er zum Unglück sofort über eine Teppichecke an der Tür, worüber dann Marja Timofejewna vor Lachen fast verging. Er warf der Schwester einen wütenden Blick zu und näherte sich mit ein paar Schritten Warwara Petrowna.

„Gnädige Frau, ich bin gekommen ...“ begann er dröhnend laut, wie durch eine Trompete.

„Seien Sie so freundlich, mein Herr, sich dort – auf jenen Stuhl dort zu setzen,“ sagte Warwara Petrowna, die steif aufgerichtet dasaß. „Ich werde Sie auch von dort aus hören und so kann ich Sie besser sehen.“

Der „Hauptmann“ blieb stehen, sah blöde vor sich hin, kehrte dann aber doch zurück und setzte sich auf den bezeichneten Stuhl an der Tür. Der gänzliche Mangel an Zutrauen zu sich selbst und zu gleicher Zeit unendliche Gereiztheit drückten sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte furchtbare Angst, das sah man, aber auch seine Eigenliebe schien stark zu leiden, und so konnte man nicht sicher sein, ob er sich nicht im gegebenen Moment plötzlich, trotz der Feigheit, zu irgend etwas, zur größten Gemeinheit vielleicht, aufraffen würde. Augenscheinlich scheute er jede Bewegung seines vierschrötigen Körpers. Bekanntlich ist der größte Schmerz solcher Wesen, wenn sie irgend einmal in Gesellschaft erscheinen, der Gedanke an ihre Hände: das ununterbrochen wache Bewußtsein, sie nirgendwohin auf anständige Weise verschwinden lassen zu können. Der „Hauptmann“ nun saß wie betäubt da, hielt krampfhaft Hut und Handschuh fest und konnte seinen zunächst völlig blöden Blick nicht von Warwara Petrownas strengem Gesicht losreißen. Er hätte sich gewiß gern umgesehen, aber er wagte es einfach nicht. Marja Timofejewna, die wohl wieder etwas an ihm äußerst komisch fand, lachte laut auf, aber auch jetzt rührte er sich noch nicht. So hielt ihn Warwara Petrowna unbarmherzig in diesem Schweigen und betrachtete ihn wohl eine geschlagene Minute lang schonungslos vom Scheitel bis zur Sohle.

„Zuerst gestatten Sie, von Ihnen selbst Ihren Namen zu erfahren,“ sagte sie endlich gemessen und vollkommen ruhig.

„Hauptmann Lebädkin,“ dröhnte sofort die Antwort. „Ich bin gekommen, gnädige Frau ...“ Und schon war er wieder im Begriff, sich zu erheben.

„Erlauben Sie!“ hielt ihn Warwara Petrowna auf. „Dieses bemitleidenswerte Geschöpf, das ich in der Kirche angetroffen habe und das mein Interesse erregt, ist Ihre Schwester?“

„Jawohl, gnädige Frau, meine Schwester, die meiner Aufsicht entschlüpft ist, denn da sie sich in solchen Umständen befindet ...“ er verstummte plötzlich und wurde feuerrot.

„Das heißt, mißverstehen Sie das nicht, gnädige Frau,“ verwickelte er sich noch mehr, „der leibliche Bruder würde so was nicht sagen ... In solchen Umständen, das heißt nicht etwa in solchen Umständen, im Sinne von – in einem Sinne, der die Ehre befleckt ... ich meine, den Ruf ...“

Er brach ab.

„Mein Herr!“ Warwara Petrowna hob den Kopf.

„Das heißt in solchem Zustande!“ schloß er plötzlich und unvermutet, mit dem steifen Finger sich vor die Stirn tippend.

Alle schwiegen eine Zeitlang.

„Leidet sie schon lange daran?“ fragte Warwara Petrowna endlich.

