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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 124: II.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Viertes Kapitel.

I.

Ich komme jetzt zu der Schlußkatastrophe, deren Erzählung meine Aufzeichnungen abschließen soll. Doch um weitererzählen zu können, muß ich zunächst vorgreifen und etwas erklären, wovon ich damals noch nichts ahnte; erst viel später habe ich davon erfahren und mir das Ganze dann auch klargemacht, das heißt, als alles schon geschehen war. Diese vorgreifende Erklärung ist unbedingt erforderlich, denn sonst würde das Folgende für den Leser gar zu lange unverständlich sein. Deshalb will ich denn eine ganz einfache und sachliche Darstellung der Zusammenhänge und Beweggründe gewisser Personen hier einflechten, obgleich ich damit die sogenannte künstlerische Einheitlichkeit aufhebe, und will so schreiben, als ob gar nicht ich dies schriebe, also ganz ohne innere Anteilnahme, ungefähr wie ein kurzer Bericht in der Zeitung geschrieben wird.

Die Sache war die, daß mein Schulfreund Lambert durchaus und ohne weiteres zu jenen ekelhaften kleinen Spitzbuben gehörte, die sich zu ganzen Banden zusammentun und dann eine Tätigkeit beginnen, die man neuerdings anstatt Erpressung „Chantage“ nennt, und für die man in den Gesetzbüchern vorläufig noch nach einer Bezeichnung und Strafe sucht.

Die Bande, in der Lambert mitwirkte, hatte sich in Moskau gebildet und dort auch schon eine ganze Reihe von Gemeinheiten ausgeführt (in der Folge ist ihre Tätigkeit zum Teil aufgedeckt worden). Später hörte ich, daß sie in Moskau längere Zeit einen sehr erfahrenen und keineswegs dummen Anführer gehabt hatte, einen schon älteren Mann. Ihre Unternehmungen führte sie je nach den Umständen aus: bald wirkten sie alle zusammen mit, bald ging nur ein Teil der Bande vor. Außer den schmutzigsten und ganz unbeschreibbaren Bubenstreichen (von denen, nebenbei bemerkt, schon manches in die Zeitungen gekommen war) führten sie auch ziemlich verzwickte und schlaue Unternehmungen aus, natürlich immer nach den Anordnungen ihres Anführers. Einige dieser Streiche hat man mir nachher erzählt, doch ich mag mich darüber nicht weiter verbreiten. Erwähnt sei hier nur, daß ihr Vorgehen im allgemeinen darin bestand, daß sie irgendwelche Geheimnisse aus dem Privatleben von oft durchaus ehrenwerten und hochstehenden Leuten auszukundschaften suchten; war ihnen das gelungen, so erschienen sie bei dem Betreffenden und drohten mit der Veröffentlichung der Sache (oft ohne überhaupt irgendwelche Beweise in Händen zu haben), und für ihr Schweigen forderten sie Geld. Nun gibt es gewiß Dinge, die nicht einmal eine Sünde und auch kein Verbrechen sind, deren Veröffentlichung aber selbst einen anständigen und standhaften Menschen erschrecken kann. Diese Bande aber hatte es hauptsächlich auf Familiengeheimnisse abgesehen. Um zu zeigen, wie schlau ihr Anführer vorzugehen pflegte, will ich in ein paar Worten und ohne alle Einzelheiten nur eins von ihren Stückchen als Beispiel erzählen. In einer durchaus ehrenwerten und angesehenen Familie war es zu einem nicht nur sündhaften, sondern sogar verbrecherischen Vergehen gekommen: die Frau eines bekannten und sehr geachteten Mannes hatte mit einem reichen jungen Offizier ein Liebesverhältnis angefangen. Das hatte die Bande irgendwie erfahren, und nun ging sie folgendermaßen vor: sie teilte dem jungen Offizier einfach mit, daß sie den betrogenen Ehemann benachrichtigen werde. Beweise hatte man zwar nicht, und das wußte der junge Offizier, aber das verhehlte man ihm auch gar nicht; doch die ganze Schlauheit ihrer Berechnung lag in diesem Fall eben in der richtigen Voraussicht, daß der benachrichtigte Gatte auch ohne Beweise genau so vorgehen würde, wie wenn er die sichersten Beweise in Händen hielte. Sie verließen sich hierbei auf ihre Kenntnis des Charakters dieses Menschen und auf ihre Kenntnis seiner Familienverhältnisse. Zu dieser Bande gehörte nämlich auch ein junger Mensch aus den besten Kreisen, und das war sehr wichtig für sie; denn ebendieser war es, der ihnen die Geheimnisse zutrug. Von jenem reichen Offizier erpreßten sie auf diese Weise eine recht stattliche Summe – ohne sich dabei der geringsten Gefahr auszusetzen, da ja ihrem Opfer selbst alles daran gelegen war, daß die Sache geheim blieb.

Lambert war an den Streichen dieser Moskauer Bande, wie gesagt, auch beteiligt gewesen, hatte aber nicht eigentlich zu ihr gehört; doch da er alsbald Geschmack daran gewonnen hatte, hatte er allmählich auf eigene Faust dasselbe Treiben begonnen. Eines möchte ich hier gleich bemerken: sehr befähigt war er zu solchen Unternehmungen nicht. Freilich war er durchaus nicht dumm und sogar sehr berechnend; aber er war doch zu unvorsichtig und außerdem zu gutgläubig, oder richtiger gesagt, zu naiv, das heißt, er kannte weder die Menschen noch die Gesellschaft. Zum Beispiel schien er die Bedeutung jenes Anführers der Moskauer Bande gar nicht zu verstehen, schien vielmehr anzunehmen, daß das Gründen und Leiten einer solcher Bande sehr leicht sei. Und schließlich hielt er fast alle Menschen für genau solche Schufte, wie er selbst einer war. Oder wenn er, zum Beispiel, einmal angenommen hatte, der und der Mensch fürchte sich oder müsse sich aus dem und dem Grunde vor irgend etwas fürchten, dann zweifelte er überhaupt nicht mehr daran, sondern war davon gleich und ein für allemal wie von einem Axiom überzeugt. Ich verstehe vielleicht nicht, mich richtig auszudrücken, aber im weiteren Verlauf meiner Erzählung wird schon die Wiedergabe meiner Erlebnisse alles erklären. Jedenfalls war er, meiner Ansicht nach, ein ziemlich niedrigstehender Mensch, der an gute, edlere Gefühle nicht nur nicht glaubte, sondern von manchen dieser Gefühle vielleicht überhaupt keine Vorstellung hatte.

Nach Petersburg war er gekommen, weil er an Petersburg schon lange als an ein viel größeres und dankbareres Feld für seine Unternehmungslust gedacht hatte, und überdies war in Moskau bei irgendeiner Gelegenheit eine seiner Machenschaften an den Tag gekommen, weshalb dort ein gewisser Herr nun ihm selbst mit den schlimmsten Absichten nachzuspionieren angefangen hatte. In Petersburg eingetroffen, war er sogleich zu einem früheren Spießgesellen in Beziehung getreten, doch statt der erträumten goldenen Ernte hatte er nur ein sehr mageres, nicht viel versprechendes Betätigungsfeld und nur „unbedeutende Fälle“ gefunden. Sein Bekanntenkreis vergrößerte sich dann nach und nach, aber es kam für ihn doch nichts zustande. „Die Leute sind ja hier überhaupt nichts wert, das sind ja lauter Grünschnäbel,“ sagte er später selbst zu mir. Und da, eines Morgens, stößt er in der fahlen Dämmerung auf einen Halberfrorenen an einer Hofmauer und kommt durch ihn ohne weiteres auf die Spur einer, seiner Meinung nach, „glänzenden Sache“!

Diese „glänzende Sache“ erfuhr er eben damals aus meinem zusammenhangslosen Gestammel, als ich bei ihm sozusagen auftaute. Oh, ich weiß, ich sprach damals im Fieberdelirium! Aber aus meinen Worten ging immerhin klar hervor, daß von allen Beleidigungen jenes verhängnisvollen Tages die Kränkung, die mir durch Bjoring und sie zuteil geworden war, sich mir am tiefsten ins Herz geprägt hatte: anderenfalls hätte ich doch nicht nur davon bei Lambert phantasiert, sondern wohl auch von Serschtschikoff; das aber war nicht geschehen, wie ich nachher von Lambert selbst erfuhr. Und dabei hatte ich doch an jenem schrecklichen Morgen in Lambert und Alphonsina geradezu meine Befreier und Erretter gesehen! Wenn ich später während meiner Genesung, noch im Bett liegend, zu überlegen gesucht hatte, wieviel Lambert von meinem Gerede verstanden oder wieviel ich ihm wohl verraten haben konnte, war mir nicht ein einziges Mal auch nur der Verdacht gekommen, daß es immerhin so viel sein könnte! Freilich, nach meinen Gewissensbissen zu urteilen, werde ich selbst damals schon gefühlt haben, daß ich wohl viel Überflüssiges geschwätzt hatte, aber wie hätte ich ahnen können, daß es so viel war! Auch hoffte ich, und ich tröstete mich damit, daß ich in meinem damaligen Zustande wohl kaum ein Wort verständlich ausgesprochen haben konnte, wessen ich mich noch genau zu erinnern glaubte; doch wie es sich nachher erwies, war mein Gestammel viel verständlicher gewesen, als ich angenommen und gehofft hatte. Aber das schlimmste war doch, daß ich alles dies erst nachträglich und viel später erfuhr, und eben das wurde mein Verhängnis.

Aus meinem Gestammel, Gefasel und Überschwang hatte Lambert Folgendes entnommen, vielmehr erfahren: erstens, fast alle Namen und sogar einige Adressen; zweitens hatte er sich sofort eine ungefähre Vorstellung von der Bedeutung und gesellschaftlichen Stellung der betreffenden Personen machen können (so zum Beispiel von der des alten Fürsten, von ihr, Bjoring, Anna Andrejewna und sogar von Werssiloff); drittens hatte er erfahren, daß ich beleidigt worden war und mich rächen wollte; und viertens, das Allerwichtigste: daß es ein geheimes, verborgenes Dokument gab, einen Brief, der, wenn man ihn dem alten Fürsten zeigte und dieser aus dem Brief erführe, daß seine Tochter, sein einziges Kind, ihn für verrückt hielt und schon an einen Juristen wegen seiner Entmündigung geschrieben hatte, – daß der alte Fürst über diesen Brief entweder den Verstand verlieren oder vor lauter Empörung seine Tochter aus dem Hause jagen und enterben würde, um dann ein Fräulein Werssiloff zu heiraten, was er schon jetzt unbedingt wollte, doch was man ihm vorläufig noch nicht erlaubte. Mit einem Wort, Lambert hatte sehr, sehr viel erfahren; natürlich war manches dunkel für ihn geblieben, aber immerhin hatte er als gerissener Erpresser die Möglichkeiten sofort überschaut. Nachdem ich von Alphonsina unvorhergesehenerweise fortgelaufen war, hatte er sich sofort meine Adresse verschafft (ganz einfach durch das Adreßbureau) und Nachforschungen angestellt, die ihm die Bestätigung gebracht hatten, daß es alle die Personen, deren Namen von mir im Fieber genannt worden waren, tatsächlich gab. Und daraufhin hatte er dann ungesäumt den ersten Schritt getan.

Die wichtigsten Tatsachen waren für ihn, daß es da ein gewisses Dokument gab, daß dieses Dokument sich in meinem Besitz befand, und daß es einen hohen Wert hatte; an letzterem zweifelte Lambert keinen Augenblick. Nun möchte ich aber einen Umstand vorläufig verschweigen, da seine spätere Mitteilung angebrachter sein dürfte; es genügt, wenn ich hier nur erwähne, daß gerade dieser Umstand Lambert von dem Vorhandensein des Dokuments und dem großen Wert desselben überzeugt hatte. Ich schicke voraus, daß es ein verhängnisvoller Umstand war, von dem ich mir nicht nur damals nichts träumen ließ, sondern auch die ganze Zeit über nicht – bis zum letzten Augenblick, als plötzlich alles einstürzte und sich von selbst aufdeckte. Und so war denn, da er sich in der Hauptsache sicher glaubte, der erste Schritt, den er tat, daß er zu Anna Andrejewna fuhr.

Für mich ist es auch heute noch ein Rätsel, wie Lambert es fertiggebracht hat, sich an eine so unnahbare und vornehme Dame wie Anna Andrejewna heranzumachen und sich in seiner Rolle sogar zu behaupten! Freilich hatte er Erkundigungen eingezogen, aber was will das besagen? Und wenn er auch tadellos angezogen war, wie ein Pariser sprach und einen französischen Namen trug, so ist es doch nicht gut möglich, daß Anna Andrejewna nicht sofort den Spitzbuben in ihm erkannt hat! Oder soll man annehmen, daß sie gerade damals einen Spitzbuben brauchte? Sollte es sich wirklich so verhalten?

Die Einzelheiten ihrer ersten Begegnung habe ich niemals erfahren können, aber ich habe mir später oft genug diese Szene vorzustellen versucht. Wahrscheinlich hat Lambert sich vom ersten Wort und von der ersten Gebärde an als meinen Jugendfreund aufgespielt, der für seinen lieben und einzigen Freund zitterte. Nun, und dann wird er wohl schon bei diesem ersten Zusammentreffen zu verstehen gegeben haben, daß ich ein „Dokument“ besäße, daß dies ein Geheimnis sei, daß er allein um dieses Geheimnis wisse, daß ich mich mittels dieses Dokuments an der Generalin Achmakoff zu rächen beabsichtige usw. Vor allen Dingen wird er ihr wohl die Bedeutung und den Wert dieses Dokuments klargemacht haben. Anna Andrejewna aber befand sich gerade damals in einer so verzwickten Lage, daß sie einfach nicht anders konnte, als sich an eine Rettungsmöglichkeit klammern. So mußte sie eben diese Neuigkeit aufmerksam anhören und ... auf diesen Köder anbeißen, wenn sie in ihrem „Kampf ums Dasein“ nicht unterliegen wollte. Man hatte ihr ja gerade damals den Bräutigam nach Zarskoje Sselo entführt, hatte ihn fast unter Vormundschaft gestellt, und auch sie selbst stand seitdem gewissermaßen unter Vormundschaft. Und nun plötzlich so ein Fund! Das war etwas anderes als heimliches Weibergeschwätz, war nicht bloß Gejammer und Geklatsch, war nicht Tränen und Klagen, sondern war ein Brief, ein Schriftstück, war ein tatsächlicher Beweis für die Hinterlist seiner lieben Tochter und aller derer, die ihr, Anna Andrejewna, den Bräutigam entreißen wollten: dieser schlagende Beweis würde ihn doch zu der Einsicht bringen, daß er sich retten mußte, und wäre es durch Flucht! sich retten zu ihr, zu ihr allein, zu Anna Andrejewna, und sich mit ihr trauen lassen, womöglich binnen vierundzwanzig Stunden, – wenn er von den anderen nicht geholt und in eine Irrenanstalt gesteckt werden wollte!

Aber vielleicht ist Lambert auch ganz offen vorgegangen und hat sich dieser jungen Dame gegenüber überhaupt nicht verstellt, sondern einfach von vornherein gesagt: „Mademoiselle, Sie müssen sich entscheiden, was Sie werden wollen: eine alte Jungfer oder eine Fürstin und Millionärin. Es gibt da ein Dokument, ich werde es dem Jüngling entwenden und Ihnen ausliefern ... gegen einen Wechsel von Ihnen über dreißigtausend Rubel.“ Ich glaube sogar, daß er wirklich gerade so vorgegangen ist. Oh, er hielt ja alle für genau solche Schurken, wie er selbst einer war! Ich sage noch einmal: es war in ihm eine gewisse Schurkennaivität, eine gewisse Schurkenunschuld ... Aber welcher Art sein Vorgehen auch gewesen sein mag, es ist immerhin sehr möglich, daß Anna Andrejewna selbst durch diese Taktik sich nicht einen Augenblick hat verwirren lassen; wahrscheinlich wird sie es sogar vorzüglich verstanden haben, sich zu beherrschen und den Erpresser, dessen Redeweise natürlich seinem Gewerbe entsprach, ruhig bis zu Ende anzuhören – und alles das aus der „Vorurteilslosigkeit“ ihrer „Weitherzigkeit“. Oh, selbstverständlich wird sie zu Anfang ein wenig errötet sein, aber sie wird sich dann schnell zusammengenommen und ihn eben angehört haben. Doch wenn ich mir diese unnahbare, stolze, wirklich achtunggebietende junge Dame, die noch dazu so viel Verstand besitzt, Hand in Hand mit Lambert vorstelle, so ... ja, das ist es ja eben, daß sie so viel Verstand besitzt! Der russische Verstand, besonders einer von solcher Stärke, ist mit Vorliebe gänzlich vorurteilslos, und nun gar ein weiblicher! und noch unter solchen Umständen!

Jetzt fasse ich kurz zusammen:

An dem Tage und zu der Stunde, als ich nach meiner Krankheit zum erstenmal das Haus verließ, hatte Lambert bereits zwei Möglichkeiten ins Auge gefaßt (das weiß ich jetzt ganz genau): die erste Möglichkeit war, von Anna Andrejewna für das Dokument einen Wechsel über mindestens dreißigtausend Rubel zu fordern und ihr dann zu helfen, dem alten Fürsten vor seiner eigenen Tochter und seinem ganzen Anhang angst und bange zu machen, ihn darauf im richtigen Augenblick zu entführen und sie schleunigst mit ihm trauen zu lassen – kurz, etwas von dieser Art. Es war da schon ein ganzer Plan zusammengestellt; man wartete nur noch auf meine Hilfe, das heißt, auf das Dokument.

Lamberts zweiter Plan war: Anna Andrejewna zu verraten und den Brief nicht an sie, sondern an die Generalin Achmakoff zu verkaufen, wenn das vorteilhafter wäre. Für diesen Fall rechnete er auch auf Bjoring. Aber an die Generalin hatte sich Lambert doch noch nicht herangewagt. Er hatte erst nur spioniert. Auch wartete er noch auf mich.

Oh, er hatte mich sehr nötig, oder vielmehr nicht mich, sondern das Dokument. Was aber mich persönlich betrifft, so hatte er in bezug auf mich auch schon zwei Pläne entworfen. Der erste Plan bestand darin, wenn es nun einmal anders gar nicht ginge, Halbpart mit mir zu machen, doch das natürlich nur dann, wenn er meiner in jeder Beziehung sicher sein konnte. Der zweite Plan aber sagte ihm weit mehr zu und bestand darin, daß er mich wie einen dummen Jungen betrügen wollte, indem er mir das Dokument einfach stahl oder mit Gewalt entwendete. Dieser zweite Plan gefiel ihm ausnehmend, und in seinen Träumen malte er sich gern das Gelingen desselben aus. Ich bemerke hier nochmals: es gab da so einen Umstand, der ihn an dem Gelingen dieses zweiten Planes überhaupt nicht zweifeln ließ, doch, wie gesagt, mitteilen werde ich diesen Umstand erst später. Jedenfalls erwartete er mich mit krampfhafter Ungeduld: alles hing für ihn nur von mir und meinem Verhalten ab, jeder Schritt und jeder Entschluß.

Aber in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: bis zu meiner Genesung hatte er sich doch im Zaum gehalten, trotz seiner ganzen Ungeduld und einer Veranlagung, die ihn sonst nur schwer eine Sache abwarten ließ. Er war während meiner Krankheit überhaupt nicht zu mir gekommen, ausgenommen das eine Mal, als er mit Werssiloff gesprochen hatte; mich persönlich aber hatte er wohlweislich ganz in Ruhe gelassen, und bis zu meinem Erscheinen bei ihm war von ihm aus nichts geschehen, was sein Interesse irgendwie verraten hätte. Über die Möglichkeit aber, daß ich das Dokument jemandem übergeben oder davon Mitteilung machen oder es vernichten könnte, war er ganz unbesorgt. Aus meinem Gerede damals bei ihm hatte er schon ersehen, wieviel mir selbst an der Geheimhaltung lag, und wie sehr ich fürchtete, daß jemand von diesem Dokument auf irgendeine Weise etwas erfahren könnte. Daß ich aber von allen anderen ihn ganz zuerst aufsuchen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick: Darja Onissimowna war ja zum Teil auch auf seine Veranlassung zu mir gekommen, und er wußte, daß nunmehr schon Neugier und Angst in mir geweckt waren, und ich die Ungewißheit nicht lange ertragen würde ... Und außerdem hatte er bereits alle Vorkehrungen getroffen, ja, es war ihm sogar möglich, genau zu erfahren, an welchem Tage ich zum erstenmal das Haus verlassen würde, so daß ich ihm doch nicht entgangen wäre, selbst wenn ich’s gewollt hätte.

Aber wenn schon Lambert ungeduldig auf mich wartete, so wartete Anna Andrejewna vielleicht noch viel ungeduldiger auf mich. Ich sage ganz offen: Lambert war teilweise vielleicht im Recht, wenn er sich mehr an seinen zweiten Plan hielt und sie im Stich zu lassen beabsichtigte, da sie schließlich selbst die Veranlassung dazu gab. Denn trotz ihres fraglosen Einverständnisses (ich weiß zwar nicht, in welcher Form sie übereingekommen waren, aber daß sie es waren, daran zweifle ich keinen Augenblick) war Anna Andrejewna doch bis zuletzt nicht ganz aufrichtig gegen ihn. So hatte sie ihm von sich nichts mitgeteilt. Sie hatte ihm nur andeutungsweise zu verstehen gegeben, daß sie mit seinem Plan und allen seinen Bedingungen einverstanden war, – aber eben auch nur andeutungsweise; sie hatte seinen ganzen Vorschlag sicherlich bis in alle Einzelheiten angehört und ihr Einverständnis wohl nur durch ihr Schweigen ausgedrückt. Ich habe die sichersten Beweise für die Richtigkeit dieser Annahme; und der Grund, weshalb sie sich so verhielt, war wohl, daß sie auf mich wartete. Sie wollte es lieber mit mir zu tun haben, als mit dem Spitzbuben Lambert – das steht für mich fest! Und das kann ich auch verstehen; ihre Rechnung stimmte nur deshalb nicht, weil Lambert sie schließlich durchschaute. Für ihn aber wäre es doch gar zu unvorteilhaft gewesen, wenn sie mir hinter seinem Rücken das Dokument abgenommen und sich mit mir verbündet hätte. Hinzu kam, daß er damals von dem Gelingen seines zweiten Planes schon mit aller Sicherheit überzeugt war. Ein anderer hätte an seiner Stelle immer noch ein wenig gezweifelt und sich gefürchtet, Lambert aber war jung, frech, beseelt von der ungeduldigsten Erwerbsgier, kannte die Menschen wenig und hielt sie alle für seinesgleichen; deshalb kam ihm denn auch nicht der geringste Zweifel, um so weniger als er durch Anna Andrejewnas Verhalten seine wichtigsten Mutmaßungen bestätigt sah.

Nun noch eine letzte und wichtigste Frage: Wußte auch Werssiloff schon irgend etwas, und war er schon damals an irgendwelchen, wenn auch noch so fernen Plänen Lamberts beteiligt? Nein, nein, nein, damals gewiß noch nicht, wenn auch das verhängnisvolle Wort vielleicht schon gefallen war ... Doch genug, genug davon, ich greife zu weit vor.

Nun, und wie verhielt es sich denn mit mir? Wußte ich damals schon etwas, und was war es denn, das ich wußte, als ich zum erstenmal das Haus verließ? Ich ging von der Behauptung aus, daß ich damals noch nichts gewußt hätte, ich hätte alles dies erst viel später erfahren, sogar erst dann, als alles schon zu Ende war. Das ist richtig, aber verhielt es sich denn auch wirklich so? Nein, im Grunde doch wohl nicht; ich wußte zweifellos schon recht viel; aber woher wußte ich es? Ich erinnere den Leser an meinen Traum! Wenn ich schon so einen Traum haben konnte, wenn so etwas schon meinem Herzen entspringen und sich gestalten konnte, so ist das ein Beweis dafür, daß ich schon ungeheuer viel – nicht gerade gewußt, aber doch geahnt habe von dem, was ich weiter oben vorausgreifend bereits erzählt habe, und was ich dann allerdings erst später, „nachdem alles zu Ende war,“ erfuhr. Also von einem „Wissen“ konnte damals noch nicht die Rede sein, aber mein Herz klopfte vor lauter Ahnungen und böse Geister hatten sich schon meiner Träume bemächtigt. Und zu einem Menschen wie Lambert zog es mich hin, obgleich ich genau wußte, was für ein Mensch er war, und obgleich ich sogar alle seine Absichten vorausahnte! Und weshalb zog es mich denn so zu ihm hin? Sonderbar: gerade jetzt, in diesem Augenblick, da ich dies niederschreibe, scheint es mir, als hätte ich schon damals ganz genau und sogar alle einzelnen Gründe gewußt, weshalb es mich zu ihm zog, während ich doch gleichzeitig gar nichts wußte. Vielleicht wird der Leser das verstehen. Jetzt aber – zur Sache und zu den Ereignissen in ihrer Reihenfolge.

II.

Es begann damit, daß zwei Tage vor meinem ersten Ausgang Lisa gegen Abend in großer Erregung nach Hause kam. Sie war aufs tiefste gekränkt worden; und in der Tat war ihr etwas Unglaubliches widerfahren.

Ich habe von ihrer Beziehung zu Wassin schon gesprochen. Sie holte sich von ihm Rat: nicht nur, um uns zu zeigen, daß sie unseres Rates nicht bedurfte, sondern auch, weil sie Wassin wirklich sehr schätzte. Sie hatten sich in Luga kennen gelernt, und ich hatte immer die Empfindung gehabt, daß sie Wassin nicht gleichgültig war. Nun war es ja ganz natürlich, daß es sie in ihrem Unglück nach einem Menschen mit festem, ruhigem, immer über den Dingen stehendem Verstande verlangte, wie ihn Wassin ihrer Meinung nach besaß. Übrigens sind Frauen bekanntlich keine großen Meister in der richtigen Beurteilung eines männlichen Verstandes, wenn der betreffende Mensch ihnen gefällt, und mit Vergnügen nehmen sie Paradoxa als Folgeschlüsse von strengster Logik hin, wenn diese ihren eigenen Wünschen entgegenkommen. Was Lisa an Wassin besonders gefiel, war sein Mitgefühl mit ihrem Leid und, wie sie anfangs glaubte, auch seine Symphathie für den jungen Fürsten. Da sie zudem seine Gefühle für sie ahnte, war es selbstverständlich, daß sie seine Sympathie für den Gegner doppelt so hoch schätzte. Der Fürst aber hatte ihre Mitteilung, daß sie sich von Wassin zuweilen Rat hole, mit großer Unruhe aufgenommen und war sogleich eifersüchtig geworden. Das kränkte Lisa, weshalb sie ihre Besuche bei Wassin schon aus Trotz nicht einstellte. Der Fürst sagte schließlich nichts mehr dazu, wurde jedoch immer finsterer und mißtrauischer. Lisa aber hat mir später (lange nachher) selbst gestanden, daß Wassin ihr damals schon sehr bald gar nicht mehr gefallen habe; er war ruhig, und gerade diese ewig sich gleichbleibende Ruhe, die ihr anfangs so gefallen hatte, war ihr alsbald recht unangenehm geworden. Hinzu kam, daß die Ratschläge, die er ihr als ein in Rechtssachen doch zweifellos erfahrener Mann gab, und die stets sehr vernünftig schienen, sich leider alle als unausführbar erwiesen, was doch recht sonderbar war. Sein Urteil über andere Menschen fällte er manchmal gar zu sehr von oben herab, und ohne sich dessen auch nur im geringsten vor ihr zu schämen; – und je länger, um so weniger schämte er sich vor ihr, was sie seiner wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Unglück zuschrieb. Einmal hatte sie ihm dafür gedankt, daß er gegen mich immer so freundlich war und trotz seines mir weit überlegenen Verstandes mit mir wie mit seinesgleichen sprach (das heißt, sie hatte ihm fast meine eigenen Worte gesagt). Seine Antwort war darauf gewesen:

„Das ist es nicht. Ich tue es einfach aus dem Grunde, weil ich zwischen ihm und anderen gar keinen Unterschied sehe. Ich halte ihn weder für dümmer als die Klugen, noch für böser als die Guten. Ich bin gegen alle Menschen gleich, denn in meinen Augen sind alle Menschen gleich.“

„Wie, sehen Sie denn wirklich keine Unterschiede?“

„Oh, natürlich unterscheidet sich ein jeder durch irgend etwas, aber für mich gibt es keine Unterschiede, weil die Unterschiede der Menschen mich nichts angehen: für mich sind alle gleich und ist alles gleich, und deshalb bin ich auch gegen alle Menschen in gleicher Weise freundlich.“

„Und das langweilt Sie nicht?“

„Nein; ich bin immer zufrieden mit mir.“

„Und Sie wünschen sich auch nichts?“

„Wie sollte ich nicht. Aber ich tue es nicht allzusehr. Ich brauche fast nichts, nicht einen Rubel mehr, als ich habe. Ob ich in einem goldenen Kleide gehe oder so wie jetzt – das ist doch vollkommen gleichgültig: die goldenen Kleider würden Wassin nicht im geringsten erhöhen. Alles so was lockt mich nicht: können denn äußere Ehrungen oder ein hoher Rang meinen Wert ausmachen?“

Lisa hat mir ehrenwörtlich versichert, daß er ihr buchstäblich so geantwortet hätte. Übrigens läßt sich so etwas in seiner Wirkung nie genau beurteilen, dazu muß man immer alle Umstände kennen, unter denen es gesagt ward.

Nach und nach war Lisa zu der Überzeugung gekommen, daß er vielleicht auch über den Fürsten nur deshalb so nachsichtig urteilte, weil „für ihn alle gleich waren, und es für ihn keine Unterschiede gab,“ aber durchaus nicht aus Sympathie für sie. Doch mit der Zeit begann er merklich, seinen Gleichmut zu verlieren und sich über den Fürsten nicht nur tadelnd, sondern sogar mit Verachtung und Spott zu äußern. Das reizte Lisa sehr, aber Wassin ließ sich durch nichts davon abhalten. Und dabei drückte er sich immer noch möglichst milde aus, und selbst wenn er ihn tadelte, geschah es ohne Unwillen: er erklärte ihr dann eben mit logischer Folgerichtigkeit den ganzen Unwert ihres Helden; aber gerade in dieser Logik lag ja die Ironie. Schließlich setzte er ihr sogar die ganze „Torheit“ ihrer Liebe auseinander, die eigensinnige Erzwungenheit dieser Liebe. „Sie haben sich über Ihre eigenen Gefühle getäuscht; Irrtümer aber, die man einmal als solche erkannt hat, müssen unbedingt aufgegeben werden.“

Das hatte er gerade an jenem Tage zu ihr gesagt. Lisa war empört aufgestanden, um ihn sofort zu verlassen; doch was tat er nun, und womit schloß dieser vernünftige Mensch? Er schloß damit, daß er mit der edelsten Miene und sogar mit Gefühl – ihr seine Hand antrug. Lisa hatte ihm darauf ins Gesicht gesagt, daß er einfach dumm sei, und war hinausgegangen.

Einer Frau vorzuschlagen, einen Unglücklichen aufzugeben, bloß weil dieser Unglückliche ihrer „nicht wert“ sei, und das noch dazu einer Frau, die von diesem Unglücklichen schwanger ist, – das ist nun der Verstand solcher Leute! Ich nenne das ein schreckliches Aufgehen in Theorie bei vollständiger Unkenntnis des Lebens. Zugrunde liegt eine grenzenlose Eigenliebe. Lisa erkannte denn auch ganz genau, daß er auf seine Handlungsweise noch stolz war, und wäre es auch nur deshalb, weil er um ihren Zustand bereits wußte. Mit Tränen der Empörung war sie zum Fürsten geeilt – dieser aber hatte Wassin noch übertrumpft. Man sollte meinen, ihre Erzählung hätte ihn wirklich überzeugen müssen, daß er zur Eifersucht jetzt wahrlich keinen Grund mehr hatte; aber gerade diese Erzählung machte ihn toll. Übrigens sind ja die Eifersüchtigen alle so! Er machte ihr eine furchtbare Szene und beleidigte sie so unerhört, daß sie schon entschlossen war, sofort und unwiderruflich mit ihm zu brechen.

Dennoch kam sie so weit ruhig nach Haus, daß man ihr nicht viel anmerkte, aber vor Mama konnte sie es doch nicht verheimlichen. Oh, an jenem Abend traten sie sich wieder so nah wie früher: das Eis war gebrochen; beide weinten sich aus, während sie sich fest umschlungen hielten, und Lisa beruhigte sich anscheinend, doch man sah es ihr an, daß sie sich sehr bedrückt fühlte. Den Abend verbrachte sie bei Makar Iwanowitsch ganz still und stumm; immerhin blieb sie im Zimmer und hörte sehr aufmerksam an, was er sprach. Seit jenem Unfall Makar Iwanowitschs, damals, beim gewaltsamen Aufstehen, war sie zu ihm ausnehmend freundlich und dabei doch gewissermaßen schüchtern ehrerbietig, wenn sie auch nach wie vor einsilbig blieb.

An diesem Abend nun gab Makar Iwanowitsch dem Gespräch auf einmal eine andere Wendung, was für uns ganz unerwartet und überraschend kam. Ich muß bemerken, daß Werssiloff und Alexander Ssemjonowitsch, der Doktor, schon am Morgen dieses Tages mit sehr sorgenvollen Mienen über seinen Zustand gesprochen hatten. Desgleichen muß ich bemerken, daß im Hause seit ein paar Tagen verschiedene Vorbereitungen zu Mamas Geburtstag getroffen wurden und wir schon viel von dem bevorstehenden Familienfest sprachen, obwohl bis dahin noch ganze fünf Tage waren. Eben ein solches Gespräch war es, das in Makar Iwanowitsch alte Erinnerungen wachrief, und er begann, von Mamas Kindheit zu erzählen und von jener ersten Zeit, als sie „noch nicht auf den Beinchen stehen konnte“. „Wenn sie mal auf meinem Arm saß, dann wollte sie um keinen Preis herunter,“ erzählte der Alte, „und ich weiß noch, wie ich sie gehen lehrte. Ich stellte sie drei Schritt von mir in den Winkel und rief sie, und sie kam dann ganz unsicher auf mich los und fürchtete sich gar nicht vor mir, sondern lachte noch, und wenn sie dann bei mir angelangt war, umfaßte sie meine Knie und hob die Ärmchen zu meinem Hals. Und Märchen hab’ ich dir erzählt, Ssofja Andrejewna; Märchen liebtest du über alles. Ganze zwei Stunden konnte sie auf meinem Knie sitzen und horchen, und mir die Worte von den Lippen lesen. In der Stube wunderten sich alle: ‚Seht doch, wie sie an dem Makar hängt!‘ Oder in der Sommerzeit brachte ich dich in den Wald, suchte dir wohl einen Himbeerstrauch, setzte dich unter ihm hin und schnitzte dir derweil eine Flöte aus Holz. Und wenn wir dann genug gegangen waren, trug ich dich auf den Armen nach Hause – mein Kindchen schlief schon. Und einmal hast du dich so vor einem Wolf erschreckt, kamst zu mir gelaufen, zittertest vor Angst, und dabei war da gar kein Wolf.“

„Dessen erinnere ich mich noch,“ sagte Mama.

„Erinnerst du dich wirklich noch?“

„An vieles erinnere ich mich noch. Soweit ich nur zurückdenken kann, habe ich von Ihnen nur Güte und Liebe erfahren,“ sagte sie mit ergriffener Stimme, und plötzlich wurde sie bis über die Stirn rot.

Makar Iwanowitsch wartete ein wenig, bevor er weitersprach.

„Ja, Kinderchen, jetzt werde ich bald von euch gehen. Meine Stunde ist schon gekommen. Im Alter hab’ ich Trost gefunden für allen Kummer; habt Dank, ihr Lieben.“

„Aber was reden Sie da, Makar Iwanowitsch, lieber, teurer Mensch,“ rief Werssiloff sichtlich beunruhigt. „Mir hat der Arzt noch vorhin gesagt, daß Ihr Zustand bedeutend besser sei ...“

Mama horchte erschrocken auf.

„Ja, was weiß denn der, dein Alexander Ssemjonowitsch,“ sagte Makar Iwanowitsch lächelnd, „ein lieber Mensch ist er, aber auch nicht mehr. Laßt gut sein, Freunde, oder glaubt ihr, daß ich mich vor dem Sterben fürchte? Ich hatte heute nach dem Morgengebet so ein Gefühl im Herzen: daß ich von hier nicht mehr hinausgehen werde – so ist es mir gesagt worden. Nun und so geschehe es denn, der Name des Herrn sei gelobt. Nur an euch allen will ich mich noch sattsehen. Auch Hiob, der vielfach Geprüfte, fand Trost, wenn er seine neuen Kindlein sah, doch ob er darüber auch seine früheren Kinder vergaß und vergessen konnte? – Unmöglich ist dies! Nur daß sich im Lauf der Jahre die Trauer mit der Freude vermischt und sich in ein schmerzloses Seufzen verwandelt! So ist es auf Erden: jede Seele wird geprüft und wird getröstet. Ich hab’ mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, es ist nicht viel,“ fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, das ich nie vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich zu mir: „Du, Lieber, eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so geh auch in den Tod für sie, – aber wart’ doch, erschrick nicht, es ist das ja nicht gleich nötig,“ unterbrach er sich lächelnd. „Jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, das tue für Gott, nicht aber um des Neides willen. An deinem Werk aber halt fest und laß es dir nicht durch Kleinmut gleichviel welcher Art entwinden; schaffe es nicht übereilt, nicht kopflos und unstet. Nun, und das ist auch alles, was du zu hören brauchst. Es sei denn noch dies, daß du lernst, täglich und unentwegt zu beten. Ich sage dir das nur so, vielleicht erinnerst du dich mal daran. Ich wollte wohl auch Euch, Andrei Petrowitsch, etwas sagen, Herr, aber Gott wird auch ohne mich Euer Herz finden. Schon lange haben wir nicht mehr davon gesprochen, seit damals, da dieser Pfeil mein Herz durchbohrte. Jetzt aber, wo ich von Euch gehe, wollte ich nur daran erinnern ... was Ihr mir damals verspracht ...“

Die letzten Worte sagte er so leise, daß sie kaum zu verstehen waren ...

„Makar Iwanowitsch!“ stieß Werssiloff verwirrt und beunruhigt hervor und erhob sich von seinem Stuhl.

„Nein, nein, Herr, laßt Euch nicht verwirren, ich hab’ ja nur so daran erinnern wollen ... Die Schuld aber vor Gott trifft in dieser Sache vor allen anderen mich; denn wenn Ihr auch mein Herr wart, so hätt’ ich doch diese Schwäche nicht zulassen sollen. Deshalb quäle auch du, Ssofja, dein Herz nicht zu sehr, denn deine ganze Sünde ist – meine Sünde, in dir aber war, so denke ich mir, damals wohl nicht viel Verständnis dafür vorhanden, und vielleicht auch in Euch, Herr, nicht viel mehr als in ihr,“ sagte er lächelnd, und seine Lippen bebten wie vor Schmerz, „und wenn ich dich damals auch hätte belehren können, als mein Weib, und sogar mit dem Stocke, und selbiges sogar hätte tun müssen, so tatest du mir doch leid, als du in Tränen vor mir niederfielst und mir nichts verheimlichtest ... und mir die Füße küßtest. Nicht um dir Vorwürfe zu machen, spreche ich davon, sondern nur um Andrei Petrowitsch zu erinnern ... denn Ihr erinnert Euch wohl selber, Herr, Eures Versprechens und Edelmannswortes ... und die Trauung macht alles gut ... Vor den Kinderchen sag’ ich das, Herr ...“

Er war außerordentlich erregt und sah Werssiloff an, als erwarte er von ihm ein zusagendes Wort. Ich wiederhole, das kam alles so unerwartet, daß ich vor Überraschung ganz regungslos dasaß. Werssiloff war nicht weniger erregt als Makar Iwanowitsch: er trat schweigend zu Mama und umschlang sie fest; da ging Mama, gleichfalls schweigend, zu Makar Iwanowitsch und verneigte sich tief vor ihm.

Es war eine erschütternde Szene. Im Zimmer befanden sich diesmal nur wir, nur die Familie. Selbst Tatjana Pawlowna war nicht zugegen. Lisa hatte sich auf ihrem Stuhl eigentümlich gerade aufgerichtet und hörte stumm zu; plötzlich stand sie auf und sagte mit fester Stimme zu Makar Iwanowitsch:

„Segnen Sie auch mich, Makar Iwanowitsch, in einer großen Qual! Morgen wird sich mein Schicksal entscheiden ... beten Sie heute für mich!“

Damit verließ sie das Zimmer. Ich weiß, daß Makar Iwanowitsch ihr ganzes Unglück schon von Mama erfahren hatte. An diesem Abend sah ich Werssiloff und Mama zum erstenmal zusammen: bis dahin hatte ich neben ihm immer nur seine Sklavin gesehen. Ja, ich hatte noch ungeheuer vieles nicht gewußt und nicht bemerkt an diesem Menschen, den ich bereits verurteilte; so kehrte ich ganz verwirrt in mein Zimmer zurück. Und ich muß sagen: gerade zu dieser Zeit hatten sich alle meine Bedenken und Zweifel gegen ihn verdichtet. Noch nie war er mir so geheimnisvoll und unverständlich erschienen wie in eben jener Zeit. Aber davon handelt ja diese ganze Geschichte, die ich hier schreibe.

„Nun stellt es sich heraus,“ dachte ich bei mir, als ich zu Bett ging, „daß er damals Makar Iwanowitsch sein ‚Edelmannswort‘ gegeben hat: daß er Mama heiraten werde, sobald sie Witwe würde. Das hat er mir verschwiegen, als er mir damals seine Unterredung mit Makar Iwanowitsch erzählte.“

Den ganzen folgenden Tag war Lisa nicht zu Haus, und als sie dann ziemlich spät heimkehrte, ging sie geradeswegs zu Makar Iwanowitsch. Ich wollte zunächst nicht hingehen, um sie nicht zu stören, doch als ich bald darauf bemerkte, daß auch Mama und Werssiloff bei ihnen waren, ging ich gleichfalls hinein. Lisa saß neben dem Alten und weinte an seiner Schulter, während er mit traurigem Gesicht stumm ihren Kopf streichelte.

Werssiloff sagte mir (nachher in meinem Zimmer), daß der Fürst auf seinem Willen bestand und sich mit Lisa bei der ersten Möglichkeit trauen lassen wollte, noch vor dem Urteilsspruch des Gerichts. Es fiel Lisa schwer, einzuwilligen, obschon sie kein Recht mehr hatte, nicht einzuwilligen. Überdies hatte Makar Iwanowitsch ihr geradezu „befohlen“, sich trauen zu lassen. Natürlich wäre das später alles ganz von selbst geschehen, und sie hätte sich ja zweifellos trauen lassen, auch ohne fremden Befehl und ohne zu schwanken, aber in diesem Augenblick war sie von dem, den sie liebte, so maßlos gekränkt und durch diese ihre Liebe sogar in ihren eigenen Augen so erniedrigt, daß es ihr unendlich schwer fiel, sich zu fügen. Doch außer der Kränkung war da noch ein neuer Umstand hinzugekommen, von dem ich noch nichts ahnte und auch gar nicht ahnen konnte.

„Hast du es schon gehört, daß diese ganze junge Gesellschaft von der Petersburger Seite verhaftet worden ist?“ fragte Werssiloff mich plötzlich wie beiläufig.

„Was? Dergatschoff?“ rief ich erschrocken.

„Ja; und Wassin auch.“

Ich war unendlich betroffen, besonders durch die Nachricht von der Verhaftung Wassins.

„Ja aber ist denn Wassin auch in irgend etwas verwickelt? Mein Gott, was wird jetzt mit ihnen geschehen? Und das ausgerechnet in derselben Zeit, da Lisa Wassin so anklagt! ... Was glauben Sie, was kann man ihnen anhaben? Dahinter steckt Stebelkoff! Ich schwöre Ihnen, das ist Stebelkoffs Werk!“

„Reden wir nicht davon,“ sagte Werssiloff und sah mich sonderbar an (eben wie man einen Menschen ansieht, der nichts begreift und nichts errät), „wer weiß es denn, was sie da haben, und wer kann es wissen, was mit ihnen geschehen wird? Doch das war es nicht, worüber ich mit dir sprechen wollte: ich hörte, du willst morgen ausgehen. Wirst du da nicht auch den Fürsten Ssergei Petrowitsch besuchen?“

„Das ist das erste, was ich vorhabe; wenn es mir auch, offen gestanden, sehr schwer wird ... Ja wie, wollen Sie ihm durch mich etwas sagen lassen?“

„Nein, das nicht. Ich werde ihn selbst sehen. Lisa tut mir leid. Und was kann ihr Makar Iwanowitsch für Ratschläge geben? Er kennt ja selbst weder das Leben noch die Menschen. Und dann noch etwas, mein Lieber“ (er hatte lange nicht mehr „mein Lieber“ zu mir gesagt), „da sind so ... ein paar junge Leute ... von denen einer dein früherer Schulfreund Lambert ist ... Mir scheint, das sind lauter – große Spitzbuben ... Ich sage das nur, um dich zu warnen ... Übrigens ist das natürlich deine Sache, ich habe ja kein Recht ...“

„Andrei Petrowitsch!“ Ich ergriff seine Hand, ohne zu überlegen und nahezu begeistert, wie das oft mit mir geschieht (es war fast ganz dunkel im Zimmer). „Andrei Petrowitsch, ich habe geschwiegen, – Sie haben es doch gesehen, ich habe die ganze Zeit geschwiegen, und wissen Sie, weshalb? Um Ihren Geheimnissen auszuweichen. Ich habe bei mir beschlossen, sie niemals erfahren zu wollen. Ich bin feige und fürchte mich davor, daß Ihre Geheimnisse Sie ganz aus meinem Herzen reißen könnten, das aber will ich nicht. Und wenn es so ist, wozu sollten Sie dann meine Geheimnisse kennen? Kann es denn nicht auch Ihnen ganz gleich sein, wohin ich gehe? Ist es nicht so?“

„Du hast recht; aber kein Wort mehr darüber, ich bitte dich!“ sagte er und verließ mein Zimmer.

So hatten wir uns ganz unerwarteterweise doch ein wenig ausgesprochen. Aber er hatte meine Erregung vor dem neuen Schritt ins Leben, der mir am folgenden Tage bevorstand, nur noch verstärkt, so daß ich nachts nicht schlafen konnte und immer wieder aufwachte. Trotzdem war mir froh zumute.

III.

Am nächsten Tage verließ ich das Haus, und obgleich es schon zehn Uhr morgens war, bemühte ich mich, leise aufzutreten, um ungesehen hinauszukommen, weshalb ich auch niemandem etwas von meinem Fortgehen sagte und mich nicht verabschiedete; kurz, ich versuchte, heimlich zu entschlüpfen. Warum ich das tat, weiß ich nicht; aber selbst wenn Mama mich erblickt und aufgehalten hätte, würde ich ihr mit irgendeiner Bosheit geantwortet haben. Als ich auf die Straße trat und die kalte Luft mich berührte, erzitterte ich wie von einer ungeheuer starken Empfindung, die geradezu tierisch war, und die ich fleischlüstern nennen möchte. Wozu ging ich aus, wohin ging ich? Das war für mich vollkommen unbestimmbar und zugleich war ich doch – fleischlüstern. Und Furcht war in mir und Seligkeit zugleich.

„Werde ich mich heute beschmutzen oder werde ich mich nicht beschmutzen?“ fragte ich mich mutig, wenn ich auch nur zu gut wußte, daß der für heute vorgenommene Schritt von entscheidender Bedeutung und in meinem ganzen Leben nicht mehr ungeschehen zu machen sein würde. Doch wozu hier in Rätseln sprechen!

Ich ging ins Gefängnis zum Fürsten. Schon vor drei Tagen hatte ich von Tatjana Pawlowna ein Briefchen an den Inspektor erhalten, und dieser war infolgedessen sehr liebenswürdig zu mir. Ich weiß nicht, ob er auch sonst ein guter Mensch war, aber das kommt ja hier nicht weiter in Betracht; jedenfalls gestattete er mir, den Fürsten zu sprechen, und führte mich sogar in ein Zimmer seiner Amtswohnung, wo er uns liebenswürdig allein ließ. Das Zimmer war nicht anders, als die Zimmer der Amtswohnung eines Beamten von diesem Rang gewöhnlich sind – aber auch das ist, denke ich, überflüssig hier zu beschreiben. So konnten wir denn, der Fürst und ich, ungestört unter vier Augen sprechen. Er erschien in einem halbmilitärischen Hausrock, in reinster Wäsche und eleganter Halsbinde, gepflegt und frisiert, war aber furchtbar abgemagert und ganz gelb im Gesicht. Sogar das Weiße seiner Augen war, wie ich bemerkte, gelblich. Kurz, er sah so verändert aus, daß ich stehen blieb und ihn ganz betroffen ansah.

„Wie haben Sie sich verändert!“ rief ich unwillkürlich aus.

„Das macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund,“ sagte er, wies mit einer fast gezierten Handbewegung auf einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber. „Kommen wir zur Hauptsache: Sehen Sie, mein lieber Alexei Makarowitsch ...“

„Arkadi,“ verbesserte ich ihn.

„Was? Ach, schon gut, einerlei ...“ sagte er. „Ach so!“ – jetzt erst wurde er sich seines Irrtums bewußt – „Entschuldigen Sie, mein Lieber, kommen wir zur Hauptsache ...“

Er hatte es furchtbar eilig, auf irgendeine Hauptsache zu sprechen zu kommen. Der ganze Mensch war nur von einem Gedanken erfüllt, den er auszudrücken und mir zu erklären suchte. Er sprach viel und schnell, eindringlich, mit Gefühl und lebhaften Bewegungen, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht verstehen.

„Mit einem Wort“ (er hatte schon zehnmal vorher den Ausdruck, „mit einem Wort“ gebraucht) – „mit einem Wort,“ schloß er seine Rede, „wenn ich Sie, Arkadi Makarowitsch, gestern durch Lisa dringend zu mir zu kommen gebeten habe, so war das vielleicht gar zu beunruhigend, aber da es sich wirklich um einen außerordentlichen und endgültigen Entschluß handelt, so müssen wir ...“

„Erlauben Sie, Fürst,“ unterbrach ich ihn, „Sie haben mich gestern rufen lassen? Lisa hat mir nichts davon gesagt.“

„Was?“ schrie er auf und sah mich ganz starr an vor Verwunderung und Schreck.

„Sie hat mir nichts davon gesagt. Gestern abend kam sie so niedergeschlagen nach Haus, daß sie fast überhaupt kein Wort gesprochen hat, auch mit mir nicht.“

Der Fürst sprang vom Stuhl auf.

„Ist das wirklich wahr, Arkadi Makarowitsch? In dem Falle ...“

„Was ist denn dabei so Außergewöhnliches, daß Sie sich darüber so aufregen? Sie wird es einfach vergessen haben oder ...“

Er setzte sich wieder hin, aber er verblieb wie in einer Erstarrung. Es war, als wäre er von der Nachricht, daß Lisa mir nichts gesagt hatte, einfach niedergeschmettert. Plötzlich begann er wieder zu sprechen und mit den Händen zu fuchteln, aber es war mir wieder sehr schwer, auch nur etwas davon zu verstehen, was er eigentlich sagen wollte.

„Passen Sie auf!“ sagte er plötzlich, verstummte und hob den Finger in die Höhe. „Passen Sie auf, das ... das ... das sind, wenn ich mich nicht irre ... Kniffe! ...“ flüsterte er mit dem Lächeln eines Blödsinnigen. „Und das bedeutet, daß ...“

„Gar nichts bedeutet das!“ unterbrach ich ihn. „Ich begreife nicht, wie ein so nichtssagender Umstand Sie überhaupt aufregen kann ... Ach, Fürst, seit der Zeit, seit jener Nacht, erinnern Sie sich noch ...“

„Seit welcher Nacht?“ rief er gereizt und sichtlich geärgert darüber, daß ich ihn unterbrochen hatte.

„Bei Serschtschikoff, wo wir uns zum letztenmal sahen, damals, wissen Sie noch, vor Ihrem Brief an mich. Auch damals waren Sie in einer furchtbaren Aufregung, aber damals und jetzt – der Unterschied ist so groß, daß ich Angst um Sie bekomme ... oder sollten Sie vergessen haben?“

„Ach, ja,“ sagte er in gesellschaftlich nachlässigem Tone, als erinnere er sich zufällig, „ach, ja! An dem Abend ... Ich hörte davon ... Aber wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit, und wie fühlen Sie sich jetzt, nach alledem, Arkadi Makarowitsch? ... Doch kommen wir zur Hauptsache! Sehen Sie, ich verfolge eigentlich drei Ziele, drei Aufgaben sehe ich vor mir, und ich ...“

Er kam wieder auf seine „Hauptsache“ zu sprechen. Ich begriff endlich, daß ich einen Menschen vor mir hatte, dem man zum mindesten ein in Essig getauchtes Handtuch um den Kopf legen mußte, falls man ihn nicht zur Ader lassen konnte. Sein ganzes zusammenhangsloses Gerede drehte sich natürlich um den Prozeß und den voraussichtlichen Ausgang desselben; er sprach auch davon, daß sein Regimentskommandeur ihn besucht und ihm dringend von irgend etwas abgeraten hätte, er aber hätte nicht auf ihn gehört – dies bezog sich auf ein Schreiben, das von ihm soeben eingereicht worden war, und das irgend etwas mit dem Staatsanwalt zu tun hatte; ferner sprach er davon, daß man ihm alle Rechte nehmen und wohl irgendwohin, nach den nördlichsten Provinzen Rußlands verbannen werde; er sprach von der Möglichkeit, Kolonist zu werden oder in Taschkent sich wieder heraufzudienen, und davon, was für Lehren er seinem Sohne (dem erwarteten Sohne von Lisa) auf den Lebensweg mitgeben wolle – „dort in der Einöde bei Archangelsk oder Cholmogory“. „Ich wollte Ihre Meinung hören, Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, ich lege so viel Wert auf das Gefühl ... Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Arkadi Makarowitsch, mein Lieber, mein Bruder, was Lisa für mich bedeutet, was sie für mich hier bedeutet hat, jetzt in dieser Zeit!“ rief er auf einmal und faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.

„Ssergei Petrowitsch, wollen Sie sie denn wirklich zugrunde richten und sie mitnehmen? ... Nach Cholmogory!“ entfuhr es mir plötzlich unvorsichtigerweise.

Das Schicksal Lisas, die nun ewig an diesen Maniaken gebunden war, kam mir da plötzlich klar zu Bewußtsein – zum erstenmal. Er sah mich an, erhob sich von neuem, tat ein paar Schritte, kehrte aber um und setzte sich wieder, ohne die Hände, die er an seinen Kopf preßte, sinken zu lassen.

„Mir träumt immer von Spinnen!“ sagte er plötzlich.

„Sie sind schrecklich aufgeregt, Fürst; ich rate Ihnen, sich ins Bett zu legen und den Doktor holen zu lassen.“

„Nein, erlauben Sie, das kommt später. Ich habe Sie hauptsächlich deshalb zu mir gebeten, um Ihnen alles über die Trauung mitzuteilen. Die Trauung, wissen Sie, wird hier in der Kirche stattfinden, ich habe alles schon besprochen. Die Erlaubnis ist auch schon erteilt, und man redet mir sogar zu ... Was Lisa betrifft, so ...“

„Fürst, haben Sie doch Erbarmen mit Lisa,“ rief ich – „quälen Sie sie doch nicht so mit Ihrer unsinnigen Eifersucht, wenigstens nicht jetzt!“

„Was!“ schrie er auf und sah mich mit hervorquellenden Augen unbeweglich an, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich zu einem breiten, sinnlos fragenden Lächeln. Ersichtlich hatte das Wort „Eifersucht“ einen schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht.

„Verzeihen Sie, Fürst, das ist mir nur so entschlüpft. Oh, Fürst, ich habe in der letzten Zeit einen alten Mann kennen gelernt, meinen namentlichen Vater ... Oh, wenn Sie mit ihm sprechen könnten, Sie würden bestimmt ruhiger werden ... Auch Lisa schätzt ihn sehr ...“

„Ach ja, Lisa ... ach so, das ist ihr Vater? Oder ... pardon, mon cher,[76] so etwas Ähnliches ... Ich weiß ... sie sagte mir ... ein alter Mann ... Ich bin überzeugt davon, überzeugt. Ich habe auch einmal solch einen Alten gekannt ... Mais, passons.[77] Die Hauptsache ist, daß man, um das ganze innere Wesen der gegenwärtigen Lage sich klarzumachen, daß man, wie gesagt ...“

Ich erhob mich, um fortzugehen, denn es schmerzte mich zu sehr, ihn so zu sehen.

„Ich verstehe nicht!“ sagte er streng und mit anmaßender Miene, als er sah, daß ich schon aufbrechen wollte.

„Mir tut es weh, Sie so zu sehen,“ sagte ich.

„Arkadi Makarowitsch, ein Wort, nur noch ein Wort!“ Er ergriff mich plötzlich an den Schultern, aber mit einem ganz anderen Ausdruck im Gesicht und in den Gebärden, und drückte mich wieder auf den Stuhl. „Haben Sie schon gehört von diesen, Sie verstehen schon?“ ... Er beugte sich über mich.

„Ach, ja, Dergatschoff! Das ist sicherlich eine Machenschaft von Stebelkoff!“ rief ich unüberlegt.

„Ja, Stebelkoff, und ... wissen Sie noch nichts?“

Er brach plötzlich ab, und wieder sah er mich mit diesen hervortretenden Augen an und mit diesem krampfhaften, sinnlos fragenden Lächeln, das langsam immer breiter wurde. Sein Gesicht erblaßte mehr und mehr. Und plötzlich durchzuckte mich etwas: mir fiel Werssiloffs Blick ein, mit dem er mir gestern die Verhaftung Wassins mitgeteilt hatte.

„Oh, ist es denn möglich?“ rief ich erschrocken aus.

„Sehen Sie, Arkadi Makarowitsch, weshalb ich Sie gerufen habe: um Ihnen zu erklären ... ich wollte ...“ flüsterte er hastig.

„Sie haben Wassin angezeigt?“ schrie ich.

„Nein, sehen Sie, es war da ein Manuskript. Wassin hatte es Lisa am letzten Tage gegeben ... damit sie es aufbewahre. Sie ließ es mir hier, da ich es durchlesen wollte, und am nächsten Tage verzankten sie sich ...“

Sie sind es, der das Manuskript der Polizei ausgeliefert hat!“

„Arkadi Makarowitsch, Arkadi Makarowitsch ...“

„Und da haben Sie,“ schrie ich stockend, indem ich aufsprang, „und da haben Sie, ohne einen Grund, ohne einen Zweck, den unglücklichen Wassin angezeigt, nur weil er Ihr – Nebenbuhler ist! Nur aus Eifersucht haben Sie das Manuskript, das Lisa anvertraut war, ausgeliefert! ... An wen? An den Staatsanwalt?“

Er kam nicht dazu, mir zu antworten, und er hätte mir auch schwerlich etwas erwidern können – er stand vor mir wie ein Götzenbild, immer noch mit demselben krankhaften Lächeln und demselben starren Blick – plötzlich öffnete sich die Tür und Lisa trat herein. Sie fiel fast in Ohnmacht, als sie uns beide zusammen sah.

„Du hier. Du bist hier?“ rief sie mit verzerrtem Gesicht und ergriff mich am Arm. „So ... weißt du’s schon?“

Sie ersah aus meinem Gesicht, daß ich es bereits „wußte“. Ich umfing sie schnell und hielt sie krampfhaft umschlungen! Und erst in diesem Augenblick überwältigte mich die ganze Erkenntnis, was für ein unentrinnbarer, hoffnungsloser Kummer für immer über dem Schicksal dieser ... freiwilligen Märtyrerin lag.

„Kann man denn jetzt überhaupt mit ihm reden?“ rief sie und entwand sich mir plötzlich. „Wie kann man ihn denn jetzt beunruhigen? Warum bist du hier? Sieh ihn doch nur an, sieh ihn doch an! Und wie darf man, wie darf man ihn denn verurteilen?“

Unendlicher Schmerz und unendliches Mitleid sprachen aus ihrem Gesicht, als sie das ausrief und auf ihn wies. Er saß im Lehnstuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. Und sie hatte recht: es war ein Mensch im Fieberdelirium, den man für nichts verantwortlich machen konnte. Noch an demselben Tage wurde er ins Lazarett gebracht, und am Abend ließ sich bereits eine schwere Gehirnentzündung feststellen.

IV.

Vom Fürsten, den ich mit Lisa zurückließ, fuhr ich gegen ein Uhr mittags in meine frühere Wohnung. Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß der Tag feucht und trübe war, mit beginnendem Tauwetter und warmem Wind, der selbst einem Elefanten auf die Nerven gegangen wäre. Mein Wirt empfing mich mit unendlicher Freude, sehr viel Worten und lebhaften Gebärden, was ich gerade in solchen Augenblicken nicht ausstehen kann. Ich begrüßte ihn trocken und begab mich geradeswegs in mein Zimmer, aber er folgte mir dorthin, und wenn er mich auch nicht mit Fragen zu belästigen wagte, so sah ich doch, wie seine Augen vor Neugier glänzten, und dabei machte er ein Gesicht, als hätte er das größte Recht, neugierig zu sein. Ich mußte mich schon im eigenen Interesse höflich zu ihm verhalten: obgleich ich unbedingt von ihm etwas erfahren wollte (und ich wußte, daß ich es erfahren würde), war es mir doch ekelhaft, sogleich mit dem Ausfragen zu beginnen. Ich erkundigte mich nach der Gesundheit seiner Frau, und wir gingen zu ihr hinüber. Sie empfing mich, wenn auch höflich, so doch sehr wortkarg und anscheinend gelangweilt; das versöhnte mich einigermaßen; dennoch erfuhr ich an diesem Tage die wunderlichsten Neuigkeiten.

Natürlich war Lambert dagewesen; und nachher war er noch zweimal gekommen, um sich „alle Zimmer anzusehen“ – unter dem Vorwande, eines mieten zu wollen. Auch Darja Onissimowna war ein paarmal erschienen, Gott weiß warum; „sie hat sich für alles sehr interessiert,“ fügte mein Wirt hinzu. Aber ich tat ihm nicht den Gefallen, zu fragen, wofür sie sich denn interessiert hatte. Überhaupt fragte ich ihn nichts: er erzählte von selbst, und ich tat, als krame ich in meinem Koffer (in dem sich fast nichts mehr befand). Aber ärgerlich war, daß auch er bald den Geheimnisvollen zu spielen begann: als er bemerkte, daß ich ihn nicht ausfragen wollte, fühlte er sich wohl verpflichtet, auch seinerseits wortkarg zu sein.

„Das Fräulein war auch da,“ bemerkte er so nebenbei und sah mich sonderbar an.

„Was für ein Fräulein?“

„Anna Andrejewna; zweimal war sie hier; mit meiner Frau hat sie Bekanntschaft geschlossen. Eine sehr angenehme, eine reizende Dame. Eine solche Bekanntschaft kann man nicht hoch genug einschätzen, Arkadi Makarowitsch ...“

Er kam mir noch um zwei Schritte näher, als er das sagte: er wollte gar zu gern, daß ich ihn verstünde.

„Wirklich zweimal?“ fragte ich erstaunt.

„Das zweitemal ist sie mit ihrem Bruder gekommen.“

Wohl mit Lambert! dachte ich unwillkürlich.

„Nein, nicht mit Herrn Lambert,“ sagte er, der sofort meinen Gedanken erraten hatte, als wäre er mit seinen Augen in meine Seele eingedrungen. „Sie kam mit ihrem richtigen Bruder, mit dem jungen Herrn Werssiloff. Kammerjunker ist er, glaub’ ich.“

Ich war bestürzt; er beobachtete mich mit einem sehr schlauen Lächeln.

„Ach, und dann war da noch jemand und fragte nach Ihnen – das Fräulein, die Französin, Fräulein Alphonsine de Verdaigne. Wie schön sie singen kann, und auch Verse deklamiert sie wunderbar! Sie ist heimlich zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch nach Zarskoje hinausgefahren, um ihm einen seltenen kleinen Hund zu verkaufen, einen schwarzen, das ganze Tierchen nicht größer als meine Faust ...“

Ich bat ihn, mich allein zu lassen, und entschuldigte mich damit, daß ich Kopfschmerzen hätte. Er kam meinem Wunsch sofort nach, beendete nicht einmal seinen Satz und war nicht im geringsten beleidigt, ja, fast mit Befriedigung winkte er geheimnisvoll mit der Hand, als wollte er sagen: „Verstehe, verstehe schon,“ und wenn er das auch nicht aussprach, so machte er sich doch das Vergnügen, mein Zimmer auf den Fußspitzen zu verlassen. Es gibt schon Leute auf der Welt, über die man sich ärgern kann.

So saß ich allein wohl anderthalb Stunden lang und dachte nach, und doch dachte ich eigentlich gar nichts, sondern war nur in Gedanken. Ich war erregt, dabei aber nicht im geringsten verwundert. Ich hatte sogar viel mehr und noch viel größere Wunder erwartet. „Vielleicht haben sie inzwischen auch schon welche zustande gebracht,“ dachte ich bei mir. Ich war ja längst, schon zu Hause, fest davon überzeugt gewesen, daß ihre Maschine bereits aufgezogen und in vollem Gange war. „Nur ich fehle ihnen noch,“ dachte ich wieder bei mir und empfand eine aufregende und angenehme Selbstzufriedenheit. Daß sie mich mit größter Spannung erwarteten und in meiner Wohnung etwas ausrichten wollten – war so klar wie der Tag. „Ob nicht gar die Trauung des alten Fürsten? Um ihn herum ist ja ein ganzes Kesseltreiben. Nur fragt es sich, ob ich das zulassen werde, meine Herren?“ schloß ich wieder mit überlegenem Selbstbewußtsein.

„Aber wenn ich mich überhaupt darauf einlasse, so werde ich doch sofort wieder wie ein Strohhalm in den Strudel hineingerissen werden. Bin ich wenigstens jetzt noch frei, oder bin ich schon nicht mehr frei? Kann ich heute, wenn ich nach Hause zurückkehre, meiner Mutter noch sagen, wie ich alle diese Tage gesagt habe: ‚Ich gehöre nur mir selbst an?‘“

Das war das Grundmotiv meiner Fragen, oder besser gesagt, meines Herzklopfens, während ich die anderthalb Stunden auf dem Bette saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Und ich wußte doch, ich wußte schon damals, daß alle diese Fragen vollkommen belanglos waren, und daß nur sie es war, die mich zu ihnen hinzog – nur sie, nur sie allein. Da habe ich es nun endlich ausgesprochen und schwarz auf weiß zu Papier gebracht; denn auch jetzt, da ich es hinschreibe, ein Jahr nachher, weiß ich nicht, welchen Namen ich meinem Gefühl von damals geben soll!

Oh, selbstverständlich tat Lisa mir leid, und in meinem Herzen brannte ein ungeheuchelter Schmerz um sie! Und ich glaube, nur dieses Schmerzgefühl vermochte wenigstens zeitweise die Fleischlüsternheit (ich bleibe bei dieser Bezeichnung) in mir zu beruhigen oder zurückzudrängen. Aber eine grenzenlose Neugier, ein Grauen riß mich fort und dann noch ein gewisses Gefühl – ich weiß nicht, was für eins; aber ich weiß jetzt, und das wußte ich schon damals, daß es kein gutes Gefühl war. Vielleicht hatte ich das Verlangen, mich ihr zu Füßen zu werfen, vielleicht aber wollte ich sie allen Qualen ausliefern, um ihr irgend etwas „schneller, schneller“ zu beweisen. Davon konnte mich kein Schmerz um Lisa und kein Mitleid um meine Schwester zurückhalten. Nun, und wie hätte ich da noch aufstehen und heimgehen können zu ... Makar Iwanowitsch?

„Aber wäre es denn nicht möglich, zu ihnen zu gehen, nur um alles von ihnen zu erfahren, und sie dann – auf immer zu verlassen, ohne mich von irgendwelchen Wundern oder Ungeheuern anfechten zu lassen?“

Es war drei Uhr, als ich mich endlich aufraffte und mir sagte, daß ich mich beinahe schon verspätet hatte; ich eilte hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Anna Andrejewna.