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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 76: I.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Zehntes Kapitel.
Vor dem Fest

I.

Der Tag des Festes, das Julija Michailowna zum Besten der armen Lehrerinnen unseres Gouvernements veranstalten wollte, wurde mehrmals angesagt und dann doch immer wieder hinausgeschoben. Pjotr Stepanowitsch und jener kleine jüdische Beamte Lämschin, der eine Zeitlang auch Stepan Trophimowitschs Abende besucht hatte, nun aber beim Gouverneur wegen seines Klavierspiels in Gnaden zugelassen wurde, saßen fast täglich Stunden lang bei Julija Michailowna; desgleichen Liputin, den sie zum Redakteur der zukünftigen unabhängigen Gouvernementszeitung erwählt hatte. Außerdem waren noch ein paar ältere und jüngere Damen, die sich lebhaft für das Fest interessierten, und nicht selten sogar Karmasinoff anwesend. Freilich tat der letztere in diesen Sitzungen wenig mehr, als mit zufriedenem Lächeln im voraus versichern, daß er das Publikum mit seiner Quadrille de la littérature[116] geradezu in Entzücken versetzen werde. Die ganze „Gesellschaft“ unserer Stadt hatte beträchtliche Summen geopfert, doch war es nicht sie allein, die an dem Fest teilnehmen sollte: das konnte vielmehr ein jeder, wenn er nur zahlte. Julija Michailowna meinte, daß man in gewissen Fällen die Vermengung der Klassen sehr wohl zulassen dürfe, denn das trüge „zur Aufklärung“ bei. Und so beschloß man denn, daß das Fest ein demokratisches werden sollte. Die verhältnismäßig große Einnahme aus der Subskription verlockte natürlich sofort zu größeren Ausgaben: man wollte jetzt etwas geradezu Wunderbares bieten, und das war denn auch der Grund, warum das Fest immer wieder hinausgeschoben werden mußte. Vor allem konnte man sich nicht entscheiden, wo der Ball stattfinden sollte: in dem großen Hause des Adelsmarschalls, das die Adelsmarschallin für diesen Tag zur Verfügung gestellt hatte, oder bei Warwara Petrowna in Skworeschniki. Bis nach Skworeschniki wäre es für Fußgänger vielleicht etwas weit gewesen, aber viele Mitglieder des Komitees meinten, daß es dort jedenfalls weit „freier“ sein würde. Warwara Petrowna selbst hätte viel darum gegeben, wenn man sich für ihren Saal entschieden hätte, doch ist es gewiß schwer zu sagen, warum eigentlich? Warum diese stolze Frau sich bei Julija Michailowna geradezu einschmeicheln wollte? Vielleicht gefiel es ihr, daß umgekehrt diese ihren Sohn so unendlich hochschätzte und von einer Liebenswürdigkeit zu ihm war, wie sonst zu keinem? Ich will hier nochmals erwähnen, daß Pjotr Stepanowitsch in dieser ganzen Zeit unentwegt fortfuhr, das Gerücht, das er schon früher in der Stadt verbreitet hatte, jetzt auch im Hause des Gouverneurs von Ohr zu Ohr zu tragen: daß nämlich Stawrogin in geheimnisvollsten Beziehungen zu den geheimnisvollsten Mächten stehe, und daß er, wie man auf das bestimmteste wisse, mit einem großen und schwerwiegenden Auftrage hergekommen sei.

Es hatte damals eine merkwürdige Stimmung die Geister ergriffen. Und besonders unter unseren Damen machte sich ein gewisser Leichtsinn bemerkbar, von dem man dabei nicht einmal behaupten konnte, daß er sich nur allmählich entwickelt hätte. Wie vom Winde hergeweht hatten sich plötzlich freie Auffassungen verbreitet. Es begann ganz allgemein ein leichteres Leben, voll von Exzentrizitäten und Freiheiten. Später, als alles wieder vorüber war, beschuldigte man ganz öffentlich nur Julija Michailowna und den Einfluß, den sie auf die Jugend der Stadt ausgeübt hatte. Doch ist es nicht richtig, daß sie allein an allem die Schuld trug. Im Gegenteil, diejenigen hatten auch nicht so ganz unrecht, welche anfänglich die neue Gouverneurin geradezu lobten, und zwar vor allem deshalb, weil sie es verstünde, die Gesellschaft zusammenzuhalten und das Leben in ihr im guten Sinne angenehmer zu machen. Mit den paar kleinen Skandalen, die inzwischen passierten, hatte Julija Michailowna auch nicht das geringste zu tun. Im übrigen aber nahm man auch diese Skandale nicht allzu ernst, sondern lachte über sie, fand sie sehr amüsant, und leider war niemand da, der sich in den Weg gestellt und gesagt hätte, daß man den Dingen nicht immer so weiter ihren Lauf lassen durfte. Nur eine kleine, oder vielleicht auch nicht einmal so kleine Gruppe, die die Verhältnisse denn doch etwas anders ansah, hielt sich abseits, aber selbst in ihr war man im stillen mehr geneigt, zu lächeln als zu murren.

Es bildete sich, wie ich mich erinnere, ganz von selbst ein ziemlich großer Kreis, dessen Mittelpunkt tatsächlich in Julija Michailownas Salon lag. Diese jugendliche Gesellschaft hatte es sich besonders zur Aufgabe gestellt, Streiche zu machen. Außer den jungen Leuten gehörten auch mehrere junge Mädchen und selbst junge Frauen zu ihr. Man veranstaltete Picknicks, Tanzgesellschaften, zog in ganzen Kavalkaden, zu Wagen und zu Pferde, durch die Stadt, wobei Pjotr Stepanowitsch und Liputin auf gemieteten Kosakenpferden immer lustig mittrabten. Man suchte Abenteuer oder führte sie womöglich absichtlich herbei, einzig um der Lachlust und Vergnügungssucht zu genügen. Die übrigen Einwohner der Stadt behandelte man als ausgemachte Dummköpfe. Die Streiche waren meist ziemlich unschuldiger Natur. Doch einmal, als man durch Lämschin frühmorgens darüber unterrichtet worden war, daß ein junger Gatte seine junge Frau in der Hochzeitsnacht irgendwie rücksichtslos behandelt hatte, setzten sich ihrer zehn Mann sofort in den Sattel, um das junge Paar bei den am nächsten Tage üblichen Visiten abzufangen. Kaum hatten sie die Neuvermählten erblickt, als denn auch schon die ganze Kavalkade den Wagen mit Hallo umringte und dann das arme Paar den ganzen Vormittag von Haus zu Haus begleitete. Sie beleidigten zwar weiter niemanden, sondern gaben nur lachend ein „Ehrengeleit“, doch war es immerhin schon ein richtiger Skandal, den sie dadurch in der Stadt erregten. Diesmal ärgerte sich von Lembke denn auch ernstlich und hatte mit Julija Michailowna wieder einmal eine lebhafte Auseinandersetzung. Auch Julija Michailowna war sehr ungehalten über die „Jungen“ und gedachte schon, sie irgendwie zu bestrafen, und doch verzieh sie ihnen am anderen Tage wieder einmal, da ihr Pjotr Stepanowitsch dazu riet und Karmasinoff den Scherz sogar geistreich fand.

„Das ist doch weiter nicht schlimm,“ sagte er. „Wenigstens ist es ein ritterlicher und ... mutiger Streich. Sie sehen doch, daß im Grunde alle darüber lachen, nur Sie sind ungehalten.“

Doch alsbald sollten auch wirklich unverzeihliche Streiche folgen, die einen schon ganz anderen Ton hatten.

In unserer Stadt erschien eine Buchtrödlerin, die billige Bibeln verkaufte. Es war eine achtbare und nicht einmal ungebildete Frau, wenn auch nur eine einfache Kleinbürgerin. Wieder war es derselbe Lämschin, der ihr, unter dem Vorwande, eines ihrer Bücher kaufen zu wollen, ein Paket unanständiger ausländischer Photographien in den Sack steckte. Als nun die arme Frau auf dem Markt ihre Bücher aus dem Sack hervorholte, fielen plötzlich die Photographien heraus. Es erhob sich zuerst ein Gelächter, die Gruppe vor ihrem Stand vergrößerte sich, man wurde unwillig und schließlich begann man zu schimpfen. Unfehlbar wäre es zu einer Schlägerei gekommen, wenn nicht die Polizei die bedrohliche Versammlung auseinander gebracht und die arme Frau auf der Wache eingesperrt hätte. Mittlerweile aber hatte Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff die näheren Einzelheiten dieser häßlichen Geschichte erfahren und in seiner Empörung sofort die nötigen Schritte getan, um die Unschuldige zu befreien, was ihm endlich gegen Abend auch gelang. Da wollte denn Julija Michailowna den kleinen Lämschin entschieden nicht mehr empfangen, doch schon am selben Abend geschah es, daß die ganze Schar im Triumph mit Lämschin in der Mitte bei ihr erschien und berichtete, daß er ein ganz entzückendes Stückchen komponiert habe, das sie wenigstens noch anhören müsse. Die Komposition erwies sich in der Tat als ungewöhnlich. Sie hieß: „Der deutsch-französische Krieg“, und begann mit den stolzen Tönen der Marseillaise:

Qu’un sang impur abreuve nos sillons![117]

Man hörte ordentlich die ganze Aufgeblasenheit des Rufes, hörte schon den Rausch der zukünftigen Siege! Doch plötzlich, gleichzeitig mit der meisterhaft variierten Hymne, begann irgendwo unten, seitlich, gleichsam in einer Ecke, aber eigentlich doch recht nah, ein dünnes, schwaches, hohes Stimmchen „Mein lieber Augustin“ zu singen. Die Marseillaise bemerkt es zunächst gar nicht, sie ist berauscht von ihrer Größe, aber der Augustin wird stärker, der Augustin wird immer frecher und schon singt der Augustin ganz unverhofft zusammen mit der Marseillaise. Jetzt bemerkt die Marseillaise endlich den kleinen Augustin, ärgert sich aber zunächst nur über ihn, will ihn abschütteln, verjagen – aber mein lieber Augustin hält fest. Mein lieber Augustin ist heiter und selbstbewußt, ist froh und wird tätlich, die Marseillaise dagegen wird allmählich immer dümmer: jetzt verbirgt sie es nicht mehr, daß sie sich ärgert, daß sie sich beleidigt fühlt. Das ist schon das Geschrei des heftigsten Unwillens, das sind Tränen und Schwüre mit zur Vorsehung erhobenen Händen:

Pas un pouce de notre terrain, pas une pierre de nos forteresses![118]

Doch schon ist sie gezwungen, im gleichen Takt mit Augustin zu singen ... Ihre Melodie geht irgendwie auf die dümmste und lächerlichste Weise in die des lieben Augustin über, sie beugt sich, sie zergeht ... Nur zuweilen noch tönt es wieder: qu’un sang impur ... doch sofort wird es von Augustin verschlungen und geht über in einen banalen Walzer: das ist Jules Favre, der an Bismarcks Brust schluchzt und alles, alles hingibt ... Aber schon wird Augustin wild: man hört heisere Schreie, fühlt maßlos getrunkenes Bier, Tollwut der Selbstüberhebung, Forderung von Milliarden, feinen Zigarren, Champagner und Garantien ... Augustin wird zum rasenden Gebrüll ... So endet der deutsch-französische Krieg. Alles applaudiert, Julija Michailowna aber sagt lächelnd: „Wie soll man ihm denn nicht verzeihen?“ – und der Friede ist geschlossen. Lämschin hatte entschieden ein gewisses musikalisches Talent. Stepan Trophimowitsch versicherte mir einmal, daß die größten Genies sehr wohl die größten Schurken sein könnten, und daß das eine das andere durchaus nicht aufhebe. Später hieß es allerdings, daß Lämschin dieses Stück von einem bescheidenen jungen Menschen, der ihn auf der Durchfahrt besucht hatte, gewissermaßen gestohlen habe. Übrigens karikierte Lämschin, derselbe Lämschin, der sich mehrere Jahre lang bei Stepan Trophimowitsch einzuschmeicheln versucht hatte, jetzt zuweilen bei Julija Michailowna auch Stepan Trophimowitsch – und zwar als „Freidenker der vierziger Jahre“. Alle krümmten sich vor Lachen. So wurde Lämschin immer unentbehrlicher. Zudem hing er sich sklavisch an Pjotr Stepanowitsch, der seinerseits um diese Zeit schon einen bis zur Unglaublichkeit großen Einfluß auf Julija Michailowna ausübte.

Die Erwähnung Lämschins bringt mich auf eine andere und schon wahrhaft empörende Geschichte, an der er, wie man versicherte, wieder seinen Anteil hatte.

Eines Morgens verbreitete sich in der Stadt die Nachricht von einer ganz gemeinen, abscheulichen Tat. Neben dem Portal der alten Muttergotteskirche, der ältesten in unserer alten Stadt, hing in einer Nische, hinter Glas und einem Schutzgitter, schon seit undenklicher Zeit ein großes Heiligenbild der Maria. Nun hatte man, wie es hieß, das Glas zerschlagen und ein paar Edelsteine aus der Krone der Gottesmutter gestohlen. Die Hauptsache aber war, daß man hinter das oben zertrümmerte Glas eine lebendige Maus gesteckt hatte. Die Empörung über diese skandalöse Religionsverspottung war groß: das fromme Volk drängte sich den ganzen Tag seit dem frühen Morgen zum Heiligenbilde und betete davor. Heute nun, nach vier Monaten, weiß man, daß Fedjka diesen Diebstahl begangen hat, doch schon damals hieß es, daß Lämschin dabei gewesen sei. Und heute sagt man, daß nur er die Maus hineingesetzt haben könne.

Auf Herrn von Lembke machte dieser unselige Vorfall einen furchtbaren Eindruck. Julija Michailowna soll geäußert haben, wie man mir erzählte, daß schon nach dieser Aufregung jene sonderbare Schwermut ihres Mannes begonnen habe, die dann durch spätere Ereignisse verhängnisvoll wurde, und die ihn auch jetzt noch in der Schweiz, wohin man ihn vor zwei Monaten brachte, nicht verlassen hat.

An jenem Tage nun ging ich ungefähr um ein Uhr an jener Kirche vorüber. Das Volk stand stumm vor dem Portal und betete. Da kam gerade ein reicher Kaufmann in einer Equipage angefahren, um das Bild zu küssen und seine Spende auf den Teller zu legen, den ein Mönch, der bei dem Heiligenbilde Wache hielt, für die Spenden neben sich auf einen Stuhl gestellt hatte. Gleich darauf fuhr ein leichter Wagen mit zwei jungen Damen in Begleitung zweier Herren vor. Die beiden jungen Herren stiegen aus und drängten sich durch das Volk bis vor das Heiligenbild. Beide nahmen die Hüte nicht ab und der eine drückte sich sogar noch einen Klemmer auf die Nase. Das Volk begann schon zu murren. Der Held mit dem Klemmer zog sein elegantes saffianledernes Portemonnaie hervor, das mit Scheinen geradezu vollgepfropft war, und entnahm ihm nach langem Suchen eine einzige Kopeke, die er dann nachlässig auf den Teller warf. Darauf wandten sich beide lachend und laut sprechend wieder zum Wagen zurück. Wenige Augenblicke vorher waren aber gerade Lisaweta Nicolajewna und Mawrikij Nicolajewitsch herangeritten. Lisa sprang gewandt vom Pferde, warf die Zügel ihrem Vetter zu und trat gerade in dem Augenblick zum Heiligenbild, als der eine die Kopeke auf den Teller warf. Sie errötete vor Unwillen, nahm sofort ihren runden Hut ab, streifte die Handschuhe von den Händen, kniete vor dem Bilde auf dem schmutzigen Trottoir nieder, und verneigte sich dreimal bis zur Erde. Darauf nestelte sie ihr Geldbeutelchen hervor, doch als sie in ihm nur Silbergeld fand, nahm sie sofort ihre Brillantohrringe ab und legte diese auf den kupfernen Teller.

„Das ist doch erlaubt? Edelsteine? Zum Schmuck für das Bild?“ fragte sie erregt den Mönch.

„Jede Spende ist eine gute Tat,“ antwortete dieser.

Das Volk schwieg, ohne Mißfallen oder Beifall zu äußern. Lisaweta Nicolajewna bestieg in ihrem vom Knien beschmutzten Kleide wieder ihr Pferd und ritt davon.

II.

Zwei Tage nach diesem aufregenden Ereignis begegnete ich Lisa wieder auf der Straße. Eine ganze Gesellschaft hatte sich zu Wagen und zu Pferde aufgemacht, um irgend wohin zu fahren. Lisa, die darunter war, gab sofort den Befehl, zu halten, und verlangte eigensinnig, daß ich mitkäme. In ihrem Wagen fand sich denn auch noch ein Platz, auf den ich fast mit Gewalt gesetzt wurde. Sie stellte mich lachend den jungen, meist sehr eleganten Damen vor und erklärte mir sofort, daß es ein ganz besonderer Ausflug werden sollte. Lisa war ausgelassen lustig, und überhaupt schien sie, wenn man nach dem Äußeren schloß, in dieser Zeit geradezu übermäßig glücklich zu sein. Das Ziel des Ausflugs war in der Tat ein „besonderes“: man wollte nämlich über den Fluß zum Kaufmann Sewostjanoff fahren, der in einem Flügel seines Hauses schon seit zehn Jahren unseren gesegneten, allgemein, sogar in Petersburg, bekannten Propheten Semjon Jakowlewitsch beherbergte. Diesen Semjon Jakowlewitsch besuchte alle Welt: man riß sich fast um ein gnädiges Wort von ihm, verneigte sich und legte reiche Geldspenden nieder, die er dann, wenn er sie nicht gleich unter die armen Besucher verteilte, gottesfürchtig an Klöster und Kirchen gab. So stand denn auch stets ein Mönch bei ihm, der die Gaben entgegennahm. Von der jungen Gesellschaft hatte noch niemand Semjon Jakowlewitsch gesehen und man versprach sich ungemein viel von diesem Besuch. Nur Lämschin war früher einmal bei ihm gewesen und versicherte, daß der Prophet ihn mit einem Besen hinausgejagt und ihm noch gekochte Kartoffeln nachgeworfen habe. Unter den Reitern befanden sich auch Pjotr Stepanowitsch, der sich wie gewöhnlich sehr schlecht auf seinem gemieteten Kosakenpferde hielt, und – Nicolai Stawrogin. Der letztere nahm nur ganz ausnahmsweise einmal an einer dieser allgemeinen Vergnügungen teil: an dem Tage sah er ziemlich heiter aus, doch sprach er, wie immer, nur wenig. Als wir kurz vor der Brücke an einem kleinen Gasthause vorüberfuhren, machte plötzlich jemand die Bemerkung, daß ein Gast sich daselbst erschossen habe und die Polizei erwartet werde. Sofort wurde beschlossen, auszusteigen und sich den Toten anzusehen. Vor allem waren unsere Damen gleich dabei, denn einen Selbstmörder – den sah man doch nicht alle Tage. Ich erinnere mich noch, daß eine von ihnen bemerkte: „Ach, es ist einem ja alles schon langweilig geworden! Warum sich da noch weiter zieren! Das wäre doch einmal etwas anderes.“ Nur wenige blieben im Wagen und warteten: die anderen dagegen drängten sich in einem dichten Haufen durch den Eingang in den schmalen, unsauberen Korridor – und unter diesen bemerkte ich zu meinem Erstaunen auch Lisaweta Nicolajewna. Das Zimmer, in dem die Leiche lag, war nicht verschlossen. Natürlich wagte man es nicht, uns etwa nicht hineinzulassen. Der Selbstmörder war fast noch ein Knabe, jedenfalls bestimmt nicht älter als neunzehn Jahre: ein hübscher Mensch, mit dichtem, welligem, blondem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht. Er war schon erstarrt und seine weiße Haut sah wie Marmor aus. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, auf das er geschrieben hatte, daß niemand an seinem Tode schuld sei und er sich erschossen habe, weil er vierhundert Rubel „durchgebracht“ (dieses Wort stand buchstäblich auf dem Blatt). In den vier Zeilen waren drei orthographische Fehler. An seiner Leiche saß ein alter, dicker Gutsbesitzer, der den Toten zu kennen schien und wahrscheinlich gleichfalls in diesem Gasthause abgestiegen war. Aus seinen wortreichen Klagen ging hervor, daß der Jüngling von seiner verwitweten Mutter, von Tanten und Schwestern in die Stadt zu einer Verwandten geschickt worden war, um verschiedene Einkäufe für die Aussteuer seiner ältesten Schwester, die bald heiraten sollte, zu machen. Man hatte ihm dazu vierhundert Rubel, die jahrzehntelang zusammengespart worden waren, eingehändigt, und ihn dann mit Gebeten und Segenssprüchen und unter endlosen Predigten abgeschickt. Der Junge war bis dahin sehr bescheiden und ein guter, hoffnungsvoller Sohn gewesen. In der Stadt aber hatte er sich nicht zu der Verwandten, sondern in das Gasthaus begeben und von hier direkt in eine Kneipe, wo er spielen wollte. Als er kurz vor Mitternacht ins Gasthaus zurückgekehrt war, hatte er Champagner, Havannazigarren und ein Abendessen von sechs oder sieben Gängen verlangt. Aber der Champagner war ihm gar bald zu Kopf gestiegen und von den Zigarren war ihm übel geworden, so daß er das Essen nicht einmal angerührt, sondern sich fast krank und dabei halb betrunken ins Bett gelegt hatte. Am anderen Tage, nachdem er sich ausgeschlafen, war er sofort in das Zigeunerlager hinter der Vorstadt gegangen und ganze zwei Tage dort geblieben. Am dritten Tage war er um fünf Uhr betrunken zurückgekehrt, hatte sich sofort hingelegt und bis zehn Uhr abends geschlafen. Dann hatte er ein Beefsteak, eine Flasche Champagner, Weintrauben, Papier, Tinte und die Rechnung verlangt. Niemand hatte etwas Besonderes an ihm bemerkt: er war ruhig, still und freundlich gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich um Mitternacht erschossen, doch niemand hatte den Schuß gehört. Erst heute um eins, als es in seinem Zimmer selbst nach langem Klopfen totenstill geblieben war, hatte man die Tür aufgebrochen. Die Flasche war nur halb leer und von den Weintrauben hatte er nicht viel gegessen. Mit einem kleinen Revolver, der ihm später aus der Hand gefallen war, hatte er sich ins Herz geschossen: der Tod mußte sofort eingetreten sein – es war nur sehr wenig Blut aus der Wunde geflossen. Er saß halb liegend auf dem Sofa, als ob er nur eingeschlafen wäre, und der Ausdruck seines Gesichts war ruhig, ja fast glücklich. Alle sahen ihn mit gieriger Neugier an. Wohl in jedem Unglück eines Menschen liegt etwas, das die anderen aufmuntert. Die Damen betrachteten den Toten schweigend. Die Herren dagegen zeichneten sich durch Geistesgegenwart und Scharfsinn in ihren Bemerkungen aus. Lämschin aber, der es wohl für seine Ehrenpflicht hielt, auch jetzt den Narren zu spielen, zupfte plötzlich von der Weintraube eine Beere ab, dann noch eine und noch eine, und streckte schon die Hand nach der Flasche aus, um mit ihr irgendeinen „Witz“ zu machen, als der Polizeimeister eintrat und uns bat, das Zimmer zu verlassen. Da sich alle schon sattgesehen hatten, gingen wir denn auch sofort wieder hinaus. Den Rest des Weges legten wir unter womöglich noch ausgelassenerer Heiterkeit und noch lustigeren Scherzen zurück.

Um ein Uhr langten wir bei Semjon Jakowlewitsch an. Das Hoftor des großen Kaufmannshauses war weit offen, desgleichen die Tür des Flügels, in dem Semjon Jakowlewitsch wohnte. Man sagte uns, daß er gerade zu Mittag speiste, doch trotzdem empfinge. Unsere ganze Schar trat ins Haus. Das Zimmer, in dem er sich befand, war groß, mit drei mächtigen Fenstern, und durch ein etwa meterhohes Holzgitter in zwei Teile geteilt. Gewöhnlich blieben die Leute, die ihn besuchten, in der ersten Hälfte, und nur einzelne Glückskinder, die er selbst bezeichnete, wurden durch die kleine Tür des Holzgitters zu ihm geführt, wo er ihnen dann, wenn’s ihm gefiel, seine alten Lederstühle oder das Sofa zuwies; er selbst blieb stets unverändert in seinem alten Großvaterstuhl sitzen. Semjon Jakowlewitsch war ein ziemlich großer, etwas aufgedunsener Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, blond und kahlköpfig, mit einem gelben, glattrasierten Gesicht, dünnem, weichem Haar und geschwollener rechter Backe, die seinen Mund ein wenig schief zog; neben dem linken Nasenflügel war eine große Warze; die Augen lagen wie in schmalen Spalten und der Gesichtsausdruck war ruhig, solide, fast verschlafen. Er trug einen schwarzen Gehrock, wie ein deutscher Schullehrer, doch weder Kragen noch Halstuch, sondern nur ein dickes, doch sauberes russisches Hemd unter dem Rock. Seine offenbar kranken Füße staken in mächtigen Hausschuhen. Es hieß, er sei früher Beamter gewesen und habe sogar einen ansehnlichen Titel gehabt. Als wir eintraten, hatte er gerade eine Fischsuppe gegessen und machte sich nun an sein zweites Gericht: Kartoffeln in der Schale mit Salz. Anderes pflegte er schon seit langer Zeit nicht mehr zu essen; er trank nur viel Tee, den er sehr liebte. Ihn bedienten drei Dienstboten, die der Kaufmann für ihn hielt: der eine von ihnen sah wie ein Kontordiener aus, der andere wie ein Kirchendiener und der dritte war im Frack. Außer diesen Dienstboten war noch ein munterer Knabe zugegen, sowie ein alter, grauer, dicker Mönch, mit einer Sammelbüchse in der Hand. Auf einem der Tische kochte ein riesengroßer Samowar, neben dem auf einem Teebrett ungefähr zwei Dutzend Gläser standen. Auf dem anderen Tische lagen die Gaben: mehrere Zuckerhüte und auch kleinere Zuckerpakete, zwei Pfund Tee, ein Paar Hausschuhe, ein seidenes Halstuch, ein Stück Tuch und mehrere Leinwandrollen. Die Geldspenden kamen fast alle in die Sammelbüchse des Mönches. Ungefähr zehn fremde Menschen standen in der vorderen Hälfte des Zimmers und zwei, ein frommer Greis und ein kleiner, furchtbar magerer Mönch, der würdevoll und mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah, saßen hinter dem Holzgitter: es waren lauter einfache Leute, außer einem dicken Kaufmann in russischer Tracht, der aus der Kreisstadt hergekommen war, und den alle als Millionär kannten, – sowie einer alten Dame und einem Gutsbesitzer. Alle erwarteten sie ihr Heil und wagten nicht ein Wort zu sprechen, vier lagen auf den Knien und von ihnen zog wieder ganz besonders der dicke Gutsbesitzer die Aufmerksamkeit auf sich, der an der sichtbarsten Stelle, ganz nah am Holzgitter kniete und ehrfürchtig schon eine Stunde lang auf einen Blick oder ein gütiges Wort Semjon Jakowlewitschs wartete, – dieser jedoch schenkte ihm auch nicht die geringste Beachtung.

Unsere Damen drängten sich fast bis zum Gitter vor und tuschelten vergnügt untereinander. Die Knienden und die anderen Wartenden wurden von ihnen zurückgedrängt, nur der dicke Gutsbesitzer blieb standhaft auf seinem Platz. Neugierige, heitere Blicke richteten sich auf Semjon Jakowlewitsch, gleichwie Lorgnons, Klemmer, Eingläser – und Lämschin zog sogar ein Fernrohr aus der Tasche. Semjon Jakowlewitsch überblickte ruhig und träge die ganze lustige Schar.

„Ach, ihr Liebäugelnden, ihr Liebäugelnden!“ geruhte er mit etwas heiserem Baß leicht auszurufen.

Die ganze Schar lachte auf. „Was heißt das: ‚Ach, ihr Liebäugelnden‘?“

Doch Semjon Jakowlewitsch schwieg und aß seine Kartoffeln. Endlich wischte er sich mit der Serviette den Mund und ließ sich Tee reichen.

Den Tee pflegte er gewöhnlich nicht allein zu trinken, vielmehr befahl er, auch seinen Besuchern und Gästen Tee zu reichen, doch nicht etwa jedem, sondern nur denen, die er dann selbst dem Diener zeigte – als diejenigen, welche er besonders beglücken wollte. Seine Wahl erstaunte meistens alle Anwesenden, denn er überging gewöhnlich die Reichen und Würdevollen und befahl irgend einem armen und unscheinbaren Greise den Tee zu bringen; ein anderes Mal aber überging er wieder die Armen und beglückte irgendeinen dicken, schwer reichen Kaufmann. Auch eingießen ließ er den Tee ganz verschieden, einige bekamen ihn mit, einige ohne Zucker. Diesmal befahl er, dem mageren Mönch eine Tasse mit Zucker zu reichen und dem Greise eine ohne Zucker, der dicke Mönch aber mit der Sammelbüchse erhielt diesmal keinen Tee, wie sonst fast täglich.

„Semjon Jakowlewitsch, sagen Sie mir doch bitte auch etwas. Ich habe schon so lange Ihre Bekanntschaft zu machen gewünscht,“ sagte kokett lächelnd jene selbe junge Dame aus unserem Wagen, die vorher geäußert hatte, daß einem schon alles langweilig geworden sei.

Semjon Jakowlewitsch sah sie nicht einmal an. Der kniende Gutsbesitzer seufzte tief auf.

„Mit Zucker!“ wies plötzlich Semjon Jakowlewitsch auf den Millionär.

Der trat vor und stellte sich neben den knienden Gutsbesitzer.

„Gib ihm noch mehr Zucker!“ befahl Semjon Jakowlewitsch, als der Tee eingegossen war. Der Diener tat noch eine Portion Zucker in das Glas. „Mehr, gib ihm mehr!“ – eine dritte und schließlich eine vierte Portion wurden dazu getan.

Widerspruchslos begann der Kaufmann seinen Syrup zu trinken.

„Allmächtiger Gott!“ flüsterte das Volk und bekreuzte sich.

Der Gutsbesitzer seufzte wieder laut und tief.

„Väterchen! Semjon Jakowlewitsch!“ ertönte plötzlich die Stimme der alten Dame, die unsere Schar an die Wand zurückgedrängt hatte, doch die Stimme klang so laut und scharf, wie man es gar nicht erwartet hätte. „Eine ganze Stunde, Väterchen, warte ich schon auf deinen Segen. Sprich doch dein Urteil, erlöse mich Waise, Väterchen!“

„Frage!“ sagte Semjon Jakowlewitsch zu dem Kirchendiener.

Der trat an das Gitter:

„Haben Sie das erfüllt, was Semjon Jakowlewitsch Ihnen das vorige Mal anbefohlen hat?“ fragte er die Witwe mit leiser, gemessener Stimme.

„Was, Väterchen, was erfüllt! Was kann man denn da erfüllen!“ rief die Witwe. „Diese Menschenfresser! Haben mich verklagt, drohen mit dem Senat ... und das der leiblichen Mutter! ...“

„Gib ihr! ...“ befahl Semjon Jakowlewitsch und wies auf einen Zuckerhut. Der Knabe lief schnell zum Tisch, nahm den Zuckerhut und brachte ihn der Witwe.

„Ach, Väterchen, groß ist deine Gnade! Aber wohin soll ich damit?“ klagte die Witwe wieder.

„Noch, noch!“ beschenkte Semjon Jakowlewitsch sie weiter.

Ein zweiter Zuckerhut wurde zu ihr geschleppt und auf seinen Befehl noch ein dritter und vierter. Die Witwe war schon ganz mit Zuckerhüten umstellt. Der dicke Mönch seufzte niedergeschlagen; das alles hätte in das Kloster kommen können, wie es früher schon oft geschehen war.

„Aber wohin soll ich mit so viel?“ jammerte jetzt schon die Witwe. „All das für mich allein – mir wird ja von so viel Zucker übel werden! ... Oder soll das irgend was bedeuten, Väterchen?“

„Siehst du denn das nicht?“ sagte jemand von den Bauern.

„Noch, gib ihr noch ein Pfund!“ Semjon Jakowlewitsch hörte nicht auf, sie zu beschenken.

Auf dem Tisch stand noch ein ganzer Zuckerhut; da er aber befohlen hatte, ihr nur noch ein Pfund zu geben, so brachte man ihr auch nur noch ein Pfund Zucker.

„Herrgott, Allmächtiger!“ seufzte das Volk und bekreuzte sich. „Sichtbares Zeichen! Großer Gott!“

„Versüßen Sie zuerst Ihr Herz mit Güte und Barmherzigkeit und dann kommen Sie wieder, um über Ihre eigenen Kinder zu klagen, über Ihr eigenes Fleisch und Bein – das soll, glaube ich, wohl all dieser Zucker bedeuten,“ sagte leise, doch selbstzufrieden der dicke Mönch, der diesmal keinen Tee bekommen hatte, und der es nun aus gereizter Eigenliebe auf sich nahm, die Handlungsweise zu deuten.

„Was fällt dir ein?“ ärgerte sich die Witwe. „Haben sie mich doch mit Gewalt ins Feuer ziehen wollen, als es bei Worchischins brannte? Sie haben mir auch eine tote Katze in meinen Kasten gelegt, sind überhaupt zu jeder Gemeinheit bereit ...“

„Jage sie hinaus, hinaus!“ rief plötzlich Semjon Jakowlewitsch, mit den Armen fuchtelnd.

Der Kirchendiener und der Knabe kamen sofort in den vorderen Teil des Zimmers, der erstere nahm die Frau bei der Hand und führte sie hinaus, während sie sich in einem fort nach ihren Zuckerhüten, die der Knabe nachschleppte, umsah.

„Nimm einen wieder zurück!“ befahl Semjon Jakowlewitsch dem bei ihm gebliebenen Kontordiener, der ihnen denn auch sofort nacheilte. Nach kurzer Zeit kamen alle drei mit dem einen Zuckerhut wieder zurück; so hatte die Witwe schließlich nur drei bekommen.

„Semjon Jakowlewitsch,“ ertönte plötzlich eine Stimme an der Tür, „ich habe im Traum einen Vogel gesehen, einen Häher, er stieg aus dem Wasser auf und flog ins Feuer. Was bedeutet das, Väterchen?“

„Frost!“ sagte Semjon Jakowlewitsch.

„Semjon Jakowlewitsch, warum antworten Sie mir denn gar nicht? Ich interessiere mich doch schon so lange für Sie!“ begann wieder unsere junge Dame.

„Frage!“ Semjon Jakowlewitsch wies auf den knienden Gutsbesitzer, ohne sie zu beachten.

Der dicke Mönch, dem der Befehl gegeben wurde, trat würdevoll zum Knienden und fragte:

„Worin haben Sie gesündigt? War Ihnen nicht befohlen worden, etwas zu erfüllen?“

„Nicht zu schlagen, den Händen keine Freiheit zu geben!“ sagte der Gutsbesitzer mit heiserer Stimme.

„Haben Sie das erfüllt?“

„Kann nicht! Die eigene Kraft überwältigt mich!“

„Jag’ ihn! Mit dem Besen, mit dem Besen!“ rief Semjon Jakowlewitsch und fuchtelte wieder mit den Armen.

Der Gutsbesitzer sprang auf und lief, ohne auf den Besen zu warten, aus dem Zimmer.

„Hat ein Goldstück hier gelassen,“ meldete der Mönch.

„Gib’s dem!“ Semjon Jakowlewitsch wies auf den Millionär.

Der reiche Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und nahm das Geld.

„Das Gold zum Golde,“ konnte der Mönch nicht unterlassen, zu bemerken.

„Und diesem mit Zucker!“ Semjon Jakowlewitsch wies plötzlich auf Mawrikij Nicolajewitsch.

Der Diener goß den Tee ein und trat mit dem Glase aus Versehen zu dem Fant mit dem Klemmer.

„Dem Langen, dem Langen!“ rief Semjon Jakowlewitsch.

Mawrikij Nicolajewitsch nahm das Glas und machte eine kurze militärische Verbeugung. Ich weiß nicht warum – aber die ganze Schar wieherte plötzlich vor Lachen über diese Verbeugung.

„Mawrikij Nicolajewitsch!“ wandte sich Lisa hastig an ihn, „knien Sie bitte auf demselben Platz nieder, auf dem dieser Herr stand! – der da fortlief!“

Mawrikij Nicolajewitsch sah sie verständnislos an.

„Ich bitte Sie, Sie werden mir ein großes Vergnügen bereiten! Hören Sie, Mawrikij Nicolajewitsch,“ sagte sie eigensinnig und erregt, „knien Sie unbedingt nieder, ich will unbedingt sehen, wie Sie knien! Wenn Sie das nicht tun – kommen Sie nie mehr unter meine Augen! Ich will das, ich will das, – unbedingt! ...“

Warum sie das wollte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls verlangte sie es in unerbittlichem Tone, in einem Anfall von Laune und Eigensinn. Mawrikij Nicolajewitsch selber erklärte diese kapriziösen Ausbrüche, die sie in der letzten Zeit ganz besonders oft hatte, wie wir später sehen werden, mit dem Auflodern eines blinden, untergründigen Hasses auf ihn ... dabei nicht etwa aus Bosheit, – im Gegenteil, sie achtete, schätzte und liebte ihn, und das wußte er, – sondern aus irgendeinem besonderen, unbewußten Haß, den sie manchmal einfach nicht in sich niederzuzwingen vermochte.

Mawrikij Nicolajewitsch gab schweigend sein Teeglas einem alten, hinter ihm stehenden Bauern, ging dann auf das Türchen des meterhohen Holzgitters zu, öffnete es, trat ohne Semjon Jakowlewitschs Erlaubnis in dessen Zimmerhälfte und kniete, allen sichtbar, mitten im freien Raum nieder. Ich glaube, er war von dem Spott Lisas, noch dazu in Gegenwart so vieler Menschen, im Innersten seiner einfachen ehrlichen Seele verletzt. Vielleicht glaubte er auch, daß sie sich schämen werde, wenn sie seine Erniedrigung sah, die sie selbst so gewünscht hatte. Außer ihm hätte sich wohl sonst keiner entschlossen, ein Weib auf so naive und gewagte Weise zu strafen. Mit unerschütterlich ernstem Gesicht kniete er also, groß und steif und – lächerlich. Doch niemand lachte; die Überraschung machte einen schrecklichen Eindruck. Alle sahen Lisa an.

„Weihe, Weihe ...“ murmelte Semjon Jakowlewitsch.

Lisa erbleichte plötzlich, schrie auf und stürzte zu ihm. Es war eine kurze leidenschaftliche Szene: mit aller Kraft wollte sie Mawrikij Nicolajewitsch wieder emporreißen, und zog ihn mit beiden Händen wie wahnsinnig am Arm.

„Stehen Sie auf, stehen Sie auf!“ rief sie, wie völlig von Sinnen. „Stehen Sie sofort auf, sofort! Wie wagten Sie es, niederzuknien!!“

Mawrikij Nicolajewitsch erhob sich. Sie umklammerte seine Arme über den Ellenbogen und sah ihm mit brennendem Blick ins Gesicht. Angst lag in ihren Augen.

„Liebäugelnde, Liebäugelnde!“ sagte Semjon Jakowlewitsch wieder.

Endlich hatte Lisa Mawrikij Nicolajewitsch in die vordere Zimmerhälfte herübergezogen. Unsere ganze Schar war unruhig geworden. Da wandte sich die junge Dame aus unserem Wagen zum drittenmal, wahrscheinlich um von dem Vorfall abzulenken, mit gezwungenem Lächeln an Semjon Jakowlewitsch:

„Aber, Semjon Jakowlewitsch, werden Sie mir denn heute gar nichts sagen? Und ich habe doch so auf Sie gerechnet!“

„Auf ... dir, auf ... dir!“ fuhr er sie plötzlich wild an, mit einem ganz unmöglichen Wort, das er noch dazu erschreckend deutlich aussprach. Die Damen schrien vor Schreck alle auf und liefen entsetzt aus dem Zimmer. Die Herren aber brachen in ein homerisches Gelächter aus. Damit war denn unser Besuch bei Semjon Jakowlewitsch beendet.

Nur etwas Rätselhaftes geschah noch – etwas, weshalb ich diese ganze Fahrt überhaupt so ausführlich erzählt habe.

Es war in dem Augenblick, als alle in hellem Haufen zur Tür drängten. Da traf Lisa, die von Mawrikij Nicolajewitsch gestützt wurde, in dem Gedränge an der Tür plötzlich mit Nicolai Wszewolodowitsch zusammen. Ich muß hinzufügen, daß die beiden, wenn sie sich auch seit jenem Sonntag mehr als einmal in der Gesellschaft begegnet waren, doch noch kein Wort miteinander gesprochen hatten. Ich sah nun, wie beide, als sie an der Tür zusammentrafen, einen Augenblick stehen blieben und sich sonderbar ansahen – doch konnte ich in dem Gedränge nichts weiter wahrnehmen. Andere dagegen versicherten mir, daß Lisa plötzlich die Hand gegen ihn erhoben und Stawrogin unfehlbar geschlagen haben würde, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig auszuweichen. Vielleicht hatte ihr der Ausdruck seines Gesichts nicht gefallen? oder ein Lächeln nach dieser Szene mit Mawrikij Nicolajewitsch? Ich muß gestehen, daß ich davon nichts weiß, doch alle versicherten, es sei in der Tat etwas derartiges der Fall gewesen ... wenn auch „alle“ es unmöglich hatten sehen können – höchstens einige. Jedenfalls weiß ich nichts Näheres noch Bestimmtes. Ich erinnere mich nur, daß Stawrogin auf dem Heimwege auffallend bleich aussah, was er vorher nicht in dem Maße gewesen war.

III.

Fast zu derselben Zeit, als wir bei Semjon Jakowlewitsch waren, fand endlich auch das Wiedersehen Warwara Petrownas mit Stepan Trophimowitsch in Skworeschniki statt.

Warwara Petrowna war in großer Aufregung auf ihrem Gute eingetroffen: am Abend vorher hatte man endgültig beschlossen, daß das Fest im Hause des Adelsmarschalls stattfinden sollte. Da entschloß sie sich sofort, nach diesem Fest ein zweites bei sich in Skworeschniki zu arrangieren und gleichfalls die ganze Stadt zu versammeln – was ihr doch schließlich niemand verwehren konnte. Dann sollten alle selbst urteilen, welches Haus schöner wäre und wo man mit besserem Geschmack einen Ball zu geben verstünde. Warwara Petrowna war in dieser Zeit nicht wiederzuerkennen. Sie schien sich vollkommen verändert zu haben: aus der früheren unnahbaren „höheren Dame“ (ein Ausdruck Stepan Trophimowitschs) war eine weltliche, leichtsinnige Frau geworden. Oder wenigstens schien es so.

Kaum war sie an diesem Tage in Skworeschniki eingetroffen, als sie alle Räume prüfend zu durchschreiten begann, und zwar in Begleitung des treuen alten Alexei Jegorowitsch und des gewandten Fómuschka, der in Dekorationsfragen geradezu eine Autorität war. Und nun begannen die Beratungen: welche Möbel man aus dem Stadthause herüberholen sollte; welche Bilder, Kunstwerke; wo sie aufhängen, wie sie stellen; wie man am besten die Orangerie und die Blumen benutzen, wo man das Büffet herrichten sollte, und ob nicht vielleicht zwei besser wären? Und mitten in diesen schweren Beratungen fiel es ihr dann plötzlich ein, die Equipage nach Stepan Trophimowitsch zu schicken.

Dieser war schon längst auf das Wiedersehen vorbereitet und hatte täglich gerade so eine plötzliche Aufforderung erwartet. Als er sich in die Equipage setzte, bekreuzte er sich: jetzt mußte sein Schicksal sich entscheiden! Er fand seinen „Freund“ im großen Saal, in der Nische, auf einem kleinen Sofa, mit Bleistift und Papier in der Hand, während Fómuschka damit beschäftigt war, mit dem Zentimetermaß die Höhe und Breite der Fenster auszumessen, worauf sie die Zahlen notierte. Ohne sich in dieser Arbeit stören zu lassen, nickte sie Stepan Trophimowitsch zu, und als der ihr einen Gruß sagte, reichte sie ihm nur flüchtig die Hand und wies schweigend auf den Platz neben dem Sofa.

„Ich saß und wartete ungefähr fünf Minuten und – ‚drückte mein Herze nieder‘,“ erzählte er mir später. „Das war nicht mehr die Frau, die ich zwanzig Jahre lang gekannt hatte. Doch die Überzeugung, daß jetzt alles zu Ende sei, gab mir eine Kraft, die selbst sie in Erstaunen setzte. Ich schwöre Ihnen, sie wunderte sich im stillen über meine Haltung in dieser letzten Stunde.“

Warwara Petrowna legte plötzlich den Bleistift auf das Marmortischchen, das neben ihrem Sofa stand, und wandte sich ihm zu.

„Stepan Trophimowitsch, wir müssen jetzt sachlich sprechen. Ich bin überzeugt, daß Sie wieder Ihre üblichen hochtrabenden Worte und Wörtchen vorbereitet haben, aber es ist wohl besser, wenn wir gleich zur Sache kommen. Nicht wahr?“

In ihm krampfte sich etwas zusammen. Sie beeilte sich schon zu sehr, den neuen Ton anzugeben. Was mochte noch weiter kommen?

„Warten Sie, schweigen Sie,“ fuhr sie schnell fort. „Lassen Sie mich zuerst sprechen. Nachher können Sie reden. Obgleich ich eigentlich nicht weiß, was Sie mir noch zu sagen hätten. Ihnen Ihre Pension auszuzahlen, halte ich für meine heilige Pflicht. Tausendzweihundert Rubel jährlich bis zu Ihrem Lebensende. Aber wozu nenne ich das ‚heilige Pflicht‘! Sagen wir einfach: unsere Abmachung, das ist viel realer, nicht wahr? Wenn Sie wollen, können wir es auch schriftlich aufsetzen. Falls ich sterben sollte, – für den Fall ist schon alles vorgesehen. Außerdem haben Sie von mir noch die Wohnung, Bedienung und alles übrige. Übersetzen wir das in Geld – so macht das etwa tausendfünfhundert Rubel aus, nicht wahr? Ich füge jetzt noch dreihundert Rubel für Nebenausgaben hinzu – so sind das volle dreitausend Rubel. Werden Sie damit auskommen? Ich denke, wenig ist es nicht? In Ausnahmefällen werde ich übrigens – nun, Sie wissen ja. Nehmen Sie das Geld, schicken Sie mir meine Dienstboten zurück, und leben Sie, wo Sie wollen, in Petersburg, in Moskau, im Auslande, oder meinetwegen auch hier – aber nur nicht mehr bei mir. Hören Sie?“

„Vor nicht langer Zeit wurde ebenso kategorisch und ebenso eilig von denselben Lippen eine andere Forderung an mich gestellt,“ sagte Stepan Trophimowitsch langsam, deutlich, in traurigem Ton. „Ich fügte mich ... ich tanzte so, wie Sie wollten. Oui, la comparaison peut être permise. C’était comme un petit cozak du Don, qui sautait sur sa propre tombe.[119] Jetzt ...“

„Einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie sind furchtbar wortreich. Sie haben nicht getanzt. Aber Sie erschienen mit einer neuen Halsbinde, in hellen Handschuhen, pomadisiert und parfümiert. Ich kann Sie versichern, Sie wollten selbst schrecklich gern heiraten. Das stand auf Ihrem Gesicht geschrieben. Glauben Sie mir, dieser Ausdruck war recht geschmacklos. Wenn ich es Ihnen damals nicht gleich gesagt habe, so geschah es, um Sie nicht zu verletzen. Doch Sie wollten, Sie wollten heiraten. Trotz der Gemeinheiten, die Sie über mich und Ihre Braut geschrieben hatten. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes. Und wozu dieser Cozak du Don über Ihrem Grabe? Verstehe nicht, was das für ein Vergleich sein soll. Im Gegenteil: sterben Sie nicht, sondern leben Sie! Leben Sie, soviel wie möglich; ich werde mich sehr freuen, wenn Sie gut leben.“

„Im Armenhaus?“

„Im Armenhaus? Mit dreitausend jährlich geht man nicht ins Armenhaus. Ach so ... ich erinnere mich!“ – sie lachte kurz auf – „Pjotr Stepanowitsch sagte einmal im Scherz irgend etwas von einem ‚Armenhaus‘. Nun ja, jenes Armenhaus, von dem da die Rede war, das ist wirklich ein besonderes ‚Armenhaus‘, über das nachzudenken sich wirklich lohnte. Wie Sie selbst wissen, leben dort die ehrenwertesten alten Herren. Meistens Offiziere a. D., jetzt will sogar ein alter General sein Leben dort beschließen. Wenn Sie mit Ihrem Gelde dort eintreten wollen, so können Sie Ruhe, Zufriedenheit und Zuhörer finden. Sie werden sich mit der Wissenschaft beschäftigen, und jederzeit eine Partie Préférence spielen können ...“

Passons.[100]

Passons?“ Warwara Petrowna richtete sich steifer auf. „In dem Falle ist alles gesagt. Sie sind benachrichtigt. Von nun ab leben wir jeder für sich und sehen uns nicht mehr.“

„Und das ist alles? Alles, was von den zwanzig Jahren geblieben ist? Ihr letzter Abschied?“

„Sie lieben wirklich die Phrasen in einem Maße, daß es schon nicht mehr schön ist, Stepan Trophimowitsch. Heutzutage ist derlei nicht mehr modern. Man spricht jetzt derb, aber verständlich. Und ewig kommen Sie mir mit diesen zwanzig Jahren! Zwanzig Jahre beiderseitiger Eigenliebe und weiter nichts. Jeder Ihrer Briefe ist nicht an mich geschrieben, sondern für die Nachwelt berechnet. Ja, Sie sind Stilist, aber kein Freund. Freundschaft ist doch nur ein berühmtes Wort, in Wirklichkeit aber ist sie bloß ein – gegenseitiger Erguß von Spülicht.“

„Gott, wie viel fremde Worte! Lauter gut behaltene Lektionen! Auch Ihnen haben sie schon ihre Uniform übergeworfen! Auch Sie sind jetzt fröhlich, auch Sie an der Sonne! Chère, chère, für welch ein Linsengericht haben Sie ihnen Ihre Selbständigkeit verkauft!“

„Ich bin kein Papagei, der fremde Worte wiederholt,“ versetzte Warwara Petrowna böse. „Seien Sie versichert, daß in mir sich eigene Worte zur Genüge angesammelt haben. Was aber haben Sie für mich in diesen zwanzig Jahren getan? Nicht einmal die Bücher haben Sie mir gegeben, die ich für Sie bestellte, und die heute noch unaufgeschnitten wären, wenn Ihre Freunde sie nicht gelesen hätten. Was gaben Sie mir zu lesen, als ich Sie in den ersten Jahren immer wieder bat, mich doch zu belehren, zu leiten? Nur Romane und immer wieder Romane. Sie waren sogar auf meine Entwicklung eifersüchtig. Und währenddessen lachte doch schon alle Welt über Sie. Ich gestehe, ich habe Sie immer nur für einen Kritiker gehalten und für weiter nichts. Als ich Ihnen während der Fahrt nach Petersburg meine Absicht mitteilte, eine Zeitschrift zu gründen und ihr mein ganzes Leben zu widmen, da sahen Sie plötzlich ironisch auf mich herab und wurden furchtbar hochmütig.“

„Das war doch nicht so ... nicht das ... wir fürchteten damals, verfolgt zu ...“

„Doch, das war genau das. Und Verfolgung konnten Sie in Petersburg überhaupt nicht fürchten. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals im Februar erschrocken zu mir gelaufen kamen? Wie Sie verlangten, ich solle es Ihnen sofort schriftlich geben, in Gestalt eines Briefes, aus dem hervorginge, daß Sie mit dem beabsichtigten Blatte nichts zu tun hätten? Daß Sie lediglich der Hauslehrer seien, der bloß in meinem Hause wohnt, weil ihm sein Gehalt noch nicht ausgezahlt worden ist? War es nicht so? Sollten Sie es wirklich vergessen haben? Ich sehe, Sie haben es nicht vergessen. Ja, Sie haben sich Ihr Lebelang tatsächlich ungewöhnlich ausgezeichnet!“

„Das war nur ein Augenblick des Kleinmuts damals, unter vier Augen ...“ rief er schmerzlich aus. „Aber soll denn wirklich, wirklich, wegen dieser kleinlichen Eindrücke, nun alles zerrissen sein? Ist es möglich, daß von diesen langen Jahren nichts mehr zwischen uns verblieben ist?“

„Sie verstehen sich aufs Rechnen, das weiß ich. Sie wollen immer alles so drehen, daß schließlich ich Ihnen noch schulde. Als Sie aus dem Auslande zurückkehrten, sahen Sie auf mich von oben herab und ließen mich nicht einmal zu Wort kommen. Und als ich Ihnen nach meiner Reise von dem Eindruck, den die Sixtinische Madonna auf mich gemacht hatte, erzählen wollte, da hörten Sie nicht einmal so lange zu, bis ich geendet hatte, und lächelten nur hochmütig, ganz als könnte ich nicht ebensolche Gefühle haben wie Sie.“

„Das wird sicher anders gewesen sein ... ich entsinne mich nicht mehr ... J’ai oublié.[120]

„Nein, das war ganz genau so, und dabei war da gar kein Grund, vor mir so wichtig zu tun, denn das war ja alles Unsinn und nur Ihre Phantasie. Heutzutage begeistert sich niemand mehr für die Sixtinische Madonna. Höchstens ein paar alte Professoren. Das ist bewiesen.“

„Auch schon bewiesen?“

„Diese Madonna dient überhaupt zu nichts. Diese Schale hier ist nützlicher, denn man kann in sie Wasser gießen. Dieser Bleistift ist nützlich, denn mit ihm kann man schreiben. Hier aber ist es bloß ein gemaltes Frauengesicht, das schlechter ist als alle lebenden Gesichter. Versuchen Sie einen Apfel zu malen und legen Sie dann neben das Bild einen wirklichen. Welchen werden Sie dann nehmen? Bin sicher, daß Sie nicht schwanken werden. Sehen Sie, darauf laufen jetzt alle unsere Theorien hinaus, nachdem sie erst einmal von der modernen freien Forschung nachgeprüft sind.“

„... stimmt!“

„Ah, Sie lächeln ironisch! Aber was haben Sie mir, zum Beispiel, über das Almosengeben gesagt? Und dabei ist das Gefühl, das man hat, wenn man Gutes tut, ein hochmütiges und unsittliches, genau wie die Genugtuung des Reichen, wie sein Genuß, wenn er seine Macht und Bedeutung mit der des Bettlers vergleicht. Almosengeben verdirbt sowohl den Gebenden wie den Nehmenden und erfüllt außerdem noch nicht einmal seinen Zweck, denn es vermehrt nur die Bettler. Jeder Faulpelz, der nicht arbeiten will, drängt sich zum Reichen, wie der Spieler an den Kartentisch, um etwas zu gewinnen. Die Groschen aber, die man ihnen zuwirft, reichen ja nicht einmal für den hundertsten Teil. Haben Sie viele Almosen in Ihrem Leben gegeben? Vielleicht achtzig Kopeken, aber bestimmt nicht mehr. Denken Sie nur nach. Strengen Sie sich ein bißchen an und versuchen Sie, sich zu erinnern, wann Sie zum letztenmal ein Almosen gegeben haben. Das wird wohl schon zwei, wenn nicht vier Jahre her sein. Sie reden bloß große Worte, die Tat aber behindern Sie nur. Ja, Almosengeben müßte auch schon im jetzigen Staate ganz einfach gesetzlich verboten werden. Im Zukunftsstaat wird es überhaupt keine Armen mehr geben.“

„Oh, welch eine Sammlung fremder Schlagworte! Also ist es schon bis zum Zukunftsstaat mit Ihnen gekommen? Sie Unglückliche, möge Gott Ihnen helfen!“

„Ja, es ist bis zum Zukunftsstaat gekommen, Stepan Trophimowitsch. Sie haben so sorgfältig die neuen Ideen vor mir verborgen, aber es hat nichts genützt. Sie haben das einzig und allein aus Eifersucht getan, um Macht über mich zu besitzen. Jetzt ist mir sogar diese Julija Michailowna schon an hundert Werst voraus. Doch ich erkenne jetzt wenigstens. Trotzdem habe ich Sie verteidigt, Stepan Trophimowitsch, so viel ich nur konnte. Sie werden buchstäblich von allen angeklagt.“

Assez![121] er erhob sich von seinem Platz. „Und was sollte ich Ihnen nun wünschen? Doch nicht Reue?“

„Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie wissen doch schon, daß man Sie auffordert, auf der literarischen Matinee irgend etwas vorzutragen? Sagen Sie, worüber werden Sie lesen?“

„Gerade über dieses Ideal, die Sixtinische Madonna, die Ihrer Meinung nach weder einen Bleistift noch ein Glas Wasser wert ist.“

„Und nicht aus der Geschichte?“ fragte Warwara Petrowna enttäuscht. „Aber dann wird man Sie ja gar nicht hören wollen. Und ewig diese Madonna! Was haben Sie denn davon, wenn Sie alle damit einschläfern? Ich versichere Sie, Stepan Trophimowitsch, ich sage das nur in Ihrem Interesse. Es wäre doch eine ganz andere Sache, wenn Sie eine kurze, aber unterhaltende Geschichte aus dem mittelalterlichen Hofleben nehmen würden; sagen wir, aus der spanischen Geschichte. Oder eine Anekdote, die Sie dann noch mit eigenen Zutaten ausschmücken könnten. Im Mittelalter gab es doch so prunkvolle Höfe, mit Damen, wissen Sie, und Mordgeschichten. Karmasinoff sagt, daß es sonderbar zugehen müßte, wenn man in der spanischen Geschichte nicht etwas Interessantes finden könnte.“

„Karmasinoff! Dieser ausgeschriebene Dummkopf sucht für mich ein Thema!!“

„Karmasinoff, dieser erhabene Verstand! Sie drücken sich heute schon wirklich etwas zu unvorsichtig aus, Stepan Trophimowitsch.“

„Ihr Karmasinoff ist ein altes, ausgeschriebenes, gereiztes Weib! Chère, chère, haben Sie sich schon lange so von ihnen unterjochen lassen? O Gott!“

„Ich kann ihn auch jetzt nicht leiden. Wegen seiner Wichtigtuerei. Doch seinem Verstande muß ich Gerechtigkeit zollen. Ich wiederhole nochmals, daß ich Sie, so viel ich nur konnte, verteidigt habe. Aber warum wollen Sie sich denn unbedingt als lächerlich und langweilig hinstellen? Im Gegenteil, treten Sie mit einem würdigen Lächeln auf das Podium, als der Repräsentant des vergangenen Jahrhunderts, und erzählen Sie mit Ihrem ganzen Witz drei kleine Geschichten, so wie nur Sie zuweilen zu erzählen verstehen. Mögen Sie meinetwegen ein alter Mann sein, meinetwegen ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, mögen Sie sogar zurückgeblieben sein: vielleicht sprechen Sie lächelnd selbst davon – sagen wir in einer Vorbemerkung. Doch alle werden dann sehen, daß Sie ein lieber, guter, geistreicher Mensch sind. Kurz, ein Mensch vom alten Schrot und Korn. Und doch so weit vorgeschritten, daß er selber über den ganzen Unsinn gewisser Begriffe, die er bis dahin gehabt hat, objektiv und richtig zu urteilen versteht. Nun, machen Sie es doch so, ich bitte Sie!“

Chère, assez![122] Bitten Sie mich nicht, ich kann nicht. Ich werde über die Madonna reden, und ich will einen Sturm erheben, der entweder sie alle vernichten oder mich allein zu Boden schlagen soll!“

„Bestimmt nur Sie allein, Stepan Trophimowitsch.“

„Gut! Das ist dann mein Los! Ich werde von jenem gemeinen Sklaven reden, von jenem stinkenden, verderbten Sklaven, der als erster mit dem Messer auf die Leiter steigt und das göttliche Antlitz des großen Ideals zerschneiden will – im Namen der Gleichheit, des Neides und ... der Verdauung. Mag mein Fluch also durch die Welt donnern und dann, dann ...“

„In die Irrenanstalt?“

„Vielleicht. Aber in jedem Fall, ob ich nun siege oder besiegt werde: am selben Abend noch werde ich meinen Koffer nehmen, meinen armseligen Koffer, und werde all mein Hab und Gut verlassen, alle Ihre Geschenke, alle Pensionen und Versprechungen für die Zukunft, und werde zu Fuß aus der Stadt gehen, um bei irgend einem Kaufmann als Hauslehrer mein Leben zu beenden oder hinter einem Zaun Hungers zu sterben. Alea jacta est!

Er stand auf.

„Ich habe es ja gewußt!“ Mit blitzenden Augen erhob sich nun auch Warwara Petrowna. „Ich habe es ja gewußt, daß Sie doch nur dazu leben, um zum Schluß noch mich und mein Haus zu beschimpfen. Was wollen Sie mit der Stelle beim Kaufmann oder dem Tod hinterm Zaun sagen? Bosheit und Verleumdung, weiter ist’s nichts!“

„Sie haben mich immer verachtet, aber ich werde wie ein Ritter, der seiner Dame bis ins Grab treu bleibt, mein Leben beenden – denn Ihre Meinung von mir war mir immer teurer, als alles andere auf der Welt. Ich nehme von Ihnen nichts mehr an, und die Rede halte ich ohne Entschädigung.“

„Wie dumm das ist!“

„Sie haben mich niemals geachtet. Ich weiß, ich habe unendlich viele Schwächen. Ja, es ist wahr: ich habe als Ihr Schmarotzer gelebt; – in der Sprache des Nihilismus ausgedrückt. Doch das war niemals das höhere Prinzip meiner Handlungen. Das geschah alles – so – so ... ganz von selbst ... ich weiß nicht, wie ... Ich habe nur immer geglaubt, daß zwischen uns etwas Höheres als Kost und Geld besteht, und nie, hören Sie, nie bin ich ein – Schurke gewesen! So – und nun gehe ich, um es wieder gut zu machen! Ich gehe meinen späten Weg, es ist schon Herbst, der Nebel liegt auf den Feldern, kalter, grauer Reif bedeckt meine Straße und der Wind singt das Lied vom nahen Grabe ... Aber ich gehe, ich gehe schon meinen neuen Weg! Und ich gehe –