„Gnädige Frau, ich bin gekommen, um für die an der Kirchentür erwiesene Großmut zu danken, so recht auf russische, auf brüderliche Art ...“

„Auf brüderliche –?“

„Das heißt, gnädige Frau, nicht auf brüderliche ... oder nur in dem Sinne auf brüderliche Art, daß ich der Bruder meiner Schwester bin, gnädige Frau, und, glauben Sie mir, gnädige Frau,“ begann er wieder schneller zu sprechen, mit hochrotem Kopf, „daß ich gar nicht so ungebildet bin, wie ich auf den ersten Blick in Ihrem Salon erscheinen mag. Wir, meine Schwester und ich, sind überhaupt nichts, im Vergleich mit der Pracht, die wir hier sehen. Dazu haben wir noch Verleumder. Aber auf seinen Ruf hält Lebädkin viel und ist stolz darauf, gnädige Frau, und ... und ich ... ich bin gekommen, um mich zu bedanken ... gnädige Frau, hier ist das Geld!“

Und er riß sein Portefeuille aus der Brusttasche und begann, zitternd vor Ungeduld, mit bebenden Fingern die Papierscheine hervorzuzerren. Man fühlte, daß er so schnell wie möglich irgend etwas aufklären wollte. Andererseits fühlte er wieder, daß diese Geschichte mit dem Gelde ihn noch dümmer erscheinen ließ, und so verlor er denn die letzte Kaltblütigkeit. Die Finger zitterten, die Scheine wollten sich nicht zählen lassen, und zur Erhöhung der peinlichen Situation fiel noch ein grüner Papierschein, im Zickzack niedertaumelnd, auf den Teppich.

„Zwanzig Rubel, gnädige Frau.“ Mit den Scheinen in der Hand wollte er auf Warwara Petrowna zutreten. Als er den gefallenen Schein bemerkte, bückte er sich schon, um ihn aufzuheben, bedachte sich aber, schämte sich entsetzlich und winkte schließlich mit der Hand ab.

„Für Ihre Leute, gnädige Frau, für den Diener, wenn er hier aufräumt – mag er an Lebädkin denken!“

„Aber das kann ich unmöglich zulassen!“ sagte Warwara Petrowna schnell.

„In dem Falle ...“ er bückte sich, hob den Schein auf, wurde dabei purpurrot im Gesicht und trat schnell ein paar Schritte vor – die zwanzig Rubel in der Hand Warwara Petrowna hinhaltend.

„Was wollen Sie?!“ Warwara Petrowna erschrak nun doch so, daß sie im Schreck sogar den Sessel zurückschob.

Mawrikij Nicolajewitsch, Stepan Trophimowitsch und ich traten unwillkürlich vor ...

„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich bin nicht verrückt, bei Gott, ich bin nicht verrückt!“ beteuerte der Hauptmann nach allen Seiten hin.

„Nein, mein Herr, Sie scheinen doch nicht bei vollem Verstande zu sein!“

„Gnädige Frau, das ist ja alles nicht das, was Sie denken! Ich bin selbstverständlich nur ein Nichtswürdiger ... Oh, gnädige Frau, reich sind Ihre Prunkgemächer, aber arm sind sie bei Maria der Unbekannten, meiner Schwester, der geborenen Lebädkin, die wir vorläufig ‚Maria die Unbekannte‘ nennen wollen. Aber nur vorläufig, gnädige Frau, nur zeitweilig, sintemal Gott selber es nicht zulassen wird, daß wir es ewig tun müssen! Gnädige Frau, Sie haben ihr zehn Rubel gegeben, und sie hat das Geld angenommen, aber nur, weil Sie es waren, gnädige Frau! Hören Sie es wohl, von niemandem in der ganzen Welt würde sie etwas annehmen, diese ‚unbekannte Maria‘, denn sonst müßte sich der Stabsoffizier, ihr Großvater, der im Kaukasus unter den Augen Ermoloffs fiel, noch im Grabe umdrehen! Aber von Ihnen wird sie alles annehmen, gnädige Frau, aber wenn sie mit der einen Hand zehn Rubel nimmt, so wird sie mit der anderen zwanzig zurückgeben, als Gabe an einen der Wohltätigkeitsvereine, deren Mitglied Sie sind, gnädige Frau. Sie haben doch in den ‚Moskauer Nachrichten‘ angezeigt, daß sich jeder hier in dem Buche Ihres Wohltätigkeitsvereins einschreiben kann ...“

Der „Hauptmann“ stockte wieder und atmete schwer, wie nach einer übergroßen Kraftanstrengung; auf seiner Stirn perlten buchstäblich dicke Schweißtropfen. Die Rede über den Wohltätigkeitsverein schien er schon vorbereitet zu haben und wahrscheinlich gleichfalls unter Liputins Leitung. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an.

