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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 121: IV.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Drittes Kapitel.

I.

Nach drei Tagen stand ich am Morgen vom Bett auf, und als ich mich auf meine Füße stellte, fühlte ich, daß ich mich nun nicht wieder hinlegen würde. Mein ganzer Mensch empfand bereits die Nähe der völligen Genesung. Vielleicht ist es nicht der Mühe wert, alle diese kleinen Einzelheiten aufzuzeichnen, aber mit jenem Morgen begannen damals ein paar Tage, die, obschon in ihnen nichts Besonderes geschah, doch unauslöschlich in meinem Gedächtnis geblieben sind, wie etwas Tröstliches und Ruhiges, und das ist etwas, was in meinen Erinnerungen nur selten vorkommt. Meinen damaligen Seelenzustand will ich vorläufig noch nicht ausführlicher schildern; wenn ich dem Leser erzählte, welcher Art dieser Zustand war, würde er mir gewiß nicht glauben. So mag denn alles später aus den Tatsachen sich selbst erklären. Fürs erste sage ich nur dieses Eine: möge der Leser nicht vergessen, daß ich von der „Seele einer Spinne“ gesprochen habe. Und diese Seele – war in einem Menschen, der im Namen der „Schönheit“ allen seinen Anverwandten und der ganzen Welt den Rücken kehren wollte! Das Verlangen nach Schönheit war in mir sogar in hohem Maße vorhanden, und es war ein echtes und wirkliches Verlangen, wie aber und auf welche Weise es sich mit anderen, Gott weiß was für Wünschen in mir vertrug – das ist für mich selbst ein Geheimnis. Und das ist mir auch immer ein Geheimnis gewesen: ich habe mich wohl schon tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen (und wie mir scheint, besonders des Russen) gewundert, das höchste Ideal neben der niedrigsten Gemeinheit in seiner Seele hegen zu können, und beides mit vollkommener Aufrichtigkeit. Die Frage ist jetzt nur, ob das eine besondere Weitherzigkeit der Natur des russischen Menschen ist, die ihn noch weit führen wird, oder aber – einfach menschliche Gemeinheit?

Doch lassen wir das. Wie dem auch sein möge, jedenfalls trat damals so etwas wie eine Windstille ein. Ich sagte mir eben, daß ich unbedingt sobald wie möglich gesund werden mußte, um sobald wie möglich handeln zu können, und deshalb nahm ich mir vor, hygienisch zu leben und die Vorschriften des Doktors (gleichviel was für ein Mensch dieser Doktor war) gewissenhaft zu beobachten; meine stürmischen Pläne aber verschob ich mit außerordentlicher Vernünftigkeit (eine Frucht der „Weitherzigkeit“) auf den Tag, da ich zum erstenmal ausgehen würde, d. h. bis zu meiner völligen Genesung. Auf welche Weise alle meine friedlichen Eindrücke und das Genießen besagter Windstille sich mit und neben den qualvoll süßen und erregten Schlägen meines Herzens vertragen konnten, noch dazu bei dem starken Vorgefühl nah bevorstehender stürmischer Entscheidungen – das weiß ich nicht; ich kann alles das wieder nur der „Weitherzigkeit“ zuschreiben. Aber die Unruhe, die ich noch unlängst verspürt hatte, war nicht mehr in mir; ich hatte alles auf jenen erwähnten Tag verschoben und zitterte nicht mehr vor dem Kommenden, wie noch kurz zuvor, sondern fühlte mich wie ein reicher Mann, der seiner Mittel und seiner Kraft sicher ist. Mein Hochmut und das Gefühl der Herausforderung dem Schicksal gegenüber, das mich erwartete, wurden immer größer. Zum Teil kam das wohl von der fortschreitenden Gesundung und dem schnellen Zustrom neuer Lebenskräfte. Und gerade an diese Tage der endgültigen und vollständigen Genesung denke ich jetzt mit wirklichem Vergnügen zurück.

Oh, man hatte mir schon alles verziehen, d. h. meinen ganzen Ausfall, und das taten dieselben Menschen, denen ich ins Gesicht gesagt hatte, sie wären gemein! Das liebe ich an Menschen, das nenne ich den Verstand des Herzens; wenigstens zog mich das sofort zu ihnen hin, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Mit Werssiloff zum Beispiel fuhr ich fort, mich wie früher zu unterhalten, wir sprachen wie zwei gute Bekannte, aber wiederum nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald wir merkten, daß man etwas mehr aus sich herauszugehen begann (und das wollte bisweilen geschehen), nahmen wir uns sogleich wieder zusammen, und es war dann, als schämten wir uns aus irgendeinem Grunde beide ein wenig. Es gibt Fälle, wo der Sieger nicht umhin kann, sich vor dem Besiegten zu schämen, gerade deshalb, weil er ihn besiegt hat. Der Sieger war offenbar – ich; und so schämte ich mich denn auch.

An jenem Morgen, als ich nach meinem Rückfall zum erstenmal aufgestanden war, kam er zu mir ins Zimmer, und da erst teilte er mir ihre Verabredung mit, die sie alle wegen Mama und Makar Iwanowitsch getroffen hatten: zum Schluß sagte er mir noch, daß Makar Iwanowitsch sich allerdings besser fühle, der Doktor aber für nichts einstehe. Natürlich versprach ich ihm sogleich und von ganzem Herzen, künftighin vorsichtiger zu sein. Die Art und Weise, wie Werssiloff mir alles dies mitteilte und darüber sprach, zeigte mir zu meiner Überraschung, daß er selbst um den alten Mann aufrichtig besorgt war, sogar viel mehr, als ich von einem Menschen wie er jemals erwartet hätte; ich sah, daß dieser alte Mann auch ihm selbst aus irgendeinem Grunde besonders teuer war, und daß er sich nicht nur Mamas wegen um ihn sorgte. Das beschäftigte mich von nun an auf das lebhafteste, und ich will gleich gestehen, daß ich an diesem alten Mann vieles nicht bemerkt oder nicht weiter beachtet oder gar nicht zu schätzen verstanden hätte, wenn Werssiloff nicht gewesen wäre. So aber hat dieser Alte eine der nachhaltigsten und eigenartigsten Erinnerungen in meinem Herzen hinterlassen.

Werssiloff schien anfangs wegen meines Verkehrs mit Makar Iwanowitsch gewisse Befürchtungen zu hegen, das heißt, er war nicht ganz sicher, ob er sich auf meine Klugheit und mein Taktgefühl wirklich verlassen könne; deshalb war er später mehr als zufrieden, als er sah, daß auch ich manchmal begreife, wie man sich zu einem Menschen von ganz anderen Anschauungen zu verhalten hat, und daß ich, falls nötig, auch nachgiebig und duldsam sein kann. Ich gestehe auch ohne zu zögern (und ich glaube, mir dadurch nichts zu vergeben), daß ich in diesem Mann aus dem Volk in bezug auf gewisse Gefühle und Ansichten manches für mich ganz Neue gefunden habe, etwas, was viel klarer und tröstender war als meine frühere Auffassung dieser Dinge. Nichtsdestoweniger war es ganz unmöglich, manchmal nicht aus der Haut zu fahren, wenn man auf seine Vorurteile stieß, an die er mit der allerempörendsten Ruhe und Unerschütterlichkeit glaubte. Doch daran war natürlich nur seine Unbildung schuld; seine Seele aber war so beschaffen, daß sie alles verstehen konnte, und sogar in einer Weise, daß ich noch bei keinem Menschen ein größeres Verstehen angetroffen habe.

II.

Vor allem war es seine ungeheure Offenherzigkeit und das vollkommene Fehlen jeglicher Eigenliebe, was einen, wie ich schon früher bemerkt habe, am meisten zu ihm hinzog; man ahnte sogleich ein Herz, das wohl kaum jemals sündigte. Er hatte diese „Heiterkeit“ des Herzens und deshalb jene „innere Schönheit“. Das Wort „Heiterkeit“ liebte er sehr und gebrauchte es auch oft. Freilich kam manchmal eine gewisse krankhafte Verzücktheit über ihn, eine Ergriffenheit bis zur Krankhaftigkeit, – zum Teil, wie ich annehme, infolge des Fiebers, das ihn, streng genommen, die ganze Zeit nicht völlig verließ; aber die innere Schönheit wurde dadurch nicht gestört. Es gab in ihm auch Widersprüche: neben einer erstaunlichen Einfalt, die Ironie gewöhnlich überhaupt nicht wahrnahm (oft zu meinem Ärger), war in ihm gleichzeitig eine gewisse feine Schlauheit, die am häufigsten bei polemischen Scharmützeln hervortrat. Polemik liebte er sehr, wenn auch nur Polemik auf seine Art. Man merkte, daß er viel in Rußland gewandert war, viel gehört hatte, aber, ich wiederhole, am meisten liebte er das Ergreifende und alles, was rührend war, und gern erzählte er Geschichten, die ans Herz griffen. Überhaupt liebte er es sehr, zu erzählen. Ich habe ihn viel erzählen hören, sowohl von seinen eigenen Wanderungen wie auch Legenden aus dem Leben der frühesten „Glaubenskämpfer“. Die Legenden waren mir nicht bekannt, aber ich glaube, er wird beim Erzählen vieles hinzu- oder umgedichtet haben, zumal er sie größtenteils aus der mündlichen Überlieferung des einfachen Volkes kannte. Manches klang auch so unglaubhaft, daß es einfach nicht anzuhören war. Aber trotz allen augenscheinlich freien Erfindungen oder unzweifelhaften Lügengeschichten kam immer wieder etwas erstaunlich Ganzes, Abgeschlossenes zum Vorschein: ein Ausdruck des Volkes und seines Gefühls, und das hatte fast immer etwas Rührendes ... So ist mir von seinen Erzählungen unter anderen auch noch eine lange Geschichte im Gedächtnis geblieben: „Die Legende von der ägyptischen Maria.“ Von allen diesen Legenden hatte ich bis dahin gar keine Vorstellung gehabt. Ich kann ohne weiteres sagen: es war kaum möglich, sie ohne Tränen anzuhören, und zwar nicht so sehr vor Rührung, als aus einer ganz eigenartigen Begeisterung: man empfand etwas Ungewöhnliches und Glühendes, etwas von der Gewalt und Großartigkeit jener glühenden Wüste, durch die die Löwen streifen, und in der die Heilige umherirrt. Übrigens will ich diese Geschichte nicht wiedergeben: ich könnte es auch gar nicht.

Was mir sonst noch an Makar Iwanowitsch gefiel, waren seine eigenartigen Ansichten über gewisse noch sehr strittige Fragen aus dem Leben der Gegenwart. Einmal, zum Beispiel, erzählte er die Geschichte von einem Soldaten, die sich vor nicht langer Zeit zugetragen, und die er selbst miterlebt hatte. Es war da ein Soldat nach der Dienstzeit in die Heimat zurückgekehrt, aber es gefiel ihm nicht mehr, mit den Bauern zu leben, und er gefiel den Bauern nicht. Der junge Mensch kam auf Abwege, begann zu trinken und schließlich führte er irgendwo einen Raub aus. Man hatte zwar keine sicheren Beweise gegen ihn, aber er wurde doch verhaftet und vors Gericht gebracht. Im Laufe der Verhandlungen war es dann dem Advokaten fast schon gelungen, die Geschworenen von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen, es gab eben keine Beweise gegen ihn, und da ließ sich nichts machen – als der Angeklagte, der ihm die ganze Zeit stumm zugehört hatte, plötzlich aufstand und seinen Verteidiger mit den Worten unterbrach: „Nein, du, halt ein mit dem Reden.“ Darauf erzählte er selbst den ganzen Vorgang und „vergaß auch das letzte Staubkörnchen nicht“: unter Tränen der Reue legte er ein volles Geständnis ab. Die Geschworenen zogen sich zur Beratung zurück, kamen dann wieder in den Gerichtssaal, und ihr Urteil wurde verkündet: „Nein, er ist unschuldig.“ Alle klatschten in die Hände, freuten sich und schrien, der Soldat aber blieb stehen, wie er stand, rührte sich nicht vom Fleck, als wäre er zur Säule geworden, und begriff noch immer nichts; auch davon, was der Vorsitzende ihm zur Ermahnung sagte, bevor er ihn in die Freiheit entließ, verstand er nichts. So kehrte denn der Soldat in die Freiheit zurück, aber er konnte es selbst nicht fassen. Er fing an, sich zu grämen und nachzudenken, aß nicht, trank nicht, sprach mit keinem Menschen, und am fünften Tage ging er hin und erhängte sich. „Sieh, so ist es, mit einer Sünde in der Seele zu leben!“ schloß Makar Iwanowitsch. Diese Geschichte war ja an sich nichts Besonderes, solcher Geschichten findet man heutzutage eine Unmenge in allen Zeitungen; aber was mir dabei ausnehmend gefiel, war sein Ton, und vor allen Dingen manche Aussprüche, in denen entschieden ein neuer Gedanke lag. Als er zum Beispiel von diesem Soldaten erzählte, daß er nach seiner Rückkehr den Bauern nicht gefallen habe, äußerte er dazu: „Man weiß doch, was ein Soldat ist: ein Soldat ist ein verdorbener Bauer.“ Und als er auf den Verteidiger zu sprechen kam, der den Prozeß beinahe schon gewonnen hatte, sagte er: „Man weiß doch, was so’n Advokat ist: ein Advokat ist ein gemietetes Gewissen.“ Diese beiden Ausdrücke brachte er völlig ohne Mühe oder tiefsinniges Nachdenken hervor, sie kamen für ihn selbst ganz unversehens. Dabei lag diesen beiden Ausdrücken eine vollkommen eigene Auffassung zugrunde, – wenn auch nicht die des ganzen Volkes, so doch Makar Iwanowitschs eigene, von keinem anderen entlehnte Anschauung! Ja, derartige Volksurteile über manche Erscheinungen sind mitunter wirklich wunderbar in ihrer Ursprünglichkeit und Wahrheit.

„Aber wie denken Sie, Makar Iwanowitsch, über die Sünde des Selbstmordes?“ fragte ich ihn bei der Gelegenheit.

„Der Selbstmord ist fürwahr die größte menschliche Sünde,“ erwiderte er und seufzte; „aber Richter darüber ist nur Gott allein, dieweil nur ihm alles bekannt ist, jegliches Ziel und Maß. Wir aber müssen gewißlich beten für einen solchen Sünder. Wenn du von solcher Sünde hörst, bete vor dem Schlafengehen inbrünstig für solchen Sünder; und so du um ihn auch nur einmal zu Gott aufseufzest, auch wenn du den Sünder gar nicht gekannt hast, um so eher wird dein Gebet für ihn erhört werden.“

„Aber was kann mein Gebet ihm noch helfen, wenn er schon verdammt ist?“

„Was kannst du wissen! Viele, ach viele sind ungläubig und verleiten die Unwissenden; du aber höre nicht auf sie, denn sie wissen selber nicht, wohin sie irren. Das Gebet aber für einen Verdammten von einem lebendigen Menschen wird wahrlich erhört. Oder was glaubst du, wie dem zumute ist, der niemand hat, der für ihn betet? Deshalb füge, wenn du vor dem Schlafen dein Gebet sprichst, zum Schluß noch die Worte hinzu: ‚Erbarme dich, Herr, auch aller derer, die niemand haben, der für sie betet.‘ Dies Gebet ist gewißlich Gott wohlgefällig und wird auch erhört werden. Und bete auch für alle noch lebenden Sünder: ‚Herr, sei du selbst ihr Richter und sei gnädig allen unbußfertigen Sündern,‘ – auch dies ist ein gutes Gebet.“

Ich versprach ihm, so zu beten, denn ich fühlte, daß ich ihm mit diesem Versprechen eine große Freude bereiten würde. Und in der Tat sah ich, wie sein Gesicht vor Freude aufleuchtete. Doch ich will hier gleich hinzufügen, daß er sich in solchen Fällen niemals hochmütig mir gegenüber verhielt, nicht wie ein überlegener Greis zu irgendeinem grünen Jüngling; im Gegenteil, er hörte auch mir, gleichviel worüber ich sprach, sogar sehr gern zu, und immer mit großem Interesse; wohl in der Annahme, daß es nicht nutzlos wäre, obschon ich noch ein „Jungling“ war, wie er sich in seiner eigenartigen Redeweise auszudrücken pflegte (er wußte sehr gut, daß man „Jüngling“ sagen mußte und nicht „Jungling“); aber er sah doch, daß dieser „Jungling“ ihm an Bildung weit überlegen war. Unter anderem liebte er es sehr, von dem Einsiedlerleben zu sprechen, und er stellte den Einsiedler viel höher als den „Pilgrim“. Ich widersprach ihm lebhaft und wies immer wieder auf die Ichsucht dieser Menschen hin, die der Welt einfach den Rücken kehren und an den Nutzen nicht denken, den sie der Menschheit bringen könnten, einzig um der ichsüchtigen Idee der eigenen Rettung willen. Zunächst verstand er mich gar nicht, und ich vermute sogar, daß er mich auch später nicht verstand; jedenfalls verteidigte er das Einsiedlerleben sehr. „Zu Anfang tut man sich gewißlich selber leid“ (d. h. wenn man Einsiedler wird), „dann aber wird die Freude mit jedem Tage größer, bis du zu guter Letzt Gott schaust.“ – Daraufhin malte ich ihm denn ein ganzes Bild aus von der nützlichen Tätigkeit eines Gelehrten, eines Arztes oder überhaupt eines Menschenfreundes in der Welt, und versetzte ihn in wahres Entzücken, denn ich sprach mit Begeisterung; und er stimmte mir auch in einem fort bei: „So, Lieber, so, Gott segne dich, wahr ist, was du denkst.“ Doch als ich geendet hatte, war er nichtsdestoweniger gar nicht überzeugt: „Das ist so, wie es ist,“ meinte er mit einem tiefen Seufzer, „aber wie viele gibt es denn solcher, die standhalten und sich nicht ablenken lassen? Geld ist – wenn auch kein Gott, so doch eines Halbgottes gewaltige Versuchung; und dann ist da noch alleweil das weibliche Geschlecht, dazu die Zweifel und Anfechtungen jedweder Art, und dazu kommt noch allgemach der Neid. Somit vergessen die Menschen das Große und geben sich mit dem Kleinen ab. In der Einsamkeit ist das ganz anders: der Mensch festigt sich in sich selbst und wird stark zu jeglicher großen Tat. Freund! Und was ist denn in der Welt?“ fragte er plötzlich mit tiefem Gefühl. „Ist das nicht alleweil nur ein Traum? Nimm mal trocknen Sand und säe ihn auf einen Stein; wenn der gelbe Sand auf dem Stein dir aufgeht, alsdann wird dein Traum in der Welt in Erfüllung gehen, – sieh, so sagt man bei uns. Christus sagt: ‚Gehe hin und verteile deine Habe und werde zum Diener aller.‘ Und so du selbiges tust, wirst du um unzähligemal reicher sein, als du warst; denn nicht durch Brot, nicht durch kostbare Kleider, nicht durch Stolz und Neid wirst du glücklich, sondern durch unermeßlich gesteigerte Liebe. Nicht geringwertigen Reichtum erwirbst du so, nicht etliche Hunderttausend, nicht eine Million, sondern erwirbst dir die ganze Welt! Heutzutage sammeln wir unersättlich und verschwenden mit Unvernunft, dann aber wird es weder Waisen noch Bettler geben; denn alle werden mein sein, meine Verwandten, alle werde ich verdient und erworben haben! Heutzutage ist es nicht selten, daß auch dem Reichsten und Vornehmsten die Zahl seiner Tage gleichgültig ist und er selber nicht weiß, was für ein Vergnügen er sich noch ausdenken soll; dann aber werden deine Tage und Stunden sich vertausendfältigen, dieweil du nicht eine Minute wirst verlieren wollen, da du jedwede in der Fröhlichkeit deines Herzens empfinden wirst. Dann wirst du auch nicht nur aus Büchern Weisheit erwerben, sondern wirst Gott von Angesicht zu Angesicht schauen und die Erde wird heller denn die Sonne erstrahlen, und es wird keine Trauer und kein Seufzen sein, sondern ein einziges unschätzbares Paradies ...“

Diese begeisterten Ausbrüche liebte gerade Werssiloff, wie mir schien, ganz besonders. An jenem Abend war er auch zugegen.

„Makar Iwanowitsch!“ unterbrach ich ihn auf einmal, und ich war selbst über alle Maßen begeistert (ich erinnere mich jenes Abends noch gut), „aber das ist doch Kommunismus, was Sie da predigen, ausgesprochener Kommunismus!“

Und da er von der kommunistischen Lehre noch nichts ahnte, ja selbst das Wort Kommunismus von mir jetzt zum erstenmal hörte, so begann ich unverzüglich, ihm das Wesentliche dieser Lehre, soweit ich selbst Bescheid darüber wußte, zu erklären. Nun war aber mein diesbezügliches Wissen, ehrlich gesagt, ziemlich mangelhaft und eigentlich recht unklar; ja, ich muß gestehen, daß ich in diesen Dingen auch jetzt noch nicht viel besser unterrichtet bin; doch was ich wußte, das erklärte ich ihm mit dem größten Eifer, ohne mich durch irgend etwas einschüchtern zu lassen. Noch heute denke ich mit Vergnügen an den mächtigen Eindruck, den ich damit auf den Alten machte. Das war fast schon kein Eindruck mehr, sondern geradezu eine Erschütterung! Dabei interessierte er sich ungeheuer für die historischen Einzelheiten: „Wo ist das? Wie? Wer hat’s eingeführt? Wer hat’s gesagt?“ – Übrigens habe ich bemerkt, daß das einfache Volk überhaupt diese Eigenschaft hat: wenn irgend etwas sein Interesse erweckt, so gibt es sich mit der allgemeinen Idee niemals zufrieden, sondern verlangt unbedingt die sichersten und genauesten Angaben aller Einzelheiten. Ich aber war gerade in den Einzelheiten nicht ganz sicher, und da Werssiloff zugegen war, so schämte ich mich ein wenig und geriet deshalb noch mehr in Eifer. Es endete damit, daß Makar Iwanowitsch, der ganz gerührt war, fast zu jedem meiner Worte: „Ja, ja!“ sagte, dabei aber, wie es schien, nicht mehr viel begriff und wohl auch den Faden verloren hatte. Ich wollte mich darüber fast schon ärgern, doch da erhob sich Werssiloff und erklärte, es wäre Zeit, schlafen zu gehen. Wir hatten uns damals wieder alle bei Makar Iwanowitsch versammelt, und es war in der Tat schon spät geworden. Als Werssiloff wenige Minuten später noch für einen Augenblick in mein Zimmer trat, fragte ich ihn sogleich, wie er über Makar Iwanowitsch denke, und wofür er ihn halte. Werssiloff lächelte heiter. (Aber durchaus nicht wegen meiner fehlerhaften Angaben über den Kommunismus, – im Gegenteil, von ihnen sprach er überhaupt nicht.) Ich sage nochmals: er hatte Makar Iwanowitsch ganz entschieden liebgewonnen. Mir war schon des öfteren ein ungemein anziehendes Lächeln in seinem Gesicht aufgefallen, wenn er dem Alten zuhörte – doch übrigens stand dieses Lächeln einer Kritik durchaus nicht im Wege.

„Makar Iwanowitsch ist vor allen Dingen kein Bauer, sondern ein Hofknecht,“ antwortete er mir sehr bereitwillig auf meine Frage, „ein ehemaliger Hofknecht und Diener, der als Diener und Sohn eines Dieners geboren ist. In früheren Zeiten nahmen die Hofleute und die Dienerschaft oft sehr großen Anteil an dem privaten, religiösen und geistigen Leben ihrer Gutsherrschaft. Merke dir, daß Makar Iwanowitsch sich auch heute noch aufs lebhafteste für Ereignisse aus dem herrschaftlichen Leben, dem Leben der höheren Kreise interessiert. Du weißt noch nicht, wie sehr ihn manche Vorgänge in Rußland, die sich in der letzten Zeit zugetragen haben, beschäftigen. Und weißt du auch, daß er ein großer Politiker ist? Du brauchst ihn nicht mit Honig zu bewirten, sondern erzähle ihm nur, wie und wo Krieg geführt wird, und ob Aussicht vorhanden ist, daß auch wir bald Krieg führen werden – das wird ihm lieber sein als der süßeste Honig. Früher konnte ich ihn mit solchen Gesprächen geradezu selig machen. Die Wissenschaften verehrt er sehr, und am meisten liebt er die Astronomie. Bei alledem hat er etwas so Selbständiges in sich entwickelt, und dieses Selbständige steht so fest, daß du es in keinem einzigen Fall auch nur um Haaresbreite verrücken kannst. Er hat Überzeugungen, und die sind sogar ziemlich klar ... und auch aufrichtig. Trotz seiner vollkommenen Unbildung kann er einen plötzlich mit einer ganz genauen Kenntnis mancher Begriffe überraschen, mit einer Kenntnis, die man bei ihm niemals vermutet hätte. Er preist mit Begeisterung das Einsiedlerleben, er selbst aber würde um keinen Preis Einsiedler oder Mönch werden, eben weil er ganz und gar ‚Vagabund‘ ist, wie Alexander Ssemjonowitsch ihn so nett benannt hat. Nebenbei: über diesen Alexander Ssemjonowitsch ärgerst du dich ganz grundlos. Nun, und was wäre denn sonst noch von Makar Iwanowitsch zu sagen? Es steckt in ihm auch ein Künstler, er prägt oft eigene Worte, aber er gebraucht freilich auch Ausdrücke, die nicht seine eigenen sind. Bei logischen Auseinandersetzungen versagt er wohl ein wenig; bisweilen spricht er sehr abstrakt. Er hat Anwandlungen von Sentimentalität, aber von einer durchaus volklichen Sentimentalität, oder richtiger, von jener volklichen Rührung, die unser Volk so verschwenderisch in sein religiöses Gefühl hineinlegt. Von seiner Treuherzigkeit und Güte schweige ich: davon zu sprechen, steht uns beiden nicht an ...“

III.

Um die Charakteristik Makar Iwanowitschs zu beenden, will ich hier wenigstens eine seiner Erzählungen wiedergeben, gerade eine aus dem russischen Volksleben. Der Charakter aller dieser Erzählungen war eigenartig; oder vielleicht ist es richtiger, wenn ich sage, daß sie gar keinen allgemeinen Charakter hatten: eine allgemeine Moral oder Tendenz ließ sich aus ihnen nicht heraushören; das einzige, was man von ihnen sagen könnte, wäre nur, daß sie alle mehr oder weniger ergreifend waren. Aber es gab auch andere, nicht ergreifende Geschichten; ja einige waren geradezu lustig und enthielten sogar Spott über manche lockeren Mönche, so daß er mit dem Erzählen dieser Geschichten seiner Idee unmittelbar schadete, – worauf ich ihn auch aufmerksam machte, aber er verstand gar nicht, was ich damit sagen wollte. Manchmal war es schier unbegreiflich, was ihn denn eigentlich veranlaßte, so viel zu erzählen; wenigstens habe ich mich über diese seine Redseligkeit gewundert und sie mir zum Teil nur durch seine Altersschwäche und seinen krankhaften Zustand erklären können.

„Er ist nicht mehr das, was er früher war,“ raunte Werssiloff mir einmal zu, „er war gar nicht so, wie er jetzt ist. Der wird bald sterben, viel früher, als wir denken, darauf müssen wir gefaßt sein.“

Ich habe vergessen, zu sagen, daß bei uns in dieser Zeit so etwas wie „Abende“ stattfanden: man versammelte sich bei Makar Iwanowitsch. Außer Mama, die natürlich nicht von ihm wich, kam gegen Abend immer Werssiloff zu ihm; desgleichen fand ich mich regelmäßig in seinem Zimmer ein, denn wo sollte ich mich schließlich sonst aufhalten. In den letzten Tagen kam auch Lisa; zwar kam sie immer später als alle anderen und sprach fast nie etwas, aber wenigstens saß sie da. Auch Tatjana Pawlowna fand sich gewöhnlich ein, und manchmal, allerdings selten, erschien noch der Doktor. Mit diesem hatte ich mich ganz unversehens ausgesöhnt; es hatte sich fast von selbst so gemacht: wir vertrugen uns fortan, wenn auch nicht gerade gut, so doch leidlich, wenigstens kam es meinerseits nicht mehr zu Ausfällen gegen ihn. Ich erkannte schließlich seine ganze Harmlosigkeit, und die gefiel mir, ebenso wie seine Anhänglichkeit an unser Haus, weshalb ich mich denn entschloß, ihm seinen Medizinerhochmut zu verzeihen. Außerdem brachte ich ihm bei, die Hände zu waschen und die Nägel zu putzen, wenn ich ihn auch nicht dazu bewegen konnte, saubere Wäsche zu tragen. Ich setzte ihm sogar klar auseinander und bewies ihm, daß meine Forderungen nichts mit Geckenhaftigkeit oder mit irgendwelchen „schönen Künsten“ zu tun hatten, sondern daß Sauberkeit einfach zum Handwerk des Arztes gehöre. Schließlich war auch Lukerja aus ihrer Küche gekommen und hatte, hinter der Tür stehend, zugehört, wie Makar Iwanowitsch erzählte; aber einmal hatte Werssiloff sie hereingerufen und ihr gesagt, sie solle doch einen Stuhl nehmen und sich hier hinsetzen: mir hatte das gefallen – doch seitdem kam sie nicht wieder an die Tür. Eigene Sitten!

Ich will hier eine seiner Erzählungen einfügen, ohne besondere Wahl; wenn ich gerade diese bringe, so geschieht das, weil ich sie am besten behalten habe. Es ist die Geschichte von einem Kaufmann, und ich denke, solche Fälle gibt es in unseren Städten und Städtchen zu Tausenden, wenn man nur aufmerksam hinsieht und zu sehen versteht. Wen diese Geschichte nicht interessiert, der kann sie ja überschlagen, um so mehr, als ich sie nicht mit meinen, sondern mit seinen Worten wiederzugeben versuchen will.

IV.

„Jetzt will ich euch erzählen, was für ein Wunder sich einmal bei uns in der Stadt Afimjewsk zugetragen hat. Es lebte da ein Kaufmann, Skotoboinikoff hieß er, Maxim Iwanowitsch mit sonstigen Namen, und in der ganzen Gegend war kein Reicherer denn er. Eine große Kattunfabrik hatte er sich erbaut, und Arbeiter hielt er etliche hundert; und eingebildet war er über die Maßen. Man muß schon sagen, daß alles nach seinem Wink ging, und auch die hohe Obrigkeit war ihm in nichts entgegen, und der Archimandrit[15] selbst dankte ihm noch für seinen Glaubenseifer: viel hatte er schon für das Kloster gestiftet, und wenn es über ihn kam, seufzte er sehr um sein Seelenheil und war um das zukünftige Leben nicht wenig besorgt. Witwer war er und hatte keine Kinder; von seiner Frau aber erzählte man, daß er sie schon im ersten Jahr geprügelt habe; denn schon von Jugend auf habe er seine Fäuste nicht gern im Zaum gehalten: nur war das alles schon lange vor dieser Zeit gewesen; von neuem aber wollte er sich durch eine Heirat nicht binden. Auch das Trinken war eine Schwäche von ihm, und wenn seine Zeit kam, so lief er in der Betrunkenheit nackend durch die Straßen und brüllte: es war ja keine vornehme Stadt, aber eine Schande war’s doch. Wenn aber die Zeit vorüber war, wurde er böse, und alles, was er dann sagte, mußte somit gut sein, und alles, was er befahl, mußte somit richtig sein. Mit seinen Arbeitern aber rechnete er so ab, wie es ihm gefiel: nimmt das Rechenbrett, setzt die Brille auf: ‚Du, Foma, wieviel hast du zu bekommen?‘ – ‚Hab’ seit Weihnachten nichts bekommen, Maxim Iwanowitsch; neununddreißig Rubel hab’ ich zugut.‘ – ‚Hu, wieviel Geld! Das ist zuviel für dich; so viel bist du alles in allem nicht wert; so viel Geld paßt gar nicht zu dir: zehn Rubel zieh’ ich dir ab, neunundzwanzig kannst du kriegen.‘ Und der Mensch steht und schweigt; es wagte eben keiner, wider ihn zu murren; alle schwiegen sie.

‚Ich weiß schon, wieviel man einem jeden geben kann,‘ sagte er. ‚Mit diesen Leuten kann man ja anders gar nicht umgehen. Das hiesige Volk ist doch mehr als verderbt; ohne mich würden sie alle Hungers sterben, wie viele ihrer hier nur sind. Und Diebe sind’s auch: was einer sieht, das stiehlt er schon, ’s ist gar keine Männlichkeit in ihnen. Und schließlich sind’s auch Trunkenbolde: zahlst du ihm alles aus, so trägt er’s sofort zum Wirt und bleibt dort, bis er alles versoffen hat, auch das letzte Fädchen, und nackend verläßt er die Schenke. Und auch Jämmerlinge sind sie, diese Kerle: da setzt sich denn so einer auf einen Stein gegenüber der Schenke hin, und dann hebt das Geweine an: „Meine Mutter hat mich geboren, ach, warum hast du mich Saufbold in die Welt gesetzt? Hättest du mich Elenden doch bei der Geburt erwürgt!“ – Ist denn so einer überhaupt ein Mensch? Das ist doch ein Tier, aber kein Mensch; so einen muß man zuvor aufklären, und dann erst kann man ihm Geld geben. Oh, ich weiß schon, wann ich ihm welches gebe!‘

Also sprach Maxim Iwanowitsch von den Leuten in Afimjewsk; und wenn er auch viel Schlechtes sprach, so war doch manches Wahre dabei: die Leute waren wahrlich schwach, konnten der Versuchung nicht standhalten.

Es lebte aber in derselben Stadt noch ein anderer Kaufmann, und der starb. Das war ein noch junger und leichtsinniger Mensch; und der machte Bankrott und büßte sein ganzes Vermögen ein. Das letzte Jahr zappelte er noch wie ein Fisch auf dem Sande und versuchte noch immer, sich zu retten, aber seine Tage waren schon gezählt. Mit Maxim Iwanowitsch hatte er sich die ganze Zeit nicht gut gestanden und war ihm viel Geld schuldig. Also kam es, daß er in seiner Sterbestunde Maxim Iwanowitsch verfluchte. Und er hinterließ eine Witwe in jungen Jahren und fünf kleine Kinderchen. Schon eine einsame Witfrau ist nach des Mannes Tode wie eine Schwalbe ohne Nest, – das ist keine kleine Prüfung! Und nun noch eine, die mit fünf kleinen Kindern zurückbleibt, für die sie kein Stückchen Brot hat, um sie zu ernähren: das Letzte, was sie noch besaß, war ein Holzhaus, und das nahm ihr nun Maxim Iwanowitsch für die Schuld weg. Da ging sie denn mit ihren Kinderchen zur Kirche, stellte sie alle eins neben das andere an der Kirchentür auf: das älteste, ein Knabe, war achtjährig, die anderen waren Mädelchen, eins immer ein Jahr jünger als das andere, eins kleiner als das andere; das älteste war erst vier Jährchen alt, das jüngste noch auf dem Arm an der Mutterbrust. Der Gottesdienst war zu Ende, Maxim Iwanowitsch kam heraus, und wie sie ihn erblickten, da fielen alle Kinderchen vor ihm auf die Knie, die ganze Reihe – so hatte die Mutter ihnen gesagt – und die Händchen legten sie bittend zusammen, und als letzte stand sie selbst mit dem fünften Kindchen auf dem Arm. Und während alle die Leute zusahen, verneigte sie sich tief vor ihm und bat ihn mit ihren Kinderchen: ‚Väterchen, Maxim Iwanowitsch, erbarm’ dich der Waisen, nimm ihnen nicht ihr Letztes, wirf sie nicht aus ihrem Nest!‘ Und allen, wer dort nur war, wurden die Augen feucht – so gut hatte sie den Kinderchen das beigebracht. Sie dachte wohl: ‚So vor allen Leuten wird er zu stolz sein, mir meine Bitte abzuschlagen, und wird das Haus den Waisen zurückgeben.‘ Doch es kam anders. Maxim Iwanowitsch blieb stehen: ‚Du,‘ sagt er, ‚du bist eine junge Witwe und willst nur einen Mann. Nicht wegen der Waisen weinst du, und von deinem Mann weiß ich wohl, daß er mich noch auf dem Sterbebett verflucht hat!‘ Und mit diesen Worten ging er vorbei und gab ihnen das Haus nicht zurück. ‚Wozu sich von ihren Dummheiten rühren lassen? Erweist man ihnen Wohltaten, so schmähen sie einen noch mehr; alles das ist doch nur eitel, und das Gerede wird davon bloß noch größer.‘ Und es gab auch wirklich ein Gerede, wonach er dieser Witwe, als sie noch ein junges Mädchen war, so an die zehn Jahre zurück, heimlich ein großes Geld durch Kuppler hatte anbieten lassen (denn schön war sie sehr), und hatte dabei nicht gedacht, daß selbige Sünde gerade so groß ist, wie wenn einer ein Gotteshaus zerstört. Aber er hatte damals nichts erreicht. Und solcher Schändlichkeiten beging er in der Stadt und sogar im ganzen Umkreise nicht wenig und hatte in dieser Sache wahrlich jedwedes Maß verloren.

Die Mutter und ihre Kinder aber weinten laut; er trieb sie aus dem Hause und tat es nicht nur aus bösem Herzen, sondern – wie der Mensch so manchmal selber nicht weiß, was ihn veranlaßt, hartherzig auf seinem Willen zu bestehen und nicht nachzugeben. Eine Zeitlang halfen ihr gute Leute, dann suchte sie sich Arbeit. Aber was gibt es denn in so einer Kleinstadt für Arbeit, außer auf der Fabrik? Hier wusch sie die Dielen auf, dort jätete sie im Gemüsegarten oder heizte eine Badestube; dabei das jüngste Kindchen immer auf dem Arm; und die vier anderen spielen derweil im Hemdchen auf der Straße. Als sie die Kinderchen vor der Kirchentür niederknien ließ, da hatten sie doch noch alle Schuhchen angehabt und Kleidchen, gleichviel was für welche, aber es waren doch immer noch Kaufmannskinder gewesen! Nun aber liefen sie schon barfuß: an Kinderchen sind doch Kleider wie Zunder, das weiß man ja. Aber was machen sich denn Kindchen daraus? Wenn nur die Sonne scheint, freuen sie sich schon; sie ahnen ja das Unheil nicht, ganz wie Vögelchen sind sie, und ihre Stimmchen klingen wie Glöckchen. Die Witwe aber denkt bei sich: ‚Wenn es nun Winter wird, wo lasse ich sie dann? Wenn Gott euch doch vorher zu sich nähme!‘ Aber sie brauchte nicht einmal so lange zu warten. Es gibt dort in der Gegend einen argen Husten, Keuchhusten nennen sie ihn, und der geht von einem Kinde auf alle anderen über, mit denen es zusammenkommt. Als erstes starb das jüngste Kindchen, danach erkrankten auch die anderen, und noch im selben Herbst begrub sie alle ihre vier Mädchen. Eins davon war auf der Straße überfahren worden. Und was glaubt ihr wohl? Selbst hatte sie gewünscht, Gott möge die Armen zu sich nehmen, doch als sie sie begrub, weinte sie laut, denn es tat ihr doch weh. So ist das Mutterherz!

Von allen ihren Kinderchen blieb ihr nur noch der älteste Knabe am Leben, und den hütete sie nun wie ihren Augapfel, so zitterte sie für ihn. Ein schwächlicher und zarter Knabe war’s, von Angesicht lieblich wie ein Mädchen. Schließlich brachte sie ihn auf die Fabrik zu seinem Taufpaten, der dort Verwalter war, selbst aber wurde sie bei einem Beamten Kinderfrau. Da geschah es, daß der Knabe einmal auf den Hof lief, und plötzlich kommt Maxim Iwanowitsch in seinem Wagen mit zwei Pferden vorgefahren, und er hatte wieder einmal getrunken; der Knabe aber springt die Treppe herunter, stolpert und rennt dem Maxim Iwanowitsch, der gerade aus dem Wagen steigt, mit beiden Fäusten in den Bauch. Der packt den Knaben wütend an den Haaren und brüllt ihn an: ‚Wer bist du? Ruten her! Prügelt ihn! Sofort! Hier vor meinen Augen!‘ Der Knabe war zu Tode erschrocken. Man holte Ruten herbei und begann ihn zu schlagen, Maxim Iwanowitsch aber brüllte: ‚So schreist du noch? Prügelt ihn, bis er aufhört zu schreien,‘ befahl er. Ob man ihn nun viel oder wenig schlug, wer kann das wissen? Aber er schrie die ganze Zeit, bis er wie tot liegen blieb. Da hielt man erschrocken inne: der Knabe atmet gar nicht mehr, liegt ganz bewußtlos da. Später sagte man, sie hätten ihn nicht einmal stark geschlagen, der Knabe wäre nur gar zu schreckhaft und zart gewesen. Auch Maxim Iwanowitsch erschrak! ‚Wem gehört er?‘ fragte er; man sagte es ihm. ‚Hm! Bringt ihn zu seiner Mutter; was hat er hier auf der Fabrik zu suchen?‘ Zwei Tage lang schwieg er, dann fragte er wieder: ‚Wie steht’s denn mit dem Knaben?‘ Mit diesem aber stand es schlecht: er lag krank bei der Mutter im Stubenwinkel, und die Mutter hatte ihre Stelle bei dem Beamten aufgeben müssen, denn der Knabe war noch dazu an Lungenentzündung erkrankt. ‚Hm!‘ sagte Maxim Iwanowitsch, ‚und wovon denn eigentlich? Ich wollte nichts sagen, wenn man ihn Gott weiß wie sehr gedroschen hätte: er sollte doch nur etwas eingeschüchtert werden. Ich habe noch ganz anders prügeln lassen, und es hat doch noch niemand deshalb solche Dummheiten gemacht!‘ Er wartete nun darauf, daß die Mutter des Knaben ihn verklage, und so schwieg er aus Stolz. Aber wie durfte sie ihn denn verklagen, das wagte sie ja gar nicht. Da schickte er ihr von sich aus fünfzehn Rubel und den Arzt; nicht deshalb, weil er Angst gehabt hätte, sondern nur so, er war nachdenklich geworden. Dann kam aber wieder seine schlimme Zeit, und er trank drei Wochen lang.

Der Winter ging vorüber, und gerade am Ostersonntag, am heiligen Feiertag, fragt Maxim Iwanowitsch wieder einmal: ‚Wie geht es denn jenem Knaben?‘ Den ganzen Winter über hatte er geschwiegen, nichts gefragt. Und man sagt ihm: ‚Der ist gesund geworden, ist bei der Mutter, die tagsüber wieder für Lohn arbeitet.‘ Da fuhr Maxim Iwanowitsch noch an selbigem Tage zu der Witwe, ging aber nicht ins Haus hinein, sondern ließ sie zum Hofpförtchen rufen; selbst sitzt er im Wagen: ‚Hör’ mich an, ehrbare Witwe,‘ sagt er, ‚ich will deinem Sohn ein wirklicher Wohltäter werden und ihm alles Gute erweisen: ich nehme ihn zu mir in mein Haus. Und wenn er mir nur ein wenig gefällt, so verschreibe ich ihm ein gewisses Kapital; und wenn er mir sehr gut gefällt, so kann ich ihm auch mein ganzes Vermögen verschreiben und ihn zu meinem Erben und Nachfolger einsetzen, gleichwie einen leiblichen Sohn; jedoch mit der Bedingung, daß Ihr selber nicht in mein Haus kommt, außer an hohen Feiertagen. Wenn Ihr darauf eingeht, so bringt den Knaben morgen früh zu mir. Es ist Zeit für ihn, mit dem Spielchenspielen aufzuhören.‘ Und nachdem er so gesagt hatte, fuhr er davon, die Mutter aber war wie von Sinnen. Die Leute, die davon hörten, sagten zu ihr: ‚Dein Sohn wird heranwachsen und dir selber Vorwürfe machen, daß du ihm solch ein Glück vorenthalten hast.‘ Da weinte die Mutter die ganze Nacht über ihren Sohn, am Morgen aber brachte sie ihn hin. Der Knabe war vor Angst mehr tot als lebendig.

Maxim Iwanowitsch ließ ihn wie ein vornehmes Kind ankleiden, nahm für ihn einen Lehrer ins Haus und setzte ihn unverzüglich hinter die Bücher; und es kam so weit, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ, immer war er bei ihm. Kaum sah der Knabe vom Buch auf, da schrie er ihn schon an: ‚Sieh ins Buch! Lern! Ich will aus dir einen Menschen machen.‘ Der Knabe aber war kränklich: nach jenem selben Tage, als er damals geprügelt worden war, hatte er zu husten angefangen. Maxim Iwanowitsch wunderte sich: ‚Hat er bei mir nicht ein gutes Leben? Bei der Mutter ist er barfuß umhergelaufen und hat nur Brotkrusten gekaut, warum ist er denn jetzt kränklicher als zuvor?‘ Der Lehrer aber sagt zu ihm: ‚Jeder Knabe,‘ sagt er, ‚muß auch etwas ausgelassen sein und nicht immer nur über den Büchern sitzen; ihm tut Bewegung not,‘ und er erklärte ihm alles ganz vernünftig. Maxim Iwanowitsch dachte nach. ‚Du hast recht,‘ sagte er. Dieser Lehrer aber, Pjotr Stepanowitsch hieß er, Gott hab’ ihn selig, war eigentlich sozusagen ein behafteter Mensch, und trinken tat er so viel, daß man sagen kann, es war schon mehr als zuviel, und deshalb hatte er auch schon lange keine Stelle mehr und lebte in der Stadt, so gut es ging von milden Gaben und zufälliger Unterstützung, dabei war er aber von großem Verstande und wußte in allen Wissenschaften Bescheid. ‚Mein Platz ist nicht hier,‘ sagte er selber von sich, ‚mein Platz wäre an der Universität, Professor müßt’ ich in der Hauptstadt sein, hier aber bin ich im Schmutz versunken und meine Kleider selbst haben Abscheu vor mir.‘ Maxim Iwanowitsch aber setzte sich somit hin und schreit den Knaben an: ‚Bewege dich!‘ – Der Knabe aber wagt kaum vor ihm zu atmen. Und es kam so weit, daß der Knabe, sobald er nur seine Stimme hörte, schon zu zittern anfing. Maxim Iwanowitsch aber wundert sich immer mehr: ‚Er ist dies nicht und ist das nicht; ich hab’ ihn aus dem Schmutz gezogen, in teures Tuch gekleidet, er hat die feinsten Halbstiefelchen an, ein Hemd mit Stickereien, wie einen Generalssohn halte ich ihn, – weshalb ist er mir nun nicht zugetan? Weshalb schweigt er wie so’n kleiner Wolf?‘ Und wenn man auch schon längst aufgegeben hatte, sich über Maxim Iwanowitsch noch zu wundern, hiernach fing man doch wieder an sich über ihn zu wundern: der Mensch war gar nicht mehr derselbe; er hing an diesem Knaben, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ. ‚Ich will nicht leben, wenn’s mir nicht gelingt, diesen Starrsinn in ihm auszurotten! Sein Vater hat mich noch auf dem Sterbebett verflucht, nachdem er schon die heiligen Sakramente empfangen hatte, und diesen Charakter hat er von seinem Vater.‘ Dabei schlug er ihn nicht ein einziges Mal mit der Rute (seit jenem selben Tage wagte er es nicht mehr). Aber der Knabe war nun einmal eingeschüchtert, das war’s! Da bedurfte es gar keiner Rute mehr, er zitterte schon so vor ihm.

Und dann geschah das Unglück. Er war einmal gerade aus dem Zimmer gegangen, da sprang der Knabe von den Büchern fort und stieg auf einen Stuhl: sein Ball war vorher auf ein Eckschränkchen gefallen, und den wollte er herunterholen, aber sein Ärmel blieb an der Lampe hängen; und auf einmal fiel die Lampe um, fiel krachend zu Boden und zerschlug in tausend Stücke, daß es im ganzen Hause zu hören war. Es war eine kostbare Lampe: sächsisches Porzellan. Und das hörte nun Maxim Iwanowitsch aus dem dritten Zimmer, und wie er’s hörte, brüllte er los. Der Knabe lief vor Entsetzen davon, ohne zu sehen, wohin, lief auf die Terrasse hinaus und in den Garten und durch ein kleines Pförtchen geradeswegs zum Fluß. Dort am Flußufer aber führt eine Straße entlang mit alten Weidenbäumen – eine hübsche Stelle. Er lief bis dicht ans Ufer, die Menschen sahen es, und wie er das Wasser erblickte, fuhr er zusammen, blieb stehen vor Schreck und stand wie angewurzelt. Das war gerade an der Stelle, wo die Fähre anlegt. Der Fluß ist dort breit und reißend. Frachtkähne ziehen vorüber. Auf dem anderen Flußufer sind Läden, ein großer Platz und eine Kirche mit goldenen glänzenden Kuppeln. Und da kam gerade die Frau des Obersten Fersing mit ihrem Töchterchen zur Fähre, – ein Regiment Infanterie stand in der Stadt. Das kleine Fräulein war auch erst so ein Kindchen von acht Jahren, in einem weißen Kleidchen; und es sieht den Knaben an und lacht, und in der Hand hat es so ein kleines Weidenkörbchen, wie die Bauern sie anfertigen, und in dem Körbchen ist ein Igel. ‚Sehen Sie, Mamachen,‘ sagt sie, ‚sehen Sie, wie dieser Knabe meinen Igel ansieht.‘ – ‚Nein,‘ sagt die Frau Oberst, ‚er scheint nur erschrocken zu sein, – was hat dich denn so erschreckt, mein Junge?‘ fragt sie ihn (so wurde das später alles erzählt von denen, die es gehört hatten). ‚Wie nett er aussieht, und wie gut er gekleidet ist, – wer bist du denn, mein Junge?‘ fragte sie ihn. Er aber hatte noch nie einen Igel gesehen; da trat er näher, um das Tierchen zu sehen, und schon vergaß er alles andere – man weiß ja, wie Kinder sind! ‚Was ist das da,‘ fragt er, ‚was ist das, was Sie da haben?‘ – ‚Das ist unser Igelchen,‘ sagt das kleine Mädchen, ‚wir haben ihn vorhin von einem Bauern gekauft, der hat ihn im Walde gefunden.‘ – ‚Was ist das für ein Igel?‘ fragt der Knabe, und schon lacht er und rührt ihn mit dem Fingerchen an, und der Igel faucht und sträubt seine Stacheln, das Mädchen aber freut sich über den Knaben. ‚Wir werden ihn nach Haus bringen,‘ sagt sie, ‚und ihn ganz zahm machen.‘ – ‚Ach,‘ sagt der Knabe, ‚schenken Sie ihn mir, den Igel!‘ Und er bat so rührend, aber kaum hatte er das gesagt, da erscholl auf einmal Maxim Iwanowitschs Stimme vom Gartenpförtchen oben: ‚Ha! Da bist du! Haltet ihn!‘ (Er war so aufgebracht, daß er ihm ohne Mütze vom Hause aus nachgelaufen war.) Da fiel dem Knaben plötzlich alles wieder ein, er schrie auf und stürzte zum Wasser, preßte seine beiden kleinen Fäuste an die Brust, sah hinauf zum Himmel (das hat man gesehen, viele haben es gesehen!) – und plötzlich warf er sich in den Fluß! Alles schrie auf, von der Fähre sprang man ihm nach und versuchte, ihn herauszuziehen, aber die Strömung trug ihn fort: der Fluß ist reißend. Und als man ihn dann endlich herausgezogen hatte, war er schon ertrunken – war tot. Er hatte ja immer schon eine schwache Brust gehabt, da hatte er das Wasser nicht vertragen, und wieviel ist denn auch nötig für so einen? Aber soweit die Menschen dort zurückdenken konnten, entsannen sie sich nicht, daß jemals ein so kleines Kind sich selbst umgebracht hätte! So eine Sünde! Was kann denn wohl so eine kleine Seele Gott dem Herrn in jener Welt antworten? Über diese selbe Sache begann Maxim Iwanowitsch nun nachzudenken. Und der ganze Mensch veränderte sich so, daß man ihn nicht wiedererkennen konnte. Er war schon sehr traurig. Er fing wohl zu trinken an, trank viel, aber dann ließ er es, – es half nicht. Er fuhr auch nicht mehr nach der Fabrik und hörte überhaupt nicht mehr darauf, was man zu ihm sprach. Sagt man ihm etwas – er schweigt oder winkt nur mit der Hand ab. So verbrachte er fast zwei Monate und dann begann er mit sich selber zu sprechen: er ging ganz allein umher und sprach mit sich. In der Nähe der Stadt brannte das Dörfchen Wasskowo ab, neun Häuser brannten nieder. Maxim Iwanowitsch fuhr hin, um sich das anzusehen. Die Abgebrannten umringten ihn, weinten und klagten, – da versprach er, ihnen zu helfen und traf auch die Anordnungen. Aber dann ließ er den Verwalter rufen und widerrief alle Anordnungen: ‚Es ist nichts nötig,‘ sagt er, ‚es wird ihnen nichts gegeben,‘ und sagt nicht einmal, weshalb. ‚Gott hat mich zum Niedertreten der Menschen bestimmt,‘ sagt er, ‚und wenn ich schon mal ein Ungeheuer sein soll, dann mag es also sein. Wie der Wind,‘ sagt er, ‚hat sich mein Ruf in der Welt verbreitet.‘ Schließlich kam der Archimandrit in eigener Person zu ihm gefahren; der war ein strenger Greis, hatte im Kloster das gemeinschaftliche Leben eingeführt. ‚Was ist das mit dir?‘ fragt er ihn so ganz streng. ‚Das ist mit mir,‘ sagt Maxim Iwanowitsch und schlägt vor ihm die Bibel auf und zeigt die Stelle:

‚Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.‘ (Matth. 18, 6.)

‚Ja,‘ sagte der Archimandrit, ‚wenn das auch nicht ganz auf diesen Fall paßt, so kommt es doch nahe heran. Wehe, wenn ein Mensch sein Maß verliert – dann ist er verloren. Und deine Überhebung hat auch keine Grenzen mehr gekannt.‘

Maxim Iwanowitsch saß da wie erstarrt. Der Archimandrit sah ihn lange an.

‚Höre mich,‘ sagt er schließlich, ‚und merke dir, was ich dir sagen werde. Es steht geschrieben: „Die Worte des Verzweifelten verweht der Wind.“ Und vergiß nicht, daß auch die Engel Gottes unvollkommen sind, vollkommen aber und sündlos ist nur unser Herr Jesus Christus, dem die Engel deshalb auch dienen. Du aber wolltest doch nicht den Tod dieses Knaben, du warst nur unbesonnen. Und noch eines,‘ sagt er, ‚ist mir wunderlich: du hast doch noch viel größere Schandtaten begangen, hast doch nicht wenig Menschen ins Verderben gebracht, hast doch nicht wenige verführt und zugrunde gerichtet – so gut wie durch Mord? Und sind nicht alle vier Schwesterchen dieses Knaben fast unter deinen Augen gestorben, und das hast du doch ruhig geschehen lassen? Weshalb hat dich nun der Tod dieses einzelnen Knaben auf einmal so erschüttert? Alle anderen hast du doch nicht nur nicht bedauert, sondern hast, denke ich, nicht einmal an sie gedacht oder schon längst an sie zu denken vergessen. Weshalb ängstigt dich nun dieser Knabe so, an dessen Tod du noch nicht einmal so große Schuld trägst?‘

‚Er erscheint mir im Traum,‘ sagte Maxim Iwanowitsch.

‚Und?‘

Aber Maxim Iwanowitsch sagte nichts weiter, er sitzt und schweigt. Da wunderte sich der Archimandrit, aber er erfuhr nichts und mußte ihn auch so verlassen: Da war nichts weiter zu machen.

Maxim Iwanowitsch aber schickte nach dem Lehrer des Knaben, dem Pjotr Stepanowitsch; seit jenem Geschehnis damals hatten sie sich nicht mehr gesehen.

‚Weißt du noch?‘ fragt er.

‚Ich weiß noch,‘ sagt jener.

‚Du,‘ sagte er, ‚du hast hier für das Wirtshaus mit Ölfarbe Bilder gepinselt und hast auch von dem Porträt des Bischofs eine Kopie gemacht. Kannst du mir nun auch mit Ölfarbe ein Bild fertigmalen?‘

‚Ich,‘ sagt er, ‚ich kann alles; ich,‘ sagt er, ‚ich hab’ alle Talente und kann alles!‘

‚Also dann mal’ du mir ein Bild, so groß wie die ganze Wand, und mal’ mir drauf ganz zuerst den Fluß und das Ufer und die Fähre; und mal’ mir auch alle Menschen, die damals dort waren, auf das Bild. Und daß auch die Frau Oberst und ihre Tochter auf dem Bilde zu sehen sind, und auch der Igel. Und das ganze andere Ufer malst du mir auch drauf, damit man es ganz so sieht, wie es ist: die Kirche und den großen Platz und die Läden und die Droschken an der Haltestelle, – alles, wie es ist, malst du mir auf das Bild, verstanden? Und nun in der Mitte vor dem Fluß, an der Anlegestelle der Fähre, malst du mir den Knaben, gerade dort, wo er stand, und unbedingt so, wie er die beiden kleinen Fäuste an sich drückt, gerade so an beide Brustwarzen. Das vergiß du mir nicht. Und vor ihm, gerade ihm gegenüber, also über der Kirche auf dem anderen Ufer, machst du den Himmel auf, und von dort läßt du alle Engel in himmlischem Licht herabschweben, die ihm entgegenkommen, um ihn aufzunehmen. Kannst du mir das malen oder ist das zuviel verlangt?‘

‚Ich kann alles,‘ sagt Pjotr Stepanowitsch.

‚Du brauchst nicht zu glauben, daß ich nur so einen Peter wie du dazu brauche, ich könnte mir auch den allerersten Maler aus Moskau verschreiben oder aus der Stadt London sogar, wenn ich will, aber du – du hast ihn gesehen, du weißt, wie er aussah. Wenn du ihn mir aber nicht ähnlich malst oder nur wenig ähnlich, so kriegst du nur fünfzig Rubel, wenn er aber ganz ähnlich ist, so geb’ ich dir zweihundert Rubel. Weißt du noch – blaue Augen hatte er ... Und das Bild muß so groß sein wie nur irgend möglich!‘

Die Vorbereitungen wurden getroffen; Pjotr Stepanowitsch machte sich an die Arbeit, aber auf einmal kommt er wieder zu Maxim Iwanowitsch.

‚Nein,‘ sagt er, ‚so geht das nicht.‘

‚Warum nicht?‘

‚Weil diese Sünde, der Selbstmord, die größte aller Sünden ist. Wie können ihn nach einer solchen Sünde noch die Engel im Himmel empfangen? Das geht nicht.‘

‚Aber er war doch noch ein Kind, ihm kann’s doch noch nicht angerechnet werden!‘ sagt Maxim Iwanowitsch.

‚Nein, er war kein Kind mehr! er war schon ein Knabe von acht Jahren, als dies geschah. Immerhin wird er sich verantworten müssen.‘

Da erschrak Maxim Iwanowitsch noch mehr.

‚Ich aber hab’ mir das so ausgedacht,‘ sagt Pjotr Stepanowitsch, ‚den Himmel da so großartig zu öffnen und Engel ihm entgegenfliegen zu lassen – das ist überflüssig; statt dessen werd’ ich vom Himmel nur so einen hellen Strahl fallen lassen, der ihm sozusagen entgegenkommt: das wäre dann immerhin etwas.‘

Und so ließen sie denn so einen Strahl fallen. Ich hab’ später selber dies Bild gesehen, und da war auch wirklich der Strahl und der Fluß – über die ganze Wand hatte er ihn ausgereckt, ganz blau, und auch der kleine Knabe war da zu sehen, und er drückte auch richtig beide Fäustchen so an die Brust, und auch das kleine Fräulein war da und der Igel – alles hatte er fertiggebracht. Nur zeigte Maxim Iwanowitsch damals keinem Menschen das Bild, sondern schloß die Tür seines Arbeitszimmers zu, und so blieb es vor allen Augen verborgen. In der Stadt aber war man mächtig neugierig, und alles strömte hin, um das Bild zu sehen, er aber ließ alle fortjagen. Darüber war dann ein großes Gerede in der Stadt. Der Pjotr Stepanowitsch aber, der war danach ganz furchtbar stolz. ‚Ich,‘ sagt er, ‚ich kann alles! Ich,‘ sagt er, ‚ich gehöre nach St. Petersburg an den Kaiserlichen Hof!‘ Ein guter Mensch war er, aber überheben tat er sich damals schon gar zu sehr. Und so ereilte ihn das Schicksal: nachdem er die ganzen zweihundert Rubel erhalten hatte, betrank er sich gleich und zeigte allen sein Geld und prahlte unmäßig; und in derselben Nacht, als er ganz betrunken war, erschlug ihn ein Kleinbürger aus der Stadt, mit dem er zusammen getrunken hatte, und raubte ihm das Geld; doch kam das alles schon am nächsten Morgen an den Tag.

Die Sache aber mit Maxim Iwanowitsch endete so, daß man dort noch heutigestags davon spricht. Auf einmal kommt Maxim Iwanowitsch wieder bei jener Witwe angefahren: sie hatte sich ganz am Rande der Stadt in der Hütte einer Kleinbürgerin eingemietet. Diesmal aber stieg er aus und ging hinein, trat vor sie hin und verneigte sich tief vor ihr. Sie aber war seit jenem selben Unglück ganz krank und konnte sich kaum bewegen. ‚Mütterchen,‘ rief er, ‚ehrsame Witwe, heirate mich Ungeheuer, mach’ es mir wieder möglich, auf Erden zu leben!‘ Die aber sieht ihn an und ist ganz starr vor Entsetzen. ‚Ich will,‘ sagt er, ‚daß uns beiden ein Knabe geboren werde, und wenn uns einer geboren wird, dann hat der Tote uns verziehen: dir und mir verziehen. So hat er mir im Traum gesagt.‘ Sie sieht, der Mensch ist nicht bei voller Vernunft, sieht, daß er außer sich ist, aber sie konnte doch nicht an sich halten und sagte:

‚Das ist doch alles nur leeres Geschwätz und nichts als Kleinmut,‘ sagt sie. ‚Durch denselben Kleinmut habe ich alle meine Kinderchen verloren. Ich will Euch nicht einmal vor meinen Augen sehen, – wie sollte ich da noch diese ewige Qual auf mich nehmen!‘

Maxim Iwanowitsch fuhr nach Haus, aber von seiner Werbung ließ er nicht ab. Die ganze Stadt geriet in Aufregung ob solchen Wunders. Maxim Iwanowitsch schickte nun Brautwerber zu ihr. Aus einem abgelegenen Bezirk des Gouvernements rief er brieflich zwei Tanten herbei, beide waren sie Kleinbürgerinnen. Ob es nun gerade Tanten waren oder nicht, immerhin waren sie mit ihm verwandt, und somit war’s immerhin eine Ehre: die fingen nun an, auf sie einzureden, sie zu umschmeicheln, und wichen gar nicht mehr von ihrer Seite. Er schickte aber auch andere aus der Stadt und aus der Kaufmannschaft hin, sogar die Frau des Oberpopen ging zu ihr, und auch Beamtenfrauen suchten sie auf. Die ganze Stadt redete auf sie ein, sie aber antwortet sogar mit Verachtung: ‚Wenn meine armen Kinder dadurch wieder lebendig würden, aber wozu soll ich das so? Und was für eine Schuld würde ich mir damit vor meinen Kindern aufladen!‘ Maxim Iwanowitsch aber wußte selbst den Archimandriten für sich zu gewinnen, auch der sprach dann ein Wort für ihn: ‚Du könntest,‘ sagt er, ‚einen neuen Menschen in ihm erwecken.‘ Da erschrak sie. Die Menschen aber wunderten sich und konnten sie nicht verstehen. ‚Wie ist das nur möglich, daß sie ein solches Glück zurückweist!‘ Endlich aber fand er etwas, womit er sie doch besiegte: ‚Er ist doch ein Selbstmörder,‘ sagte er, ‚er war nicht mehr ein Kind, und seinem Alter nach könnte man ihn nach dieser Sünde nicht mehr ohne weiteres zum Heiligen Abendmahl zulassen, denn ihn trifft doch schon die Verantwortung für seine Tat. Wenn du mich nun heiratest, so gelobe ich, einzig zum Gedächtnis seiner Seele eine neue Kirche zu erbauen.‘ Dem konnte sie nicht widerstehen, und da willigte sie denn ein. So wurden sie schließlich getraut.

Und es kam so, daß alle sich mächtig wunderten. Sie lebten vom ersten Tage an in großer und ungeheuchelter Eintracht und nahmen es mit ihren Ehepflichten sehr genau und waren wie eine Seele in zwei Leibern. Noch in demselben Winter wurde sie schwanger, und sie besuchten beide sehr viele Gotteshäuser, da sie den Zorn Gottes fürchteten. Drei Klöster suchten sie auf und beteten inbrünstig und hörten die Prophezeiungen. Er aber ließ getreu seinem Gelöbnis die Kirche erbauen und außerdem noch in der Stadt ein Kranken- und ein Armenhaus, und für Witwen und Waisen stiftete er eine große Summe Geldes. Und er entsann sich aller, die er einmal übervorteilt hatte, und machte es wieder gut. Geld gab er eine Unmenge aus, so daß schließlich seine Frau und selbst der Archimandrit ihn davon zurückhielten und sagten: ‚Nun hast du schon übergenug gegeben.‘ Da besann sich Maxim Iwanowitsch ein wenig. ‚Ich hab’ aber dem Foma,‘ sagt er, ‚zu wenig ausgezahlt.‘ Nun, Foma wurde gerufen, und es wurde ihm sofort alles ausgezahlt. Dem Foma aber kommen darüber die Tränen. ‚Ich,‘ sagt er, ‚ich war’s ja auch so zufrieden ... Ich bin schon ohnedem Dank schuldig und werde ewig für Euch zu Gott beten.‘ So waren denn alle, wie man sieht, ganz ergriffen dadurch, und es zeigte sich, daß man die Wahrheit spricht, wenn man sagt: Durch gutes Beispiel lebt der Mensch. Und die Menschen sind dort ein gutherziges Volk.

Die Fabrik begann nun die Frau selber zu leiten, und auf eine Weise, daß man noch heute davon spricht. Zu trinken hörte er wohl nicht auf, aber die Frau ließ ihn dann nicht aus den Augen, und allmählich versuchte sie, ihn davon abzubringen. Seine Rede wurde ehrbar und sogar seine Stimme veränderte sich. Mit allen hatte er jetzt Mitleid, sogar mit Tieren: einmal sah er aus dem Fenster, wie ein Bauer sein Pferd ganz unmenschlich schlug, und sofort schickte er hinaus und kaufte von ihm das Pferd für den doppelten Preis. Und ihm ward auch die Gabe der Tränen zuteil: sein Herz war leicht zu erweichen und er war schnell gerührt. Und als ihre Zeit kam, da erhörte der Herr ihre Gebete und schenkte ihnen einen Sohn; da wurde Maxim Iwanowitsch zum erstenmal seit jener Zeit wieder heiter; er verteilte viel Geld unter die Armen, erließ viele Schulden und lud fast die ganze Stadt zur Taufe ein. Und die ganze Stadt feierte denn auch die Taufe mit, aber am folgenden Morgen kam er aus seinem Zimmer, finster wie die Nacht. Die Frau sah ihm an, daß etwas mit ihm geschehen war, und somit brachte sie den Neugeborenen zu ihm. ‚Sieh,‘ sagt sie, ‚der Knabe hat uns verziehen, er hat unsere Tränen und Gebete um ihn gehört.‘ Sie hatten das ganze Jahr kein Wort davon gesprochen, sondern beide nur im stillen daran gedacht. Maxim Iwanowitsch aber sah sie düster an. ‚Warte,‘ sagt er, ‚das ganze Jahr ist er nicht gekommen, heut nacht aber ist er mir wieder im Traum erschienen.‘ – ‚Da drang das Entsetzen zum erstenmal auch in mein Herz, nach diesen schrecklichen Worten,‘ hat sie dann später erzählt. Und nicht grundlos war ihr Entsetzen gewesen. Kaum hatte Maxim Iwanowitsch dies ausgesprochen, da geschah etwas mit dem Neugeborenen: er erkrankte plötzlich. Acht Tage lang war das Kindchen krank; man betete unermüdlich und rief alle Ärzte herbei, auch aus Moskau kam ein sehr berühmter Arzt, den sie gerufen hatten, mit der Eisenbahn angefahren. Er besah sich das Kindchen und wurde böse: ‚Ich,‘ sagt er, ‚bin der allererste Arzt, ganz Moskau wartet auf mich.‘ Er verschrieb dann irgendwelche Tropfen und fuhr eilig wieder zurück. Achthundert Rubel nahm er mit. Das Kindchen aber starb noch am selben Abend.

Und was geschah danach? Maxim Iwanowitsch verschrieb seinen ganzen Besitz seiner lieben Frau, übergab ihr sein ganzes Vermögen und alle Papiere, ließ auch alles gesetzlich bestätigen; und dann trat er vor sie hin, verneigte sich vor ihr bis zur Erde und sagte: ‚Gib mich frei, meine unschätzbare Gattin, laß mich meine Seele erretten, solange es noch möglich ist. Und wenn ich auch vergeblich um den Frieden meiner Seele ringen sollte, zurückkehren werde ich doch nicht mehr. Wohl bin ich hart und grausam gewesen und habe manchen Menschen schwer heimgesucht, aber ich glaube dennoch, daß um des Leides und der Pilgerschaft willen Gott der Herr mir manches erlassen wird, denn es ist kein kleines Kreuz und kein geringes Leid, alles zu verlassen, woran das Herz hängt.‘ Seine Frau aber bat ihn und flehte mit vielen Tränen: ‚Du bist der einzige, den ich jetzt auf Erden noch habe, wo bleibe ich, wenn du mich verläßt? Ich habe,‘ sagt sie, ‚in diesem Jahr viel Liebe für dich in meinem Herzen gefunden!‘ Und die ganze Stadt redete ihm einen Monat lang zu und bat ihn im guten und wollte ihn schließlich mit Gewalt zurückhalten. Er aber hörte nicht darauf, und in einer Nacht ging er heimlich davon und kehrte nicht mehr zurück. Wie man hört, kämpft er noch heute auf Pilgerfahrten und in Geduld. Seiner lieben Frau aber schickt er in jedem Jahr einmal Kunde von sich ...“