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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 64: III.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Siebentes Kapitel.
Die Nacht (Fortsetzung)

I.

Er ging die ganze Bogojawlenskstraße hinunter; schließlich führte der Weg leicht abwärts, seine Füße glitschten im Schlamm, und plötzlich öffnete sich vor ihm im Dunkeln ein breiter, nebliger, gleichsam leerer Raum – der Fluß. Die Häuser waren hier nicht mehr Häuser zu nennen, sondern Hütten, und die Straße hatte sich in vielen Sackgassen und Gäßchen verloren. Nicolai Wszewolodowitsch ging eine ganze Weile an den Zäunen entlang, ohne sich vom Flußufer zu entfernen, verfolgte aber standhaft seinen Weg, doch eigentlich ohne viel an ihn zu denken. Er war mit ganz anderen Dingen beschäftigt und sah sich erstaunt um, als er sich plötzlich, aus tiefem Denken erwachend, fast in der Mitte unserer langen, nassen Floßbrücke fand. Keine Seele ringsum. Nichts rührte sich. Um so sonderbarer erschien es ihm da, als plötzlich fast unmittelbar neben seinem Ellenbogen eine höflich familiäre, doch übrigens ganz angenehme Stimme ertönte, aber in jenem süßlich abgerundeten Redefluß, mit dem bei uns gar zu zivilisierte Kleinbürger oder lockenhäuptige junge Kommis in den Kaufläden zu paradieren pflegen.

„Würde mir der gnädige Herr nicht erlauben, das Regenschirmchen mit eins zu benützen?“

Und tatsächlich, eine Gestalt drückte sich unter seinen Schirm, oder tat wenigstens so, als wage sie es. Der Strolch ging neben ihm, ihn fast „mit dem Ellenbogen fühlend“, wie unsere Soldaten sagen. Nicolai Wszewolodowitsch verlangsamte den Schritt und beugte sich ein wenig, um dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu können, soweit das in der Finsternis möglich war: ein Mensch, nicht groß von Wuchs und in etwa wie ein heruntergekommener, verbummelter Kleinbürger, schlecht und nicht warm gekleidet; auf dem krausen, zottigen Haar saß schief eine nasse Tuchmütze mit halbabgerissenem Schirm. Es schien ein schwarzhaariger Mensch zu sein, mager und braun; die Augen waren groß, unbedingt schwarz, mit jenem starken Glanz und gelben Schimmer, wie ihn Zigeuner haben, – das erriet man in der Dunkelheit. Alt mochte er sein – gegen vierzig, und er war nicht betrunken.

„Du kennst mich?“ fragte Stawrogin.

„Herr Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch. Man hat Sie mir auf der Bahnstation gezeigt, kaum daß die Maschine hielt, akkurat am vorvergangenen Sonntag. Außer daß man schon früher von Ihnen gehört hat.“

„Von Pjotr Stepanowitsch? Du ... du bist der Zuchthäusler Fedjka?“

„Getauft hat man mich Fjodor Fjodorowitsch. Hab bis auf den heutigen Tag noch eine leibliche Mutter in hiesiger Gegend, eine alte Gottesdienerin, die zur Erde wächst, für uns selber Tag und Nacht alleweil zu Gott betet, damit daß sie nicht ganz umsonst ihre Altweiberzeit auf dem Ofen verliert.“

„Du bist aus dem Zuchthause entsprungen?“

„Ich hab’ halt selber mein Los verändert und ihnen da den ganzen Krempel hingeworfen. Denn ich war halt beinah auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit verurteilt, und da war’s denn schon ganz absonderlich lang auf das Ende zu warten ...“

„Was treibst du hier?“

„Ja, so, ein Tag und eine Nacht und immer ist noch nichts gemacht. Die Zeit vergeht halt von selber. Was unser Onkel ist, der ist hier in der vorigen Woche im Gefängnis gestorben, wo er von wegen falscher Gelder saß, und da hab ich denn ein Gedächtnisfeierchen für ihn gemacht und dabei so selbentlich zweimal zehn Rubel an die Hunde gebracht – das ist auch alles von unseren Taten bis eben jetzt. Und dabei haben Pjotr Stepanowitsch die Möglichkeit, uns einen Paschport auf ganz Rußland zu verschaffen, als was das Herz nur will, sogar als Kaufmann. Und da wart ich denn, bis er mir seinen Segen schenkt. Darum sagen sie, – ich meine: er, Pjotr Stepanowitsch –, darum sagt er, daß Papa dich im englischen Klub beim Kartenspiel verspielt hat, und so finde ich, sagt er, ich meine Pjotr Stepanowitsch, so finde ich diese Unmenschlichkeit ungerecht. – Sie könnten mir doch, gnädiger Herr, mit drei Rubelchen so zum Erwärmen, für ein Teechen, wohlwollen?“

„Du hast mir hier also aufgelauert. Das liebe ich nicht. Auf wessen Befehl hast du es getan?“

„Was von Befehl, so ist davon gar nichts gewesen: ich kenn’ nur bloß auch Ihre Menschenliebe, wie alle Welt es eben tut. Denn unsere Einkünftekens, Sie wissen ja selbst, Herr, daß die halt ’ne Maus auf’m Schwanz fortschleppen kann. Das war vor’gen Freitag, da habe ich mich mal vollgeschlagen mit Fleisch, wie Martyn mit Seife, wie man zu sagen pflegt, aber seit damals hab ich den ersten Tag nichts gegessen, den zweiten gefastet und den dritten wieder nichts. Wasser ist ja im Fluß, bei Gott, so viel du willst, aber davon allein kann man im Magen doch nur Karauschen züchten ... Na, und so überhaupt, der gnädige Herr werden doch wohl von den Mildtätigen sein? Und ich hab hier gerade ’ne Gevatterin nich weit, die mich erwartet: nur komm du nich ohne Rubelchen zu ihr!“

„Was hat dir denn Pjotr Stepanowitsch von mir versprochen?“

„Nicht, daß er mir was vorversprochen hat, er hat nur so mit Worten gesagt, daß ich, nu ja, dem gnädigen Herrn mal nötig sein könnte, wenn solch ein Streifen mal vorkommt; aber zu was, das hat er eigentlich nich so geradeheraus gesagt, so mit Genauigkeit, denn Pjotr Stepanowitsch will nur so zum Beispiel sehen, ob ich nich Kosakengeduld habe, und Vertrauen hat er nich für ’ne Kopeke zu mir.“

„Warum denn nicht?“

„Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklügste ist er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor Gottes Antlitz selber, denn ich hab vieles gehört, was man so spricht von Ihnen. Pjotr Stepanowitsch – das ist eins, aber Sie, gnädiger Herr, das ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: ’n Gauner, so ahnt ihm schon außer diesem von diesem Menschen gar nichts mehr. Sagt er: ’n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein, nur am Dienstag und Mittwoch ’n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch klüger als er selber. Jetzt weiß er bloß eben von mir, daß ich gerade große Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Rußland geht’s ohne Dokumentchen auf keinerlei Art – und schon glaubt er, er hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr Stepanowitsch hat’s furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, daß es schon gar keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, daß ich außer als durch ihn schon nie nich wagen werde, Sie zu belästigen, aber ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor’m Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, – schon die vierte Nacht erwarte ich den gnädigen Herrn hier auf dieser Brücke, in der Sache, daß ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du verneigst dich vor ’nem Stiefel als vor ’nem Bastschuh.“

„Wer hat es dir denn gesagt, daß ich nachts über diese Brücke gehen werde?“

„Ja, das ist schon, muß ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr aus der Dummheit des Hauptmann Lebädkin, denn der kann schon gar nichts für sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gnädigen Herrn für die drei Nächte, als für die Langeweile, zum Beispiel? Und daß die Kleider quatschnaß sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der Beleidigung.“

„Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brücke ist zu Ende. Höre, Fedjka, ich liebe es, daß man meine Worte ein für allemal behält: ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals – hörst du? – niemals brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brücke noch sonst wo treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst – so binde ich dich und übergebe dich der Polizei. Jetzt – marsch!“

„O je! Aber für die Unterhaltung schmeißen Sie mir doch wenigstens was – es war doch lustiger, so zu gehen.“

„Pack dich!“

„Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so verdrehte Wege ... ich könnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem Ufer – das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen hätte: alles hat er durcheinandergeschüttelt.“

„Zum ... Ich binde dich!“ wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um.

„Denken Sie nach, vielleicht doch, gnädiger Herr? Kann man denn eine Waise lange beleidigen?“

„Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen!“

„Ach, gnädiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, daß ich sonderlich auf mich baute!“

„Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt!“

„Aber ich brauche doch Sie, gnädiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde also warten, bis Sie zurückkommen.“

„Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich!“

„So werd’ ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glückliche Reise, gnädiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen ’ne Waise beschützt; schon dafür allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein, gnädiger Herr.“

Er blieb zurück. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser plötzlich aus der Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit für ihn doch schon gar zu überzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das zu zeigen. Überhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstände mehr. Aber es konnte doch auch sein, daß der Strolch nicht alles gelogen und seine Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rücken. Das aber gab dann doch am meisten zu denken.

II.

Das Haus, zu dem Stawrogin ging, lag an einer öden, entlegenen Gasse buchstäblich am äußersten Rande der Vorstadt, zwischen niedrigen Zäunen, hinter denen sich Gemüsegärten hinzogen. Es war ein alleinstehendes kleines hölzernes Haus, das man gerade erst erbaut hatte und das von außen noch nicht einmal mit Brettern beschlagen war. Die Läden des einen Fensters hatte man wohl absichtlich nicht geschlossen, denn auf dem Fensterbrett stand ein brennendes Licht, augenscheinlich als Wegweiser und Zeichen für den spät erwarteten Gast. Schon von weitem, über dreißig Schritte von der Tür, erkannte Stawrogin auf der kleinen Haustreppe die Gestalt eines Menschen von hohem Wuchs, der offenbar über dem Warten die Geduld verloren hatte und herausgetreten war. Da hörte er auch schon seine Stimme, voll Ungeduld und doch gleichsam zaghaft.

„Sind Sie es? Sie?“

„Ich bin’s,“ antwortete Stawrogin, doch nicht eher, als bis er ganz herangetreten war und den Schirm schloß.

„Endlich!“ Hauptmann Lebädkin trat hin und her und bewegte sich mit geschäftigem Diensteifer. „Das Schirmchen, wenn ich bitten darf; sehr naß heute; ich werde es aufschlagen und hier in der Ecke auf den Fußboden stellen. Bitte – bitte einzutreten, hier geht’s hinein; bitte schön.“

Die Tür aus dem Flur ins Wohnzimmer, in dem zwei Kerzen brannten, stand weit offen.

„Wenn Sie nicht selbst Ihr unbedingtes Kommen angesagt hätten, so hätte ich es schon aufgegeben, Sie zu erwarten.“

„Viertel vor eins,“ sagte Stawrogin, der ins Zimmer trat, nach einem Blick auf seine Uhr.

„Und dabei noch Regen – und eine so interessante Entfernung ... Eine Uhr habe ich nicht, und vor dem Fenster nur Gemüsegärten, da – da bleibt man hinter den Ereignissen zurück. – Aber das soll kein Vorwurf sein, das wage ich ja gar nicht, bewahre, sondern einzig nur so ... aus Ungeduld, wenn man sich die ganze Woche verzehrt ... um endlich erlöst zu werden ...“

„Wie?“

„Um seinen Schicksalsspruch zu hören, Nicolai Wszewolodowitsch.“ Und mit einer Verbeugung auf das Sofa weisend, vor dem ein Tisch stand: „Bitte, nehmen Sie Platz.“

Stawrogin sah sich im Zimmer um: es war klein und niedrig. Die ganze Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten: aus zwei einfachen neuen Holzstühlen, einem gleichfalls neuen, noch unüberzogenen Sofa mit hölzerner Lehne und ohne Seitenpolster, und zwei Tischen. Auf dem kleineren, in der Ecke, standen irgendwelche Dinge, über die man eine saubere Serviette gebreitet hatte. Überhaupt schien man das ganze Zimmer äußerst sauber gehalten zu haben. Der Hauptmann war nun schon an die acht Tage nüchtern. Sein Gesicht sah gelb und abgefallen aus, der Blick war unruhig, neugierig und eigentlich verständnislos: man sah ihm an, daß er noch nicht wußte, in welch einem Ton er sprechen durfte und welcher schließlich der ratsamste war.

„Wie Sie sehen,“ wies er mit pathetischer Geste herum, „lebe ich wie ein Heiliger: Nüchternheit, Einsamkeit und Armut – das Gelübde der alten Ritter!“

„Sie glauben, die alten Ritter hätten solche Gelübde getan?“

„Tja, vielleicht habe ich mich auch verhauen? O weh, für mich gibt es keine Entwicklung mehr! Alles verdorben! Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch, hier bin ich zum erstenmal aufgewacht aus diesem Schandleben, – kein Gläschen mehr, kein Tröpfchen! Habe jetzt einen Winkel – und sechs Tage lang genieße ich nun schon die Wohltat der Gewissensbisse. Sogar die Wände riechen noch nach Harz, erinnern somit an die Natur. Aber was war ich, was stellte ich vor?

‚Ohne Obdach in der Nacht,

Tagsüber eine Hetze‘ ...

wie sich ein genialer Dichter ausgedrückt hat! Aber ... Sie sind ja so durchnäßt ... Wollen Sie nicht ein Gläschen Tee?“

„Bemühen Sie sich nicht.“

„Der Samowar kocht seit acht Uhr abends, aber – da ist er nun ausgelöscht! – wie alles in der Welt! Und auch die Sonne, sagt man, wird einmal auslöschen, wenn sie an die Reihe kommt ... Aber wenn Sie wollen, bringe ich ihn wieder zum Kochen ... Agafja schläft noch nicht.“

„Sagen Sie: Marja Timofejewna ...“

„Hier, hier,“ fiel ihm Lebädkin sofort flüsternd ins Wort, „wenn Sie sie sehen wollen ...?“ und er wies auf die geschlossene Tür zum Nebenzimmer.

„Sie schläft nicht?“

„O nein, nein, wie sollte sie denn? Im Gegenteil, erwartet Sie schon vom Abend an! ... wie sie es vorhin erfuhr, putzte sie sich gleich auf,“ – er wollte schon sarkastisch den Mund verziehen, unterließ es aber im Nu.

„Wie ist sie jetzt im allgemeinen?“ fragte Nicolai Wszewolodowitsch mit zusammengezogenen Brauen.

„Im allgemeinen? Ja, das geruhen Sie ja selbst zu wissen,“ und er zuckte mitleidig mit den Schultern. „Jetzt ... jetzt sitzt sie da und legt Karten ...“

„Gut, nachher. Zuerst muß ich mit Ihnen zu einem Ende kommen.“

Stawrogin setzte sich auf einen Stuhl. Der „Hauptmann“ wagte es nicht, sich auf das Sofa zu setzen, und so zog er denn schnell den anderen Stuhl herbei, setzte sich, und war, leicht vorgebeugt, in zitternder Erwartung bereit, alles zu vernehmen.

„Was haben Sie denn dort auf dem Tisch unter der Serviette?“ fragte Stawrogin, der plötzlich seine Aufmerksamkeit jenem Tisch zuwandte.

„Da–a?“ Lebädkin drehte sich sofort gleichfalls um. „Ja, das ist so von Ihren eigenen Gaben, in Gestalt, wie man zu sagen pflegt, in Gestalt von Salz und Brot ... in der neuen Wohnung ... und ich dachte auch an Ihren weiten Weg und die natürliche Müdigkeit,“ er sah ihn fast bittend an und versuchte unschuldig zu lächeln. Darauf erhob er sich, ging auf den Fußspitzen zum Tisch und entfernte ehrerbietig und vorsichtig die Serviette.

Er hatte einen ganzen Imbiß vorbereitet: geräucherten Schinken, Kalbfleisch, Sardinen, Käse, eine kleine grüne Karaffe und eine lange Flasche Bordeaux – alles war ungemein sauber, mit Sachkenntnis und fast elegant geordnet.

„Das haben Sie besorgt?“

„Jawohl ... Schon gestern ... Marja Timofejewna ist ja in der Beziehung, wie Sie wissen, gleichgültig. Aber die Hauptsache: daß es von Ihren Gaben ist, also Ihr eigenes ... da Sie ja doch hier der Hausherr sind, und nicht ich – ich bin ja doch nur so Ihr Angestellter, wenn auch, wenn auch, Nicolai Wszewolodowitsch, wenn auch mein Geist noch unabhängig ist! Diesen meinen letzten Besitz werden Sie mir doch nicht nehmen wollen!“ schloß er geradezu gerührt.

„Hm! ... wie wär’s, wenn Sie sich setzen würden?“

„Ich bin da–ankbar, dankbar und unabhängig!“ (Er setzte sich.) „Ach, Nicolai Wszewolodowitsch, in diesem Herzen hat sich so viel angesammelt, so viel, daß ich schon gar nicht mehr wußte, wie ich noch länger auf Sie warten sollte! Sehen Sie, Sie werden jetzt mein Schicksal entscheiden und auch das ... jener Unglücklichen, und dann ... dann wieder so, wie es früher war? Ich werde dann wieder meine ganze Seele vor Ihnen ausschütten, wie damals vor vier Jahren. Würdigten Sie mich doch damals dessen, mir zuzuhören, lasen Verse ... Mag man mich auch dort Ihren Falstaff genannt haben, nach Shakespeare, aber Sie haben doch so viel in meinem Leben bedeutet! ... Jetzt habe ich wieder meine große Angst und erwarte nur von Ihnen Rat und Heil. Pjotr Stepanowitsch behandelt mich ganz furchtbar!“

Stawrogin hörte ihm neugierig zu und beobachtete ihn aufmerksam. Augenscheinlich befand sich Lebädkin, wenn er nun auch schon eine Woche nicht mehr getrunken hatte, doch noch längst nicht in einem harmonischen Gemütszustande. In solchen langjährigen Trinkern setzt sich schließlich für immer etwas Ungereimtes, Dunstiges, Irrsinniges fest, das sie gleichsam benommen erscheinen läßt – was sie übrigens nicht hindert, wenn es nötig ist, nicht ungeschickter als nüchterne Leute zu betrügen, zu intrigieren und auch zu berechnen.

„Ich sehe, daß Sie sich in diesen viereinhalb Jahren nicht im geringsten verändert haben, Hauptmann,“ sagte Stawrogin wie ein wenig freundlicher. „Man sieht wieder einmal, daß die ganze zweite Hälfte des menschlichen Lebens meist nur aus den in der ersten Hälfte angenommenen Gewohnheiten besteht.“

„Erhabene Worte! Sie lösen das Rätsel der Welt!“ rief der „Hauptmann“ entzückt, halb mit verstellter, halb mit wirklich echter Begeisterung, denn er war ein großer Liebhaber guter Aussprüche. „Von allem, was Sie gesagt haben, Nicolai Wszewolodowitsch, habe ich eines ganz besonders behalten ... noch in Petersburg haben Sie’s gesagt: ‚Man muß in der Tat ein großer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft stand halten zu können‘. Sehen Sie!“

„Oder ebensogut auch ein Dummkopf.“

„So? Na, dann mein’twegen auch ein Dummkopf, nur haben Sie Ihr Lebelang mit dem Scharfsinn nur so um sich geworfen, die anderen aber? Mögen doch Liputin und Pjotr Stepanowitsch auch einmal etwas Ähnliches sagen! Oh, wie grausam Pjotr Stepanowitsch mit mir umgegangen ist! ...“

„Aber Sie, Hauptmann, wie haben Sie sich denn selbst benommen?“

„Ach, das betrunkene Aussehen und dazu noch die Unmenge meiner Feinde! Aber jetzt ist alles, alles vorüber und ich erneuere mich, fahre aus der alten Haut wie eine Schlange. Wissen Sie auch, Nicolai Wszewolodowitsch, daß ich mein Testament schreibe, daß ich’s schon geschrieben habe?“

„Das ist allerdings interessant. Was vermachen Sie denn und wem das?“

„Dem Vaterlande, der Menschheit und den Studenten. Nicolai Wszewolodowitsch, ich habe einmal in einer Zeitung die Biographie eines Amerikaners gelesen. Er vermachte sein ganzes, riesiges Vermögen den Fabriken und den positiven Wissenschaften, sein Skelett den Studenten der Universität seiner Stadt und seine Haut bestimmte er für eine Trommel, auf der man Tag und Nacht die amerikanische Nationalhymne trommeln sollte! Ach, wir sind ja Pygmäen im Vergleich mit dem Gedankenflug der nordamerikanischen Staaten! Rußland ist ja nur ein Spiel der Natur, aber nicht des Verstandes. Wenn ich’s versuchen wollte, meine Haut, sagen wir, dem Akmolinskschen Infanterieregiment, in dem ich die Ehre hatte, meinen Dienst zu beginnen, mit der Bedingung zu vermachen, daß man aus ihr ein Trommelfell verfertigt, auf dem man täglich vor dem ganzen Regiment die russische Nationalhymne trommeln soll – man hielte es sofort für Liberalismus und konfiszierte meine Haut! ... Darum habe ich mich denn mit den Studenten begnügt. Mein Skelett hab’ ich der Akademie vermacht, aber mit der Bedingung, einstweilen nur unter der Bedingung, daß sie auf die Stirn für alle ewigen Ewigkeiten ein Zettelchen kleben mit den Worten: ‚Ein reuiger Freidenker‘. Jawohl!“

Der Hauptmann sprach mit Begeisterung und glaubte jetzt natürlich schon selbst an die Schönheit des amerikanischen Vermächtnisses, wenn er auch als schlauer Mensch zu gleicher Zeit Stawrogin, dessen „Narr“ er früher gewesen war, aus Berechnung belustigen wollte. Aber der hatte diesmal keine Lust zu lachen, sondern fragte im Gegenteil nur eigentümlich mißtrauisch:

„Sie beabsichtigen wohl, Ihr Testament noch bei Lebzeiten zu veröffentlichen und dafür eine Belohnung zu erhalten?“

„Und wenn dem so wäre, Nicolai Wszewolodowitsch, und wenn dem so wäre?“ Lebädkin sah sich vorsichtig in ihn hinein. „Denn – was ist denn mein Los jetzt eigentlich! Sogar Verse schreibe ich nicht mehr und einst haben doch sogar Sie sich an meinen kleinen Gedichten ergötzt, Nicolai Wszewolodowitsch, wissen Sie noch, bei der Flasche? Aber aus ist’s nun mit der Feder! Hab nur noch ein einziges Lied geschrieben, wie Gogol seine ‚Letzte Geschichte‘. Sie wissen doch, Gogol verkündete ganz Rußland, daß sie sich aus seiner Seele ‚herausgesungen‘ habe. So auch ich: hab’s herausgesungen und damit – basta!“

„Was ist denn das für ein Gedicht?“

„Tja, es heißt: ‚Im Fall sie sich den Fuß zerbräche‘!“

„Wi–ie?“

Darauf hatte der Hauptmann nur gewartet. Seine Gedichte achtete und schätzte er zwar grenzenlos, doch zugleich gefiel es ihm – wohl aus einer gewissen durchtriebenen Zwieheit der Seele – daß sie Stawrogin, der früher zuweilen so über sie gelacht hatte, daß er sich die Seiten hielt, immer belustigten. Auf diese Weise erreichte er gewöhnlich zwei Ziele mit einem Mittel: ein poetisches und ein geschäftliches Ziel. Diesmal aber gab es noch ein drittes, ein ganz besonderes und äußerst kitzliches: der Hauptmann hoffte nämlich, als er das Gedicht heranzog, sich auf diese Manier am leichtesten in einem gewissen Punkte rechtfertigen zu können, hoffte dies um so mehr, als er aus einem bestimmten Grunde gerade in diesem Punkt seine Schuld für größer als in allen anderen Punkten hielt.

„‚Im Fall sie sich den Fuß mal bräche‘, das heißt, beim Reiten. Eine bloße Phantasie, Nicolai Wszewolodowitsch, ein Traumbild, aber das Traumbild eines Dichters! Einmal, beim Spazierengehen, sah dieser Dichter eine Reiterin, und da stellte er sich dann die materialistische Frage: ‚was würde dann sein?‘ – das heißt, in dem Falle, wenn! Die Sache ist doch klar: alle Kurmacher gehen sogleich wie die Krebse rückwärts, fort sind all die Heiratskandidaten, also – ‚wisch den Mund ab morgen früh‘,“ fügte er plötzlich auf Deutsch hinzu, „nur der Dichter bleibt treu, nur er mit dem gebrochenen Herzen in der Brust! Nicolai Wszewolodowitsch, sogar eine winzige Laus darf verliebt sein, denn kein Gesetz verbietet’s ihr. Und doch fühlte sich die Dame gekränkt durch meinen Brief, wie durch das Gedicht. Sogar Sie sollen sich geärgert haben, sagt man – ist’s wahr? Das wäre jammerschade, wollt’s gar nicht glauben! Nun, sagen Sie doch selbst, wen konnte ich denn mit bloßer Einbildung beleidigen? Zudem ist hier noch, mein Ehrenwort, Liputin dabei: ‚Schreiben Sie, schreiben Sie unbedingt, jeder Mensch hat das Recht, Briefe zu schreiben‘, sagte er – und so schickte ich’s denn ab.“

„Sie haben sich, glaube ich, als Bräutigam vorgeschlagen?“

„Feinde, Feinde, nichts als Feinde! ...“

„Sagen Sie das Gedicht!“ fiel ihm Stawrogin streng ins Wort.

„Ein Traum, bloß ein Traum, sag ich Ihnen!“

Aber er setzte sich doch in Positur, streckte die Hand aus und begann:

„Das schönste Weib brach mal ein Glied,

Doch ward es dadurch nur aparter!

Und doppelt liebte sie fortan

Der ohnehin in sie verliebte Dichtersmann ...“

„Genug!“ Stawrogin winkte ab.

„Oh, ich sehne mich nach Pietjer[39]!“ rief Lebädkin, schnell auf ein anderes Gebiet überspringend, als wäre von Gedichten nie die Rede gewesen. „Ich denke an eine Auferstehung, ich träume von einer Wiedergeburt ... Mein Wohltäter! Darf ich darauf rechnen, daß Sie mir nicht die Mittel zur Reise verweigern werden? Ich hab Sie die ganze Woche wie die liebe Sonne erwartet.“

„Nein, darauf dürfen Sie nicht rechnen. Außerdem ist mir von meinem Kapital fast nichts mehr verblieben. Und überhaupt, warum sollte ich Ihnen Geld geben? ...“

Stawrogin schien sich plötzlich geärgert zu haben. Kurz und trocken zählte er alle Vergehen des Hauptmanns auf: das unmäßige Trinken, die Lügengeschichten, Verschwendung des Geldes, das Marja Timofejewna gehörte, dann, daß er sie aus dem Kloster genommen hatte, die frechen Briefe mit den Drohungen, das Geheimnis bekanntzumachen, die Geschichte mit Darja Pawlowna usw., usw. Der Hauptmann wogte geradezu hin und her, gestikulierte, wollte widersprechen, doch Stawrogin wies ihn jedesmal herrisch zur Ruh.

„Und erlauben Sie,“ bemerkte er zum Schluß, „Sie schreiben immer von einer ‚Familienschande‘. Ich sehe darin keine Schande für Sie, daß Ihre Schwester Stawrogins rechtmäßig getraute Frau ist.“

„Aber die Ehe ist ein Geheimnis, Nicolai Wszewolodowitsch, niemand weiß davon, ein verhängnisvolles Geheimnis! Ich bekomme Geld von Ihnen und plötzlich stellt man mir die Frage: wofür bekommst du dieses Geld? Ich aber bin gebunden und kann nicht antworten, zum Schaden meiner Schwester – und zum Schaden meiner Familienehre!“

Der Hauptmann erhob bereits die Stimme: dieses Thema liebte er ganz besonders und er hatte sich in diesem Sinne schon vorbereitet, denn darauf beruhte seine ganze Hoffnung. Wie hätte er auch ahnen sollen, welch eine niederschmetternde Überraschung ihn gerade auf dieser seiner Basis erwartete! Ruhig und bestimmt, als ob es sich um die alltäglichste häusliche Angelegenheit handelte, teilte ihm Stawrogin mit, daß er die Absicht habe, in diesen Tagen, vielleicht morgen oder übermorgen, seine Heirat allgemein bekanntzumachen, sie ‚sowohl der Polizei wie der Gesellschaft‘ anzuzeigen – so daß denn die Frage der „Familienehre“ damit endgültig erledigt sein werde, und die der Subsidien gleichfalls.

Der Hauptmann riß die Augen auf: er begriff nicht einmal, was er da hörte; so mußte denn alles noch durchgesprochen werden.

„Aber sie ist doch ... halbverrückt?“

„Das ist meine Sache.“

„Aber ... was wird denn Ihre Mutter –?“

„Das geht Sie wenig an, Lebädkin.“

„Aber Sie werden doch Ihre Frau in Ihr Haus führen?“

„Sehr leicht möglich. Übrigens ist das schon ganz und gar nicht Ihre Sache, das geht Sie nicht das geringste an.“

„Wie, nicht angehen?“ schrie der Hauptmann auf. „Und ich?“

„Nun, Sie kommen doch selbstverständlich nicht in mein Haus.“

„Aber ich bin doch Ihr Verwandter!“

„Für solche Verwandte dankt man. Und warum soll ich Ihnen nun noch Geld geben, sagen Sie doch selbst?“

„Nicolai Wszewolodowitsch, Nicolai Wszewolodowitsch, das kann ja nicht sein, Sie werden sich das doch noch überlegen, Sie werden doch nicht Hand an sich legen wollen ... was wird man denken, was wird man in der Gesellschaft sagen?“

„Fürchte wahrlich sehr diese Gesellschaft! Habe ich doch Ihre Schwester geheiratet, als ich es wollte, damals, nach dem Gelage, auf die trunkene Wette hin, und jetzt zeige ich es öffentlich an ... wenn mir das jetzt Vergnügen macht.“

Er sagte das ganz eigentümlich gereizt, so daß Lebädkin schon mit Entsetzen zu glauben begann.

„Aber ich, was wird denn mit mir, die Hauptsache dabei bin doch ich! ... Sie scherzen vielleicht nur, Nicolai Wszewolodowitsch?“

„Nein, ich scherze nicht.“

„Wie Sie wollen, Nicolai Wszewolodowitsch, aber ich glaube Ihnen nicht ... dann werde ich eine Bittschrift einreichen.“

„Sie sind furchtbar dumm, Hauptmann.“

„Meinetwegen, aber das ist doch alles, was mir übrigbleibt!“ sagte der Hauptmann ganz wirr in seiner Benommenheit. „Früher gab man mir dort in den Winkeln für ihre Arbeit wenigstens ein Obdach, aber was soll denn jetzt aus mir werden, wenn Sie mich ganz fallen lassen?“

„Aber Sie wollen doch nach Petersburg, um Ihre Karriere zu verändern. Übrigens, ist es wahr, daß Sie, wie ich hörte, beabsichtigten, zu denunzieren – in der Hoffnung, begnadigt zu werden, wenn Sie die anderen anzeigen?“

Der Hauptmann öffnete den Mund und riß die Augen auf, doch eine Antwort gab er nicht.

„Hören Sie, Hauptmann,“ begann plötzlich Stawrogin ungewöhnlich ernst und beugte sich ein wenig vor zum Tisch.

Bis jetzt hatte er noch gewissermaßen zweideutig gesprochen, so daß Lebädkin, der sich nun einmal an die Rolle des Narren gewöhnt hatte, noch immer ein wenig im Zweifel war: ob sich sein Prinz Heinz in der Tat ärgerte oder ob er, als er von der Veröffentlichung seiner Heirat sprach, nur zu scherzen beliebte. Jetzt aber war der ungewöhnliche Ernst Stawrogins dermaßen überzeugend, daß dem Hauptmann plötzlich geradezu ein Frösteln über den Rücken lief.

„Hören Sie, und sagen Sie die ganze Wahrheit, Lebädkin: haben Sie schon denunziert, oder noch nicht? Ist es Ihnen nicht schon gelungen, irgend etwas in der Hinsicht zu tun? Haben Sie nicht aus Dummheit schon irgendeinen Brief abgeschickt?“

„Nein, noch nicht, und ... ich hab’ nicht einmal daran gedacht!“ und der Hauptmann sah ihn an, ohne sich zu rühren.

„Nun, das lügen Sie, daß Sie daran noch nicht gedacht haben. Deswegen wollen Sie ja auch nach Petersburg. Aber wenn Sie noch nichts geschrieben haben, sollten Sie dann nicht hier irgend etwas mit irgend jemandem geschwätzt haben? Sagen Sie die Wahrheit. Ich habe so etwas gehört.“

„In der Betrunkenheit mit Liputin. Liputin ist ein Verräter. Ich habe ihm nur mein Herz ausgeschüttet,“ flüsterte der arme Hauptmann.

„Nun ja, das eine Herz dem anderen Herzen, ich weiß schon, aber man braucht doch nicht gleich blödsinnig zu sein. Wenn Sie den Gedanken hatten, so hätten Sie ihn für sich behalten sollen. Heutzutage schweigen kluge Leute und reden nicht.“

„Nicolai Wszewolodowitsch,“ – der Hauptmann erzitterte. „Sie selbst haben sich doch an nichts beteiligt, ich hab doch nicht Sie ...“

„Wie sollten Sie denn, bewahre, Ihre eigene Milchkuh!“

„Nicolai Wszewolodowitsch, so urteilen Sie doch selbst! So sagen Sie doch! ...“

Und in der Verzweiflung begann er, mit Tränen in den Augen, sein Leben in diesen letzten vier Jahren zu erzählen. Es war die törichte Geschichte eines hereingefallenen Dummkopfs, der seine Nase in Sachen gesteckt, die nicht für ihn geschaffen waren, und deren Wichtigkeit er über Trinken und Schlemmen fast bis zum letzten Augenblick noch nicht begriffen hatte. Er erzählte, er habe sich schon in Petersburg „einfach verleiten lassen, aus reiner Freundschaft, wie ein treuer Student, das heißt, ohne eigentlich Student zu sein“, verschiedene Blätter durch die Türen, in die Schirme zu stecken, oder wie Zeitungen in die Briefkästen, und wo sich nur eine Gelegenheit bot, im Theater wie auf der Straße, in die Hüte oder Taschen zu befördern. Späterhin habe er auch Geld von ihnen genommen, denn „was sind denn meine Einnahmen, Sie wissen doch selbst!“ Kurz, in zwei ganzen Gouvernements hatte er „allerlei Schund“ verstreut.

„Oh, Nicolai Wszewolodowitsch,“ rief er aus, „am meisten hat mich empört, daß diese Papierlappen so ganz gegen alle bürgerlichen und besonders vaterländischen Gesetze waren! Da ist denn plötzlich gedruckt, sie sollen mit den Heugabeln kommen und nicht vergessen, daß, wer morgens arm ausgeht, abends reich zurückkommen kann – stellen Sie sich doch nur so was vor! Ein Schauer faßt mich selber und doch stopfe ich die Schandblätter überall hin ... oder plötzlich fünf, sechs Zeilen an ganz Rußland, so, mir nichts, dir nichts, ganz einfach: ‚Schließt schnell die Kirchen, vernichtet Gott, löst die Ehe, hebt das Recht der Erbfolge auf, nehmt die Messer!‘ – und das ist alles, und der Teufel weiß, was weiter. Und gerade mit diesem Papierchen, dem fünfzeiligen, bin ich dann beinahe hereingefallen, im Regiment haben mich die Offiziere verprügelt, aber dann – Gott gebe ihnen Gesundheit! – haben sie mich wieder laufen lassen. Doch im vorigen Jahre haben sie mich beinahe wirklich gepackt, wie ich Fünfzigrubelscheine, französische Kopien, Korowajeff übergab. Aber, Gott sei Dank, Korowajeff ertrank bald darauf in betrunkenem Zustande im Teich – und man konnte nichts gegen mich unternehmen. Hier bei Wirginski hatte er noch die Freiheit der sozialen Frau verkündet. Im Juni hab ich wieder im ...schen Kreise alles mögliche herumgestreut. Die sagen, ich müsse bald wieder ... Pjotr Stepanowitsch gibt plötzlich zu verstehen, daß ich gehorchen muß und droht mir einfach. Aber wie hat er mich damals am Sonntag behandelt! Nicolai Wszewolodowitsch, ich bin ein Sklave, ein Wurm, aber kein Gott – nur dadurch unterscheide ich mich von Dershawin. Doch was sind denn meine Einnahmen? Sie wissen ja selbst!“

Stawrogin hatte ihm aufmerksam zugehört.

„Vieles war mir davon ganz unbekannt,“ sagte er; „mit Ihnen konnte selbstverständlich alles geschehen ... Hören Sie,“ er dachte ein wenig nach, „wenn Sie wollen, so sagen Sie ihnen – Sie wissen schon, wem –, daß Liputin gelogen hat und daß Sie nur mich mit einer Denunziation hätten schrecken wollen, in der Annahme, auch ich sei kompromittiert ... um auf diese Weise mehr Geld aus mir herauszubekommen ... Verstanden?“

„Nicolai Wszewolodowitsch, Liebling, Täubchen, droht mir denn wirklich solch eine Gefahr? Ich habe ja nur auf Sie gewartet, um Sie das fragen zu können!“

Stawrogin lachte kurz auf.

„Nach Petersburg wird man Sie natürlich nicht lassen, selbst wenn ich Ihnen das Geld zur Reise geben wollte ... Übrigens, es ist Zeit, zu Marja Timofejewna zu gehen.“ Er erhob sich.

„Nicolai Wszewolodowitsch, aber wie wird das nun mit ihr, mit Marja Timofejewna?“

„Ja, so, wie ich sagte.“

„Ist das denn wirklich wahr?“

„Sie glauben noch immer nicht?“

„Wollen Sie mich denn wirklich so liegen lassen, wie einen alten, vertragenen Stiefel?“

„Ich werde sehen,“ meinte Stawrogin halb lachend. „Nun, lassen Sie mich.“

„Wünschen Sie nicht, daß ich so lange auf der Treppe stehe ... damit ich nicht irgendwie versehentlich zuhöre ... die Zimmerchen sind klein.“

„Das ist recht. Warten Sie ein wenig auf der Treppe. Nehmen Sie meinen Regenschirm.“

„Ihren Regenschirm, Ihren ... bin ich denn das wert?“ fragte der Hauptmann unterwürfig.

„Einen Schirm ist jeder wert.“

„Mit einem Schlage treffen Sie wieder das Minimum der menschlichen Rechte ...“ sagte Lebädkin, doch schon mehr mechanisch: er war doch gar zu bedrückt und eigentlich ganz wie vor den Kopf geschlagen. Einstweilen aber, fast gleich darauf, als er den Schirm über sich aufgeschlagen hatte, begann sich in seinem leichtsinnigen Gehirn schon ein äußerst beruhigender Gedanke mehr und mehr auszubreiten: wie, wenn man ihn bloß betrügen wollte und ihn belog? War dem aber so, dann fürchtete man sich also vor ihm und – wozu sollte er sich dann noch fürchten?

„Wenn man lügt und betrügt, so tut man das doch stets aus irgend einem Grunde – was für einer mag das nun hier sein?“ krabbelte es in seinem Kopf herum. Die Veröffentlichung der Heirat schien ihm Blödsinn zu sein: „Aber weiß Gott: bei diesem Wundertäter ist nichts unmöglich, – lebt ja überhaupt nur zu dem Zweck, um die Menschen zu ärgern! Wie aber, wenn er Angst vor mir bekommen hat nach dem Sonntag? Hm ... und noch so, wie nie zuvor? Da ist er nun hergeeilt, um zu versichern, daß er selbst alles bekanntmachen werde, aus Angst, ich könnte es sonst tun. Lebädkin, sieh dich vor, schieß keinen Bock! Hm! ... Und warum kommt er denn heimlich in der Nacht, wenn er’s selbst ausblasen will? Aber wenn er sich fürchtet, so fürchtet er sich jetzt, fürchtet gerade für diese paar Tage. Hm! ... paß auf, Lebädkin! ...“

„Schreckt mich mit Pjotr Stepanowitsch! Da kann einem ganz angst und bange werden – gerade, was das betrifft! Hm ... weiß Gott! wahrhaftig angst und bange. Was plagte mich nur, diesem Liputin, solch einem ... Der Teufel mag wissen, was diese Beelzebuben da im Spiele haben – bin nie draus klug geworden! Haben sich jetzt wieder eingefunden, genau wie vor fünf Jahren ... Ja, wem hätt’ ich’s denn sagen sollen? ‚Haben Sie nicht aus Dummheit irgend jemandem geschrieben?‘ Hm! Also kann man auch unter dem Anschein großer Dummheit schreiben? War das vielleicht gar ein Rat? ‚Deswegen wollen Sie ja nach Petersburg.‘ Der Schuft! Ich hab’s bloß mal geträumt, er aber hat sogar den Traum schon erraten! Ganz als ob er selber zur Reise nach Petersburg raten möchte. Hm! Hier werden wohl zwei Sachen im Spiele sein: entweder er fürchtet sich selber, weil er wieder was Schönes angerichtet hat, oder ... oder er fürchtet selbst überhaupt nichts und schubst nur mich, damit ich sie alle da anzeige! Ach, Lebädkin, da kann einem wahrhaftig angst und bange werden! Wenn man dabei nur keinen Bock schießt! ...“

Und er kam dermaßen ins Nachdenken, daß er selbst das Lauschen vergaß. Übrigens wäre es ihm auch schwer gefallen, etwas zu verstehen; die Tür war nicht dünn und das Gespräch wurde nur leise geführt – nur hin und wieder drang ein unklarer Laut bis zu ihm. Endlich spuckte er aus und trat wieder aus dem Flur auf die Treppe hinaus, wo er in Gedanken leise vor sich hin pfiff.

III.

Das Zimmer, in dem Marja Timofejewna saß, war fast zweimal so groß wie das erste, das der Hauptmann bewohnte. Alle Gegenstände der Einrichtung waren von derselben einfachsten Art, doch der Tisch vor dem Sofa war mit einem geblümten Paradetischtuch bedeckt, und auf ihm stand eine brennende Lampe. Über den ganzen ungestrichenen Fußboden hatte man einen schönen Teppich gebreitet und die Bettstelle mit einem grünen Vorhang völlig abgeteilt. Außerdem befand sich in dem Zimmer noch ein großer weicher Lehnstuhl, in den sich aber Marja Timofejewna niemals setzte. In der einen Ecke hing ganz wie in der alten Wohnung ein Heiligenbild, vor dem das Lämpchen brannte, und ganz wie damals lagen auch jetzt wieder die unvermeidlichen Sachen auf dem Tisch vor Marja Timofejewna: ein Spiel Karten, ein kleiner Spiegel, das Liederbuch und auch wieder eine Semmel. Hinzugekommen waren nur zwei kleine Bücher mit bunten Bildern, von denen das eine für die Jugend bearbeitete Reisebeschreibungen enthielt, das andere kleine moralische Erzählungen, vornehmlich Rittergeschichten – so ein Buch für den Weihnachtstisch oder junge Mädchen im Institut. Marja Timofejewna hatte natürlich den Gast erwartet, doch als Stawrogin eintrat, schlief sie halb liegend auf dem Sofa, auf ein hartes Kissen gebeugt. Der Gast schloß unhörbar die Tür hinter sich und begann, ohne sich von der Stelle zu rühren, die Schlafende zu betrachten.

Der Hauptmann hatte übertrieben, als er sagte, sie habe sich besonders geputzt. Sie war in demselben dunklen Kleide, in dem sie am Sonntag bei Warwara Petrowna gewesen war. Das Haar hatte sie im Nacken ebenso zu einem winzigen Knoten zusammengesteckt, und der lange magere Hals war genau so wie damals entblößt. Der schwarze Shawl, den Warwara Petrowna ihr geschenkt hatte, lag sorgfältig zusammengefaltet neben ihr auf dem Sofa. Sie war wie gewöhnlich ungeschickt gepudert und geschminkt. Stawrogin stand noch nicht eine Minute, als sie plötzlich, als hätte sie seinen Blick gefühlt, erwachte, die Augen aufschlug und sich schnell aus der halb liegenden Stellung aufrichtete. Doch offenbar ging auch in dem Gast etwas Sonderbares vor: er blieb auf demselben Fleck an der Tür stehen und rührte sich nicht; regungslos und mit durchdringendem Blick fuhr er fort, ihr wortlos und beharrlich ins Gesicht zu sehen. Vielleicht war dieser Blick übermäßig hart, vielleicht drückte sich in ihm Ekel aus, oder sogar schadenfroher Genuß an ihrem Schreck – wenn das nicht Marja Timofejewna nach dem Erwachen nur so schien. Doch wie dem auch war, jedenfalls drückte sich im Gesicht der Armen plötzlich, nach fast minutenlangem Warten, vollständiges Entsetzen aus: ein krampfartiges Zucken lief durch ihre Züge, sie erhob ihre bebenden Hände, wie zur Abwehr, und plötzlich begann sie zu weinen, genau so, wie ein erschrecktes Kind; noch ein Augenblick – und sie hätte geschrien. Doch der Gast kam zur Besinnung: in einer Sekunde veränderte sich sein ganzes Gesicht, und mit dem freundlichsten, liebenswürdigsten Lächeln trat er an den Tisch.

„Verzeihen Sie mir, ich habe Sie erschreckt, Marja Timofejewna, Sie schliefen und ich bin so unbemerkt eingetreten,“ sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.

Der Ton der freundlichen Worte tat seine Wirkung: der Schreck verschwand aus ihrem Gesicht, wenn sie ihn auch immer noch angstvoll anblickte, augenscheinlich bemüht, sich irgend etwas zu erklären. Ängstlich streckte sie ihm die Hand entgegen und schließlich zuckte denn auch ein schüchternes Lächeln um ihre Lippen.

„Guten Tag, Fürst,“ flüsterte sie und sah ihn dabei ganz sonderbar und aufmerksam an.

„Sie haben wohl einen bösen Traum gehabt?“ fragte er und lächelte noch liebenswürdiger, noch freundlicher.

„Wie können Sie wissen, daß mir davon geträumt hat?“

Und plötzlich erbebte sie wieder, taumelte erschrocken zurück, erhob wie zur Abwehr die Hand und wieder verzog sich ihr Gesicht, wie das eines kleinen Kindes, das weinen will.

„Aber so beruhigen Sie sich doch! Warum fürchten Sie sich? Haben Sie mich denn wirklich nicht erkannt?“ redete ihr Nicolai Wszewolodowitsch zu, doch diesmal konnte er sie lange nicht beruhigen.

Schweigend sah sie ihn an und noch immer lag in ihrem fragenden Blick ein quälender Zweifel, irgend ein schwerer Gedanke, den ihr armer Kopf nicht zu fassen vermochte. Dabei war es, als strenge sie sich krampfhaft an, irgend etwas zu Ende zu denken. Bald senkte sie die Augen, bald schlug sie sie plötzlich wieder auf und überflog ihn mit einem schnellen, umfassenden Blick. Endlich schien sie sich – zwar nicht beruhigt, aber doch wie zu etwas entschlossen zu haben.

„Setzen Sie sich, bitte, neben mich, damit ich Sie nachher gut sehen kann,“ sagte sie ziemlich fest, augenscheinlich mit einer ganz bestimmten und neuen Absicht. „Aber jetzt seien Sie ganz ruhig, denn ich werde Sie nicht ansehen, und auch Sie sollen mich nicht ansehen, so lange nicht, bis ich Sie selbst darum bitte. Setzen Sie sich nun!“ fügte sie plötzlich sogar mit Ungeduld hinzu.

Die neue Empfindung bemächtigte sich ihrer sichtlich immer mehr.

Stawrogin setzte sich und wartete; ein Schweigen begann und dauerte ziemlich lange.

„Hm! Sonderbar erscheint mir das alles,“ murmelte sie plötzlich und fast wie angeekelt. „Mich haben natürlich schlechte Träume bestrickt; nur – warum mußten gerade Sie mir in eben dieser Gestalt im Traume erscheinen?“

„Lassen wir jetzt die Träume,“ unterbrach er sie ungeduldig und wandte sich zu ihr, trotz des Verbotes, sie anzusehen, und vielleicht blitzte flüchtig wieder jener Ausdruck von vorhin in seinen Augen auf. Er sah, daß sie mehrmals und sogar sehr gern zu ihm aufblicken wollte, sich jedoch jedesmal bezwang und hartnäckig den Blick zu Boden gesenkt hielt.

„Hören Sie, Fürst,“ sagte sie plötzlich lauter. „Hören Sie, Fürst ...“

„Warum wenden Sie sich von mir ab, warum sehen Sie mich nicht an, was soll diese ganze Komödie?“ rief er geärgert, da ihm die Geduld riß.

Sie aber schien ihn überhaupt nicht zu hören.

„Hören Sie, Fürst,“ wiederholte sie zum drittenmal mit fester Stimme und mit einem unangenehmen, geschäftigen Ausdruck im Gesicht. „Als Sie mir damals in der Equipage sagten, die Heirat werde jetzt öffentlich bekanntgemacht werden, da erschrak ich schon damals, weil dann das Geheimnis doch aufhören würde. Jetzt aber weiß ich gar nicht mehr ... Ich habe die ganze Zeit gedacht, und sehe nun deutlich, daß ich nicht dazu tauge. Zu putzen würde ich mich schon verstehen, zu empfangen schließlich auch: als ob es wunder wie schwer wäre, zu einer Tasse Tee einzuladen, besonders wenn man noch Diener in Livree hat! Aber immerhin, wenn man so von der Seite sehen wird ... Ich habe damals, am Sonntag vormittag, vieles in jenem Hause gesehen. Dieses hübsche Fräulein hat mich die ganze Zeit angesehen, besonders als Sie eintraten. Das waren doch Sie, der eintrat, nicht? Ihre Mutter war nur eine drollige alte Dame. Mein Lebädkin hat sich auch ausgezeichnet. Um nicht über ihn lachen zu müssen, hab ich immer zur Zimmerdecke hinaufgeschaut, schön war sie da bemalt! Seine Mutter aber müßte nur Äbtissin sein. Ich fürchte mich vor ihr, wenn sie mir auch den schwarzen Schal geschenkt hat. Die haben mich damals wohl alle nur als Überraschung empfunden; das kränkt mich ja nicht, nur saß ich dort so und dachte bei mir: was bin ich denn für die hier für eine Verwandte? Ich weiß wohl, von einer Gräfin verlangt man nur seelische Eigenschaften – denn für die wirtschaftlichen hat sie doch viele Diener – und dann noch so ein bißchen gesellschaftliche Koketterie, damit sie ausländische Reisende zu empfangen versteht. Aber trotzdem, damals am Sonntag sahen sie mich doch ganz ohne Vertrauen an. Nur Dascha ist ein Engel. Ich fürchte sehr, daß sie ihn irgendwie mit einer unvorsichtigen Bemerkung über mich kränken könnten.“

Stawrogin verzog den Mund.

„Fürchten Sie sich nicht und machen Sie sich keine Sorgen,“ sagte er.

„Aber das machte mir ja auch nichts aus, selbst wenn er sich meinetwegen ein wenig schämen sollte, denn es wäre doch immer mehr Mitleid als Schande dabei, denke ich – freilich, je nach dem, wie der Mensch selbst ist. Denn er weiß doch, daß eher ich sie bemitleiden kann, nicht aber sie mich.“

„Sie haben sich wohl sehr gekränkt gefühlt, Marja Timofejewna?“

„Wer, ich? Nein.“ Sie lachte gutmütig. „Nicht ein bißchen. Ich sah mir damals nur alle so an und dachte so bei mir: alle ärgert ihr euch, alle seid ihr entzweit; nicht einmal zusammenzukommen und von Herzen zu lachen verstehen sie. So viel Reichtum, und dabei so wenig Fröhlichkeit – traurig war mir das alles. Übrigens, jetzt tut mir niemand leid, außer mir selbst.“

„Ich hörte, Sie hätten mit Ihrem Bruder ein schlechtes Leben gehabt, ohne mich?“

„Wer hat Ihnen das gesagt? Unsinn! Jetzt ist es viel schlechter: jetzt sind die Träume schlecht, und schlecht sind die Träume deshalb geworden, weil Sie angekommen sind. Sie aber, fragt es sich, warum sind Sie denn hergekommen, sagen Sie das doch gefälligst!“

„Wollen Sie nicht wieder ins Kloster gehen?“

„So, das ahnte ich ja, daß man mir wieder das Kloster vorschlagen wird! Als ob euer Kloster da Gott weiß was für ein Wunderding wäre! Und warum soll ich denn wieder ins Kloster gehen, und womit soll ich denn jetzt noch dorthin? Jetzt bin ich doch schon ganz und gar allein! Es ist zu spät für mich, ein drittes Leben anzufangen.“

„Sie scheinen sich über irgend etwas sehr zu ärgern, – fürchten Sie nicht schon, daß ich aufgehört haben könnte, Sie zu lieben?“

„Ach, um Sie mache ich mir ja gar keinen Kummer. Ich fürchte nur für mich, daß ich selbst aufhören könnte, jemanden sehr zu lieben.“

Sie lächelte verächtlich.

„Ich werde wohl vor ihm in etwas sehr Großem schuldig sein,“ sagte sie plötzlich wie zu sich selbst. „Nur weiß ich nicht, worin ich schuldig sein könnte, und das ist nun mein ewiges Leid. Immer und immer, diese ganzen fünf Jahre, habe ich Tag und Nacht gebangt, daß ich vor ihm schuldig sein könnte. Und da bete ich denn lange und bete und denke immer an meine große Schuld vor ihm. Und nun hat es sich auch richtig herausgestellt, daß ich wahr gefühlt habe.“

„Was hat sich herausgestellt?“

„Nur fürchte ich, ob da nicht etwas von ihm aus geschieht,“ fuhr sie fort, ohne auf die Frage zu antworten, die sie vielleicht überhaupt nicht gehört hatte. „Und doch, wie könnte er sich denn mit solchen Leutchen zusammentun! Die Gräfin würde mich wohl gern verschlingen, obschon sie mich in ihre Karosse gesetzt hat. Alle sind sie an der Verschwörung beteiligt – sollte auch er es sein!? Sollte auch er ein Verräter sein?“ (Ihr Kinn und ihre Lippen begannen zu zittern.) „Hören Sie, haben Sie von Grischka Otrepjeff gelesen, dem falschen Demetrius, der in sieben Kathedralen verflucht ward?“

Stawrogin schwieg.

„Aber ja, jetzt werde ich mich zu Ihnen wenden und werde Sie ansehen,“ entschloß sie sich plötzlich. „Wenden Sie sich auch zu mir und sehen Sie mich an, aber recht aufmerksam: ich will mich zum letztenmal überzeugen.“

„Ich sehe Sie schon lange an.“

„Hm!“ sagte Marja Timofejewna und betrachtete ihn angestrengt.

„Viel dicker sind Sie geworden ...“

Sie wollte noch etwas sagen, doch plötzlich ergriff der frühere Schreck sie wieder und zum drittenmal fuhr sie mit geradezu entsetztem Gesicht zurück und erhob dabei wieder wie zur Abwehr die Hand.

„Was haben Sie nur, was fehlt Ihnen?“ rief Stawrogin wütend.

Doch der Schreck dauerte nur einen Augenblick; ihr Gesicht verzog sich zu einem sonderbaren, mißtrauischen, unangenehmen Lächeln.

„Ich bitte Sie, Fürst, stehen Sie auf und treten Sie ein,“ sagte sie plötzlich sehr bestimmt und mit fester Stimme.

„Wie, eintreten? Wohin eintreten?“

„Diese ganzen fünf Jahre habe ich mir immer nur vorgestellt, wie das sein wird, wenn Er eintritt. Stehen Sie auf und gehen Sie ins andere Zimmer, hinter die Tür. Ich werde dann hier sitzen, als erwartete ich nichts, und werde ein Buch in die Hand nehmen. Und plötzlich treten Sie dann ein, nach fünf Jahren, und sind von der Reise zurückgekehrt. Ich möchte sehen, wie das sein wird.“

Stawrogin knirschte mit den Zähnen und murmelte etwas Unverständliches.

„Genug,“ sagte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ich bitte Sie, Marja Timofejewna, mich jetzt anzuhören. Haben Sie die Güte, Ihre ganze Aufmerksamkeit zusammen zu nehmen, wenn Sie es können. Sie sind doch nicht total verrückt!“ entfuhr es ihm in der Gereiztheit. „Morgen werde ich unsere Ehe bekanntmachen. Sie werden nie in Schlössern wohnen – fassen Sie sich, bitte! Wollen Sie nun mit mir zusammenwohnen, das ganze Leben, aber nur sehr weit von hier? Das wäre in der Schweiz, in den Bergen, dort gibt es einen Ort ... Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde Sie niemals verlassen, oder in eine Irrenanstalt stecken. Geld werde ich noch genug haben, um nicht für uns betteln zu müssen. Sie werden ein Dienstmädchen haben; Sie werden keine einzige Arbeit zu verrichten brauchen. Alles, was Sie innerhalb der Grenzen des Möglichen wünschen, wird Ihnen verschafft werden. Sie werden beten und tun können, was Sie wollen, und gehen können wohin Sie wollen. Ich werde Sie nicht anrühren. Und auch ich werde diesen Ort nie mehr verlassen. Wenn Sie wollen, werde ich das ganze Leben lang kein Wort mit Ihnen sprechen, oder, wenn Sie wollen, so erzählen Sie mir abends, wie damals in Petersburg in den Winkeln, Ihre kleinen Geschichten. Oder ich kann Ihnen auch vorlesen, wenn Sie zum Zuhören Lust haben. Aber dafür das ganze Leben so an einem einzigen Ort – und es ist ein düsterer Ort. Wollen Sie? Können Sie sich entschließen? Und werden Sie es auch nie bereuen, werden Sie mich nie peinigen mit Tränen und Verwünschungen?“

Sie hatte ihm mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zugehört, darauf schwieg sie lange und dachte nach.

„Unwahrscheinlich kommt mir das alles vor,“ sagte sie endlich spöttisch und launisch. „So könnte ich ja womöglich noch vierzig Jahre in jenen Bergen leben.“

Sie begann zu lachen.

„Nun, dann leben wir eben noch vierzig Jahre,“ sagte er mit stark gerunzelter Stirn.

„Hm! ... Um keinen Preis fahre ich dorthin.“

„Sogar mit mir nicht?“

„Wer sind Sie denn, daß ich mit Ihnen fahren sollte? Vierzig Jahre nacheinander mit ihm auf einem Berge sitzen – hört doch, womit er mir kommt! Was doch die Menschen heutzutage geduldig geworden sind! Aber nein, es kann doch nicht sein, daß ein Falke zum Uhu ward. Nicht so ist mein Fürst!“ und sie hob stolz und triumphierend den Kopf.

Da war es ihm, als ginge ihm plötzlich etwas auf.

„Warum nennen Sie mich Fürst und ... für wen halten Sie mich überhaupt?“ fragte er schnell.

„Wie? Sind Sie denn kein Fürst?“

„Ich bin niemals Fürst gewesen.“

„Und das gestehen Sie mir noch, so einfach, so ganz offen, mir ins Gesicht, daß Sie kein Fürst sind!“

„Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich nie einer gewesen bin.“

„Mein Gott!“ Sie schlug die Hände zusammen. „Alles habe ich von seinen Feinden erwartet, aber solche Dreistigkeit doch wirklich nicht! Lebt er überhaupt noch?“ rief sie außer sich und rückte auf ihn zu. „Hast du ihn getötet oder nicht, gestehe!“

„Für wen hältst du mich?“ rief er aufspringend und sah sie an mit verzerrtem Gesicht.

Aber es war schwer, sie jetzt noch zu erschrecken. Sie triumphierte bereits.

„Wer kann es denn wissen, was du bist und woher du kommst! Nur mein Herz, mein Herz hat in all diesen fünf Jahren die ganze Intrige geahnt! Und da sitze ich nun und wundere mich: was ist das doch für eine blinde Eule, die heute zu mir gekommen ist? Nein, mein Lieber, du bist ein schlechter Schauspieler, sogar schlechter als mein Lebädkin. Grüße die Gräfin von mir recht höflich und richte ihr aus, sie solle doch einen schicken, der etwas gewandter ist als du. Hat sie dich gemietet, sag? Sonst dienst du wohl in ihrer Küche, wo sie dich vielleicht aus Gnade und Barmherzigkeit hält! Ich durchschaue ja euren ganzen Betrug, euch alle, bis auf den letzten durchschaue ich!“

Er faßte sie mit fester Kraft am Arm, über dem Ellenbogen; sie aber lachte ihm ins Gesicht.

„Ähnlich bist du ihm, ja, sehr ähnlich, vielleicht bist du auch verwandt mit ihm, – schlaues Volk! Nur ist meiner ein lichter Falke und ein Fürst, du aber bist eine Eule und ein Krämer! Wenn meiner will, so beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor Gott nicht! Dich aber hat Schatuschka (der Gute, der Liebe, mein Täubchen Schatuschka!) ins Gesicht geschlagen, wie Lebädkin erzählte. Und warum wurdest du damals so feig, als du hereinkamst? Was schreckte dich denn? Wie ich es sah, dein gemeines Gesicht, als ich fiel und du mich auffingst – da kroch es mir wie ein Wurm ins Herz: das ist nicht er, denke ich, nicht er! Würde sich doch mein Falke meiner nie vor einem vornehmen Fräulein geschämt haben! O Gott! Machte mich doch schon der Gedanke glücklich, in diesen ganzen fünf Jahren, daß mein Falke dort irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut ... Sag, Usurpator, hast du viel genommen? Hast wohl für großes Geld eingewilligt? Ich hätte dir keinen Groschen gegeben! Ha–ha–ha! Ha–ha–ha! ...“

„Idiotin!“ knirschte Stawrogin, der sie immer noch am Arm gepackt hielt.

„Fort, Usurpator!“ rief sie plötzlich befehlend. „Ich bin meines Fürsten Frau und fürchte mich nicht vor deinem Messer!“

„Messer!“

„Ja, Messer! Du hast ein Messer in der Tasche. Du glaubtest wohl, ich schlief, aber ich habe alles gesehen: als du vorhin eintratest, zogst du ein Messer hervor!“

„Was hast du gesagt, Unglückliche, was träumst du für Träume!“ schrie er sie an und stieß sie aus aller Kraft von sich fort, so daß sie sogar schmerzhaft mit dem Kopf und den Schultern an die Sofalehne schlug.

Er stürzte hinaus; sie aber sprang sofort auf und lief ihm hinkend und humpelnd nach, doch erst auf der kleinen Treppe, wo sie von dem erschreckten Lebädkin mit aller Gewalt zurückgehalten wurde, gelang es ihr noch, ihm kreischend und mit Gelächter durch die Finsternis nachzurufen:

„Der falsche Demet–rius ward ver–flucht!“

IV.

„Ein Messer, ein Messer!“ wiederholte Stawrogin immer wieder in unstillbarem Haß, während er mit großen Schritten in den Straßenschlamm und die Regenpfützen trat, ohne auf den Weg zu achten. Und plötzlich, auf Augenblicke, erfaßte ihn eine unbändige Lust zu lachen, laut und toll; aber aus irgendeinem Grunde bezwang er sich und unterdrückte das Lachen. Er kam erst wieder zu sich, als er schon auf der Brücke war, gerade an der Stelle, wo ihn vorhin Fedjka angeredet hatte. Und dieser selbe Fedjka wartete hier auch jetzt, zog, als er Stawrogin erblickte, die Mütze, grinste heiter, und schloß sich ihm, keck und lustig losplaudernd, wieder ohne Bedenken an. Stawrogin ging zunächst unverändert weiter, ja, er achtete gar nicht darauf, vernahm nicht einmal, was der Strolch, der sich ihm wieder zugesellt hatte, da schwatzte. Auf einmal fiel ihm aber ein – und er wunderte sich darüber – daß ihm dieser Zuchthäusler gerade in der Zeit gar nicht in den Sinn gekommen war, als er selbst innerlich in einemfort „Ein Messer, ein Messer!“ gemurmelt hatte.

Und plötzlich packte er ihn blitzschnell am Kragen und riß ihn aus aller Kraft mit der ganzen in ihm angesammelten Wut zu Boden, daß er nur so auf die Brücke krachte. Einen Augenblick gedachte dieser wohl sich zu wehren, sagte sich aber sofort, daß er gegen einen solchen Gegner, der ihm zudem noch so überraschend zuvorgekommen war, ungefähr wie ein Strohhälmchen unmöglich aufkommen konnte. Und so verharrte er denn, halb kniend zu Boden gedrückt, die Ellenbogen auf den Rücken gerissen, wie ihn Stawrogin hielt, lautlos und reglos, sogar ohne den geringsten Widerstand auch nur zu versuchen, und wartete ruhig in schlauer Klugheit ab, was nun kommen werde. Ja, wie es schien, glaubte er überhaupt nicht an eine ernste Gefahr für sich.

Und er täuschte sich nicht. Stawrogin hatte sich zwar schon mit der linken Hand das Halstuch abgerissen, um seinen Gefangenen zu binden, doch plötzlich, Gott weiß weshalb, gab er es auf und stieß ihn nur von sich. Im Augenblick stand Fedjka auf den Füßen, wandte sich um, und ein kurzes, breites Messer blitzte in seiner Hand.

„Fort das Messer! Steck es sofort ein! Sofort!“ befahl Stawrogin mit ungeduldiger Geste – und das Messer verschwand ebenso schnell, wie es aufgetaucht war.

Nicolai Wszewolodowitsch ging darauf wieder stumm und ohne sich umzusehen weiter: aber der hartnäckige Verbrecher folgte ihm doch – diesmal freilich ohne zu schwatzen, vielmehr in respektvoller Entfernung, einen ganzen Schritt hinter ihm. So gingen sie über die ganze Brücke und kamen ans Ufer, wo Stawrogin diesmal nach links bog, in eine lange, öde Gasse, denn das war ein näherer Weg zur inneren Stadt, als der über die Bogojawlenskstraße.

„Ist es wahr, man sagt, du hättest hier in der Umgegend in diesen Tagen eine Kirche geplündert?“ fragte Stawrogin plötzlich.

„Gnädiger Herr, eigentlich ging ich zuerst nur hin, um zu beten,“ antwortete Fedjka gesetzt und höflich, und als ob nicht das Geringste vorgefallen wäre. Ja, nicht nur gesetzt, sondern geradezu würdevoll sagte er es, und von der früheren „freundschaftlichen“ Familiarität war auch nicht eine Spur mehr zu bemerken. Er war in diesem Augenblick ganz wie ein ernster, sachlicher Mensch, den man grundlos gekränkt hat, der aber auch Kränkungen zu vergessen versteht.

„Doch wie mich da unser Herrgott hingeführt hatte,“ fuhr er fort, „ach, du himmlisches Gnadenkraut, denke ich! Nur von wegen meiner Verwaistheit ist ja das alles geschehen, denn in unserem Leben geht’s nu mal gar nich ohne Unterstützung. Und sehen Sie, glauben Sie mir, gnädiger Herr, zu seinem eigenen Nachteil hat der Herr mich hingeführt: hab’ für die Sachen im ganzen nur zwölf Rubelchen bekommen. Des heiligen Nicolai silbernes Kinnband aber ist fast auf den Kauf gegangen: semiliert, sagte man.“

„Du hast vorher den Wächter erstochen?“

„Nee, das heißt, wir haben’s ja beide gemacht, der Wächter und ich, und dann erst, am Morgen, am Flüßchen, kam’s zum Streit, wer den Sack tragen sollte. Da sündigte ich, erleichterte ihn ein klein wenig.“

„Erstich noch, stiehl noch!“

„Ganz dasselbe rät mir auch Pjotr Stepanowitsch, mit genau denselben Worten, da er mir selber nie nich was geben will, denn er ist halt geizig und hartherzig in Fragen wie Unterstützung. Außerdem, daß er an den himmlischen Schöpfer, der uns doch allesamt aus einem Erdkloß gemacht hat, nich für eine Kopeke glaubt. Er sagt, alles hat die Natur gemacht, sogar jedes letzte Tier, und überdies begreift er schon ganz und gar nich, daß uns in unserem Leben ohne milde Unterstützung überhaupt nichts möglich ist. Fängst du ihm was zu erklären an, glotzt er wie ein Schaf ins Wasser: nur so wundern kannst du dich über ihn. Aber werden Sie es wohl glauben, gnädiger Herr, beim Hauptmann Lebädkin beispielsweise, wo Sie soeben besuchten, da kam’s vor, als er noch vor Ihnen bei Filippoff wohnte, daß die Tür die ganze Nacht unverschlossen steht, schläft selbst vollgesoffen wie ein Fisch, und das Geld, das kullert nur man so aus allen Taschen auf die Diele. ’s kam vor, daß man’s mit eigenen leibhaftigen Augen sah, denn nach unserer Meinung, daß man ohne milde Unterstützung was könnte, daran ist schon gar nich zu denken ...“

„Wie das, mit eigenen Augen? Bist du etwa in der Nacht hingegangen?“

„Vielleicht bin ich auch hingegangen, nur weiß das niemand nich.“

„Warum hast du ihn denn nicht erstochen?“

„Hab erst nachgezählt und mich dann bedacht. So wußte ich denn, daß ich immer hundertfünfzig Rubel rausnehmen kann, aber warum soll ich denn das, wenn ich ganze tausendfünfhundert kriegen kann, wenn ich nur eben jetzt ein wenig warte? Denn Hauptmann Lebädkin hat immer sehr auf Sie gebaut, hab’s mit meinen eigenen Ohren gehört, wenn er voll war, und es gibt hier überhaupt keine Schenke mehr, wo er nich dasselbe genau so wiederholt hat. Das hab ich auch noch von anderen gehört, und so begann ich nun gleichfalls, meine ganze Hoffnung auf den gnädigen Herrn zu setzen. Ich bin wirklich zu Ihnen, gnädiger Herr, wie zu meinem Vater oder leiblichen Bruder, denn Pjotr Stepanowitsch wird darüber niemals was von mir zu hören bekommen und auch sonst keine einzige Seele. Also deshalb meine ich, der gnädige Herr könnte mir doch wirklich jetzt mit drei Rubelchen wohlwollen? Wenn der gnädige Herr mir nur somit klar zu verstehen geben wollte, damit ich dann die Wahrheit weiß, denn für unsereins ist’s nun einmal ohne milde Unterstützung ganz und gar unmöglich.“

Da lachte Stawrogin laut auf, zog aus der Tasche sein Portemonnaie, in dem an fünfzig Rubel in kleineren Scheinen waren, und warf einen Schein aus dem Paket ihm zu, dann noch einen, dann einen dritten, vierten, fünften. Fedjka fing sie in der Luft auf, sprang hin und her, die Banknoten flatterten, fielen in den Schmutz, immer gieriger griff er nach ihnen, und immer erregter stieß er dabei ein kurzes „Äch, Äch“ hervor. Schließlich schleuderte ihm Stawrogin aus voller Faust das ganze Geldpaket zu und bog, immer noch lachend, in eine Quergasse ein – diesmal allein. Der Strolch blieb zurück, rutschte fast auf den Knien im Schmutz herum und suchte nach den vom Wind verstreuten Geldscheinen, die in den Pfützen versanken, und noch eine ganze Stunde lang konnte man hören, wie er in der Dunkelheit suchend sein kurzes „Äch, Äch!“ hervorstieß.