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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 105: IV.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Neuntes Kapitel.

I.

Der Tag hatte mit einer Katastrophe geendet, aber es blieb noch die Nacht. Was ich von dieser Nacht im Gedächtnis behalten habe, ist folgendes.

Ich glaube, es wird kurz nach zwölf gewesen sein, als ich mich so plötzlich wieder auf der Straße befand. Es war eine klare, stille, frostige Nacht. Ich lief fast und beeilte mich sehr, aber – nicht auf dem Wege nach Hause.

„Wozu nach Hause? Kann es denn für mich jetzt noch ein Zuhause geben? Zuhause ... da würde ich morgen aufwachen, um weiterzuleben! Aber ist denn das für mich jetzt noch möglich? Mein Leben ist zu Ende, jetzt kann ich doch unter keinen Umständen mehr leben!“ Und so irrte ich durch die Straßen, ohne darauf zu achten, wohin ich ging, ja, ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt ein Ziel hatte, wohin ich laufen wollte. Mir war sehr heiß und ich schlug fortwährend meinen schweren Pelz auf. „Jetzt hat für mich schon nichts mehr einen Zweck,“ dachte ich, und so schien es mir damals wirklich, „gleichviel, was ich noch unternehmen wollte.“ Und sonderbar: alles ringsum, selbst die Luft, die ich atmete, schien mir auf einmal von einem anderen Planeten zu sein, ganz, als befände ich mich jetzt auf dem Monde. Alles das – die Stadt, die Menschen, die noch vereinzelt gingen, das Trottoir, auf dem ich dahineilte – alles das gehörte schon nicht mehr zu mir. „Da ist der Schloßplatz, dort ist die Isaakskirche,“ sagte irgend etwas in mir, „aber jetzt gehen sie mich nichts mehr an.“ Alles hatte sich mir gleichsam entfremdet, alles war auf einmal nicht mehr mein. „Ich habe Mama, ich habe Lisa – aber was sind mir jetzt noch Lisa und Mama? Alles ist zu Ende, alles hat mit einem Schlage aufgehört, nur das eine ist und bleibt, was jetzt für ewig feststeht: daß ich ein – Dieb bin.“

„Wie soll ich beweisen, daß ich kein Dieb bin? Ist das jetzt überhaupt noch möglich? Nach Amerika gehen? Was beweist man damit? Werssiloff wird der erste sein, der glauben wird, ich hätte gestohlen! Meine ‚Idee‘? Was für eine ‚Idee‘? Was ist die ‚Idee‘ jetzt noch? Auch nach fünfzig, nach hundert Jahren wird sich immer noch einer finden, der auf mich weist und sagt: ‚Der da – ist ein Dieb. Er hat die Verwirklichung seiner „Idee“ damit begonnen, daß er am Spieltisch Geld stahl‘ ...“

War damals Wut in mir? Ich weiß es nicht; vielleicht. Sonderbar, ich habe immer diesen eigentümlichen Charakterzug gehabt, vielleicht schon von meiner frühesten Kindheit an: wenn man mir Böses getan, mich beleidigt, bis zur letzten Demütigung erniedrigt hatte, so war in mir jedesmal sofort das unwiderstehliche Verlangen erwacht, mich passiv der Beleidigung zu unterwerfen oder womöglich den Wünschen der Beleidiger noch entgegenzukommen. „Da seht, ihr habt mich erniedrigt, ich aber erniedrige mich selbst noch mehr, seht und freut euch!“ Touchard schlug mich und wollte mich fühlen lassen, daß ich ein Bedienter wäre und nicht wie die anderen ein Senatorensohn, und da nahm ich sofort selbst die Rolle des Bedienten auf mich. Ich reichte ihm nicht nur die Kleider, sondern griff noch selber zur Bürste, um auch das letzte Stäubchen von ihm abzubürsten; und es geschah nicht auf seinen Wunsch oder Befehl hin, wenn ich im Eifer der Erfüllung meiner Bedientenpflicht ihm sogar nachlief, um noch ein Federchen von seinem Frack abzubürsten, so daß er mir schließlich selbst Einhalt gebot: „Schon gut, schon gut, Arkadi, es genügt.“ Oder er kam nach Hause und zog seinen Überrock aus: da nahm ich den Überrock und bürstete ihn gewissenhaft, legte ihn sorgfältig zusammen und bedeckte ihn noch mit einem bunten, seidenen Tuch. Ich wußte, daß die Kameraden mich deshalb verachteten und auslachten, – oh, das wußte ich ganz genau, aber auch das war mir recht: „Wenn man einmal will, daß ich Diener sei, nun gut, dann bin ich Diener. Ihr glaubt, ich sei ein geborener Knecht – nun gut, dann bin ich eben ein Knecht!“ Passiven Haß und untergründige Wut habe ich jahrelang mit mir herumtragen können. Und als ich bei Serschtschikoff wie ein Rasender schrie, ich würde sie alle anzeigen, das Roulette sei von der Polizei verboten, – da kam, ich schwöre es, in diesem Schrei eben nur jener erwähnte Charakterzug zum Ausdruck: man hatte mich erniedrigt, durchsucht, für einen Dieb erklärt, moralisch vernichtet, – „nun, so hört denn alle, daß ich nicht nur ein Dieb bin, sondern auch ein Denunziant!“ Wenn ich jetzt daran zurück denke, kann ich mir das nur so erklären; damals aber dachte ich natürlich durchaus nicht an eine Analyse meiner Gefühle. Ich schrie es einfach in den Saal hinein, ganz ohne vorgefaßte Absicht, noch eine Sekunde vorher wußte ich nicht, daß ich das schreien würde: es schrie aus mir, von selbst – denn es ist nun einmal ein solcher Zug in meiner Seele.

Zweifellos begann ich damals, als ich so durch die Straßen irrte, schon im Fieber zu phantasieren, aber trotzdem erinnere ich mich genau, daß ich noch bewußt handelte. Allerdings kann ich mit aller Bestimmtheit versichern, daß ein ganzer Kreis von Gedanken und Folgerungen für mich damals schon nicht mehr faßbar war; ich fühlte und wußte in den Augenblicken sogar selbst, daß ich „gewisse Gedanken noch denken kann, an andere aber schon gar nicht mehr herankomme“. Ebenso konnten manche meiner Entschlüsse, obschon ich sie mit klarem Bewußtsein faßte, an sich jeder Logik bar sein. Und nicht nur das: ich weiß noch ganz genau, daß ich in manchen Augenblicken die Unsinnigkeit eines Entschlusses vollkommen klar erkennen und doch in demselben Augenblick mit vollem Bewußtsein die Ausführung dieses Entschlusses beginnen konnte. Ja, ein Verbrechen drängte sich mir förmlich auf in jener Nacht, und nur ein Zufall war es, daß es nicht geschah.

Mir fiel auf einmal eine Bemerkung ein, die Tatjana Pawlowna höhnisch zu Werssiloffs Verhalten gemacht hatte: er hätte doch an die Nikolaibahn gehen und seinen Kopf auf die Schienen legen können, da wäre er ihm ohne weiteres abgeschnitten worden. Dieser Gedanke bemächtigte sich für einen Augenblick aller meiner Gefühle, aber ich wies ihn sofort und mit einem jähen Schmerz von mir. „Den Kopf auf die Schienen legen und sterben, und morgen sagt man von mir: das hat er deshalb getan, weil er gestohlen hat, aus Scham und Reue hat er das getan, – nein, um keinen Preis!“ Und in eben diesem Augenblick, das weiß ich noch, kam plötzlich eine furchtbare Wut über mich. „Nun was?“ dachte ich erbost, „rechtfertigen kann ich mich ja doch auf keine Weise, ein neues Leben anzufangen ist gleichfalls unmöglich, und deshalb – sollte ich mich da nicht dreinfügen, Bedienter, Hund, ein Käfer, den man zertritt, ein Denunziant, ein richtiger Denunziant werden, und dabei heimlich mich vorbereiten und dann auf einmal – alles plötzlich in die Luft sprengen, alles vernichten, alles und alle, Schuldige und Unschuldige, damit dann alle auf einmal erfahren, daß das derselbe getan hat, den sie einen Dieb genannt haben ... und dann natürlich auch mich selbst umbringen!“

Ich weiß nicht mehr, auf welchem Wege ich in eine Querstraße in der Nähe des Gardekavallerieboulevards gelangt war. Zu beiden Seiten dieser Querstraße zogen sich hohe Steinmauern hin, wohl hundert Schritte weit, – die Mauern von Hinterhöfen. Hinter einer dieser Steinmauern an der linken Straßenseite gewahrte ich einen riesigen Holzstapel; der Stapel war lang und hoch, ganz wie auf einem Holzhof, und überragte die Mauer noch um gute zwei Meter. Ich blieb plötzlich stehen und überlegte. In meiner Tasche hatte ich Wachszündhölzer in einem kleinen silbernen Behälter. Ich sage noch einmal: ich war mir vollkommen dessen bewußt, was ich da überlegte, und erinnere mich noch ganz genau daran, was ich tun wollte; aber warum ich das tun wollte – das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht. Ich weiß nur, daß ich dazu plötzlich sehr große Lust hatte. „Auf die Mauer hinaufzuklettern ist nicht schwer,“ überlegte ich; zwei Schritte von mir war in der Mauer ein Tor, das wohl monatelang verschlossen blieb. „Wenn man unten auf den Vorsprung tritt,“ überlegte ich weiter, „so kann man mit der einen Hand den oberen Rand des Torflügels fassen und sich mit Leichtigkeit auf die Mauer hinaufschwingen, – und niemand wird es bemerken, ringsum keine Menschenseele, nichts, nur lautlose Stille! Und dann setze ich mich rittlings auf die Mauer und stecke das Holz in Brand, und dazu brauche ich nicht einmal in den Hof hinabzuspringen, ich kann das Holz auch von der Mauer aus anstecken; denn es stößt ja fast an die Mauer. Bei dieser Kälte wird es noch besser brennen. Ich brauche nur ein Scheit Birkenholz zu nehmen ... und selbst das ist nicht einmal nötig: wenn man auf der Mauer sitzt, braucht man nur mit einer Hand etwas Birkenrinde von einem Scheit abzureißen, anzuzünden und dann zwischen die Scheite des Stapels zu stecken, und der Brand wäre da. Ich aber springe dann von der Mauer herab und gehe fort; ich brauche nicht einmal zu laufen; denn es wird ja noch lange nichts bemerkt werden.“ So überlegte ich mir das alles, und auf einmal war ich fest entschlossen. Ich empfand ein außerordentliches Vergnügen und eine große Lust und schickte mich sofort an, hinaufzuklettern. Ich war ein guter Turner: Turnen war schon auf dem Gymnasium mein Spezialfach gewesen, aber ich hatte jetzt hohe Galoschen an, und da war die Sache doch schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich konnte mich freilich an einem kleinen, kaum fühlbaren Vorsprung oben mit einer Hand festhalten, und ich hob schon die andere Hand, um den Mauerrand zu fassen, aber da glitt ich auf einmal aus und fiel rücklings hinunter. Ich nehme an, daß ich mit dem Hinterkopf aufs Trottoir gefallen bin und wohl eine oder zwei Minuten bewußtlos dagelegen habe. Als ich wieder zu mir kam, zog ich mechanisch den Pelz fester um mich; denn ich empfand auf einmal eine unerträgliche Kälte; und nur halb dessen bewußt, was ich tat, schleppte ich mich zum Tor und setzte mich dort in der Vertiefung, im Winkel zwischen der Mauer und dem Torflügel, ganz zusammengekauert hin. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich schlief wohl sehr schnell ein. Wie eines Traumes erinnere ich mich noch, daß in meinen Ohren auf einmal tiefer, schwerer Glockenklang ertönte und ich mit Lust auf ihn zu lauschen begann.

II.

Die Glocke schlug alle zwei oder drei Sekunden einmal fest und sicher an, aber das war keine Alarmglocke, sondern ein seltsam schöner, schwingender Klang, und schließlich kam er mir so bekannt vor, und da sagte ich mir auch schon, daß das ja der Glockenklang von der Nikolaikirche ist, der roten Kirche, fast gegenüber dem Hause von Touchard, – der altertümlichen Moskauer Kirche, deren ich mich noch so gut erinnere, die noch aus der Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch stammt und mit reichem Zierat, vielen Türmen und Säulen geschmückt ist. Und ich wußte auf einmal, daß die Osterwoche eben vorüber war, und an den schmächtigen Birken im Gärtchen hinter dem Hause von Touchard schon junge grüne Blättchen zitterten. Die grelle Vorabendsonne schickte ihre schrägen Strahlen in unser Klassenzimmer, bei mir aber, in meinem kleinen Zimmer links vom Vorraum, wohin Touchard mich schon vor einem Jahr aus dem gemeinsamen Raum der „Grafen- und Senatorenkinder“ verbannt hat, sitzt ein Gast. Ja, ich, der Elternlose, hatte ganz unerwartet Besuch bekommen, zum erstenmal, seitdem ich bei Touchard war. Ich hatte diesen Besuch sofort erkannt, schon in der Tür: es war Mama. Und doch hatte ich sie nur als Dreijähriger gesehen, als sie mich damals in die Dorfkirche gebracht hatte, wo ich die Taube durch die Kuppel fliegen sah. Wir saßen zusammen in meinem Zimmerchen, und ich musterte sie verstohlen. Erst später, viele Jahre nachher, erfuhr ich, daß sie damals – Werssiloff war ins Ausland gereist und hatte sie allein zurückgelassen – daß sie damals mit ihrem eigenen spärlichen Gelde und aus eigenem Wunsch und Willen nach Moskau gereist war, fast heimlich und gegen den Willen derer, in deren Obhut er sie zurückgelassen hatte, und das alles nur, um mich wiederzusehen. Sonderbar war auch, daß sie, nachdem sie mit Touchard gesprochen hatte und von ihm zu mir geführt worden war, mir selbst kein Wort davon sagte, daß sie meine Mutter sei. Sie saß neben mir, und ich weiß noch, es wunderte mich, daß sie so wenig sprach. Sie hatte ein Bündelchen bei sich und knüpfte es auf: darin waren sechs Orangen, einige Lebkuchen und zwei gewöhnliche Franzbrote. Diese Franzbrote beleidigten mich geradezu, und ich bemerkte mit gekränkter Miene, wir hätten hier eine sehr gute „Kost“, und zum Tee bekäme ein jeder von uns ein ganzes Franzbrot.

„Nimm schon vorlieb, Kindchen, ich hab’ ja nur so in meiner Einfalt gedacht: vielleicht gibt man ihnen da in ihrer Schule nicht gut zu essen. Nimm nun schon vorlieb, Kindchen.“

„Antonina Wassiljewna (Touchards Frau) wird es auch übelnehmen. Und die Mitschüler werden über mich lachen ...“

„Dann willst du sie nicht annehmen? oder vielleicht ißt du sie doch?“

„Meinetwegen, lassen Sie sie hier ...“

Aber ich rührte nichts an; die Orangen und Lebkuchen lagen vor mir auf dem Tischchen, ich aber saß da mit niedergeschlagenen Augen und einer Miene, die sehr viel persönliche Würde ausdrücken sollte. Wer weiß, vielleicht wollte ich es vor ihr auch gar nicht verbergen, daß ihr Besuch mich vor meinen Mitschülern bloßstellte; ich wollte sie das vielleicht doch ein wenig fühlen lassen, damit sie begriffe, was das heißt: „Siehst du, du blamierst mich und begreifst das nicht einmal selbst!“ Oh, ich lief schon damals mit der Bürste hinter Touchard her, um das letzte Stäubchen von seinem Rock zu entfernen! Ich stellte mir auch vor, wieviel Spott ich, wenn sie erst fortgegangen wäre, von den anderen Jungen zu ertragen haben würde und vielleicht auch von Touchard selbst, – deshalb war nicht das geringste gute Gefühl für sie in meinem Herzen. Nur heimlich betrachtete ich ihr dunkles, bescheidenes, wohl auch schon altes Kleid, ihre ziemlich derben, fast verarbeiteten Hände, ihre ganz einfachen Stiefel und ihr stark abgemagertes Gesicht; auf ihrer Stirn bildeten sich schon feine Falten; und doch sagte Antonina Wassiljewna am Abend zu mir, als meine Mutter schon wieder fortgegangen war: „Ihre maman muß einmal sehr gut ausgesehen haben.“

So saßen wir in meinem Zimmerchen, als auf einmal Agafja hereinkam und auf einem Präsentierteller eine Tasse Kaffee brachte. Es war nach dem Mittag, und Touchards pflegten um diese Zeit in ihrem Wohnzimmer Kaffee zu trinken. Aber Mama dankte und nahm die Tasse nicht: wie ich später erfuhr, trank sie damals überhaupt keinen Kaffee, weil sie davon Herzklopfen bekam. Nun hielten aber Touchards in ihren Herzen schon die Erlaubnis, daß meine Mutter mich sehen durfte, für eine ungeheure Gnade, so daß die Tasse Kaffee, die sie noch meiner Mutter schickten, in ihren Augen schon eine Art Großtat der Menschenliebe war, die ihre Herzensbildung und europäische Fortgeschrittenheit aufs schlagendste bewies. Und nun hatte Mama gerade diese Tasse Kaffee abgelehnt!

Ich wurde zu Touchard gerufen, und er sagte mir, ich solle alle meine Hefte und Bücher nehmen und sie meiner Mutter zeigen: „Damit sie sieht, wieviel Kenntnisse Sie in meiner Anstalt erworben haben“. Antonina Wassiljewna schob schmollend die Lippen vor und sagte gekränkt und spöttisch:

„Ihrer maman scheint unser Kaffee nicht zugesagt zu haben.“

Ich suchte meine Hefte zusammen und ging mit ihnen an allen „Grafen- und Senatorensöhnen“, die sich im Klassenzimmer zusammendrängten und meine Mutter und mich betrachteten, vorüber ins kleine Zimmer zu Mama, die mich erwartete. Und siehe da, ich fand sogar Gefallen daran, Touchards Befehl mit buchstäblicher Genauigkeit auszuführen. „Dies hier sind Lektionen aus der französischen Grammatik, dies hier sind Diktate, dies hier sind Konjugationen der Hilfszeitwörter avoir und être,[58] dies hier ist Geographie, Beschreibungen der Hauptstädte Europas und aller Weltteile“ usw. Ich erklärte ihr das alles wohl eine halbe Stunde lang oder noch länger, erklärte mit eintönigem Kinderstimmchen, den Blick sittsam gesenkt. Ich wußte, daß Mama von den Wissenschaften keine Ahnung hatte, vielleicht nicht einmal schreiben konnte, aber gerade deshalb gefiel ich mir in meiner Rolle. Doch ermüden konnte ich sie nicht: sie hörte mir die ganze Zeit unverändert zu, ohne mich zu unterbrechen, und sogar mit ungeheurer Aufmerksamkeit, ja fast Ehrfurcht, so daß es schließlich mir selbst langweilig wurde und ich aufhörte; übrigens war ihr Blick traurig, und in ihrem Gesicht lag etwas Schmerzliches.

Endlich erhob sie sich, um fortzugehen; da kam aber gerade Touchard herein und erkundigte sich bei ihr mit lächerlich wichtiger Miene, ob sie mit den Fortschritten ihres Sohnes zufrieden wäre. Mama wußte nicht, was sie sagen sollte, stammelte irgend etwas und dankte ihm dann, und als auch Antonina Wassiljewna herzukam, bat sie sie beide, mich, „den Waisenknaben“ doch nicht zu verlassen, „er ist doch so gut wie verwaist, seien Sie seine Wohltäter ...“ Und mit Tränen in den Augen verneigte sie sich vor ihnen, vor jedem besonders und mit einer tiefen Verbeugung, ganz so, wie „einfache“ Leute sich verneigen, wenn sie stolze Herrschaften um irgend etwas bitten. Touchards hatten das offenbar nicht erwartet; Antonina Wassiljewna war sogar etwas gerührt und änderte wohl ihre Ansicht über die Ablehnung der Tasse Kaffee. Touchard dagegen erwiderte mit noch größerer Wichtigkeit und nahezu selbst ergriffen von so viel „Humanität“ seinerseits, daß er „zwischen den Kindern keinen Unterschied mache, hier seien alle seine Kinder und er ihr Vater, und ich stände bei ihm fast auf der gleichen Stufe mit Senatoren- und Grafensöhnen, und das dürfe man nicht unterschätzen“ usw. Mama verneigte sich nur, schien aber verwirrt zu sein; schließlich wandte sie sich an mich und sagte mit Tränen in den Augen: „Leb wohl, Jungchen!“

Und sie küßte mich, das heißt, ich erlaubte ihr, mich zu küssen. Sie hatte sichtlich das Vergnügen, mich immer wieder zu küssen, mich zu umfassen, an sich zu drücken, aber war es nun, daß sie sich vor den Menschen schämte, oder daß ein bitteres Gefühl sich ihrer bemächtigte, oder daß sie erriet, daß ich mich ihrer schämte, – jedenfalls ging sie, nachdem sie sich nochmals vor Touchards verneigt hatte, eilig zur Tür. Ich stand und rührte mich nicht.

Mais suivez donc votre mère,“ sagte Antonina Wassiljewna zu mir, „il n’a pas de cœur cet enfant![59]

Touchard zuckte dazu nur mit den Achseln, was natürlich so viel sagte wie: „Du siehst, ich behandle ihn doch nicht ohne Grund wie einen Bedienten.“

Ich folgte gehorsam meiner Mutter; wir traten auf die Treppe hinaus. Ich wußte, daß sie jetzt alle durch das Fenster uns nachsahen. Mama wandte sich zur Kirche und bekreuzte und verneigte sich dreimal; ihre Lippen bebten. Vom Turm kam tiefer, volltönender Glockenklang, schlug sicher an und summte. Mama wandte sich zu mir zurück, und – da konnte sie sich nicht mehr bezwingen: sie legte beide Hände auf meinen Kopf und brach in Tränen aus und weinte über meinem Haupt.

„Mamachen, nicht ... schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster ...“

Sie fuhr auf und sagte eilig, sich fast überstürzend:

„Ja, ich geh schon ... Gott ... Gott beschütze dich ... mögen die Engel dich behüten, die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai, der Gottesknecht ... Gott, lieber Gott!“ murmelte sie schnell und bekreuzte mich immer wieder, immer wieder, als könne sie in der Eile mich nicht genug segnen. „Mein Jungchen, du mein Lieber! Wart, Jungchen ...“

Sie griff schnell mit der Hand in ihre Kleidertasche und holte ein blaukariertes Tüchlein hervor, von dem ein Zipfel zu einem Knoten gebunden war, und sie versuchte eilig, diesen Knoten zu lösen ... es gelang ihr aber nicht ...

„Nun, tut nichts, nimm’s mit dem Tüchelchen: es ist ganz sauber, sieh, vielleicht kannst du’s brauchen, es sind vier Zwanziger drin, vielleicht hast du mal ein bißchen Geld nötig, verzeih, Jungchen, mehr hab’ ich gerade selber nicht ... verzeih, Jungchen.“

Ich nahm das Tüchlein, wollte aber schon bemerken, daß wir von Herrn Touchard und Antonina Wassiljewna alles bekämen, was wir brauchten und ich folglich nichts nötig hätte, doch ich unterdrückte diese Bemerkung und nahm das Tüchlein mit dem Gelde von ihr an.

Sie bekreuzte mich noch einmal, flüsterte noch einmal ein Gebet, und auf einmal – auf einmal verneigte sie sich auch vor mir, ganz wie oben vor Touchards, – es war eine tiefe, langsame, lange Verneigung – nie werde ich das vergessen! Ich zuckte zusammen und wußte selbst nicht, warum. Was wollte sie mit dieser Verneigung sagen? Wollte sie vielleicht „ihre Schuld vor mir bekennen?“ wie ich mich später einmal fragte, lange nachher, – ich weiß es nicht. Damals aber schämte ich mich deshalb noch viel mehr; denn „die sehen doch alles durch das Fenster, und Lambert wird mich noch mehr hauen,“ dachte ich.

Endlich verließ sie mich. Die Orangen und Lebkuchen hatten die Grafen- und Senatorensöhne schon vor meiner Rückkehr verspeist, und die vier Zwanziger nahm mir sogleich Lambert weg: für diese achtzig Kopeken kauften sie in der Konditorei Kuchen und Schokolade und aßen alles allein auf; mir boten sie nicht einmal etwas an.

Es verging ein halbes Jahr, und der windige, regnerische Oktober war gekommen. An meine Mutter dachte ich gar nicht mehr. Oh, damals war bereits Haß, dumpfer Haß gegen alles in mein Herz gedrungen und hatte es ganz durchtränkt; zwar bürstete ich noch immer Touchards Kleider, aber ich haßte ihn schon aus aller Kraft, und mit jedem Tage wurde mein Haß noch größer. In dieser Zeit machte ich mich einmal an einem trübseligen Abend daran, ich weiß selbst nicht warum, in meiner Schublade zu kramen, und da erblickte ich plötzlich in einer Ecke ihr blaukariertes Batisttüchlein; es lag dort, wie ich es damals hineingeworfen hatte. Ich zog es hervor und betrachtete es mit einer gewissen Neugier: der eine Zipfel verriet noch deutlich den Knoten und hatte sogar noch einen glatten runden Abdruck von der Größe eines Zwanzigers; übrigens legte ich das Tüchlein wieder an dieselbe Stelle zurück und schob die Schublade zu. Es war am Abend vor einem Feiertage und die Glocke von der nahen St. Nikolaikirche läutete zur Messe. Die anderen Zöglinge waren schon nach dem Mittag nach Haus gefahren, nur Lambert war diesmal geblieben und blieb auch den ganzen Feiertag über da – aus irgendeinem bestimmten Grunde hatte man ihn nicht abgeholt. Zwar schlug er mich noch wie früher, aber er machte mich damals auch schon in vielen Dingen zu seinem Vertrauten, und als solchen hatte er mich nötig. Wir sprachen den ganzen Abend von Pistolen des Systems Lepage, von denen weder er noch ich jemals eine gesehen hatten, von tscherkessischen Säbeln und wie man mit ihnen dreinhaut, und dann, wie schön es doch wäre, eine Räuberbande zu gründen, und zu guter Letzt ging Lambert wieder auf sein Lieblingsthema über, auf die bewußten schändlichen Geschichten, die ich, obschon ich mich im geheimen darüber wunderte, doch sehr gern anhörte. An diesem Abend aber konnte ich sie nicht mehr ertragen, und ich sagte, ich hätte Kopfschmerzen. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett. Ich zog meine Decke über den Kopf und holte dann unter dem Kissen ihr blaues Tüchlein hervor: eine Stunde vorher hatte ich es, ich weiß nicht weshalb, wieder aus der Schublade geholt und, da unsere Betten schon aufgedeckt waren, unter mein Kopfkissen gesteckt. Ich drückte es gleich an mein Gesicht, und plötzlich begann ich es zu küssen: „Mama, Mama,“ flüsterte ich, und die Erinnerung preßte mir wie ein Schraubstock die Brust zusammen. Ich schloß die Augen und sah ihr Gesicht mit den bebenden Lippen, als sie sich vor der Kirche bekreuzt und nachher über mir das Kreuz geschlagen hatte, und ich, ich hatte in diesem Augenblick zu ihr sagen können: „Schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster!“ „Mamachen, liebe Mama, einmal im Leben bist du bei mir gewesen ... Mamachen, wo bist du jetzt, du liebe, du mein lieber Gast aus der Ferne? Denkst du jetzt noch an deinen armen Jungen, zu dem du einmal gekommen bist? ... Zeig dich mir doch noch einmal, erscheine mir wenigstens im Traum, nur damit ich dir sagen kann, wie ich dich liebe! Ich will dich nur umfassen und deine blauen Augen küssen, will dir nur sagen, daß ich mich deiner jetzt gar nicht mehr schäme, daß ich dich auch damals schon liebte und mein Herz mir weh tat, als ich so dasaß wie ein Bedienter! Niemals wirst du erfahren, Mama, wie ich dich damals geliebt habe! Mamachen, wo bist du jetzt? Hörst du mich? Mama, liebe Mama, weißt du noch, wie das Täubchen dort in der Dorfkirche durch die Kuppel flog?“

„Zum Teufel ... Was fehlt ihm, daß er einen nicht schlafen läßt!“ brummte Lambert wütend in seinem Bett. „Wart nur, ich werde dich ...!“ Er springt aus dem Bett, kommt zu mir gelaufen und will mir die Bettdecke wegreißen, ich aber habe mich ganz in sie hineingewickelt und halte sie krampfhaft fest.

„Er heult! Was weinst du, Dummkopf? So’n Schaf! Da hast du eins!“ – und er haut mich, haut mich immer stärker, auf den Rücken, in die Seite, die Schläge werden immer schmerzhafter und ... und auf einmal schlage ich die Augen auf ...

Der Morgen graut schon, auf dem Schnee und an der Mauer blitzen weiße Eisnadeln ... Ich sitze zusammengekauert, halb noch bewußtlos, halb erfroren in meinem Pelz, und über mich beugt sich jemand, weckt mich, schimpft dabei laut und stößt mich mit der Fußspitze schmerzhaft in die Seite. Ich sehe auf: es ist ein Herr in einem kostbaren Bärenpelz, auf dem Kopf eine Zobelmütze; er hat schwarze Augen, einen pechschwarzen gepflegten Backenbart, eine gebogene Nase, blendend weiße Zähne, ein weißes Gesicht und rote Wangen: fast ein Maskengesicht ... Er beugt sich ganz nah zu mir herab, und bei jedem Wort fliegt sein Atem in der Kälte wie Dampf.

„Erfroren! Teufel! Besoffene Fratze! Steh auf, erfrierst sonst wie ein Hund, steh auf! Steh auf!“

„Lambert!“ schreie ich.

„Wer bist du?“

„Dolgoruki!“

„Zum Teufel, was für ein Dolgoruki?“

Einfach Dolgoruki! ... Bei Touchard ... Der, dem du im Restaurant die Gabel in den Schenkel gestoßen hast!“

„Ha–a–a!“ ruft er aus und lächelt, sich erinnernd, ein langes, verwundertes Lächeln (sollte er mich wirklich vergessen haben?) „Ha! also du bist es, du!“

Er hilft mir aufstehen, stellt mich auf die Füße; ich kann kaum stehen, kaum mich bewegen, er führt mich, stützt mich mit dem Arm. Er sieht mir in die Augen, scheint nachzudenken, um sich zu erinnern und horcht aufmerksam auf mein Gestammel, und ich stammle ununterbrochen und so schnell ich kann, und ich bin so froh, so froh, daß ich sprechen kann, und bin froh, daß es gerade Lambert ist. Erschien er mir nun als mein „Retter“, oder klammerte ich mich deshalb so an ihn, weil ich ihn in dem Augenblick für einen Menschen aus einer anderen Welt hielt, – ich weiß es nicht, ich dachte nicht darüber nach, – ich hielt mich an ihm fest, ohne mir Rechenschaft zu geben, warum und weshalb ich es tat. Ich weiß auch nicht, was ich sprach, ich erinnere mich keines Wortes, doch es wird wohl nichts Vernünftiges gewesen sein; denn ich konnte ja kaum ein Wort verständlich hervorbringen; aber er war ganz Ohr. Irgendwo erblickte er einen Schlitten, rief den Kutscher an, und wenige Minuten später saß ich in einem warmen Zimmer.

III.

Jeder Mensch, wer er auch sei, hat unter seinen Erinnerungen sicherlich eine an ein besonderes Erlebnis, das er für etwas mehr oder weniger Phantastisches, Außergewöhnliches, wenn nicht gar Wunderbares hält oder zu halten geneigt ist, gleichviel, ob das nun ein Traum, eine Begegnung, eine Weissagung oder eine Vorahnung oder sonst etwas von der Art ist. Ich für mein Teil bin auch heute noch geneigt, mein Zusammentreffen damals mit Lambert für ein Ereignis von nahezu mystischer Bedeutung zu halten ... wenigstens was die Umstände und die Folgen des Zusammentreffens anbelangt. Übrigens war dabei von seiner Seite alles auf die natürlichste Weise zugegangen: er war ganz einfach von seiner nächtlichen Beschäftigung (welcher Art dieselbe war, soll später erklärt werden) halbbetrunken nach Hause gegangen, und als er in dieser Querstraße beim Tor einen Augenblick stehengeblieben war, hatte er mich erblickt. In Petersburg hielt er sich erst seit kurzer Zeit auf.

Das Zimmer, in das er mich gebracht hatte, war ein nicht großes, spärlich möbliertes Petersburger Chambre garnie[60] mittlerer Güte. Das stach insofern von ihm ab, als seine Kleider wirklich gut und teuer waren. Auf dem Fußboden standen zwei kleine Koffer, die erst zur Hälfte ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch einen Schirm abgeteilt, hinter dem ein Bett stand.

„Alphonsine!“ rief Lambert.

Présente![61] antwortete hinter dem Schirm eine plärrende Frauenstimme mit deutlichem Pariser Akzent, und es dauerte nicht länger als höchstens zwei Minuten, da hüpfte hinter dem Schirm Mademoiselle Alphonsine hervor, die gerade aus dem Bett kam und schnell in ein paar Kleidungsstücke und in eine Morgenjacke geschlüpft war, – ein sonderbares Geschöpf, lang und mager wie ein Holzspan, brünett, mit einer langen Taille, einem langen Gesicht, unruhigen Augen und eingefallenen Wangen, – ein furchtbar verlebtes Frauenzimmer!

„Schnell!“ rief Lambert (ich übersetze, er sprach Französisch mit ihr), „die Leute hier müssen ihre Teemaschine schon aufgestellt haben, – schnell heißes Wasser, Rotwein und Zucker, auch ein Glas, aber schnell, er ist beinah erfroren ... Er ist mein Schulkamerad ... er hat die Nacht draußen im Schnee zugebracht ...“

Malheureux![62] rief sie aus und schlug mit einer theatralischen Gebärde die Hände zusammen.

„Still! Wirst du wohl ...!“ schrie Lambert sie drohend an, wie einen Hund; sie unterließ sofort alle weiteren Gebärden und lief hinaus, um seinem Befehl nachzukommen.

Er besah und betastete mich, fühlte mir auch den Puls, legte die Hand auf meine Stirn, an meine Schläfen.

„Unbegreiflich ist mir,“ brummte er, „daß du nicht erfroren bist ... Allerdings warst du ganz im Pelz, auch dein Kopf war zugedeckt, hocktest da wie in einer Pelzhöhle ...“

Das heiße Getränk tat mir gut, ich schluckte gierig und fühlte mich sogleich wie neubelebt; ich begann auch gleich wieder zu sprechen, zusammenhanglos stammelnd. Ich saß halb liegend in der Diwanecke und sprach unaufhörlich, sprach atemlos, aber was ich sprach, dessen entsinne ich mich wiederum fast gar nicht, und manches habe ich sogar vollständig vergessen, weshalb in meiner Erinnerung an diese Stunden große Lücken sind. Wie gesagt: wieviel er von meinem Gerede verstanden hat, das weiß ich nicht, aber eines ist mir nachher doch ganz klar geworden: soviel wird er immerhin verstanden haben, daß er in der Begegnung mit mir sogleich die Möglichkeit eines Vorteils für sich erspäht hat ... Ich werde später noch darauf zurückkommen, was für eine Berechnung er damals hat machen können.

Nach dem heißen Getränk wurde ich nicht nur sehr gesprächig, sondern zeitweise sogar fröhlich. Ich erinnere mich noch, wie die Sonne auf einmal ins Zimmer schien, als die Vorhänge weggezogen wurden, wie das Feuer im Ofen prasselte, nachdem jemand ihn angeheizt hatte – aber wer das getan hatte und wann und wie, das weiß ich alles nicht mehr. Auch erinnere ich mich eines auffallend kleinen schwarzen Bologneserhündchens, das Mademoiselle Alphonsine im Arm hielt und kokett an ihr Herz drückte. Dieses Hündchen gefiel mir so ausnehmend, daß ich sogar zu erzählen aufhörte und mich zweimal vorbeugte, ich glaube, um das Tierchen zu streicheln, aber das mißfiel Lambert, und auf einen Wink von ihm zog Alphonsina sich mitsamt dem Hündchen sofort hinter den Schirm zurück.

Er selbst war auffallend schweigsam, saß mir gegenüber, hatte sich sogar stark zu mir vorgebeugt und hörte mir gespannt zu; hin und wieder erschien langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht, und er lächelte lange und kniff dabei die Augen zusammen, als suche er hinter den Zusammenhang des Gehörten zu kommen; jedenfalls schien er angestrengt nachzudenken. Das einzige, wessen ich mich von meiner Erzählung noch ganz klar erinnere, ist, daß ich mich, als ich ihm von dem „Dokument“ erzählte, auf keine Weise verständlich auszudrücken und die Geschichte zusammenhängend wiederzugeben vermochte, und daß ich dabei an seinem Gesicht sah, wie gern er diese wirre Geschichte verstanden hätte, bis er mich schließlich sogar mit einer Frage unterbrach; das war insofern ein Wagnis, als ich, sobald ich unterbrochen wurde, von etwas ganz anderem weitersprach und das früher Erzählte vergaß. Wie lange wir so gesessen und gesprochen haben, weiß ich nicht und kann ich mir nicht einmal denken. Plötzlich stand er auf und rief Alphonsine.

„Er braucht Ruhe; vielleicht wird man auch nach dem Arzt schicken müssen. Was er verlangt – das muß alles sofort getan werden, das heißt ... vous comprenez, ma fille? Vous avez de l’argent,[63] nicht? Da!“

Er gab ihr einen Zehnrubelschein und flüsterte noch ziemlich lange mit ihr. Ich hörte nur, wie er zwischendurch immer wieder „vous comprenez? vous comprenez?[64] fragte. Er schien ihr etwas einzuschärfen, drohte ihr dabei mit dem Finger und runzelte mit strengem Gesicht die Brauen.

Ich sah, daß sie furchtbare Angst vor ihm hatte.

„Ich komme bald wieder, du aber mußt dich jetzt erst ausschlafen,“ sagte er darauf mit einem Lächeln zu mir und nahm seine Mütze.

Mais vous n’avez pas dormi du tout, Maurice![65] rief Alphonsine pathetisch.

Taisez-vous, je dormirai après.[66]

Damit ging er hinaus.

Sauvée![67] flüsterte sie mir zu und deutete mit pathetisch ausgestrecktem Arm ihm nach.

„Monsieur, Monsieur!“ fuhr sie gleich darauf fort, zu deklamieren und stellte sich großartig mitten im Zimmer vor mir auf, „jamais homme ne fut si cruel, si Bismarck que cet être, qui regarde une femme comme une saleté de hasard. Une femme, qu’est-ce que c’est que ça dans notre époque? ‚Tue la!‘ voilà le dernier mot de l’Académie française![68]

Ich sah sie erstaunt an; vor meinen Augen verdoppelte sich alles, ich glaubte schon zwei Alphonsinen vor mir zu sehen ... Plötzlich bemerkte ich, daß sie weinte: ich fuhr zusammen und wurde mir bewußt, daß sie ja schon sehr lange zu mir sprach, und ich folglich geschlafen haben mußte, wenn ich nicht bewußtlos gewesen war.

„... Hélas! de quoi m’aurait-il servi de le découvrir plus tôt,“ rief sie, „et n’aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma vie? Peut-être, n’est-il pas honnête à une demoiselle de s’expliquer si librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s’il m’était permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au cœur mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard exécrable ne fît trembler mon bras et ne glaçât mon courage! Il a assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la Maison de monsieur Andrieux – hautes nouveautés, articles de Paris, linge, chemises, vous savez, n’est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand l’amitié rassemble à table épouse, enfants, sœurs, amis, quand une vive allégresse enflamme mon cœur, je vous demande, monsieur: est-il bonheur préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre exécrable et inconcevable et si ce n’était pas par l’entremise de monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais ... Mais quoi, monsieur, qu’avez vous, monsieur?[69]

Sie eilte auf mich zu: ich werde wohl vor Fieber oder Frost gezittert haben, oder vielleicht war es ein Ohnmachtsanfall. Ich kann gar nicht sagen, was für einen bedrückenden, krankhaften Eindruck dieses halbverrückte Geschöpf auf mich machte. Vielleicht glaubte sie, sie müsse mich zerstreuen – wenn Lambert ihr das nicht ausdrücklich befohlen hatte; wenigstens verließ sie mich keinen Augenblick. Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie deklamierte entsetzlich, drehte und bewegte sich ohne Unterlaß, und das Sprechen nahm bei ihr überhaupt kein Ende, während ich schon lange verstummt war. Soweit ich ihr Geschwätz verstanden habe, war sie auf irgendeine Weise mit der Maison de monsieur Andrieux – hautes nouveautés, articles de Paris, etc. eng verknüpft, ja vielleicht war sie sogar aus dieser Maison de monsieur Andrieux hervorgegangen; nun aber war sie auf ewig von diesem monsieur Andrieux getrennt worden, und zwar durch dieses monstre furieux et inconcevable,[70] und darin bestand nun die Tragödie ... Sie weinte fürchterlich, aber mir schien, daß sie sich nur verstellte und eigentlich gar nicht daran dachte, wirklich zu weinen; manchmal schien es mir, daß sie gleich auseinanderfallen werde wie ein Skelett. Sie sprach mit einer seltsam gequetschten, tremolierenden Stimme; das Wort préférable sprach sie zum Beispiel „préfér–a–able“ aus, und das a blökte sie wie ein Schaf. Einmal sah ich, als ich gerade zu mir kam und wieder die Augen aufschlug, daß sie mitten im Zimmer eine Pirouette machte, aber sie tanzte dabei nicht etwa, sondern diese Pirouette gehörte auch auf irgendeine Weise zu der Erzählung und sollte die Sache wohl nur anschaulicher machen. Plötzlich eilte sie zu dem alten, kleinen, ganz verstimmten Pianino, das an einer Wand stand, klimperte und begann zu singen. Wahrscheinlich bin ich dann wieder eingeschlafen oder eine Zeitlang bewußtlos gewesen, aber da bellte das Bologneserhündchen, und ich erwachte: das Bewußtsein kehrte mir für kurze Zeit mit voller Klarheit zurück und ließ mich alles deutlich in hellem, klarem Licht erkennen; ich erschrak und sprang auf.

„Lambert, ich bin bei Lambert!“ dachte ich, griff schnell nach meiner Mütze und stürzte zu meinem Pelz.

Où allez-vous, monsieur?[71] rief Alphonsina erschrocken und eilte zu mir, um mich festzuhalten.

„Ich will fort, ich will hinaus! Lassen Sie mich, halten Sie mich nicht fest ...“

Oui, monsieur! Oh oui, je comprends!“ nickte Alphonsina und lief selbst voraus, um mir die Tür zum Korridor zu öffnen. „Mais ce n’est pas loin, monsieur, ce n’est pas loin du tout, ça ne vaut pas la peine de mettre votre manteau, c’est ici près, monsieur![72] rief sie mir zu.

Ich bog aber, als ich auf den Korridor trat, schnell nach rechts.

Par ici, monsieur, c’est par ici![73] schrie sie aus Leibeskräften und klammerte sich mit ihren langen knochigen Fingern an meinen Pelz, und mit der anderen Hand wies sie nach links in den Korridor, irgendwohin, wohin ich gar nicht wollte.

Ich riß mich los und lief durch die Tür am Ende des Korridors auf die Treppe hinaus.

Il s’en va, il s’en va!“ kreischte Alphonsina hinter mir drein und rannte mir nach. „Mais il me tuera, monsieur, il me tuera![74]

Aber ich war schon auf der Treppe, und es gelang mir, obgleich sie mir noch auf die Treppe nachstürzte, die Haustür zu öffnen, mich auf die Straße zu retten und in den ersten besten Schlitten zu springen. Dem Kutscher nannte ich Mamas Adresse ...

IV.

Aber das Bewußtsein, das für einen Augenblick hell geworden war, erlosch sehr schnell wieder. Kaum, kaum erinnere ich mich noch dessen, wie ich heimfuhr und dann zu Mama hineingeführt wurde, dann aber trat bei mir schon vollständige Bewußtlosigkeit ein. Am folgenden Tage soll ich, wie man mir später erzählt hat, auf kurze Zeit wieder zu mir gekommen sein (übrigens habe auch ich noch einiges von diesem Tage behalten). Ich erinnere mich, wenn auch nur unklar, daß ich mich in Werssiloffs Zimmer auf seinem Diwan befand; erinnere mich der Gesichter Werssiloffs, Mamas, Lisas, erinnere mich sogar noch genau daran, daß Werssiloff mir irgend etwas von Serschtschikoff und dem Fürsten erzählte, mir immer wieder einen Brief zeigte, mir zuredete und mich zu beruhigen suchte. Später haben sie mir erzählt, ich hätte angstvoll nach einem Lambert gefragt und immer gesagt, ein Hündchen belle. Aber das schwache Licht des Bewußtseins erlosch bald: am Abend dieses zweiten Tages hatte ich schon hohes Fieber und phantasierte. Doch ich will nicht den Ereignissen vorgreifen und zunächst das erzählen, was inzwischen geschehen war, und wovon ich noch nichts wußte:

Als ich an jenem Abend Serschtschikoffs Spielzirkel verlassen hatte, und man dort wieder ruhiger geworden war, hatte Serschtschikoff nach dem Wiederbeginn des Spiels auf einmal mit lauter Stimme erklärt, es wäre ein bedauernswerter Irrtum geschehen: die vermißten vierhundert Rubel hätten sich unter dem anderen Gelde gefunden, und die Rechnung der Bank stimme mit dem vorhandenen Gelde vollkommen überein. Da war denn der Fürst, der den Saal noch nicht verlassen hatte, auf Serschtschikoff zugetreten und hatte von ihm in sehr bestimmtem Tone verlangt, daß er meine Unschuld sofort vor allen Anwesenden bezeuge und sich außerdem schriftlich bei mir entschuldige. Serschtschikoff fand diese Forderung durchaus gerechtfertigt und gab dem Fürsten in Gegenwart aller sein Wort darauf, daß er am nächsten Tage an mich schreiben, den Sachverhalt klarlegen und in aller Form seine Entschuldigung aussprechen werde. In der Tat erhielt Werssiloff, dessen Adresse der Fürst angegeben hatte, am nächsten Tage von Serschtschikoff einen Brief an mich und außerdem noch über tausenddreihundert Rubel, die mir gehörten und von mir auf dem Spieltisch vergessen worden waren. So war denn der peinigende Zwischenfall im Spielzirkel abgetan: diese freudige Nachricht trug später, als ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, unendlich viel zu meiner Genesung bei.

Der Fürst aber hatte, nachdem er aus dem Spielzirkel heimgekehrt war, noch in derselben Nacht zwei Briefe geschrieben: den einen an mich, den anderen an sein ehemaliges Regiment, bei dem er die Geschichte mit dem Kornett Stepanoff gehabt hatte. Beide Briefe hatte er am nächsten Morgen abgeschickt. Darauf hatte er einen Rapport abgefaßt und mit diesem Rapport in der Hand sich schon am frühen Morgen zu seinem Regimentskommandeur begeben, um ihm zu melden, daß er ein Staatsverbrecher sei und sich als Mitbeteiligter an der Fälschung der und der Aktien dem Gericht stelle und bitte, das Verfahren gegen ihn einzuleiten. Damit hatte er ihm den Rapport eingehändigt, in dem das alles schriftlich dargelegt war. Er wurde verhaftet.

Hier ist der Brief, den er in jener Nacht an mich geschrieben hat: