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Sämtliche Werke 5-6 cover

Sämtliche Werke 5-6

Chapter 94: I.
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About This Book

The narrative examines how a provincial community is destabilized when a clandestine group of ideologues and agitators infiltrates local life, provoking rivalries, schemes, and violent outcomes. Through interwoven episodes and shifting perspectives it portrays personal moral crises, fanaticism, and the lure of destructive doctrines, while juxtaposing philosophical debates, social satire, and scenes of domestic ruin. The structure moves through character-focused chapters and includes documentary appendices that present notebooks and an unfinished fragment, inviting reflection on the psychology of belief, political manipulation, and the consequences of collective moral collapse.

Fünfzehntes Kapitel.
Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen

I.

Das Erlebnis, das wir unterwegs hatten, war gleichfalls eines von den sonderbaren. Doch ich muß wohl alles in derselben Reihenfolge erzählen, in der es sich zugetragen hat. Ungefähr eine Stunde bevor wir, Stepan Trophimowitsch und ich, aus dem Hause traten, schob sich durch die Stadt, von vielen neugierig betrachtet, ein Menschenhaufe von etwa siebzig oder mehr Mann: es waren Arbeiter der Spigulinschen Fabrik. Sie zogen ruhig, würdevoll, fast stumm und absichtlich in der strengsten Ordnung durch die Straßen. Später wurde behauptet, daß diese Leute als Abgesandte der etwa neunhundert Arbeiter, die es im ganzen in der Fabrik gab, sich tatsächlich nur aufgemacht hätten, um beim Gouverneur ihr Recht zu suchen, da der Fabrikdirektor in Abwesenheit der Besitzer sie bei der Entlassung und Abrechnung schmählichst betrogen hatte – eine Tatsache, die heute keinem Zweifel mehr unterliegt. Andere behaupten freilich, daß siebzig Mann viel zu viel für eine Schar Abgesandte gewesen seien, und daß der Haufe aus den am meisten Geschädigten bestanden habe, die auf diese Weise einfach für sich selbst hätten bitten wollen; – jedenfalls aber will niemand von den siebzig einen „allgemeinen Arbeiter-Aufstand“ zugeben, von dem die Zeitungen hernach so fettgedruckt zu erzählen wußten. Wieder andere behaupten, diese siebzig Mann seien allerdings keine „gewöhnlichen“, dafür aber „politische“ Aufständische gewesen – und natürlich schieben dann diejenigen, welche die Sache so ansehen, mit Vorliebe die Schuld auf die in den vorhergegangenen Tagen heimlich zugesteckten Proklamationen. Aber wie dem auch sein mag (denn klar ist man sich bis heute noch nicht darüber), meiner eigenen Meinung nach hatten die Arbeiter diese zugesteckten Blätter überhaupt nicht gelesen, oder wenn doch, sie dann gar nicht verstanden, aus dem einfachen Grunde, weil die Verfasser derselben, trotz der Aufdringlichkeit ihres Stils, sich äußerst unklar ausdrücken. Da aber die Arbeiter bei der Abrechnung wirklich schändlich betrogen worden waren, und die Polizei, an die sie sich zuerst wandten, sich weiter nicht mit ihnen einlassen wollte, – was war da naheliegender, als selbst in hellem Haufen zum Gouverneur zu ziehen, wenn möglich gar mit einer Aufschrift, die ihre Wünsche in Devisenform aussprach und an der Spitze vorangetragen wurde, sich vor dem Gouverneursgebäude aufzustellen, um dann, wenn der Gefürchtete erschien, sogleich auf die Knie zu fallen und ein Gejammer wie zur heiligen Vorsehung selber zu erheben? Es ist meine feste Überzeugung, daß es sich nur darum und um nichts anderes handelte, zumal das ein uraltes und lang überliefertes Mittel ist: das russische Volk hat von jeher ein Gespräch mit dem „General selber“ allen anderen Verhandlungen vorgezogen – und zwar eigentlich allein schon um der Ehre willen, ganz gleichgültig, womit das Gespräch endete. So fest bin ich davon überzeugt, daß ich glaube, daß selbst Pjotr Stepanowitsch, Liputin und vielleicht noch jemand, sagen wir Fedjka, die heimlich mit den Fabrikarbeitern gesprochen hatten (wie sich dies jetzt mit ziemlicher Sicherheit herausgestellt hat), doch weiter keinen Einfluß auf diesen „Gang zum Gouverneur“ ausgeübt haben können, – abgesehen davon, daß es überhaupt nur zwei, drei, höchstens fünf Arbeiter gewesen sind, mit denen sie nachweisbar gesprochen haben. Was aber den „Aufstand“ betrifft, so werden wohl die Arbeiter, selbst wenn sie etwas von politischer Propaganda verstanden hätten, solchen geheimen Agitatoren doch kein Gehör geschenkt und ihr Gerede überhaupt nicht ernst genommen haben. Eine einzige Ausnahme machte höchstens Fedjka: diesem scheint es allerdings geglückt zu sein, und besser als Pjotr Stepanowitsch, mit den Arbeitern in vertrauliche Beziehung zu treten, denn an dem Brand in der Stadt, der in der übernächsten Nacht ausbrach, sind, wie man jetzt bestimmt weiß, im Bunde mit Fedjka noch zwei Fabrikarbeiter beteiligt gewesen. Und rechnet man dazu noch drei andere Arbeiter, die ein paar Wochen später in der nahen Kreisstadt verhaftet wurden, weil sie ebenfalls Feuer angelegt und geraubt hatten, so waren es im ganzen doch erst nur fünf von der Spigulinschen Fabrik, die man von anderer Seite verführt und aufgestachelt hatte.

Aber wie es sich damit nun auch verhalten mag, jedenfalls durchzogen die siebzig oder mehr Arbeiter die Stadt, stellten sich schließlich in aller Ordnung auf dem Platz vor dem Hause des Gouverneurs auf und sahen dann mit offenen Mäulern wartend auf die Vorfahrt. Der Gouverneur war aber gerade nicht anwesend. Wie ich später gehört habe, hätten sie schon gleich, nachdem sie sich geordnet, die Mützen abgezogen – etwa eine halbe Stunde bevor Herr von Lembke dann auf dem Schauplatz erschien. Die Polizei zeigte sich natürlich sofort: zuerst nur in einzelnen Vertretern, dann aber bald in möglichst geschlossenen Trupps. Man ging streng und drohend vor und befahl auseinander zu gehen. Die Arbeiter standen aber wie eine Herde Schafe, die am Zaun angelangt ist, und antworteten nur lakonisch, sie seien „zum General selber“ gekommen – kurz, man begegnete fester Entschlossenheit. Da hörte denn das Anschreien auf, Nachdenklichkeit trat an seine Stelle, geheimnisvoll geflüsterte Anordnungen und strenge, geschäftige Sorge, die die höheren Polizeibeamten die Augenbrauen zusammenziehen ließ. Der Polizeimeister zog es vor, statt irgendwelche Maßregeln zu ergreifen, doch lieber die Ankunft von Lembkes abzuwarten. Sonst pflegte der Polizeimeister bei solchen Gelegenheiten mit seiner Troika zum Entzücken aller Kaufleute stets in vollem Galopp anzufahren, und womöglich in die Ansammler mitten hinein: diesmal aber tat er es nicht, wenn er auch beim Abspringen nicht ohne ein kräftiges Wort, das geeignet war, seine Popularität zu erhalten, auskommen konnte. Doch es ist entschieden nicht wahr, daß man Soldaten herbeigerufen und von irgendwoher telegraphisch Artillerie und Kosaken erbeten hätte: das sind Märchen, an die jetzt niemand mehr glaubt. Unsinn ist gleichfalls, daß man die Feuerwehr gerufen habe und mit der Spritze gegen das angesammelte Volk vorgegangen sei. Ilja Iljitsch schrie einfach im Eifer, daß ihm kein einziger „trocken aus dem Wasser kommen“ solle – und daraus hat man dann wahrscheinlich die Feuerwehrspritze gemacht, die auch in den Nachrichtenteil der Petersburger Zeitungen überging. Das einzig Richtige ist, daß man die Arbeiter sofort mit allen nur verfügbaren Polizisten umstellte, während nach von Lembke, der vor einer halben Stunde nach Skworeschniki gefahren war, sofort der zweite Polizeioffizier mit der Troika des Polizeimeisters geschickt wurde.

Immerhin muß ich gestehen, daß mir noch eines unerklärlich scheint: wie kam es, wie war es möglich, daß man eine ruhige Versammlung gewöhnlicher Bittsteller so ohne weiteres und vom ersten Augenblick an gleich für einen politischen Aufstand halten konnte, der alles umzuwerfen drohte? Warum glaubte von Lembke selber nichts anderes, als er dreißig Minuten später mit dem Polizeioffizier eintraf? Am wahrscheinlichsten ist noch (doch das ist wieder nur meine eigene Meinung), daß Ilja Iljitsch, unser Polizeimeister, es einfach am allervorteilhaftesten und zweckmäßigsten fand, die Sache so und nicht anders aufzufassen, zumal er sich vor zwei Tagen während eines Gesprächs mit von Lembke überzeugt hatte, wie fest sein Vorgesetzter an eine baldige Wirkung der Proklamationen und an die Spigulinsche soziale Gefahr glaubte, so daß denn unser schlauer Ilja Iljitsch beim Fortgehen händereibend bei sich dachte: „Will sich in Petersburg auszeichnen, würde ihm leid tun, wenn sich alle Gefahr als Unsinn erweisen sollte – nun, mir soll’s recht sein ... werde danach vorkommendenfalls zu handeln wissen.“

Der arme Andrei Antonowitsch hätte freilich in Wirklichkeit um alles in der Welt keinen Aufstand gewünscht, nicht einmal um der persönlichen Auszeichnung willen. Er war ein ungewöhnlich pflichttreuer Beamter, der sich bis zu seiner Verheiratung seine Unschuld bewahrt hatte. Und war er denn daran schuld, daß statt des stillen, geruhigen Postens und des unschuldigen Mienchens, die er sich erträumt, die vierzigjährige Fürstentochter ihn zu sich erhoben hatte? Ich weiß mit aller Sicherheit, daß gerade an diesem verhängnisvollen Morgen die ersten deutlichen Anzeichen eben jenes Zustandes bei ihm zutage traten, der ihn dann in das bekannte Schweizer Sanatorium gebracht hat, wo er jetzt, wie verlautet, wieder zu Kräften kommt. Gibt man aber zu, daß sich schon an diesem Morgen gewisse Anzeichen bemerkbar machten, – nun, so kann man, meiner Meinung nach, nur annehmen, daß bei ihm auch schon am Tage vorher nicht alles ganz in Ordnung gewesen ist. Ich weiß es zudem dank der intimsten Mitteilungen ... (nun, nehmen Sie meinetwegen an, Julija Michailowna hätte mir später selbst, doch nicht mehr triumphierend, sondern fast schon bereuend – eine Frau bereut nie ganz – einen Teil dieser Geschichte erzählt) – ich weiß also, daß in der Nacht vorher, um etwa drei Uhr morgens, Andrei Antonowitsch seine Gemahlin plötzlich aufgeweckt und von ihr verlangt hat, daß sie sein „Ultimatum“ anhöre. Die Forderung war dermaßen bestimmt gestellt worden, daß Julija Michailowna sich gezwungen sah, sich tatsächlich zu erheben, trotz ihres Unwillens und der Papilloten im Haar, um auf dem Diwan Platz zu nehmen und ihren Herrn Gemahl anzuhören, wenn auch mit einem sarkastischen Lächeln, aber immerhin anzuhören. In dieser Nacht begriff sie zum erstenmal, wie weit es mit ihrem Mann schon gekommen war – und sie erschrak. Nun hätte sie sich eigentlich auch besinnen und erweichen lassen müssen – sie aber verbarg sozusagen ihren Schreck vor sich selber und wurde noch eigensinniger. Sie hatte (wie offenbar jede Frau) einen besonderen Trick, ihren Mann zu ärgern: Julija Michailowna pflegte nämlich in solchen Fällen verächtlich zu schweigen, und zwar nicht nur zwei oder drei Stunden lang, sondern mitunter ganze vierundzwanzig oder gar dreimal vierundzwanzig Stunden hintereinander, wenn’s ihr einmal darauf ankam. Sie schwieg dann, als ob Gott sie von Kindesbeinen an mit Stummheit und Taubheit geschlagen hätte, sie schwieg zu allem, was er auch sprechen mochte, sie hätte auch geschwiegen, selbst wenn Andrei Antonowitsch durch das Luftfenster gekrochen wäre, um sich vom dritten Stockwerk auf das Pflaster hinabzustürzen – sie schwieg ein Schweigen, das für einen gefühlvollen Menschen wirklich unerträglich war. Wollte sie ihn nun für seine in den letzten Tagen begangenen Fehler und seinen eifersüchtigen Neid als Gouvernementsherrscher auf ihre administrativen Fähigkeiten strafen? war sie nun unwillig über seine Kritik ihres Verhältnisses zu unserer Gesellschaft und besonders zu der Jugend, ohne ihre feinen und weitsichtigen politischen Ziele zu verstehen? oder war es seine kränkende unsinnige Eifersucht auf Pjotr Stepanowitsch? – Kurz, wie dem auch war, jedenfalls entschloß sie sich auch jetzt nicht, nachzugeben, ungeachtet dessen, daß es schon drei Uhr morgens war und Andrei Antonowitsch sich tatsächlich in ungewöhnlicher Erregung befand. Er ging in ihrem teppichbelegten Boudoir hin und her und rund herum, und schüttete alles, alles aus, was sich in seinem Herzen angesammelt hatte, denn es war, wie er sagte, schon „über die Grenzen gegangen“. Er begann damit, daß alle „über ihn lachten“ und ihn „an der Nase führten“. „Was scheren mich die Ausdrücke,“ schrie er, als er ihr Lächeln bemerkte, „meinetwegen mag das nicht ganz wörtlich sein, dieses ‚an der Nase‘, aber wahr ist es doch! ... Nein, meine Gnädige, jetzt ist der Augenblick gekommen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um spöttisches Lächeln und Weiberkoketterie. Wir sind jetzt nicht im Boudoir einer Zierdame, sondern wir sind wie zwei abstrakte Wesen im ... sagen wir in einem Luftballon, um uns die Wahrheit zu sagen.“ (Er verhaspelte sich natürlich ein wenig, doch das machte weiter nichts, daß er nicht immer den richtigen Ausdruck für seine an sich ganz richtigen Gedanken fand.) „Sie, meine Gnädige, Sie sind es, die mich aus meinem früheren Stande herausgerissen hat. Diesen Posten habe ich nur Ihretwegen angenommen, um Ihren Ehrgeiz zu befriedigen ... Sie lächeln spöttisch? Triumphieren Sie nicht, noch ist es dazu zu früh! Wissen Sie, meine Gnädige, ich könnte mit diesem Posten vorzüglich fertig werden, und nicht nur mit diesem allein, sondern noch mit weiteren zehn, denn ich besitze Fähigkeiten ... aber mit Ihnen, meine Gnädige, in Ihrer Gegenwart – kann man mit nichts fertig werden, mit Ihnen zusammen, meine Gnädige, habe ich keine Fähigkeiten mehr! Zwei Mittelpunkte können nicht nebeneinander sein. Sie aber haben zwei zustande gebracht – einen bei mir und den anderen bei sich im Boudoir – zwei Zentren der Macht, meine Gnädige: aber ich werde das nicht mehr erlauben, hören Sie, ich werde das nicht länger dulden!! Im Dienst wie in der Ehe ist nur ein Zentrum möglich, zwei aber sind ein Ding der Unmöglichkeit ... Womit lohnen Sie es mir?“ rief er plötzlich gereizt. „Unsere Ehe bestand bis jetzt nur darin, daß Sie mir täglich, stündlich bewiesen, daß ich nichtig, dumm und sogar gemein sei, und daß ich die ganze Zeit gezwungen war, Ihnen erniedrigenderweise zu beweisen, daß ich nicht nichtig und gar nicht dumm bin und, was die Gemeinheit angeht, sogar alle durch meinen Edelmut in Erstaunen setze. Sagen Sie mir doch bitte: ist das denn nicht erniedrigend? und zwar für beide Teile?“ Hier begann er mit beiden Füßen auf dem Teppich zu trampeln, so daß Julija Michailowna gezwungen war, sich in strenger Würde aufzurichten. Da wurde er sofort ganz still, verfiel aber nun ins Gefühlvolle und begann zu schluchzen (jawohl, zu schluchzen) und schlug sich vor die Brust, und das dauerte wohl ganze fünf Minuten, während welcher Zeit das unerschütterliche Schweigen seiner Gattin ihn vollends um seine Fassung brachte, – bis er schließlich das Falscheste tat, was er tun konnte: er gestand ihr, daß er auf Pjotr Stepanowitsch eifersüchtig war. Doch fast im selben Augenblick erriet er schon, daß er damit eine grenzenlose Dummheit begangen hatte, und wurde geradezu tierisch wild. Im Jähzorn schrie er alles Mögliche, schrie „Ich erlaube nicht, Gott zu verstoßen!“ „werde Ihren unverzeihlichen gottlosen Salon in alle Winde auseinanderjagen!“ „ein Gouverneur muß an Gott glauben und folglich auch seine Frau!“ „Sie, Sie, meine Gnädige, gerade Sie müßten schon um der eigenen Würde willen für Ihren Mann stehen, selbst wenn er gar keine Fähigkeiten hätte (dabei habe ich aber Fähigkeiten!) und währenddessen sind gerade Sie der Grund, daß man mich hier verachtet, gerade Sie haben diese Auffassung von mir allen beigebracht! ...“ Er schrie, er werde die ganze Frauenfrage vernichten, er werde dieses blödsinnige Fest für die Gouvernanten – die der Teufel holen solle! – morgen noch untersagen, und die erste Gouvernante, die ihm in den Weg komme, „von Kosaken“ aus dem Gouvernement jagen lassen. „Absichtlich, absichtlich!“ schrie er. „Wissen Sie auch, daß Ihre Nichtsnutze die Fabrikarbeiter aufhetzen und daß ich das weiß? Wissen Sie auch, daß diese selben jungen Leute absichtlich Proklamationen verbreiten, ab–sicht–lich!? Wissen Sie auch, daß ich die Namen von vier solchen Banditen kenne und daß ich den Verstand verliere, endgültig, endgültig den Verstand!!! ...“ Nun aber brach Julija Michailowna plötzlich ihr Schweigen und erklärte streng, sie wüßte selbst schon längst, was für verbrecherische Absichten gehegt würden, daß aber dies alles nur Dummheiten seien, die er viel zu ernst nähme, und was die unartigen Jungen beträfe, so kenne sie nicht nur vier Namen, sondern alle. (Das log sie.) Im übrigen aber habe sie deswegen noch lange nicht die Absicht, ihren Verstand zu verlieren, an den sie jetzt mehr denn je glaube, und ihr großes Ziel sei, alles in Harmonie aufzulösen: die Jugend zu ermutigen, sie zur Einsicht zu bringen, plötzlich und unerwartet diesen Jünglingen zu eröffnen, daß alle ihre Absichten bereits bekannt seien, und sie dann auf neue Ziele und eine vernünftige, segensreiche Tätigkeit hinzuweisen.

Doch was geschah nun mit Andrei Antonowitsch! Als er erfuhr, daß Pjotr Stepanowitsch ihn wieder übertölpelt und sich offen über ihn lustig gemacht, daß er ihr weit mehr und viel früher als ihm alles mitgeteilt hatte, und schließlich, daß vielleicht gerade Pjotr Stepanowitsch der Urheber aller verbrecherischen Absichten war – da geriet er einfach außer sich. „So wisse denn, du einfältiges, hämisches Frauenzimmer,“ schrie er, gleichsam alle Ketten sprengend, „wisse denn, daß ich deinen verächtlichen Liebhaber im Augenblick noch verhaften lasse, ihn in Ketten lege und in eine Kasematte werfe, oder – sofort unter deinen Augen aus dem Fenster auf die Straße springe!“ Auf diese Tirade aber antwortete Julija Michailowna, fahl vor Ärger, mit einem langen, hellen Gelächter, einem Gelächter mit Abstufungen und Anschwellungen, genau, aber genau so wie im französischen Theater die für hunderttausend Francs engagierte Pariser Schauspielerin zu lachen pflegt, wenn ihr Mann es wagt, sie der Untreue zu verdächtigen. Von Lembke stürzte zum Fenster, plötzlich aber blieb er wie angewachsen stehen, faltete die Hände auf der Brust und blickte sich totenbleich mit Unheil verkündendem Blick nach der Lachenden um: „Weißt du, weißt du, Julä ...“ murmelte er atemlos, mit beschwörender Stimme, „weißt du, ich kann mir wirklich etwas antun!“ Aber dem neuen, noch stärkeren Gelächter, das diesen Worten folgte, hielt er nicht mehr stand: er biß die Zähne zusammen, stöhnte und plötzlich stürzte er sich – nicht aus dem Fenster, sondern – auf seine Frau, über der er die Faust erhob! Doch er ließ sie nicht sinken, nein, dreimal nein; aber er verging auf der Stelle. Ohne die Füße unter sich zu spüren, stürzte er in sein Zimmer, wo er sich, so wie er war, in den Kleidern auf das Bett warf und den Kopf in die Decke wickelte. So lag er zwei Stunden lang – ohne Schlaf, ohne Gedanken, mit einem Stein auf dem Herzen und mit stumpfer, unbeweglicher Verzweiflung in der Seele. Hin und wieder erschauerte er am ganzen Körper unter einem quälenden Schüttelfrost. Gedanken hatte er nicht, doch fielen ihm allerhand unzusammenhängende Sachen ein, die mit seinem jetzigen Zustande nichts zu tun hatten: so dachte er zum Beispiel an eine alte Wanduhr, die er vor fünfzehn Jahren in Petersburg besessen hatte und von der der große Zeiger abgefallen war ... oder an seinen lustigen Freund Milbois – wie dieser einmal mit ihm im Alexanderpark einen Sperling gefangen und darauf furchtbar über diesen Jungenstreich gelacht hatte, als es ihnen plötzlich einfiel, daß der eine von ihnen schon „Kollegien-Assessor“ war. Erst gegen sieben Uhr morgens schlief er langsam ein, ohne es selbst zu merken, und schlief ruhig und mit wundervollen Träumen. Erst gegen zehn Uhr erwachte er, besann sich, sprang plötzlich wild auf und schlug sich mit der Hand vor die Stirn: jäh war ihm alles wieder eingefallen. Weder das Frühstück, noch Blümer, noch der Polizeimeister, noch Beamte mit Meldungen wurden vorgelassen, von all dem wollte er nichts mehr wissen – lief vielmehr wie von Sinnen in die Gemächer seiner Frau. Dort aber sagte ihm Sophia Antropowna, eine adlige alte Frau, die schon lange bei Julija Michailowna lebte, daß diese bereits vor einer Stunde mit einer ganzen Gesellschaft, in nicht weniger als drei Equipagen, nach Skworeschniki zu Warwara Petrowna Stawrogina gefahren sei, um dort die Säle zu besichtigen, da man das zweite Fest, das in zwei Wochen stattfinden sollte, dort zu arrangieren beabsichtigte, und der heutige Besuch schon vor drei Tagen mit Warwara Petrowna verabredet worden war. Bestürzt kehrte Andrei Antonowitsch in sein Arbeitszimmer zurück und befahl sofort, die Pferde anzuschirren. Kaum hielt er es aus, so lange zu warten, bis der Wagen vorfuhr. Seine Seele sehnte sich nach Julija Michailowna – nur sehen wollte er sie, nur ein paar Minuten lang bei ihr sein! Vielleicht wird sie ihm einen Blick schenken? ihm zulächeln wie früher? und ihm verzeihen? Oh – oh! „Wo bleiben denn die Pferde!“ Mechanisch schlug er ein dickes Buch auf, das auf dem Tisch lag (es kam vor, daß er zuweilen so ein Buch befragte, indem er es aufs Geratewohl aufschlug und dann auf der rechten Seite die ersten drei Zeilen las). Sein Blick fiel auf den Satz: „Tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles.[165] Voltaire, „Candide“. Er spuckte wütend aus und eilte die Treppe hinab zum vorgefahrenen Wagen. „Nach Skworeschniki!“ befahl er. Der Kutscher erzählte später, der Herr habe ihn die ganze Zeit zu schnellerem Fahren angetrieben, bis er plötzlich, als sie sich dem Herrenhause näherten, befahl, umzukehren und in die Stadt zurück zu fahren. „Schneller, schneller!“ habe er auch dann noch ununterbrochen gerufen. „Doch als wir uns dem Stadtwall näherten,“ erzählte der Kutscher, „da befahl der Herr, wieder anzuhalten, stieg dann aus und ging aufs Feld, ich dachte ... aus irgendeinem Grunde ... – aber nein, er blieb mitten im Feld stehen und begann die Blümchen zu besehen ... so stand er dann lange Zeit, so daß ich gar nicht mehr wußte, was ich denken sollte.“ Ich erinnere mich noch des Wetters an jenem Morgen: es war ein kalter und klarer, doch windiger Septembertag. Vor Andrei Antonowitsch, der vom Wege aufs Feld getreten war, lag die herbe Landschaft der kahlen Felder, von denen das Getreide schon längst fortgeschafft war; der rauschende Wind schaukelte noch hier und da armselige Stiele vergilbter Feldblumen ... Wollte er vielleicht sich und sein Schicksal mit den spärlichen, von Wind und Frost schon siechen und zerzausten Feldblumen vergleichen? Das glaube ich nicht. Ja, ich bin sogar überzeugt, daß Lembke die Blumen kaum bemerkt hat, daß er vielmehr alles, was er tat, ganz gedankenlos tat. Doch was man jedenfalls mit Sicherheit weiß, ist nur, daß jener Polizeioffizier des ersten Stadtreviers, der ihm mit dem Wagen des Polizeimeisters nachgeschickt ward, den Gouverneur unterwegs tatsächlich mit einem Strauß gelber Blümchen in der Hand antraf. Dieser Polizeioffizier, – Wassilij Iwanowitsch Flibustjeroff mit Namen, ein Beamter mit Begeisterung für seinen Beruf – war auch erst seit kurzer Zeit in unserer Stadt, doch hatte er sich nichtsdestoweniger durch seinen unmäßigen Diensteifer und seinen angeboren unnüchternen Zustand schon allgemein bekannt gemacht. Kaum hatte er den Gouverneur erblickt, als er sofort aus dem Wagen sprang, um, ohne Rücksicht auf das Blumenbukett, sofort zu melden:

„Exzellenz, in der Stadt ist Aufruhr.“

„Wie?“ fragte Andrei Antonowitsch, mit strengem Gesicht sich umwendend, doch ohne jedes Erstaunen, ganz wie er gewöhnlich in seinem Kabinett zu fragen pflegte.

„Pristaff des ersten Reviers, Flibustjeroff, Exzellenz. In der Stadt ist Aufruhr!“

„Flibustier?“ wiederholte Andrei Antonowitsch nachdenklich.

„Zu Befehl, Exzellenz. Die Spigulinschen sind aufständisch.“

„Die Spigulinschen! ...“

Irgendetwas schien ihm beim Namen Spigulin einzufallen. Er zuckte sogar zusammen und legte den Zeigefinger an die Stirn: „Die Spigulinschen!“ Schweigend und immer noch nachdenklich ging er, ohne sich zu beeilen, zum Wagen zurück, setzte sich und befahl, nach der Stadt zu fahren. Flibustjeroff fuhr im Wagen des Polizeimeisters hinter ihm her.

Ich glaube, Lembke wird unterwegs unklar an sehr verschiedene Sachen gedacht haben: doch es ist kaum anzunehmen, daß er, als er in die Stadt einfuhr, irgend eine bestimmte Absicht gehabt, noch sich eine Vorstellung von dem gemacht habe, was geschehen war. Als er aber plötzlich auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude die fest und ruhig wartenden „Aufständischen“, die Reihe der Polizisten und den machtlosen – vielleicht auch absichtlich machtlosen – Polizeimeister erblickte, da strömte ihm alles Blut zum Herzen. Totenbleich stieg er aus dem Wagen.

„Die Mützen ab!“ sagte er kaum hörbar und atemlos. „Auf die Kniee!“ rief er dann plötzlich laut – am unerwartetsten wohl für ihn selbst. Und vielleicht war es gerade diese erschreckende Überraschung, die alles Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; für solche Menschen aber ist es am gefährlichsten, wenn es einmal geschieht, daß ihr „Schlitten“ sich auf irgendeine Weise losreißt und den Berg hinabsaust.

Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen.

„Flibustier!“ rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz sinnlos, und seine Stimme brach plötzlich ab. Er stand und wußte noch nicht, was er tun würde, doch fühlte er mit jeder Fiber, daß er sofort irgend etwas tun werde.

„Herrgott!“ hörte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich, drei, vier wollten tatsächlich niederknieen, doch da schoben sich die anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und plötzlich fingen sie alle auf einmal zu sprechen an: „Exzellenz ... General ...“ riefen sie durcheinander, „wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ... kannst du nicht ein Wort einlegen ...“ usw., usw. Man konnte nichts verstehen.

Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betäubt da, begriff nichts und hielt immer noch die Blümchen in der Hand. Den „Aufruhr“ glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien bringen sollte. Und zu alledem kam für ihn jetzt noch, daß er zwischen der Menge der „Aufständigen“, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten, plötzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute „aufwiegeln“ sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den er ständig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaßten Pjotr Stepanowitsch.

„Ruten!“ schrie von Lembke plötzlich noch überraschender.

Totenstille trat ein.

Das war der Anfang – wenigstens soweit mir alles Nähere bekannt geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklären vermag. Doch die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbürgt, und auch ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. Übrigens gibt es noch einige Tatsachen.

Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon während der Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, höchstens drei, doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, daß alle oder die Hälfte der Arbeiter durchgeprügelt worden seien. Nicht wahr ist gleichfalls, daß man eine anständige vorübergehende Dame ergriffen und gleichfalls durchgeprügelt habe, wie später eine Petersburger Zeitung zu berichten wußte. Viel wurde ferner von einer Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem Armenhause, von der es hieß, sie habe, als sie auf dem Heimwege von einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte, sich in verständlicher Neugier vorgedrängt, und als sie sah, was da geschah, „solch eine Schmach!“ ausgerufen und dazu ausgespieen. Und dafür, so hieß es, hatte man sie sofort gleichfalls „beschlagnahmt“. Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwähnt, sondern man begann im Eifer sogar schon für sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, daß es eine solche Tarapygina hier überhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persönlich im Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer Tarapygina nie auch nur etwas gehört, ja, man war sogar richtig beleidigt, als ich zur Aufklärung der Sache das erwähnte Gerücht mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier überhaupt wiedergebe, so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden gewesen wäre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer ausgedrückt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, daß Stepan Trophimowitsch mir plötzlich abhanden kam, kaum daß wir auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht über den Platz, hinführen, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, – und da war Stepan Trophimowitsch plötzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir sofort, daß er bestimmt an der gefährlichsten Stelle am ehesten zu finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fühlte ich, daß auch bei ihm „der Schlitten“ sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich weiß noch, ich erfaßte schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit unermeßlicher Überlegenheit an.

Cher,“ sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene Saite klang, „wenn man schon öffentlich hier auf dem Platz so zeremonielos verfährt, was soll man dann noch von diesem erwarten ... wenn er selbständig handeln dürfte?“

Und er wies zitternd vor Unwillen, mit dem heißen Verlangen, jemanden herauszufordern, auf den zwei Schritt vor uns stehenden und uns anstarrenden Flibustjeroff.

Diesem?“ rief Flibustjeroff sofort zornbebend und es wurde ihm offenbar dunkel vor den Augen. „Was für einen ‚diesen‘? Wen meinst du damit hier? wer bist du überhaupt?“ schrie er uns an, mit geballter Faust auf uns zutretend. „Wer bist du?“ brüllte er wild, bis zur Tollheit erregt vor Diensteifer und Dünkel (dabei kannte er Stepan Trophimowitsch von Ansehen sehr gut).

Noch einen Augenblick und der rasende Flibustjeroff hätte ihn schon am Kragen gepackt; doch zum Glück wandte auf das Gebrüll hin von Lembke den Kopf und sah verwundert doch aufmerksam auf Stepan Trophimowitsch: es war, als ob er nachdachte – plötzlich aber winkte er ungeduldig mit der Hand ab und Flibustjeroff stand sofort stramm. Ich zog meinen Freund schnell aus der Menge. Vielleicht hatte auch er schon genug davon.

„Gehen wir nach Hause, sofort,“ sagte ich in sehr bestimmtem Tone. „Wenn man Sie jetzt nicht geschlagen hat, so verdanken Sie das nur Herrn von Lembke.“

„Gehen Sie, mein Freund. Es war unrecht von mir, Sie mit hineinzuziehen. Sie haben noch eine Zukunft und eine Karriere vor sich, ich aber – mon heure a sonné.“[166]

Und er betrat festen Schrittes die Treppe des Gouvernementsgebäudes. Der Portier kannte mich: ich sagte ihm, daß wir beide zu Julija Michailowna wollten. Man führte uns in den Empfangssalon, wir setzten uns und warteten. Ich konnte meinen Freund nicht verlassen, zu sprechen aber, oder ihn zu bereden, hielt ich jetzt für überflüssig. Er sah aus, wie ein Mensch, der sich dem Tode fürs Vaterland geweiht hat. Wir setzten uns nicht nebeneinander, sondern er nahm in der einen Ecke Platz und ich in der gegenüberliegenden, die näher zur Eingangstür lag. Sein Blick war nachdenklich gesenkt, die Hände stützte er leicht auf den Silberknopf seines Stockes und den breitkrämpigen Hut hielt er müde in der linken Hand. So saßen wir an die zehn Minuten.

II.

Plötzlich trat von Lembke, in Begleitung des Polizeimeisters, mit schnellen Schritten ins Zimmer. Er blickte uns nur zerstreut an und wollte rechts in sein Arbeitszimmer gehen, doch schon stand Stepan Trophimowitsch vor ihm und verlegte ihm den Weg. Die hohe Gestalt, ja, die ganze so anders als die anderen wirkende Erscheinung Stepan Trophimowitschs machte augenscheinlich Eindruck auf von Lembke: er blieb stehen.

„Wer ist das?“ murmelte er verwundert. Doch wandte er den Kopf nicht zum Polizeimeister, sondern sah dabei starr Stepan Trophimowitsch an.

„Kollegienassessor Stepan Trophimowitsch Werchowenski, Exzellenz,“ antwortete Stepan Trophimowitsch mit einer würdevoll gemessenen Neigung des Kopfes.

Seine Exzellenz fuhr fort, ihn anzusehen, doch übrigens mit einem ziemlich stumpfen Blick.

„Sie wünschen?“ fragte er mit dem bekannten Lakonismus der höheren Vorgesetzten, launisch, ungeduldig sein Ohr zu Stepan Trophimowitsch wendend, den er wohl für einen gewöhnlichen Bittsteller nahm.

„Ein Beamter hat heute im Namen Eurer Exzellenz eine Haussuchung bei mir vorgenommen: ich wünschte ...“

„Der Name, der Name?“ fragte von Lembke ungeduldig, als ob ihm plötzlich etwas einfiel.

Stepan Trophimowitsch nannte zum zweitenmal und noch würdevoller seinen Namen.

„A–a–ah! Das ist ... das ist dieses Freidenkernest ... Mein Herr, Sie haben sich in einer solchen Weise ... Sie sind Professor? Professor?“

„Ich hatte früher einmal die Ehre, der Jugend einige Kollegs zu lesen, an der ...schen Universität.“

„Der Ju–gend?“ von Lembke schrak sichtlich zusammen, wenn er auch – darauf könnte ich wetten – kaum begriff, worum es sich hier handelte, noch mit wem er eigentlich sprach.

„Das, mein Herr, das lasse ich nicht zu!“ rief er plötzlich furchtbar erregt und aufgebracht. „Ich dulde keine Jugend! Das sind alles die Proklamationen. Das ist ein Angriff auf die Gesellschaft, mein Herr! Ein Angriff zur See! Ist Seeräuberei! Flibustjerismus! – Was wünschen Sie?“

„Im übrigen hat mich noch Ihre Frau Gemahlin gebeten, morgen auf dem Fest vorzulesen. Ich habe nicht die Absicht, hier um etwas zu bitten. Ich bin gekommen, um mein Recht zu verlangen ...“

„Auf dem Fest? Das Fest wird nicht stattfinden! Ich untersage euer Fest! Kollegs? Kollegs?“ rief Lembke wie toll.

„Ich würde Sie sehr bitten, ein wenig höflicher mit mir zu sprechen, Exzellenz, und mich nicht anzuschreien wie einen Schuljungen.“

„Sie ... vielleicht begreifen Sie, mit wem Sie sprechen?“ fragte plötzlich von Lembke errötend.

„Vollkommen, Exzellenz.“

„Ich beschütze mit meiner Person die Gesellschaft, Sie aber wollen sie zerstören! ... Sie ... Übrigens, ich erinnere mich jetzt ..., waren Sie nicht Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina?“

„Ja, ich war ... Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina.“

„Und im Laufe von zwanzig Jahren sind Sie das Treibbeet alles dessen gewesen, was jetzt ausgebrochen ist ... alle Früchte ... Ich glaube, ich habe Sie soeben auf dem Platz gesehen. Hüten Sie sich, mein Herr, hüten Sie sich! Ihre Gedankenrichtung ist bekannt! Seien Sie überzeugt, daß ich das nicht aus dem Auge lasse! Ich kann Ihre Kollegs nicht gestatten, mein Herr, ich kann nicht! Mit solchen Bitten wenden Sie sich nicht an mich.“

Und von Lembke wollte wieder in sein Arbeitszimmer treten.

„Ich wiederhole, daß Sie sich täuschen, Exzellenz: es ist Ihre Frau Gemahlin, die mich gebeten hat – nicht ein Kolleg zu lesen, sondern morgen auf dem Fest etwas Literarisches vorzutragen. Doch jetzt werde ich mich selbst davon zurückziehen. Meine untertänigste Bitte ist nur, mir, falls möglich, zu erklären: warum man heute bei mir eine Haussuchung vorgenommen hat? Man hat mir einige Bücher und Papiere genommen, mir teure Privatbriefe, und auf einer Schiebkarre durch die Stadt ...“

„Wer hat das getan?“ fuhr Lembke, plötzlich ganz zur Besinnung kommend, auf und wandte sich hastig zum Polizeimeister.

In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür und die lange, plumpe Gestalt Blümers erschien. „Da! dieser selbe Beamte war es, Exzellenz,“ sagte Stepan Trophimowitsch schnell, der den Eintretenden sofort bemerkt hatte.

Blümer trat mit zwar schuldbewußtem, doch durchaus nicht nachgiebigem Ausdruck näher.

Vous ne faites que des bêtises![167] warf ihm von Lembke ärgerlich zu, und plötzlich verwandelte er sich vollständig, als käme er erst jetzt völlig zu sich.

„Verzeihen Sie ...“ sagte er ungewöhnlich verwirrt zu Stepan Trophimowitsch und errötete dabei stark, „das war alles wahrscheinlich nur eine Ungewandtheit, ein Mißverständnis ... nur ein Mißverständnis.“

„Exzellenz,“ bemerkte Stepan Trophimowitsch, „in meiner Jugend war ich einmal Augenzeuge eines charakteristischen Vorfalls. Im Foyer eines Theaters trat irgend jemand auf einen Herrn zu und gab ihm vor dem ganzen Publikum eine schallende Ohrfeige. Gleich darauf bemerkte er, daß der Herr, dem er die Ohrfeige gegeben, durchaus nicht derselbe war, dem er sie hatte geben wollen, sondern ihm nur ähnlich sah, und geärgert sagte er – dabei eilig, ganz wie ein Mensch, der keine Zeit zu verlieren hat, – genau dieselben Worte, die Exzellenz soeben mir zu sagen beliebten: ‚Verzeihen Sie ... ich habe mich geirrt, das war ein Mißverständnis, nur ein Mißverständnis.‘ Und als der Beleidigte darauf immer noch gekränkt war und seiner Empörung Ausdruck gab, da sagte er schließlich ärgerlich: ‚Aber ich versichere Ihnen doch, daß das ein Mißverständnis war, was schreien Sie hier denn noch‘!“

„Das ... das ist natürlich komisch ...“ sagte von Lembke und verzog seinen Mund zu einem Lächeln.

„Aber ... aber sehen Sie denn nicht, wie unglücklich ich selbst bin?“

Er schrie es beinahe heraus und wollte schon, glaube ich, das Gesicht mit den Händen bedecken.

Dieser unerwartete gequälte Ausruf, dieser erstickte Schmerz machten einen unerträglichen Eindruck. Es war wohl der Augenblick des ersten Erwachens, des ersten klaren Erkennens alles dessen, was seit dem vergangenen Tage geschehen war – und gleich darauf vollständige, erniedrigende, sich ergebende Verzweiflung; wer weiß, vielleicht hätte er schon im nächsten Augenblick laut geschluchzt. Stepan Trophimowitsch sah ihn zuerst erschrocken an, dann senkte er plötzlich den Kopf und sagte mit einer tief mitfühlenden Stimme:

„Exzellenz, beunruhigen Sie sich weiter nicht wegen meiner kleinlichen Klage, und befehlen Sie nur, daß man mir meine Bücher und Briefe zurückschickt ...“

Er wurde unterbrochen. Gerade in diesem Augenblick kehrte Julija Michailowna mit der ganzen sie begleitenden Schar aus Skworeschniki zurück.

III.

Das erste war, daß sämtliche Insassen der drei Equipagen fast alle zugleich in den Salon drängten. Eigentlich ging man in Julija Michailownas Gemächer unmittelbar vom Vestibül aus nach links; doch diesmal drängten alle nach rechts in den großen Empfangssalon – wohl bloß deshalb, weil Stepan Trophimowitsch sich in ihm befand. Davon und von allem Vorgefallenen wie auch von dem „Aufstand“ der Spigulinschen Arbeiter waren sie schon durch Lämschin unterrichtet worden. Dieser war zur Strafe für irgendeine neue Unart nicht mitgenommen worden – und so hatte er, der alles sogleich erfahren und teilweise selbst mit angesehen, schnell in hämischer Schadenfreude ein altes Kosakenpferd bestiegen und war der heimkehrenden Kavalkade entgegengeritten.

Julija Michailowna wird, denke ich mir, denn doch einigermaßen bestürzt gewesen sein, trotz ihrer „höheren Entschlossenheit“, als sie solche Neuigkeiten vernehmen mußte; aber wohl nur auf einen Augenblick. Die politische Seite der Frage konnte sie nicht weiter beunruhigen, denn Pjotr Stepanowitsch hatte ihr schon viermal gesagt, daß man die Spigulinschen Frechlinge einfach alle durchprügeln müsse: Pjotr Stepanowitsch aber war seit einiger Zeit eine ungeheuere Autorität für sie. „Er wird es mir schon bezahlen müssen,“ dachte sie bei sich, wobei das „Er“ sich natürlich auf ihren Mann bezog. Ich muß noch bemerken, daß Pjotr Stepanowitsch gleichfalls an der allgemeinen Ausfahrt nicht teilgenommen hatte und seit dem frühesten Morgen von niemandem gesehen worden war. Erwähnen muß ich auch noch, daß Warwara Petrowna, nachdem sie die Gäste in Skworeschniki empfangen hatte, mit ihnen zusammen (in einem Wagen mit Julija Michailowna) in die Stadt zurückgekehrt war, um an der letzten Sitzung des Komitees teilzunehmen. Natürlich mußten die von Lämschin gebrachten Nachrichten, die Stepan Trophimowitsch betrafen, sie gleichfalls interessieren, vielleicht aber regten sie sie sogar auf.

Die Heimzahlung, die Julija Michailowna sich vorgenommen hatte, ihrem Mann zu teil werden zu lassen, begann sofort, als sie in den Empfangssalon trat: das fühlte Lembke selbst schon nach dem ersten Blick auf seine schöne Gattin. Mit dem offensten, bezauberndsten Lächeln ging sie schnell auf Stepan Trophimowitsch zu, streckte ihm das elegant behandschuhte Händchen entgegen und überschüttete ihn mit den schmeichelhaftesten Worten – ganz als ob an diesem Vormittage all ihr Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet gewesen wäre, Stepan Trophimowitsch ihr Entzücken darüber auszudrücken, daß sie ihn endlich bei sich begrüßen durfte. Über die Haussuchung verlor sie kein einziges Wort, nicht eine Silbe, als hätte sie überhaupt nichts davon gewußt. Kein Wort an ihren Mann, kein Blick auf ihn – als wenn er gar nicht anwesend gewesen wäre! Dabei schien ihr das noch nicht einmal genug zu sein, sie nahm vielmehr Stepan Trophimowitsch einfach für sich in Beschlag und führte ihn mit sich in die andere Ecke des Salons, was so viel heißen sollte wie: daß sie es gar nicht für wert hielt, daß sein Gespräch mit Lembke, in dem er doch offenbar begriffen gewesen war, zu Ende geführt wurde. Ich glaube, daß Julija Michailowna damit trotz ihres so sicheren Auftretens doch wieder einen Fehler machte. Und hierbei half ihr dann noch Karmasinoff (der diesmal auf ihre besondere Bitte an der Fahrt teilgenommen und bei dieser Gelegenheit Warwara Petrowna gewissermaßen doch noch seinen Besuch gemacht hatte, worüber diese in ihrer kleinen Eitelkeit geradezu entzückt war). Karmasinoff trat als letzter in den Empfangssalon und rief, kaum daß er Stepan Trophimowitsch erblickte, noch in der Tür stehend, sogleich aufs Lebhafteste:

„Wieviel Jahre, wieviel Lenze! Endlich ... Excellent ami![168]

Und er trippelte auf Stepan Trophimowitsch zu, ohne darauf zu achten, daß er sogar Julija Michailowna unterbrach, und hielt ihm seine Wange zum Kuß hin.

Cher,“ sagte mir Stepan Trophimowitsch noch am selben Abend, als er über die Erlebnisse dieses Vormittags sprach, „in jenem Augenblick dachte ich: wer ist nun von uns beiden gemeiner? Er, der mich umarmt, um mich zu erniedrigen, oder ich, der ich ihn samt seiner Wange verachte und doch küsse, obgleich ich mich einfach abwenden könnte ... O pfui!“

„Nun, erzählen Sie, erzählen Sie doch alles, was Sie inzwischen erlebt haben,“ lispelte Karmasinoff in seiner manierierten Sprechweise, – als ob man das ganze Leben von fünfundzwanzig Jahren so einfach vornehmen und erzählen könnte. Aber diese törichte Oberflächlichkeit war nun einmal „höherer“ Ton.

„Erinnern Sie sich, wir haben uns zuletzt in Moskau beim Diner zu Ehren Granowskis gesehen, und seitdem sind vierundzwanzig Jahre vergangen ...“ begann Stepan Trophimowitsch ruhig und vernünftig (also sehr wenig im „höheren“ Tone).

Ce cher homme,“[169] unterbrach ihn Karmasinoff familiär mit seiner kreischenden Stimme und faßte ihn mit freundschaftlicher Vertraulichkeit an der Schulter. „Aber Julija Michailowna, so bringen Sie uns doch schnell zu sich hinüber! Dort wird er sich dann hinsetzen und uns alles erzählen.“

„Dabei bin ich mit diesem alten, reizbaren Weibe von Mann nie Freund gewesen!“ fuhr am selben Abend Stepan Trophimowitsch zitternd vor Wut fort, sich bei mir zu beklagen. „Damals waren wir noch Jünglinge und schon damals begann ich, ihn zu hassen ... ganz wie er mich, natürlich ...“

Julija Michailownas Salon füllte sich schnell. Warwara Petrowna befand sich in ganz besonders gespannter Stimmung, wenn sie sich auch krampfhaft anstrengte, gleichmütig zu erscheinen. Ich bemerkte ein paarmal ihren gehässigen Blick auf Karmasinoff und manchen bösen Blick auf Stepan Trophimowitsch – böse schon im voraus, böse aus Eifersucht, aus Liebe: hätte Stepan Trophimowitsch jetzt in Gegenwart aller schlecht abgeschnitten oder hätte er sich von Karmasinoff irgend etwas bieten lassen, – ich glaube, sie wäre aufgesprungen und hätte ihn womöglich geschlagen.

Ich vergaß, zu erwähnen, daß auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte ich sie fröhlicher, sorgloser, glücklicher gesehen. Selbstverständlich war auch Mawrikij Nicolajewitsch zugegen. Außerdem bemerkte ich unter den jungen Leuten, die Julija Michailownas ständiges Gefolge waren und von denen Zeremonielosigkeit für Lustigkeit und billiger Zynismus für Intelligenz gehalten wurde, zwei oder drei neue Persönlichkeiten: irgendeinen angereisten, auffallend scharwenzelnden Polen, einen deutschen Doktor – ein schon ältlicher Mann, der keinen Augenblick stillsitzen konnte und laut und mit Genuß in jeder Minute über seine eigenen Witze lachte – und irgendeinen sehr jungen Petersburger Fürsten, eine automatische Figur mit Diplomatenhaltung und in furchtbar hohem Kragen – ein Gast, den Julija Michailowna augenscheinlich ganz besonders schätzte und vor dessen Kritik ihr vielleicht sogar bangte, wenn sie an den Ton in ihrem Salon dachte ...

Cher monsieur Karmazinoff,“ begann Stepan Trophimowitsch, der sich malerisch auf einen Diwan setzte und plötzlich die Worte ganz wie Karmasinoff manieriert skandierte, „cher monsieur Karmazinoff, das Leben eines Menschen unserer früheren Zeit muß, besonders wenn er gewisse Überzeugungen hat, selbst in einem Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren eintönig erscheinen ...“

Der Deutsche lachte schallend, ja geradezu wiehernd auf, wahrscheinlich in dem Glauben, Stepan Trophimowitsch habe etwas überaus Komisches gesagt. Dieser sah sich mit ostentativer Verwunderung nach ihm um, doch auf den Lacher machte er damit gar keinen Eindruck. Der junge Fürst sah sich gleichfalls mitsamt seinem hohen Kragen um und setzte sogar den Zwicker auf, um den Deutschen besser betrachten zu können, blickte aber dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, völlig gleichgültig, ohne jede Neugier auf ihn.

„... eintönig erscheinen,“ wiederholte Stepan Trophimowitsch absichtlich. „So ist es auch mit meinem Leben in diesem ganzen Vierteljahrhundert, et comme on trouve partout plus de moines que de raison,[170] – und da ich dem vollkommen zustimme, so scheint es, daß ich in diesen fünfundzwanzig Jahren ...“

C’est charmant, les moines,“[171] flüsterte Julija Michailowna der neben ihr sitzenden Warwara Petrowna zu.

Warwara Petrowna antwortete ihr darauf mit einem stolzen Blick.

Karmasinoff aber ertrug den Erfolg der französischen Phrase nicht und fiel mit seiner kreischenden Stimme Stepan Trophimowitsch schnell ins Wort:

„Was mich betrifft, so bin ich in der Beziehung vollkommen beruhigt und sitze jetzt schon das siebente Jahr in Karlsruhe. Ja, als im vorigen Jahr der Stadtrat dortselbst beschloß, ein neues Wasserleitungsrohr zu legen, da fühlte ich in meinem Herzen, daß diese Karlsruher Wasserleitungsfrage mir teurer und lieber war, als die gesamten Fragen meines lieben Vaterlandes ... wenigstens für die Zeit der sogenannten russischen Reformen.“

„Sehe mich gezwungen, zu gestehen, daß ich Ihnen das nachfühlen kann, wenn auch gegen mein Herz,“ sagte Stepan Trophimowitsch halb aufseufzend und senkte vielsagend den Kopf.

Julija Michailowna triumphierte: das Gespräch wurde sowohl tief wie tendenziös.

„Eine Röhre für den ... Schmutz?“ erkundigte sich laut der Doktor.

„Ein Abzugsrohr, Doktor, ein Abzugsrohr, und ich habe damals selbst mitgeholfen, das Projekt auszuarbeiten.“

Der Doktor lachte wieder schallend auf. Nun begannen auch die anderen zu lachen, doch lachten sie jetzt schon dem Deutschen offen ins Gesicht, was dieser aber gar nicht gewahrte – im Gegenteil, er schien sogar sehr vergnügt darüber zu sein, daß endlich alle mitlachten.

„Erlauben Sie, Ihnen einmal nicht beizustimmen, Karmasinoff,“ beeilte sich Julija Michailowna zu bemerken. „Ich habe sonst nichts gegen Karlsruhe, aber Sie lieben zu mystifizieren, und diesmal glauben wir Ihnen nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele zeitgenössische und echt russische Typen geschaffen, ist so vielen zeitgenössischen und echt russischen Fragen auf den Grund gegangen und hat so richtig jene Hauptmomente unserer Zeit erkannt, die den Typ des heute wirkenden Menschen bestimmen, wie gerade Sie, Sie allein von allen? Und nun, bitte, versuchen Sie uns noch Ihre Gleichgültigkeit gegen das Vaterland und Ihr ungeheueres Interesse für die Karlsruher Leitungsrohrangelegenheit glauben zu machen! Haha!“

„Ich habe allerdings,“ begann Karmasinoff geziert, „im Typ Pogosheff alle Fehler der Slawophilen gezeigt und im Typ Nikodimoff alle Fehler der Westler ...“

„Als ob er damit wirklich schon alle gezeigt hätte!“ flüsterte Lämschin ganz leise seinem Nachbar zu.

„... aber das tue ich nur so nebenbei, nur um die überflüssige Zeit irgendwie totzuschlagen und ... um alle diese aufdringlichen Anforderungen und Erwartungen meiner Landesgenossen zu befriedigen.“

„Es wird Ihnen wohl schon bekannt sein, Stepan Trophimowitsch,“ fuhr Julija Michailowna ganz bezaubert fort, „daß wir morgen das Vergnügen haben werden, etwas Wundervolles zu hören ... eine von den letzten und schönsten Inspirationen Semjon Jegorowitschs – sein ‚Merci‘. Er kündet in dieser Arbeit an, daß er künftig nichts mehr schreiben werde, unter keiner Bedingung, für keinen Preis, selbst dann nicht, wenn ein Engel vom Himmel käme und ihn bäte, den unwiderruflichen Entschluß aufzugeben. Mit einem Wort, er legt jetzt die Feder für immer aus der Hand. Und dieses graziöse ‚Merci‘ ist an das Publikum gerichtet, ist sein Dank für die unermüdliche Begeisterung, mit der es so viele Jahre lang seine treue Arbeit für den russischen Gedanken begleitet hat.“

Julija Michailowna war auf der Höhe der Seligkeit.

„Ja, ich verabschiede mich, ich sage mein ‚Merci‘ und reise dann weg, und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schließen,“ bemerkte Karmasinoff, den das Mitleid mit sich selbst mehr und mehr ergriff.

Wie so viele unserer großen Schriftsteller (und wir haben ungeheuer viel große Schriftsteller) konnte er Lobsprüche nicht gleichmütig hinnehmen, sondern wurde ungeachtet seines ganzen Scharfsinnes sofort schwach und weich. Aber ich denke, das ist am Ende verzeihlich. Erzählt man doch, daß einer von unseren Shakespeares in einem Privatgespräch ganz offen gesagt habe: „Ja, wir großen Männer, wir“ usw., und zwar ohne daß es ihm selbst aufgefallen wäre.

„Ja, dort in Karlsruhe schließe ich dann für immer meine Augen. Uns großen Männern bleibt ja nichts anderes übrig, als, nachdem wir unser Werk getan, schnell die Augen zu schließen, ohne noch lange auf Dank zu warten. So werde auch ich es denn machen.“

„Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich nach Karlsruhe zu Ihrem Grabe pilgern kann!“ rief der Deutsche und lachte selbst maßlos laut darüber.

„Jetzt kann man Tote auch mit der Eisenbahn versenden,“ sagte plötzlich einer der unbedeutenderen jungen Herren.

Lämschin quiekte nur so vor Vergnügen. Julija Michailowna zog, peinlich berührt, die Brauen zusammen.

In diesem Augenblick trat Nicolai Stawrogin ein.

„Und mir hat man gesagt, Sie wären aufs Polizeibureau gebracht worden?“ sagte er, sich gleich an Stepan Trophimowitsch wendend.

„Nein, es war im ganzen nur ein ... bureaukratischer Zwischenfall,“ antwortete Stepan Trophimowitsch lächelnd.

„Ich kann aber versichern, daß dieses Mißverständnis auf meine Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird,“ griff Julija Michailowna in das Gespräch ein. „Ich denke, daß Sie diese Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklärlich ist, nicht weiter beachten und uns trotzdem das Vergnügen bereiten werden, auf der literarischen Matinee etwas vorzutragen?“

„Ich weiß nicht ... jetzt ... eigentlich ...“

„Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglücklich ... und denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute, einen der bemerkenswertesten und unabhängigsten russischen Geister endlich persönlich kennen zu lernen, äußert Stepan Trophimowitsch plötzlich die Absicht, sich von uns zurückzuziehen.“

„Das Lob ist ja so laut, daß ich es wohl nicht hören soll,“ bemerkte Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prägend, „aber ich glaube nun einmal nicht, daß meine unwichtige Person für das Fest so unbedingt vonnöten sei. Übrigens, ich ...“

„Aber Sie verwöhnen ihn mir ja viel zu sehr!“ rief plötzlich Pjotr Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. „Kaum habe ich ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhätscheln ihn die Damen im Salon unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm muß ja jetzt jeder Knochen vor Entzücken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal träumen lassen, – kein Wunder, wenn er da anfängt, die Sozialisten anzuschwärzen.“

„Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu großer Gedanke, als daß Stepan Trophimowitsch das nicht auch einsähe,“ verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch.

„Der Gedanke ist zwar groß, doch seine Verkünder sind das nicht immer, mais brisons là, mon cher,“[172] sagte Stepan Trophimowitsch, sich mit weltmännischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn.

Da geschah plötzlich etwas völlig Unerwartetes.

Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewiß alle gesehen hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht weit von der Tür stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem Gesicht, dem Gespräch zugehört. Als jetzt die Bemerkungen über die Vorfälle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah plötzlich starr den jungen Fürsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte. Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein Ohr: er zuckte heftig zusammen, – und kaum hatte Stepan Trophimowitsch seine Sentenz über die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, daß er dabei Lämschin, der im Wege stand, zur Seite stieß. Lämschin sprang natürlich sofort mit gemachtem und übertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn wirklich furchtbar verletzt.

„Genug!“ rief dieser, indem er energisch die Hand des erschrockenen Stepan Trophimowitsch ergriff und sie mit aller Kraft in der seinigen drückte. „Genug, über die Flibustiers ist das Urteil schon gefällt. Kein Wort weiter. Ich habe schon Vorkehrungen getroffen ...“

Er sprach es laut und schloß mit scharfer Betonung. Der Eindruck, den seine Worte machten, war ein äußerst unangenehmer. Alle fühlten etwas Unheilvolles in der Luft. Ich sah, wie Julija Michailowna erbleichte. Der Eindruck wurde durch einen dummen Zufall abgeschlossen. Nachdem Lembke das von den Vorkehrungen gesagt hatte, wandte er sich schroff um und schritt schnell zur Tür, doch kurz bevor er sie erreichte, stolperte er über einen der Teppiche, klappte mit dem Oberkörper nach vorn und wäre beinahe gefallen. Einen Augenblick stand er stumm da, blickte auf die Stelle, wo er gestolpert war, sagte laut: „Das ist umzustellen,“ und verließ das Zimmer. Julija Michailowna erhob sich sofort und ging ihm eilig nach. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, da sprach und tuschelte schon alles durcheinander, so daß es schwer war, aus dem Gewirr klug zu werden. Die einen sagten, er sei „nervös“ und „überarbeitet“; andere wollten gehört haben, daß er gewissen Anfällen ausgesetzt sei; die dritten tippten heimlich mit dem Finger an die Stirn, und in einer Ecke, im Kreise der Jugend, hielt Lämschin sogar zwei Finger wie Hörnchen an die Stirn. Ja, man machte Andeutungen, munkelte von Familienszenen – doch sprach man davon selbstverständlich nicht laut, sondern nur flüsternd. Jedenfalls dachte niemand daran, jetzt fortzugehen; und vorläufig wartete man. Ich weiß nicht, was Julija Michailowna inzwischen hatte ausrichten können, doch schon nach einigen fünf Minuten kam sie zurück, und man merkte ihr nur an, daß sie sich sehr zusammennahm, um ruhig zu erscheinen. Sie antwortete ausweichend, sagte, Andrei Antonowitsch sei ein wenig erregt, aber das habe nichts auf sich, das wiederhole sich bei ihm schon von Kindheit an, sie wisse das alles „ganz genau“, und selbstredend werde das Fest morgen ihn wieder erheitern. Darauf richtete sie noch ein paar schmeichelhafte Worte an Stepan Trophimowitsch, jedoch nur um der gesellschaftlichen Form willen, und dann forderte sie mit erhobener Stimme die Mitglieder des Komitees auf, jetzt sofort mit der Sitzung zu beginnen. Nun erst begannen die anderen aufzubrechen, doch die beklagenswerten Vorfälle dieses verhängnisvollen Tages waren noch nicht zu Ende ...

Schon in dem Augenblick, als Nicolai Stawrogin eintrat, hatte ich bemerkt, daß Lisa ihn schnell und forschend ansah und dann lange den Blick nicht von ihm abwandte, so lange nicht, daß es bereits auffiel. Ich sah, wie Mawrikij Nicolajewitsch, der hinter ihrem Stuhle stand, sich niederbeugte, wie um ihr etwas zu sagen, doch plötzlich seine Absicht wieder aufgab und sich schnell aufrichtete, worauf er mit schuldbewußtem Blick die Anwesenden überflog. Auch Nicolai Stawrogin erregte einige Neugier: sein Gesicht war bleicher als sonst und sein Blick ungewöhnlich zerstreut. Nachdem er beim Eintreten seine Frage an Stepan Trophimowitsch gerichtet hatte, vergaß er ihn gleich wieder – ja, ich glaube, vergaß sogar, zur Hausfrau zu treten. Lisa sah er kein einziges Mal an, doch nicht etwa, weil er es nicht wollte, sondern weil er, wie ich mit Sicherheit behaupten kann, auch sie nicht bemerkte. Und nun, in der Stille, die Julija Michailownas Aufforderung an die Mitglieder des Komitees folgte, hörten wir plötzlich Lisas klare und absichtlich laute Stimme:

„Nicolai Wszewolodowitsch, mir schreibt irgendein Hauptmann, der sich für Ihren Verwandten ausgibt, für den Bruder Ihrer Frau, ein Hauptmann namens Lebädkin, fortwährend unanständige Briefe, in denen er sich über Sie beklagt und sich bereit erklärt, Geheimnisse, die Sie betreffen, mir mitzuteilen. Wenn Sie tatsächlich sein Verwandter sind, so verbieten Sie ihm doch derlei Beleidigungen und befreien Sie mich von diesen Belästigungen.“

Eine ungeheuere Herausforderung lag in diesen Worten, und das begriffen alle. Die Beschuldigung lag auf der Hand, wenn sie auch für sie selbst vielleicht ganz überraschend kam. Es war, wie wenn ein Mensch die Augen schließt, die Zähne zusammenbeißt und sich vom Dach hinabstürzt.

Doch die Antwort Nicolai Stawrogins war noch sonderbarer. Vor allem war schon das seltsam, daß er durchaus nicht erstaunt oder erschrocken zu sein schien und Lisa bis zum Schluß mit der ruhigsten Aufmerksamkeit anhörte. Weder Verwirrung noch Zorn drückte sich auf seinem Gesicht aus. Und einfach, fest, sogar mit voller Bereitwilligkeit, antwortete er auf die verhängnisvolle Frage:

„Ja, ich habe das Unglück, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin der Mann seiner Schwester, der geborenen Lebädkina, jetzt schon seit fast fünf Jahren. Seien Sie versichert, daß ich ihm Ihre Forderungen in kürzester Zeit ausrichten werde, und ich verbürge mich dafür, daß er Sie hinfort nicht mehr belästigen wird.“

Nie werde ich das Entsetzen vergessen, das sich in Warwara Petrownas Gesicht ausdrückte. Wie von Sinnen erhob sie sich von ihrem Stuhl und streckte langsam wie zur Abwehr die rechte Hand vor sich aus. Nicolai Wszewolodowitsch sah sie an, sah Lisa an, die Zuschauer, und plötzlich lächelte er mit grenzenlosem Hochmut; und wortlos, ohne sich zu beeilen, verließ er den Salon. Alle sahen, wie Lisa vom Diwan aufsprang, kaum daß Stawrogin sich zur Tür wandte, und bereits eine Bewegung machte, um ihm nachzueilen, doch schon im nächsten Augenblick kam sie zur Besinnung und lief nicht, sondern ging still und leise, gleichfalls ohne ein Wort zu sagen und ohne jemanden anzusehen, hinaus, natürlich in Begleitung Mawrikij Nicolajewitschs, der sofort an ihrer Seite war ...

Von der Aufregung und dem Gerede an diesem Abend in der Stadt schweige ich lieber. Warwara Petrowna hatte sich in ihrem Stadthause eingeschlossen, und Nicolai Wszewolodowitsch war, wie man zu berichten wußte, ohne die Mutter gesehen zu haben, nach Skworeschniki gefahren. Stepan Trophimowitsch bat mich am Abend, zu „cette chère amie[173] zu gehen und anzufragen, ob er nicht zu ihr kommen dürfe. Ich wurde aber nicht empfangen. Er war maßlos erschüttert und weinte sogar. „Solch eine Ehe! Solch eine Ehe! Solch ein Schrecken in der Familie!“ wiederholte er einmal über das andere. Aber zwischendurch gedachte er doch auch Karmasinoffs und schimpfte furchtbar über ihn. Zu dem Vortrag, den er auf der literarischen Matinee am nächsten Tage halten wollte, bereitete er sich eifrig vor, und – o künstlerische Natur! – tat es vor dem Spiegel. Und er suchte alle geistreichen Bemerkungen und alle Bonmots zusammen, die er je im Leben gemacht und die er in einem besonderen Heftchen notiert hatte, um sie nun in seinen Vortrag über die Sixtinische Madonna hineinzuflechten. „Mein Freund, ich tue das ja nur für die große Idee,“ sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen. „Cher ami, ich habe mich nach fünfundzwanzigjährigem Stillsitzen plötzlich von meinem Platze gerissen und bin losgefahren, wohin – das weiß ich nicht, aber ich bin losgefahren ...“