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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 130: III.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Fünftes Kapitel.

I.

Als man mich Anna Andrejewna meldete, warf sie sofort ihre Näharbeit hin und kam mir eilig ins erste Zimmer entgegen, – was früher nie geschehen war. Sie reichte mir beide Hände und errötete. Schweigend führte sie mich in ihr Zimmer, setzte sich wieder an ihre Handarbeit und wies auf einen Stuhl ihr gegenüber. Aber die Arbeit nahm sie nicht wieder auf, sondern sah mich mit glühender, lebhafter Teilnahme an, ohne ein Wort zu sagen.

„Sie haben Darja Onissimowna zur mir geschickt,“ begann ich ohne Umschweife, ein wenig bedrückt durch ihre so auffallend gezeigte Teilnahme, obgleich diese mir doch auch schmeichelte.

Da begann sie plötzlich zu sprechen, ohne auf meine Frage einzugehen.

„Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese schreckliche Nacht ... Oh, wie müssen Sie gelitten haben! Ist es denn wahr, wirklich wahr, daß man Sie besinnungslos, halb erfroren, gefunden hat?“

„Das hat Ihnen ... Lambert ...“ murmelte ich und errötete.

„Ich habe gleich damals alles durch ihn erfahren; und ich habe auf Sie gewartet. Oh, ganz erschrocken kam er zu mir, um mir alles zu erzählen. In Ihrer Wohnung ... dort, wo Sie krank lagen, hat man ihn nicht zu Ihnen gelassen ... und hat ihn überhaupt sehr sonderbar empfangen ... Ich weiß zwar nicht genau, wie sich alles zugetragen hat, aber er hat mir viel von dieser Nacht erzählt: er erzählte mir auch, daß Sie, als Sie kaum zu sich gekommen waren, sogleich von mir gesprochen haben und ... und von Ihrer Ergebenheit für mich. Ich war zu Tränen gerührt, Arkadi Makarowitsch, ich weiß nicht einmal, wodurch ich diese Ihre glühende Anteilnahme verdient habe, und noch in der Lage, in der Sie sich selbst damals befanden! Sagen Sie, dieser Herr Lambert ist Ihr Jugendfreund?“

„Ja, aber bei diesem Wiedersehen ... ich muß gestehen, war ich etwas unvorsichtig und habe ihm vielleicht etwas zuviel vertraut.“

„Oh, von dieser schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren! Ich habe schon längst vorausgesehen, daß diese Menschen Sie so weit bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring gewagt hat, seine Hand gegen Sie zu erheben?“

Sie tat so, als wäre ich damals nur durch Bjoring und „sie“ in jene Verfassung an der Mauer gekommen. Und sie hat recht, dachte ich, aber ich brauste doch auf:

„Wenn er gegen mich die Hand erhoben hätte, so wäre er ungezüchtigt nicht davongekommen, und ich würde jetzt nicht ungerächt so vor Ihnen sitzen,“ erwiderte ich heftig. Ich fühlte, daß sie mich zu irgend etwas reizen, gegen irgend jemand hetzen wollte (es war mir übrigens klar, gegen wen); und doch fiel ich darauf herein.

„Wenn Sie sagen, Sie hätten es vorausgesehen, daß man mich so weit bringen werde, so war das von seiten Katerina Nikolajewnas selbstverständlich nur ein Zweifeln an mir ... allerdings ist es wahr, daß ihr Vertrauen sich etwas zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt hat ...“

„Ja, gar zu schnell, das ist es ja eben!“ griff Anna Andrejewna mit überschwänglichem Mitgefühl meine Behauptung auf. „Oh, wenn Sie wüßten, was sie jetzt dort für Intrigen spinnen! Freilich, Arkadi Makarowitsch, Ihnen dürfte es schwer fallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu begreifen,“ sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. „Inzwischen habe ich – nach jenem Vormittag, als wir uns zum letztenmal sahen – habe ich einen Schritt getan, den nicht ein Jeder so verstehen kann, wie ihn ein Mensch von Ihrem reinen Verstande und mit Ihrem liebevollen, unverdorbenen und frischen Herzen zu verstehen vermag. Seien Sie überzeugt, mein Freund, daß ich Ihre Ergebenheit mir gegenüber zu schätzen weiß und sie Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen werde. Die Gesellschaft wird natürlich den Stein gegen mich erheben, sie hat es ja schon getan. Und selbst wenn sie recht hätte, von ihrem niedrigen Standpunkte aus, wer kann, wer darf selbst in diesem Fall mich verurteilen? Ich bin seit meiner Kindheit von meinem Vater verlassen; wir Werssiloffs sind ein altes vornehmes Geschlecht, und doch sind wir Kinder Heimatlose, und ich esse fremdes Gnadenbrot. Ist es da nicht natürlich, daß ich mich an den gewandt habe, der mir seit meiner Kindheit den Vater ersetzt hat, und dessen Güte ich soviel verdanke? Meine Gefühle für ihn kennt nur Gott, er mag sie richten, doch den Urteilsspruch der Welt über mich erkenne ich nicht an! Und wenn nun noch die hinterlistigsten Intrigen gesponnen werden, und die eigene Tochter ihren vertrauensvollen und großmütigen Vater ins Unglück stürzen will, ja, darf man dann noch zögern? Nein, und wenn es mich auch meinen Ruf kostet, ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein, doch niemals werde ich zulassen, daß die kalte und niedrige Berechnung der Welt triumphiert!“

Sie sprach in großer Erregung, und obschon diese Erregung zur Hälfte vielleicht gemacht war, so war sie insofern doch ehrlich, als man aus allem ersah, wie weit sie schon in diese ganze Sache hineingezogen war. Oh, ich fühlte es, daß sie log, wenn sie auch ehrlich log (denn man kann auch ehrlich lügen), und daß sie in diesem Augenblick schlecht handelte; aber es ist sonderbar, wie das einem so mit den Frauen ergeht: diese scheinbare Anständigkeit, diese feinen Formen, diese unerreichbare gesellschaftliche Vornehmheit und stolze Keuschheit – alles das brachte mich aus der Fassung, und ich begann, ihr in allem recht zu geben, das heißt, solange ich bei ihr war; wenigstens konnte ich mich nicht entschließen, ihr zu widersprechen. Oh, ein Mann befindet sich entschieden in moralischer Abhängigkeit von der Frau, besonders wenn er großmütig ist! So eine Frau kann einen großmütigen Mann alles glauben machen. „Sie und Lambert – du lieber Gott!“ dachte ich und sah sie ungläubig an. Übrigens, um alles zu sagen: ich bin auch heutigentags nicht imstande, mir über sie ein Urteil zu bilden: ihre wahren Gefühle konnte wirklich nur Gott allein kennen, und außerdem ist der Mensch eine so komplizierte Maschine, daß man in manchen Fällen wirklich nichts von ihm verstehen kann: und nun gar, wenn dieser Mensch – eine Frau ist!

„Anna Andrejewna, was erwarten Sie nun eigentlich von mir?“ fragte ich sie aber doch ziemlich entschlossen.

„Wieso? Was wollen Sie damit gesagt haben, Arkadi Makarowitsch?“

„Mir scheint nach allem ... und noch einigen anderen Erwägungen ...“ erklärte ich befangen, „daß Sie nach mir geschickt haben, weil Sie etwas von mir erwarteten; um was handelt es sich?“

Sie fing sofort wieder zu sprechen an, ohne jedoch auf meine Frage zu antworten, und sprach wieder so schnell und lebhaft wie zuvor.

„Ich kann nicht, ich bin zu stolz, um auf Auseinandersetzungen und Abmachungen mit unbekannten Personen, wie dieser Herr Lambert, einzugehen. Ich habe auf Sie gewartet, nicht auf Herrn Lambert. Meine Lage ist einfach furchtbar, Arkadi Makarowitsch! Ich muß Winkelzüge machen, weil ich von Spionen dieser Frau umgeben bin, – und das ist unerträglich. Ich habe mich fast bis zu Intrigen erniedrigen müssen und habe auf Sie gewartet wie auf meinen Retter. Man kann es mir nicht verdenken, daß ich mich unter diesen Umständen nach einem Freunde umschaue, und wie sollte ich mich nicht glücklich schätzen, daß ich so einen Freund habe: wer in einer Nacht, da er selbst halb erfroren aufgefunden wird, noch meinen Namen nennt, der muß mir doch ergeben sein! Das habe ich mir die ganze Zeit immer wieder gesagt, und deshalb habe ich auch meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt.“

Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und siehe da, mir fehlte wieder der Mut, ihr den Glauben zu nehmen und ihr geradeaus zu erklären, daß Lambert sie betrogen, und daß ich ihm durchaus nicht gesagt hatte, ich sei ihr so sehr ergeben, geschweige denn, daß ich „nur ihren Namen“ auf den Lippen gehabt hätte. Mit meinem Schweigen aber unterstützte ich gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin fest davon überzeugt, daß sie dabei nur zu gut wußte, daß Lambert alles übertrieben und sie einfach belogen hatte, einzig und allein, um einen Vorwand zu haben, bei ihr zu erscheinen und die Beziehung zu ihr aufrechtzuerhalten; und wenn sie mir nun so in die Augen sah, als wäre sie wirklich von dem Gesagten und von meiner Ergebenheit überzeugt, so wußte sie eben, daß ich es nicht wagen würde, ihrer Annahme zu widersprechen, einerseits aus Zartgefühl und andererseits infolge meiner jugendlichen Schüchternheit. Übrigens, ob ich mit dieser Vermutung recht habe oder nicht – das weiß ich nicht. Vielleicht bin ich nur schrecklich verdorben.

„Mein Bruder wird für mich eintreten,“ sagte sie plötzlich erregt, als sie sah, daß ich keine Antwort geben wollte.

„Man sagte mir, Sie seien mit ihm in meiner Wohnung gewesen,“ stammelte ich verwirrt.

„Aber der unglückliche Fürst Nikolai Iwanowitsch kann sich ja nirgendwohin mehr retten, vor dieser ganzen Intrige, oder richtiger, vor seiner eigenen Tochter, als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung seines Freundes; denn er hat doch wohl das Recht, Sie wenigstens für seinen Freund zu halten! ... Und dann, wenn Sie etwas für ihn tun wollen, so tun Sie es, wofern in Ihnen soviel Großmut und – Kühnheit ist ... und wenn Sie für ihn wirklich etwas tun können. Oh, nicht um meinetwillen, nicht für mich, sondern für ihn, für den unglücklichen alten Mann, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie von ganzem Herzen wie seinen eigenen Sohn liebt, und der sich auch heute noch nach Ihnen sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, auch nicht von Ihnen – hat doch selbst mein eigener Vater mir einen so hinterlistigen, so boshaften Streich gespielt!“

„Ich glaube, Andrei Petrowitsch ...“ begann ich.

„Andrei Petrowitsch,“ unterbrach sie mich mit bitterem Hohnlächeln, „Andrei Petrowitsch hat mir damals auf meine offene Frage ehrenwörtlich versichert, daß er niemals die geringste Absicht auf Katerina Nikolajewna gehabt habe, was ich ihm auch glaubte, als ich meinen Schritt tat; indessen dauerte dieser Verzicht nur so lange, bis er die erste Nachricht von einem gewissen Herrn Bjoring erfuhr.“

„Das ist nicht so zu verstehen,“ rief ich, „es hat einen Augenblick gegeben, wo auch ich an seine Liebe zu dieser Frau glaubte – aber das ist es nicht ... Ja, und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, so kann er doch jetzt ganz beruhigt sein ... da dieser Herr ja schon verabschiedet worden ist.“

„Welcher Herr?“

„Bjoring.“

„Wer hat Ihnen denn das gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch niemals so viel Einfluß gehabt, wie eben jetzt,“ lachte sie boshaft; mir schien sogar, daß sie mich dabei spöttisch und scharf beobachtete.

„Mir sagte es Darja Onissimowna,“ stammelte ich in einer Verwirrung, die zu verbergen ich nicht imstande war, und die sie nur zu gut bemerkte.

„Darja Onissimowna ist ja eine sehr nette Person, und natürlich kann ich ihr nicht verbieten, mich zu lieben, aber sie hat gar keine Mittel, etwas zu erfahren, was sie nicht zu wissen braucht.“

Mein Herz krampfte sich zusammen; und wenn sie beabsichtigt hatte, meinen Unwillen zu entflammen, so war ihr das allerdings gelungen, da es in mir heiß zu sieden begann, nur war es nicht Unwille über jene Frau, sondern Unwille über sie, Anna Andrejewna, selbst. Ich erhob mich.

„Als anständiger Mensch muß ich Sie im voraus darauf aufmerksam machen, daß Ihre Erwartungen ... in bezug auf mich ... sich als sehr hinfällig erweisen können ...“

„Ich erwarte von Ihnen, daß Sie für mich eintreten,“ sagte sie und sah mich fest an, „für mich, die ich von allen verlassen bin ... für Ihre Schwester, wenn Sie es wollen, Arkadi Makarowitsch.“

Einen Augenblick noch, und sie hätte zu weinen angefangen.

„Nun, dann erwarten Sie lieber nichts von mir, weil ich Sie vielleicht enttäuschen könnte,“ stammelte ich in unsäglicher Pein.

„Wie soll ich Ihre Worte verstehen?“ fragte sie mich ganz zaghaft.

„Einfach, daß ich von ihnen allen fortgehe und – damit basta!“ rief ich plötzlich voller Wut – „und das Dokument – zerreiße ich. Leben Sie wohl.“

Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, dabei wagte ich kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe hinuntergegangen, als Darja Onissimowna mich einholte und mir ein zweimal zusammengefaltetes Blatt Briefpapier überreichte. Woher diese Darja Onissimowna plötzlich kam, und wo sie sich während meiner Unterredung mit Anna Andrejewna befunden hatte, – weiß ich nicht. Sie sagte mir kein Wort, übergab mir nur das Papier und lief wieder zurück. Ich entfaltete das Blatt: auf ihm stand nichts weiter als Lamberts Adresse, die offenbar schon vor einiger Zeit geschrieben war. Ich erinnerte mich plötzlich, daß ich damals, als Darja Onissimowna bei mir gewesen war, ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber natürlich in dem Sinne, daß ich die Wohnung auch gar nicht wissen wollte. Inzwischen aber hatte ich die Adresse Lamberts schon durch Lisa erhalten, die ich gebeten hatte, sich im Adreßbüro zu erkundigen. Dieser Schachzug Anna Andrejewnas erschien mir denn doch schon zu rücksichtslos, ja, sogar zynisch: ungeachtet meiner Weigerung, ihr zu helfen, schickte sie mich nun einfach zu Lambert. Mir wurde nur zu klar, daß sie den Inhalt des Dokumentes kannte – und durch wen hätte sie den erfahren können, wenn nicht durch Lambert, zu dem sie mich jetzt sandte, damit es zwischen uns zu einer Vereinbarung käme!

„Sie halten mich ja alle, ohne Ausnahme, für einen dummen Jungen, der weder eigenen Willen noch Charakter hat, und mit dem man machen kann, was man nur will!“ dachte ich empört.

II.

Doch ungeachtet meiner ganzen Empörung über Anna Andrejewna begab ich mich sogleich zu Lambert. Wohin hätte ich auch mit meiner Neugier gehen sollen? Lambert wohnte, wie sich zeigte, sehr weit: in der „Schiefen Querstraße“, in der Nähe des Sommergartens, immer noch in jenem möblierten Zimmer; aber damals, als ich ihm davongelaufen und nach Haus gefahren war, hatte ich so wenig auf den Weg geachtet, daß ich, als ich vor vier Tagen seine Adresse durch Lisa erhalten hatte, sehr erstaunt gewesen war und es kaum hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Als ich die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich vor der Tür zwei junge Leute; ich dachte, sie hätten bereits geklingelt und warteten nun darauf, daß ihnen geöffnet werde. Während ich hinaufstieg, standen sie beide mit dem Rücken gegen die Tür und musterten mich aufmerksam. „Hier sind ja mehrere möblierte Zimmer, sie werden wohl einen anderen Mieter besuchen wollen,“ dachte ich stirnrunzelnd; denn es wäre mir sehr unangenehm gewesen, bei Lambert noch irgend jemand anzutreffen. Ich bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte die Hand nach der Klingel aus.

Attendez![78] rief mir der eine zu.

„Ach bitte, warten Sie noch etwas mit dem Klingeln,“ sagte mit heller und freundlich bittender Stimme der andere junge Mann – er hatte die in unserer höheren Gesellschaft übliche schleppende Sprechweise. „Wir werden gleich fertig sein, und dann klingeln wir zusammen, ist es Ihnen recht?“

Ich zog meine Hand zurück. Beide waren sie junge Leute von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren; sie beschäftigten sich dort an der Tür mit etwas sehr Sonderbarem und ich schaute ihnen mit Verwunderung zu. Derjenige, der „attendez“ gerufen hatte, war ein auffallend langer Bursche, mager und offenbar blutarm, aber sehr muskulös, mit einem für seine Größe viel zu kleinen Kopf, dessen leicht pockennarbiges, gar nicht so dummes, ja sogar sympathisches Gesicht einen eigentümlichen, komisch-finsteren Ausdruck hatte. In seinem Blick lag, ich möchte sagen, etwas übertrieben Scharfsinniges und eine unnötige Entschlossenheit. Er war sehr schlecht angezogen: sein alter wattierter Mantel mit dem schäbigen kleinen Waschbärkragen war viel zu kurz für einen so langen Menschen und offenbar nicht für ihn gemacht; dazu hatte er schlechte, fast bäurische Stiefel und auf dem Kopf einen schrecklich struppigen, schon bräunlich gewordenen Zylinder. Man sah ihm sofort den liederlichen Menschen an: seine unbehandschuhten Hände waren unsauber, die langen Nägel hatten Trauerränder. Sein Kamerad dagegen war tadellos gekleidet, soweit man nach seinem leichten Marderpelz, dem eleganten Hut und den neuen hellen Handschuhen urteilen konnte, in denen seine schlanken Hände staken; dem Wuchs nach war er ungefähr von meiner Größe und sein frisches jugendliches Gesicht hatte einen äußerst sympathischen Ausdruck.

Der lange Bursche riß sich seine Krawatte vom Halse – ein vollkommen verschlissenes und schmieriges Band, das fast schon zur Schnur zusammengerollt war; und der hübsche Junge zog aus seiner Tasche eine neue, wohl soeben gekaufte schwarze Krawatte, die er dem Langen umzubinden versuchte, der gehorsam und mit furchtbar ernstem Gesicht seinen langen Hals ihm entgegenreckte, während er seinen Mantel von den Schultern zurückgeschlagen hielt.

„Nein, das geht doch nicht, wenn das Hemd so schmutzig ist,“ sagte der andere, „so wird der Eindruck um garnichts besser, es sieht sogar noch schmutziger aus. Ich hab’ dir doch gesagt, du sollst dir einen reinen Kragen umlegen. Wie soll ich das jetzt binden ... Können Sie es vielleicht?“ wandte er sich plötzlich an mich.

„Was?“ fragte ich.

„Ihm diese Krawatte umbinden? Sehen Sie, man muß sie irgendwie so umbinden, daß das Hemd nicht zu sehen ist, denn sonst geht der ganze Effekt zum Teufel, aber wie soll man das machen? Deshalb habe ich ihm doch die Krawatte soeben gekauft, für einen Rubel.“

„Das hast du – für denselben?“ fragte der Lange.

„Ja, für denselben; ich habe jetzt keine Kopeke mehr. Sie können es also auch nicht? Dann werden wir Alphonsinka bitten müssen.“

„Zu Lambert?“ fragte mich plötzlich scharf der Lange.

„Allerdings,“ antwortete ich ebenso scharf und sah ihm in die Augen.

„Dolgorowky?“ fragte er in demselben Ton und mit derselben Stimme.

„Nein, nicht Koroffkin,“ antwortete ich ebenso energisch; ich hatte ihn nicht richtig verstanden.

„Dolgorowky?!“ wiederholte der Lange fast schreiend und trat drohend auf mich zu. Sein Kamerad begann zu lachen.

„Er sagt Dolgorowky und nicht Koroffkin,“ erklärte er mir. „Wissen Sie, die Franzosen verdrehen im ‚Journal des Débats‘ so oft die russischen Namen ...“

„In der ‚Indépendance‘,“ knurrte der Lange.

„Na, egal, dann war’s in der ‚Indépendance‘. Den Namen des Fürsten Dolgoruki schreiben sie zum Beispiel ‚Dolgorowky‘ – ich habe es selbst gelesen, und W–ff schreiben sie immer ‚le comte Vallonieff‘.“[79]

„Doboyny!“ rief der Lange.

„Ja, richtig, auch den Namen ‚Doboyny‘ haben sie mal angeführt; ich habe ihn selbst gelesen, und wir haben noch beide darüber gelacht: irgendeine russische madame Doboyny, die im Auslande wohnt ... aber wozu sie jetzt alle nennen,“ wandte er sich plötzlich an den Langen.

„Entschuldigen Sie, heißen Sie Dolgoruki?“

„Ja, – ich heiße Dolgoruki, aber woher wissen Sie denn das?“

Der Lange flüsterte dem hübschen Jungen schnell etwas ins Ohr. Der runzelte die Stirn und machte eine verneinende Handbewegung, doch der Lange ließ sich nicht abhalten und wandte sich wieder an mich.

Monsieur le prince, vous n’avez pas de rouble d’argent pour nous, pas deux, mais un seul, voulez-vous?[80]

„Pfui, wie frech du bist,“ rief der Junge.

Nous vous rendons,“[81] bemerkte der Lange, der die französischen Worte plump und ungeschickt aussprach.

„Wissen Sie, er ist ein Zyniker,“ erklärte mir der Junge lachend. „Sie denken vielleicht, er kann kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser, aber jetzt parodiert er nur die Russen, die in der Gesellschaft so furchtbar gern laut untereinander Französisch sprechen und es dabei gar nicht können ...“

Dans les wagons,“[82] erläuterte der Lange.

„Ja, auch in den Waggons; ach, wie langweilig du bist! Das ist doch ganz gleich. Auch ein Vergnügen, den Dummkopf zu spielen!“

Ich nahm währenddessen den Rubel heraus und reichte ihn dem Langen.

Nous vous rendons,“ sagte er und steckte den Rubel ein; dann wandte er sich ruhig zur Tür, und begann, während sein Gesicht dabei vollkommen unbeweglich und ernst blieb, mit der Spitze seines großen, plumpen Stiefels gegen die Tür zu hämmern, – das alles, wie gesagt, ohne die geringste Erregung ...

„Ach, du wirst es wieder zu einem Skandal bringen, mit Lambert!“ rief der Junge beunruhigt. „Klingeln Sie dann schon lieber.“

Ich klingelte, aber der Lange hämmerte unbekümmert weiter mit seinem Fuß an die Tür.

„Ah, sacré[83] ...“ hörte man auf einmal die wütende Stimme Lamberts hinter der Tür, und er öffnete schnell.

Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami![84] schrie er den Langen an.

Mon ami, voilà Dolgorowky, l’autre mon ami,“[85] sprach ernst und feierlich der Lange und sah dem vor Zorn puterroten Lambert starr in die Augen. Als dieser mich erblickte, veränderte sich sein Gesicht im Handumdrehen.

„Ach du bist es, Arkadi! Endlich doch! So bist du jetzt gesund, endlich wieder gesund?“

Er ergriff meine beiden Hände und schüttelte sie kräftig; kurz, er war so aufrichtig erfreut, daß ich mich für den Augenblick sehr angenehm berührt fühlte und ihn beinahe lieb gewann.

„Mein erster Weg führt mich zu dir!“

„Alphonsine!“ rief Lambert. Sie sprang im Augenblick hinter dem Schirm hervor.

Le voilà!

C’est lui![86] rief Alphonsinka und schlug die Hände zusammen und breitete sie wieder aus und wollte sich schon auf mich stürzen, um mich zu umarmen, aber Lambert schützte mich davor.

Nonono! tout beau![87] rief er ihr drohend zu, wie einem Hündchen. „Du, Arkadi, sieh mal, ich habe mich heute verabredet, mit ein paar Bekannten im tatarischen Restaurant zu Mittag zu speisen. Ich lasse dich jetzt nicht los, du mußt mit mir hinfahren. Wir speisen zusammen; die anderen werde ich mir schon vom Halse schaffen – und dann sprechen wir uns aus. Komm nur herein, komm! Wir werden gleich aufbrechen, nur einen Augenblick mußt du warten.“

Ich trat ein, sah mich im Zimmer um, und versuchte, mir das Erlebte von damals zu vergegenwärtigen. Lambert kleidete sich schnell hinter dem Wandschirm um. Der Lange und sein Kamerad waren uns gefolgt, trotz der Worte, mit denen Lambert sie empfangen hatte. Wir blieben alle stehen.

Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?[88] äffte der Lange.

„Mademoiselle Alphonsine,“ begann auch der Jüngere und näherte sich ihr, indem er ihr die Krawatte hinhielt, aber sie fuhr wütend auf die beiden los.

Ah, le petit vilain!“ schrie sie den Jüngeren an, „ne m’approchez pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la porte tous les deux, savez-vous cela!“[89]

Doch der Jüngere ließ sich nicht abschrecken, obgleich sie sich mit solcher Verachtung und solchem Ekel von ihm abwandte, als hätte sie wirklich gefürchtet, sich an ihm zu beschmutzen (was ich gar nicht verstehen konnte, denn er sah so nett aus und war – was ich sah, als er den Pelz ablegte – so gut angezogen!) und bat sie trotzdem unentwegt, seinem langen Kameraden die Krawatte zu binden und ihm vorher einen reinen Kragen von Lambert umzulegen. Sie aber geriet über dieses Ansinnen dermaßen in Wut, daß sie ihn womöglich geschlagen haben würde, wenn Lambert, der hinter dem Wandschirm die Bitte gehört hatte, ihr nicht zugerufen hätte, sie möge sie nicht aufhalten und tun, was sie verlangten. „Sonst gehen sie überhaupt nicht mehr weg,“ fügte er hinzu. Da nahm Alphonsinka sofort einen Kragen und band dem Langen die Krawatte um, und tat es sogar ohne jede Spur von Widerstreben. Der Lange aber reckte genau wie vorhin auf der Treppe seinen Hals aus, während sie ihm die Krawatte band.

Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?[90] fragte er.

Qu’est-ce que ça, ma bologne?[91]

Der Jüngere erklärte, daß sein Freund mit „bologne“ ihr Bologneserhündchen meine.

Tiens, quel est ce baragouin?[92]

Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales,“[93] spottete le grand dadais[94] wieder in steifem Französisch, während er immer noch mit vorgestrecktem Halse stand.

Qu’est-ce que ça, qu’une dame russe ‚sur les eaux minérales‘? Et ... mais où est donc votre jolie montre que Lambert vous a donnée?[95] wandte sie sich plötzlich an den Jüngeren.

„Was, ist er schon wieder ohne Uhr?“ rief Lambert geärgert hinter dem Schirm.

„Aufgefressen!“ knurrte le grand dadais.

„Ich hab’ sie für acht Rubel verkauft: sie war ja nur silbervergoldet – und Sie gaben sie aus als rein goldene Uhr. Solche kosten jetzt neu auch nicht mehr als sechzehn Rubel,“ rechtfertigte sich der Jüngere, tat es jedoch ersichtlich mit großer Unlust.

„Damit muß endlich einmal ein Ende gemacht werden!“ fuhr Lambert geärgert fort. „Ich kaufe Ihnen, mein junger Freund, nicht zu dem Zweck Kleider und schöne Sachen, damit Sie sie Ihrem langen Freunde in den Rachen werfen. Was für eine Krawatte haben Sie ihm da schon wieder gekauft?“

„Die kostet nur einen Rubel, und der war nicht von Ihrem Geld. Er hatte überhaupt keine Krawatte mehr! Einen Hut muß man ihm auch noch kaufen!“

„Unsinn!“ schrie Lambert, jetzt schon wirklich wütend.

„Ich habe ihm genug gegeben, auch für einen Hut, er aber hat sofort Austern und Champagner bestellt. Dabei stinkt er und ist ein Schmutzfink; man kann sich ja nirgendwo mit ihm sehen lassen. Wie soll ich ihn jetzt ins Restaurant mitnehmen?“

„Mit ’ner Droschke,“ knurrte der dadais. „Nous avons un rouble d’argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami.[96]

„Gib ihnen nichts, Arkadi!“ schrie Lambert wieder.

„Erlauben Sie, Lambert; ich verlange von Ihnen sofort zehn Rubel,“ forderte plötzlich der Jüngere so wütend, daß er ganz rot im Gesicht wurde, was ihn noch hübscher machte. „Und wagen Sie es nicht noch einmal, solche Dummheiten zu sagen, wie jetzt zu Dolgoruki. Ich verlange von Ihnen zehn Rubel, um Dolgoruki den einen Rubel sogleich zurückgeben zu können, von dem übrigen Gelde aber kaufe ich sofort einen Hut für Andrejeff – das werden Sie sehen.“

Lambert kam hinter dem Schirm hervor.

„Hier sind drei gelbe Lappen, drei Rubel, mehr gibt es nicht bis Dienstag, und wagt es nicht, mir früher zu kommen ... sonst ...“

Le grand dadais riß ihm das Geld nur so aus der Hand.

„Dolgorowky, hier ist der Rubel, nous vous rendons avec beaucoup de grâce.[97] Petjä, fahren wir!“ rief er seinem Kameraden zu, und dann auf einmal, schwang er die beiden Scheine durch die Luft, sah Lambert frech ins Gesicht, und schrie aus allen Kräften: „Ohé, Lambert! Où est Lambert, as-tu vu Lambert?[98]

„Nehmt euch in acht, nehmt euch in acht!“ brüllte Lambert in furchtbarer Wut.

Ich sah, daß hier etwas vorging, was auf Früheres Bezug hatte, wovon ich nichts wußte, und ich hörte nicht ohne Verwunderung zu. Aber der Lange ließ sich durch den Zorn Lamberts nicht im geringsten einschüchtern, im Gegenteil, er schrie sogar noch lauter: Ohé, Lambert! usw. Mit diesem Geschrei zogen sie ab. Lambert wollte ihnen nachstürzen, besann sich aber und kehrte wieder um.

„Denen werde ich auch bald einen Genickstoß geben! Die kosten mehr als sie einbringen ... Gehen wir, Arkadi! Ich hab’ mich schon verspätet. Dort erwartet mich noch so einer ... den ich brauche ... Auch so ein Vieh ... und das sind sie alle! Halunken sind sie, Halunken!“ schrie er wieder und knirschte vor Wut; doch plötzlich besann er sich und nahm sich zusammen. „Ich freue mich, daß du endlich gekommen bist. Alphonsine, wohlgemerkt: keinen Schritt aus dem Hause! Gehen wir.“

Vor der Haustür erwartete ihn eine elegante Mietsdroschke. Wir stiegen ein; doch selbst unterwegs konnte er seine Wut auf die jungen Leute nicht meistern und sich beruhigen. Ich wunderte mich, daß er sie so ernst nahm, und daß sie Lambert so respektlos behandelten, während er beinahe Angst vor ihnen hatte. Nach den alten, in mir fest eingewurzelten Eindrücken aus meiner Kindheit glaubte ich noch immer, daß alle Lambert fürchten müßten; und ich glaube, selbst in dem Augenblick muß ich, trotz meiner ganzen Unabhängigkeit, Lambert doch noch gefürchtet haben.

„Ich sage dir, das ist ein furchtbares Lumpenpack,“ fuhr Lambert fort. „Wirst du’s mir glauben, dieser Lange, dieser ekelhafte Kerl, hat mich noch vor drei Tagen in einer Gesellschaft bloßgestellt. Er stellt sich vor mir auf und schreit: ‚Ohé, Lambert!‘ usw. Und das in guter Gesellschaft! Alle lachen und merken natürlich, daß er es tut, damit ich ihm Geld gebe – kannst du dir meine Lage vorstellen! Und ich habe es ihm geben müssen. Oh, dieses Lumpenpack! Wirst du’s mir glauben, er war Junker in einem Regiment, wurde dann ausgeschlossen, und kannst du dir vorstellen, er ist ein gebildeter Mensch: er hat seine Erziehung in einem guten Hause erhalten! Er hat Ideen, er könnte ... Eh, zum Teufel! Und er ist stark wie Herkules. Er ist mir ja nützlich, doch nicht sehr ... Und hast du gesehen, er wäscht sich nicht einmal die Hände! Ich empfahl ihn einer Dame, einer alten vornehmen Dame; ich sagte ihr, er bereue seinen Lebenswandel und wolle sich vor Gewissensbissen umbringen, er aber kommt zu ihr, setzt sich hin und pfeift. Und der andere, der Nette – ist der Sohn eines Generals; die Familie schämt sich seiner, ich hab’ ihn gerettet, hab’ ihn dem Gericht entrissen, und so lohnt er es mir! Hier gibt es keine Menschen! Aber ich werde sie mir schon vom Halse schaffen und zum Teufel jagen!“

„Sie wissen meinen Namen; hast du mit ihnen von mir gesprochen?“

„Ich war mal so dumm. Weißt du, wenn man so bei Tisch zusammensitzt, da geht einem manches über die Lippen ... Es kommt noch eine furchtbare Kanaille hin. Der ist schon wirklich eine Kanaille und dabei schlau. Hier gibt es nur Spitzbuben, hier gibt es keine anständigen Menschen! Na, wenn ich mit ihnen fertig bin – dann ... Was ißt du gern? Aber das ist ja egal, man speist dort immer ausgezeichnet. Beunruhige dich nicht, ich werde alles bezahlen. Schön, daß du so gut angezogen bist. Ich kann dir Geld geben. Komm nur immer zu mir. Stell dir vor, ich habe ihnen hier zu essen und zu trinken gegeben, jeden Tag Fischpasteten und Delikatessen; die Uhr, die er verkauft hat, ist schon die zweite. Dieser Knabe, Trischatoff heißt er, – du hast ja selbst gesehen: sogar Alphonsinka ekelt sich, ihn anzurühren, und läßt ihn nicht an sich herankommen – und plötzlich bestellt er im Restaurant, in Gegenwart von Offizieren, – Schnepfen! ‚Ich will Schnepfen,‘ sagt er. Ich habe ihm die Schnepfen damals auch bestellt, aber ich werde mich schon dafür rächen!“

„Erinnerst du dich noch, wie wir in Moskau zusammen ins Restaurant fuhren und du mich dort mit der Gabel stachst, und wie du damals fünfhundert Rubel hattest?“

„Ja, ich weiß noch! Eh, Teufel, ich weiß! Aber ich habe dich gern ... Das kannst du mir glauben. Dich liebt ja sonst kein Mensch, ich aber hab’ dich gern; nur ich allein, vergiß das nicht ... Der da, der dorthin kommt, der Pockennarbige – das ist die allerschlauste Kanaille, die mir je begegnet ist; antworte ihm nichts, wenn er mit dir spricht, und wenn er dich zu fragen anfängt, so antworte ihm irgendeinen Unsinn, oder schweige ganz ...“

Jedenfalls kam er unterwegs infolge seiner Aufregung gar nicht dazu, mich auszufragen. Ich aber empfand es fast als Beleidigung, daß er meiner so sicher war und nicht einmal auf die Vermutung kam, ich könnte ihm mißtrauen; wie mir schien, befand er sich noch in dem dummen Glauben, er könne mich genau so kommandieren wie in früheren Jahren. „Und dabei ist er noch so furchtbar ungebildet,“ dachte ich bei mir, als wir ins Restaurant traten.

III.

In diesem Restaurant an der Großen Morskajastraße hatte ich schon früher verkehrt, in der Zeit meiner Gesunkenheit; darum durchbohrte es mich förmlich, als ich diese Räume, diese Kellner, die mich musterten und in mir einen früheren Gast erkannten, wiedersah. Und nicht viel anders wirkte auf mich der Anblick dieser rätselhaften Freunde Lamberts, in deren Gesellschaft ich mich plötzlich befand, und zu denen ich schon untrennbar zu gehören schien; und dazu kam nun noch das dunkle Vorgefühl, daß ich freiwillig in eine Gemeinheit rannte, die zweifellos mit einer schlechten Tat enden würde – wie gesagt, dieses Gefühl, dieser Eindruck saß in mir und bohrte in mir. Es gab einen Augenblick, da ich fort, nur fortlaufen wollte; doch der Augenblick verging und ich blieb.

Der Pockennarbige, den Lambert aus unbekannten Gründen so fürchtete, wartete schon auf uns. Das war ein Mann mit dummgeschäftigem Gesichtsausdruck, ein Typus, den ich schon seit meiner Kindheit geradezu verabscheute; er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, war von mittlerem Wuchs, hatte leicht ergrautes Haar und ein widerlich glattrasiertes Gesicht mit kleinen abgeschnittenen Bartkoteletten, die wie zwei Würstchen das auffallend flache und böse Gesicht einfaßten. Natürlich war er langweilig, ernst, wortkarg und, wie es diese Leutchen gewöhnlich sind, aus irgendeinem Grunde auch noch hochmütig. Er musterte mich sehr aufmerksam, sagte aber kein Wort. Lambert war so töricht, uns nicht miteinander bekannt zu machen, obgleich wir uns an denselben Tisch setzten: folglich konnte mich jener für einen der Erpresser aus Lamberts Gefolge halten. Mit den beiden jungen Leuten (die fast gleichzeitig mit uns eingetroffen waren) sprach der Pockennarbige während der ganzen Mahlzeit auch kein Wort, aber es war offensichtlich, daß er sie sehr gut kannte. Er sprach ausschließlich mit Lambert, aber das Gespräch wurde nur im Flüsterton geführt, und eigentlich sprach nur Lambert; der Pockennarbige begnügte sich mit abgerissenen, wütenden Worten, die wie Ultimata klangen. Er verhielt sich äußerst hochmütig, böse und spöttisch, während Lambert sich in großer Erregung befand und sichtlich in der Absicht auf ihn einsprach, ihn zu irgendeinem Unternehmen zu überreden. Einmal streckte ich die Hand nach einer Rotweinflasche aus, doch da griff der Pockennarbige, der bis dahin kein Wort zu mir gesprochen hatte, schnell nach der Sherryflasche und reichte sie mir. „Versuchen Sie den,“ sagte er dabei.

Ich erriet sofort, daß er über mich schon unterrichtet war und wohl nicht nur meinen Namen, sondern auch meine ganze Lebensgeschichte kannte, und ganz genau wußte, worauf Lambert bei mir rechnete. Der Gedanke, daß er mich für einen von Lamberts Helfershelfern halten könnte, empörte mich mächtig. Lamberts Gesicht aber drückte höchste und dümmste Beunruhigung aus, sobald der andere nur ein Wort zu mir sagte. Dem Pockennarbigen konnte das natürlich nicht entgehen, und er begann zu lachen.

„Lambert hängt entschieden von ihnen allen ab,“ dachte ich und haßte ihn in diesem Augenblick aus ganzer Seele. So waren wir denn während der ganzen Mahlzeit, wenn wir auch an einem Tisch zusammensaßen, doch in zwei Gruppen geteilt: am Fenster der Pockennarbige und Lambert einander gegenüber, und am anderen Ende ich neben dem schmierigen Andrejeff, und wiederum uns gegenüber der hübsche Trischatoff. Lambert hatte es sehr eilig mit dem Essen und trieb den Kellner alle Augenblicke zu schnellerem Servieren an. Als man den Champagner brachte, hob er mir plötzlich sein Glas entgegen:

„Auf dein Wohl, stoßen wir an!“ unterbrach er sein Gespräch mit dem Pockennarbigen.

„Erlauben Sie auch mir, mit Ihnen anzustoßen?“ fragte mich der hübsche Trischatoff und hielt mir sein Glas entgegen.

Bis zum Champagner war er sehr nachdenklich und schweigsam gewesen. Der dadais hatte überhaupt nichts gesprochen, nur geschwiegen und viel gegessen.

„Mit Vergnügen,“ erwiderte ich Trischatoff.

Wir stießen an und leerten unsere Gläser.

„Ich werde nicht auf Ihr Wohl trinken,“ wandte sich plötzlich auch der dadais an mich, „nicht weil ich Ihnen etwa den Tod wünsche, sondern weil ich nicht will, daß Sie hier zu viel trinken“. Er sagte das düster und nachdrücklich. „Sie haben von drei Gläsern genug. Ich sehe, Sie betrachten meine ungewaschene Faust?“ fuhr er fort und legte die Hand vor sich auf den Tisch. „Ich wasche sie nicht, und so ungewaschen vermiete ich sie an Lambert, zum Einschlagen fremder Schädel, in Fällen, die für Lambert bedenklich sind.“

Und plötzlich schlug er mit der Faust aus aller Kraft auf den Tisch, daß sämtliche Teller und Gläser klirrten. Außer unserem Tisch waren in diesem Zimmer noch vier Tische besetzt, – von Offizieren und Herren von tadelloser Haltung. Das Restaurant war gerade in Mode; alle unterbrachen für den Augenblick ihr Gespräch und sahen in unsere Ecke; ja, ich glaube, wir hatten schon längst ein gewisses Aufsehen erregt. Lambert errötete über und über.

„Ha, fängt er schon wieder an! Ich habe Sie doch gebeten, Nikolai Ssemjonowitsch, sich anständig aufzuführen,“ raunte er in wütendem Geflüster Andrejeff zu. Der wandte ihm langsam den Blick zu und sah ihn lässig an.

„Ich wünsche nicht, daß mein neuer Freund Dolgorowky heute hier zuviel Wein trinkt,“ sagte er.

Lambert wurde vor Wut noch röter. Der Pockennarbige hörte schweigend, aber mit sichtlichem Vergnügen zu. Andrejeffs Ausfall schien ihm aus irgendeinem Grunde zu gefallen. Nur ich allein begriff nicht, warum ich nicht mehr trinken sollte.

„Das tut er nur, damit ich ihm noch Geld gebe. Sie bekommen noch sieben Rubel, verstanden, nach dem Essen – nur lassen Sie uns erst die Mahlzeit beenden; blamieren Sie uns nicht,“ sagte Lambert halblaut, wenn auch knirschend vor Wut, zu ihm.

„Aha!“ brummte der dadais siegesbewußt.

Das entzückte den Pockennarbigen nun ganz und gar, und er fing boshaft zu kichern an.

„Höre, du bist schon zu ...“ wandte sich Trischatoff beunruhigt und fast schmerzlich berührt an seinen Freund, offenbar um ihn zurückzuhalten.

Andrejeff verstummte, aber nicht für lange, denn das entsprach nicht seiner Absicht. Nicht weit von uns, vielleicht fünf Schritt von unserem Tisch, speisten zwei Herren, die sich lebhaft unterhielten. Beide waren in mittleren Jahren, und man sah ihnen sofort eine gewisse übertriebene Empfindlichkeit an. Der eine war groß und sehr dick, der andere gleichfalls sehr dick, aber klein. Sie unterhielten sich auf polnisch über die neuesten Pariser Ereignisse. Der dadais hatte sie schon lange aufmerksam betrachtet und zu ihnen hinübergehorcht. Der kleinere Pole erschien ihm offenbar als komische Figur, und er haßte ihn sofort, wie das bei Leuten, die an der Galle oder Leber leiden, sehr häufig ohne jeglichen Grund geschieht. Plötzlich sprach der kleine Pole den Namen des Deputierten Madiér de Montjeáu aus, aber nach der Gewohnheit sehr vieler Polen sprach er ihn polnisch aus, das heißt, er betonte statt der letzten, die vorletzte Silbe: also nicht Madiér de Montjeáu, sondern Mádier de Móntjeau. Das genügte dem dadais. Er wandte sich auf seinem Platz zu den Polen um, reckte sich stolz und sagte plötzlich laut und deutlich, als richte er eine Frage an sie:

„Madiér de Montjeáu?“

Die Polen drehten sich wütend nach ihm um.

„Was wünschen Sie?“ schrie der große Pole ihn laut auf russisch an.

Der dadais wartete einen Augenblick.

„Madiér de Montjeáu,“ wiederholte er plötzlich noch einmal laut, daß es über den ganzen Saal hin zu hören war, doch ohne weiter irgendeine Erklärung abzugeben, genau so dumm, wie er vor der Tür bei Lambert drohend auf mich zugetreten war und mehrmals den Namen „Dolgorowky“ ausgesprochen hatte.

Die Polen sprangen auf, Lambert schnellte hinter dem Tisch in die Höhe und wollte, wie es schien, sich auf Andrejeff stürzen, besann sich aber und eilte zu den Polen, um sie untertänigst um Entschuldigung zu bitten.

„Das sind ja Narren, Pane, das sind ja Narren!“ rief der kleine Pole mit Verachtung, vor Zorn dabei rot wie eine Mohrrübe. „Man kann ja bald nicht mehr herkommen!“ Auch sonst entstand Unruhe im Saal, man hörte murren, hauptsächlich freilich lachen.

„Kommen Sie ... bitte ... gehen wir!“ murmelte Lambert ganz verwirrt, und hatte ersichtlich nur den einen Wunsch, Andrejeff aus dem Lokal zu entfernen. Dieser blickte Lambert prüfend an, und erst als er erriet, daß der ihm nun Geld geben würde, willigte er ein, ihm zu folgen. Wahrscheinlich war es nicht das erstemal, daß er auf diese schamlose Manier von Lambert Geld erpreßte. Trischatoff wollte ihnen eilig folgen, sah dann aber mich an und blieb.

„Ach, wie ekelhaft!“ sagte er und bedeckte die Augen mit seinen feinen Fingerchen.

„Tja, ekelhaft ist schon das Wort dafür,“ brummte diesmal ganz erbost der Pockennarbige.

Lambert kehrte ganz bleich zurück und begann sogleich mit lebhaften Gesten auf den Pockennarbigen flüsternd einzureden. Dieser befahl dem Kellner, schnell den Kaffee zu servieren, und hörte Lambert nur widerwillig zu; er hatte es offenbar eilig, fortzukommen. Und dabei war der ganze Zwischenfall doch nur ein dummer Jungenstreich gewesen. Trischatoff kam mit seiner Tasse Kaffee zu mir herüber und setzte sich neben mich.

„Ich habe ihn sehr gern,“ begann er mit einer solchen Offenherzigkeit, als hätte er mit mir schon oft darüber gesprochen. „Sie glauben nicht, wie unglücklich Andrejeff ist. Er hat die ganze Mitgift seiner Schwester durchgebracht und vertrunken, ja, alles was sie besaßen, hat er in dem einen Jahr, als er diente, durchgebracht, und ich sehe, wie ihn das jetzt quält. Daß er sich nicht wäscht – das geschieht nur aus Verzweiflung. Und wissen Sie, er hat furchtbar sonderbare Gedanken: plötzlich behauptet er, daß zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Menschen gar kein Unterschied sei, das sei alles eins und man solle deshalb nichts tun, überhaupt nichts, weder Gutes noch Böses, oder wenn man wolle, könne man ja auch Gutes oder Böses tun, am besten aber sei doch, gar nichts zu tun und einfach herumzuliegen, ohne auch nur einmal im Monat die Kleider zu wechseln, nur zu essen und zu trinken und hauptsächlich zu schlafen – und sonst nichts. Aber glauben Sie mir, das sagte er doch alles nur so. Und wissen Sie, ich glaube sogar, diesen ganzen Skandal vorhin, den hat er nur gemacht, um mit Lambert endgültig zu brechen. Er hat schon gestern davon gesprochen. Werden Sie’s glauben: manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, da fängt er zu weinen an, und wissen Sie, er weint so sonderbar, wie sonst kein Mensch weint; er schluchzt, schluchzt so schrecklich, und das, wissen Sie, tut noch weher ... Und dabei ist er doch so groß und so stark, und plötzlich – schluchzt er wie ein Kind. Was für ein armer Kerl, nicht wahr? Ich möchte ihn so gern retten, aber ich bin ja selbst – ein so schlechter, verlorener Bengel, wie Sie’s gar nicht glauben! Würden Sie mich empfangen, Dolgoruki, wenn ich einmal zu Ihnen käme?“

„Oh, kommen Sie nur, ich habe Sie sogar sehr gern.“

„Weshalb denn? Nun, ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein Glas. Übrigens, was fällt mir ein! Nein, trinken Sie lieber nicht. Er hatte ganz recht, als er Ihnen sagte, daß Sie nicht mehr trinken dürfen,“ unterbrach er sich plötzlich und zwinkerte mir bedeutsam zu. „Ich aber werde noch ein Glas trinken. Bei mir kommt’s nicht darauf an, ich kann mich ja doch nicht beherrschen, glauben Sie mir. Sie brauchen mir bloß zu sagen, ich soll nicht mehr in Restaurants dinieren, und ich bin sofort zu allem bereit, nur um wieder dinieren zu können. Oh, ich versichere Sie, es ist unser innigster Wunsch, anständige Menschen zu werden, aber wir schieben’s nur immer auf, und darüber ‚... vergehen die Jahre, die besten Jahre!‘ Er aber, ich fürchte sehr – er erhängt sich noch mal. Er geht und tut’s, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen. So ist er. Heutzutage hängen sich ja alle auf. Wer weiß, vielleicht gibt’s viele solcher, wie wir sind. Ich, zum Beispiel, kann ohne überflüssiges Geld einfach nicht leben. Mir ist das überflüssige Geld viel wichtiger als das notwendige. – Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich liebe sie furchtbar. Wenn ich zu Ihnen komme, werde ich Ihnen was vorspielen. Ich spiele sehr gut Klavier. Habe sehr lange Musik studiert. Ernsthaft studiert. Wenn ich mal eine Oper komponierte, so, wissen Sie, würde ich den Stoff aus dem ‚Faust‘ nehmen. Dieses Thema liebe ich sehr. Ich komponiere mir immer die Szene im Dom, das heißt, ich komponiere sie nur so im Kopf. Das Innere eines gotischen Domes, Chöre, Hymnen; Gretchen tritt ein, und dazu, wissen Sie, – mittelalterliche Chöre, aus denen man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen in Verzweiflung, zuerst ein Rezitativ, leise, aber qualvoll, die Chöre dröhnen düster, streng, teilnahmlos: