WeRead Powered by ReaderPub
Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 87: VII.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

„Eure Exzellenz!

Sintemal Sie das nach Ihrem Range sind. Hiermit melde ich Mordanschläge auf alle hohen Würdenträger und das Vaterland; sintemal es gerade dazu führt. Habe selbst vieles ununterbrochen jahrelang verstreut. Auch Gottlosigkeit ist dabei. Ein Aufstand bereitet sich vor und Proklamationen gibt es Tausende, und nach jeder laufen dann hundert Mann mit herausgestreckter Zunge, wenn sie die Regierung nicht vorzeitig fortnimmt, sintemal man viel verspricht und das einfache Volk dumm ist, und hinzu kommt dann noch der Schnaps. Das Volk sucht den Schuldigen und wird diese wie jene verderben. Ich fürchte aber diese wie jene, und bereue, woran ich gar nicht teilgenommen, denn meine Verhältnisse sind einmal so. Wenn Sie wollen, daß ich Anzeige erstatte zur Rettung des Vaterlandes und ebenso der Kirchen und Heiligenbilder, so kann das nur ich allein. Aber mit der Bedingung, daß man mir Begnadigung aus der dritten Abteilung telegraphisch zusagt, sofort und mir allein von allen; die anderen können es dann ausbaden. Auf das Fenster beim Portier stellen Sie zum Zeichen jeden Tag abends um sieben Uhr ein Licht. Sehe ich dieses, so werde ich glauben und komme dann, um die barmherzige Hand aus Petersburg zu küssen, aber mit der Bedingung, daß ich eine Pension erhalte, sintemal wovon soll ich denn sonst leben? Sie werden es nicht zu bereuen brauchen, denn für Sie kommt dabei ein Orden heraus. Aber vorsichtig muß man sein, sonst drehen sie einem den Hals um!

Euer Exzellenz verzweifelter Mensch
fällt vor Euer Exzellenz auf die Knie
als reuiger Freidenker

Inkognito.“

Von Lembke erklärte, daß man den Brief gestern beim Portier gefunden hatte.

„Was halten Sie davon?“ fragte Pjotr Stepanowitsch beinahe grob.

„Ich würde annehmen, daß das ein Schmähbrief ist ... ein anonymer, zum Spott ...“

„Höchstwahrscheinlich wird es auch so sein. Sie kann man wirklich nicht so leicht hinters Licht führen.“

„Und vor allen Dingen deshalb, weil es so dumm ist.“

„Haben Sie hier noch irgendwelche Schmähbriefe bekommen?“

„Ja, zweimal, und beide anonym.“

„Na, versteht sich doch von selbst, daß die sich nicht unterzeichnen werden! – Derselbe Stil? Dieselbe Handschrift?“

„Nein, verschiedener Stil und verschiedene Handschrift.“

„Und ebenso närrisch wie dieser?“

„Ja, auch närrisch, und wissen Sie ... sehr gemeine Briefe.“

„Na, wenn Sie schon welche bekommen haben, so wird es jetzt wohl derselbe Absender sein.“

„Und vor allen Dingen, weil die Briefe so dumm sind. Diese Leute sind doch gebildet und würden schon so dumm nicht schreiben.“

„Natürlich, versteht sich.“

„Aber wie, wenn nun wirklich jemand etwas anzeigen will?“

„Das ist sehr unwahrscheinlich,“ schnitt Pjotr Stepanowitsch trocken ab. „Was soll denn das Telegramm aus der dritten Abteilung bedeuten? und die Pension? Es ist ja sonnenklar, daß es eine Anulkung ist!“

„Ja ... Natürlich,“ von Lembke war ein wenig beschämt.

„Wissen Sie was! Überlassen Sie mir den Brief. Ich werde Ihnen sofort den Verfasser herausfinden. Früher noch als die anderen.“

„Nehmen Sie ihn,“ sagte von Lembke, doch erst nach einigem Zögern.

„Haben Sie ihn schon jemandem gezeigt?“

„Nein, bewahre! Niemandem!“

„Auch nicht Julija Michailowna?“

„Da sei Gott vor! und ums Himmels willen, zeigen Sie ihn ihr auch nicht!“ rief von Lembke erschrocken. „Er würde sie so aufregen ... und sie würde sich furchtbar über mich ärgern.“

„Natürlich, verstehe schon! Sie würde sagen, daß Sie selbst daran schuld sind, wenn man Ihnen so was zu schreiben wagt! Man kennt doch Weiberlogik. Na, aber jetzt leben Sie wohl. Vielleicht kann ich Ihnen schon in drei Tagen den Verfasser nennen. Aber vergessen Sie nur unsere Abmachung nicht!“

IV.

Pjotr Stepanowitsch war gewiß kein dummer Mensch, doch Fedjka, der Zuchthäusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: „Der stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er dann mit ihm.“

Pjotr Stepanowitsch verließ Herrn von Lembke in der festen Überzeugung, daß er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich für immer als vollkommen beschränkten Menschen vorgestellt hatte.

Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mißtrauische Mensch, im ersten Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von größter und freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm nun zunächst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber die letzten Tage hatten ihn so müde gemacht, und er fühlte sich so gequält und so hilflos, daß seine Seele sich unwillkürlich nach Ruhe sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder über ihn. Das lange Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der „neuen Generation“ war ihm ziemlich bekannt – war er doch ein wißbegieriger Mensch, der selbst Proklamationen sammelte –, nur hatte er noch nie auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, daß in Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmögliches enthalten war, irgend etwas außerhalb aller Formen und Vereinbarungen – „wenn auch übrigens der Teufel wissen mag, was da in dieser ‚neuen Generation‘ alles möglich ist und überhaupt ... wie sie das da alles machen!“ dachte er bei sich und verlor sich in Erwägungen.

Da steckte zum Unglück wieder Blümer seinen Kopf durch die Tür. Die ganze Zeit während der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der Nähe gewartet. Dieser Blümer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt, wenn auch allerdings nur weitläufig, doch diese Verwandtschaft wurde sorgfältig und ängstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um Entschuldigung, daß ich hier über diesen unbedeutenden Menschen ein paar Bemerkungen einfüge. Blümer gehörte als Mensch zu der sonderbaren Abart der „unglücklichen“ Deutschen – jedoch nicht infolge seiner tatsächlich großen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott weiß weshalb. Diese „unglücklichen“ Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich vorhanden, sogar in Rußland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von Lembke hatte für diesen Blümer von jeher ein geradezu rührendes Mitgefühl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natürlich im Verhältnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in seinem Ressort; doch Blümer hatte nirgends Glück. Bald wurde der Posten aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal hätte man ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war gewissenhaft, doch leider irgendwie so, daß es schon zuviel war – zwecklos gewissenhaft, und außerdem ewig mürrisch, was ihm überall schadete, – dabei rothaarig, groß, ein wenig krumm, wehmütig, sogar gefühlvoll, und bei all seiner Unterwürfigkeit doch eigensinnig und halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen Kindern mit einer langjährigen und ehrfürchtigen, treuen und ergebenen Anhänglichkeit. Außer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja, dieser Blümer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen, und zwar gleich in den ersten süßen Tagen nach der Hochzeit, als sie plötzlich das kränkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren hatte. Es half auch nichts, daß ihr Gatte flehend, mit gefalteten Händen, auf sie einredete und ihr gefühlvoll Blümers ganze Lebensgeschichte erzählte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich für unwiderruflich blamiert und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfällen ihren Willen durchzusetzen. Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt und erklärte nur, daß er seinen Blümer um keinen Preis von sich entfernen werde, so daß sie sich schließlich ehrlich über ihn wunderte und gezwungen war, ihm diesen Blümer zu „gestatten“. Es wurde nur beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfältiger als bisher geheimzuhalten, wenn das überhaupt möglich war, und sogar seinen Ruf- und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blümer hieß sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns verkehrte Blümer mit keinem Menschen, außer mit einem deutschen Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner Gewohnheit getreu, zurückgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die literarischen Sünden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den Zuhörer abgeben mußte, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was er natürlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Türen tat: dann saß Blümer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu bleiben und zu lächeln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen mit seiner hageren, großfüßigen Frau über die unselige Vorliebe ihres Wohltäters für die russische Literatur.

Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blümer erblickte.

„Ich bitte dich, Blümer, mich jetzt in Ruh zu lassen,“ begann er erregt und schnell, sichtlich bemüht, eine Fortsetzung des Gespräches, das Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden.

„Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die Vollmacht,“ bestand Blümer ehrerbietig aber hartnäckig auf dem Seinen, und näherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rücken immer mehr dem Schreibtisch.

„Blümer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt diensteifrig, daß mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich nur erblicke!“

„Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich von dem Vergnügen an dem Gesagten ruhig einschläfern. Damit schaden Sie sich selbst.“

„Blümer, ich habe mich soeben überzeugt, daß etwas ganz anderes dahintersteckt, etwas ganz anderes!“

„Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den Sie selbst verdächtigen? Hat er Sie glücklich mit falschem Lob Ihres literarischen Talentes so weit geblendet?“

„Blümer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurdität, sage ich dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unnützes Geschrei erheben und dann Gelächter und dann Julija Michailowna ...“

„Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen,“ Blümer schritt fest auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepreßt. „Wir können die Durchsuchung seiner Wohnung ganz früh am Morgen vornehmen, und ganz plötzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person, und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute, Lämschin und Telätnikoff, versichern felsenfest, daß wir bei ihm alles Gewünschte finden werden. Sie haben ihn früher oft besucht. Für Herrn Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin hat ihm formell ihre Wohltaten für weiterhin gekündigt, und jeder ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt überhaupt gibt, ist überzeugt, daß dort immer die Quelle des Unglaubens und der sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bücher, sämtliche Werke Herzens, Rylejeffs ‚Dumy‘[44] ... Ich habe mir schon auf alle Fälle ein Verzeichnis seiner Bücher ...“

„Gott, diese Bücher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist, mein armer Blümer!“

„Und eine Menge Proklamationen,“ fuhr Blümer fort und tat, als habe er die Bemerkung nicht gehört. „Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt mir ungemein, ungemein verdächtig vor.“

„Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert.“

„Das ist doch nur Verstellung, Maske!“

„Blümer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu quälen! Denk doch ein bißchen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete Persönlichkeit. Er war Professor, er ist überall bekannt, und wenn er zu schreien anfängt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das Witzeln über uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch nur, was wird Julija Michailowna sagen ...“

Blümer kam immer näher und hörte auf keinen Einwand.

„Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach nur Kollegienassessor außer Dienst.“ Blümer preßte heftig seine rechte Hand auf die Brust. „Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst ist er überhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Möglichkeit, sich auszuzeichnen, wieder vorübergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger! ...“

„Julija Michailowna! Sch–scher dich zum ...“ rief plötzlich von Lembke, der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehört hatte.

Blümer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht.

„So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch,“ er trat immer näher und preßte jetzt schon beide Hände an die Brust.

„Sch–scher dich, pack dich!“ knirschte Andrei Antonowitsch. „Mach, was du willst ... später ... O Gott!“

Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna erschien. Als sie Blümer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn hochmütig und beleidigend vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre schon seine bloße Anwesenheit kränkend für sie. Blümer machte stumm eine tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor Ehrerbietung, auf den Fußspitzen zur Tür.

War es nun, daß er die letzten Worte von Lembkes für die Erlaubnis nahm, so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise, jedoch in der festen Überzeugung tat, seinem Wohltäter zu einem Orden zu verhelfen, – das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir weiterhin sehen werden, aus diesem Gespräch des Vorgesetzten mit seinem Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte, als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt.

V.

Für Pjotr Stepanowitsch war es ein geschäftiger Tag. Nachdem er von Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstraße, doch als er unterwegs in der Bykoffstraße an dem Hause vorüberkam, in dem Karmasinoff wohnte, blieb er plötzlich stehen, lächelte und trat ins Haus. Man öffnete ihm mit einem: „Der Herr erwarten bereits –,“ was Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus nicht gesagt, daß er kommen werde.

Der „große Schriftsteller“ erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines „Merci“ (seinen Abschiedsgruß ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski eingehändigt. Er hatte es aus Liebenswürdigkeit getan, in der Überzeugung, dem jungen Manne außerordentlich zu schmeicheln, wenn er ihm das große Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon längst begriffen, daß dieser ruhmsüchtige, eitle und für Nichterwählte so beleidigend unnahbare Herr, dieser „erhabene Verstand“, sich einfach an ihn herandrängen wollte. Er erriet, daß Karmasinoff ihn, wenn auch vielleicht nicht für den erklärten Führer alles dessen hielt, was in ganz Rußland heimlich revolutionär war, so doch wenigstens für einen, der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und zweifellos großen Einfluß auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses „klügsten Menschen in ganz Rußland“ interessierten Pjotr Stepanowitsch, doch bisher hatte er aus gewissen Gründen eine Aussprache vermieden.

Der „große Schriftsteller“ wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den „berühmten Verwandten“ geradezu vergötterte. Augenblicklich mußten sie leider beide, zu ihrem größten Schmerz, in Moskau leben, so daß denn eine alte Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die Wirtschaft führte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fußspitzen, und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast täglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Löffel voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen müssen, schickte sie sogar ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er könne vielleicht krank werden. Karmasinoff selbst sprach, wenn auch höflich, so doch nur ganz trocken mit ihr, und nur wenn es unbedingt nötig war. Als Pjotr Stepanowitsch bei ihm eintrat, aß er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch früher schon bei ihm gewesen, und jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrühstück angetroffen, das er dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Täßchen Kaffee. Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhörbaren Stiefeln und weißen Handschuhen.

„A–ah!“ rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, während er sich den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu küssen – die charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu berühmt sind.

Pjotr Stepanowitsch wußte aber schon von früher, daß Karmasinoff bei diesem bei ihm üblichen Kuß nur die Wange hinzuhalten pflegte – da machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach aneinander. Karmasinoff tat, als hätte er nichts bemerkt, setzte sich wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenüber auf einem Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen Nonchalance tat.

„Sie wollen doch nicht ... Wollen Sie nicht frühstücken?“ fragte Karmasinoff ganz gegen seine Gewohnheit, doch selbstverständlich in der Annahme, eine höflich ablehnende Antwort zu erhalten.

Aber ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb wünschte Pjotr Stepanowitsch sofort zu frühstücken. Ein Schatten beleidigten Erstaunens glitt über das Gesicht des Hausherrn, doch nur auf einen Augenblick: nervös klingelte er darauf nach dem Diener und erhob, trotz seiner guten Erziehung, launisch die Stimme, als er ein zweites Frühstück bestellte.

„Wollen Sie denn ein Kotelett oder Kaffee?“ erkundigte er sich bei seinem Gast.

„Beides, und bestellen Sie noch Portwein dazu, ich bin hungrig,“ sagte Pjotr Stepanowitsch seelenruhig und betrachtete Karmasinoffs Kostüm. Es bestand aus einer Art von Hausjackett, oder Jäckchen, jedenfalls war es wattiert, mit Perlmutterknöpfen versehen und sehr kurz, was sich zu seinem runden Bäuchlein und dem runden, festen Körperteil der Rückseite wenig gut ausnahm. Über seine Knie hatte er ein kariertes wollenes Plaid gebreitet, obgleich es im Zimmer warm war.

„Krank etwa?“ fragte Pjotr Stepanowitsch.

„Nein, nicht krank, aber ich fürchte, krank zu werden – in diesem schrecklichen Klima,“ antwortete Karmasinoff mit seinem kreischenden Stimmchen, wenn auch freundlich. „Ich erwartete Sie schon gestern.“

„Warum das? Ich hatte Ihnen doch nicht versprochen, zu Ihnen zu kommen.“

„Ja, aber Sie haben doch mein Manuskript! Sie ... haben Sie es gelesen?“

„Manuskript? Was für eines?“

Karmasinoff wunderte sich maßlos.

„Aber Sie haben es doch wenigstens mitgebracht?“ rief er plötzlich so aufgeregt, daß er sogar im Essen innehielt und mit aufgerissenen Augen sein Gegenüber anstarrte.

„Ach so, Sie sprechen von Ihrem ‚Bonjour‘, oder wie es da hieß ...“

„‚Merci‘.“

„Na, bleibt sich gleich. Habe es ganz vergessen und noch kein Wort gelesen. Keine Zeit. Wirklich, ich weiß nicht, in den Taschen ist das Ding nicht mehr. Na, wird sich schon finden ...“

„Nein, verzeihen Sie, ich sende lieber sofort zu Ihnen! Es könnte verloren gehen, man könnte es stehlen!“

„Ach wo! wer braucht denn so was! Warum regen Sie sich denn überhaupt so auf? Sie haben doch, wie mir Julija Michailowna sagte, immer mehrere Abschriften, eine im Auslande beim Notar, eine in Petersburg, eine in Moskau ... und eine schicken Sie dann womöglich noch in die Bank –?“

„Aber Moskau kann doch abbrennen, mitsamt meinem Manuskript! Nein, ich sende doch lieber sofort zu Ihnen ...“

„Warten Sie, hier ist es ja!“ Pjotr Stepanowitsch zog aus der hinteren Rocktasche das Manuskript hervor. „Ein wenig verknittert. Denken Sie sich nur, so wie ich es damals nahm, so hat es ruhig mit meinem Schnupftuch in der Tasche gelegen. Hatte es völlig vergessen.“

Karmasinoff warf sich gierig auf sein Manuskript, besah es von allen Seiten, zählte die Blätter nach und legte es dann fast andächtig neben sich auf ein kleines Tischchen, doch so, daß er es jeden Augenblick wieder ergreifen konnte.

„Sie lesen wohl nicht viel?“ konnte er sich schließlich nicht enthalten zu fragen.

„Nein, nicht sehr viel.“

„Und von russischer Belletristik – wohl überhaupt nichts?“

„Von russischer Belletristik? Warten Sie mal, ich glaube, ich habe einmal so etwas gelesen ... ‚Unterwegs‘ ... oder ‚Auf dem Weg‘ ... oder ‚Am Kreuzweg‘, oder wie es da hieß, hab’s vergessen. Es ist lange her. Las es vor etwa fünf Jahren. Hab keine Zeit.“

Ein kurzes Schweigen trat ein.

„Als ich herkam, versicherte ich allen, daß Sie ein ungewöhnlich kluger Mensch sind – und jetzt scheinen ja auch alle von Ihnen entzückt zu sein.“

„Danke,“ sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig.

Der Diener brachte das Frühstück, und Pjotr Stepanowitsch machte sich mit gutem Appetit an das Kotelett, aß es im Nu auf, stürzte den Wein hinunter und trank den Kaffee.

„Dieser Grobian,“ dachte Karmasinoff, indem er noch das letzte kleine Stückchen von seinem eigenen Teller aß und das letzte Schlückchen trank, „dieser Grobian hat gewiß sofort die Stichelei in meinen Worten begriffen ... und das Manuskript wird er bestimmt mit Spannung gelesen haben, also lügt er jetzt, um sich den Anschein zu geben, als ob ... Oder sollte er doch nicht lügen, sondern einfach aufrichtig dumm sein? Einen genialen Menschen liebe ich eigentlich so, wenn er ein wenig dumm ist. Ist er nicht gar für die da wirklich so was wie ein Genie? Doch übrigens hol’ ihn der Teufel.“

Er erhob sich vom Sofa und begann, aus einer Ecke des Zimmers in die andere zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er nach dem Frühstück stets zu tun pflegte.

„Reisen Sie bald zurück?“ fragte Pjotr Stepanowitsch aus dem Lehnstuhl und rauchte eine Zigarette an.

„Ich bin eigentlich hergekommen, um mein Gut zu verkaufen, und hänge nun von meinem Verwalter ab.“

„Na, aber eigentlich sind Sie doch hierher gekommen, weil Sie dort Epidemien nach dem Kriege erwarteten?“

„N–nein, nicht eigentlich deshalb,“ sagte Karmasinoff, großmütig die Worte skandierend, und fuhr fort, durch das Zimmer zu spazieren, wobei er bei jedem Kehrt in der Ecke munter mit dem rechten Beinchen ausschritt. „Ich beabsichtige in der Tat, so lange wie nur möglich zu leben,“ lächelte er nicht ganz ohne Ironie. „Im russischen Herrenstand ist etwas, das den Menschen schnell verbraucht, in jeder Beziehung. Ich aber möchte mich so spät wie möglich verbrauchen und werde deshalb auch in Bälde endgültig ins Ausland übersiedeln. Dort ist auch das Klima besser, und das ganze Gebäude ist aus Stein, und alles steht fester. Für meine Lebenszeit wird Europa noch vorhalten, denke ich. Was meinen Sie?“

„Wie soll ich’s wissen!“

„Hm ... Wenn dort wirklich einmal Babylon kracht, und sein Fall wird groß sein – darin stimme ich vollkommen mit Ihnen überein, obgleich ich denke, daß es für meine Lebenszeit noch vorhalten wird – so ist doch bei uns in Rußland überhaupt nichts vorhanden, das da zusammenstürzen könnte ... im Verhältnis betrachtet. Bei uns werden keine Steine fallen, sondern alles wird sich in Schmutz auflösen. Das heilige Rußland kann am wenigsten von allem in der Welt irgendeinen Widerstand leisten. Das einfache Volk hält sich noch irgendwie mit dem russischen Gott; aber selbst der russische Gott hat sich ja nach den letzten Erfahrungen als äußerst unzuverlässig erwiesen. Sogar gegen die Bauernreform hat er kaum standzuhalten vermocht – jedenfalls hat er arg gewankt. Und dazu kommen jetzt noch die Eisenbahnen, und dann ... Nein, an den russischen Gott glaube ich schon gar nicht.“

„Aber an den europäischen?“

„Ich glaube an keinen einzigen. Man hat mich bei der russischen Jugend verleumdet. Ich habe stets jede ihrer Handlungen nachfühlen können. Man hat mir hier auch diese Proklamationen gezeigt. Man steht diesen Flugblättern allgemein verständnislos gegenüber, denn die Form schreckt ab; doch von ihrer Macht sind alle überzeugt, wenn sie sich auch selbst noch nicht dessen bewußt sind. Alles fällt hier schon längst, und alle wissen auch schon längst, daß nichts da ist, wonach man greifen oder woran man sich festhalten könnte. Ich bin schon deswegen von dem Erfolg dieser geheimnisvollen Propaganda überzeugt, weil Rußland jetzt auf der ganzen Welt im wahrsten Sinne des Wortes derjenige Ort ist, wo alles geschehen kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe nur zu gut, warum alle wohlhabenden Russen jetzt ins Ausland strömen und von Jahr zu Jahr immer mehr Leute auswandern. Hier ist es einfach ein Instinkt. Wenn das Schiff untergeht, wandern die Ratten aus. Das heilige Rußland ist ein hölzernes Land, ein bettelarmes und ... gefährliches Land, ein Land eitler Bettler in seinen höheren Schichten, während die riesige Mehrzahl in Hütten auf Hühnerbeinen hockt. Es wird über jeden Ausweg froh sein, wenn man ihm einen solchen zeigt und erklärt. Nur die Regierung will sich noch wehren, doch fuchtelt sie mit ihrem Knüttel im Dunkeln umher und trifft womöglich die eigenen Leute. Hier ist schon alles vorausbestimmt und verurteilt. Rußland hat, so, wie es jetzt ist, keine Zukunft. Ich bin Deutscher geworden und rechne mir das als Ehre an.“

„Sie begannen da, sich über die Proklamationen zu äußern: sagen Sie, was halten Sie von denen?“

„Alle fürchten die Proklamationen, folglich sind sie mächtig. Sie decken öffentlich den Betrug auf und beweisen, daß hier nichts mehr ist, an dem man sich festhalten, auf das man sich stützen könnte. Sie sprechen laut, während alle schweigen. Und womit sie am meisten besiegen, das ist – abgesehen von der Form – dieser bis jetzt unerhörte Mut, der Wahrheit offen ins Angesicht zu schauen. Diese Fähigkeit, der Wahrheit gerade ins Angesicht schauen zu können, hat einzig und allein die russische Generation. Nein, in Europa ist man noch nicht so mutig: dort ist’s eine steinerne Herrschaft, – dort gibt es noch etwas, auf das man sich tatsächlich stützen kann. So viel ich sehe und so viel ich zu beurteilen vermag, ist der Kern der russischen revolutionären Idee die Verneinung der Ehre. Es gefällt mir, daß das so mutig und furchtlos ausgedrückt wird. Nein, in Europa begreift man das noch nicht, bei uns aber wird man sich gerade darauf stürzen. Dem russischen Menschen ist die Ehre nur eine überflüssige Last. Ja, und sie ist ihm immer eine Last gewesen, in seiner ganzen Geschichte. Mit dem öffentlichen ‚Recht auf Unehre‘ kann man ihn am ehesten verlocken. Ich gehöre ja noch zur alten Generation und, ich muß gestehen, bin noch für die Ehre, aber doch nur aus Gewohnheit. Mir gefallen bloß die alten Formen, wenn auch vielleicht aus Kleinmut – aber man muß doch irgendwie sein Jahrhundert zu Ende leben.“

Er brach plötzlich ab.

„Da rede ich und rede,“ dachte er bei sich, „er aber schweigt und beobachtet mich. Er ist ja nur gekommen, damit ich ganz offen die Frage an ihn stelle. Gut, kann er haben.“

„Julija Michailowna hat mich gebeten, einmal irgendwie auf schlaue Weise von Ihnen herauszubekommen, was das für eine Überraschung ist, die Sie zu übermorgen, zum Ball, vorbereiten?“ fragte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.

„Ja, das wird wirklich eine Überraschung sein; ich werde in der Tat in Erstaunen setzen,“ sagte Karmasinoff wichtig, „aber ich verrate Ihnen das Geheimnis nicht.“

Pjotr Stepanowitsch bestand weiter nicht darauf.

„Hier soll ein gewisser Schatoff leben,“ erkundigte sich plötzlich der „große Schriftsteller“, „und denken Sie nur, ich habe ihn noch nie gesehen.“

„Ein sehr guter Mensch. Warum fragen Sie?“

„Nur so, er soll über gewisse Dinge besonderer Ansicht sein. Das ist doch derselbe, der Stawrogin ins Gesicht geschlagen hat?“

„Ja.“

„Und Stawrogin – wie denken Sie über den?“

„Ich weiß nicht; irgendein Wüstling.“

Karmasinoff haßte Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn überhaupt nicht zu beachten.

„Diesen Wüstling wird man wohl – wenn sich jemals das verwirklicht, was die Proklamationen da verkünden, – wahrscheinlich als ersten an einen Ast knüpfen,“ meinte Karmasinoff kichernd.

„Vielleicht auch schon früher,“ bemerkte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.

„So wär’s auch recht,“ stimmte Karmasinoff bei.

„Das haben Sie schon einmal gesagt, und wissen Sie, ich habe es ihm wiedererzählt.“

„Wie, haben Sie das wirklich?“ lachte Karmasinoff wieder auf.

„Ja. Er sagte darauf, daß, wenn man ihn an einen Ast knüpfen solle, es für Sie genügen würde, wenn man Ihnen einmal ordentlich Ruten gäbe, aber nicht etwa um der Ehre willen, sondern schmerzhaft, wie man so einem Burschen Ruten zu geben pflegt.“

Pjotr Stepanowitsch nahm seinen Hut und erhob sich. Karmasinoff streckte ihm zum Abschied beide Hände entgegen.

„Aber wie,“ fragte er plötzlich mit kreischendem, doch honigsüßem Stimmchen in einem ganz besonderen Tonfall, während er ihn immer noch an beiden Händen hielt, „– wie, wenn es nun einmal alledem bestimmt ist, sich zu verwirklichen ... alledem, was man da beabsichtigt, so ... wann könnte denn das wohl geschehen?“

„Wie soll ich denn das wissen?“ fragte Pjotr Stepanowitsch grob.

Sie sahen sich beide aufmerksam in die Augen.

„Nun, zum Beispiel? Ungefähr?“ flötete Karmasinoff noch süßer.

„Ihr Gut zu verkaufen werden Sie noch Zeit haben, und sich selbst zu retten werden Sie auch noch Zeit haben,“ murmelte Pjotr Stepanowitsch mit noch größerer Grobheit.

Sie sahen sich unverwandt, sahen sich noch aufmerksamer an.

Eine Minute lang herrschte Schweigen.

Plötzlich sagte Pjotr Stepanowitsch:

„Im nächsten Mai wird es beginnen, und zum Oktober wird es beendet sein.“

„Ich danke Ihnen aufrichtig!“ sagte mit von Dank durchdrungener Stimme Karmasinoff und drückte ihm beide Hände.

„Wirst noch Zeit haben, Ratte, vom Schiff auszuwandern!“ dachte Pjotr Stepanowitsch, als er auf die Straße trat. „Aber wenn sogar dieser ‚geradezu staatsmännische Kopf‘ sich so überzeugt schon nach Tag und Stunde erkundigt und so ehrerbietig für die erhaltene Mitteilung dankt, dann dürfen wir doch wahrlich nicht mehr an uns zweifeln.“ (Er lächelte seltsam). „Hm ... Aber er ist doch unter ihnen wirklich nicht dumm und ... aber alles in allem doch nur eine auswandernde Ratte; eine solche zeigt nicht an.“

Er eilte in die Bogojawlenskstraße zum Filippoffschen Hause.

VI.

Pjotr Stepanowitsch ging zuerst zu Kirilloff. Der war wie gewöhnlich allein zu Hause und turnte gerade, d. h. er drehte, breitbeinig mitten im Zimmer stehend, die Arme nach einer besonderen Methode durch die Luft. Auf dem Fußboden lag ein großer Ball; vom Tisch war der Morgentee noch nicht weggeräumt. Pjotr Stepanowitsch blieb eine ganze Weile auf der Türschwelle stehen.

„Sie sorgen aber einstweilen nicht wenig für Ihre Gesundheit,“ sagte er dann laut und trat lustig ins Zimmer. „Was für ein famoser Ball! Ei der Teufel, wie der springt! Auch zur Gymnastik?“

Kirilloff, der in Hemdsärmeln war, zog sich den Rock an.

„Ja, auch zur Gesundheit,“ sagte er trocken. „Setzen Sie sich.“

„Ich bin nur auf einen Augenblick gekommen. Aber, na, setzen kann ich mich schon. Doch Gesundheit hin, Gesundheit her, – ich wollte nur an die Abmachung erinnern. Unsere Frist nähert sich ‚in gewissem Sinne‘ ihrem Ende,“ schloß er mit einer ungeschickten Ausrede.

„Was für eine Abmachung?“

„Wieso, was für eine Abmachung?“ rief Pjotr Stepanowitsch aufhorchend, fast erschrocken.

„Das ist keine Abmachung und keine Pflicht, ich habe mich mit nichts gebunden, Sie irren sich.“

„Hören Sie, aber das geht doch nicht so!“ Pjotr Stepanowitsch sprang sogar vom Stuhl auf.

„Mein eigener Wille.“

„Wie, was?“

„Derselbe Wille.“

„Das heißt, wie ist denn das zu verstehen?! Bedeutet das, daß Sie noch denselben Willen haben?“

„Ja, das bedeutet das. Nur eine Abmachung war nicht dabei und ist nie gewesen, und ich habe mich mit nichts gebunden. Es war nur mein Wille und ist auch jetzt nur mein Wille.“

Kirilloff sprach schroff und widerwillig.

„Na, schön, dann meinetwegen bloß Ihr Wille, wenn dieser Wille sich nur nicht verändert!“ Pjotr Stepanowitsch setzte sich wieder, augenscheinlich befriedigt. „Sie ärgern sich über Worte. In der letzten Zeit sind Sie ganz besonders reizbar geworden. Darum habe ich es auch vermieden, Sie zu besuchen. War übrigens immer überzeugt, daß Sie nicht treulos sein würden.“

„Ich mag Sie gar nicht, aber Sie können ganz überzeugt sein! Wenn ich auch Treue oder Untreue nicht anerkenne.“

„Aber, wissen Sie, einstweilen ...“ Pjotr Stepanowitsch regte sich doch wieder auf, „man muß doch vernünftig darüber reden, damit keine Mißverständnisse entstehen. Die ganze Sache verlangt eben Bestimmtheit. Sie aber haben mich wirklich stutzig gemacht. Darf ich sprechen?“

„Sprechen Sie,“ sagte Kirilloff, blickte ihn aber nicht an, sondern sah in die Ecke.

„Sie hatten schon längst beschlossen, sich das Leben zu nehmen ... das heißt, Sie hatten solch eine Idee. Habe ich mich so richtig ausgedrückt? Habe ich keinen Fehler gemacht?“

„Ich habe auch jetzt dieselbe Idee.“

„Vorzüglich. Vergessen Sie aber nicht, daß niemand Sie dazu gezwungen hat.“

„Das fehlte noch! Wie dumm Sie sprechen!“

„Gut, gut. Ich gebe zu, daß ich mich vielleicht sehr töricht ausgedrückt habe. Es wäre ja auch zweifellos sehr dumm gewesen, einen Menschen dazu zwingen zu wollen. Ich fahre also fort: Sie waren ein Glied des Verbandes – noch zur Zeit der alten Organisation – und vertrauten sich damals einem anderen Gliede dieser Gesellschaft an.“

„Ich habe mich gar nicht anvertraut, ich habe einfach gesagt.“

„Gut. Schön. Wäre ja auch lächerlich, sich ‚anzuvertrauen‘, als ob es eine Beichte wäre! Sie haben also einfach gesagt ... na, wunderschön.“

„Nein, gar nicht wunderschön, Sie verstehen nicht zu sprechen. Ich bin Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig, ja, und meine Gedanken können Sie gar nicht verstehen. Ich will mir das Leben nehmen, darum, weil ich solch einen Gedanken habe, weil ich nicht haben will, daß es Angst vor dem Tode gibt, weil ... weil Sie davon gar nichts zu wissen brauchen ... Was wollen Sie? Tee trinken? Er ist kalt. Warten Sie, ich werde Ihnen ein anderes Glas geben.“

Pjotr Stepanowitsch hatte nach der Teekanne gegriffen und suchte ein leeres Gefäß. Kirilloff stand auf, ging zum Schrank und brachte ihm ein reines Glas.

„Ich habe soeben bei Karmasinoff gefrühstückt,“ bemerkte der Gast, „darauf hörte ich zu, wie er redete und da wurde mir heiß ... lief hierher – habe jetzt schrecklichen Durst.“

„Trinken Sie. Kalter Tee ist gut.“

Kirilloff setzte sich wieder auf seinen Stuhl und blickte von neuem in die Ecke.

„In der Gesellschaft entstand der Gedanke,“ fuhr er mit derselben Stimme fort, „daß ich damit nützlich sein kann, wenn ich mich töte und daß, wenn Sie hier vieles gemacht haben und man die Schuldigen sucht, so erschieße ich mich plötzlich und hinterlasse einen Brief, daß ich alles getan habe, so daß man Sie ein Jahr lang nicht verdächtigen wird.“

„Wenn auch nur ein paar Tage lang nicht. Auch ein Tag ist schon kostbar!“

„Gut. So sagte man mir, daß ich, wenn ich will, warten soll. Ich sagte, ich werde warten, bis man mir die Frist von der Gesellschaft aus sagt, weil mir doch alles einerlei ist.“

„Ja, aber vergessen Sie nicht, Sie verpflichteten sich noch, diesen letzten Brief vor dem Tode nicht anders als mit mir zusammen zu schreiben – und, daß Sie, wenn Sie in Rußland angekommen sein würden, in meiner, ... na, mit einem Worte, zu meiner Verfügung stehen, das heißt, versteht sich, nur in dieser einen Beziehung ... In allen anderen sind Sie natürlich vollkommen frei,“ fügte Pjotr Stepanowitsch fast liebenswürdig hinzu.

„Ich habe mich nicht verpflichtet, war nur einverstanden, weil es mir einerlei ist.“

„Vorzüglich, vorzüglich, ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre Eigenliebe zu verletzen, aber ...“

„Hier ist gar keine Eigenliebe.“

„Aber vergessen Sie nicht, daß man Ihnen hundertundzwanzig Taler zur Reise gegeben hat, also haben Sie Geld genommen.“

„Gar nicht,“ fuhr Kirilloff auf, „das Geld war gar nicht dafür! Das tut man nicht für Geld.“

„Zuweilen tut man es doch.“

„Sie lügen! Ich habe brieflich aus Petersburg alles erklärt, und in Petersburg habe ich Ihnen hundertundzwanzig Taler zurückgezahlt, Ihnen in die Hand ... und die sind dorthin zurückgeschickt, wenn Sie sie nicht bei sich behalten haben.“

„Gut, gut, ich will nicht widersprechen, sie sind zurückgeschickt. Die Hauptsache ist ja nur, daß Sie noch dieselben Gedanken haben, wie früher.“

„Dieselben. Wenn Sie kommen und sagen: ‚jetzt‘, dann werde ich alles erfüllen. Wie – wird es sehr bald sein?“

„Nicht mehr viele Tage ... Aber vergessen Sie nicht: den Brief schreiben wir zusammen, in derselben Nacht.“

„Meinetwegen auch am Tage. Sie sagten, ich muß die Proklamationen auf mich nehmen?“

„Und noch einiges.“

„Ich nehme nicht alles auf mich.“

„Was werden Sie denn nicht auf sich nehmen?“ Pjotr Stepanowitsch erschrak wieder.

„Das, was ich nicht will. Genug jetzt. Ich mag nicht mehr davon sprechen.“

Pjotr Stepanowitsch bezwang sich und änderte das Gespräch.

„Ich rede jetzt von etwas anderem,“ schickte er voraus, „werden Sie heute Abend zu den Unsrigen kommen? Wirginski feiert seinen Namenstag, und unter diesem Vorwande versammelt man sich.“

„Nein, ich will nicht.“

„Nun, seien Sie schon so liebenswürdig und kommen Sie. Es ist unbedingt nötig. Man muß Eindruck machen mit der Zahl wie mit dem Gesicht ... Sie aber haben so ein Gesicht ... nun, mit einem Wort, Sie haben ein fatales Gesicht.“

„Sie finden?“ Kirilloff lachte. „Gut, ich komme; aber nicht wegen des Gesichtes. Wann?“

„O, vielleicht schon etwas früher, um halb sieben. Und wissen Sie, Sie können hereinkommen, sich setzen und mit keinem einzigen ein Wort sprechen, wie viele da auch sein mögen. Doch noch eines! Hören Sie: vergessen Sie nicht, ein Blatt Papier und einen Bleistift mitzunehmen.“

„Wozu das?“

„Aber Ihnen ist doch alles einerlei, und das ist nun einmal meine besondere Bitte. Sie werden also nur sitzen, mit niemandem sprechen, zuhören und hin und wieder so was wie Notizen machen, na – zeichnen Sie meinetwegen.“

„Welch ein Unsinn. Wozu?“

„Aber wenn Ihnen doch alles ganz egal ist? Sie sagen doch selbst immer, daß Ihnen alles egal ist.“

„Nein, wozu?“

„Na, weil ein bestimmtes Mitglied des Bundes, der Revisor, sich in Moskau niedergelassen hat, und ich habe da einigen gesagt, daß er vielleicht erscheinen wird. Sie werden dann denken, daß Sie dieser Revisor sind. Und da Sie schon drei Wochen hier sind, so wird man sich noch mehr wundern.“

„Albernheiten. Sie haben ja überhaupt keinen Revisor in Moskau ...“

„Na, meinetwegen nicht, hol ihn der Teufel, aber was macht denn Ihnen das aus? Sie sind doch immerhin auch ein Glied des Bundes.“

„Sagen Sie ihnen meinetwegen, daß ich der Revisor bin, ich werde sitzen und schweigen, aber Papier und Bleistift will ich nicht.“

„Ja, warum denn nicht?“

„Ich will nicht.“

Pjotr Stepanowitsch ärgerte sich dermaßen, daß er ganz fahl im Gesicht wurde, bezwang sich aber wieder; er stand auf und nahm seinen Hut.

„Und jener – ist bei Ihnen?“ fragte er plötzlich halblaut.

„Ja, bei mir.“

„Das ist gut. Ich werde ihn bald wieder fortschaffen, beunruhigen Sie sich nicht.“

„Ich beunruhige mich gar nicht. Er schläft nur hier. Die Alte ist im Krankenhaus. Die Schwiegertochter ist gestorben; ich bin zwei Tage allein. Ich habe ihm eine Stelle im Zaun gezeigt, wo er ein Brett herausnehmen kann; er kriecht durch, niemand sieht ihn.“

„Ich werde ihn schon bald nehmen.“

„Er sagte, daß er viele Stellen hat, wo er übernachten kann.“

„Das lügt er, man sucht ihn, hier aber ist es noch unverdächtig. Lassen Sie sich denn mit ihm in Gespräche ein?“

„Ja, die ganze Nacht. Er schimpft sehr auf Sie. Ich lese ihm in der Nacht die Apokalypse vor. Und Tee. Er hört aufmerksam zu, sogar sehr, die ganze Nacht.“

„Zum Teufel, Sie bekehren ihn mir noch zum Christentum!“

„Er ist auch so schon Christ. Seien Sie unbesorgt, er wird schon erstechen. Wen wollen Sie ermorden lassen?“

„Nein, ich habe ihn nicht zu dem Zweck ... ich brauche ihn zu etwas anderem ... Aber Schatoff, weiß der etwas von Fedjka?“

„Ich spreche nicht mit Schatoff, ja, und sehe ihn auch gar nicht.“

„Ärgert sich wohl über Sie, was?“

„Nein, wir ärgern uns nicht, wir wenden uns nur ab. Haben zu lange in Amerika zusammen auf dem Stroh gelegen.“

„Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen.“

„Wie Sie wollen.“

„Vielleicht komme ich mit Stawrogin auf einen Augenblick auch zu Ihnen, auf dem Rückwege von dort, so um zehn Uhr.“

„Kommen Sie.“

„Ich muß über Wichtiges mit ihm sprechen. Wissen Sie was, schenken Sie mir Ihren Ball – wozu brauchen Sie ihn jetzt noch? Ich will ihn gleichfalls zur Gymnastik. Übrigens kann ich Ihnen ja auch Geld für ihn zahlen, wenn Sie wollen.“

„Nehmen Sie ihn so.“

Pjotr Stepanowitsch steckte den Ball in die hintere Rocktasche.

„Aber ich gebe Ihnen nichts gegen Stawrogin,“ sagte Kirilloff plötzlich leise, während er den Gast hinausließ.

Der sah ihn erstaunt an, doch sagte er nichts.

Die letzten Worte Kirilloffs verwirrten Pjotr Stepanowitsch nicht wenig, aber er begriff sie noch nicht ganz. Doch jedenfalls strengte er sich an, auf dem Wege zu Schatoff sein unzufriedenes Gesicht in ein freundliches zu verwandeln. Schatoff war zu Hause und lag, da er sich nicht wohlfühlte, auf dem Bett, war aber vollkommen angekleidet.

„Das ist aber ein Pech!“ rief Pjotr Stepanowitsch von der Tür aus. „Sind Sie ernstlich krank?“

Der liebenswürdige Ausdruck seines Gesichts verschwand plötzlich: etwas Böses blitzte in seinen Augen.

„Durchaus nicht,“ rief Schatoff, nervös aufspringend. „Ich bin keineswegs krank, habe nur ein wenig Kopfschmerzen.“

Er war sogar sichtlich befangen, denn das plötzliche Erscheinen gerade dieses Menschen erschreckte ihn.

„Ich bin in einer Angelegenheit zu Ihnen gekommen, zu der Kranksein nicht paßt,“ begann Pjotr Stepanowitsch schnell und gewissermaßen gebieterisch. „Erlauben Sie, daß ich mich setze,“ – er setzte sich auf einen Stuhl – „und Sie, legen Sie sich mal wieder auf Ihre Pritsche. Heute werden sich die Unsrigen bei Wirginski versammeln, er feiert seinen Namenstag, und das dient als Vorwand. Aber es ist schon alles vorgesehen, damit es keine andere Nuance annimmt. Ich werde mit Nicolai Stawrogin hinkommen. Selbstverständlich würde ich Sie jetzt nicht dorthin ziehen, da ich ja Ihre jetzigen Anschauungen kenne ... das heißt, ich meine – um Sie nicht zu reizen, und nicht etwa, weil wir von Ihnen angezeigt zu werden fürchten. Aber leider hat es sich so gemacht, daß Sie hinkommen müssen. Sie werden dort diejenigen treffen, mit denen wir dann endgültig beraten können, wie es für Sie möglich ist, aus dem Verbande auszuscheiden, und wem Sie das abgeben sollen, was Sie von uns besitzen. Wir machen es ganz unauffällig: ich werde Sie in eine Ecke führen, denn es sind dort viele Menschen, die nichts davon zu wissen brauchen. Ich muß gestehen, ich habe Ihretwegen meine Zunge gehörig anstrengen müssen, glaube aber, daß sie jetzt vollkommen einverstanden sind, Sie frei zu geben, versteht sich, unter der Bedingung, daß Sie die Druckmaschine und alle Papiere abliefern. Dann sind Sie frei und können gehen, wohin Sie wollen, nach allen vier Himmelsrichtungen.“

Schatoff hörte ihm finster und böse zu. Seine erste nervöse Aufregung war vollständig vergangen.

„Ich erkenne diese Pflicht, weiß der Teufel wem da Rechenschaft geben zu müssen, nicht an,“ sagte er schroff. „Niemand kann mich ‚frei geben‘.“

„Das ist doch wohl nicht ganz so. Man hat Ihnen vieles anvertraut. Sie hatten nicht das Recht, so abzubrechen. Und schließlich haben Sie sich niemals klar darüber ausgedrückt.“

„Als ich hierher kam, habe ich es Ihnen klar und deutlich geschrieben.“

„Nein, nicht klar und deutlich,“ bestritt Pjotr Stepanowitsch ruhig. „Ich schickte Ihnen zum Beispiel ‚Die helle Persönlichkeit‘, damit Sie das Gedicht drucken und die Exemplare hier irgendwo bei sich aufbewahren, bis sie abverlangt werden würden. Dazu noch zwei Proklamationen. Sie schickten alles mit einem zweideutigen Brief zurück, der eigentlich nichts sagte.“

„Ich habe mich offen und ehrlich geweigert, es zu drucken.“

„Nein, nicht offen. Sie schrieben: ‚ich kann nicht‘, aber Sie sagten nicht, warum Sie nicht können. ‚Ich kann nicht‘ heißt nicht ‚ich will nicht‘. Man konnte also denken, daß Sie einfach aus materiellen Gründen nicht können. So hat man es denn auch aufgefaßt, – daß Sie immerhin einverstanden sind, in dem Verbande zu bleiben und man Ihnen wieder etwas anvertrauen, also sich gegebenenfalls bloßstellen kann. Einige sagen, daß Sie uns offenbar haben betrügen wollen, um zu denunzieren, sobald Sie irgendeine wichtigere Mitteilung erhielten. Ich habe Sie natürlich verteidigt, wie ich nur konnte, und zeigte Ihre briefliche Antwort vor, jene zwei Zeilen, als ein Dokument zu Ihrer Rechtfertigung. Aber ich mußte selbst zugeben, als ich den Brief dann nochmals las, daß er wirklich nicht eindeutig ist und leicht irreführen kann.“

„Sie haben diesen Brief so sorgfältig verwahrt?“

„Das hat weiter nichts zu sagen, daß er sich noch erhalten hat. Ich habe ihn auch jetzt bei mir.“

„Eh, machen Sie doch damit, was Sie wollen, zum Teufel! ...“ schrie Schatoff zornig auf. „Mögen doch Ihre Dummköpfe meinetwegen glauben, daß ich denunziert habe, was geht das mich an! Ich möchte bloß sehen, was Sie mir anhaben können!“

„Man würde Sie sich notieren und beim ersten Erfolg der Revolution aufknüpfen.“

„Das heißt, dann, wenn Ihr die Macht ergriffen und Rußland besiegt habt?“

„Lachen Sie nicht. Ich wiederhole, daß ich Sie verteidigt habe. Aber wie dem auch sei, ich würde Ihnen doch raten, heute hinzukommen. Wozu so viele unnütze Worte aus irgendeinem falschen Stolz? Ist es nicht besser, friedlich auseinander zu gehen? Jedenfalls werden Sie doch das Gestell, die alten Buchstaben und das Papier abgeben müssen, und gerade darüber wollen wir ja sprechen.“

„Ich werde kommen,“ brummte Schatoff endlich, nachdenklich den Kopf gesenkt.

Pjotr Stepanowitsch beobachtete ihn heimlich von seinem Platze aus.

„Wird Stawrogin dort sein?“ fragte Schatoff plötzlich und erhob den Kopf.

„Unbedingt.“

„Ha–ha!“

Wieder schwiegen sie. Schatoff lächelte verächtlich und gereizt.

„Und diese Ihre erbärmliche ‚helle Persönlichkeit‘, die ich hier nicht drucken wollte – ist die jetzt gedruckt?“

„Ja, sie ist gedruckt.“

„Gymnasistoff versichert, daß Herzen sie Ihnen persönlich ins Album geschrieben haben soll?“

„Ja, Herzen persönlich.“

Wieder schwiegen sie eine lange Zeit. Endlich stand Schatoff von seinem Bette auf.

„Gehen Sie fort von mir, ich will nicht mit Ihnen zusammensitzen.“

„Ich gehe schon,“ sagte Pjotr Stepanowitsch gleichsam lustig und erhob sich schnell. „Nur noch ein Wort: Kirilloff scheint jetzt ganz allein im Flügel zu wohnen, ohne Aufwartefrau?“

„Ja, ganz allein. Gehen Sie, ich kann nicht mit Ihnen in einem Zimmer sein.“

„Na, du bist ja jetzt vorzüglich!“ dachte Pjotr Stepanowitsch heiter, als er auf der Straße war. „Wirst ja heute abend gut sein, und so brauch ich dich gerade, besser könnte ich’s gar nicht wünschen, gar nicht wünschen! Der russische Gott scheint ja selber noch zu helfen!“

VII.

Es ist anzunehmen, daß ihm an diesem vielgeschäftigen Tage alles gut gelang, denn als er am Abend um sechs Uhr bei Nicolai Stawrogin erschien, drückte sich auf seinem Gesicht volle Selbstzufriedenheit aus. Man ließ ihn jedoch nicht sofort vor: Stawrogin hatte gerade Besuch: Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihm, in seinem Arbeitszimmer. Das gefiel nun Pjotr Stepanowitsch äußerst wenig und bereitete ihm sogleich Sorge. Er setzte sich dicht neben die Tür hin, um den Gast, wenn dieser das Zimmer verließ, sehen zu können. Die Stimmen der beiden konnte er hören, doch die Worte ließen sich nicht unterscheiden. Der Besuch Drosdoffs dauerte nicht lange: alsbald vernahm er das Geräusch von fortgeschobenen Stühlen, eine laute, erregte Stimme, und dann öffnete sich auch schon die Türe. Mawrikij Nicolajewitsch trat mit bleichem Gesicht heraus und ging schnell an Pjotr Stepanowitsch vorüber, ohne ihn zu bemerken. Dieser lief sofort ins Arbeitszimmer.

Doch zunächst muß ich jetzt berichten, was während dieses äußerst kurzen Zusammenseins der beiden „Nebenbuhler“ vorging – während dieses Besuches, den man aus gewissen Gründen, im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse, für unmöglich halten mußte, und der doch stattfand.

Nicolai Wszewolodowitsch hatte sich nach dem Essen in seinem Arbeitszimmer auf dem Diwan ausgestreckt und war halb eingeschlummert, als plötzlich der alte Diener Alexei Jegorowitsch eintrat und den unerwarteten Besuch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoffs meldete. Als Stawrogin diesen Namen hörte, sprang er sogar auf und wollte es zuerst gar nicht glauben. Doch alsbald legte sich ein Lächeln um seine Lippen – ein Lächeln hochmütigen Triumphes und zu gleicher Zeit wie einer gewissen stumpfen, mißtrauischen Verwunderung. Den eintretenden Mawrikij Nicolajewitsch machte dieses Lächeln, wie es schien, stutzig, wenigstens blieb er plötzlich mitten im Zimmer stehen, als sei er unentschlossen – sollte er weitergehen, oder umkehren? Doch Stawrogins Miene hatte sich bereits wieder verändert und er trat dem Gast sogar entgegen. Mawrikij Nicolajewitsch übersah freilich die entgegengestreckte Hand, zog einen Stuhl heran und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, noch bevor ihn Stawrogin dazu aufgefordert hatte. Dieser setzte sich darauf ihm gegenüber auf den Diwan, und während er seinen Gast aufmerksam betrachtete, schwieg er und wartete.

„Wenn es Ihnen möglich ist, so heiraten Sie Lisaweta Nicolajewna,“ sagte plötzlich Mawrikij Nicolajewitsch, und zwar so, daß man, was das Merkwürdigste war, aus der Stimme, der Intonation überhaupt nicht heraushören konnte, was das nun war: eine Bitte, eine Empfehlung, eine Abtretung, oder ein Befehl.

Stawrogin fuhr fort zu schweigen. Doch Drosdoff schien bereits alles gesagt zu haben, was er sagen wollte, und sah jetzt, in Erwartung einer Antwort, starr vor sich hin.

„Wenn ich mich nicht irre, was mir jetzt ausgeschlossen erscheint, so ist Lisaweta Nicolajewna schon mit Ihnen verlobt,“ sagte Stawrogin endlich.

„Ja, sie hat sich mit mir verlobt,“ bestätigte fest und deutlich Mawrikij Nicolajewitsch.

„Sie ... haben sich entzweit ... Verzeihen Sie, Mawrikij Nicolajewitsch –“

„Nein, sie ‚liebt und achtet‘ mich, nach ihren eigenen Worten. Und ihre Worte gehen mir über alles.“

„Daran ist selbstredend nicht zu zweifeln.“

„Aber wenn sie mit mir schon in der Kirche vor dem Altar stünde und Sie sie riefen, so würde sie doch mich und alle verlassen und zu Ihnen gehen.“

„Vom Altar?“

„Ja, vom Altar.“

„Täuschen Sie sich nicht?“

„Nein. Unter ihrem Haß, dem aufrichtigsten und stärksten Haß, den sie für Sie empfindet, lodert doch jeden Augenblick ihre Liebe hervor, und ... ihr Wahnsinn ... die größte, die grenzenloseste Liebe und – wie gesagt: ihr Wahnsinn! Andererseits aber, aus der Liebe, die sie für mich empfindet, gleichfalls aufrichtig empfindet, bricht immer und immer wieder der Haß – der allergrößte Haß hervor. Ich hätte früher alle diese ... Metamorphosen nie für möglich gehalten.“

„Mich wundert nur, wie Sie so einfach über Lisaweta Nicolajewnas Hand verfügen können? Haben Sie ein Recht dazu? Oder sind Sie von ihr bevollmächtigt?“

Mawrikij Nicolajewitschs Gesicht verfinsterte sich und er senkte auf einen Augenblick den Kopf.

„Wozu diese Phrasen?“ fragte er plötzlich. „Das sind doch nur rachsüchtige Worte von Ihnen. Ich bin überzeugt, daß Sie das Nichtausgesprochene sehr wohl verstehen. Und ist denn hier Platz für kleinliche Eitelkeit? Ist das noch zu wenig Genugtuung für Sie? Soll man denn noch den Punkt aufs i setzen? Nun gut, dann werde ich auch noch den Punkt aufs i setzen, wenn Sie meine Erniedrigung so wünschen. Also: Ein Recht dazu habe ich nicht; eine Bevollmächtigung ist doch ausgeschlossen. Lisaweta Nicolajewna weiß nichts davon, ihr Verlobter aber hat den letzten Verstand verloren und ist fürs Irrenhaus reif und obendrein – obendrein kommt er noch selbst und teilt Ihnen das mit. In der ganzen Welt sind es nur Sie allein, der Lisa wirklich glücklich machen kann! Und nur ich allein, der sie unglücklich machen kann! Sie wollen sie niemandem abtreten, Sie verfolgen sie, aber Sie heiraten sie nicht. Ich weiß nicht, warum Sie das nicht tun. Liegt hier ein Mißverständnis vor, das vielleicht schon im Auslande entstanden ist, oder ein Liebesstreit, und muß man, um ihn beilegen zu können, etwa – mich ausstreichen ... so tun Sie es. Sie ist zu unglücklich, und das kann ich nicht mehr ertragen. Was ich sage, soll Ihnen nichts vorschreiben, und darum kann auch Ihre Eigenliebe gar nicht verletzt sein. Wenn Sie meinen Platz am Altar einnehmen wollten, so könnten Sie das ohne jegliche ‚Erlaubnis‘ meinerseits tun, und ich hätte es mir sparen können, so zu Ihnen zu kommen. Um so mehr, als unsere Hochzeit nach meiner jetzigen Handlungsweise sowieso unmöglich geworden ist. Ich kann sie doch nicht mehr zum Altar führen, nachdem ich hier so gehandelt, so gemein gehandelt habe. Denn das, was ich hier tue, daß ich sie Ihnen, vielleicht ihrem schlimmsten Feinde, einfach übergebe, ist meiner Meinung nach eine solche Gemeinheit, daß ich sie selbstverständlich nicht werde überleben können.“

„Sie werden sich erschießen, wenn man uns traut?“

„Nein, erst viel später. Warum soll ich mit meinem Blut ihr Hochzeitskleid beflecken? Vielleicht werde ich mich auch nicht erschießen, weder jetzt, noch später.“

„Mit diesem Nachsatz wollen Sie mich wohl beruhigen?“

„Sie beruhigen? Was macht Ihnen denn ein Tropfen mehr verspritzten Blutes aus?“

Er erbleichte und seine Augen begannen zu brennen. Sie schwiegen beide eine Zeitlang.

„Verzeihen Sie mir, bitte, die an Sie gestellten Fragen,“ begann Stawrogin von neuem. „Zu einigen hatte ich durchaus kein Recht, doch um so mehr habe ich das, glaube ich, zu einer anderen Frage: sagen Sie mir, was Sie eigentlich veranlaßt hat, in mir solche Gefühle zu Lisaweta Nicolajewna vorauszusetzen? Ich meine, daß Sie so überzeugt waren, um zu mir kommen zu können ... und solch einen Antrag zu wagen?“

„Wie?“ Mawrikij Nicolajewitsch zuckte zusammen. „– Haben Sie denn nicht bei ihr angehalten? Werben Sie denn jetzt nicht um sie und wollen Sie es auch später nicht tun?“

„Über meine Gefühle zu dieser oder jener Frau vermag ich nicht laut zu einem Dritten zu sprechen, zu wem es auch sei, außer zu dieser Frau selbst. Verzeihen Sie, aber das ist nun einmal meine Eigenart. Doch dafür werde ich Ihnen die ganze übrige Wahrheit sagen: ich bin bereits verheiratet, und so ist mir ein Heiraten oder ‚Werben‘ schon nicht mehr möglich.“[45]

Mawrikij Nicolajewitsch fuhr förmlich zurück vor Bestürzung, und starrte Stawrogin eine Weile unbeweglich ins Gesicht.

„Denken Sie sich ... das habe ich wirklich nicht gedacht,“ murmelte er endlich. „Sie sagten an jenem Morgen, daß Sie nicht verheiratet seien ... und so glaubte ich, Sie wären wirklich unverheiratet.“

Er erblaßte unheimlich. Plötzlich schlug er aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

„Wenn Sie nach solch einem Bekenntnis Lisaweta Nicolajewna nicht in Ruhe lassen und sie ins Unglück bringen, so schlage ich Sie tot, wie einen Hund hinterm Zaun!“

Damit sprang er auf und verließ das Zimmer. Pjotr Stepanowitsch lief schnell hinein – fand aber den Hausherrn in einer von ihm völlig unerwarteten Gemütsverfassung.

„Ah, das sind Sie!“ rief Stawrogin und lachte laut auf –, lachte, wie es schien, nur über die Erscheinung Pjotr Stepanowitschs, der mit so maßlos neugierigem Gesicht hereingeeilt kam.

„Haben Sie an der Tür gehorcht? Warten Sie, warum sind Sie doch jetzt gekommen? Habe ich Ihnen nicht irgend etwas versprochen ... Ach, richtig! ich weiß schon: zu den ‚Unsrigen‘! – Gehen wir! Freut mich sehr, Sie hätten sich wirklich nichts Besseres für diesen Augenblick ausdenken können.“

Er nahm seinen Hut und sie verließen sogleich das Haus.

„Sie lachen schon im voraus über die ‚Unsrigen‘?“ fragte Pjotr Stepanowitsch lustig scharwenzelnd, indem er bald versuchte, neben seinem Begleiter auf dem schmalen Fußsteig zu gehen, bald wiederum auf der schmutzigen Fahrstraße lief, denn Stawrogin bemerkte es nicht, daß er in der Mitte des Fußsteiges ging und folglich den ganzen Platz mit seiner Person einnahm.

„Ich lache durchaus nicht,“ antwortete Nicolai Wszewolodowitsch laut und heiter. „Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß Sie dort die ernstesten Leute haben.“

„‚Die ernsten Dummköpfe‘, wie Sie sich einmal auszudrücken beliebten.“

„Es gibt nichts Lustigeres, als manch einen ernsten Dummkopf.“

„Ah, Sie denken an Mawrikij Nicolajewitsch! Bin überzeugt, daß er zu Ihnen gekommen war, um seine Braut abzutreten – wie? Das habe ich ihm indirekt eingeblasen, wenn Sie es wissen wollen! Und wenn er sie nicht abtreten will, so nehmen wir sie eigenmächtig – wie?“

Pjotr Stepanowitsch wußte natürlich, was er wagte, wenn er sich solche Reden erlaubte; doch lieber wagte er schon alles, als daß er die Ungewißheit noch länger ertrug. Nicolai Wszewolodowitsch aber lachte nur.

„Und Sie beabsichtigen immer noch, mir zu helfen?“ fragte er.

„Sobald Sie rufen. Aber wissen Sie auch, daß es einen anderen, noch viel besseren Weg gibt?“

„Ich kenne Ihren Weg.“

„Nun, nein, der ist vorläufig noch ein Geheimnis. Nur vergessen Sie nicht, daß das Geheimnis Geld kostet.“

„Ich weiß auch, wieviel es kostet,“ brummte Stawrogin vor sich hin, bezwang sich aber sofort und verstummte.

„Wie viel? Wie? Was sagten Sie?“ fuhr Pjotr Stepanowitsch auf.

„Ich sagte: zum Teufel mit Ihnen samt dem Geheimnis. Sagen Sie mir lieber, wer dort sein wird. Ich weiß, daß wir zum Namensfest gehen, aber wen wird man dort eigentlich antreffen?“

„Oh, alle möglichen Leute! Sogar Kirilloff wird dort sein.“

„Alles Mitglieder von Gruppen?“

„Teufel noch eins, Sie beeilen sich aber! Hier hat sich noch nicht einmal eine einzige Gruppe gebildet.“

„Wie haben Sie denn so viele Proklamationen verbreiten können?“

„Dort werden im ganzen nur vier Mitglieder der Gruppe sein. Die übrigen bespionieren sich mittlerweile um die Wette, und teilen mir alles mit. Wirklich vielversprechendes Volk! Alles Material, das man organisieren muß und dann kann man sich aus dem Staube machen. Aber Sie haben ja selbst unser Gesetzbuch geschrieben. Da braucht man Ihnen doch nichts mehr zu erklären.“

„Nun wie, es geht wohl schwer? Ist es mißglückt?“

„Wie es geht? Wie man es sich leichter gar nicht wünschen kann. Warten Sie, ich werde Sie zum Lachen bringen! Also, das erste, das ungeheuer wirkt – das ist die Montur. Es gibt nichts, das eine größere Zugkraft hätte, als diese. Ich denke mir absichtlich Titel und Posten aus: habe da Sekretäre, Geheime Kundschafter, Vorsitzende, Registratoren, deren Gehilfen – das gefällt ungemein und wirkt vorzüglich. Darauf, die zweite Kraft, das ist die Sentimentalität, versteht sich. Wissen Sie, der Sozialismus verbreitet sich ja bei uns hauptsächlich infolge der Sentimentalität der Leute. Nur eines ist hier ein wahrer Jammer – das sind diese beißenden Leutnants. Da ist man nie sicher. Dann kommen die echten Spitzbuben. Nun, das ist ein guter Schlag, zuweilen ungemein vorteilhaft, doch muß man viel Zeit auf sie vergeuden: verlangen ununterbrochene Aufsicht. Na, und dann natürlich die Hauptkraft – der Zement, der alles zusammenhält – das ist die Schande, eine eigene Meinung zu haben. Ich sag’ Ihnen, das ist mir mal eine Kraft! Wer das nur so eingerichtet haben mag? und welcher ‚liebe Kerl‘ uns da wohl so nett vorgearbeitet hat, daß auch wirklich keine einzige eigene Idee in irgendeinem Kopf geblieben ist! Halten so was geradezu für eine Schande.“

„Aber wenn es so ist, wozu mühen Sie sich dann noch?“

„Ja aber, wenn es doch so einfach ist, öffnet sich ja der Mund von selber – wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht glaubten, daß ein Erfolg möglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur möglich. Ich sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer – man braucht ihnen nur zu sagen, daß sie nicht genügend liberal sind. Die Esel werfen mir übrigens vor, daß ich sie alle mit einem ‚Zentralkomitee‘ und ‚zahllosen Verzweigungen‘ beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch einmal vorgeworfen – aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede sein? Das Zentralkomitee sind doch – ich und Sie, und an Verzweigungen werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wünscht.“

„Und durchweg solches Pack?“

„Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen.“

„Sie rechnen noch immer auf mich?“

„Sie sind der Führer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben Ihnen stehen als Sekretär. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns ‚in eine Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus Seidenzeug, und außerdem sitzt da die schöne Braut, die lichte Lisaweta Nicolajewna‘ ... oder weiß der Teufel wie es da im alten Volkslied heißt ...“