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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 57: IV.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Sechstes Kapitel.
Die Nacht

I.

Es vergingen acht Tage. Jetzt, wo alles vorüber ist und ich die Chronik schreibe, wissen wir, was hinter dem Ganzen sich verbarg; doch damals wußten wir noch nichts, und nur natürlich ist es, daß uns vieles seltsam erschien. Wir, d. h. Stepan Trophimowitsch und ich, zogen uns zunächst vollständig zurück und beobachteten aus der Ferne, – nicht ohne Schrecken. Nur ich begab mich hin und wieder unter Menschen und brachte meinem Freunde verschiedene Nachrichten, ohne die er es nicht aushielt.

In der Stadt sprach man selbstverständlich über nichts anderes als die Ohrfeigengeschichte, Lisas Ohnmachtsanfall und all das andere, was an jenem Sonntag Vormittag geschehen war. Nur eines war dabei befremdlich: durch wen waren diese Begebnisse so schnell und so genau bekannt geworden? Eigentlich hatte doch keiner von den Anwesenden irgendeinen Vorteil davon, wenn er das Geschehene ausplauderte. Dienstboten waren nicht zugegen gewesen. So blieb Lebädkin: er allein hätte das eine oder andere erzählen können, weniger aus Bosheit, als einfach deshalb, weil er Geheimnisse nun einmal nicht für sich behalten konnte. Lebädkin aber war am anderen Tage mitsamt seiner Schwester spurlos verschwunden und im Filippoffschen Hause konnte mir niemand über seinen Verbleib Auskunft geben. Schatoff jedoch, bei dem ich mich nach Marja Timofejewna erkundigen wollte, hatte seine Tür zugeschlossen und verließ in dieser ganzen ersten Woche kein einziges Mal sein Zimmer. Ich ging am Dienstag wieder zu ihm und klopfte an die Tür, und da ich, obgleich alles still blieb, fest überzeugt war, daß er in seinem Zimmer sei, klopfte ich wieder und wieder. Plötzlich hörte ich, wie er aufsprang, wahrscheinlich von seinem Bett, mit schnellen Schritten zur Tür kam und mit lauter Stimme „Schatoff ist nicht zu Hause!“ rief. Da blieb mir nichts anderes übrig, als fortzugehen.

Schließlich kamen Stepan Trophimowitsch und ich auf einen Gedanken, der uns zunächst gewagt erschien, doch zu dem wir uns gegenseitig immer wieder ermutigten, nämlich, daß es nur sein Sohn Pjotr Stepanowitsch gewesen sein konnte, der die ganze Geschichte in der Stadt verbreitet hatte, obwohl er in einem Gespräch mit seinem Vater versichert hatte, er habe schon am Montag früh an allen Ecken und Enden von den Vorfällen erzählen gehört, aber namentlich Abends im Klub, und sogar dem Gouverneur und seiner Frau seien selbst die kleinsten Kleinigkeiten bereits bekannt gewesen. Bemerkenswert ist auch noch, daß Liputin, den ich an eben diesem Montag abends auf der Straße traf, mir auch schon alles Vorgefallene fast Wort für Wort und Zug für Zug zu erzählen wußte.

Viele Damen, besonders die der besten städtischen Gesellschaft, erkundigten sich auch angelegentlich nach der „rätselhaften Lahmen“, wie man Marja Timofejewna allgemein nannte. Und nicht minder interessierten sie sich für den Ohnmachtsanfall Lisaweta Nicolajewnas, zumal dieser ja auch Julija Michailowna, als Lisas Verwandte und besondere Beschützerin, anging. Und was erzählte man sich nicht alles in den verschiedenen Kreisen der Stadt! Hinzu kam, daß beide Häuser für alle und jeden verschlossen blieben. Lisaweta Nicolajewna, hieß es alsbald, läge im stärksten Nervenfieber, und dasselbe erzählte man auch von Nicolai Stawrogin, wobei man sich dann in den widerlichsten ausführlichen Beschreibungen seines Zustandes, über einen angeblich ausgeschlagenen Zahn und eine geschwollene Backe, nicht genug tun konnte. In verschwiegenen Winkeln aber glaubte man schon ganz genau zu wissen, daß in der nächsten Zeit ein Mord stattfinden werde, ein heimlicher, wie in einer korsischen Vendetta, denn Stawrogin sei nicht der Mann, der eine solche Beleidigung vergäße. Im allgemeinen sah man deutlich, wie der alte Haß gegen Nicolai Stawrogin wieder auflebte, denn selbst ehrwürdige, sonst ganz gutmütige Leute wußten nichts Besseres zu tun, als ihn zu beschuldigen, allerdings ohne selber recht zu wissen, was er verbrochen haben sollte.

Vor allem aber erzählte man sich flüsternd, natürlich unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, daß es zwischen Nicolai Stawrogin und Lisa Tuschina in der Schweiz zu einer bösen Geschichte gekommen sei, und er ihre Ehre auf dem Gewissen habe, und daß sie später durch eine Intrigue entzweit worden seien. Freilich beobachteten vorsichtigere Leute eine gewisse Zurückhaltung solchen Geschichten gegenüber, aber zuhören taten doch alle mit Begierde.

Aber es gab auch noch andere Gerüchte, nur wurden sie nicht so allgemein, sondern nur dann besprochen, wenn man unter sich war. Ja, eigentlich war es kaum mehr als ein Gemunkel, das ich nur erwähne, um den Leser im Hinblick auf die späteren Ereignisse zum Aufmerken zu veranlassen. Es handelte sich dabei um folgendes: manche Leute sprachen nämlich, indem sie unmutig die Stirn runzelten, von dem Gott weiß woher aufgetauchten Gerücht, Nicolai Stawrogin sei zu einem ganz bestimmten Zweck in unser Gouvernement geschickt worden; durch den Grafen K. habe er in Petersburg zu irgendwelchen höchsten Spitzen Beziehungen angeknüpft, ja, vielleicht sei er sogar in den Staatsdienst getreten und jetzt womöglich mit irgendwelchen hochwichtigen Aufträgen hergesandt. Als nun gewichtige und ernsthafte Leute über dieses Gerücht lächelten und vernünftig bemerkten, daß ein Mensch, der von Skandalen lebte und bei uns damit begann, daß er sich ungestraft ohrfeigen ließ, einem Staatsdiener nicht gerade ähnlich sähe, da wurde ihnen leise zugetuschelt, daß er ja gar nicht offiziell, sondern nur sozusagen konfidentiell diesen Auftrag erhalten habe, und in solchem Falle sei es im Interesse der Sache sogar wünschenswert, daß der betreffende Vertrauensmann möglichst wenig an einen Staatsdiener erinnere. Diese Vorhaltungen verfehlten ihre Wirkung nicht, denn es war bei uns bekannt, daß man die Landesvertretung in unserem Gouvernement dort in der Hauptstadt mit einer gewissen besonderen Aufmerksamkeit im Auge behielt. Doch wie gesagt, dieses Gemunkel dauerte nur eine Zeitlang an und verstummte sogleich, als Nicolai Stawrogin wieder persönlich erschien. Im übrigen aber muß ich noch erwähnen, daß der Ursprung vieler dieser Gerüchte zum Teil ein paar kurze, doch gehässige Bemerkungen gewesen waren, die der Gardeoffizier a. D., Rittmeister Artemij Pawlowitsch Gaganoff, ein sehr reicher Gutsbesitzer unseres Gouvernements und Kreises, dabei Petersburger Weltmann, im Klub hatte fallen lassen, wenn auch in etwas unklaren und schroffen Worten. Dieser Rittmeister a. D. war der Sohn des verstorbenen Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, jenes selben alten Würdenträgers, den Nicolai Stawrogin vor vier Jahren im Klub auf so unverzeihliche Weise beleidigt hatte.

Bekannt war auch schon geworden, daß Julija Michailowna Warwara Petrowna einen Besuch hatte machen wollen, man ihr aber an der Vorfahrt mitgeteilt habe, Warwara Petrowna könne „wegen Krankheit“ leider nicht empfangen; ferner, daß Julija Michailowna zwei Tage darauf ihren Diener zu Warwara Petrowna geschickt hätte, um sich nach deren Befinden zu erkundigen; und schließlich hatte sie sogar angefangen, Warwara Petrowna persönlich zu „verteidigen“, wenn auch nur in höherem Sinne, d. h. in einer ganz allgemeinen Weise. Alle anfänglichen Bemerkungen über den Vorfall an jenem Sonntag hörte sie kalt und streng an, so daß man schon sehr bald in ihrer Gegenwart nicht mehr davon zu sprechen wagte. Zugleich verbreitete sich dadurch die Überzeugung, Julija Michailowna habe nicht nur wie die anderen einzelne Gerüchte gehört, sondern wisse sogar alle letzten Einzelheiten, und zwar wie eine „Mitbeteiligte“. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß es Julija Michailowna zum Teil schon gelungen war, jenen höheren Einfluß zu erringen, nach dem sie so augenscheinlich strebte. Ein Teil der Gesellschaft sprach ihr bereits praktischen Verstand zu und viel Takt – aber davon später! Jedenfalls war es nicht zum wenigsten ihre Protektion, die den schnellen Aufstieg Pjotr Stepanowitschs in unserer Gesellschaft erklärte – seine gesellschaftlichen Erfolge, die damals am meisten seinen Vater Stepan Trophimowitsch in Erstaunen setzten.

Pjotr Stepanowitsch wurde fast im Nu mit der ganzen Stadt bekannt. Am Sonntag war er angekommen, und schon am Dienstag sah ich ihn mit dem stolzen, hochmütigen, sonst geradezu unnahbaren Artemij Pawlowitsch Gaganoff, in freundschaftlichem Gespräch begriffen, in einer Equipage vorüberfahren. Im Hause des Gouverneurs wurde Pjotr Stepanowitsch gleichfalls vorzüglich aufgenommen, so daß er dort schon nach wenigen Tagen die Rolle des gehätschelten jungen Mannes spielte und fast täglich bei ihnen speiste. Die Bekanntschaft Julija Michailownas hatte er allerdings schon in der Schweiz gemacht, aber nichtsdestoweniger war sein schneller Erfolg im Hause Seiner Exzellenz zum mindesten etwas sonderbar. Hatte es denn nicht von ihm geheißen, er sei ein Revolutionär? Hatte er sich nicht an allen möglichen ausländischen Veröffentlichungen und Kongressen beteiligt? „Aus alten Zeitungen kann ich Ihnen das sogar schwarz auf weiß nachweisen!“ sagte einmal Aljoscha Telätnikoff wütend zu mir, er, der Arme, der im Hause des alten Gouverneurs auch einmal der gehätschelte Junge gewesen war und nun als abgesetzter Beamter sein Leben fristete. Tatsache war eines: der ehemalige Revolutionär trat in Rußland ohne die geringste Behelligung auf – also waren alle Gerüchte vielleicht völlig unbegründet gewesen? Liputin flüsterte mir einmal zu, Pjotr Stepanowitsch habe sich die Begnadigung durch die Angabe anderer Namen erkauft und stehe seitdem in Beziehung zu hohen Stellen. Ich teilte diese gehässige Äußerung Liputins Stepan Trophimowitsch mit, der darob sehr nachdenklich wurde. Später stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch mit sehr guten Empfehlungen zu uns gekommen war: so z. B. hatte er Julija Michailowna von der Gattin einer der ersten Persönlichkeiten Petersburgs einen langen Brief überbracht, in dem unter anderem erwähnt war, daß auch Graf K. Pjotr Stepanowitsch durch Nicolai Stawrogin kennen gelernt und ihn einen „interessanten jungen Mann, trotz der früheren Verirrungen“, genannt habe. Julija Michailowna schätzte ihre spärlichen, so mühevoll aufrecht erhaltenen Beziehungen zur „hohen Gesellschaft“ bis zur Unglaublichkeit, und so hatte sie sich denn über den Brief jener hohen, alten Dame ungemein gefreut. Trotzdem gab es hier noch etwas Unerklärliches. Sogar ihren Mann stellte sie zu Pjotr Stepanowitsch in fast familiäre Beziehung, so daß Herr von Lembke sich schon beklagte – doch davon gleichfalls später! Bemerken möchte ich nur noch, daß selbst Karmasinoff, der „große Schriftsteller“, sich äußerst wohlwollend zu Pjotr Stepanowitsch verhielt und ihn sofort zu sich einlud – eine Eilfertigkeit dieses eingebildeten Menschen, die Stepan Trophimowitsch noch schmerzhafter als alles andere verletzte. Ich erklärte sie mir allerdings anders, nämlich: daß Karmasinoff durch diesen „Nihilisten“, für den er Pjotr Stepanowitsch zweifellos hielt, mit der fortschrittlichen Jugend in Fühlung treten wollte. Der „große Schriftsteller“ zitterte geradezu vor der Revolutionsbewegung der Studentenkreise, und da er sich in seiner Unkenntnis der Sache einbildete, in ihren Händen liege der Schlüssel zur Zukunft Rußlands, so wollte er, nachdem er es erst mit den Alten gehalten hatte, es auch mit den Jungen nicht verderben, und suchte ihnen, hauptsächlich deshalb, weil sie ihrerseits für ihn nur Mißachtung hatten, in jeder nur möglichen, und wenn auch für ihn erniedrigenden Weise zu schmeicheln.

II.

Pjotr Stepanowitsch war übrigens nur zweimal zu seinem Vater gekommen, doch zu meinem Bedauern stets in meiner Abwesenheit. Das erste Mal hatte er ihn am Mittwoch besucht, also ganze vier Tage nach seinem Eintreffen, und auch dann nur in Geschäften.

Die Abrechnung wegen des Gutes war sozusagen im stillen abgetan worden. Warwara Petrowna hatte einfach alles auf sich genommen und die ganze Summe für das Gütchen, fünfzehntausend Rubel, Pjotr Stepanowitsch ausgezahlt. Stepan Trophimowitsch wurde erst benachrichtigt, nachdem alles schon abgeschlossen war. Ihr Kammerdiener Alexei Jegorowitsch überbrachte ihm irgendein Schriftstück, das er dann stumm und würdevoll unterzeichnete. Ja, eines möchte ich bei der Gelegenheit noch ausdrücklich bemerken: unser „Alter“ bewahrte in diesen Tagen eine Haltung, wie nie zuvor, war würdevoll schweigsam, schrieb aber tatsächlich nicht einen einzigen Brief an Warwara Petrowna, was ich früher einfach nicht für möglich gehalten hätte, so daß ich unseren früheren Stepan Trophimowitsch kaum wiedererkannte, und vor allem war er ganz ruhig. Diese Ruhe hatte er offenbar plötzlich in einer bestimmten großen Idee gefunden, und nun saß er da und wartete auf irgend etwas. Ganz zuerst freilich, gleich am Montag früh, da war er krank – wenn sich auch bloß seine übliche Cholerine einstellte. Erzählte ich ihm von dem, was man in der Stadt sprach, so hörte er aufmerksam zu. Wollte ich dann aber auf den Kern der Sache übergehen, so winkte er mir sofort ab. Die beiden Besuche seines Sohnes hatten ihn selbstverständlich sehr erregt, aber nicht erschüttert oder wankend gemacht. Wohl legte er sich nachher jedesmal, mit einer Essigkompresse um den Kopf, auf den Diwan: aber im „höheren Sinne“ blieb er, wie gesagt, doch ruhig.

Übrigens kam es zuweilen doch vor, daß er mir auch nicht abwinkte, wenn ich mit meinen Erzählungen allzu sehr ins einzelne gehen wollte. Und zuweilen schien es mir, als ob ihn seine geheimnisvolle Entschlossenheit im Stiche ließe und er gegen neue stürmisch andrängende Ideen innerlich zu kämpfen hätte.

Das geschah zwar nur in Augenblicken, aber ich erwähne sie. Ich ahnte wohl, daß ihn dann der Wunsch anwandelte, aus seiner Einsamkeit hervorzutreten, sich wieder zu zeigen und einen letzten Kampf zu wagen.

„Oh, cher, wie ich sie aufs Haupt schlagen würde!“ rang es sich am Donnerstag abend aus ihm hervor, nach Petruschas zweitem Besuch, als Stepan Trophimowitsch wieder mit einer Essigkompresse auf dem Diwan lag. Bis zu diesem Augenblick hatte er mit mir noch nicht ein einziges Wort gesprochen.

„... ‚Fils‘, ‚fils chéri[98] und so weiter ... ich gebe ja zu, daß diese Ausdrücke Unsinn sind, aus dem Wortschatz der Köchinnen stammen, meinetwegen, ich gebe es selbst zu. Ich habe ihn nicht genährt noch gekleidet, ich habe ihn gleich als Säugling aus Berlin per Post nach Rußland geschickt. Ich gebe das, wie gesagt, ja vollkommen zu ... ‚Du hast mich nicht genährt, nicht gekleidet, sondern per Post fortgeschickt,‘ sagt er, ‚und hier hast du mich obendrein noch bestohlen.‘ Aber, Unseliger, rufe ich ihm zu, für wen hat denn mein Herz mein ganzes Leben lang geblutet, wenn ich dich auch damals per Post fortgeschickt habe!? Il rit.[99] Aber ich gebe ja zu, ich gebe ja zu ... wenn auch per Post –“ schloß er, wie im Fieber phantasierend.

Passons,“[100] begann er dann nach fünf Minuten wieder. „Ich kann Turgenjeff nicht verstehen. Sein Basaroff[34] ist eine fiktive Persönlichkeit, die überhaupt nicht existiert. Ich war ja selbst mit unter den ersten, die sie als unmöglich zurückwiesen. Dieser Basaroff ist gewissermaßen ein verschwommenes Gemisch von Nosdreff[35] und Byron. Oui, c’est le mot,[101] – Nosdreff und Byron. Betrachten Sie sie einmal aufmerksam: sie schlagen Purzelbäume und quieken vor Freude wie die jungen Hunde im Sonnenschein ... sie sind glücklich, sie sind Sieger! Doch was Byron! Lassen wir den hier aus dem Spiel ... Und zudem – wie viel Alltag! Welch eine köchinnenhafte Reizbarkeit der Eigenliebe! Welch ein erbärmliches Dürsten nach faire du bruit autour de son nom, ohne zu bemerken, daß son nom[102] ... Oh, Karikaturen! – Aber erlaube, rufe ich ihm zu, willst du denn wirklich dich selbst, so wie du bist, als Ersatz für Christus vorschlagen? Il rit. Il rit beaucoup. Il rit trop. Er hat so ein sonderbares Lächeln. Seine Mutter hatte nicht solch ein Lächeln. Il rit toujours.[103]

Wieder trat Schweigen ein.

„Sie sind schlau! Am Sonntag hatten sie sich verabredet ...“ platzte er plötzlich heraus.

„Zweifellos,“ sagte ich schnell und spitzte die Ohren, „und dazu war die ganze Komödie noch mit weißem Faden zusammengenäht und so ungeschickt vorgespielt!“

„Davon rede ich nicht. Aber wissen Sie auch, daß das Ganze sogar absichtlich mit weißem Faden zusammengenäht war? Damit es die merkten, die es merken sollten? Verstehen Sie?“

„Nein, ich verstehe nicht –“

Tant mieux. Passons.[104] Ich bin heute etwas irritiert.“

„Ja, aber worüber haben Sie sich denn mit ihm gestritten, Stepan Trophimowitsch?“

Je voulais convertir. Sie lachen natürlich. Cette pauvre Tantchen, elle entendra de belles choses![105] Oh, mein Freund, werden Sie es mir glauben, daß ich mich vorhin ganz als Patriot fühlte! Übrigens habe ich mich immer als Russe empfunden ... Und ein echter Russe kann auch gar nicht anders sein, als wir beide sind. Il y a là dedans quelque chose d’aveugle et de louche.[106]

„Unbedingt,“ versetzte ich.

„Mein Freund, die wirkliche Wahrheit ist immer unwahrscheinlich, wissen Sie das auch? Um die Wahrheit wahrscheinlich zu machen, muß man unbedingt etwas Lüge hinzumischen. Und so haben es die Menschen denn auch stets gehalten. Vielleicht ist hierbei etwas, was wir nicht verstehen können. Was meinen Sie, ist hier nicht etwas, was wir nicht verstehen, in diesem siegesgewissen Gekreisch? Ich würde wünschen, daß es so wäre. Ich würde es wünschen ...“

Ich schwieg. Und auch er schwieg recht lange.

„Man sagt: ‚französischer Verstand!‘ ...“ begann er plötzlich von neuem und fast wie im Fieber. „Aber das ist eine Lüge. So ist es bei uns schon immer gewesen. Wozu den französischen Verstand verleumden? Hier ist es einfach russische Faulheit, unsere Kraftlosigkeit, unsere erniedrigende Unfähigkeit, eine Idee hervorzubringen, unsere widerliche Parasitenrolle unter den Völkern. Ils sont tout simplement des paresseux,[107] – aber nicht ‚französischer Verstand‘! Die Russen müßten zum Wohle der übrigen Menschheit ganz einfach vertilgt werden ... wie schädliche Parasiten! Wir, in unserer Jugend, wir haben nach etwas ganz, ganz anderem gestrebt. Jetzt verstehe ich nichts mehr, ich habe ganz einfach aufgehört, zu verstehen! Ja, siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du denn nicht ein, daß bei euch die Guillotine nur deshalb auf dem ersten Plan steht, weil Kopfabschneiden viel, viel leichter ist, als eine Idee haben? Vous êtes des paresseux! Votre drapeau est une guenille, une impuissance![108] Diese Wagen, oder wie sie da ... ‚das Rollen der Wagen, die Brot der Menschheit bringen‘ ... nützlicher als die Sixtinische Madonna, oder wie sie da ... une bêtise dans ce genre.[109] Aber siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du denn nicht ein, daß ein Mensch außer dem Glück genau ebensosehr und genau in demselben Maße das Unglück nötig hat? Il rit! – ‚Du reißt hier Witze‘, sagte er mir, ‚und ... schonst dabei deine Knochen (er drückte sich gemeiner aus) auf einem Diwan, der mit Samt bezogen ist‘ ... Und vergessen Sie nicht, daß er mich dabei duzt, den Vater, als Sohn.[36] Nun, ich wollte ja nicht sagen, wenn wir beide einerlei Meinung wären ... aber so, wenn wir uns nun zanken?“

Wir schwiegen wieder.

Cher,“ sagte er plötzlich, sich schnell erhebend, „wissen Sie auch, daß das unbedingt mit irgend etwas enden muß?“

„Nun, freilich,“ sagte ich.

Vous ne comprenez pas. Passons.[110] Aber ... gewöhnlich endet es im Leben mit nichts, hier jedoch wird es ein Ende geben, unbedingt, unbedingt!“

Er stand auf und ging in größter Aufregung hin und her – bis er sich dann schließlich wieder kraftlos auf den Diwan niedersinken ließ.

Am Freitag morgen fuhr Pjotr Stepanowitsch irgendwohin fort in die Umgegend, und erschien erst am Montag wieder bei uns.

Von dieser Fahrt erfuhr ich durch Liputin: und ebenfalls war es Liputin, der mir erzählte, daß die beiden Lebädkins auf der anderen Flußseite in der Fabrikvorstadt wohnten. „Ich selbst habe sie hinübergeschafft,“ fügte er hinzu, brach aber sofort ab und teilte mir nur noch mit, daß Lisaweta Nicolajewna sich mit Mawrikij Nicolajewitsch verlobt habe – offiziell habe man es zwar noch nicht bekanntgegeben, aber nichtsdestoweniger sei es Tatsache.

Lisaweta Nicolajewna sah ich übrigens am nächsten Morgen, als sie, zum erstenmal nach ihrer Krankheit, mit Mawrikij Nicolajewitsch ausritt. Sie erblickte mich, ihre Augen blitzten auf und sie nickte mir lachend und sehr freundschaftlich zu.

Ich erzählte natürlich alles Stepan Trophimowitsch, doch nur der Nachricht über die Lebädkins schenkte er einige Aufmerksamkeit. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Jetzt aber, nachdem ich das Wichtigste aus diesen acht Tagen unserer rätselvollen Ungewißheit erzählt habe, will ich die weiteren Geschehnisse anders wiedergeben: mit Kenntnis des ganzen Sachverhalts, d. h. so, wie sich schließlich alles, als es an den Tag kam, in seinen Zusammenhängen erklärte. Ich beginne mit dem achten Tage nach jenem Sonntag, also mit dem Montagabend – denn im Grunde war es dieser Abend, an dem die „neue Geschichte“ begann.

III.

Es war sieben Uhr abends. Nicolai Stawrogin saß allein in seinem Arbeitszimmer, das er schon früher von allen anderen Räumen des Hauses zu seinem Kabinett erwählt hatte. Es war ein hoher Raum mit schönen Teppichen und etwas schweren, altertümlichen Möbeln.

Er saß in der Ecke des Diwans, wie zum Ausgehen angekleidet, doch anscheinend hatte er nicht die Absicht, aufzubrechen und irgendwohin zu gehen. Auf dem Tisch vor ihm stand eine Lampe mit einem Lampenschirm. Die Seiten und Ecken des großen Raumes blieben dunkel. Sein Blick war nachdenklich und zusammengefaßt, doch nicht ganz ruhig; sein Gesicht sah müde und ein wenig abgemagert aus. Er war tatsächlich krank, wenn auch nur an einer Erkältung, verbunden mit einem gewissen Ohrenreißen; aber das Gerücht von einem ausgeschlagenen Zahn war doch übertrieben: der Zahn hatte anfänglich nur gewackelt, war jedoch inzwischen wieder fest geworden. Auch die von innen verletzte Oberlippe war bereits zugeheilt. Das Zahngeschwür aber, das mit der Erkältung zusammenhing, hatte er nur deshalb nicht aufschneiden lassen, um nicht den Arzt empfangen zu müssen. Doch übrigens hatte er nicht nur nicht den Arzt, sondern selbst seine Mutter kaum auf ein paar Minuten eintreten lassen und auch das höchstens einmal am Tage und nur um die Dämmerstunde, wenn es schon dunkelte und das Licht noch nicht brannte.

Auch Pjotr Stepanowitsch, der zwei- bis dreimal täglich bei Warwara Petrowna vorgesprochen hatte, war nicht von ihm empfangen worden. Erst jetzt, eben an jenem Montag, nachdem Pjotr Stepanowitsch am Morgen von seiner dreitägigen Reise zurückgekehrt, schon überall in der Stadt herumgelaufen war, dann bei Julija Michailowna zu Mittag gespeist hatte und erst gegen Abend bei Warwara Petrowna erschien, verkündete sie ihm, die ihn bereits ungeduldig erwartete, daß das Verbot aufgehoben sei und Nicolas wieder empfange. Darauf begleitete sie den Gast selbst bis zur Tür des Arbeitszimmers ihres Sohnes, denn sie hatte schon längst ein Wiedersehen der beiden gewünscht. Pjotr Stepanowitsch hatte ihr versprochen, nachher noch zu ihr zu kommen und zu berichten, wie er Nicolas fand. Sie klopfte vorsichtig an die Tür und wagte sogar, als sie keine Antwort erhielt, den Türflügel drei Finger breit zu öffnen.

Nicolas, darf ich Pjotr Stepanowitsch eintreten lassen?“ fragte sie leise und gehalten, während sie sich zugleich bemühte, sein Gesicht hinter der Lampe zu erkennen.

„Gewiß, gewiß darf man, das versteht sich doch von selbst!“ rief laut und aufgeräumt Pjotr Stepanowitsch, öffnete die Tür mit eigener Hand und trat ein.

Stawrogin hatte das Klopfen seiner Mutter überhört und nur die scheue Frage vernommen, aber noch nicht antworten können. Vor ihm lag in diesem Augenblick ein Brief, den er gerade erst durchgelesen hatte und über den er dann in tiefes Nachdenken versunken war. Als er nun plötzlich den Anruf Pjotr Stepanowitschs hörte, fuhr er zusammen und suchte schnell mit einem Briefbeschwerer den Brief zu bedecken, was ihm aber nur halb gelang, denn eine Ecke des Briefes und fast das ganze Kuvert waren noch zu sehen.

„Ich habe absichtlich so laut gerufen, um Ihnen Zeit zu geben, sich vorzubereiten,“ flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der im Nu am Tisch war und sofort mit aufmerksamem Blick das Kuvert musterte, mit wunderlich naiver Aufrichtigkeit.

„– Und haben gewiß noch glücklich bemerken können, wie ich vor Ihnen diesen Brief zu verbergen suchte,“ sagte Stawrogin ruhig, ohne sich von seinem Platz zu rühren.

„Einen Brief? Na, Sie mit Ihren Briefen ... was gehn mich Ihre Briefe an,“ versetzte der andere. „Aber ... die Hauptsache, –“ fuhr er wieder leise fort, indem er sich zur Tür wandte, die Warwara Petrowna schon geschlossen hatte, und wies mit dem Kopf nach dieser Richtung.

„Sie horcht nie,“ bemerkte Stawrogin kalt.

„Na, ich meinte bloß – und wenn sie auch horchen sollte!“ Pjotr Stepanowitsch erhob sofort wieder die Stimme und setzte sich in einen Sessel. „Ich habe ja sonst nichts dagegen, nur bin ich diesmal gekommen, um mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen. Also endlich, vor allen Dingen, wie steht es mit der Gesundheit? Sehe schon, daß es gut steht, und morgen werden Sie vielleicht erscheinen, wie?“

„Vielleicht.“

„Sie müssen die Leute doch endlich beruhigen und ebenso auch mich!“ begann er plötzlich heftig gestikulierend, sah aber dabei ganz heiter und zufrieden aus. „Wenn Sie wüßten, was ich ihnen alles habe vorschwatzen müssen! Aber übrigens, Sie wissen es ja.“ Er lachte auf.

„Alles weiß ich nicht. Ich habe nur von meiner Mutter gehört, daß Sie sich sehr ... gerührt haben.“

„Das heißt, ich habe ja nichts Bestimmtes –,“ wehrte Pjotr Stepanowitsch schnell ab, als verteidige er sich gegen einen furchtbaren Angriff. „Ich habe nur Schatoffs Frau so ein bißchen unter die Leute gebracht, das heißt, ich meine die Gerüchte über Ihre Beziehungen zu ihr in Paris, was jenen Vorfall vom Sonntag dann durchaus erklären könnte ... Sie ärgern sich doch nicht?“

„Bin überzeugt, daß Sie sich sehr bemüht haben.“

„Nun, das allein war es, was ich fürchtete! Aber übrigens, was heißt denn das: ‚sehr bemüht‘? – das klingt ja ganz wie ein Vorwurf. Doch ich sehe, daß Sie die Sache wenigstens nicht schief auffassen: das war meine größte Sorge, als ich herkam – Sie würden sie nicht gerade nehmen ...“

„Ich will überhaupt nichts gerade nehmen,“ sagte Stawrogin mit einer gewissen Gereiztheit, doch gleich darauf lächelte er spöttisch.

„Ach, ich rede doch nicht davon, nicht davon, Sie irren sich, nicht davon!“ rief Pjotr Stepanowitsch und fuchtelte wieder abwehrend und streute die Worte wie Erbsen hin, schien aber zugleich sehr erfreut über die Reizbarkeit Stawrogins zu sein. „Ich werde Sie doch jetzt nicht mit unserer Sache ärgern, in der Lage, in der Sie jetzt sind! Ich kam nur her wegen der Affäre am Sonntag, und auch das nur zum allerkleinsten Teil, denn, nicht wahr, es geht doch nicht so! Ich bin mit den aufrichtigsten Erklärungen gekommen, die für mich notwendig sind, nicht für Sie – dies mag für Ihre Eigenliebe gesagt sein, aber zu gleicher Zeit ist es auch wahr. Ich bin gekommen, um von nun an immer aufrichtig zu sein.“

„Das heißt so viel, daß Sie früher unaufrichtig waren?“

„Das wissen Sie doch selbst ganz genau. Ich habe oft Kniffe angewandt ... Sie lächeln; freut mich sehr, denn das Lächeln ist für mich ein Vorwand zur Auseinandersetzung. Ich habe ja absichtlich das Lächeln mit der kleinen Prahlerei hervorgelockt, damit Sie sich sofort wieder ärgern: wie wagte ich zu denken, daß ich mit Kniffen Sie zu betrügen vermöchte, und zweitens, damit ich Grund habe, mich sofort zu erklären. Sehen Sie, wie aufrichtig ich bin. Na, schön, wäre es Ihnen jetzt recht, mich anzuhören?“

Stawrogins Gesicht, das bis dahin verachtend ruhig und beinahe spöttisch ausgesehen hatte, trotz der augenscheinlichen Absicht seines Gastes, ihn mit diesen zudringlichen, vorbereiteten und bewußt plumpen Naivitäten zu ärgern, verriet jetzt doch eine gewisse unruhige Neugier.

„Also hören Sie,“ begann Pjotr Stepanowitsch, noch lebhafter als vorhin. „Als ich hierher kam, das heißt, überhaupt hierher in diese Stadt, vor zehn Tagen, da entschloß ich mich natürlich, hier eine Rolle zu spielen. Besser freilich, sollte man meinen, wär’s ganz ohne Rolle, wie ... wie ... nun, als individuelle Persönlichkeit – nicht wahr? Allerdings kann nichts schlauer sein, als die Rolle einer individuellen Persönlichkeit, denn die würde mir doch niemand zutrauen. Aber wissen Sie, zuerst wollte ich schon den Rüpel spielen, weil das viel leichter ist. Aber der Rüpel ist zugleich auch schon das Äußerste, und da das Äußerste immer Aufsehen und Neugier erregt, so entschied ich mich denn endgültig für die individuelle Persönlichkeit. Nun ja, aber wie ist denn nun meine individuelle Persönlichkeit? – Doch einfach die goldene Mitte: weder klug noch dumm, mäßig begabt und ein bißchen vom Mond herabgefallen, wie hier die vernünftigen Leute sagen. Nicht wahr?“

„Möglich, daß es auch wahr ist,“ sagte Stawrogin mit einem kaum merklichen Lächeln.

„Ah, Sie geben’s zu – freut mich sehr. Ich wußte ja im voraus, daß ich Ihre Gedanken treffen würde ... Beunruhigen Sie sich nicht, nicht nötig, gar nicht nötig, ich nehme es durchaus nicht übel. Ich habe mich auch durchaus nicht in dieser Weise dargestellt, um mir von Ihnen indirekte Lobsprüche herauszuholen, à la ‚Nein, Sie sind nicht unbegabt, nein, Sie sind klug‘, oder so ähnlich ... Ah, Sie lächeln wieder! Bin ich von neuem hereingefallen? ‚Sie sind klug‘ würden Sie ja gar nicht sagen. Nun gut, meinetwegen; ich gebe alles zu. Passons,[100] wie Papachen sagt, und in Klammern: ärgern Sie sich bitte nicht über meinen Wortschwall. Übrigens, da haben wir ja gleich ein Beispiel: ich rede immer viel zu viel, d. h., ich mache immer viel zu viel Worte, und rede viel zu eilig – und doch kommt nichts dabei heraus. Warum? weil ich nicht zu reden verstehe. Die gut reden, die reden kurz. Und damit, nicht wahr, damit haben wir gleich einen Beweis für meine Unbegabtheit! Doch da diese Gabe der Unbegabtheit bei mir nun einmal eine natürliche Gabe ist – warum sollte ich sie da nicht noch künstlich gebrauchen? Nun – und so gebrauche ich sie denn so und so. Zuerst, als ich hier ankam, gedachte ich zu schweigen: aber zum Schweigen, dazu gehört ein großes Talent, und somit wäre es nichts für mich. Und da Schweigen außerdem auch noch gefährlich ist, so habe ich denn endgültig eingesehen, daß es am besten ist, wenn ich rede, und zwar gerade so auf unbegabte Art und Weise rede, das heißt, viel, viel, unendlich viel rede, mich immer beeile, etwas zu beweisen und zum Schluß mich in meinen Beweisen immer so verwickele, daß der Zuhörer womöglich davonläuft und dabei womöglich noch ausspuckt. Das hat dann drei Vorteile: erstens, daß man sich von meiner Offenherzigkeit überzeugt, zweitens, daß man meiner äußerst überdrüssig wird, und drittens, daß man mich dabei noch nicht einmal versteht – also alle drei Vorteile auf einen Hieb! Wer wird dann noch vermuten, daß ich geheimnisvolle Absichten habe? Ein jeder würde sich ja persönlich beleidigt fühlen, wenn ihm dann noch jemand sagte, ich hätte geheimnisvolle Absichten! Die Leute verzeihen mir ja jetzt schon alles, weil sich nun herausgestellt hat, daß ich, die revolutionäre Intelligenz, die einst Proklamationen verfaßt hat, dümmer bin, als sie. Ist’s nicht so? An Ihrem Lächeln erkenne ich schon, daß Sie zustimmen.“

Stawrogin dachte nicht daran, zu lächeln oder zuzustimmen, im Gegenteil, er hörte finster und ein wenig ungeduldig zu.

„Wie? Was? Sie sagten: ‚gleichgültig‘?“

Stawrogin hatte kein Wort gesagt.

„Natürlich, selbstverständlich, ich versichere Sie, daß ich das durchaus nicht darum ... nun, um Sie mit meiner Freundschaft zu kompromittieren ... Aber wissen Sie, Sie sind heute furchtbar übelnehmend! Ich komme zu Ihnen mit offenem, frohem Herzen, und Sie – Sie legen jedes meiner Worte auf die Wagschale! Ich werde heute über nichts Kitzliches mit Ihnen sprechen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Und mit allen Ihren Bedingungen bin ich von vornherein einverstanden!“

Stawrogin schwieg immer noch.

„Wie? Was? Sagten Sie nicht etwas? Sehe schon, hab’ wieder nicht das Rechte getroffen. Sie haben keine Bedingungen gestellt und werden auch keine stellen. Glaub’s schon, glaub’s schon, beruhigen Sie sich nur: ich weiß ja selbst, daß es sich gar nicht lohnt, sie zu stellen – nicht wahr? Ich übernehme schon im voraus die Verantwortung für Sie, wenn Sie wollen – und tue das selbstredend aus Unbegabtheit – also nichts als Unbegabtheit und Unbegabtheit ... Sie lachen? Wie? Was?“

„Nichts ...“ Stawrogin lächelte endlich, „mir fiel nur soeben ein, daß ich Sie in der Tat einmal gewissermaßen unbegabt genannt habe, aber da Sie damals nicht zugegen waren, wird man es Ihnen hinterbracht haben ... Im übrigen bitte ich, etwas schneller zur Sache kommen zu wollen.“

„Aber ich bin ja gerade dabei! Ich rede doch nur wegen Sonntag!“ rief Pjotr Stepanowitsch aus und tat sehr erstaunt. „Nun, was war ich am Sonntag, was meinen Sie? Genau und nichts anderes als die eilfertige, mittelmäßige Unbegabtheit in Person. Und genau in meiner allerunbegabtesten Art und Weise bemächtigte ich mich des Gespräches! Doch man hat mir schon alles verziehen. Erstens, wie gesagt, weil ich vom Monde gefallen bin, denn davon ist man tatsächlich allgemein überzeugt, und zweitens, weil ich ein so nettes Geschichtchen zum besten gab ... und euch allen heraushalf, nicht wahr? So ist es doch?“

„Sie haben absichtlich so erzählt, daß der Zweifel bleibt und man die Mache merkt, während eine Abmachung überhaupt nicht vorlag und ich Sie um nichts gebeten hatte.“

„Das ist’s ja! Das ist’s ja!“ bestätigte wie in hellem Entzücken Pjotr Stepanowitsch. „Ich habe es ja absichtlich so gemacht, daß Sie die ganze Mechanik merken mußten. Ihretwegen habe ich ja gerade die ganze Komödie gespielt, nur um Sie zu fangen und zu kompromittieren. Ich wollte ja nur wissen, bis zu welchem Grade Sie sich fürchten.“

„Es wäre interessant zu wissen, warum Sie jetzt so aufrichtig sind!“

„Oh, ärgern Sie sich nicht, ärgern Sie sich nicht, und funkeln Sie bitte nicht so mit den Augen ... Übrigens tun Sie das ja gar nicht. Also interessant wäre es, zu wissen, warum ich jetzt so aufrichtig bin? Ganz einfach, weil sich jetzt alles verändert hat! Ich habe eben meine Ansichten über Sie geändert, das ist es. Den früheren Weg habe ich für immer verlassen. Ich werde Sie von nun ab nicht mehr auf die alte Art und Weise zu kompromittieren versuchen. Ich habe nun einen neuen Weg.“

„Also die Taktik geändert?“

„Von Taktik kann hier gar keine Rede sein. Von jetzt ab soll in allem nur Ihr freier Wille den Ausschlag geben. Sagen Sie ‚ja‘, – so ist’s gut. Wollen Sie ‚nein‘ sagen – bitte! Da haben Sie meine ganze neue Taktik. Doch an unsere Sache werde ich auch nicht mit dem kleinsten Finger rühren, und zwar genau so lange nicht, bis Sie es selbst befehlen. Sie lachen? Wohl bekomm’s! Auch ich lache ja. Aber soeben meine ich’s ernst, vollkommen ernst, wenn auch ein Mensch, der sich so beeilt, natürlich unbegabt ist, nicht wahr? Einerlei, meinetwegen bin ich auch unbegabt, nur rede ich jetzt im Ernst, das heißt wirklich vollkommen ernst!“

Er sprach in der Tat diesmal ernst, in einem ganz anderen Tone und mit einer seltsamen Erregung, so daß Stawrogin ihn aufmerksam anblickte.

„Sie sagen, Sie hätten Ihre Ansicht über mich geändert?“

„Ja; in dem Augenblick, als Sie damals von Schatoff Ihre Hände zurückzogen. Aber genug, genug davon, und bitte keine Fragen weiter! Mehr sage ich jetzt nicht!“

Er war schon aufgesprungen und fuchtelte wieder mit den Händen, als wollte er sich an ihn gestellter Fragen erwehren: da aber überhaupt keine gestellt wurden und er noch nicht die Absicht hatte, wegzugehen, so setzte er sich wieder hin und beruhigte sich allmählich.

„Nebenbei bemerkt, in Klammern,“ plapperte er sofort wieder los, „man schwatzt hier und wettet schon darauf, daß Sie ihn unbedingt totschlagen würden. Lembke beabsichtigte sogar, die Polizei in Bewegung zu setzen, doch Julija Michailowna hat es ihm verboten ... Aber genug davon, genug, ich sagte es Ihnen nur, um Sie zu benachrichtigen. Doch halt, noch eins: ich habe, wie Sie wissen, die Lebädkins noch am selben Tage auf die andere Flußseite geschafft – meinen Brief mit der neuen Adresse haben Sie doch erhalten?“

„Ja, gleich damals.“

„Dies aber habe ich nicht aus ‚Unbegabtheit‘ getan, sondern einfach aus Bereitwilligkeit. Wenn es ‚unbegabt‘ herausgekommen sein sollte, so war’s dafür doch aufrichtig gemeint.“

„Schon gut, vielleicht war es gerade so richtig ...“ murmelte Stawrogin nachdenklich. „Nur schicken Sie mir keine Briefe mehr.“

„Diesmal ging’s nicht anders, und es war ja nur ein einziger.“

„So weiß Liputin davon?“

„Es war nicht anders möglich. Aber Sie wissen ja selbst, daß Liputin nichts darf ... Übrigens müßte man einmal wieder zu den unsrigen gehen, – das heißt zu jenen da, nicht zu den Unsrigen, kreiden Sie es mir nur nicht gleich wieder an. Beunruhigen Sie sich nicht: es braucht ja nicht gleich zu sein – irgend wann einmal. Augenblicklich regnet es. Ich werde es denen dann sagen und sie können sich versammeln – wir gehen dann am Abend hin. Da sitzen sie nun mit offenen Mäulern, wie die jungen Waldraben im Nest, und warten gespannt darauf, was für einen Bissen wir ihnen gebracht haben – kratzen Bücher hervor und fangen gar an zu streiten. Wirginski ist Allmensch, Liputin Fourierist mit starker Neigung zu Polizeimethoden. Ein Mensch, sag ich Ihnen, der in einer Beziehung kostbar ist, aber in den meisten anderen Beziehungen streng angefaßt werden muß. Und der dritte, der mit den trauernden Ohren, trägt gar ein eigenes System vor. Beleidigt sind sie übrigens alle: weil ich mich so wenig um sie kümmere und sie ein bißchen kaltgestellt habe, haha! Aber hingehen muß man zu ihnen.“

„Sie haben mich jenen wohl als so eine Art Führer vorgestellt?“ fragte Stawrogin so nachlässig wie möglich.

Pjotr Stepanowitsch sah ihn blitzschnell an. Dann ging er schnell auf ein anderes Thema über und tat so, als hätte er die Frage ganz überhört: „Übrigens bin ich täglich zwei- bis dreimal zu Warwara Petrowna gekommen und war gezwungen, viel zu sprechen ...“

„Kann mir denken.“

„Nein, denken Sie nicht das! Ich habe einfach nur versichert, daß Sie Schatoff nicht totschlagen würden – und so ähnliche süße Sachen. Aber stellen Sie sich vor: gleich am anderen Tage hatte sie schon erfahren, daß Marja Timofejewna von mir über den Fluß geschafft worden war – haben Sie ihr das gesagt?“

„Nicht daran gedacht.“

„Wußt ich’s doch, daß nicht Sie ... Aber wer außer Ihnen hätte es ihr dann erzählen können?“

„Liputin, selbstredend.“

„N–nein, nicht Liputin,“ murmelte Pjotr Stepanowitsch geärgert. „Aber ich werde es schon erfahren, wer es war. Ich denke da eher an Schatoff. Aber nein, Unsinn, lassen wir das! Aber schließlich ist’s doch verdammt wichtig ... Übrigens habe ich immer erwartet, daß Ihre Mutter plötzlich mit der Hauptfrage herausplatzte ... Ja! Nur alle die letzten Tage war sie furchtbar niedergeschlagen, fast finster, heute aber, wie ich ankomme: siehe da – sie strahlt förmlich. Woher kommt denn das?“

„Das kommt daher, daß ich ihr heute mein Wort gegeben habe, nach fünf Tagen um Lisaweta Nicolajewnas Hand anzuhalten,“ sagte Stawrogin plötzlich mit unvermuteter Offenheit.

„Ah, so ... nun ja ... ja gewiß ...“ stotterte Pjotr Stepanowitsch und blieb stecken. „Man spricht zwar schon von ihrer Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch. Sie wissen doch? Es wird auch schon stimmen. Aber Sie haben recht: sie läuft auch vom Altare fort, wenn Sie sie nur rufen. Sie ärgern sich doch nicht darüber, daß ich so ...?“

„Nein.“

„Ich sehe, daß es heute furchtbar schwer ist, Sie zu ärgern, und fange an, Sie zu fürchten ... Bin sehr gespannt darauf, wie Sie morgen erscheinen werden. Sicher haben Sie schon vieles in petto. Ärgern Sie sich wirklich nicht über mich, daß ich so ...?“

Stawrogin antwortete wieder nicht, was Pjotr Stepanowitsch vollends reizte.

„Übrigens: haben Sie das in betreff Lisaweta Nicolajewnas Ihrer Mutter im Ernst gesagt?“ fragte er.

Stawrogin sah ihn kalt und prüfend an.

„Ah, so, ich verstehe schon: um sie zu beruhigen, nun ja.“

„Und wenn ich es im Ernst gesagt habe?“ fragte Stawrogin hart.

„Ja ... nun ... na, dann mit Gott, wie man in solchen Fällen zu sagen pflegt. Würde ja der Sache nichts schaden. (Sehen Sie, ich habe nicht gesagt, ‚unserer‘ Sache, da Sie das Wort ‚unser‘ nun einmal nicht lieben.) Ich aber ... ich – nun ja, ich stehe zu Ihren Diensten, wie Sie wissen.“

„Sie meinen?“

„Gar nichts, gar nichts meine ich!“ wehrte Pjotr Stepanowitsch lachend ab, „denn ich weiß, daß Sie sich Ihre Angelegenheiten im voraus genug überlegen, und daß Sie alles schon bis zu Ende durchgedacht haben. Im übrigen aber wollte ich nur sagen, daß ich im Ernst jederzeit zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen Umständen und in jedem Fall, – das heißt wortwörtlich in je–dem! Sie verstehen doch?“

Stawrogin gähnte.

„Ich langweile Sie schon, wie ich sehe,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, plötzlich aufspringend, ergriff seinen runden, ganz neuen Hut und tat, als sei er im Begriff, aufzubrechen, indessen blieb er immer noch und sprach ununterbrochen weiter, jetzt allerdings stehend. Zuweilen schritt er hin und her, und wenn er sehr lebhaft sprach, schlug er sich mit dem Hut ans Knie. „Ja, eigentlich wollte ich Ihnen noch etwas Ergötzliches von den Lembkes erzählen und Sie damit erheitern!“ schwatzte er weiter, anscheinend gut gelaunt.

„Nein, das doch lieber ein nächstes Mal. Wie geht es übrigens mit Julija Michailownas Gesundheit?“

„Was das bei Ihnen allen für gesellschaftliche Gewohnheiten sind! Julija Michailownas Gesundheit ist Ihnen ja so gleichgültig, wie die Gesundheit irgendeiner Katze, und doch erkundigen Sie sich! Aber das lobe ich mir. Also: Julija Michailowna fühlt sich wohl und hat eine Hochachtung vor Ihnen, na, bis zum Aberglauben. Und was Sie von Ihnen alles erwartet, grenzt auch schon an Aberglauben. Über den Sonntag schweigt sie, und ist überzeugt, daß Sie alles sofort niederschlagen werden, sobald Sie nur wieder auf der Bildfläche erscheinen. Bei Gott, sie glaubt ohne weiteres, daß Sie weiß der Teufel was alles vermögen! Mir scheint, sie bildet sich ein, Sie könnten einfach Wunder zustande bringen. Überhaupt sind Sie jetzt ein noch viel rätselhafteres Wesen als je, dazu dieser Nimbus von Romantik, der sich um Sie gebildet hat – wahrhaftig, eine äußerst vorteilhafte Stellung. Und wie gespannt, wie neugierig man auf Sie ist! Bevor ich verreiste, war es schon heiß, doch als ich zurückkehrte, war die Hitze noch gestiegen. Danke übrigens nochmals bestens für die Beschaffung des Briefes. Graf K... wird hier allgemein mit Andacht gefürchtet. Und Sie hält man für so eine Art höheren Spion. Ich nicke dazu. Sie ärgern sich doch nicht?“

„Nein.“

„Das ist nämlich für alles Weitere sogar unbedingt nötig. Die Leute haben ja hier ihre besonderen Bräuche. Ich sporne selbstverständlich noch an. Julija Michailowna ist die Anführerin, Gaganoff der zweite ... Sie lachen? Aber ich lebe doch jetzt nach meiner neuen Taktik: ich lüge und lüge, und dann sage ich plötzlich ein kluges Wort, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn alle ein solches suchen. Darauf umringt man mich sofort, fragt und horcht, – ich aber bin schon wieder mitten im Lügen. Jetzt haben mich schon alle aufgegeben. ‚Ach, der!‘ sagen sie und winken ab. ‚Nicht dumm, aber ein bißchen doch vom Monde herabgefallen.‘ Lembke redet mir zu, in den Staatsdienst zu treten, damit ich mich bessere. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich ihn trätiere, das heißt, eigentlich kompromittiere. Er glotzt mich nur so an mit seinen Kalbsaugen. Julija Michailowna hilft mir dabei womöglich noch. Doch was ich sagen wollte: Gaganoff ist grenzenlos wütend auf Sie. Gestern hat er in Duchowo ganz gemein über Sie gesprochen. Ich habe ihm natürlich gleich die ganze Wahrheit gesagt, oder vielmehr, versteht sich, nicht die ganze Wahrheit. Ich war gestern vom morgen bis zum Abend draußen bei ihm. Prächtiges Gut übrigens, auch das Herrenhaus ist schön.“

„So ist er jetzt in Duchowo?“ rief Stawrogin plötzlich lebhaft, ja, fast sprang er auf, – wenigstens beugte er sich hastig nach vorn.

„Nein, jetzt nicht mehr, er hat mich selbst hierher gebracht, wir kamen zusammen zurück,“ sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig, anscheinend ohne Stawrogins Erregung zu bemerken. „Was ist das? – Da habe ich ein Buch heruntergeworfen,“ und er bückte sich, um den Band aufzuheben. „‚Die Frauen von Balzac‘? Illustriert. Habe nicht gelesen. Lembke schreibt auch Romane.“

„Was Sie sagen?“ Stawrogin tat, als interessiere es ihn sehr.

„Jawohl, in russischer Sprache; selbstredend heimlich. Nur Julija Michailowna weiß es und erlaubt es ihm. Er ist so eine richtige Schlafmütze, aber mit Manieren. Wie das alles ausgearbeitet ist! Welch eine Strenge der Formen, welch eine Folgerichtigkeit und Disziplin! Übrigens, es wäre gut, wenn auch wir etwas davon hätten!“

„Sie loben die Verwaltung?“

„Wie sollte ich nicht! Sie ist doch das einzige, was bei uns in Rußland natürlich und in einem gewissen Grade fertig ist ... nein, nein, ich werde nicht, ich werde nicht, seien Sie unbesorgt, ich werde nicht!“ brach er plötzlich ab. „Über das Delikate kein Wort, seien Sie unbesorgt, kein Wort! Und jetzt leben Sie wohl. – Sie sind ja fast grün.“

„Ich bin erkältet.“

„Das ist glaubwürdig. Legen Sie sich hin! Doch ja, was ich noch sagen wollte: hier im Bezirk gibt es auch einige von der Skopzensekte, interessante Leute ... Doch davon später. Halt ja, eine kleine Anekdote muß ich doch noch erzählen! Hier in der Nähe steht bekanntlich ein Infanterieregiment. Freitag abend habe ich in B... mit den Offizieren zusammen gekneipt. Wir haben doch dort drei Genossen – vous comprenez?[111] Nun, es wurde über den Atheismus gesprochen, und selbstredend ward Gott zum so und so vielten Male kassiert. Man gröhlte und quiekte vor Freude. Übrigens: Schatoff meint, daß man unbedingt mit dem Atheismus beginnen müsse, wenn man es in Rußland zu einem Umsturz bringen wolle – vielleicht hat er recht. Ja, wie gesagt, es wurde über Gott gesprochen – aber da saß auch ein schon ergrauter schnauzbärtiger Hauptmann, saß und saß, schwieg die ganze Zeit. Plötzlich stand er auf, blieb mitten im Zimmer stehen, breitete die Arme aus, und sagte laut, aber doch wie zu sich selbst: ‚Wenn es keinen Gott gibt, was bin ich dann noch für ein Hauptmann?‘ Und damit nahm er seine Mütze und ging.“

„Hat einen ganz klugen Gedanken ausgedrückt,“ sagte Stawrogin und gähnte – jetzt schon zum dritten Male.

„Ja? Ich hab’s nicht verstanden – wollte Sie fragen. Und was war da doch noch –? Ja, so: ganz interessant ist die Spigulinsche Fabrik. Fünfhundert Arbeiter, ein vorzüglicher Choleraherd, ist schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr gereinigt, und vom Arbeitslohn wird immer ein Teil abgezogen, die Besitzer aber sind Millionäre. Seien Sie überzeugt, von den Arbeitern haben schon eine ganze Reihe durchaus richtige Vorstellungen von der Internationale und Revolution. Wie, Sie lächeln? Sie werden schon sehen, geben Sie mir nur eine ganz, ganz kleine Weile Zeit! Ich habe Sie schon einmal um Zeit gebeten. Jetzt tue ich’s zum zweiten Male. Doch Verzeihung, ich höre ja schon auf! Runzeln Sie nicht die Stirn, ich höre ja schon auf! Leben Sie wohl. – Ach so!“ er kehrte nochmals um und kam zurück. – „Die Hauptsache vergesse ich ganz! Man hat mir vorhin gesagt, daß unsere Koffer aus Petersburg angekommen sind.“

„Ja, und? ...“ Stawrogin sah ihn an, ohne zu verstehen.

„Das heißt, Ihre Koffer, Ihre Sachen, mit den Fracks, Beinkleidern, der Wäsche – sind die schon hier?“

„Ja, man sagte mir vorhin so etwas ...“

„Ach, könnte man da nicht gleich ...?“

„Fragen Sie den Alexei.“

„Schön! Aber morgen, morgen könnte ich sie doch bekommen? Es sind nämlich mein Frack, ein Anzug und drei Paar Beinkleider darin ... Die von Charmeur, die er mir noch auf Ihre Empfehlung hin gemacht hat, erinnern Sie sich?“

„Ich habe gehört, Sie sollen hier den Dandy spielen,“ lächelte Stawrogin. „Ist es wahr, daß Sie sogar Reitstunden nehmen wollen?“

Pjotr Stepanowitsch verzog den Mund zu einem gezwungenen Lächeln.

„Wissen Sie,“ sagte er dann plötzlich ungeheuer schnell, mit einer eigentümlich abbrechenden Stimme, in der etwas zu zucken schien. „Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, wir wollen das Persönliche lieber aus dem Spiel lassen, nicht wahr, ein für allemal? Sie können mich dabei natürlich verachten, so viel Sie wollen, wenn Ihnen etwas lächerlich erscheint. Aber, wie gesagt, unter uns wollen wir das Persönliche eine Zeitlang fortlassen, nicht wahr?“

„Gut, ich werde es nicht mehr ...“ sagte Stawrogin vor sich hin.

Pjotr Stepanowitsch lächelte, schlug sich mit dem Hut ans Knie, trat von einem Fuß auf den andern und sein Gesicht nahm wieder den alten Ausdruck an.

„Hier halten mich einige sogar für Ihren Nebenbuhler bei Lisaweta Nicolajewna, wie soll ich mich da nicht um mein Äußeres kümmern?“ sagte er lachend. „Übrigens, wer hinterbringt Ihnen denn das alles? Hm! Es ist schon Punkt acht; ich muß gehen. Habe zwar Warwara Petrowna versprochen, jetzt bei ihr vorzusprechen, werde das aber bleiben lassen. Sie aber – legen Sie sich mal hin, dann sind Sie morgen munterer. Draußen ist es stockdunkel und es regnet – übrigens, ich habe ja meine Droschke, denn in der Nacht ist es hier nicht ganz geheuer in den Straßen ... Doch ja, was ich noch sagen wollte: hier in der Umgegend treibt sich jetzt ein gewisser Fedjka herum, ein entsprungener Zuchthäusler aus Sibirien, und stellen Sie sich vor, er ist mein gewesener Leibeigener, den Papachen vor fünfzehn Jahren unter die Soldaten gesteckt hat, um Geld zu bekommen. Eine äußerst bemerkenswerte Persönlichkeit, dieser Fedjka.“

„Sie ... haben mit ihm gesprochen?“ fragte Stawrogin, indem er einmal kurz aufblickte.

„Ja. Vor mir versteckt er sich nicht. Er ist zu allem bereit, zu allem; für Geld, selbstredend, aber er hat auch Überzeugungen, so in seiner Art, versteht sich ... Ja, und noch etwas: wenn Sie vorhin wirklich im Ernst von dieser Absicht – Sie wissen schon, mit Lisaweta Nicolajewna, – so wiederhole ich nochmals, daß ich gleichfalls eine zu allem bereite Persönlichkeit bin, in jeder Beziehung, in welcher Sie nur wollen, und vollkommen zu Ihren Diensten stehe ... Was, Sie wollen –? Ach so, nein, nicht den Stock. Denken Sie sich, mir schien, daß Sie einen Stock suchten!“

Stawrogin suchte nichts und sagte auch nichts, aber er hatte sich allerdings seltsam plötzlich erhoben, mit einer eigentümlichen Bewegung im Gesicht.

„Und wenn Sie etwas in betreff dieses Herrn Gaganoff brauchen sollten,“ fügte Pjotr Stepanowitsch mit einemmal hinzu und wies dabei mit dem Kopf schon ganz ungeniert auf den Brief und den Umschlag unter dem Briefbeschwerer, „so kann ich natürlich auch da alles ordnen, und ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht umgehen werden.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verließ das Zimmer – doch bevor er die Tür hinter sich schloß, steckte er noch einmal den Kopf herein:

„Ich bin nur deshalb so ...“ rief er schnell, „... weil doch beispielsweise auch Schatoff nicht das Recht hatte, damals am Sonntag sein Leben zu riskieren, als er zu Ihnen trat – nicht wahr? Ich möchte wünschen, daß Sie dieses nicht vergäßen.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er.

IV.

Vielleicht dachte Pjotr Stepanowitsch, daß Nicolai Wszewolodowitsch, sobald er allein wäre, mit den Fäusten an die Wand schlagen würde, welchem Wutausbruch Pjotr Stepanowitsch natürlich für sein Leben gerne heimlich zugesehen hätte, wenn das nur irgendwie möglich gewesen wäre. Doch er täuschte sich sehr. Stawrogin blieb vollkommen ruhig. Wohl ganze zwei Minuten stand er noch in derselben Stellung am Tisch, anscheinend in tiefe Gedanken versunken; doch bald legte sich ein müdes, kaltes Lächeln um seinen Mund. Er setzte sich langsam wieder auf den großen Diwan, auf denselben Platz in der Ecke, und schloß die Augen, wie vor Müdigkeit. Die eine Ecke des Briefes lugte noch immer unter dem Briefbeschwerer hervor, doch er rührte sich nicht einmal, um sie zu bedecken.

Bald vergaß er sich ganz.

Warwara Petrowna hatte sich schon alle die Tage mit Sorgen gequält. Als jetzt auch noch Pjotr Stepanowitsch fortgegangen war, ohne sein Versprechen zu halten und zu ihr zu kommen, hielt sie es nicht länger aus und wagte es, selbst zu ihrem Sohne zu gehen. Die ganze Zeit hatte sie gedacht, vielleicht werde er doch endlich etwas Bestimmtes, Entscheidendes sagen. Leise, wie vorhin, klopfte sie an seine Tür, und da sie keine Antwort erhielt, wagte sie wieder, selbst zu öffnen. Als sie sah, wie er so unbeweglich und sonderbar still dasaß, trat sie, mit klopfendem Herzen, vorsichtig näher. Es machte sie stutzig, daß er so schnell und so aufrecht sitzend eingeschlafen war; sogar das Atmen merkte man kaum. Sein Gesicht war blaß und streng, doch dabei wie völlig erkaltet, regungslos. Die Brauen waren ein wenig zusammengezogen und wirkten finster: so glich er entschieden einer leblosen Wachsfigur. Warwara Petrowna stand wohl ganze drei Minuten vor ihm, mit verhaltenem Atem, und plötzlich wurde sie von einer Angst erfaßt. Auf den Fußspitzen ging sie hinaus, doch an der Tür blieb sie einen Augenblick stehen, wandte sich um, machte das Zeichen des Kreuzes über ihren Sohn und verließ dann unbemerkt den Raum – mit einer neuen schweren Empfindung und neuen Sorgen im Herzen.

Er schlief lange, über eine Stunde, und die ganze Zeit in derselben Erstarrung: kein Muskel seines Gesichtes bewegte sich, nicht das leiseste Zucken ging durch seinen Körper; die Brauen blieben unverändert streng zusammengezogen. Wäre Warwara Petrowna noch weitere drei Minuten vor ihm stehen geblieben, so würde sie das erdrückende Empfinden dieser lethargischen Regungslosigkeit ganz gewiß nicht ertragen und ihn aufgeweckt haben. Doch plötzlich schlug er von selbst die Augen auf, blieb aber, ohne sich zu rühren, wohl noch zehn Minuten unverändert sitzen, nur daß seine offenen Augen jetzt beharrlich und wißbegierig in die eine dunkle Ecke des Zimmers sahen, wie sich hineinsehend in irgendeinen ihn dort fesselnden Gegenstand, obgleich sich dort weder etwas Neues, noch etwas Besonderes befand.

Da begann die große, alte Wanduhr zu schnurren und schlug einen einzigen, schweren Schlag. Stawrogin wandte mit einer gewissen Unruhe den Kopf, um auf das Zifferblatt zu sehen. Doch in demselben Augenblick öffnete sich die Tapetentür, die zum Korridor führte, und der Kammerdiener Alexei Jegorowitsch trat ein. Er brachte einen dicken Mantel, ein Halstuch und einen Hut, und in der rechten Hand hielt er einen silbernen Teller, auf dem ein Zettel lag.

„Halb zehn,“ meldete er mit leiser Stimme und trat, nachdem er den Mantel an der Tür auf einen Stuhl gelegt hatte, zu Nicolai Wszewolodowitsch, dem er das Zettelchen präsentierte, ein kleines, ungeschlossenes Papier, auf dem nur zwei Zeilen mit Bleistift geschrieben standen.

Nachdem Stawrogin sie überflogen hatte, nahm er einen Bleistift vom Tisch und kritzelte ein paar Worte auf dasselbe Papier, das er dann wieder offen auf den Teller zurücklegte.

„Sofort zu übergeben, sobald ich ausgegangen bin,“ sagte er und erhob sich vom Diwan.

Es fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, daß er einen leichten Samtrock an hatte, so überlegte er einen Augenblick und befahl dann, ihm einen Tuchrock zu bringen, der zu zeremoniellen Abendbesuchen besser paßte. Nachdem er sich ganz angekleidet und den Hut schon aufgesetzt hatte, verschloß er die Tür, durch die vorhin Warwara Petrowna eingetreten war, zog dann den Brief unter dem Briefbeschwerer hervor, steckte ihn zu sich und ging schweigend aus dem Zimmer. Alexei Jegorowitsch folgte ihm. Aus dem Korridor gingen sie über eine schmale steinerne Hintertreppe in den Hausflur hinab, aus dem man unmittelbar in den Park treten konnte. In einer Ecke des Flurs hatte Alexei Jegorowitsch eine Laterne und einen Regenschirm versteckt.

„Infolge des starken Regens ist der Schmutz in den Straßen ganz unerträglich,“ meldete Alexei Jegorowitsch wie mit einem entfernten letzten Versuch, seinen Herrn von dem Ausgehen abzubringen.

Doch Stawrogin machte den Schirm auf und trat schweigend hinaus in den alten Park, der wie ein Keller dunkel, feucht und naß war. Der Wind brauste und rauschte und schaukelte die Wipfel der großen, halb schon kahlen Bäume, die schmalen Sandwege waren weich und glatt. Alexei Jegorowitsch ging so, wie er war, im braunen Frack und ohne Mütze, mit der kleinen Laterne in der Hand, drei Schritte vor seinem Herrn, und beleuchtete den Weg.

„Wird man es nicht bemerken?“ fragte plötzlich Nicolai Wszewolodowitsch.

„Aus den Fenstern wird man es nicht bemerken und außerdem ist alles vorgesehen,“ antwortete der Diener leise und maßvoll.

„Meine Mutter schläft?“

„Haben sich nach der Gewohnheit der letzten Tage gleich nach neun Uhr zurückgezogen, und daß die gnädige Frau es erfährt, ist ganz ausgeschlossen. Wann befehlen der Herr, daß ich Ihn zurückerwarte?“

„Um eins, halb zwei, nicht später als zwei.“

„Zu Befehl.“

Sie umgingen auf den sich schlängelnden Wegen fast den ganzen Park, bis sie an der Ecke der großen Steinmauer stehenblieben, wo ein kleines Pförtchen auf eine schmale entlegene Nebengasse führte.

„Wird die Tür nicht kreischen?“ fragte Nicolai Wszewolodowitsch. Doch Alexei Jegorowitsch sagte, daß er zweimal, „sowohl gestern wie auch heute,“ die Angeln geschmiert habe. Er war bereits ganz durchnäßt vom Regen. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, reichte er Nicolai Wszewolodowitsch den Schlüssel.

„Wenn der Herr geruhen, einen weiten Weg zu unternehmen, so möchte ich vorher darauf aufmerksam machen, daß den Leuten hier herum nicht zu trauen ist, besonders nicht in entlegenen Gassen und ... am allerwenigsten jenseits des Flusses,“ wagte er nochmals zu warnen.

Er war ein alter Diener, der einst Nicolai Wszewolodowitsch auf den Armen gewiegt und wie eine Kinderfrau mit ihm gespielt hatte, ein ernster, strenger Mann, der das Gotteswort kannte und gern in der Bibel las.

„Beunruhige dich nicht, Alexei Jegorowitsch.“

„Gott segne Euch, Herr, aber nur beim Anfang guter Taten.“

„Wie?“ Nicolai Wszewolodowitsch, der schon über die Schwelle getreten war, blieb stehen.

Der alte Diener wiederholte mit fester Stimme seinen Segenswunsch. Nie hätte er sich früher unterstanden, solche Worte zu seinem Herrn zu sagen.

Stawrogin sagte nichts, schloß die Tür, steckte den Schlüssel in die Tasche und ging die Gasse entlang, wobei seine Füße bei jedem Schritt an die drei Zoll tief im Schlamm versanken. Endlich erreichte er eine lange, einsame Straße, die wenigstens gepflastert war. Die Stadt kannte er genau: immerhin hatte er noch einen weiten Weg bis zur Bogojawlenskstraße.

Es war schon nach zehn Uhr, als er endlich vor der verschlossenen Pforte des Filippoffschen Hauses stehen blieb.

Die untere Etage war unbewohnt, seitdem man Lebädkins fortgeschafft hatte. Die Fensterläden waren geschlossen. Nur oben in Schatoffs Dachzimmer sah man noch Licht. Da es an der Pforte keine Klingel gab, so klopfte Stawrogin. Nichts rührte sich zunächst. Aber schließlich, nach abermaligem Klopfen, öffnete sich oben ein Klappfenster und Schatoff steckte den Kopf heraus. Es war stockdunkel und daher schwer, jemanden zu erkennen.

Schatoff sah lange hinunter.

„Sind Sie es?“ fragte er plötzlich.

„Ja.“

Schatoff schlug das Fenster zu, kam nach unten und öffnete die Pforte.

Stawrogin trat über die hohe Schwelle und ging stumm an ihm vorüber in den Flügel zu Kirilloff.

V.

Hier war alles unverschlossen. Der Flur und die beiden ersten Zimmer waren dunkel, doch im dritten, in dem Kirilloff wohnte, war es hell, und dort hörte man Lachen und dazwischen ein seltsames frohes Gequiek.

Stawrogin ging auf das Licht zu, blieb aber vor der offenen Tür stehen, ohne zunächst einzutreten.

Der Teetisch war gedeckt. Mitten im Zimmer stand die Alte, die das Haus beaufsichtigte, in einem Unterrock, in Schuhen, doch ohne Strümpfe, und in einer ärmellosen Pelzjacke aus Hasenfell. Sie trug ein anderthalbjähriges Kindchen mit fast weißen Locken, nur mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, mit bloßen, dicken Beinchen und erhitztem, pausbackigem Gesichtchen, auf dem Arm. Offenbar hatte sie es soeben aus der Wiege genommen. Das Kindchen mochte noch vor kurzem geweint haben, denn noch standen dicke Tränen unter seinen Augen, doch war es in diesem Augenblicke froh und lustig, reckte seine Ärmchen und lachte, wie so kleine Kinder zu lachen pflegen: mit juchzenden, schluchzenden Nebentönen.

Vor dem Kindchen spielte Kirilloff mit einem großen roten Gummiball: er warf ihn kräftig auf die Diele, so daß er bis an die Decke sprang, wieder fiel und wieder sprang, während das Kindchen dazu überselig sein „Ba! ... Ba! ...“ rief. Kirilloff fing darauf den „Ba“ auf und gab ihn dem Kindchen, das dann natürlich den „Ba“ wieder gleich mit seinen eigenen, ungeschickten Händchen fortwarf, während Kirilloff ihm nachlief, um ihn aufzuheben. Zum Schluß rollte der „Ba“ unter den Schrank. Kirilloff aber streckte sich sofort längelang auf dem Fußboden aus, um ihn mit der Hand wieder hervorzuholen.

In diesem Augenblick trat Stawrogin ins Zimmer.

Das Kind, das ihn zuerst erblickte, warf sich erschreckt an den Hals der Alten und begann laut ein langgezogenes, eintöniges Kinderweinen, so daß die Alte es sofort hinausbrachte.

„Stawrogin?“ fragte Kirilloff, ohne die geringste Verwunderung über den unerwarteten Besuch, zog seine Hand mit dem Ball unter dem Schrank hervor und erhob sich. „Wollen Sie Tee?“

„Mit dem größten Vergnügen, wenn er warm ist, ich bin ganz durchnäßt.“

„Warm, sogar heiß,“ sagte Kirilloff mit Vergnügen, nachdem er sich davon überzeugt hatte. „Setzen Sie sich. Sie sind schmutzig, tut nichts. Ich kann’s später mit einem nassen Tuch ...“

Stawrogin setzte sich und trank fast auf einen Zug die eingegossene Tasse Tee aus.

„Noch?“

„Nein, danke.“

Kirilloff, der bis dahin gestanden hatte, setzte sich sogleich und fragte: „Wozu sind Sie gekommen?“

„Bitte, lesen Sie diesen Brief. Er ist von Gaganoff. Sie werden sich entsinnen, ich habe Ihnen von ihm schon in Petersburg erzählt.“

Kirilloff nahm den Brief, las ihn durch, legte ihn darauf wieder auf den Tisch und sah Stawrogin erwartungsvoll an.

„Mit diesem Gaganoff,“ erklärte Nicolai Wszewolodowitsch, „bin ich, wie Sie wissen, zum ersten Male in Petersburg vor kaum einem Monat zusammengetroffen, und dann sind wir uns noch ungefähr dreimal in der Gesellschaft begegnet. Wir wurden einander nicht vorgestellt, sprachen auch nicht miteinander und doch fand er Gelegenheit, sich ungezogen mir gegenüber zu benehmen. Ich habe Ihnen das ja damals alles erzählt. Doch was Sie nicht wissen, ist folgendes. Als er darauf Petersburg, noch vor mir, verließ, schrieb er mir einen Brief, der zwar noch nicht so beleidigend war, wie dieser hier, aber doch schon einen durchaus unzulässigen Ton hatte. Dabei stand mit keinem einzigen Worte darin, warum der Brief eigentlich geschrieben worden war. Ich antwortete ihm sofort und erklärte ihm ganz offenherzig, daß ich ‚da es sich wohl um den Vorfall mit seinem Vater vor vier Jahren hier im Klub handeln werde‘, – daß ich meinerseits durchaus bereit sei, ihm noch nachträglich meine Entschuldigung zu machen, einfach aus dem Grunde, weil meine Handlung damals im Krankheitszustande geschehen sei. Er antwortete mir nichts darauf und reiste irgendwohin fort. Nun komme ich hierher und finde ihn hier in einer wahren Tollwut auf mich. Man hat mir öffentliche Äußerungen von ihm mitgeteilt, die regelrechte Beschimpfungen sind, dazu die unglaublichsten Anschuldigungen. Und heute erhalte ich diesen Brief, – einen ähnlichen hat wohl noch nie jemand geschrieben! Mit Ausdrücken wie zum Beispiel ‚Ihre geschlagene Fratze‘. – Ich bin nun zu Ihnen gekommen, da ich hoffe, daß Sie mir nicht abschlagen werden, mein Sekundant zu sein?“

„In der Wut kann man schon ... Puschkin hat auch so geschrieben. Gut, ich komme. Sagen Sie, wie?“