„Dieses Buch,“ sagte sie streng, „liegt unten bei meinem Portier. Dort können Sie sich zu jeder Zeit einschreiben, wenn Sie wollen. Jetzt aber bitte ich Sie, Ihr Geld wieder einzustecken und nicht so in der Luft damit herumzufuchteln ... So! Auch bitte ich Sie, sich wieder auf Ihren alten Platz zu setzen ... So! Es tut mir leid, mein Herr, daß ich mich im Falle Ihrer Schwester so versehen und ihr ein Almosen gegeben habe, während sie reich ist. Nur eines verstehe ich nicht – warum sie nur von mir allein und sonst von niemandem etwas annehmen würde. Sie haben das so betont, daß ich darüber gern eine nähere Erklärung hören würde.“

„Gnädige Frau, das ist ein Geheimnis, das erst im Grabe begraben sein wird!“ antwortete der „Hauptmann“.

„Was ... wollen Sie damit sagen?“ fragte Warwara Petrowna mit nicht mehr ganz so fester Stimme wie bisher.

„Gnädige Frau ... gnädige Frau ...!“ er verstummte, blickte finster zu Boden und drückte die rechte Hand aufs Herz. Warwara Petrowna wartete, doch ohne ihn aus den Augen zu lassen.

„Gnädige Frau!“ rief er plötzlich aus, „gestatten Sie mir, eine Frage an Sie zu stellen, nur eine einzige, ganz offen, gerade heraus, auf russische Art, also unmittelbar aus der Seele?“

„Bitte.“

„Haben Sie je gelitten im Leben, gnädige Frau?“

„Sie wollen damit wohl sagen, daß Sie durch irgend jemanden gelitten haben oder noch leiden?“

„Gnädige Frau, ach, gnädige Frau!“ rief er erregt, sprang wieder auf und schlug sich an die Brust. „Hier in diesem Herzen hat sich so viel aufgehäuft, so viel, sage ich Ihnen, daß Gott selbst sich wundern wird, wenn er es beim jüngsten Gericht erfährt!“

„Hm, stark gesagt!“

„Gnädige Frau, ich ... vielleicht spreche ich – mit zu großer Dreistigkeit ...“

„Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde schon wissen, wann es nötig sein wird, Sie zu unterbrechen.“

„Kann ich noch eine Frage an Sie stellen, gnädige Frau?“

„Fragen Sie.“

„Kann man vor lauter Seelengröße sterben?“

„Das weiß ich nicht. Ich habe mir nie diese Frage gestellt.“

„Sie wissen es nicht! Sie haben sich nie diese Frage gestellt!“ rief er mit pathetischer Ironie. „Wenn’s so ist, wenn’s so ist, dann freilich –

‚Schweig stille, mein Herze!‘“

und er schlug sich von neuem verzweifelt an die Brust.

Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen seiner Art pflegt die vollständige Unfähigkeit zu sein, sich irgendwie selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem ununterdrückbaren Bedürfnis, alles, was ihnen gerade einfällt, sofort auch zu äußern. Gerät dann einmal ein derartiger Mensch in eine Gesellschaft, in die er nicht hineingehört, so wird er sich zunächst vielleicht ganz schüchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem man ihn gewähren läßt, aus sich herausgeben und am Ende zu Unverschämtheiten, wenn nicht gar Tätlichkeiten übergehen.

Der „Hauptmann“ war schon in eine bedrohliche Erregung geraten: fuchtelnd ging er auf und ab, überhörte die Fragen, die man an ihn stellte, und sprach so schnell, daß die Zunge bei den Zischlauten sich gleichsam überschlug und er häufig von einem Satz zusammenhanglos auf den andern übersprang. Ganz nüchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, daß gerade ihre Anwesenheit ihn maßlos aufregte.

So mußte es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren Widerwillen unterdrückte und diesen Menschen immer noch anhörte. Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewöhnlich viel mehr zu „begreifen“ glaubte, als da überhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch hielt sich so, als fühle er sich für unsere allgemeine Sicherheit verantwortlich, während Lisa blaß und mit großen Augen unablässig den wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff saß wie immer mit gesenktem Kopf.

Aber am befremdlichsten war, daß Marja Timofejewna nicht nur zu lachen aufgehört hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf den Tisch gestützt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu sein.

„Das sind ja lauter unsinnige Allegorien,“ sagte plötzlich Warwara Petrowna geärgert. „Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage geantwortet: warum? Ich will es wissen!“

„Ich habe nicht gesagt, ‚warum‘? Sie wollen eine Antwort auf dieses ‚Warum‘?“ wiederholte Lebädkin und zwinkerte. „Ja, gnädige Frau, dieses kleine Wörtchen ‚warum‘ ist über das ganze Weltall ergossen, schon seit dem ersten Tage der Schöpfung, und die ganze Schöpfung selber schreit täglich ihrem Schöpfer zu: ‚warum‘? Und nun sind es schon siebentausend Jahre, daß sie keine Antwort darauf erhält! Muß nun wirklich einzig und allein der Hauptmann Lebädkin eine Antwort darauf geben? Ist diese Forderung auch gerecht, gnädige Frau?“

„Aber das ist ja Unsinn, nichts als Unsinn!“ Warwara Petrowna ärgerte sich und verlor endlich die Geduld. „Sie kommen wieder mit Allegorien, und reden in einem Tone, mein Herr, den ich mir verbitten möchte.“

„Gnädige Frau!“ – der „Hauptmann“ hörte sie wieder gar nicht an – „vielleicht würde ich gerne Ernest heißen wollen, und während dessen bin ich gezwungen, den einfachen Namen Ignatius zu tragen – warum das? hä?! Ich möchte vielleicht gerne Prince de Montbar heißen und doch muß ich mich nur Lebädkin nennen – hä! Warum das? Ich bin ein Poet, gnädige Frau, in meiner Seele ein Poet, und ich könnte von einem Verleger mit Kußhand tausend Rubel bekommen, und doch bin ich gezwungen, in einem elenden Loche zu wohnen – warum das? hä! Warum das? Gnädige Frau, und meiner Meinung nach ist Rußland überhaupt nur eine Farce der Natur und nichts weiter!“

„Etwas Bestimmteres können Sie wohl auf meine Frage nicht sagen?“

„Ich kann Ihnen ein Gedicht von einer Schabe vortragen, gnädige Frau!“

„Wa–a–as?“

„Nein, übergeschnappt bin ich noch nicht, gnädige Frau! Aber das werde ich später einmal sein, bloß vorläufig bin ich’s noch nicht! Gnädige Frau, einer meiner Freunde hat eine Kryloffsche Fabel gedichtet. Das ist die Fabel von der Schabe, und wenn ich sie hersagen soll –?“

„Sie wollen eine Kryloffsche Fabel deklamieren?“

„Nein, keine Kryloffsche Fabel, gnädige Frau, sondern eine von mir verfaßte Lebädkinsche Fabel! Glauben Sie mir doch, gnädige Frau, daß ich gebildet genug bin, um den großen Fabeldichter Kryloff zu kennen, für den der Kultusminister in Petersburg im Sommergarten ein Denkmal errichtet hat, um das jetzt die Kinder herumlaufen. Sie fragen ‚warum‘?, gnädige Frau, ‚warum‘? – Die Antwort darauf ist auf dem Hintergrunde dieser Fabel mit goldenen Lettern geschrieben!“

„Nun schön, so tragen Sie Ihre Fabel vor.“

Und Lebädkin begann sofort: