I.
Der Tag, an dem die literarische Matinee und der Ball stattfinden sollten, war endgültig festgesetzt, doch von Lembkes Stimmung wurde immer trüber und nachdenklicher. Er hatte so sonderbare, unheilvolle Vorgefühle, und das beunruhigte Julija Michailowna sehr. Es war doch nicht so angenehm, Gouverneur zu sein, zumal unser gutmütiger Iwan Ossipowitsch seinem Nachfolger nicht alles im Gouvernement in bester Ordnung übergeben hatte. Dazu drohte jetzt noch die Cholera, und in einzelnen Kreisen waren Rinderseuchen ausgebrochen; ferner hatten den ganzen Sommer über in Dörfern und Städten Feuersbrünste gewütet, im Volke aber begann sich schon der Glaube festzusetzen, daß man absichtlich Brandstifter umherschicke; und die Diebe hatten sich im Verhältnis zu früheren Jahren um das Doppelte vermehrt. Das alles wäre aber, wenn auch außergewöhnlich, so doch längst nicht in dem Maße beunruhigend gewesen, wenn Andrei Antonowitsch von Lembke nicht noch schwerwiegendere Sorgen gehabt hätte, die ihm nun die Ruhe seiner bis dahin so glücklichen und zufriedenen Seele raubten.
Am meisten erschreckte Julija Michailowna der Umstand, daß ihr Lembke mit jedem Tage schweigsamer wurde und manchmal beinahe verschlossen war. Doch wenn man darüber nachdachte – was konnte er denn überhaupt zu verbergen haben? Dabei widersprach er ihr selten, vielmehr fügte er sich ihr fast in allen Dingen. So wurden z. B. auf ihr hartnäckiges Verlangen hin ein paar recht gewagte Maßnahmen getroffen, die fast gegen das Gesetz verstießen, doch dafür die Macht des Gouverneurs vergrößern sollten. Aus demselben Grunde wurde z. B. ein paarmal unheilvolle Nachsicht geübt: Leute, die eigentlich den Prozeß und Sibirien verdient hatten, wurden einzig auf Julija Michailownas unbedingtes Verlangen hin zur Auszeichnung vorgeschlagen. Wie sich später herausstellte, wurde auf eine gewisse Art von Klagen ganz systematisch überhaupt nicht mehr reagiert. Außerdem unterschrieb von Lembke fast alles, was Julija Michailowna von ihm verlangte, und gewöhnlich widerspruchslos. Nur zuweilen setzte er seine Gattin durch eine plötzliche und hartnäckige Widerspenstigkeit in nicht geringes Erstaunen, und zwar immer durch eine Widerspenstigkeit in den kleinsten Nebensachen. Der Wunsch, nachdem er ihr tagelang stumm und wortlos gehorcht hatte, wieder eine eigene Rolle zu spielen, war am Ende begreiflich. Julija Michailowna jedoch wußte in solchen Fällen trotz ihres ganzen Verstandes diese edle Regung eines edlen Charakters durchaus nicht zu würdigen: von Lembke persönlich war ihr gerade in dieser Zeit vollkommen gleichgültig – und leider sollte eben hieraus viel Unheil entstehen.
Die gute Dame (sie tut mir aufrichtig leid) hätte das, was sie so sehr lockte – Ruhm, Bedeutung usw. – viel einfacher erreichen können, ja, fast noch schneller, wenn sie ihren Wünschen mit etwas weniger Exzentrizität nachgegangen wäre. Aber wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt: denen, die ihr abrieten, hörte sie weiter nicht zu; den anderen aber, die sie in ihren eigenen Ideen bestärkten, denen folgte sie blindlings. So war denn die Arme bald nur noch ein Spielzeug der verschiedensten Einflüsse, während sie sich selbst für durchaus individuell hielt. Ihre Gutmütigkeit wurde in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft als Gattin des Gouverneurs von vielen ausgenutzt, und gar manche schnitten dabei nicht übel ab. Aber was war das im Grunde für ein Mischmasch unter dem Anschein von Selbständigkeit! Ihr gefielen die Großgrundbesitzer und das aristokratische Element, die Erweiterung der Gouvernementsmacht wie das demokratische Prinzip mit den neuen Anschauungen, der Freidenkerei und den sozialen Lehren; und ihr gefiel der strenge Ton eines vornehmen Salons, wie die Ausgelassenheit, die oft schon an einen Gasthauston gemahnte, der sie umgebenden goldenen Jugend. Sie träumte davon, „glücklich zu machen“ und Unvereinbares zu vereinen, oder richtiger: alle und alles in schwärmerischer Verehrung um ihre Person zu versammeln. Aber sie hatte auch einige ganz besondere und bevorzugte Lieblinge. Zu diesen gehörte vor allen Pjotr Stepanowitsch, der sie mit den plattesten Schmeicheleien beherrschte. Freilich gab es da noch einen besonderen Grund, weshalb er zu ihrem Liebling ward, und dieser Grund dürfte sie vielleicht am besten charakterisieren: sie hoffte nämlich, daß er ihr – eine ganze Verschwörung aufdecken werde. Ich übertreibe keineswegs. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum sich in ihr, fast von Anfang an, der Glaube festgesetzt hatte, gerade in unserem Gouvernement werde eine Verschwörung gegen die Regierung vorbereitet. Nun, und Pjotr Stepanowitsch verstand es vorzüglich, mit seinem zweideutigen und geheimnisvollen Schweigen in gewissen, und seinen kurzen Bemerkungen in anderen Fällen, diesen Glauben noch zu verstärken. Sie glaubte schon nach ihrem ersten Gespräch mit ihm, daß er unbedingt über das ganze revolutionäre Rußland unterrichtet sei, und außerdem und gleichzeitig hielt sie ihn für ihr persönlich bis zur Vergötterung ergeben. In ihrer Phantasie malte sie sich schon mit allen Einzelheiten aus, wie von Lembke die Verschwörung melden würde, dann der Dank aus Petersburg und die große Karriere; und schließlich, wie sie selber mit „Liebe und Nachsicht“ die Jugend „am Rande des Abgrunds“ zurückhielt! War sie doch fest überzeugt, daß sie Pjotr Stepanowitsch bereits bekehrt hatte! Warum sollte es ihr dann nicht auch bei den anderen gelingen? Kein einziger von den Verschwörern sollte umkommen: sie wollte sie alle, alle retten, und in eben diesem Sinne, nur mit dem Ziel der höheren Gerechtigkeit vor Augen, wollte sie handeln. Vielleicht – was kann man wissen – würde noch einst der ganze russische Liberalismus – und warum nicht auch die Geschichte? – ihren Namen segnen. Die Verschwörung aber würde doch aufgedeckt werden ... Also alle Vorteile zugleich.
Zunächst aber war es nötig, daß Andrei Antonowitsch zum Feste etwas heiterer wurde, und so galt es denn jetzt, ihn zu zerstreuen und zu beruhigen. Zu diesem Zweck kommandierte sie Pjotr Stepanowitsch zu ihrem Mann, in der Hoffnung, daß der auf irgendeine Weise die gewünschte Wirkung erzielte. Vielleicht konnte er ihm etwas Beruhigendes mitteilen, sozusagen aus erster Hand. Jedenfalls verließ sie sich vollkommen auf seine Geschicklichkeit.
Pjotr Stepanowitsch war schon seit Längerem nicht mehr in Herrn von Lembkes Arbeitszimmer gewesen. Er schwirrte jetzt gerade in einem Augenblick zu ihm hinein, als der Patient sich in einer ganz besonders gespannten und reizbaren Verfassung befand.
II.
Es gab da eine Kombination, die Herr von Lembke nun schon gar nicht mehr fassen konnte.
In einer kleinen Kreisstadt (in derselben, in der Pjotr Stepanowitsch vor nicht langer Zeit mit den Offizieren ein paar Abende lustig zusammengewesen war) hatte der Kommandeur einem Leutnant einen Verweis erteilt. Es geschah vor der ganzen Front. Der Leutnant war ein noch ganz junger Mensch, erst vor kurzem aus Petersburg eingetroffen, immer schweigsam und finster und anscheinend sich sehr erhaben dünkend, dabei aber klein von Wuchs, dick und rotwangig. Er ertrug den Verweis nicht, und plötzlich warf er sich mit einem eigentümlichen Geschrei oder Gekreisch, über das sich die ganze Front wunderte, und mit absonderlich gesenktem Kopf auf seinen Kommandeur und biß diesen mit solcher Gewalt in die Schulter, daß man ihn nur mit Mühe loszureißen vermochte. Zweifellos war der Mensch verrückt geworden. Wenigstens stellte sich nun heraus, daß er in der letzten Zeit schon mehrfach die unglaublichsten Sachen gemacht hatte. So hieß es u. a., er habe in seiner Wohnung zwei Heiligenbilder der Wirtin zum Fenster hinausgeworfen und ein drittes mit dem Beil zerhackt; an ihre Stelle aber habe er in seinem Zimmer auf Postamenten drei Bücher, die Werke von Vogt, Moleschot und Büchner, aufgestellt und vor jedem ein Kirchenwachslicht angezündet. Aus der Menge von Büchern, die man bei ihm fand, konnte man schließen, daß er ziemlich belesen war. Bei der Durchsuchung fand man in seinen Taschen und Koffern einen ganzen Stoß der wildesten Proklamationen.
Nun, an sich waren diese Blätter ja nichts Neues; man hatte ihrer im Laufe der Jahre so viele gesehen! Wozu da noch weiter nachdenken? Zudem waren es nicht einmal neue Proklamationen, sondern genau dieselben, die man auch im H–schen Gouvernement gefunden hatte und von denen Liputin behauptete, daß er sie vor anderthalb Monaten auf seiner Reise in einer andern Kreisstadt gleichfalls gesehen habe. Aber Andrei Antonowitsch erschrak doch: vor allem über den einen Umstand, daß der Direktor der Spigulinschen Fabrik zur selben Zeit der Polizei drei große Pakete Proklamationen übersandt hatte, die in der Nacht auf den Fabrikhof geworfen worden waren, und diese Proklamationen stimmten Wort für Wort mit jenen überein, die man bei dem Leutnant gefunden hatte. Die drei Pakete waren noch nicht einmal aufgebunden, also hatte von den Arbeitern noch keiner etwas lesen können. Eigentlich war ja die ganze Sache harmlos genug; doch Herr von Lembke begann zu grübeln, denn ihm erschien sie unendlich bedeutsam und verwickelt.
In der erwähnten Spigulinschen Fabrik hatte gerade die sogenannte „Spigulinsche Geschichte“ begonnen, von der später so viel geredet worden ist, und über die sogar die Petersburger und Moskauer Zeitungen so lange und in so verschiedenen Lesarten berichtet haben. Vor ungefähr drei Wochen war dort ein Arbeiter an sibirischer Cholera erkrankt, und nach ihm noch ein paar andere. In der Stadt verbreitete sich nicht geringe Angst, obgleich alle möglichen ärztlichen Vorkehrungen getroffen wurden. Doch die Spigulinsche Fabrik – die Besitzer hatten Geld und Verbindungen – wurde aus irgendeinem guten Grunde nicht geschlossen. Da aber hieß es plötzlich, gerade in ihr stecke der Herd der Krankheit. Andrei Antonowitsch bestand sofort energisch darauf, daß sie einmal gründlich gereinigt werde, was man denn auch tat. Kurz darauf aber schlossen die Spigulins die Fabrik – warum, wußte eigentlich niemand. Der eine Bruder lebte beständig in Petersburg, und der andere war nach der ihm befohlenen Fabrikreinigung nach Moskau gereist. Der Direktor, der den Arbeitern den Lohn auszahlen sollte, betrog dabei, wie es sich später herausstellte, die Leute geradezu unerhört. Die Arbeiter begannen zu murren und verlangten eine gerechtere Abrechnung und gingen aus Dummheit schließlich sogar auf die Polizei. Doch führten sie sich dort lange nicht so erregt auf, wie es die Zeitungen nachträglich schilderten. Und gerade in dieser Zeit geschah es denn, daß der Direktor dem Gouverneur die gefundenen Proklamationen zustellte.
Pjotr Stepanowitsch trat schnell und ohne anzuklopfen, wie ein alter Bekannter oder guter Freund, in von Lembkes Arbeitszimmer. Als Andrei Antonowitsch ihn erblickte, blieb er unfreundlich und augenscheinlich geärgert am Schreibtisch stehen, während er bis dahin auf und ab gegangen war, was er gewöhnlich tat, wenn er sich mit seinem Kanzleibeamten Blümer unter vier Augen beriet. Diesen Blümer, der übrigens ein mürrischer, ungelenker Deutscher war, hatte er trotz Julija Michailownas heftigster Opposition aus Petersburg mitgebracht. Der Kanzleibeamte trat nach Pjotr Stepanowitschs Erscheinen zur Tür, ging jedoch noch nicht hinaus. Es schien Pjotr Stepanowitsch sogar, daß er mit von Lembke einen vielsagenden Blick austauschte.
„Oho, da habe ich Sie ertappt, Sie geheimer Stadtdespot!“ rief Pjotr Stepanowitsch lachend aus und legte schnell seine Hand auf eine Proklamation, die auf dem Tisch lag. „Die soll wohl wieder Ihre Sammlung vergrößern, wie?“
Von Lembke wurde rot, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich.
„Lassen Sie, lassen Sie das sofort!“ schrie er zitternd vor Wut. „Und wagen Sie es nicht, mein Herr ...“
„Was haben Sie nur? Sie scheinen sich ja zu ärgern?“
„Gestatten Sie, mein Herr, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich Ihr sans façon[123] hinfort nicht mehr dulden werde und Sie ersuche, nicht zu vergessen ...“
„Pfui Teufel, er ärgert sich ja in der Tat!“
„Schweigen Sie!“ von Lembke stampfte mit dem Fuß. „Und wagen Sie es nicht ...“
Gott mag wissen, wozu es noch gekommen wäre, denn zu seinem Zorn gab es hier noch einen gewissen anderen Grund, den sich weder Pjotr Stepanowitsch noch Julija Michailowna auch nur hätten träumen lassen können. Mit dem unglücklichen Andrei Antonowitsch war es nämlich schon so weit gekommen, daß er wegen seiner Frau auf Pjotr Stepanowitsch eifersüchtig war und deshalb in einsamen Stunden, besonders nachts, höchst unangenehme Minuten auszustehen hatte.
„Und ich dachte, daß ein Mensch, der einem zweimal bis nach Mitternacht seinen Roman vorliest und einen um ein offenes Urteil bittet, daß dieser Mensch dann schon selber das Formelle abgetan hat ... Und Julija Michailowna empfängt mich wie einen guten Bekannten – nun soll einer aus Ihnen klug werden!“ sagte Pjotr Stepanowitsch, und sagte es sogar nicht ohne eine gewisse Würde. „Hier haben Sie übrigens Ihren Roman,“ und damit legte er ein großes, schweres, fest zusammengerolltes Heft, das in blaues Papier eingewickelt war, auf den Tisch.
Von Lembke errötete und wußte nichts zu sagen.
„Wo haben Sie es denn gefunden?“ fragte er unsicher, mit einem Zustrom von Freude, den er doch nicht abhalten konnte, obschon er ihn mit Gewalt zurückzudrängen suchte.
„Ja, denken Sie sich, so zum Rohr zusammengerollt, wie es da ist, war es hinter meine Kommode gefallen. Ich werde es wohl damals, als ich nach Hause kam, irgendwie nachlässig auf die Kommode geworfen haben. Vorgestern fand man es beim Dielenscheuern. War das aber eine Arbeit, die Sie mir da beschert hatten!“
Lembke senkte streng die Augen.
„Zwei Nächte wegen Euer Gnaden nicht geschlafen. Vorgestern fand man es, so behielt ich es denn noch und las die ganze Geschichte durch. Habe am Tage keine Zeit, mußte es also in der Nacht tun. Na, und – kann nichts dafür: bin unzufrieden. Nicht mein Geschmack. Doch übrigens zum Teufel damit, Kritiker bin ich nie gewesen. Aber losreißen konnte ich mich doch nicht, wenn ich auch unzufrieden war. Das vierte und fünfte Kapitel, die ... die sind ... weiß der Teufel, was die eigentlich sind! Und mit wieviel Komik das vollgestopft ist! Hab’ ich gelacht! Nein, wirklich, Sie verstehen es, etwas lächerlich zu machen, sans que cela paraisse![124] Na, das da im neunten Kapitel, wo nur von Liebe die Rede ist, na, nicht meine Sache; aber immerhin sehr effektvoll. Nach dem Brief von Igrenjeff wollte ich beinah zu heulen anfangen, obgleich Sie ihn ja so fein karikiert haben ... Wissen Sie, der Brief ist gewiß gefühlvoll, aber zu gleicher Zeit wollten Sie den Mann doch irgendwie karikieren, wenn ich Sie richtig verstanden habe? nicht? Hab’s mir gleich so gedacht. Na, aber für den Schluß könnte ich Sie einfach verprügeln. Was ist denn das für eine Idee, die Sie da durchführen? Das ist ja doch dieselbe alte Vergötterung des Familienglücks nebst Vermehrung der Kinder wie des Kapitals, und ‚wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heut‘! – ich bitte Sie! Zuerst bezaubern Sie den Leser geradezu, so daß selbst ich mich nicht losreißen konnte, – aber desto gemeiner ist doch dann solch ein Schluß! Der Leser bleibt genau so dumm, wie er war; man hätte doch kluge Menschen reden lassen sollen, Sie aber ... Na, genug davon, und jetzt adieu! Ärgern Sie sich nächstens nicht wieder. Ich kam eigentlich, um Ihnen ein paar Worte zu sagen, aber Sie sind ja heute so eigentümlich ...“
Von Lembke hatte inzwischen seinen Roman in einen eichenen Bücherschrank verschlossen und Blümer zugewinkt, das Zimmer zu verlassen, was der denn auch mit langem Gesichte tat.
„Ich bin heute keineswegs eigentümlich, es sind da nur ... so viele Unannehmlichkeiten,“ murmelte Herr von Lembke und runzelte die Stirn, doch schon ohne Zorn, und er setzte sich an den Schreibtisch. „Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen,“ sagte er freundlicher, „nur fliegen Sie nächstens nicht so hastig ins Zimmer, mit Ihren Manieren, die ... zuweilen, bei der Arbeit, ist man ...“
„Was meine Manieren betrifft ...“
„Ich weiß, ich weiß, Sie haben es ja nicht mit Absicht getan, aber gerade bei so unangenehmer Arbeit, Sie verstehen schon ... Setzen Sie sich, bitte.“
Pjotr Stepanowitsch warf sich sogleich ungeniert auf den Diwan und zog die Beine unter den Stuhl.
III.
„Was ist denn das für eine unangenehme Arbeit? Doch nicht etwa diese Dummheiten?“ Dabei wies er mit dem Kopf auf die Proklamation. „Solche Blätter kann ich Ihnen so viele verschaffen, wie Sie nur wollen. Habe deren Bekanntschaft schon im H–schen Gouvernement gemacht.“
„Das heißt, damals, als Sie dort waren?“
„Versteht sich, nicht in meiner Abwesenheit. Und dann war da noch eine mit einer Vignette: ein Beil oben. Erlauben Sie“ – er nahm das Blatt vom Tisch – „na ja, hier ist ja auch ein Beil; natürlich, das ist ja dieselbe!“
„Ja, ein Beil. Sehen Sie – ein Beil.“
„Was, haben Sie etwa Angst bekommen vor dem Beil?“
„Oh, nicht vor dem Beil ... Und ich habe durchaus keine Angst. Aber diese Sache ... Es gibt hier noch ... gewisse Umstände.“
„Was für welche? Daß man sie aus der Fabrik gebracht hat? Ha–ha! Aber wissen Sie auch, daß die Arbeiter dieser Fabrik bald selbst Proklamationen schreiben werden?“
„Wie das?“ Von Lembke sah auf – streng, verwundert.
„Ganz einfach. Sie sind ein zu weicher Mensch, Andrei Antonowitsch. Schreiben Romane. Hier aber müßte man noch auf die alte Weise verfahren.“
„Wie das – alte Weise? Sollen das Ratschläge sein? Die Fabrik ist doch gereinigt worden. Ich befahl es, und sie wurde gereinigt!“
„Und unter den Arbeitern ist derweil eine Empörung ausgebrochen. Übers Knie legen müßte man die Kerls, und die Sache wäre erledigt.“
„Eine Empörung? Das ist unmöglich! Ich habe doch den Befehl gegeben, und man hat die Fabrik gereinigt!“
„Ach, Andrei Antonowitsch, Sie sind wirklich ein weicher Mensch!“
„Ich? Nun – erstens bin ich durchaus nicht so furchtbar weich und zweitens ... –“ von Lembke ärgerte sich. Eigentlich sprach er mit dem jungen Mann gegen seinen Willen, doch die Neugier, ob dieser nicht etwas Besonderes sagen würde, war zu groß, um der Unterredung einen Schluß zu machen.
„A–ah! wieder eine alte Bekannte!“ unterbrach ihn Pjotr Stepanowitsch und zog unter einem Buch ein anderes Blatt hervor, eine augenscheinlich im Auslande gedruckte Proklamation, die aber in Versen abgefaßt war. „Na, die kenne ich ja auswendig: natürlich, das ist sie ja – die ‚helle Persönlichkeit‘! Habe diese Persönlichkeit schon im Auslande kennen gelernt. Wo haben Sie denn diese hervorgekratzt?“
„Sie sagen, Sie haben sie schon im Auslande gesehen?“ horchte Herr von Lembke auf.
„Na, das fehlte noch, daß ich sie nicht gesehen hätte! – vor vier oder fünf Monaten!“
„Was Sie im Auslande nicht alles gesehen haben!“ von Lembke besah ihn sich mißtrauisch.
Doch Pjotr Stepanowitsch beachtete die Bemerkung nicht, nahm das Blatt und las laut das folgende Gedicht:
„Die helle Persönlichkeit.
Von Geburt kein Edelmann,
Unterm Volk wuchs er heran.
Bald verfolgt vom Zorn des Zaren
Und dem Hasse der Bojaren,
Predigte er allerorten
Stets mit siegbewußten Worten
Unerschrocken, wie man sah:
‚Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!‘
Häscher fingen ihn alsbald.
Doch er floh in fremdes Land
– aus des Zaren Kasematte,
Wo man Peitschen, Zangen hatte –,
Fuhr von dort fort, hier zu schüren,
Und die Wirkung war zu spüren,
Denn das Volk begann zu warten
Und zu murren ob des harten
Schicksals, doch sieh da:
„Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!“
Also sagt’s Euch der Student,
Hört es jetzt bis nach Taschkent!
Komme schleunigst jeder Mann,
Um den Adel und alsdann
Selbst das Zartum zu vernichten!
Hört und kommt und laßt uns richten!
Hört auf des Studenten Wort:
Aller alter Kram muß fort –
Kirchen, Ehen und Familien
Nebst den Kindern, den Reptilien!
Doch das Hab und Gut der Welt,
Land, Besitz und alles Geld –
Das soll Allgemeingut werden
In dem neuen Reich auf Erden!“
„Das haben Sie wohl bei jenem Leutnant gefunden, nicht?“ fragte Pjotr Stepanowitsch.
„Wie, Sie kennen auch diesen Leutnant?“
„Wie denn nicht! Habe zwei Tage lang mit ihm gekneipt. Der mußte unbedingt mal überschnappen.“
„Er ... Vielleicht ist er überhaupt nicht irrsinnig geworden.“
„Etwa darum nicht, weil er zu beißen anfing?“
„Aber, erlauben Sie: wenn Sie dieses Gedicht im Auslande gesehen haben – und später findet es sich hier bei diesem Offizier ...“
„Hm! Ganz scharfsinnig! Sie, Andrei Antonowitsch, Sie scheinen mich ja, wie ich sehe, examinieren zu wollen? Sehen Sie,“ begann er plötzlich mit ungewöhnlicher Wichtigkeit, „darüber, was ich im Auslande gesehen, habe ich sofort nach meiner Rückkehr einer bestimmten Stelle Mitteilung gemacht, und meine Erklärungen wurden als befriedigend befunden. Andernfalls hätte ich ja auch diese liebe Stadt hier gar nicht mit meinem Besuch beglücken können. Ich glaube also, daß meine Pflichten auf diesem Gebiet erledigt sind und ich weiter niemandem Rechenschaft schuldig bin. Und nicht etwa deswegen erledigt, weil ich vielleicht ein Denunziant bin, sondern weil ich einfach gar nicht anders handeln konnte. Diejenigen, die an Julija Michailowna über mich geschrieben haben, kannten die ganze Sachlage ... und haben mich als ehrlichen Menschen empfohlen. Na, aber zum Teufel damit! Eigentlich bin ich zu Ihnen gekommen, um über etwas sehr Ernstes mit Ihnen zu sprechen. Es ist gut, daß Sie diesen Ihren Schornsteinfeger fortgeschickt haben. Es ist eine wichtige Sache, Andrei Antonowitsch. Ich habe nämlich eine sehr große Bitte an Sie.“
„Eine Bitte? Hm ... haben Sie die Güte, ich ... bin gespannt ... hm! ... wird mich sehr interessieren. Überhaupt muß ich sagen, Sie setzen mich heute ein wenig in Erstaunen.“
Von Lembke war merklich erregt. Pjotr Stepanowitsch schlug ein Bein übers andere.
„In Petersburg,“ begann er, „war ich in vieler Hinsicht aufrichtig, doch über gewisse Einzelheiten ... zum Beispiel diese da“ – er wies mit dem Finger auf die „helle Persönlichkeit“ – „habe ich geschwiegen, erstens weil es sich nicht lohnte, darüber zu sprechen, und zweitens, weil ich nur das sagte, wonach man mich fragte. Ich liebe es nicht, in diesem Sinne vorzugreifen; darin sehe ich auch den Unterschied zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Menschen, den ganz einfach nur die Umstände überrumpelt haben und zwingen ... Na, das mag nebenbei gesagt sein. Nun und jetzt ... jetzt, nachdem diese Dummköpfe ... na, ich meine, da es jetzt herausgekommen ist, sich bereits in Ihren Händen befindet und sich vor Ihnen schon nicht mehr wird verstecken können – denn Sie sind doch ein Mensch mit Augen, es ist gar nicht so leicht, hinter Sie zu kommen – diese Dummköpfe aber in ihrem Vorhaben fortfahren ... na, nun ja ... also: ich bin ... ganz einfach ... zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, einen Menschen zu retten, einen ebensolchen Dummkopf oder meinetwegen Verrückten ... in Anbetracht seiner Jugend, seines Unglücks, und ... und Ihrer Humanität ... zum Kuckuck, Sie wollen doch nicht nur in Romanen human und gut und edel sein!“ unterbrach er plötzlich, anscheinend aus lauter Verlegenheit grob, seine ungeschickte Rede.
Kurz: man sah einen ehrlichen, offenherzigen Menschen vor sich, der bloß ungeschickt und unpolitisch war, und das wohl aus Gutmütigkeit oder übergroßer Gewissenhaftigkeit. Und jedenfalls mußte er „nicht von weitem her“ sein, urteilte von Lembke sofort mit außerordentlichem Feingefühl: genau so, wie er ihn eigentlich schon immer eingeschätzt hatte – besonders wenn er ihn in den schlaflosen Nächten der letzten Woche wegen seines Erfolges bei Julija Michailowna in seiner Seele beschimpft und heruntergerissen hatte.
„Für wen bitten Sie denn und was soll das alles bedeuten?“ erkundigte er sich würdevoll, bemüht, seine Neugier zu verbergen.
„Für ... ja das ... zum Teufel, ich bin doch nicht schuld daran, daß ich an Sie glaube! Was kann ich denn dafür, daß ich Sie für den edelmütigsten Menschen halte und, vor allem, für einen verständigen ... der fähig ist, zu begreifen, das heißt, zu verstehen ... nun, zum Henker ...“
Der Arme! Augenscheinlich verstand er sich nicht recht auszudrücken und verwickelte sich nur!
„Sie verstehen doch,“ fuhr er fort, „begreifen doch, daß ich, wenn ich Ihnen seinen Namen nenne, ihn damit sozusagen in Ihre Hände liefere, nicht wahr, ich liefere ihn dann Ihnen doch aus? Nicht wahr?“
„Aber wie soll ich es denn erraten, für wen Sie bitten, wenn Sie sich nicht entschließen können, mir seinen Namen zu nennen?“
„Ach, ja, in der Tat, das ist es ja gerade! Sie stellen einem, weiß der Teufel, mit Ihrer Logik immer ein Bein ... Na, zum Henker ... Also diese ‚helle Persönlichkeit‘, dieser ‚Student‘ ist – Schatoff ... So, da haben Sie’s jetzt!“
„Schatoff? Das heißt, wie denn Schatoff?“
„Schatoff – das ist der ‚Student‘, von dem da im Gedicht die Rede ist! Er lebt hier! Früherer Leibeigener! Derselbe, der neulich die Ohrfeige gegeben hat! Sie wissen schon!“
„Ich weiß, ich weiß!“ von Lembke kniff die Augen zusammen. „Aber erlauben Sie, worin besteht denn eigentlich seine Schuld und, die Hauptsache, – um was bitten Sie denn eigentlich?“
„Aber ihn zu retten, verstehen Sie doch endlich! Ich kenne ihn ja schon seit acht Jahren! Ich – ich war ja sein Freund!“ Pjotr Stepanowitsch regte sich anscheinend furchtbar auf. „Nun ja, ich bin doch nicht verpflichtet, Ihnen Rechenschaft über Früheres zu geben,“ meinte er und winkte mit der Hand ab, „das ist alles so belanglos. Sind ja nur dreieinhalb Menschen, und mit denen im Auslande noch nicht mal zehn ... Aber, die Hauptsache, – ich hoffte auf Ihre Humanität und zugleich auf Ihren Verstand. Sie verstehen mich doch, Sie werden die Sache dann schon selber so darstellen, wie sie wirklich ist, und nicht als weiß der Teufel was! – vielmehr als den dummen Gedanken eines verdrehten Menschen ... infolge seines Unglücks, vergessen Sie das nicht, infolge seines Unglücks, und nicht als weiß der Teufel was da – für eine Verschwörung gegen den Staat ...“
Pjotr Stepanowitsch geriet vor Eifer fast außer Atem.
„Hm ... Ich sehe schon, daß er der Schuldige ist – an den Proklamationen mit dem Beil!“ schloß von Lembke mit nahezu erhabener Miene. „Aber, erlauben Sie, wenn er allein es ist, wie konnte er sie dann hier und zugleich in der Provinz verstreuen und sogar im H–schen Gouvernement und ... schließlich, die erste Frage: wo hat er sie überhaupt herbekommen?“
„Aber ich sage Ihnen doch, daß es im ganzen vielleicht fünf Menschen sind, na, sagen wir, zehn – wie soll ich es wissen!“
„Sie wissen es nicht?“
„Ja, zum Henker, warum soll ich es denn wissen?“
„Aber Sie wußten doch, daß Schatoff einer von ihnen ist?“
„Ach!“ Pjotr Stepanowitsch winkte wieder mit der Hand ab, als wolle er den erdrückenden Scharfsinn des anderen zurückscheuchen. „Na, hören Sie, ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen: von den Proklamationen weiß ich nichts, das heißt, so gut wie nichts, – zum Teufel, Sie verstehen doch, was ‚nichts‘ bedeutet? ... Nun, versteht sich, hier ist es der eine Leutnant, nun, und Schatoff, nun, und vielleicht noch irgend jemand, na – aber das ist auch alles! Nicht der Rede wert! ... Einfach kläglich! ... Ich aber bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie für Schatoff zu bitten: man muß ihn retten, denn dieses Gedicht da – ist von ihm, sein eigenes Werk und im Auslande durch ihn gedruckt. So, das ist alles, was ich genau weiß, aber von den Proklamationen weiß ich so gut wie gar nichts!“
„Wenn das Gedicht von ihm verfaßt ist, so werden wohl auch die Proklamationen von ihm verfaßt sein. Aber welche Beweise haben Sie denn, um Herrn Schatoff zu verdächtigen?“
Pjotr Stepanowitsch riß seine Brieftasche hervor, wie ein Mensch, der schon nahe daran ist, aus der Haut zu fahren, und warf einen Zettel auf den Tisch.
„Da haben Sie die Beweise!“ rief er.
Von Lembke faltete den Zettel auseinander: er war vor einem halben Jahr aus unserer Stadt geschrieben worden und enthielt nur die kurze Mitteilung:
„Die helle Persönlichkeit“ kann ich hier nicht drucken, und überhaupt kann ich nichts machen. Drucken Sie im Auslande.
Iwan Schatoff.
Von Lembke blickte Pjotr Stepanowitsch unverwandt an ... Warwara Petrowna hatte recht, wenn sie behauptete, daß Herr von Lembke einen manchmal etwa wie ein Schaf anblicken konnte.
„Sehen Sie,“ begann Pjotr Stepanowitsch ungeduldig, „das bedeutet, daß er dieses Gedicht vor einem halben Jahr hier geschrieben hat. Er konnte es aber nicht hier drucken lassen, na, in irgendeiner, sagen wir, geheimen Druckerei, – und darum bittet er, es im Auslande zu drucken ... Das ist doch klar, sollte ich meinen?“
„Ja, das ist natürlich klar, aber wen bittet er denn darum? Das ist, wie Sie sehen, durchaus noch nicht klar,“ bemerkte von Lembke mit schlauester Ironie.
„Aber Kirilloff doch! Der Brief ist doch an Kirilloff ins Ausland geschrieben ... Wußten Sie das etwa nicht? Ärgerlich an der ganzen Sache ist ja nur, daß Sie sich vor mir vielleicht nur verstellen und selbst schon lange von diesem Gedicht wissen, na, und auch alles andere! Wie ist es denn auf Ihren Tisch gekommen? Wenn Sie es überhaupt zu erwischen verstanden haben! – wozu foltern Sie mich dann noch mit Ihren Fragen, wenn’s so ist?“
Er wischte sich fast bebend den Schweiß von der Stirn.
„Vielleicht ist auch mir einiges bekannt ...“ bemerkte Herr von Lembke, geschickt ausweichend, „aber wer ist denn dieser Kirilloff?“
„Nun, ein Ingenieur, vor kurzem hier angekommen. War Stawrogins Sekundant. Einfach ein Maniak, total verrückt. Ihr Leutnant hatte vielleicht wirklich nur Schnupfenfieber als er biß, na, aber dieser, ich sage Ihnen, der ist schon längst fürs Tollhaus reif – dafür garantiere ich. Ach, Andrei Antonowitsch, wenn die Regierung nur wüßte, was das da für Leutchen sind, sie würde ja keinen Finger rühren. Hab mich in der Schweiz und auf den Kongressen an ihnen satt gesehen, übersatt!“
„Dort, von wo aus man die Bewegungen bei uns leitet?“
„Ja, wer leitet denn? Dreieinhalb Menschen! Wenn man sie ansieht, sage ich Ihnen, kann man bloß Lust zum Gähnen bekommen. Und was sind denn das für ‚Bewegungen bei uns‘? Etwa die Verbreitung von Proklamationen? Aber wer verbreitet sie denn? Verschnupfte Leutnants und zwei bis drei Studenten! Sie sind doch ein kluger Mensch, da stelle ich Ihnen nun eine Frage: warum schließen sich nicht etwas bedeutendere Menschen der Sache an, warum immer nur Studenten und Jünglinge von zweiundzwanzig Jahren? Und wie viele sind ihrer denn selbst von solchen? Man läßt sie wohl von einer Million geübter Hunde suchen, doch wie viele hat man bisher gefunden? Sieben Mann! Ich sage Ihnen ja, nur Lust zum Gähnen bekommt man.“
Von Lembke hörte ihm aufmerksam zu, aber mit einem Ausdruck, der gleichsam sagte: „Eine Nachtigall machst du mit Fabeln nicht satt.“
„Erlauben Sie, einstweilen, – Sie behaupten, daß der Brief ins Ausland geschrieben ist; hier ist aber keine Adresse; woher wissen Sie es denn, daß der Brief an Kirilloff gerichtet ist? und schließlich überhaupt ins Ausland und ... und ... daß er wirklich von Herrn Schatoff geschrieben ist?“
„So verschaffen Sie sich doch sofort Schatoffs Handschrift und vergleichen Sie! In Ihrer Kanzlei wird sich bestimmt irgendeine Unterschrift von ihm finden. Und was Kirilloff betrifft, so hat er mir doch selbst den Brief gezeigt. Gleich damals, als er ihn bekam.“
„Also haben Sie wohl selbst ...“
„Na ja, versteht sich doch, daß ich selbst! ... Als ob man mir dort wenig gezeigt hätte! Nun, und dieses Gedicht, heißt es, soll der verstorbene Herzen persönlich für Schatoff geschrieben haben, als der sich noch im Auslande herumtrieb, angeblich zum Andenken an ihre Begegnung, als Lob, als Empfehlung gewissermaßen, na, hol’s der Teufel ... und Schatoff verbreitet es nun unter der Jugend: ‚Seht, das ist Herzens eigene Meinung über mich‘!“
„Tje – tje – tje,“ schnalzte von Lembke, endlich begreifend, „das meine ich ja auch: Proklamationen – das versteht man noch, aber Gedichte!?“
„Ja, wie sollten Sie es denn nicht verstehen! Und weiß der Teufel, wozu ich Ihnen eigentlich das alles noch überflüssigerweise ausgeplaudert habe! Hören Sie, geben Sie mir Schatoff, und dann meinetwegen zum Henker mit den anderen allen, selbst mit Kirilloff, der sich jetzt gleichfalls im Filippoffschen Hause, in dem auch Schatoff wohnt, versteckt hat. Die lieben mich nicht, weil ich zurückgekommen bin ... Aber versprechen Sie mir Schatoff, und ich präsentiere Ihnen alle die anderen auf einem Tablett. Kann Ihnen nützlich sein, Andrei Antonowitsch. Ich schätze diese ganze traurige Bande auf neun Mann, na, sagen wir – zehn. Ich beobachte sie von mir aus. Drei kennen wir schon: Schatoff, Kirilloff und dieser Leutnant. Die anderen prüfe ich erst noch ... übrigens: bin nicht gerade kurzsichtig. Das ist ganz wie im H–schen Gouvernement: zwei Studenten wurden dort mit Proklamationen ergriffen, ein Gymnasiast, zwei zwanzigjährige Edelleute, ein Lehrer und ein sechzigjähriger Major, der vom Trunk schon unzurechnungsfähig geworden war ... und das war alles, glauben Sie mir, das war alles! Man wunderte sich nicht wenig, daß das alles war. Aber ich brauche sechs Tage. Ich rieche schon den Braten und habe meine Berechnung gemacht: sechs Tage und nicht früher! Wenn Sie irgendein Ergebnis haben wollen – lassen Sie sie in diesen sechs Tagen ganz und gar ungeschoren, und ich binde sie Ihnen in ein Bündel zusammen! Rühren Sie sich jedoch früher, so fliegt das ganze Nest auseinander! Aber versprechen Sie mir dafür Schatoff, ich bitte ja nur für Schatoff ... Wissen Sie, am besten wäre es, wenn Sie ihn freundschaftlich zu sich kommen ließen, sagen wir meinetwegen, hierher in Ihr Arbeitszimmer, und dann, wissen Sie: vor ihm den Vorhang aufgezogen und ein wenig gefragt! Ach, er wird sich sofort Ihnen zu Füßen werfen und losweinen! Er ist ein nervöser, unglücklicher Mensch. Seine Frau amüsiert sich mit Stawrogin. Seien Sie gut zu ihm, und er wird Ihnen alles selbst erzählen. Doch ich brauche noch sechs Tage, wie gesagt ... Die Hauptsache aber, die Hauptsache: sagen Sie Julija Michailowna keinen Ton, kein halbes Wort davon! Geheimnis! Können Sie?“
„Wie?“ von Lembke riß die Augen auf. „Haben Sie ihr denn nicht schon selbst alles ... enthüllt?“
„Ihr? Behüte und bewahre! Ach, Andrei Antonowitsch! Sehen Sie mal, ich schätze ja ihre Freundschaft unendlich und sie überhaupt ... na, aber das da ... ich werde mich doch nicht so verhauen. Ich widerspreche ihr nie, denn ihr widersprechen – Sie wissen ja selbst – ist gefährlich. Vielleicht habe ich ihr auch mal dieses oder jenes Wörtchen gesagt, aber daß ich ihr, wie jetzt Ihnen, Namen genannt hätte, oder so etwas – wo denken Sie hin! ... Warum wende ich mich denn an Sie? Weil Sie immerhin ein Mann sind, ein ernster Mensch, mit alten, festen Erfahrungen im Staatsdienst. Sie haben doch manches im Leben gesehen! Sie wissen außerdem, glaub ich, jeden Schritt in solchen Dingen auswendig wie das Einmaleins – schon von Petersburg her. Sollte ich aber ihr zum Beispiel auch nur zwei Namen nennen, wie würde sie da gleich lostrommeln ... Sie will doch von hier aus ganz Petersburg in Erstaunen setzen! Ein wenig zu hitzig ist sie, das ist der Fehler!“
„Ja, sie hat etwas von diesem Temperament ...“ murmelte von Lembke nicht ganz ohne Genugtuung, während es ihn zu gleicher Zeit doch ärgerte, daß dieser Flegel es augenscheinlich wagte, sich so frei über Julija Michailowna zu äußern.
Pjotr Stepanowitsch dagegen schien das noch zu wenig zu sein, um andererseits seinen „Lembka“ mit genügenden Schmeicheleien überschütten, ihn ganz besiegen und endgültig einfangen zu können.
„Das ist es: zuviel Temperament,“ griff er das Wort auf. „Mag sie da meinetwegen, sagen wir, eine geniale Frau sein, eine literarische Frau, aber – die Spatzen jagt sie uns auseinander! Sechs Stunden hält sie es nicht aus, von sechs Tagen schon ganz zu schweigen. Ach, Andrei Antonowitsch, laden Sie nicht eine Frist von sechs Tagen auf ein Weib! Sie müssen mir doch einige Erfahrung zugestehen, ich meine – in diesen Dingen. Ich weiß da manches, und Sie wissen ja selbst, daß ich manches wissen kann. Nicht aus Dummheit bitte ich Sie um sechs Tage, sondern einzig um der Sache willen.“
„Ich habe gehört ...“ von Lembke konnte sich nicht recht entschließen, seinen Gedanken auszusprechen, „ich habe gehört, daß Sie nach Ihrer Rückkehr zuständigen Orts gewisse ... Erklärungen abgegeben hätten ... in etwa als ... Reuebekenntnis?“
„Na ja, was hat man nicht alles!“
„Gewiß, gewiß, und ich will auch weiter gar nichts Näheres ... Hm ... Aber es hat mir bloß immer geschienen, daß Sie hier gewöhnlich in einem ganz anderen Stile gesprochen haben, zum Beispiel über das Christentum, über die öffentlichen Einrichtungen und schließlich auch über die Regierung ...“
„Na, als ob ich wenig gesprochen habe. Auch jetzt spreche ich noch so, nur muß man diese Gedanken nicht so durchführen, wie jene Dummköpfe es wollen. Das ist es. Aber sonst – was ist denn dabei, daß er in die Schulter gebissen hat? Sie waren ja selbst in diesen Dingen mit mir einverstanden, nur sagten Sie, es sei noch zu früh.“
„Ich war eigentlich nicht in dem Sinne mit Ihnen einverstanden, und auch mit dem ‚zu früh‘ meinte ich etwas anderes ...“
„Dann ist also jedes Ihrer Worte mit einem Haken versehen, he–he! Sind wirklich ein vorsichtiger Mensch!“ bemerkte Pjotr Stepanowitsch plötzlich sehr heiter. „Hören Sie, mein Teuerster, ich mußte Sie doch erst ein wenig kennen lernen, na, und da habe ich denn zu diesem Zweck eben in meinem Stile gesprochen. Das habe ich nicht nur mit Ihnen allein so gemacht, sondern mit vielen. Vielleicht wollte ich erst nur Ihren Charakter kennen lernen.“
„Wozu denn meinen Charakter?“
„Na, wie soll ich es denn wissen, wozu!“ (er lachte wieder). „Sehen Sie mal, mein lieber und hochverehrter Andrei Antonowitsch, Sie sind schlau, aber dazu ist es noch nicht gekommen, wird es auch bestimmt nicht kommen, Sie verstehen doch? Vielleicht verstehen Sie mich wirklich? Wenn ich auch dort zuständigen Orts Erklärungen gegeben habe, als ich aus dem Auslande zurückkehrte, und ich weiß wirklich nicht, warum ein Mensch mit gewissen Überzeugungen nicht zum Vorteil dieser seiner aufrichtigen Überzeugungen handeln sollte ... so hat mir dort doch niemand etwas über Ihren Charakter gesagt, und ich habe mir noch gar keine Pflichten von dort aufladen lassen. Sie begreifen doch: ich hätte ebensogut nicht Ihnen als erstem zwei Namen zu nennen gebraucht, sondern einfach dahin, na, Sie verstehen schon, – einen Wink geben können, ich meine, dahin, wo ich die ersten Erklärungen abgab. Na, und wenn ich mich etwa für Geld bemühte, oder für sonst irgendeinen Vorteil, so wäre das meinerseits keine Berechnung gewesen, denn dankbar wird man jetzt bloß Ihnen sein, nicht mir. Aber ich tue es, wie gesagt, nur wegen Schatoff,“ sagte Pjotr Stepanowitsch mit viel Edelmut, „– nur für Schatoff, aus alter Freundschaft ... Na, aber dann, meinetwegen, wenn Sie dorthin schreiben, na, dann könnten Sie mich vielleicht auch ein bißchen loben, wenn Sie wollen ... werde nicht widersprechen. He–he ... Aber jetzt adieu, hab schon verboten lange hier gesessen, und eigentlich sollte man überhaupt nicht so viel sprechen!“ fügte er nicht unzufrieden hinzu und erhob sich vom Diwan.
„Im Gegenteil, es freut mich sehr, daß diese Angelegenheit sozusagen bestimmtere Formen annimmt.“ Von Lembke erhob sich gleichfalls und sehr liebenswürdig, – augenscheinlich noch unter dem Eindruck der letzten Worte. „Mit Dank nehme ich Ihre Hilfe an, und seien Sie überzeugt, daß ich die Bemerkung über Ihren Eifer ...“
„Sechs Tage, nur sechs Tage Frist, das ist die Hauptsache und alles, was ich brauche ... aber daß Sie sich in diesen sechs Tagen nicht rühren!“
„Gut!“
„Versteht sich, ich binde Ihnen ja nicht die Hände, wie sollte ich das auch! Sie können doch gar nicht etwa nicht beobachten lassen. Nur – schrecken Sie das Nest nicht vor der Zeit auf, – das ist es, worin ich mich jetzt auf Ihre Klugheit und Ihre Erfahrung verlasse! Na, Sie haben wohl schon unzählige Jagdhunde bereit? He–he!“ platzte lustig und leichtsinnig (eben wie ein junger Mensch) Pjotr Stepanowitsch heraus.
„So schlimm ist es gerade nicht,“ sagte von Lembke ausweichend, doch angenehm berührt. „Das ist ein Vorurteil der Jugend, die immer alles vorbereitet glaubt ... Aber erlauben Sie, noch ein Wort: wenn dieser Kirilloff Stawrogins Sekundant war, so muß doch auch Herr Stawrogin in diesem Falle ...“
„Wieso Stawrogin?“
„Ich meine, wenn sie solche Freunde sind?“
„Oh, nein, nein, nein! Diesmal haben Sie fehlgeschossen, wenn Sie auch sonst schlau sind! Aber Sie setzen mich geradezu in Erstaunen! Denn ich glaubte doch, daß Sie in betreff dieser Dinge unterrichtet sind ... Hm ... Stawrogin – das ist das vollkommenste Gegenteil, das heißt, das vollkommenste! ... Avis au lecteur.“[125]
„In der Tat? Ist’s möglich?“ fragte von Lembke ungläubig. „Mir hat Julija Michailowna gesagt, daß Stawrogin, nach ihren Erkundigungen in Petersburg, ein Mensch mit einigen, sozusagen, Instruktionen ...“
„Ich weiß nichts, nichts, nichts, keine Ahnung. Adieu. Avis au lecteur!“ wich Pjotr Stepanowitsch plötzlich und nur zu offensichtlich allen weiteren Fragen aus und schwirrte schon zur Tür.
„Erlauben Sie, Pjotr Stepanowitsch, erlauben Sie, noch einen Augenblick!“ rief ihn von Lembke zurück. „Noch ein Wort, und dann halte ich Sie nicht mehr auf.“ Er nahm aus einem Schubfach einen Brief heraus.
„Sehen Sie, – gleichfalls ein Exemplar, das in diese Kategorie gehört. Und hiermit beweise ich Ihnen, daß ich das größte Vertrauen zu Ihnen habe. Was sagen Sie zu diesem Brief?“
Es war ein sonderbarer Brief: ohne Unterschrift, an Herrn von Lembke adressiert, und gestern erst hatte er ihn erhalten. Pjotr Stepanowitsch las zu seinem größten Ärger folgendes: