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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 72: I.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Neuntes Kapitel.
Alle in Erwartung

I.

Die Geschichte dieses Duells wurde in unserer Gesellschaft ungemein schnell bekannt. An dem Eindruck, den sie machte, war das Bemerkenswerteste die Einstimmigkeit, mit der alle sich schon am nächsten Tage rückhaltlos für Nicolai Stawrogin erklärten. Selbst viele von seinen ehemaligen Feinden zählten sich plötzlich entschieden zu seinen Freunden.

Den Anstoß zu diesem überraschenden Umschwung der öffentlichen Meinung hatte zunächst nur eine einzige treffende Bemerkung gegeben; diese aber war von einer Persönlichkeit gemacht worden, die sich bis dahin noch nie öffentlich geäußert oder gar ihre Stellungnahme verraten hatte. So ward denn jene Bemerkung sogleich von ungeheurer Bedeutung für den größten Teil unserer Gesellschaft. Zugetragen aber hatte sich das alles folgendermaßen:

Gerade an dem Tage nach dem Duell feierte die Gemahlin des Adelsmarschalls unseres Gouvernements ihren Geburtstag. Die ganze höhere Gesellschaft war bei ihr versammelt. Unter den Gästen befand sich auch, oder richtiger, präsidierte, als Gattin unseres neuen Gouverneurs, Julija Michailowna, die in Begleitung von Lisaweta Nicolajewna erschienen war. Lisa war von geradezu strahlender Schönheit und sah ganz besonders froh und glücklich aus – was freilich viele Damen sogleich äußerst verdächtig fanden. Hier muß ich erwähnen, daß an ihrer tatsächlichen Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch eigentlich nicht mehr zu zweifeln war: auf die scherzhafte Frage eines alten Generals, von dem gleich noch die Rede sein wird, antwortete Lisa selbst, daß sie Braut sei. Und doch – wie sonderbar das auch erscheinen mag –: keine einzige von unseren Damen wollte daran glauben und alle fuhren sie eigensinnig fort, von einem verhängnisvollen Familiengeheimnis, von einem Roman zu munkeln, der sich in der Schweiz abgespielt haben sollte, und zwar – ich weiß nicht, weshalb – unbedingt unter Mitwirkung von Julija Michailowna. Es ist wirklich schwer zu sagen, wie alle diese Gerüchte sich so lange und hartnäckig behaupten konnten, und warum immer wieder und unbedingt gerade Julija Michailowna in diese Geschichten hineingeflochten wurde und warum man glaubte, daß sie auch in die Geheimnisse der Ohrfeigengeschichte eingeweiht sei.

So kam es denn, daß man ihr auch auf der Abendgesellschaft beim Adelsmarschall, als sie mit Lisa eintrat, sogleich und ganz allgemein mit Spannung entgegensah, mit Blicken, die die Erwartung deutlich verrieten. Von dem Duell wagte man noch nicht laut zu sprechen, nur unter Bekannten tuschelte man sich dies und jenes zu. Es geschah das wohl vor allem deshalb, weil man noch nicht wußte, wie sich die Behörden zu dem Vorfall stellen würden. Soweit bekannt war, hatte man die beiden Duellanten bis jetzt noch völlig unbehelligt gelassen, und Gaganoff war, wie man wußte, schon am Morgen dieses Tages auf sein Gut Duchowo zurückgekehrt, ohne vorher irgendwelchen Belästigungen ausgesetzt gewesen zu sein. Selbstredend warteten nun alle darauf, daß endlich jemand laut davon zu sprechen anfange und damit der allgemeinen Ungeduld und Neugier, die sich so nicht äußern konnten, gewissermaßen die Tür öffne. Dabei rechnete man ganz besonders auf den bereits erwähnten alten General, und richtig: man verrechnete sich dabei nicht.

Dieser General war eines der angesehensten Mitglieder unseres Adelsklubs: Gutsbesitzer, doch nicht sonderlich reich, mit Anschauungen, die in ihrer Art geradezu einzig waren, und in Damengesellschaft ein unverbesserlicher Kurmacher. Unter anderem liebte er es besonders, auf großen Versammlungen, sei es nun im Klub oder in der Gesellschaft, mit der ganzen Würde seines Ranges und Alters plötzlich laut gerade davon zu sprechen, wovon alle nur ängstlich und heimlich zu flüstern wagten. Es war das gewissermaßen eine Spezialität von ihm. Und so tat er es denn auch diesmal wieder nach seiner alten Gewohnheit. – Mit Gaganoff war er irgendwie entfernt verwandt, jetzt aber entzweit; ich glaube, er prozessierte sogar mit ihm. Außerdem hatte er in seiner Jugend selbst zwei Duelle gehabt und war wegen des letzten zeitweilig als Gemeiner nach dem Kaukasus verbannt gewesen.

Nun ließ jemand ein paar Worte über Warwara Petrowna fallen, die „nach der Krankheit“ jetzt wieder ausgefahren sei – oder eigentlich nicht gerade über sie, sondern mehr über den herrlichen grauen Viererzug eigener, Stawroginscher, Zucht, mit dem sich dies Ereignis begeben hatte. Da bemerkte plötzlich der alte General, daß er heute den „jungen Stawrogin“ zu Pferde angetroffen habe ... Alles verstummte sofort. Der General aber schob eine Weile lang die Lippen hin und her, spielte mit seiner goldenen, ihm hohen Orts geschenkten Tabaksdose und sagte schließlich, die Worte wie ein Feinschmecker auseinanderziehend:

„Tut mir faktisch un–gemein leid, daß ich vor einigen Jahren nicht hier war ... Hielt mich gerade in Karlsbad auf. Hm ... Dieser junge Mensch in–te–ressiert mich, in der Tat, se–ehr. Es kursi–ierten ja seinerzeit die tollsten Gerüchte über ihn. Hm ... Aber wie, – sollte es fak–tisch wahr sein, daß er nicht ganz, hm, zu–rechnungs–fähig ist? Hab so etwas gehört ... Jetzt aber hörte ich, ein Student habe ihn in Gegenwart seiner Kusinen beleidigt, und er soll vor ihm unter den Tisch gekrochen sein. Und nun sagt mir plötzlich Stepan Wyssotzki, daß dieser Stawro–gin sich mit diesem ... Gaga–noff geschlagen hat. Und das ein–zig in der chevaleres–ken Ab–sicht, sei–ne Stirn der Kugel eines ... Toll–gewordenen zu bieten, bloß um ihn ... äh ... loszuwerden. Hm ... Das ist so ungefähr im Stil der Garde der zwanziger Jahre. Verkehrt er übrigens hier mit jemandem?“

Der General verstummte, als erwarte er eine Antwort, und alle Blicke wandten sich, fast wie auf ein Kommando, Julija Michailowna zu.

„Das ist doch ganz erklärlich!“ sagte diese gereizt, da alle gleichsam überzeugt schienen, gerade sie müsse jetzt etwas sagen. „Wie kann man sich darüber wundern, daß Stawrogin sich mit Gaganoff schlägt und mit dem Studenten nicht? Er konnte doch nicht seinen früheren Leibeigenen fordern!“

Bemerkenswerte Worte! Eine einfache und auf der Hand liegende Erklärung, auf die aber noch niemand verfallen war. So war sie denn auch von entscheidender Wirkung. Alles Skandalöse, Anekdotenhafte und Kleinliche war mit einem Schlage zurückgedrängt und etwas anderes tauchte vor einem auf. Man sah plötzlich einen neuen Menschen vor sich, in dem sich bis jetzt alle getäuscht hatten, einen Menschen mit Ehrbegriffen von fast idealer Strenge. Von einem Studenten, also einem gebildeten und nicht mehr leibeigenen Menschen, tödlich beleidigt, übersieht er die Beleidigung, weil der Student – sein ehemaliger Leibeigener ist. Die Gesellschaft zerreißt sich den Mund darüber und blickt mit Verachtung auf den Menschen, der einen Schlag ins Gesicht hingenommen hat: dieser aber mißachtet, übersieht einfach auch die Meinung der Gesellschaft, die ja doch zur richtigen Beurteilung der Dinge viel zu unreif ist, obschon sie sich selber stets dazu berufen fühlt.

„Und währenddessen sitzen wir hier, Iwan Alexandrowitsch, und philosophieren darüber, welches die richtigen Ehrbegriffe sind!“ bemerkt in einem edlen Anfall von Selbsterkenntnis ein alter Klubherr zum anderen.

„Ja, ja, Sie haben recht, Pjotr Michailowitsch,“ pflichtet ihm dieser reuig bei. „Und da schilt man noch auf die Jugend von heute!“

„Ach was, hier kann doch von der Jugend im allgemeinen überhaupt nicht die Rede sein,“ sagt ein Dritter. „Die Jugend von heute hat damit nichts gemein. Hier handelt es sich einfach um einen Stern, eine einzigartige Ausnahme, um einen neuen Menschen, nicht aber um irgendeine durchschnittliche Jugend von heute! Sehen Sie, so ist das aufzufassen.“

„Ja, ja ... und gerade das ist es ja, was wir brauchen; wir sind arm geworden an Persönlichkeiten.“

Doch das Wichtigste war hierbei, daß diese „Persönlichkeit“ oder dieser „neue Mensch“ sich nicht nur als „unzweifelhafter Edelmann“ erwiesen hatte, sondern außerdem noch der allerreichste Grundbesitzer unseres Gouvernements war, und folglich sogleich als Beistand und Faktor zu betrachten war. Ich habe übrigens schon früher andeutungsweise die Stimmung unserer Grundbesitzer erwähnt.[42]

Ja, man geriet sogar ordentlich in Hitze:

„Und nicht nur, daß er den Studenten nicht gefordert hat,“ hob ein anderer hervor, „er hat sogar die Hände ostentativ zurückgezogen! – Bitte das wohl zu bemerken, Exzellenz!“

„Und hat ihn nicht einmal vor unser neues Zivilgericht geschleppt ...“ meinte wieder ein anderer.

„Ungeachtet dessen, daß dieses unser hochlöbliches neues Gericht ihn dafür, daß er beleidigt worden ist, zu einer Strafe von fünfzehn Silberrubeln verurteilt hätte, ha–ha–ha!“

„Nein, hören Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer neuen Gerichte sagen!“ regte sich ein Dritter auf. „Hat jemand einen anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womöglich auf frischer Tat ertappt und überführt – so laufe er nur schnell nach Hause, so lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren Batisttüchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten! Ehrenwort, so ist es!“

„Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es!“

Natürlich begnügte sich die Gesellschaft auch diesmal nicht mit den bekannten Tatsachen. Man sprach wieder über die Freundschaft Stawrogins mit dem berühmten Grafen K., dessen strenger, isolierter Standpunkt den neuesten Reformen gegenüber allgemein bekannt war, ebenso wie seine aufsehenerregende Tätigkeit noch bis in die jüngste Zeit. Und plötzlich stand für alle vollständig fest, daß Nicolai Wszewolodowitsch sich mit einer von den Töchtern des Grafen K. verloben werde, obgleich zu einer solchen Annahme in Wirklichkeit auch nicht der geringste Grund vorhanden war. Was aber da irgendwelche romantische schweizer Abenteuer mit Lisaweta Nicolajewna anbetraf, oh, so erwähnten unsere Damen diese „Märchen“ überhaupt nicht mehr. Ich muß hier bemerken, daß Drosdoffs inzwischen schon überall ihre Visite gemacht hatten, und nun fand man, daß Lisa ein ganz gewöhnliches junges Mädchen sei, das mit seinen „kranken Nerven“ nur „kokettierte“. Ihren Ohnmachtsanfall am Tage der Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs erklärte man einfach mit dem Schreck über die schändliche Tat des Studenten. Ja, man bemühte sich sogar, das, was man noch vor kurzem so phantastisch aufgefaßt hatte, jetzt so prosaisch wie möglich zu erklären; – und die Hinkende vergaß man völlig, schämte sich fast, sie überhaupt erwähnt zu haben. Die Männer aber pflegten zu sagen: „Und wenn auch hundert lahme Frauenzimmer – wer ist denn nicht jung gewesen!“ Jetzt hob man auch allgemein die Ehrerbietung Nicolai Wszewolodowitschs zu seiner Mutter hervor, sprach wohlwollend von seinem großen Wissen, das er sich in diesen vier Jahren an deutschen Universitäten erworben hatte. Die Handlungsweise Gaganoffs aber erklärte man endgültig für taktlos – „die Eigenen erkennen die Eigenen nicht!“ –, und Julija Michailowna sprach man gar „höhere Einsicht“ zu.

So wurde denn Stawrogin, als er endlich selbst in der Gesellschaft erschien, mit dem naivsten Ernst und der ungeduldigsten Erwartung angesehen. Er aber schwieg. Natürlich befriedigte das wieder weit mehr, als es endlose Erklärungen getan hätten. Kurz, er machte einen großen Eindruck auf alle, er wurde Mode. In der Gesellschaft kam er mit feinstem Takt allen seinen Pflichten nach. Ein Zurückziehen, sich Absondern war freilich unmöglich, nachdem er einmal in der Gesellschaft erschienen war. Das ist schon so in der Provinz. Man fand ihn zwar nicht „gemütlich“ oder „unterhaltsam“, aber „der Mensch hat gelitten, ist nicht so wie andere; hat auch was, worüber er nachdenken kann,“ hieß es zu seiner Entschuldigung. Sogar sein Stolz und die Unnahbarkeit, die ihm vor vier Jahren so viel Haß eingetragen hatten, gefielen jetzt und wurden sehr geachtet.

Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich weiß nicht, ob sie sich über ihre verunglückten Pläne mit Lisa sehr grämte: darüber half ihr vielleicht der Familienstolz hinweg. Sonderbar war nur eines: Warwara Petrowna glaubte plötzlich gleichfalls, daß ihr Nicolas eine Tochter des Grafen K. erwählt habe, und zwar – was das Sonderbarste dabei war – sie glaubte es gleichfalls nur auf die Gerüchte hin, die auch zu ihr bloß der „Zufall“ verschlagen hatte; selbst aber ihren Sohn zu fragen, fürchtete sie sich. Zwei- oder dreimal konnte sie sich freilich nicht bezwingen, und machte ihm vorsichtig, wenn auch heiter, den Vorwurf, nicht ganz aufrichtig zu ihr zu sein: Nicolai Wszewolodowitsch lächelte aber nur und fuhr fort, zu schweigen. So hielt sie sein Schweigen für eine Bestätigung. Und doch konnte sie bei all dem die Hinkende nicht vergessen. Der Gedanke an diese lag ihr wie ein Stein auf dem Herzen, raubte ihr den Schlaf oder schreckte sie mit unheimlichen Träumen – und das zu derselben Zeit, als sie an die Töchter des Grafen K. dachte. Aber davon später. Es versteht sich im übrigen von selbst, daß die Gesellschaft sich wieder ganz wie früher mit außerordentlicher Ehrfurcht zu Warwara Petrowna verhielt, wenn auch diese sich jetzt nur noch selten sehen ließ.

Indessen machte sie doch der Gouverneurin einen feierlichen Besuch. Natürlich war niemand über die schon erwähnte Bemerkung Julija Michailownas so entzückt, wie Warwara Petrowna: diese Worte hatten viel Leid von ihrem Herzen genommen. „Ich habe diese Frau mißverstanden!“ sagte sie sich, und mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit erklärte sie Julija Michailowna sofort, daß sie gekommen sei, um sich bei ihr zu bedanken. Julija Michailowna war natürlich sehr geschmeichelt, verlor jedoch nicht ihre Würde. Zu gleicher Zeit stieg sie in ihren eigenen Augen ganz beträchtlich, und vielleicht sogar etwas zu hoch. So beging sie beispielsweise im Laufe des Gesprächs die Unhöflichkeit, Warwara Petrowna zu sagen, daß sie noch nie etwas von einer literarischen Tätigkeit Stepan Trophimowitschs gehört habe.

„Ich empfange und verwöhne natürlich den jungen Werchowenski, er ist zuweilen etwas unbesonnen, aber er ist ja noch jung. Jedenfalls hat er solide Kenntnisse, und ist doch immerhin schon etwas mehr, als irgend ein verabschiedeter ehemaliger Kritiker.“

Warwara Petrowna beeilte sich sofort, zu bemerken, daß Stepan Trophimowitsch niemals Kritiker gewesen sei, sondern sein ganzes Leben in ihrem Hause verbracht habe. Berühmt aber sei er durch gewisse Umstände zu Anfang seiner Karriere, die „aller Welt nur zu gut bekannt sind“, und in der letzten Zeit durch seine Studien über die spanische Geschichte; augenblicklich beabsichtige er, über die deutschen Universitäten zu schreiben und, wenn sie recht unterrichtet sei, auch etwas über die Dresdener Madonna ... Warwara Petrowna wollte ihren Stepan Trophimowitsch um keinen Preis von Julija Michailowna herabsetzen lassen.

„Über die Dresdener Madonna? Die Sixtinische? Chère Warwara Petrowna, ich habe zwei Stunden vor diesem Bilde gesessen und bin schließlich vollkommen enttäuscht fortgegangen. Ich habe nichts verstanden und mich nur über die Menschen gewundert. Auch Karmasinoff sagt, daß es schwer sei, dieses Bild zu verstehen. Jetzt finden alle nichts Besonderes an diesem Bilde, sowohl Russen wie Engländer. Den ganzen Ruhm haben ihm nur die alten Professoren verschafft.“

„Also eine neue Mode?“

„Ach, ich aber glaube, daß man unsere Jugend nicht so geringschätzen darf. Überall klagt man jetzt, unsere jungen Leute seien Kommunisten, und verachtet sie womöglich, doch meiner Meinung nach sollte man sie lieber schonen und hochschätzen. Ich lese jetzt alles: alle Zeitungen, Revuen, treibe Naturwissenschaft – ich bekomme alles, denn man muß doch, nicht wahr, endlich wissen, wo man lebt und mit wem man es zu tun hat?! Man kann doch nicht das ganze Leben lang auf den Wolken seiner Phantasie leben! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Jugend zu protegieren, und hoffe, sie auf diese Weise an dem Rande des Abgrundes zurückzuhalten, in den sie, das gebe ich zu, sonst hinabgleiten könnte. Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, nur mit gutem Einfluß und vor allem mit Liebe können wir sie von dem Abgrund zurückhalten, in den sie die Unduldsamkeit aller dieser zurückgebliebenen alten Leute treibt. Aber wirklich: es freut mich, was ich von Ihnen über Stepan Trophimowitsch gehört habe. Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht: er könnte auf unserer literarischen Matinee gleichfalls etwas vortragen. Wissen Sie es schon? Ich arrangiere einen ganzen Festtag, mit Hilfe einer Kollekte – für die armen Gouvernanten unseres Gouvernements. Sie sind in ganz Rußland verstreut; aus unserem Kreise sind allein schon sechs; außerdem noch zwei Telegraphistinnen und zwei, die die Akademie besuchen; viele würden das gleichfalls gern, haben aber nicht die Mittel dazu. Ach, das Los der russischen Frau ist entsetzlich, Warwara Petrowna! Jetzt wird daraus eine Universitätsfrage gemacht, und der Reichsrat hat sich sogar schon deswegen einmal versammelt. In unserem sonderbaren Rußland kann man wirklich alles machen, was einem einfällt. Und darum, noch einmal sei es gesagt, könnten wir nur mit Liebe und unmittelbarer warmer Teilnahme der ganzen Gesellschaft diese große, allgemeine Sache auf den richtigen Weg führen. O Gott, als ob wir viele große Menschen hätten! Es gibt ja natürlich welche, aber die sind so verstreut! Tun wir uns doch zusammen, um stärker zu werden! Wie gesagt, ich werde erst eine literarische Matinee arrangieren, darauf ein leichtes Frühstück, und dann, am Abend, einen Ball. Zuerst wollten wir den Abend mit lebenden Bildern eröffnen, aber das käme wohl etwas zu teuer, und deshalb sollen zur Unterhaltung des Publikums nur zwei Quadrillen von Masken getanzt werden – in charakteristischen Kostümen, die bestimmte literarische Richtungen darstellen. Diesen spaßigen Vorschlag hat Karmasinoff gemacht – er ist mir überhaupt sehr behilflich. Und wissen Sie, er wird zur Matinee sein letztes Werk, das noch niemand kennt, vorlesen. Er will seine Feder jetzt niederlegen und nie mehr schreiben. Dieses letzte Werk ist sein Abschied vom Publikum. Ein herrliches Ding, unter dem Titel: ‚Merci‘. Allerdings ein französisches Wort, aber er findet es scherzhafter und sogar feiner. Ich auch – ja eigentlich habe ich es ihm vorgeschlagen. Nun denke ich, vielleicht könnte auch Stepan Trophimowitsch etwas vorlesen, etwas Kürzeres und, wenn möglich ... nicht gar zu Gelehrtes. Ich glaube, auch Pjotr Stepanowitsch und noch jemand werden irgend etwas vortragen. Ich werde Pjotr Stepanowitsch zu Ihnen schicken, mit dem Programm, oder besser, erlauben Sie mir, es Ihnen selbst zu übergeben, wenn ich einmal vorüberfahre.“

„Gern! – Und Sie erlauben mir gewiß, meinen Namen gleichfalls auf die Liste zu setzen ... Ich werde es Stepan Trophimowitsch mitteilen und ihn selbst darum bitten.“

Ganz bezaubert kehrte Warwara Petrowna heim; jetzt stand sie wie ein Fels für Julija Michailowna! Über Stepan Trophimowitsch aber ärgerte sie sich plötzlich grenzenlos. Er aber, der Arme, ahnte natürlich von alledem nichts.

„Ich habe mich geradezu in sie verliebt. Ich begreife nicht, wie ich mich in dieser Frau so habe täuschen können,“ sagte sie zu Nicolai Wszewolodowitsch und zu Pjotr Stepanowitsch, der am Abend dieses Tages wieder auf einen Augenblick bei ihr vorsprach.

„Aber Sie müssen sich mit dem Alten wieder aussöhnen,“ meinte Pjotr Stepanowitsch, „er ist ganz verzweifelt. Sie haben ihn ja schon geradezu in die Küche geschickt. Gestern hat er Sie in der Equipage gesehen und gegrüßt, Sie aber sollen sich abgewendet haben. Wissen Sie, wir wollen ihn ein wenig herausheben, ich habe sogar gewisse Absichten mit ihm und er kann uns noch nützlich sein.“

„Oh, er wird ja jetzt auf der Matinee vortragen.“

„Ich spreche nicht davon allein. Übrigens, ich wollte selbst noch heute zu ihm gehen. Soll ich es ihm sagen?“

„Wenn Sie wollen. Oder nein, ich weiß nicht, wie Sie das anfangen werden,“ sagte sie ein wenig unentschlossen. „Ich hatte schon selbst die Absicht, mich mit ihm auszusprechen und wollte ihm Ort und Stunde angeben.“ Ihr Gesicht verfinsterte sich.

„Na, das lohnt sich gerade! Ich werde es ihm einfach sagen.“

„Nun, meinetwegen. Sagen Sie es ihm. Aber fügen Sie hinzu, daß ich ihm unbedingt einen Tag angeben werde. Fügen Sie das unbedingt hinzu.“

Pjotr Stepanowitsch eilte sogleich schmunzelnd zu seinem Vater. Im allgemeinen war er in dieser Zeit, so weit ich mich dessen noch erinnern kann, ganz besonders schlechter Laune und erlaubte sich unglaubliche Sachen fast allen gegenüber, was man ihm aber sonderbarerweise stets verzieh. Überhaupt hatte sich die Meinung verbreitet, daß man auf ihn irgendwie besonders sehen müsse. Hier muß ich aber erwähnen, daß ihn Stawrogins Duell in eine schon beinahe unnatürliche Wut versetzt hatte; die Nachricht traf ihn unvorbereitet. Er wurde geradezu grün im Gesicht, als man ihm das erzählte. Vielleicht litt hierbei seine Eigenliebe: er erfuhr es erst am anderen Tage, als schon alle davon wußten.

„Aber Sie hatten ja gar nicht das Recht, sich zu schlagen!“ flüsterte er Stawrogin zu, als er ihn erst am fünften Tag darauf zufällig im Klub traf.

Es ist bemerkenswert, daß sie sich in diesen fünf Tagen nirgends begegnet waren, obgleich Pjotr Stepanowitsch fast täglich bei Warwara Petrowna vorsprach.

Stawrogin blickte ihn stumm und wie zerstreut an, als verstünde er nicht, wovon jener sprach, und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er ging durch den großen Saal zum Büfettraum.

„Sie sind auch zu Schatoff gegangen ... Sie wollen Ihre Heirat mit Marja Timofejewna bekannt machen,“ flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der ihm nachlief, und faßte ihn an der Schulter.

Da schüttelte Stawrogin plötzlich seine Hand ab und drehte sich schnell mit drohend finsterem Gesicht zu ihm um. Pjotr Stepanowitsch sah ihn an und lächelte ein sonderbares langes Lächeln. Das Ganze dauerte nur einen Augenblick. Stawrogin ging allein weiter.

II.

Von Warwara Petrowna begab sich Pjotr Stepanowitsch an jenem Abend schleunigst zu seinem Vater. Daß er sich so beeilte, geschah vor allem aus Bosheit: um sich für eine Beleidigung, von der ich noch keine Ahnung hatte, sobald wie möglich zu rächen. Stepan Trophimowitsch hatte ihn nämlich bei seinem letzten Besuch nach einem Streit, der übrigens von ihm selbst begonnen worden war, mit dem Stock hinausgejagt. Damals war ich, wie gesagt, nicht zugegen gewesen, diesmal aber, als Pjotr Stepanowitsch mit seinem gewöhnlichen spöttischen Lächeln eintrat, während sein unangenehm neugieriger Blick das Zimmer gleichsam absuchte, gab mir Stepan Trophimowitsch sogleich durch einen Wink zu verstehen, ich solle den Raum nicht verlassen. So erfuhr ich denn, wie sie zu einander standen.

Stepan Trophimowitsch saß halb liegend auf dem Diwan. Seit jenem letzten Besuch seines Sohnes, am Donnerstag, war er magerer und bleicher geworden. Pjotr Stepanowitsch setzte sich in der ungeniertesten Weise neben ihn, und nahm weit mehr Platz auf dem Diwan ein, als es die Achtung vor dem Vater erlaubt hätte. Stepan Trophimowitsch rückte wortlos, seine Würde wahrend, zur Seite.

Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch: der Roman „Was tun?“[43] Leider muß ich hier eine gewisse Schwäche meines Freundes eingestehen: der Gedanke, daß er noch einmal aus seiner Einsamkeit hervortreten müsse, um „die letzte Schlacht zu schlagen“, hatte sich mehr und mehr in seiner verblendeten Einbildung festgesetzt. Ich erriet, daß er sich diesen Roman nur vorgenommen hatte und nun studierte, um für den Fall eines Zusammenstoßes mit den Feinden ihren ganzen „Katechismus“ zu kennen. So vorbereitet, wollte er sie dann alle widerlegen und feierlich vor „ihr“ über jene Jungen triumphieren! Oh, wie quälte ihn dieses Buch! Ganz verzweifelt warf er es oft fort, sprang auf und ging erregt, ja fast außer sich hin und her.

„Ich gebe zu, daß der Grundgedanke des Autors richtig ist,“ sagte er wie im Fieber zu mir, – „aber das ist doch noch schrecklicher! Es ist ja derselbe Gedanke, den wir gehegt haben, gerade unser eigener! Wir haben ihn selbst gepflanzt, erzogen, alles vorbereitet, – ja und was könnten die denn überhaupt noch Neues sagen, nach uns! Aber, Gott, wie ist das alles mißverstanden, wie entstellt, wie verdorben!“ rief er, nervös mit den Fingern auf das Buch klopfend. „Haben wir je solche Folgerungen gezogen, das etwa erstrebt? Wer kann hier überhaupt den Grundgedanken herauslesen?!“

„Bildest dich?“ fragte Pjotr Stepanowitsch spöttisch, nachdem er das Buch vom Tisch genommen und den Titel gelesen hatte. „War schon längst an der Zeit. Kann dir noch bessere Bücher bringen, wenn du willst.“

Stepan Trophimowitsch schwieg wieder. Ich saß auf dem anderen Diwan in der Ecke.

Pjotr Stepanowitsch erklärte schnell, warum er gekommen sei. Stepan Trophimowitsch war ganz unverhältnismäßig betroffen und hörte mit einem Schrecken zu, der sich mit äußerstem Unwillen mischte.

„Und diese Julija Michailowna ist ohne weiteres überzeugt, daß ich bei ihr vorlesen werde!“

„Das heißt, sieh mal, sie brauchen dich ja eigentlich überhaupt nicht. Im Gegenteil, es geschieht nur, um dir eine Ehre zu erweisen und somit Warwara Petrowna zu schmeicheln. Na, versteht sich doch von selbst, daß du nicht wagen darfst, etwa abzusagen. Und selber willst du doch auch riesig gern vorlesen,“ schmunzelte er. „Ihr Alten habt ja alle ’ne höllische Ambition. Aber, hör mal, damit es nicht zu langweilig ist – du hast da etwas aus der spanischen Geschichte, nicht? Du, also gib mir das Ding drei, zwei Tage vorher, damit ich es mal durchsehe, sonst schläferst du uns am Ende noch alle ein.“

Die Grobheit seiner Bemerkungen war augenscheinlich beabsichtigt. Er tat, als könne man mit Stepan Trophimowitsch eben unmöglich feiner sprechen. Mein Freund fuhr unerschütterlich fort, die Beleidigungen nicht zu bemerken. Indessen regte ihn der Inhalt des Gehörten doch immer mehr auf.

„Und sie selbst, sie selbst hat ... dir gesagt, daß du es mir mitteilen sollst?“ fragte er.

„Das heißt, sieh mal, sie wollte dir Ort und Zeit angeben, um sich mit dir auszusprechen – die letzten Überreste eurer Sentimentalitäten. Du hast zwanzig Jahre mit ihr kokettiert und ihr die lächerlichsten Albernheiten angewöhnt. Na, beruhige dich, jetzt hat das aufgehört; jetzt wiederholt sie ja selbst stündlich, daß sie dich nun erst ‚durchschaut‘. Ich habe ihr logisch auseinandergesetzt, daß eure ganze Freundschaft weiter nichts als ein gegenseitiger Erguß von Spülicht gewesen ist. Sie hat mir viel erzählt, weißt du. Pfui, was für ein Lakaienamt du bei ihr bekleidet hast. Sogar ich habe für dich erröten müssen.“

„Ich – ein Lakaienamt bekleidet?“ rief Stepan Trophimowitsch, der nun doch nicht mehr an sich halten konnte.

„Sogar noch schlimmer als das, denn du warst ja ein Schmarotzer, also ein freiwilliger Lakai. Zur Arbeit zu faul – aber auf Geld haben wir Appetit. Kennt man! Auch sie begreift das jetzt. Haarsträubend, was sie von dir alles erzählt hat! Ach, Freund, hab ich aber über deine Briefe an sie gelacht! Wie gewissenlos und wie ekelhaft! Aber ihr seid ja so verderbt, so unglaublich verderbt! Im Almosenempfangen liegt doch etwas, das den Menschen für immer verdirbt – du bist ein glänzendes Beispiel dafür!“

„Sie hat dir meine Briefe gezeigt!“

„Alle. Das heißt, wo denkst du hin, wer soll denn die alle durchlesen! Pfui, ich glaube, es sind über zweitausend Briefe. Verboten viel Papier verschmiert ... Aber weißt du auch, Alter, ich vermute, es muß da einmal einen Augenblick gegeben haben, wo sie vielleicht sogar bereit gewesen wäre, dich zu heiraten? Dümmsterweise hast du’s verpaßt! Ich meine natürlich – von deinem Standpunkt aus. Immerhin besser als jetzt, da man dich beinah mit ‚fremden Sünden‘ verkuppelt hätte, wie einen Narren zum Scherz, – und das für Geld.“

„Für Geld! Sie, sie sagt – ich hätte für Geld! ...“ rief Stepan Trophimowitsch in krankhafter Erregung.

„Ja, wie denn sonst? Was fällt dir denn ein? Unter diesem Gesichtswinkel habe ich dich noch verteidigt! Das ist doch deine einzige Entschuldigung. Sie hat jetzt selbst eingesehen, daß du Geld brauchtest, wie nun einmal alle Menschen – und von dem Standpunkte aus sogar ganz recht hattest. Ich habe ihr denn auch klar wie zweimalzwei bewiesen, daß ihr zu Eurem gegenseitigen Vorteil gelebt habt: sie als Kapitalistin, und du bei ihr als ihr sentimentaler Narr. Übrigens: über das viele verschwendete Geld ärgert sie sich nicht, obgleich du sie doch wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ist nur, daß sie dir zwanzig Jahre lang geglaubt hat, daß sie sich von deinem Anstand hat betölpeln lassen und daß du sie gezwungen hast, so lange zu lügen. Daß sie selbst auch gelogen hat, wird sie sich nie eingestehen, aber du wirst dafür doppelt büßen müssen. Ich verstehe nur nicht, wie du nicht hast begreifen können, daß es irgend einmal doch zu einer Abrechnung kommen mußte. Denn immerhin hattest du doch so etwas wie einen Verstand. Ich habe ihr gestern geraten, dich in ein Armenhaus zu stecken. Beruhige dich, in ein anständiges: es wird schon nicht erniedrigend sein. Ich glaube, sie wird es auch so machen. Erinnerst du dich noch deines letzten Briefes an mich, ins H–sche Gouvernement, vor drei Wochen?“

„Den hast du ihr gezeigt?“ Stepan Trophimowitsch sprang vor Entsetzen auf.

„Na, selbstredend! Als ersten! Denselben, in dem du schreibst, daß sie dich ausnutzt, dich um deines Talentes willen beneidet, na, und noch allerlei über die ‚fremden Sünden‘ ... – Ach, Freund, hast du aber eine Eigenliebe! Ich habe mir vor Lachen die Seiten gehalten. Sonst sind deine Briefe mordslangweilig – hast einen entsetzlichen Stil. Habe sie überhaupt nur selten gelesen und ein Brief liegt da bei mir noch jetzt uneröffnet herum; werde ihn dir morgen schicken. Aber dieser, dieser letzte Brief – der ist ja einfach die Krone von allen! Wie ich gelacht habe, nein, wie ich gelacht habe!“

„Du Unmensch, du Ungeheuer!“ brüllte plötzlich Stepan Trophimowitsch außer sich vor Empörung.

„Pfui Teufel, mit dir kann man ja überhaupt nicht reden. Hör mal, du fühlst dich wohl wieder gekränkt, wie vorigen Donnerstag?“

Stepan Trophimowitsch richtete sich drohend auf.

„Wie wagst du es, so mit mir zu reden?“

„Ja, wie denn? Ich rede doch einfach und klar.“

„Aber so sag mir doch, bist du mein Sohn oder bist du’s nicht!“

„Das müßtest du besser wissen als ich. Natürlich, jeder Vater ist ja in solchen Fällen zu Zweifeln geneigt ...“

„Schweig, schweig!“ Stepan Trophimowitsch erzitterte am ganzen Körper.

„Sieh mal, nun schreist und schimpfst du schon wieder, ganz wie vorigen Donnerstag; wolltest ja damals schon deinen Stock erheben, inzwischen aber habe ich das Dokument gefunden. Hab den ganzen Abend in meinem Reisekoffer aus Neugier gesucht. Kannst dich beruhigen, es ist kein Beweis vorhanden. Nur ein kurzer Brief meiner Mutter an jenen Polen. Aber nach ihrem Charakter zu urteilen ...“

„Noch ein Wort und ich schlage dich –!“

„Na, das sind mir mal Menschen!“ wandte sich Pjotr Stepanowitsch plötzlich an mich. „Sehen Sie, das geht nun schon so seit dem vorigen Donnerstag. Es freut mich, daß diesmal wenigstens Sie dabei sind und urteilen können. Zuerst eine Tatsache: er macht mir Vorwürfe, weil ich so von meiner Mutter rede, aber war er es nicht selbst, der mich darauf gebracht hat? In Petersburg, als ich noch Gymnasiast war, weckte er mich womöglich zweimal in der Nacht, umarmte mich und weinte wie ein altes Weib. Und was glauben Sie wohl, was er mir dann erzählte, so in der Nacht? Na, eben diese selben keuschen Anekdoten über meine Mutter! Er war ja der erste, von dem ich es hörte.“

„Oh, ich tat es damals im höheren Sinne! Oh, du hast mich nicht verstanden. Nichts, nichts hast du verstanden!“

„Aber immerhin war es von dir doch gemeiner, als von mir, viel gemeiner, gestehe es nur! Sieh, wenn du willst: mir ist es ja einerlei. Von deinem Standpunkt betrachtet. Von meinem – na, beruhige dich: ich mache meiner Mutter durchaus keinen Vorwurf. Bist du’s, na, dann bist du es, – ist’s der Pole, – na, meinetwegen, mir ist’s egal. Ich bin doch nicht daran schuld, daß es bei euch in Berlin so dumm herausgekommen ist. Ja und hätte denn überhaupt jemals etwas Gescheites bei euch herauskommen können? Und seid ihr nun nach alledem nicht komische Leute? Kann es dir denn nicht ganz egal sein, ob ich dein Sohn bin, oder nicht? Hören Sie mal,“ wandte er sich wieder zu mir, „er hat für mich in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen Rubel ausgegeben; bis zum sechzehnten Jahre hat er mich überhaupt nicht gekannt, darauf hat er mich hier bestohlen, und jetzt schreit er, daß ihn sein Herz sein Lebelang um mich geschmerzt habe, und geberdet sich vor mir wie ein Schauspieler. Aber ich bin doch nicht Warwara Petrowna, ich bitte dich!“

Er stand auf und nahm seinen Hut.

„Ich – verfluche dich!“ rief Stepan Trophimowitsch, bleich wie der Tod, und streckte seine Hand aus.

„Seht doch, was ein Mensch alles fertig bringt!“ Pjotr Stepanowitsch wunderte sich wirklich. „Na, leb wohl, Alter, werde nie mehr zu dir kommen. Den Aufsatz schick etwas früher, vergiß es nicht, und bemühe dich, wenn du kannst, ohne Albernheiten zu schreiben. Nur Tatsachen, Tatsachen und nochmals Tatsachen, und die Hauptsache: so kurz wie möglich. Adieu!“

III.

Pjotr Stepanowitsch hatte übrigens noch andere Gründe dafür, mit seinem Vater in dieser Weise umzugehen. Meiner Meinung nach beabsichtigte er ganz einfach, ihn zur Verzweiflung zu bringen, um ihn auf diese Weise zu einem Skandal zu treiben, der die Öffentlichkeit in einer ganz bestimmten Richtung in Anspruch nehmen mußte. Etwas Derartiges hatte er für seine ferneren Ziele, von denen jedoch erst später die Rede sein soll, unbedingt nötig. Noch eine ganze Reihe ähnlicher und miteinander in Zusammenhang stehender Pläne – freilich alle von einer gewissen Phantastik – gingen damals durch seinen Kopf. Außer Stepan Trophimowitsch hatte er noch einen anderen Märtyrer im Auge. Überhaupt hatte er deren nicht wenige, wie sich später herausstellte; doch auf diesen anderen Märtyrer rechnete er ganz besonders, und der war – Herr von Lembke in eigener Person.

Andrei Antonowitsch von Lembke gehörte zu jenem bevorzugten (von der Natur bevorzugten) Volke, von dem in Rußland mehrere hunderttausend Vertreter leben, die vielleicht selbst nicht wissen, daß sie in ihrer ganzen Masse und Gesamtheit einen streng organisierten Bund bei uns bilden. Selbstredend ist dieser Bund nicht etwa ausgedacht, sondern besteht wortlos, ohne Vereinbarungen, einfach wie eine moralische Selbstverständlichkeit – eben durch das unbedingte Zusammenhalten und die Unterstützung, die sie sich überall und unter allen Umständen wechselseitig zuteil werden lassen.

Andrei Antonowitsch hatte die Ehre gehabt, in einer jener höheren russischen Schulen erzogen zu werden, in die in der Regel nur die Söhne solcher Familien eintreten können, die mit Reichtum oder Verbindungen beglückt sind. Die Zöglinge dieser Schule wurden fast sofort nach dem Abiturientenexamen so untergebracht, daß sie selbst bei geringer Begabung noch eine gute Karriere machen konnten. Andrei Antonowitschs Großväter waren: ein Oberstleutnant und ein Bäcker. Trotzdem hatte man ihn in jener hohen Schule aufgenommen, und siehe da – er fand noch andere junge Leute ähnlicher Herkunft vor. Er war ein lustiger Kamerad; mit dem Lernen ging es zwar ziemlich schwer, aber das störte weiter nicht – man hatte ihn trotzdem gern. Als später, in den höheren Klassen, die Jünglinge, die meistens Russen waren, schon über alle möglichen Tagesfragen zu disputieren begannen, und zwar in einem Tone, der keinen Zweifel darüber bestehen ließ, daß sie, sobald sie nur erst die Schule hinter sich gebracht hätten, sofort sämtliche Probleme mit einem Schlage lösen würden – da fuhr Andrei Antonowitsch immer noch fort, sich mit den allerunschuldigsten Jungenstreichen zu beschäftigen. Es schien in seinen Augen geradezu sein Lebenszweck zu sein, seine Mitschüler auch jetzt noch durch alle möglichen Einfälle zu unterhalten – Einfälle, die sich zwar nicht durch allzu großen Geistesreichtum auszeichneten, dafür aber die junge Gesellschaft zu erheitern vermochten. Entweder schneuzte er sich, wenn der Lehrer ihn etwas fragte, auf irgendeine ganz besonders laute und mißtönende Weise die Nase, wodurch er dann sowohl die Kameraden wie den Lehrer selber belustigte; oder er machte im gemeinsamen Schlafsaal irgendwelche equilibristischen Kunststücke, die ihm einen allgemeinen und begeisterten Beifall einzutragen pflegten; oder er spielte gar einzig auf seiner Nase (und wirklich kunstvoll) die Ouvertüre zu „Fra Diavolo“. Im letzten Schuljahr zeichnete er sich wohl auch durch eine absichtliche Unordentlichkeit in der Kleidung aus, was er für genial hielt, dieweil er nämlich zu dichten begonnen hatte: und zwar in russischer Sprache, denn seine Muttersprache beherrschte er nur äußerst ungrammatisch, wie so viele seiner in Rußland lebenden Volksgenossen.

Diese Neigung zur Poesie hatte ihn dann mit einem Kameraden, dem Sohn eines armen Offiziers, den die ganze Schule für einen zukünftigen großen Poeten, so eine Art zweiten Puschkin hielt, zusammengeführt. Wie erstaunt aber war dieser Kamerad, der sich Lembkes auf der Schule nur von oben herab, gnädig, beinahe gönnerhaft angenommen hatte, als er drei Jahre später seinen Protegé, den „Lembka“, wie man ihn allgemein genannt hatte, an einem kalten Tage an der Anitschkoffbrücke traf! Der „zukünftige große Poet“ hatte sich inzwischen ganz der russischen Literatur gewidmet und es bereits glücklich bis zu zerrissenen Stiefeln und einem dünnen Sommerpaletot im Spätherbst gebracht. Um so eigentümlicher mußten seine Empfindungen sein, als er jetzt seinen „Lembka“ wiedersah: zuerst traute er seinen Augen nicht – vor ihm stand ein tadellos gekleideter junger Mann mit bewunderungswürdig bearbeitetem rötlich-blondem Backenbart, mit einem Klemmer auf der Nase, elegant behandschuht, dazu in Lackstiefeln und kostbarem Pelz mit einer Ledermappe unter dem Arm. Lembke begrüßte ihn sehr freundlich, gab ihm seine Adresse, und forderte ihn sogar auf, ihn einmal abends zu besuchen. Es stellte sich bei der Gelegenheit heraus, daß er jetzt nicht mehr einfach der „Lembka“, sondern Herr von Lembke war. Doch als nun der Schulfreund der Aufforderung nachkam und ihn tatsächlich einmal besuchte, da fand er keineswegs die Reichtümer vor, die er erwartet hatte, fand seinen „Lembka“ vielmehr in einem schmalen Zimmerchen, das ziemlich alt aussah, mit einem dunkelgrünen Vorhang in zwei ungleiche Hälften geteilt und mit ebenfalls dunkelgrünen, zwar gepolsterten, aber bereits ziemlich verschossenen Möbeln eingerichtet war. Von Lembke wohnte bei einem General, mit dem er in sehr weitläufiger Verwandtschaft stand und der den jungen Mann nach Möglichkeit in seiner Laufbahn förderte. Von Lembke empfing den Schulfreund freundlich, war aber sonst ernst und von gesellschaftlicher Höflichkeit. Über Literatur sprachen sie nur beiläufig. Ein Diener in weißer Weste brachte einen etwas bläßlichen Tee und hartes kleines, rundes Gebäck. Als der Freund aus Bosheit um eine Flasche Selterwasser bat, wurde sie ihm zwar gebracht, doch erst nach auffallend langer Zeit, während der Lembke etwas betreten zu sein schien. Übrigens muß ich hinzufügen, daß er dem Schulfreunde auch einen Imbiß anbot, doch offenbar nicht unzufrieden war, als der Gast dankte und sich bald darauf verabschiedete. Mit einem Wort: Lembke begann damals, trotz ärmlicher Verhältnisse, seine „Karriere“ und lebte bei einem Stammgenossen, der ein angesehener General war.

In dieser Zeit hatte er sich in die fünfte Tochter des Generals verliebt, und sein Antrag war, wenn ich nicht irre, auch so gut wie angenommen worden. Nur verheiratete man Amalie, als sich die Gelegenheit bot, nichtsdestoweniger mit einem deutschen Fabrikbesitzer, einem alten Freunde des alten Generals. Andrei Antonowitsch trauerte seiner Liebe nicht sehr lange nach, sondern – klebte aus Pappe ein Theater. Das ward ein richtiges Kunstwerk: der Vorhang hob sich, die Schauspieler traten auf und gestikulierten mit den Händen, in den Logen saßen Damen, im Orchester fuhren die Musiker mit den Bögen über die Instrumente, der Kapellmeister fuchtelte mit einem Stöckchen und das Publikum klatschte in die Hände. Alles das war aus Pappe hergestellt, und ausgedacht und ausgeführt von Andrei Antonowitsch von Lembke. Ein halbes Jahr lang hatte er über diesem Theater gesessen. Als er fertig war, gab der General eine intimere Abendgesellschaft; viele deutsche Damen und junge Mädchen, sowie die fünf Töchter des Generals, darunter die neuvermählte Amalie und deren Gatte, waren sehr entzückt, als das Theater vorgeführt wurde, und ergingen sich in hohen Lobsprüchen über den Verfertiger – worauf dann getanzt wurde. Lembke war sehr zufrieden und vergaß seinen Liebesgram alsbald.

Ein paar Jahre vergingen und seine „Karriere“ machte sich mehr und mehr. Er bekleidete stets Vertrauensposten unter Vorgesetzten, die gleicher Abstammung waren, und erreichte in verhältnismäßig jungen Jahren einen recht ansehnlichen Rang. Schon lange hatte er, jetzt aber ernstlich, den Wunsch gehabt, zu heiraten, und schon lange hatte er sich verstohlen nach einer passenden Partie umgesehen. Übrigens dichtete er auch jetzt noch hin und wieder, doch ohne jemandem etwas davon zu verraten, und einmal sandte er sogar eine Novelle an die Redaktion eines Blattes: sie wurde jedoch zu seinem Kummer nicht abgedruckt, sondern ihm höflich wieder zur Verfügung gestellt. Da begann er denn wieder zu kleben: diesmal einen ganzen Eisenbahnzug. Auch der gelang ihm vorzüglich: die Leute kamen aus dem Bahnhof und drängten sich, mit Koffern und Taschen in der Hand, mit Kindern und Hunden, zu den Waggons, die Schaffner und die Bahnbeamten gingen hin und her, ein Glöckchen klingelte und der Zug setzte sich in Bewegung. Über diesem Kunststück hatte er ein ganzes Jahr gesessen, seine Heiratspläne aber diesmal nicht darüber vergessen. Sein Bekanntenkreis war ziemlich groß, meistens deutsche Gesellschaft, doch verkehrte er auch in einigen russischen Familien – selbstverständlich nur in denen seiner Vorgesetzten. Da fiel ihm endlich, als er schon achtunddreißig Jahre zählte, eine kleine Erbschaft zu: sein Großvater, der Bäcker, starb und hinterließ ihm testamentarisch dreizehntausend Rubel. Nun war Herr von Lembke im Grunde trotz der schon recht ansehnlichen Stellung, die er in jungen Jahren erklommen hatte, durchaus kein Streber, vielmehr ein Mensch, der auch ganz gewiß mit einem kleineren, wenn nur recht bequemen und unabhängigen Posten vollkommen zufrieden gewesen wäre. Doch eben jetzt kreuzte, anstatt einer sanften Minna oder Ernestine, plötzlich Julija Michailowna seinen Weg, und seine Stellung stieg sofort um ein paar Stufen höher. Der bescheidene und gewissenhafte von Lembke fühlte, daß auch er ehrgeizig zu sein vermochte.

Julija Michailowna besaß, nach der alten Einschätzung, zweihundert Leibeigene und erfreute sich außerdem guter Protektionen. Andererseits war von Lembke ein hübscher Mann und sie schon über 40 Jahre alt. Obendrein verliebte er sich nach und nach wirklich in sie, und zwar genau proportional der Verstärkung des Gefühls, daß er nun Bräutigam war. Am Hochzeitstage schickte er ihr sogar ein Gedicht, das ihr sehr gefiel – vierzig Jahre sind nun einmal kein Spaß. Bald darauf bekam er auch einen gutklingenden Titel und dazu einen bestimmten Orden, und schließlich wurde er zum Gouverneur unseres Gouvernements ernannt. Seit dieser Auszeichnung begann Julija Michailowna sich um ihren Gatten doppelt zu bemühen. Ihrer Meinung nach war er nicht gerade unbegabt: er verstand, in einen Salon einzutreten, es war ihm gegeben, eine elegante Verbeugung zu machen, er vermochte sogar ernst und tiefsinnig zuzuhören, wenn andere sprachen, hielt sich dabei immer gut und konnte sogar eine Rede halten; ja, er hatte hin und wieder sogar eigene Gedanken, wenn sie auch etwas kurz waren und unvermittelt wirkten, und hinzukam, daß er sich schon die Politur des neuesten, so notwendigen Liberalismus angeeignet hatte. Doch trotz alledem beunruhigte sich Julija Michailowna nicht wenig: vor allen Dingen mißfiel es ihr entschieden, daß ihr Lembke, nachdem er so lange hinter seiner Karriere hergelaufen war, jetzt doch wieder ein immer ausgesprocheneres Ruhebedürfnis zu empfinden schien. Sie hätte zu gern ihren ganzen Ehrgeiz zu dem seinen gemacht, er aber begann wieder – zu kleben. Diesmal war es eine Kirche: der Pastor trat auf die Kanzel, die Gemeinde hörte mit andächtig gefalteten Händen zu, ein alter Mann schneuzte sich, eine Dame wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen ab und zum Schluß begann noch eine Orgel zu spielen, die er um teures Geld eigens dazu aus der Schweiz verschrieben hatte. Als Julija Michailowna von dieser neuen Arbeit erfuhr, erschrak sie geradezu, nahm ihm das Spielzeug kurzerhand fort und versteckte es in einen Koffer, zur Entschädigung aber erlaubte sie ihm, einen Roman zu schreiben, freilich nur unter der Bedingung, daß niemand etwas davon erführe. Seit der Zeit verließ sie sich nur noch auf sich selbst. Eine Idee nach der anderen entstand in ihrem ehrgeizigen und ein wenig überspannten Geiste. Sie hatte in der Tat die Absicht, das Gouvernement zu regieren, und träumte bereits von den bestimmt nicht mehr fernen Tagen, wo sie der Mittelpunkt der Gesellschaft, aller Meinungen und Veranstaltungen unseres Gouvernements sein würde. Von Lembke selbst soll übrigens zuerst nicht wenig erschrocken gewesen sein, als er den hohen Posten erhielt, doch hatte er mit seinem Beamteninstinkt sehr bald herausgefunden, daß er eigentlich gar keinen Grund hatte, sich zu fürchten. Die ersten zwei, drei Monate seiner Tätigkeit verliefen denn auch äußerst zufriedenstellend. Da aber erschien plötzlich Pjotr Stepanowitsch – und alsbald nahm alles eine unheilvolle Wendung.

Die Sache fing damit an, daß der junge Werchowenski gleich bei der ersten Begegnung Andrei Antonowitsch von Lembke eine entschiedene Nichtachtung entgegenbrachte und sich ganz sonderbare Rechte ihm gegenüber herausnahm, Julija Michailowna aber, die sonst immer so eifersüchtig die Bedeutung ihres Mannes geachtet wissen wollte, tat plötzlich, als merkte sie davon nichts. Der junge Werchowenski wurde sozusagen ihr Schützling, aß, trank und schlief fast bei ihnen. Von Lembke suchte sich zwar des Ankömmlings zu erwehren, nannte ihn in der Gesellschaft „junger Mann“, klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter, doch konnte er mit all dem nicht das gewünschte Resultat erzielen. Pjotr Stepanowitsch tat immer, selbst während scheinbar ernster Gespräche, als nehme er ihn überhaupt nicht ernst, und im übrigen nahm er sich sogar in Gegenwart fremder Menschen heraus, ihm die unerwartetsten, unglaublichsten Dinge ins Gesicht zu sagen. Einmal, als von Lembke nach Hause kam und in sein Arbeitszimmer trat, fand er den „jungen Mann“ auf seinem Lederdiwan vor. Er gab zur Erklärung, und zwar nicht etwa, um sich zu entschuldigen, sondern nur so oben hin, daß er, da er niemanden angetroffen, sich „bei der Gelegenheit ausgeschlafen“ habe. Von Lembke war natürlich tief gekränkt und beklagte sich bei seiner Frau; diese aber erklärte, nachdem sie zuerst über „seine Empfindlichkeit“ gelacht hatte, daß er wohl selbst die Schuld daran trüge, wenn der junge Mann sich nicht „comme il faut[113] zu ihm verhalte. Wenigstens erlaubte sich „dieser Junge“ ihr gegenüber nie irgend welche Familiaritäten, und im übrigen sei er „naiv und unverdorben, wenn auch gewiß nicht gesellschaftlich erzogen“. Von Lembke schmollte zwar, doch diesmal gelang es Julija Michailowna noch, die beiden zu versöhnen: nicht gerade, daß Pjotr Stepanowitsch jetzt eine Entschuldigung gemacht hätte, aber er riß irgend einen Witz, den man zwar in einem anderen Fall für eine neue Beleidigung hätte halten können, den man aber diesmal gnädig als Besserungsversprechen auffaßte. Am meisten ärgerte es Herrn von Lembke, daß er dem jungen Mann geradezu machtlos gegenüberstand, denn ... er hatte ihm gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft – seinen Roman anvertraut. Im Glauben, einen jungen Menschen mit literarischen Interessen getroffen zu haben, hatte er ihm, da er sich schon lange einen Zuhörer wünschte, eines Abends die beiden ersten Kapitel vorgelesen. Pjotr Stepanowitsch hatte zunächst zugehört, ohne zu verbergen, daß er sich langweilte, dann unhöflich gegähnt, nicht ein einziges Mal etwas gelobt, doch beim Fortgehen sich das Manuskript ausgebeten, um es zu Hause aufmerksam durchlesen und sein Urteil darüber fällen zu können, – und der arme Herr von Lembke hatte es ihm auch gegeben ... Seit der Zeit konnte er es nun nicht mehr zurückbekommen: auf seine täglichen Fragen gab ihm Pjotr Stepanowitsch meist nur eine ausweichende und nicht selten geradezu höhnische Antwort, bis er zum Schluß einfach erklärte, das Manuskript auf der Straße verloren zu haben. Als Julija Michailowna von dieser Unvorsichtigkeit ihres Gatten Kenntnis erhielt, ärgerte sie sich entsetzlich.

„Hast du ihm vielleicht auch etwas von der Kirche gesagt?“ fragte sie fast mit Schrecken.

Von Lembke begann ernstlich nachzudenken; nachdenken aber war für ihn schädlich und ihm von den Ärzten strengstens verboten worden. Und abgesehen davon, daß es plötzlich viele Scherereien im Gouvernement für ihn gab, wovon später die Rede sein wird, gab es hier auch noch einen besonderen Umstand – demzufolge diesmal sogar das Herz des Gatten litt, nicht nur die Eigenliebe eines Machthabers allein. Als von Lembke in die Ehe trat, hätte er sich niemals träumen lassen, daß sie ihm auch irgend welche Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Er hatte sich die Ehe in seinen Gedanken an Minna oder Ernestine stets durchaus friedlich vorgestellt. Und jetzt fühlte er, daß häusliche Gewitter über seine Kräfte gingen.

Endlich sprach sich Julija Michailowna offen mit ihm aus.

„Beleidigen kann dich das überhaupt nicht,“ sagte sie, „schon deswegen nicht, weil du doch immerhin dreimal vernünftiger bist, als er, und gesellschaftlich turmhoch über ihm stehst. In diesem Jungen steckt noch viel von dem früheren freigeistigen Unsinn; ich aber finde ihn nur einfach unartig. Nur kann man nicht verlangen, daß diese jungen Leute sich so schnell verändern sollen: man muß sie langsam erziehen. Wir müssen die Jugend schonen; ich wenigstens halte sie mit Liebe und Freundschaft am Rande des Abgrundes zurück.“

„Aber, zum Teufel, ich kann mich doch nicht tolerant zu ihm verhalten, wenn er –“ rief von Lembke erregt, „wenn er in Gegenwart fremder Menschen behauptet, die Regierung vergifte das Volk absichtlich mit Branntwein, um es zu verdummen und auf diese Weise von etwaigen Aufstandsgedanken abzubringen. Denk doch nur, bitte, an meine Rolle, wenn ich in Gegenwart der ganzen Gesellschaft so etwas mit anhören muß!“

Als Lembke das sagte, mußte er wieder an ein Gespräch denken, das er vor nicht langer Zeit mit Pjotr Stepanowitsch gehabt hatte ... In der unschuldigen Absicht, den jungen Mann durch Liberalismus zu entwaffnen, zeigte er ihm eines Tages seine Sammlung von allen möglichen revolutionären Proklamationen und Flugblättern, sowohl russischen wie ausländischen, die er seit 1859 sorgfältig aufbewahrte, doch nicht etwa wie ein Liebhaber solcher Dinge, sondern einfach aus Neugier und weil sie ihm einmal vielleicht zustatten kommen konnten. Pjotr Stepanowitsch, der sofort seine Absicht durchschaute, sagte ganz ungeniert, daß in einer einzigen Zeile solch einer Brandschrift mehr Sinn stecke, als in irgend einer Kanzlei, „die Ihrige übrigens nicht ausgenommen.“

Von Lembke sah ihn groß an.

„Aber es ist doch noch zu früh, viel zu früh,“ sagte er fast bittend, indem er auf die Blätter wies.

„Nein, keineswegs zu früh: Sie fürchten sich doch, also ist es durchaus nicht zu früh.“

„Aber ich bitte Sie, hier ist zum Beispiel eine Aufforderung, die Kirchen zu zerstören!“

„Na, warum soll man das denn nicht? Sie sind doch ein kluger Mensch, glauben ja selbst an nichts und wissen doch nur zu gut, daß die Regierung die Religion bloß braucht, um das Volk dumm zu erhalten ... Wahrheit aber ist ehrlicher als Lüge.“

„Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber hier bei uns in Rußland ist es doch noch zu früh!“ Von Lembke runzelte unwillig die Stirn.

„Was sind Sie denn eigentlich für ein Regierungsbeamter, wenn Sie selbst damit einverstanden sind, daß man die Kirchen zerstören und mit Keulen bewaffnet auf Petersburg losmarschieren soll, und nur an der ins Auge gefaßten Zeit etwas auszusetzen haben?“

So unhöflich festgelegt, fühlte von Lembke sich äußerst pikiert.

„Ich meinte das nicht so, durchaus nicht so!“ Er ließ sich von seiner gereizten Eigenliebe immer weiter fortreißen. „Sie, als junger Mensch, der Sie mit unseren Zielen gar nicht bekannt sein können, Sie täuschen sich vollkommen! Sehen Sie, mein lieber Pjotr Stepanowitsch, Sie nennen uns Beamte der Regierung? Schön. Selbständige Beamte? Schön. Aber, erlauben Sie mal, wie handeln wir denn? Auf uns ruht die Verantwortung, und Summa Summarum dienen wir genau so der allgemeinen Sache, wie auch Sie. Nur halten wir das zusammen, was Sie auseinanderschütteln wollen und was ohne uns nach verschiedenen Seiten auseinandergleiten würde. Wir sind dabei nicht etwa eure Feinde; durchaus nicht, wir sagen euch sogar: geht voran, bereitet vor, ja schüttelt meinetwegen ... – das heißt, ich meine jetzt nur jenes Alte, das sowieso umgeändert werden muß. Wir aber werden euch dann, wenn’s nötig wird, schon in den nötigen Grenzen zurückzuhalten verstehen und euch somit vor euch selber behüten, denn ohne uns würdet ihr doch nur ganz Rußland ins Wanken und Schwanken bringen und ihm das anständige Aussehen nehmen, das es so doch wenigstens hat. Denn das ist ja gerade unsere Aufgabe, dieses anständige Äußere, wie gesagt, zu erhalten. Begreifen Sie doch, daß wir uns gegenseitig unentbehrlich sind, ganz wie in England die Tory und Whig. Nun, sehen Sie, wir sind die Tory und Sie die Whig – so verstehe ich es wenigstens.“

Von Lembke verfiel sogar in Pathos. Er liebte es, klug und liberal zu reden, noch von Petersburg her, und hier hörte zudem kein Vorgesetzter zu. Pjotr Stepanowitsch schwieg und war plötzlich von einem seltsamen, ganz ungewohnten Ernst. Das reizte den Redner noch mehr.

„Wissen Sie auch, daß ich der ‚Herr des Gouvernements‘ bin?“ fuhr er daher fort, während er im Kabinett auf- und abging. „Wissen Sie auch, daß ich vor lauter Pflichten keine einzige zu erfüllen vermag, und andererseits kann ich sagen, und es ist ebenso wahr, daß ich hier überhaupt nichts zu tun habe. Das ganze Geheimnis besteht darin, daß hier alles von der Auffassung der Regierung abhängt. Mag die Regierung doch, wenn sie will, die Republik verkünden, nun da ... ich meine nur so, meinetwegen aus Politik oder zur Beruhigung der Leidenschaften – ... aber dann soll sie andererseits, parallel dem, die Macht der Gouverneure verstärken: und Sie werden sehen, wir Gouverneure verschlingen die Republik! Was sage ich, Republik! – Alles, was Sie wollen, werden wir verschlingen! Ich wenigstens fühle, daß ich imstande bin ... Mit einem Wort: mag die Regierung mir telegraphisch activité dévorante[114] befehlen, und ich werde sofort mit der activité dévorante beginnen. Ich habe es ihnen hier gleich ins Gesicht gesagt: ‚Meine Herren, zum Gedeihen aller Institutionen sowie des ganzen Gouvernements ist vor allem eines nötig: die Verstärkung der Gouverneursmacht.‘ Sehen Sie, es ist unbedingt nötig, daß alle diese Institutionen – mögen es nun die der Landschaft oder der Justiz sein – gewissermaßen ein Doppelleben leben, das heißt, es ist nötig, daß sie da sind (ich gebe zu, daß sie unentbehrlich sind), aber andererseits ist es nötig, daß sie auch nicht da sind. Immer nach der Auffassung der Regierung geurteilt! So stellt es sich denn heraus, daß die Institutionen, wenn sie sich plötzlich als notwendig erweisen, dann da sein müssen. Vergeht aber diese Notwendigkeit, dann müssen sie wie überhaupt nicht vorhanden sein. Sehen Sie, so verstehe ich die activité dévorante. Aber die wird es nicht ohne Verstärkung der Gouverneursmacht geben. Wir sprechen ja hier unter vier Augen. Wissen Sie auch, daß ich schon nach Petersburg geschrieben habe, daß es unbedingt nötig ist, eine Schildwache vor das Gouvernementsgebäude zu stellen? Jetzt warte ich auf die Antwort.“

„Sie brauchen zwei Schildwachen,“ sagte Pjotr Stepanowitsch.

„Warum zwei?“ von Lembke blieb vor ihm stehen.

„Na so, damit man Sie respektiere, ist eine zu wenig. Sie brauchen unbedingt zwei.“

Andrei Antonowitsch verzog das Gesicht.

„Sie ... Sie erlauben sich, weiß Gott, schon etwas zu viel, Pjotr Stepanowitsch. Sie mißbrauchen meine Güte, um mir Anzüglichkeiten zu sagen, und spielen dabei immer noch so irgend einen bourru bienfaisant[115] ...“

„Na, das schon, wie Sie wollen,“ meinte Pjotr Stepanowitsch, „aber Sie bahnen uns trotzdem den Weg und bereiten unseren Erfolg vor.“

„Wen meinen Sie mit diesen ‚uns‘ und was ist das für ein ‚Erfolg‘?“ von Lembke blieb erstaunt wieder vor ihm stehen, doch eine Antwort erhielt er diesmal nicht.

Als Julija Michailowna den Bericht über dieses Gespräch vernommen hatte, war sie abermals äußerst ungehalten.

„Aber ich kann doch nicht deinen Favorit wie einen Untergebenen traitieren!“ verteidigte sich von Lembke. „Und noch dazu, wenn wir unter vier Augen sind ... Ich konnte mich versprechen ... aus gutem Herzen ...“

„Aus leider etwas schon zu gutem! – Ich wußte außerdem nicht, daß du eine Sammlung von Flugschriften hast. Habe doch die Güte, sie mir zu zeigen.“

„Aber ... er ... er hat sie mitgenommen, auf einen Tag ... er bat mich.“

„Und wieder hast du ihm so etwas ausgeliefert!“ ärgerte sich Julija Michailowna. „Welch eine neue Unvorsichtigkeit!“

„Ich werde sofort zu ihm schicken, sie zurückerbitten –“

„Du glaubst wohl, daß er sie dir geben wird?“

„Ich verlange es!“ rief von Lembke empört und sprang sogar auf. „Wer ist er, daß man ihn so fürchten muß, und wer bin ich, daß ich nichts mehr tun darf?“

„Setze dich bitte, und rege dich lieber nicht so auf,“ hielt ihn Julija Michailowna zurück. „Zunächst will ich auf den ersten Teil deiner Frage antworten: wer dieser Pjotr Stepanowitsch ist? Nun, er ist mir vorzüglich empfohlen, ist sehr begabt und sagt zuweilen äußerst kluge Sachen. Karmasinoff versicherte mir, daß er fast überall Verbindungen hat und die großstädtische Jugend vollständig unter seinem Einfluß steht. Wenn es mir nun gelingt, diese Jugend durch ihn heranzuziehen und um mich zu gruppieren, so bewahre ich sie vor dem Untergang, indem ich ihrem Ehrgeiz einen neuen Weg weise. Zudem ist Pjotr Stepanowitsch mir von ganzem Herzen ergeben und gehorcht mir in allen Dingen.“

„Aber, hör mal, während man sie da noch heranlockt, können sie ja ... der Teufel weiß was machen! Ich verstehe ja, das ist eine Idee ...“ verteidigte sich von Lembke etwas unsicher. „Übrigens, um von etwas anderem zu sprechen: im H–schen Kreise sind wieder neue Flugschriften verbreitet worden.“

„Das wird wohl wieder nur so ein Gerücht sein – wie im vorigen Sommer: Proklamationen, falsche Assignaten, und was noch alles, dabei ist bis jetzt noch nicht ein einziges Exemplar gesehen worden. Wer hat dir denn das gesagt?“

„Blümer teilte mir mit ...“

„Ach, um’s Himmels willen, verschone mich doch bitte endlich mit deinem ewigen Blümer! Daß du auch wirklich nie aufhören kannst, mich an den zu erinnern! ...“

Julija Michailowna war so aufgebracht, daß sie fast keine Worte fand. Blümer war ein Beamter der Gouvernementskanzlei, den sie ganz besonders haßte. Aber auch davon später.

„Beunruhige dich, wie gesagt, bitte weiter nicht über Werchowenski,“ schloß sie endlich das Gespräch. „Wenn er an irgend welchen Dummheiten teilnähme, so – dessen kannst du sicher sein! – würde er mit dir und mir und uns allen ganz anders sprechen. Nein, ein Phraseur ist nie gefährlich, und im übrigen sage ich dir, wenn irgend etwas passieren sollte, so werde ich womöglich noch die erste sein, die es durch ihn erfährt. Er ist mir fanatisch, geradezu fanatisch ergeben.“

Ich möchte hier den Ereignissen vorgreifen und bemerken, daß, wenn Julija Michailowna nicht diesen Ehrgeiz und Eigendünkel gehabt hätte, vielleicht all das nicht geschehen wäre, was diese üblen Leutchen bei uns anzustiften vermochten. Für vieles ist sie verantwortlich!