Stawrogin erklärte, daß er ihn bäte, gleich morgen zu Gaganoff zu gehen. Er solle die Entschuldigung wiederholen und sogar noch einen zweiten Entschuldigungsbrief ankündigen – diesen letzteren aber nur unter der Bedingung, daß Gaganoff sein Wort gibt, keinen weiteren Brief irgendwie beleidigenden Inhalts zu schreiben, während sein letzter Brief als nicht erhalten betrachtet werden solle.
„Zu viel Konzessionen, er wird nicht darauf eingehen ...“
„Ich bin vor allem hierhergekommen, um zu erfahren, ob Sie überhaupt bereit sind, ihm solche Bedingungen zu überbringen?“
„Ich werde schon. Aber er wird nicht darauf eingehen ...“
„Das weiß ich.“
„Er will sich schlagen. Sagen Sie, wie?“
„Das ist es eben: ich möchte morgen die ganze Geschichte beendet haben. Sagen wir, um neun sind Sie bei ihm. Er wird Sie anhören und Ihr Ersuchen abschlagen. Dann wird er seinen Sekundanten zu Ihnen schicken, sagen wir – gegen elf. Mit dem besprechen Sie sich also, und um eins oder zwei könnten wir an Ort und Stelle sein. Ich möchte Sie sehr bitten, alles zu tun, was an Ihnen liegt, damit die Angelegenheit diesen Verlauf nimmt. Waffen natürlich Pistolen. Das Weitere – darum bitte ich Sie ganz besonders – richten Sie so ein: Vereinbaren Sie einen Abstand von zehn Schritten zwischen den Barrieren. Stellen Sie einen jeden von uns weitere zehn Schritt von seiner Barriere auf. Nach dem gegebenen Zeichen gehen wir aufeinander zu. Jeder muß unbedingt bis zu seiner Barriere gehen. Doch schießen kann er auch schon früher, im Gehen. So, das wäre alles, denke ich.“
„Zehn Schritt zwischen den Barrieren ist sehr nah,“ bemerkte Kirilloff.
„Nun, dann meinetwegen zwölf, aber nicht mehr. Sie begreifen doch, daß er sich nicht zum Vergnügen duellieren will. Verstehen Sie eine Pistole zu laden?“
„Ja. Ich habe selbst Pistolen. Ich werde mein Wort geben, daß Sie mit meinen noch nicht geschossen haben. Sein Sekundant gibt auch sein Wort für seine Pistolen. Dann werfen wir das Los, ob seine oder unsere.“
„Vorzüglich.“
„Wollen Sie die Pistolen sehen?“
„Meinetwegen.“
Kirilloff hockte vor seinem Koffer nieder, der noch immer unausgepackt in der Ecke stand, zog einen Kasten aus Palmenholz hervor, der innen mit rotem Samt ausgeschlagen war, und entnahm ihm zwei prachtvolle, äußerst kostbare Pistolen.
„Habe alles. Pulver, Kugeln, Patronen. Auch einen Revolver, warten Sie.“
Er kramte wieder in seinem Koffer und zog einen zweiten Kasten mit einem sechsläufigen Revolver hervor.
„Sie haben ja Waffen mehr als nötig! Und sehr teuere.“
„Sehr.“
Der gänzlich mittellose Kirilloff, der übrigens seine Armut selbst nie bemerkte, zeigte sichtlich nicht ohne Stolz seine Kostbarkeiten, die er zweifellos mit unglaublichen Opfern erstanden hatte.
„Sie haben immer noch dieselbe Absicht?“ fragte Stawrogin mit einer gewissen Vorsicht, nach minutenlangem Schweigen.
„Dieselbe,“ antwortete Kirilloff kurz: am Ton der Stimme hatte er sofort erkannt, wovon sein Gast sprach.
„Und – wann?“ fragte Stawrogin noch vorsichtiger, und wieder nach längerem Schweigen.
Kirilloff hatte inzwischen beide Kasten in den Koffer zurückgelegt und setzte sich nun auf seinen alten Platz.
„Das hängt nicht von mir ab. Sie wissen doch. Wann man mir sagen wird,“ murmelte er mehr vor sich hin, als wäre die Frage ihm ein wenig lästig, doch gleichzeitig war er, das fühlte man, durchaus bereit, auf andere Fragen zu antworten.
Er sah dabei mit seinen schwarzen glanzlosen Augen Stawrogin unverwandt an, mit einem seltsam gelassenen, doch guten und freundlichen Gefühl.
„Ich verstehe das gewiß – sich zu erschießen ...“ begann Stawrogin von neuem, nachdem er lange, wohl drei Minuten lang grübelnd geschwiegen hatte, während sein Gesicht sich verdüsterte. „Ich habe mir das selbst zuweilen vorgestellt. Aber es findet sich dann immer ein gewisser neuer Gedanke ein: wie, wenn man, zum Beispiel, ein Verbrechen beginge, oder etwas vor allem Schimpfliches, das heißt Schmachvolles, eine Schande, nur muß sie unendlich gemein sein und zugleich ... lächerlich – eine Schandtat, die von der Menschheit in tausend Jahren nicht vergessen wird, über die sie tausend Jahre lang flucht, und nun plötzlich der Gedanke: ‚ein Schuß in die Schläfe und es ist nichts mehr da‘. Was gehen einen dann noch die Menschen an, und daß sie einem tausend Jahre lang fluchen werden! Ist es nicht so?“
„Sie meinen, das ist ein neuer Gedanke?“ sagte Kirilloff, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte.
„Nein ... das nicht ... aber als ich ihn zum ersten Male dachte, da empfand ich ihn als ganz neu.“
„Sie empfanden einen Gedanken –“ sprach ihm Kirilloff nach. „Das ist gut. Es gibt viele Gedanken, die waren immer da, und plötzlich werden sie neu. Das ist richtig. Jetzt sehe ich vieles wie zum erstenmal.“
„Nehmen wir an, Sie waren auf dem Monde,“ unterbrach ihn Stawrogin, ohne Kirilloffs Worte zu beachten, und spann seinen eigenen Gedanken weiter. „Nehmen wir an, Sie haben dort oben alle diese lächerlichen Schmutzereien begangen. Sie wissen ganz genau, daß man Ihnen dort oben fluchen wird, tausend Jahre lang, ewig, auf dem ganzen Monde ... Aber Sie sind jetzt hier auf der Erde und sehen auf den Mond von hier aus: was geht es Sie dann hier auf der Erde an, was Sie dort oben alles getan haben – und daß die dort tausend Jahre lang bei Ihrem Namen ausspeien werden, – ist es nicht so?“
„Weiß nicht,“ antwortete Kirilloff. „Ich bin nicht auf dem Monde gewesen,“ fügte er hinzu, aber ohne jede Spur von Ironie, einfach als Ausdruck der Tatsache.
„Wessen Kind war das vorhin?“
„Die Schwiegermutter der Alten ist angekommen. Nein, Schwiegertochter ... einerlei. Vor drei Tagen. Liegt jetzt krank mit dem Kind. In der Nacht schreit es viel. Der Magen. Die Mutter schläft, und die Alte bringt es dann her. Ich spiele Ball mit ihm. Ein Hamburger Ball, hab’ ihn in Hamburg gekauft. Das stärkt den Rücken. Ein kleines Mädchen.“
„Sie lieben Kinder?“
„Ja,“ antwortete Kirilloff, übrigens ziemlich gleichmütig.
„Dann lieben Sie wohl auch das Leben?“
„Ja, auch das Leben. Wieso?“
„Wenn Sie doch beschlossen haben, sich zu erschießen.“
„Wieso denn? Warum zusammen? Das Leben für sich und jenes für sich. Leben ist, aber Tod ist überhaupt nicht.“
„So glauben Sie an ein zukünftiges ewiges Leben?“
„Nein, nicht an ein zukünftiges ewiges, sondern an ein diesseitiges ewiges. Es gibt Minuten, sie kommen zu den Minuten, und die Zeit bleibt plötzlich stehen und wird ewig sein.“
„Sie hoffen, zu so einer Minute zu kommen?“
„Ja.“
„Das ist in unserer Zeit wohl kaum möglich,“ meinte Stawrogin, gleichfalls ohne jede Spur von Ironie, langsam und wie in Gedanken verloren. „In der Apokalypse schwört der Engel, daß es keine Zeit mehr geben werde.“
„Ich weiß. Das ist dort sehr richtig. Ist deutlich und genau. Wenn der ganze Mensch das Glück erreicht, dann wird es keine Zeit mehr geben, weil sie nicht nötig ist. Ein sehr richtiger Gedanke.“
„Wo wird man sie denn hinstecken?“
„Nirgendwo wird man sie hinstecken. Zeit ist kein Gegenstand, sondern eine Idee. Sie wird auslöschen im Verstande.“
„Alte philosophische Gemeinplätze, immer ein und dieselben von allem Anfange an,“ murmelte Stawrogin wie mit einem gewissen angeekelten Bedauern.
„Ein und dieselben! Ja, immer ein und dieselben vom Anfang aller Jahrhunderte an und gar keine anderen niemals!“ griff Kirilloff mit blitzenden Augen Stawrogins Wort auf, ganz als läge in diesem Gedanken fast ein Triumph!
„Ich glaube, Sie sind sehr glücklich, Kirilloff?“
„Ja, sehr glücklich,“ antwortete dieser, als gäbe er die allergewöhnlichste Antwort.
„Aber noch vor kurzem waren Sie doch so betrübt und ärgerten sich über Liputin.“
„Hm! ... Aber jetzt nicht. Damals wußte ich noch nicht, daß ich glücklich war. Haben Sie ein Blatt gesehn? Ein Blatt vom Baum?“
„Freilich.“
„Ich sah vor kurzem ein gelbes, etwas grün noch, an den Rändern angefault. Es kam mit dem Wind. Als ich zehn Jahre war, schloß ich im Winter die Augen und stellte mir ein Blatt vor, ein grünes, glänzendes, mit Äderchen, und die Sonne leuchtet. Ich schlug die Augen auf und glaubte nicht, denn es war so schön, und schloß sie wieder.“
„Was soll das? Eine Allegorie?“
„N–nein ... warum? Keine Allegorie. Einfach ein Blatt. Nur ein Blatt. Ein Blatt ist gut. Alles ist gut.“
„Alles?“
„Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer es erfährt, der wird sofort gleich glücklich sein, im selben Augenblick. Diese Schwiegertochter wird sterben, und das Kind bleibt – alles ist gut. Ich habe es plötzlich entdeckt.“
„Und wenn jemand vor Hunger stirbt, oder wenn jemand ein kleines Mädchen entehrt und schändet – ist das auch gut?“
„Auch gut. Und wenn man ihm für das Mädchen den Kopf zerspaltet, auch das ist gut. Und wenn man ihm den Kopf nicht zerspaltet, auch das ist gut. Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, daß – alles gut ist. Wenn sie wüßten, daß sie es gut haben, dann würden sie es auch gut haben. Aber so lange sie nicht wissen, daß sie es gut haben, so lange werden sie es auch nicht gut haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze, und außer ihm gibt es überhaupt gar keinen.“
„Wann haben Sie es denn erfahren, daß Sie so glücklich sind?“
„In der vorigen Woche am Dienstag, nein, am Mittwoch, denn es war schon Mittwoch. In der Nacht.“
„Und bei welcher Gelegenheit denn?“
„Ich weiß nicht mehr. So. Ich ging im Zimmer ... Einerlei. Ich brachte die Uhr zum Stehen. Es war siebenunddreißig Minuten nach zwei.“
„Wohl zum Symbol dessen, daß die Zeit stehen bleiben muß?“
Kirilloff schwieg.
„Die Menschen sind nicht gut,“ begann er plötzlich wieder, „weil sie nicht wissen, daß sie gut sind. Wenn sie es wissen werden, so werden sie auch nicht mehr ein kleines Mädchen vergewaltigen. Sie müssen nur alle erfahren, daß sie gut sind, und alle werden sogleich gut sein. Alle ohne Ausnahme.“
„Nun, Sie selbst, zum Beispiel, Sie haben es nun erfahren, also sind Sie jetzt gut?“
„Ich bin gut.“
„Damit bin ich übrigens einverstanden,“ sagte Stawrogin, mit gerunzelter Stirn, vor sich hin.
„Wer da lehren wird, daß alle gut sind, wird die Welt beenden.“
„Der das lehrte, den haben sie gekreuzigt,“ sagte Stawrogin.
„Er wird kommen und sein Name wird sein Menschgott.“
„Gottmensch?“
„Nein, Menschgott. Das ist der Unterschied.“
„Sind nicht vielleicht Sie es, der hier das Lämpchen vor dem Heiligenbilde angezündet hat?“
„Ja, ich habe es angezündet.“
„Wieder gläubig geworden?“
„Die Alte liebt, daß das Lämpchen ... Heute hatte sie keine Zeit,“ sagte Kirilloff undeutlich.
„Aber selbst beten Sie noch nicht?“
„Ich bete zu allem. Sehen Sie, eine Spinne kriecht dort an der Wand und ich bin ihr dankbar dafür, daß sie kriecht.“
Seine Augen brannten wieder. Er sah immer noch unverwandt Stawrogin an, mit festem, standhaftem Blick. Stawrogin beobachtete ihn finster und widerwillig, doch in seinem Blick lag kein Spott.
„Ich wette, daß Sie, wenn ich nächstens wiederkomme, bereits an Gott glauben werden.“
Er stand auf und nahm seinen Hut.
„Wieso?“ Kirilloff erhob sich gleichfalls.
„Wenn Sie wüßten, daß Sie an Gott glauben, dann würden Sie an ihn glauben. Da Sie aber noch nicht wissen, daß Sie an ihn glauben, so glauben Sie auch noch nicht an ihn,“ sagte Stawrogin mit einem flüchtigen Lächeln.
„Das ist es nicht.“ Kirilloff dachte nach. „Sie haben den Gedanken umgekehrt. Ein Kavalierscherz. Denken Sie daran, was Sie in meinem Leben bedeutet haben, Stawrogin.“
„Leben Sie wohl, Kirilloff.“
„Kommen Sie wieder nachts; wann?“
„Ja, haben Sie denn schon vergessen, was morgen bevorsteht?“
„Ach, richtig, ich vergaß. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde nicht verschlafen. Ich verstehe aufzuwachen, wann ich will. Ich lege mich hin und sage: um sieben Uhr – und wache auf um sieben Uhr; um zehn Uhr – und wache auf um zehn Uhr.“
„Sie haben ja merkwürdige Eigenschaften.“ Stawrogin sah in sein bleiches Gesicht.
„Ich werde die Hofpforte aufmachen.“
„Bemühen Sie sich nicht, Schatoff wird mich hinauslassen.“
„Ach so, Schatoff. Gut. Leben Sie wohl.“
VI.
Die Flurtür des leeren Hauses, in dem Schatoff wohnte, war nicht verschlossen. Im Flur war es stockdunkel, so daß Stawrogin mit der Hand tastend nach der Treppe zu suchen begann. Da wurde plötzlich im oberen Stock eine Tür aufgemacht und ein Lichtschimmer ließ ihn die Treppe sehen. Schatoff trat selbst nicht heraus, er ließ nur die Tür offen stehen. Als Stawrogin oben anlangte und an der Türschwelle stehen blieb, sah er ihn in der anderen Ecke des Zimmers an seinem Tisch stehen und warten ...
„Würden Sie mich in einer Angelegenheit empfangen?“ fragte Stawrogin, ohne einzutreten.
„Treten Sie ein. Setzen Sie sich,“ antwortete Schatoff. „Schließen Sie die Tür. Warten Sie, ich werde selbst ...“
Er schloß die Tür, drehte den Schlüssel um und setzte sich dann Stawrogin gegenüber. Er war in dieser Woche merklich abgemagert und schien jetzt zu fiebern.
„Sie haben mich müde gequält,“ sagte er halblaut murmelnd, den Blick zu Boden gesenkt. „Warum sind Sie nicht früher gekommen?“
„Sie waren so überzeugt, daß ich kommen werde?“
„Ja ... Warten Sie, ich habe im Fieber phantasiert ... vielleicht phantasiere ich auch jetzt noch ... Warten Sie.“
Er stand auf, ging zu seinem Bücherbrett und nahm von dem obersten der drei Bretter einen Gegenstand: es war ein Revolver.
„In einer Nacht träumte mir im Fieber, daß Sie kommen würden, um mich zu töten. Da habe ich mir am anderen Morgen von dem Taugenichts Lämschin für mein letztes Geld diesen Revolver gekauft. Ich wollte mich Ihnen nicht ergeben. Später kam ich wieder zu mir ... Ich habe weder Kugeln, noch Pulver ... seitdem liegt er hier auf dem Bücherbrett. Warten Sie.“
Er ging schon zum Fenster und wollte es öffnen.
„Nicht doch, warum hinauswerfen!“ rief ihn Stawrogin zurück. „Er kostet Geld ... und morgen würden die Leute davon sprechen, daß unter Schatoffs Fenster Mordwerkzeuge liegen. Legen Sie ihn wieder hin. – So. Und jetzt setzen Sie sich. Sagen Sie, warum beichten Sie mir förmlich Ihren Gedanken, daß ich zu Ihnen kommen würde, um Sie zu töten? Ich bin auch jetzt nicht gekommen, um mich mit Ihnen zu versöhnen, sondern um über etwas sehr Notwendiges mit Ihnen zu sprechen. Erklären Sie mir zunächst eines: Sie haben mich doch nicht wegen meiner Verbindung mit Ihrer Frau geschlagen?“
„Sie wissen doch selbst, daß ich nicht deswegen ...“
Schatoff sah wieder zu Boden.
„Und auch nicht wegen des dummen Klatsches über Darja Pawlowna?“
„Nein, nein, natürlich nicht! Blödsinn! Meine Schwester hat mir gleich zu Anfang gesagt ...“ erwiderte Schatoff mit Ungeduld, schroff, und fast stampfte er mit dem Fuß auf.
„Also habe ich es richtig erraten ... und auch Sie haben das andere erraten,“ fuhr Stawrogin ruhig fort. „Sie irren sich nicht, es ist so: Marja Timofejewna Lebädkin ist meine rechtmäßige, mir vor viereinhalb Jahren in Petersburg angetraute Frau. – Sie haben mich doch ihretwegen geschlagen?“
Ganz bestürzt saß Schatoff da, hörte und schwieg.
„Ich ahnte es und konnte es doch nicht glauben,“ murmelte er endlich und sah dabei Stawrogin sonderbar an.
„Und so schlugen Sie?“
Schatoff wurde feuerrot und stammelte fast zusammenhangslos:
„Ich habe es ... wegen Ihrer Erniedrigung ... für Ihren Fall ... Ihre Lüge ... Ich trat nicht an Sie heran, um Sie zu bestrafen ... Als ich auf Sie zuging, wußte ich selbst noch nicht, daß ich schlagen würde. Ich ... habe es deswegen ... weil Sie so viel in meinem Leben bedeutet haben ... Ich –“
„Verstehe, verstehe schon, sparen Sie die Worte. Es tut mir leid, daß Sie heute fiebern, denn ich muß über eine wichtige Sache mit Ihnen sprechen.“
„Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet.“ Schatoff zitterte geradezu und erhob sich vom Stuhl. „Sprechen Sie von Ihrer Angelegenheit, ich werde dann sprechen ... nachher ...“
Er setzte sich wieder.
„Diese Sache hat mit alledem nichts gemein,“ begann Stawrogin, der ihn mit Neugier beobachtete. „Gewisse Umstände haben mich gezwungen, heute noch diese späte Stunde zu wählen, um Sie zu benachrichtigen, daß man Sie vielleicht bald ermorden wird.“
Schatoff blickte ihn wild an.
„Ich weiß, daß mir Gefahr drohen könnte,“ sagte er zurückhaltend, „aber – wie können Sie denn das wissen?“
„Weil ich ebenfalls zu jenen gehöre und eben solch ein Mitglied des Bundes bin, wie Sie.“
„Sie ... Sie ... ein Glied des ... Bundes?“
„Ich sehe an Ihren Augen, daß Sie alles von mir erwartet hätten, nur das nicht,“ sagte Stawrogin, mit kaum merklichem Lächeln. „Aber, erlauben Sie, dann wußten Sie also schon, daß man Sie ermorden will?“
„Nicht einmal gedacht habe ich daran! Und auch jetzt glaube ich es nicht, obschon Sie es sagen! Aber wer kann denn vor diesen Eseln sicher sein!“ rief er plötzlich wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich fürchte sie aber nicht! Ich habe mit ihnen gebrochen. Der eine ist viermal zu mir gekommen und hat mir gesagt, daß man austreten kann ... aber –“ er sah auf Stawrogin – „was wissen Sie denn eigentlich davon?“
„O, fürchten Sie nichts, ich betrüge Sie nicht,“ fuhr Stawrogin kühl fort, mit dem Ausdruck eines Menschen, der nur eine Pflicht erfüllt. „Sie wollen mich examinieren: was ich davon weiß? Ich weiß, daß Sie in diesen Verband eingetreten sind, als Sie noch im Auslande waren, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika und, ich glaube, gleich nach unserem letzten Gespräch, über das Sie mir dann ja in Ihrem Brief aus Amerika so viel geschrieben haben. Verzeihen Sie, bitte, daß ich nicht gleichfalls mit einem Brief darauf geantwortet habe, und nur ...“
„Das Geld schickten! Warten Sie einen Augenblick,“ unterbrach ihn Schatoff, zog eilig das Schubfach des Tisches auf und suchte unter einem Stoß von Papieren einen Hundertrubelschein hervor. „Hier, bitte, nehmen Sie die hundert Rubel wieder, die Sie mir schickten, ohne Sie wäre ich dort umgekommen. Ich würde Ihnen die Summe noch lange nicht zurückgeben können, ... wenn nicht Ihre Mutter diese hundert Rubel vor neun Monaten ... nach meiner Krankheit ... mir meiner Armut wegen geschenkt hätte. Doch fahren Sie fort, bitte ...“
Schatoff war vor Aufregung ganz atemlos.
„In Amerika änderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der Schweiz zurückgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Rußland von irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder abnehmen würde. Ich bin nicht über alle Einzelheiten unterrichtet, doch in der Hauptsache verhält es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an, daß es – deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgültig frei wären. Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufällig erfahren. Ich möchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen scheinen: daß nämlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie freizugeben.“
„Das ist unmöglich!“ brüllte Schatoff auf. „Ich habe ihnen ehrlich erklärt, daß ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein Recht, das Recht meines Gewissens und meiner Überzeugung ... Ich werde das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ...“
„Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so,“ fiel ihm Stawrogin sehr ernst ins Wort. „Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhört, wenn nicht mit eigenen, so doch mit fremden Ohren, – was sich ja schließlich gleich bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebädkin war verpflichtet, Sie zu beobachten, und Sie mußten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, – war’s nicht so? Übrigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklärt, oder nicht?“
„Er war einverstanden: er sagte, ich könne – und ich hätte das Recht ...“
„Nun, dann betrügt er Sie. Ich weiß genau, daß sogar Kirilloff, der beinahe überhaupt nicht zu ihnen gehört, beauftragt war, Nachrichten über Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es nicht einmal, daß sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man beständig aufgepaßt. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgültig zu erledigen: da Sie zu viel wissen und vielleicht sie alle verraten könnten, hat er die Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß jene die feste Überzeugung haben, daß Sie ein Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es doch bestimmt tun wird. Ist das wahr?“ fragte Stawrogin in einem ruhigen, ganz gewöhnlichen Tone.
Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone hörte.
„Und wenn ich ein Spion wäre – wem sollte ich denn etwas verraten?“ fragte er hämisch zurück. „Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir! Aber Sie!“ rief er aus, sich plötzlich von neuem auf die Nachricht stürzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr erschüttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. „Aber Sie, Sie, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!?“ rief er ganz verzweifelt aus und erhob wie fassungslos die Hände, als könnte es nichts Bittereres und Trostloseres für ihn geben, als diese Entdeckung.
„Erlauben Sie –“ wunderte Stawrogin sich tatsächlich, „Sie scheinen ja förmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu mir, für so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus Amerika habe ich das ...“
„Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel!“ brach Schatoff plötzlich das ab. „Aber wenn Sie über sich selbst etwas sagen, erklären könnten? ... Auf meine Frage? – So tun Sie es!“ bat er erregt.
„Mit Vergnügen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet, Ihnen einige Mitteilungen darüber zu machen. Genau genommen, gehöre ich durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch früher nicht zu ihm gehört und habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrücklich niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich zu Anfang erklärt, daß ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin, – und wenn ich ihnen zufällig einmal geholfen habe, so habe ich das nur wie ein müßiger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich übereingekommen, daß auch ich ihnen gefährlich werden könnte, und deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt.“
„Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen schnell – und alles vorschriftsmäßig auf bestempeltem Papier, das dann von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, daß die dazu fähig wären! ...“
„Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht,“ fuhr Stawrogin mit der früheren Gleichmütigkeit, fast Faulheit, fort. „Zweifellos ist auch viel Phantasie dabei, wie ja gewöhnlich in solchen Fällen, und in der Phantasie vergrößert das Häufchen sein Wachstum und seine Bedeutung. Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen, einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu bescheiden, wenn er sich nur für einen Agenten des Verbandes hält. Der Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade dümmer, als bei anderen Verbänden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur Internationale. Es ist ihnen gelungen, sich in Rußland Agenten anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren erfunden ... doch selbstverständlich nur theoretisch. Was nun Sie und mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische Organisation eine so dunkle Sache, daß man in der Tat auf alles mögliche gefaßt sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch, der das, was er will, auch durchsetzt.“
„Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von Rußland überhaupt nichts versteht!“ rief Schatoff wütend aus.
„Sie kennen ihn nur flüchtig. Es ist wahr, daß sie alle nur wenig von Rußland verstehen, aber schließlich doch wohl nur wenig weniger als Sie und ich. Außerdem ist Werchowenski Enthusiast.“
„Werchowenski Enthusiast?“
„O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhört, bloß Narr zu sein, und sich in einen ... Halbverrückten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines Ihrer eigenen Aussprüche: ‚wissen Sie auch, wie stark ein einzelner Mensch sein kann‘? Bitte, lachen Sie nicht, er ist sogar sehr fähig, den Hahn eines Gewehres abzudrücken. Die Leute sind überzeugt, daß auch ich ein Spion bin. Und da sie die Sache nicht anzufassen verstehen, so beschuldigen sie mit Vorliebe andere der Spionage.“
„Aber Sie fürchten sie doch nicht.“
„N–nein ... Ich fürchte sie nicht sehr ... Doch mit Ihnen ist es etwas ganz anderes. Ich habe Sie wenigstens gewarnt, damit Sie sich einzurichten wissen. Es braucht einen nicht zu beleidigen, daß einem von Dummköpfen Gefahr droht. Aber wie ich sehe, ist es schon viertel nach elf.“ Stawrogin blickte auf seine Uhr und erhob sich. „Ich möchte nur noch eine ganz nebensächliche Frage an Sie stellen.“
„Um Gottes willen!“ rief Schatoff und sprang jäh auf.
„Sie meinen?“ Stawrogin sah ihn fragend an.
„Sagen Sie, stellen Sie die Frage ... um Gottes willen!“ wiederholte Schatoff in unbeschreiblicher Aufregung. „Aber mit der Bedingung, daß auch ich dann eine Frage stellen kann! Ich flehe Sie an ... daß auch ich ... Ich kann nicht mehr! – Stellen Sie Ihre Frage.“
Stawrogin wartete ein wenig, dann begann er:
„Ich hörte, Sie hätten hier einigen Einfluß auf Marja Timofejewna gehabt, und diese soll Sie gern gesehen und Ihnen zugehört haben. Ist das wahr?“
„Ja ... sie sah ... Ja – sie sah mich ...“ stammelte Schatoff ein wenig wirr.
„Ich habe die Absicht, in diesen Tagen meine Heirat mit ihr hier in der Stadt öffentlich bekanntzumachen.“
„Ist das möglich?“ flüsterte Schatoff fast entsetzt.
„Sie meinen das – in welchem Sinne? ... Es liegen durchaus keine Schwierigkeiten vor. Die Trauzeugen sind hier. Es geschah, wie gesagt, damals in Petersburg vollkommen ruhig und rechtmäßig in Gegenwart der beiden Trauzeugen, Kirilloff und Pjotr Werchowenski, und von Lebädkin, den ich jetzt das Vergnügen habe, meinen Verwandten zu nennen. Es blieb bisher allen unbekannt, weil diese drei ihr Wort gaben, darüber zu schweigen.“
„Ich meinte nicht das ... Sie sagen es so ruhig ... aber fahren Sie fort! Hören Sie, man hat Sie doch nicht mit Gewalt zu dieser Ehe gezwungen, doch nicht mit Gewalt?“
„Nein, mich hat niemand mit Gewalt dazu gezwungen.“ Stawrogin lächelte über Schatoffs einfältigen Eifer.
„Und was sie da von ihrem Kinde redet? ...“ beeilte sich Schatoff, wirr, wie im Fieber.
„Von ihrem Kinde redet? Bah! Das wußte ich nicht; höre es zum erstenmal. Sie hat nie ein Kind gehabt und hätte es auch gar nicht haben können: Marja Timofejewna ist Mädchen.“
„Ah! Das dachte ich mir auch! Hören Sie!“
„Was fehlt Ihnen, Schatoff?“
Schatoff bedeckte sein Gesicht mit den Händen, wandte sich ab, kehrte sich dann wieder um und packte plötzlich Stawrogin fest an den Schultern.
„Wissen Sie denn auch, wissen Sie denn wenigstens,“ rief er wieder laut, „warum Sie das alles getan haben und warum Sie sich jetzt zu dieser Buße entschließen?“
„Ihre Frage ist klug und boshaft, aber ich habe die Absicht, auch Sie in Erstaunen zu setzen. Ja, fast weiß ich es, warum ich damals geheiratet und warum ich mich jetzt entschlossen habe, diese ‚Buße‘, wie Sie sagen, auf mich zu nehmen.“
„Lassen wir das ... davon später ... warten Sie ... sprechen Sie von der Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet!“
„Ja?“
„Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der’s könnte ... Ich habe Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ...“
„Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes.“
„Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen ... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: können Sie mir noch zehn Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf Sie gewartet!“
„Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn’s Ihnen möglich ist, sich damit zu begnügen.“
„Aber ... nur mit der Bedingung,“ unterbrach ihn Schatoff jähzornig, „daß Sie Ihren Ton ändern. Hören Sie, ich verlange es, ich fordere es, während ich Sie doch darum anflehen müßte ... Verstehen Sie, was das heißt, zu fordern, wenn man weiß, daß man flehen müßte?“
„Ich verstehe, daß Sie sich so über alles Gewöhnliche erheben wollen, um eines höheren Zweckes willen.“ Stawrogin lächelte kaum merklich. „Und mit Bedauern sehe ich, daß Sie im Fieber sind.“
„Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es!“ rief Schatoff. „Nicht meine Person selbst, zum – Teufel mit ihr, – aber das andere ... nur diesen einen Augenblick, für diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen und treffen uns hier außerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie denn nicht, daß Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb verzeihen müssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre grenzenlose Macht zu fühlen. Schon wieder lächeln Sie Ihr verächtliches, angeekeltes Gesellschaftslächeln! Oh, wann werden Sie mich endlich verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So begreifen Sie doch, daß ich das verlange, sonst will ich nicht mit Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, für nichts in der Welt!“
Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger.
„Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu bleiben,“ sagte er eindringlich und ernst, „obgleich meine Zeit sehr kostbar ist, so könnten Sie mir doch glauben, daß ich die Absicht habe, Sie wenigstens mit Interesse anzuhören.“
Er setzte sich wieder auf seinen Platz.
„Setzen Sie sich!“ rief Schatoff plötzlich und setzte sich dann gleichfalls.
„Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, daß ich meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens für Marja Timofejewna von großer Wichtigkeit ...“
„Nun?“ Schatoff ärgerte sich, wie ein Mensch, den man plötzlich an der wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht.
„... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende sprechen konnte,“ schloß Stawrogin lächelnd.
„Eh, was, Unsinn, nachher!“ rief Schatoff und winkte, da er endlich diese Anmaßung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf sein Ziel los.
VII.
„Wissen Sie auch,“ begann er fast drohend, mit vorgebeugtem Körper und glänzenden Augen, wobei er den Zeigefinger seiner Rechten vor sich erhoben hielt, was er selbst gar nicht zu bemerken schien, „wissen Sie auch, welches jetzt das einzige Gotträgervolk ist, das da kommen wird, die Welt zu erlösen und zu erneuen mit dem Namen des neuen Gottes – das einzige Volk, dem die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind ... Wissen Sie auch, welches Volk das ist und wie sein Name lautet?“
„Nach Ihrem Gebaren zu urteilen, muß ich unbedingt und wohl so schnell wie möglich sagen, daß dieses Volk das russische sei.“
„Und schon lachen Sie! Oh, Russen!“
Schatoff krallte vor Wut die Hand ins Haar.
„Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum. Im Gegenteil: ich hatte sogar gerade etwas von dieser Art erwartet.“
„Von dieser Art erwartet? Aber Ihnen selbst sind diese Worte nicht bekannt?“
„Oh, sie sind mir durchaus bekannt. Ich sehe nur zu gut, wohin Sie damit wollen. Alles, was Sie sagten, und sogar der Ausdruck ‚Gotträgervolk‘ ist nichts anderes, als die Schlußfolgerung aus unserem Gespräch, das wir vor zwei Jahren im Auslande hatten, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika ... Wenigstens so weit ich mich dessen entsinnen kann.“
„Aber das ist ja doch Ihr Ausspruch, vom Anfang bis zum Ende Ihr Ausspruch – und nicht der meinige! Ihre eigenen Worte, und nicht nur die Folgerung aus unserem Gespräch! Und wie können Sie überhaupt sagen ‚unserem‘ Gespräch! Es war da ein Lehrer, der große, mächtige Worte predigte, und es war da ein Schüler, der von den Toten auferstand und zuhörte. Ich war der Schüler und der Lehrer waren Sie.“
„Doch erlauben Sie, wenn ich mich recht entsinne, so war es gerade nach meinen Worten, daß Sie in jenen Bund eintraten und dann nach Amerika reisten?“
„Ja – doch ich schrieb Ihnen darüber aus Amerika. Ich konnte mich damals noch nicht losreißen von all dem, woran ich mich von Kindheit auf festgesogen hatte, das das Entzücken all meiner Hoffnungen gewesen war und die Tränen meines ganzen Hasses und meiner ganzen Verzweiflung ... Oh, es ist schwer, die Götter zu wechseln! Ich glaubte Ihnen damals nicht, denn ich wollte nicht glauben und warf mich noch zum letztenmal in diese ... in diese Kloake ... Doch die Saat blieb und schoß auf und wuchs. Aber sagen Sie im Ernst: haben Sie meinen Brief aus Amerika überhaupt nicht gelesen?“
„Ich habe drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und das andere überflogen. Übrigens habe ich mir schon immer vorgenommen ...“
„Eh, einerlei, lassen Sie es, zum Teufel damit,“ winkte Schatoff ab. „Wenn Sie aber Ihren früheren Worten untreu geworden sind, wie konnten Sie sie denn damals aussprechen? Das ist es, was mich jetzt würgt!“
„Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt. Als ich Sie überzeugen wollte, bemühte ich mich vielleicht weit mehr um mich selbst, als um Sie,“ antwortete Stawrogin rätselhaft.
„Nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate auf Stroh gelegen neben einem ... Unglücklichen, von dem ich erfuhr, daß Sie in derselben Zeit, als Sie in meine Seele Gott und die Heimat pflanzten, das Herz dieses selben, dieses Maniaken Kirilloff, vergifteten ... Sie haben Lüge und Verleumdung in ihm bestätigt und seine Vernunft schließlich zum Wahnsinn gebracht. Gehen Sie, sehen Sie ihn sich an ... Das ist jetzt Ihr Geschöpf! Aber Sie haben ihn ja gesehen ...“
„Erstens möchte ich Ihnen sagen, daß mir Kirilloff soeben selbst gesagt hat, daß er glücklich ist und vollkommen. Was Sie da von ‚derselben Zeit‘ sagen, das ist allerdings fast richtig – aber was liegt daran? Ich wiederhole nochmals, daß ich weder Sie noch ihn betrogen habe.“
„Sie sind Atheist? Sind Sie jetzt Atheist?“
„Ja.“
„Und damals?“
„Ebenso wie heute.“
„Ich habe nicht für mich um Achtung gebeten, als ich das Gespräch begann. Das hätten Sie, bei Ihrem Verstande, wirklich verstehen können,“ murmelte Schatoff unwillig.
„Ich bin nicht bei Ihrem ersten Worte aufgestanden, habe nicht dieses Gespräch abgebrochen, bin nicht fortgegangen, sitze noch jetzt hier und antworte gehorsam auf Ihre Fragen und ... Schreie – also habe ich doch die Achtung vor Ihnen nicht vergessen.“
Schatoff unterbrach ihn mit einer Handbewegung:
„Erinnern Sie sich noch Ihres Ausspruchs: ‚ein Atheist kann nicht Russe sein‘ – ‚ein Atheist hört sofort auf, Russe zu sein‘ – erinnern Sie sich?“
„Ja?“ fragte Stawrogin gleichsam.
„Sie fragen noch? Sie haben es vergessen? Und doch ist es einer der richtigsten Hinweise auf eine der wichtigsten Besonderheiten des russischen Geistes, die Sie erraten haben. Nein, das haben Sie nicht vergessen können! Und ich werde Sie an noch etwas erinnern. Damals sagten Sie sogar: ‚Ja, wer nicht rechtgläubig ist, der kann nicht Russe sein‘ ...“
„Mir scheint, das ist ein Gedanke der Slawophilen.“
„Nein. Die jetzigen Slawophilen würden sich von ihm lossagen. Heute ist ja alle Welt klüger geworden! Sie aber gingen damals noch weiter: Sie sagten, daß der Katholizismus überhaupt nicht mehr Christentum sei. Sie behaupteten, daß der Christus, den Rom verkündet, der dritten Versuchung des Satans nicht widerstanden hat, und daß Rom, wenn es alle Welt lehrt, Christus könne ohne Erdenreich auf der Erde nicht bestehen, damit den Antichrist verkündet und den ganzen Westen zugrunde gerichtet hat. Und Sie wiesen noch darauf hin, daß, wenn Frankreich sich quält, daran einzig der Katholizismus die Schuld trägt, denn Frankreich habe den stinkenden römischen Gott zwar verworfen, einen neuen Gott aber nicht zu finden vermocht. Ja, das alles haben Sie damals sagen können! Ich habe unsere Gespräche behalten.“
„Wenn ich gläubig wäre, so würde ich zweifellos auch jetzt noch dasselbe wiederholen: ich log nicht, als ich wie ein Gläubiger sprach,“ sagte Stawrogin sehr ernst, „aber ich versichere Ihnen, daß diese Wiederholungen meiner früheren Gedanken einen unangenehmen Eindruck auf mich machen. Können Sie nicht abbrechen?“
„Wenn Sie gläubig wären?!“ rief Schatoff, ohne der Bitte die geringste Beachtung zu schenken. „Aber wer war es denn, der mir einst sagte: ‚Wenn man mir mathematisch bewiese, daß die Wahrheit nicht in Christus ist, so würde ich es dennoch vorziehen, mit Christus zu bleiben, als mit der Wahrheit‘ –? Sollten Sie das wirklich nicht gewesen sein? Oder haben Sie das gesagt? Haben Sie’s?“
„Aber erlauben Sie auch mir, endlich zu fragen,“ – Stawrogin erhob nun auch seine Stimme – „was Sie mit diesem ungeduldigen und ... boshaften Examen eigentlich von mir wollen?“
„Dieses Examen vergeht und Sie werden nie wieder daran erinnert werden.“
„Sie bestehen immer noch darauf, daß wir außerhalb von Raum und Zeit sind?“
„Schweigen Sie!“ fuhr ihn Schatoff plötzlich an. „Ich bin dumm und ungeschickt, doch mag mein Name in Lächerlichkeit untergehen – darauf kommt’s nicht an. Aber ... werden Sie mir gestatten, hier vor Ihnen wenigstens noch Ihren größten Gedanken von damals zu wiederholen ... nur zehn Zeilen, nur die letzte Zusammenfassung?“
„Wiederholen Sie ... wenn es wirklich nur die Zusammenfassung ist ...“
Stawrogin wollte schon nach der Uhr sehen, bezwang sich aber und tat es nicht.
Schatoff beugte wieder den Oberkörper vor und auf einen Augenblick erhob er sogar abermals den Zeigefinger.
„Noch kein einziges Volk,“ begann er, als lese er Zeile für Zeile aus einem Buche ab, während er dabei Stawrogin unverändert streng ansah, „noch kein einziges Volk hat sich auf den Grundlagen der Vernunft und Wissenschaft aufgebaut und eingerichtet. Dieses Beispiel hat noch kein Volk gegeben, außer vielleicht für die Dauer von höchstens einem Augenblick, und dann geschah es aus Dummheit. Der Sozialismus muß schon seinem Wesen nach Atheismus sein, denn er verkündet gleich ausdrücklich und mit seinem ersten Satz, daß er seine Welt ausschließlich auf Vernunft und Wissenschaft aufzubauen beabsichtigt. Doch Vernunft und Wissenschaft haben im Leben der Völker stets, sowohl jetzt wie von jeher, nur eine zweitrangige und dienende Aufgabe erfüllt; und das werden sie bis zum Ende der Welt tun. Gestaltet und bewegt aber werden die Völker von einer ganz anderen Kraft, von einer befehlenden und zwingenden, deren Ursprung jedoch unbekannt und unerklärlich bleibt. Es ist die Kraft des unstillbaren Wunsches, zum Ende zu gelangen, und die sich zu gleicher Zeit ständig des Endes erwehrt. Es ist die Kraft der fortwährenden und unermüdlichen Bestätigung des Seins und Verneinung des Todes. Es ist der Geist der ewig fließenden Wasser des Lebens, wie die Heilige Schrift sagt, und mit deren Versiegen die Apokalypse so furchtbar droht. Es ist der ästhetische Trieb, wie die Künstler, es ist der moralische Trieb, wie die Philosophen ihn nennen. Ich sage einfach: ‚Es ist das Suchen nach Gott‘. Das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines Volkes, jedes Volkes, und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach seinem Gott, unbedingt nach seinem eigenen, seinem besonderen Gott, und dann der Glaube an diesen Gott als an den einzig wahren. Gott ist die synthetische Persönlichkeit eines ganzen Volkes von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Noch nie ist es vorgekommen, daß zwei oder mehrere Völker ein und denselben Gott gehabt hätten, sondern jedes Volk hat stets seinen eigenen Gott gehabt. Ein Anzeichen des Niedergangs der Völker ist es, wenn ihre Götter allgemein werden. Und wenn die Götter allgemein werden, dann sterben die Götter und stirbt der Glaube an sie zusammen mit den Völkern. Je stärker aber ein Volk ist, desto ausschließlicher ist auch sein Gott. Noch hat es nie ein Volk ohne Religion gegeben, das heißt, ohne Vorstellung von Gut und Böse. Jedes Volk hat seinen eigenen Begriff von Gut und Böse, und sein eigenes Gut und Böse. Wenn bei vielen Völkern die Begriffe von Gut und Böse gemeingültig zu werden beginnen, dann verwischt sich und verschwindet der Unterschied zwischen Gut und Böse und die Völker gehen zugrunde. Noch nie ist die Vernunft fähig gewesen, Gut und Böse zu erklären, oder auch nur Böse und Gut auseinanderzuhalten, wenn auch nur annähernd. Im Gegenteil, stets hat sie Gut und Böse nur schmählich und kläglich miteinander verwechselt. Die Wissenschaft aber hat immer nur rohe, plumpe Antworten gegeben. Und besonders hat sich darin die Halbwissenschaft ausgezeichnet, diese schrecklichste aller Geißeln der Menschheit, furchtbarer als Pest, Hunger und Krieg, die bis zum jetzigen Jahrhundert unbekannt war. Die Halbwissenschaft – die ist ein Despot, wie es bisher noch keinen gegeben hat. Ein Despot, der seine Priester und Sklaven hat, ein Despot, vor dem alles in Liebe und mit einem Aberglauben sich beugt, der bisher undenkbar gewesen wäre, vor dem sogar die Wissenschaft selbst zittert und dem sie schmachvoll genug beipflichtet. – Das sind alles Ihre eigenen Worte, Stawrogin, nur die über die Halbwissenschaft, die sind von mir, der ich selbst solch ein Halbwissenschaftler bin und sie darum hasse, wie ich nur etwas hassen kann. An Ihren Gedanken aber und sogar an Ihren Worten habe ich nichts geändert, nicht eine einzige Silbe.“
„Ich glaube nicht, daß Sie nichts verändert haben,“ bemerkte Stawrogin vorsichtig, „Sie haben alles leidenschaftlich erfaßt und es auch leidenschaftlich verändert – vielleicht ohne es zu bemerken. Schon allein, daß Sie Gott zu einem einfachen Attribut des Volkes erniedrigen –“
Er begann plötzlich, Schatoff mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit zu betrachten, nicht einmal so sehr auf seine Worte zu hören, als ihn selbst zu beobachten.
„Ich erniedrige Gott zu einem Attribut des Volkes! Im Gegenteil, ich erhebe das Volk bis zu Gott! Das Volk, – das ist der Körper Gottes. Jedes Volk ist nur so lange Volk, wie es noch seinen besonderen, seinen eigenen Gott hat, und all die anderen Götter auf der Welt stark und grausam von sich stößt; so lange es noch glaubt, daß es nur mit seinem Gott siegen und alle anderen Götter und Völker sich unterwerfen kann. Das haben alle großen Völker der Erde von sich und ihrem Gotte geglaubt, wenigstens alle einigermaßen hervorragenden, alle, die einmal an der Spitze der Menschheit gestanden. Die Juden haben nur zu dem Zweck gelebt, um den wahren Gott zu erwarten, und so haben sie denn jetzt der Welt den wahren Gott hinterlassen. Die Griechen haben die Natur vergöttert und der Welt ihre griechische Religion, das heißt, Philosophie und Kunst, hinterlassen. Rom hat das Volk im Staate vergöttert und den Völkern den Staat vermacht. Frankreich war in seiner ganzen langen Geschichte nur die Verkörperung und Entwicklung des Gottes ‚Katholizismus‘; und wenn es diesen seinen römischen Gott schließlich in den Orkus warf und sich dem Atheismus hingab, der bei den Franzosen vorläufig noch Sozialismus heißt – so geschah das nur deshalb, weil der Atheismus schließlich doch gesünder ist als der römische Katholizismus. Wenn ein großes Volk nicht glaubt, daß in ihm allein die Wahrheit ist (gerade in ihm allein und unbedingt ausschließlich in ihm), wenn es nicht glaubt, daß es ganz allein fähig und berufen ist, alle anderen Völker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem großen Volk! Ein wahrhaft großes Volk kann sich auch nie mit einer zweitrangigen Rolle in der Menschheit zufrieden geben, ja, noch nicht einmal mit einer erstrangigen, sondern es muß unbedingt und ausschließlich das Erste unter den Völkern sein wollen. Ein Volk, das diesen Glauben verliert, ist kein Volk mehr. Doch da es nur eine Wahrheit gibt, so kann auch nur ein einziges Volk den einzigen wahren Gott haben, mögen andere Völker auch ihre eigenen und noch so großen Götter besitzen. Das einzige Gotträgervolk aber – das sind wir, das ist das russische Volk, und ... und ... und sollten Sie mich wirklich für so dumm halten, Stawrogin,“ brüllte er plötzlich voll Ingrimm, „daß ich nicht mehr zu unterscheiden vermag, ob diese meine Worte altes, mürbes Gewäsch sind, das von allen möglichen Moskauer Slawophilenmühlen schon durch und durch gemahlen ist, oder ob es neue Worte sind, vollständig reine und neue Worte, die letzten Worte, die einzigen Worte der Erlösung und Auferstehung und ... Eh, was geht mich jetzt in diesem Augenblick Ihr Lachen an! Was geht es mich an, daß Sie mich überhaupt nicht, überhaupt nicht verstehen, kein Wort, keinen Ton ... Oh, wie unsagbar ich es verachte, Ihr stolzes Lachen und Ihren stolzen Blick gerade jetzt!“
Er sprang auf, sogar Schaum war auf seinen Lippen.
„Im Gegenteil, Schatoff, ganz im Gegenteil,“ sagte Stawrogin ungewöhnlich ernst, ohne sich von seinem Platz zu erheben, „im Gegenteil, Sie haben mit Ihren glühenden Worten ungemein starke Erinnerungen in mir wachgerufen. Ich finde meine eigene Stimmung von damals, vor zwei Jahren, wieder, und jetzt werde ich Ihnen schon nicht mehr sagen, daß Sie meine Gedanken vergrößert haben. Es scheint mir sogar, daß ich sie noch schärfer, noch autokratischer damals prägte, und ich versichere Ihnen auf jeden Fall, daß ich sogar sehr gerne alles bestätigen würde, was Sie da sagten, aber ...“
„Aber Sie brauchen den Hasen?“
„Wa–as?“
„Das ist ja Ihr eigener, gemeiner Ausdruck!“ lachte Schatoff höhnisch auf und setzte sich wieder. „‚Um eine Hasensauce zu machen, braucht man einen Hasen, und um an Gott zu glauben, muß erst Gott da sein.‘ Das sollen Sie in Petersburg gesagt haben, à la Nosdreff,[37] der den Hasen an den Hinterbeinen fangen wollte.“
„Nein, Nosdreff prahlte, er hätte ihn bereits gefangen. Übrigens, erlauben Sie eine Frage, zumal ich jetzt wohl das volle Recht dazu haben dürfte: Ist Ihr Hase eigentlich schon gefangen oder läuft er noch?“
„Unterstehen Sie sich nicht, mich mit solchen Worten zu fragen! Fragen Sie mit anderen, mit anderen!“ Schatoff zitterte plötzlich.
„Wie Sie wünschen. Also mit anderen.“ Stawrogin sah ihn mit hartem Blick an. „Ich wollte nur wissen: glauben Sie selbst an Gott, oder nicht?“
„Ich glaube an Rußland, ich glaube an seine Rechtgläubigkeit ... Ich glaube an den Leib Christi ... Ich glaube, daß die neue Wiederkunft in Rußland geschehen wird ... Ich glaube ...“ stammelte Schatoff wie in Verzückung.
„Aber an Gott? An Gott?“
„Ich ... ich werde glauben – an Gott.“
Kein einziger Muskel bewegte sich im Gesicht Stawrogins. Schatoff sah ihn glühend, mit Herausforderung an, ganz als hätte er ihn verbrennen wollen mit seinem Blick.
„Ich habe Ihnen doch nicht gesagt, daß ich überhaupt nicht glaube,“ rief er schließlich. „Ich gebe doch nur zu verstehen, daß ich ein unglückliches, langweiliges Buch bin und vorläufig nichts weiter, vorläufig ... Aber was liegt an mir! Es liegt ja alles bei Ihnen! Ich bin nur ein unbegabter Mensch und kann nur mein Blut hingeben und weiter nichts, wie jeder unbegabte Mensch. So mag denn mein Blut auch fließen! Ich spreche jetzt von Ihnen. Ich habe zwei Jahre hier auf Sie gewartet ... Nur um Ihretwillen tanze ich jetzt hier nackt vor Ihnen. Nur Sie ... Sie allein könnten die Fahne erheben! ...“
Er sprach nicht zu Ende und wie in Verzweiflung stützte er die Arme auf den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen.
„Ich möchte, da Sie darauf zu sprechen gekommen sind, nur eines bemerken, als Kuriosität,“ unterbrach Stawrogin plötzlich die Stille. „Warum wollen mir alle immer eine Fahne aufdrängen? Auch Pjotr Stepanowitsch ist überzeugt, ich allein könnte ihre ‚Fahne erheben‘, – wenigstens hat man mir diesen Ausspruch von ihm wiedergegeben. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, ich wäre fähig, für sie die Rolle eines Stenka Rasin[38] zu spielen, dank meiner ‚ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen‘ – gleichfalls seine Worte.“
„Wie? Dank Ihrer ‚ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen?‘“ fragte Schatoff.
„Hm! ... Aber ist es wahr,“ fragte Schatoff mit einem bösen Lächeln, „daß Sie in Petersburg zu einer viehischen, wollüstigen Gesellschaft gehört haben? Daß Sie sich selbst gerühmt haben, der Marquis de Sade hätte von Ihnen noch lernen können? Daß Sie Kinder zu sich gelockt und verdorben haben? Antworten Sie! Und wagen Sie nicht, zu lügen! Stawrogin kann nicht lügen – vor Schatoff, der ihn ins Gesicht geschlagen hat! Sagen Sie, sagen Sie alles, und wenn es wahr ist, so werde ich Sie auf der Stelle totschlagen!“ schrie Schatoff wie wahnsinnig.
„Diese Worte habe ich gesagt, aber Kindern habe ich nichts angetan,“ sagte Stawrogin schließlich, aber erst nach einem gar zu langen Schweigen.
Er war erblaßt und seine Augen glühten.
„Aber Sie haben es gesagt!“ fuhr Schatoff herrisch fort, ohne seinen sprühenden Blick von ihm abzuwenden. „Und ist es wahr, daß Sie versichert haben, Sie wüßten keinen Schönheitsunterschied zwischen irgendeinem wollüstigen, tierischen Streiche und gleichviel welcher Heldentat, und wäre es selbst das Opfer des Lebens für die Menschheit? Ist es wahr, daß Sie in beiden Polen die gleiche Schönheit fanden, den gleichen Genuß?“
„So zu antworten ist unmöglich ... ich will nicht antworten,“ murmelte Stawrogin, der jetzt sehr gut hätte aufstehen und fortgehen können und doch nicht aufstand und nicht fortging.
„Ich weiß es auch nicht, warum das Böse häßlich und das Gute schön ist, aber ich weiß, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und verloren geht bei solchen Herrschaften, wie Stawrogin und seinesgleichen,“ ließ Schatoff, am ganzen Körper bebend, nicht davon ab. „Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll, schändlich und gemein? Gerade deshalb, weil hier die Schmach und Gemeinheit schon an Genialität grenzte! Oh, Sie schlendern nicht bloß so am Rande, Sie stürzen sich dreist mit dem Kopf voran in den Abgrund hinab. Aus Leidenschaft zur Qual haben Sie geheiratet, aus Leidenschaft zu Reue und Gewissensbissen, aus geistiger, sittlicher Wollust. Hier waren Ihre Nerven wund ... Die Herausforderung an die gesunde Vernunft, die hierin lag, war schon gar zu verführerisch! Stawrogin! und eine häßliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krüppelig ist! – Als Sie den Gouverneur ins Ohr bissen, empfanden Sie da nicht Wollust? Empfanden Sie sie? Müßiger, sich herumtreibender Herrensohn, empfanden Sie sie?“
„Sie sind Psychologe,“ sagte Stawrogin, der bleicher und bleicher wurde, „obschon Sie sich in den Gründen meiner Heirat teilweise irren ... Wer hat Ihnen übrigens all dieses mitteilen können? ...“ Er zwang sich zu einem Spottlächeln. „Doch nicht Kirilloff? Aber der war ja gar nicht zugegen ...“
„Warum sind Sie bleich geworden?“
„Was wollen Sie nur von mir?“ Stawrogin erhob schließlich die Stimme: „Ich habe hier eine halbe Stunde unter Ihrer Knute gesessen, nun könnten Sie mich doch wenigstens höflich fortgehen lassen ... wenn Sie in der Tat keinen vernünftigen Grund haben, mit mir in dieser Art umzugehen.“
„Vernünftigen Grund?“
„Zweifellos. Es wäre zum mindesten Ihre Pflicht, mir zu sagen, was Sie eigentlich bezwecken. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, daß Sie es tun würden. Ich habe aber nur eine einzige rasende Bosheit in Ihnen gefunden. Ich bitte Sie, mir die Hofpforte zu öffnen.“
Er erhob sich. Schatoff stürzte ihm nach, wild vor Grimm.
„Küssen Sie die Erde, tränken Sie sie mit Tränen, bitten Sie um Vergebung!“ rief er, ihn an der Schulter packend.
„Ich habe Sie nicht erschlagen ... an jenem Sonntagmorgen ... Ich nahm beide Hände zurück ...“ sagte Stawrogin wie im Schmerz und sah zu Boden.
„So sprechen Sie doch, so sagen Sie doch alles! Sie kamen her, um mich vor der Gefahr zu warnen, Sie ließen es zu, daß ich sprach, und morgen wollen Sie Ihre Heirat öffentlich bekanntmachen! ... Sehe ich es denn nicht Ihrem Gesicht an, daß Sie mit irgendeinem neuen furchtbaren Gedanken ringen ... Stawrogin, warum bin ich dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit an Sie zu glauben? Hätte ich denn mit einem anderen so sprechen können? Ich habe Keuschheit, aber ich habe mich meiner Nacktheit nicht geschämt, – denn es war Stawrogin, vor dem ich sprach! Ich habe mich nicht gefürchtet, den großen Gedanken durch meine Berührung zu karikieren, denn Stawrogin hörte mir zu! ... Und werde ich denn nicht die Spuren Ihrer Tritte küssen, wenn Sie fortgegangen sind? Ich kann nicht, ich kann Sie nicht aus meinem Herzen reißen, Nicolai Stawrogin!“
„Es tut mir leid, daß ich Sie nicht lieben kann, Schatoff!“ sagte Stawrogin kalt.
„Ich weiß, daß Sie es nicht können, und ich weiß auch, daß Sie nicht lügen. Aber hören Sie, ich werde alles gut machen: ich werde Ihnen den Hasen verschaffen!“
Stawrogin schwieg.
„Sie sind Atheist, weil Sie ein Herrensohn sind, der letzte Herrensohn. Sie haben den Unterschied zwischen Gut und Böse verloren, denn Sie haben aufgehört, Ihr Volk zu verstehen ... Es steigt eine neue Generation herauf, unmittelbar aus dem Herzen dieses Volkes, doch Sie werden sie nie erkennen, weder Sie noch die Werchowenski, Vater und Sohn, noch ich, denn auch ich bin ein Herrensohn, ja, ich, der Sohn Ihres leibeigenen Dieners Paschka ... Hören Sie, verschaffen Sie sich Gott durch Arbeit – hierin liegt der ganze Kern ... Oder verschwinden Sie als gemeine, faulende Schimmelschicht ... Erwerben Sie sich Gott durch Arbeit!“
„Gott durch Arbeit? Mit welcher Arbeit?“
„Mit gemeiner Bauernarbeit! Gehen Sie, werfen Sie Ihren ganzen Reichtum hin ... Ah! Sie lachen, Sie fürchten wohl, daß eine Posse dabei herauskommen wird?“
Doch Stawrogin lachte nicht.
„So glauben Sie, daß man Gott durch Arbeit erringen kann, und zwar gerade Bauernarbeit?“ wiederholte er nachdenklich, als hätte man ihm in der Tat etwas Neues und Ernstes gesagt, worüber nachzudenken sich lohnte. „Aber wissen Sie auch,“ sagte er plötzlich, auf etwas anderes übergehend, „daß ich durchaus nicht reich bin und fast nichts mehr hinwerfen könnte? Ich bin sogar kaum imstande, die Zukunft Marja Timofejewnas sicherzustellen ... Ja, und damit ich es nicht vergesse: ich wollte Sie bitten, Marja Timofejewna auch fernerhin, wenn es Ihnen möglich ist, beizustehen, da doch nur Sie allein einen gewissen Einfluß auf ihren armen Verstand haben könnten. Ich sage das nur auf alle Fälle.“
„Schon gut, schon gut!“ Schatoff winkte mit der einen Hand ab, während er mit der anderen das Licht hielt. „Sie reden von Marja Timofejewna, gut, ich werde schon, das ist ja selbstverständlich ... Aber hören Sie, gehen Sie zu Tichon.“
„Zu wem?“
„Zu Tichon. Er ist ein früherer Bischof, der jetzt – krankheitshalber zurückgezogen – hier in der Stadt wohnt, hier in unserem Jefimjeff-Kloster.“
„Und –?“
„Nichts weiter. Man pilgert und fährt jetzt zu ihm. Gehen Sie auch zu ihm, was macht es Ihnen denn aus? Gehen Sie auch!“
„Höre es zum erstenmal und ... Diese Sorte Menschen habe ich noch nie gesehn. Ich danke Ihnen, ich werde hingehen.“
„Hierher!“ Schatoff leuchtete und geleitete ihn die Treppe hinunter.
„So,“ sagte er und stieß die Hofpforte sperrangelweit zur Straße auf.
„Ich werde nicht mehr zu Ihnen kommen, Schatoff,“ sagte Stawrogin leise, indem er durch die Pforte trat.
Die Nacht war nach wie vor finster und der Regen hatte noch immer nicht aufgehört ...